Schlagwort: deutsche Kolonisation

von Georg Cleinow.

Die Sorge, unsern Bevölkerungsüberschuss, der bisher zum grossen Teil im Ausland im fremden Volkstum aufging, dem Deutschtum zu erhalten, beschäftigt heute in steigendem Masse die nationaldenkenden Kreise unsres Volkes. Nun bieten zwar unsre eigenen Kolonien manchem strebsamen Auswanderer, dem es in der Heimat zu eng geworden ist, eine neue Heimat. Aber nach Lage der Verhältnisse kommt der deutsche Kolonialbesitz nur für die in Betracht, die einige Mittel und viel Anpassungsfähigkeit besitzen. Auch die geschlossenen deutschen Kolonien im Ausland sind nur beschränkt aufnahmefähig, anderseits stellen sich der Entstehung neuer Siedlungen mancherleii Schwierigkeiten in den Weg. Für Auswanderungslustige bäuerlicher Herkunft, die nur ganz geringe Mittel besitzen, liegt überdies ein Grund, über’s Meer zu gehen, nicht vor. Für sie bieten vorläufig noch die deutschen Ostmarken die Möglichkeit, sich eine aussichtsvolle Existenz zu schaffen. Die Verhältnisse dieser Kolonien auf heimischem Boden sollen daher zunächst geschildert werden, in weiteren Aufsätzen werden wir dann auf die Kolonisation in den überseeischen Kolonien eingehen.

Kolonie und Heimat

Die mittelalterlichen Stadtgrundrisse Böhmens mit besonderer Berücksichtigung der Hauptstadt Prag.

Der Bau der Städte in den Ländern des cechoslowakischen Staates ist nur ein kleiner Teil der Kulturgroßtat, -welche das deutsche Volk durch die Kolonisierung des slawischen Ostens im 13. und 14. Jahrhundert vollbracht hat.

In Böhmen, wo die Objektivität der Geschichtsforschung häufig durch nationale Vorurteile getrübt wurde, erfuhr die Bedeutung der deutschen Kolonisation für die Besiedelung des Landes, insbesondere für die Geschichte des Städtewesens, recht verschiedene Beurteilung. Doch mußte selbst Palacky, der Nestor der modernen cechischen Geschichtschreibung, anerkennen, daß die Städte Böhmens und Mährens „deutscher Art und Herkunft seien, ein Erzeugnis nicht der eigenen, sondern einer fremden Entwicklung“.

Alle national-chauvinistischen Versuche, diese unleugbare Tatsache zu entstellen, müssen verstummen vor der unvergänglichen Runenschrift, welche die ersten Kulturbringer mit Pflugschar und Grabscheit in den Boden der neuen Heimat gekerbt haben. Die Stürme von sieben Jahrhunderten durchtobten das Land, Sitte und Sprache der Bewohner wechselten, aber als stumme Zeugen einer alten Kultur sind fast unverändert die Flurgrenzen der Dörfer und die Häuserzeilen der Städte erhalten geblieben, die überall im Lande den deutschen Einfluß klar und einwandfrei bekunden. In diesem Sinne birgt das Staatsmappenarchiv eine unschätzbare Fülle von Denkmälern deutscher Kultur.

Wohl sind die Werke der Baukunst, welche die Städte Böhmens, vor allem die hunderttürmige Metropole, zieren, weit über die Landesgrenzen bekannt und gewürdigt worden. Die Kunstgeschichte stellt nicht mit Unrecht die Schöpfungen deutscher und welscher Meister, denen Prag seine vielgerühmte Schönheit verdankt, an die Seite der besten Denkmäler der Baukultur anderer Länder. Planung und Aufbau der einzelnen Gebäudekategorien wurden seitens berufener Fachleute wiederholt zum Gegenstand eingehender Untersuchungen gemacht, und während bei der systematischen Durchforschung des Landes nach historischen Baudenkmälern namentlich die Gotteshäuser mit aller Sorgfalt verzeichnet, gemessen und studiert wurden, ist, wie nicht anders zu •erwarten, die jüngste baukünstlerische Disziplin, der Städtebau und seine Geschichte, fast ganz vernachlässigt worden. Denn erst das zwanzigste Jahrhundert brachte uns die Erkenntnis, daß auch die Stadtgrundrisse zu den „Kunst- und historischen Denkmälern“ gezählt werden müssen; „festgewordene Geschichte“ nennt sie treffend J. Fritz1).

Im folgenden soll der Versuch gemacht werden, mit Hilfe der vergleichenden Stadtplanforschung die städtebaulichen Absichten, welche im Reiche der Przemysliden zu Zeiten des gotischen Baustiles Geltung hatten, zu erkennen und das Chaos der mittelalterlichen Stadtformen Böhmens zu sichten.

Städtebaugeschichtliche Forschungen stützen sich auf verwandte Disziplinen, deren Behelfe als Grundlagen der Arbeit dienen. Die historische Topographie vermittelt uns neben der Kenntnis der Terraingestalt vor allem die Entwicklung des Verkehrs und der Besiedelung und lehrt uns auf diese Weise in jedem einzelnen Falle jene örtlichen Verhältnisse verstehen, welche den Grundriß der Stadt beeinflußten.

Die Geschichte der Baukunst verdient insofern volle Berücksichtigung, als die einzelnen Bauten die äußeren Räume der Stadt begrenzen, ihre Fassaden bilden die Platz- und Gassenwände und haben in ihrer Gesamtheit als der Aufbau der Stadt neben dem Grundriß den wesentlichsten Einfluß auf das Stadtbild. Aber noch in einem anderen Sinne bestehen interessante Wechselbeziehungen zwischen dem Einzelbau und dem Städtebau: Raumkunst ist in letzter Linie beides; das Raumgefühl des deutschen Mittelalters offenbart sich in Gassen und Plätzen ebenso wie im Kreuzgang der Klöster und im Langhaus gotischer Kathedralen.

Endlich dürfen die Ergebnisse sozial- und rechtsgeschichtlicher Forschung nicht außer acht gelassen werden; sie sind es zum Teil, welche den logischen Zusammenhang zwischen Grundriß und Aufbau der Stadt vermitteln.

*) Deutsche Stadtanlagen, Programm des Straßburger Lyzeums, 1894.

Text aus dem Buch: Deutscher Städtebau in Böhmen, Verfasser: Anton Hoenig.

Deutscher Städtebau in Böhmen Stadtansichten