Schlagwort: deutsche Mystik

I. Abschnitt. Bild

MITTELALTERLICKE MÖNCHE und Prediger; strenge, eckige Gestalten in gegürteter Kutte, mit abgezehrten Asketenhänden, Händen von geißelnden Peinigern und gepeinigten Duldern; Händen, die mit knöchernen Fingern das Ungreifbare zu greifen suchen, die sich dem Unendlichen zudehnen, die ,,nach Gott tasten in seiner Tiefe“. Fleischlose, knochige Gesichter mit tiefliegenden, gerötet brennenden Augen, in denen des Leibes Zerrüttung und Verwüstung mit grauer Flamme leuchtet; Profile, wie in Holz geschnitten. —

Unirdisch, weitabgewandt, ins Ewige blickend und doch harte, erdstarke, wirkende Männer, sprach-gewaltige, hinreißende Redner, denen das Volk zuläuft, denen es sich unterwirft. Auf rauher Sandale schreiten sie einsame Wege, flüchtenden Gedanken und Gefühlen nach, in die eintauchend sie sich mit Gott geeint glauben, die sich aber immer wieder von ihnen lösen und dornige Pfade voranschweben. Mit Stachelgeißeln peitschen sie sich aus jeder noch so armseligen Behaglichkeit, treiben sie sich den Intuitionen nach, bis die tiefste unerschütterlichste Seelenruhe, wie die Blüte all ihrer Schmerzen und Leiden, ihnen gegeben wird und sie in völliger Gelöstheit vom Irdischen, in ,,aller Bilde Bildlosigkeit“ dem nahenden Gotte offen sind. —

Aus dem Wandern in den weiten Räumen des Ich, aus der Versunkenheit ins Innerste, Einsamste, die oft so tief wird, daß das Leben des Leibes zu erlöschen scheint, tauchen sie dann plötzlich beirrten, wie noch geblendeten Blicks auf, starren, zürnenden und liebenden Gottes voll, in das Leben, das sie sündig wähnen, und predigen, ringen nach Ausdruck für das Unsagbare, dessen blassender Abglanz sie noch erfüllt, für das flutende, auf sie einstürzende innere Licht, das sie nicht mehr begreifen. Dann sind ihre Worte klingend und stark, breitbeschwingt, voll des träum- und gedanken – genährten Lebens, von dem ihr Herz noch zittert. Und es ist, als kehrten diese Worte, wenn sie die staunende, niedergeworfene Menge überflogen haben, zu dem mystischen Prediger zurück und heim in sein Herz, indessen schweigende, erschütterte, an ihrem Leben irregewordene Menschen die gotterfüllte Kirche verlassen. —

Deutsche Mystiker

9. Gedichte.

So vorwiegend die neuere Mystik sich mit Fragen der Erkenntniss beschäftigte, so ruhte doch auch bei ihr die Speculation so ganz auf der Mystik des Gemüths, dass es zu verwundern wäre, wenn hier nicht gleichfalls der Gedanke hie und da einen dichterischen Ausdruck gewonnen hätte. Eckhart selbst hat seine Lehre in Rythmus und Reim zu fassen gesucht. Wir haben ein solches Beispiel in den Reimen vom „Ueberschall“. Das in dunkler Kürze zusammengedrängte erläutert er dann selbst in ausführender prosaischer Rede. „Eine andere Lehre von Meister Eckhart’s Gedicht“, so fand sich in einer der zu Grunde gegangenen Strassburger Handschriften eine Erläuterung über die 8 Seligkeiten überschrieben. Auch von Schülern Eckhart’s haben wir eine Anzahl von Gedichten. Im Gedichte dürfen wir erwarten, dass das zum Ausdruck gekommen sei, was als das Charakteristische einer Richtung hervorgetreten ist und vorherrschend die Gemüther beschäftigt hat. Und so tragen denn auch jene Gedichte die Merkmale an sich, welche wir im Eingänge als die unterscheidenden der neueren Mystik hervorgehoben haben, und die ihnen ein Gepräge verleihen, das sie von den dichterischen Erzeugnissen der älteren Schule bestimmt unterscheidet.

Da mag nun vor allen andern das Lied einer Dominikanernonne Erwähnung finden, das die beiden grossen Meister, welche die neue Richtung der Mystik begründeten, mit Namen preist und in ihnen eine ungewöhnliche Erscheinung begrüsst. Uns kommen Prediger, so verkündet die Nonne in der ersten Strophe ihres Lieds, des freuet sich mein Muth; sie sagen uns gute Wort, sie wollen uns erschliessen den himmlischen Hort. Drei Meister sind es, welche sie rühmt: „Der werthe Lesemeister“, den sie nicht nennt, der also wolil die Schule der Dominikaner in ihrer Stadt leitet, dann Dietrich und Eckhart. Von dem Ungenannten erwähnt sie die feurige Fürbitte seiner Minne. Der zweite ist der „hohe Meister“ Dietrich. „Er spricht lauterlich all in principio; des Adlers Flug will er uns machen kund, die Seele will er versenken in den Grund ohne Grund“. Der dritte ist der „weise Meister“ Eckhart. „Vom Nicht will er sagen — wer es nicht versteht, mag es Gotte klagen, in den hat nicht geleuchtet der himmlische Schein“. Sie selbst vermag es nicht zu deuten, aber mit dem Meister mahnet sie: „Ihr sollt euch gar vernichten in der Geschaffenheit, geht in das Ungeschaffne, verliert euch selber gar; allda hat sich ein Gaffen (verwundertes Schauen) all in das Wesen gar“. Eine jede der 4 Strophen endet mit dem Refrän:

Scheidet abe gar,

Nehmet Gottes in euch wahr.

Senket euch in Einigkeit,

So werdet ihrs gewahr.

Von der Einigkeit, dem Nicht des göttlichen Wesens und der Vereinigung mit demselben durch Ausgehen von sich und aller Creatürlichkeit handeln mehr oder weniger auch die andern Gedichte aus der eckhartischen Schule, welche bis jetzt bekannt sind. Die sechs dem Tauler zugeschriebenen Cantilenen sind sicher nicht von ihm, wie ihre Sprache zeigt; aber sie tragen mit Ausnahme des letzten das Gepräge der eckhartischen Richtung. Sie sind wohl schwerlich alle von dem gleichen Verfasser und haben verschiedenen Werth. Ihr Text ist uns nur schlecht überliefert. Von dem ,, Entwerden“, dem Ausgelien von sich selbst, handelt das erste Gedicht, aus dem ich einige Strophen hervorheben will:

Ich will von Blossheit singen neuen Sang;

Denn rechte Lauterkeit ist ohn Gedank.

Gedanken mögen da nicht sein,

Wo ich verloren hab das Mein’:

Ich bin entworden.

Mich irret nimmer mein Ungeleich:

Ich bin gleich gerne arm und reich,

Mit Bilden mag ich nicht umgehn,

Mein selber muss ich ledig stehn:

Ich bin entworden.

Wollt ihr wissen, wie ich von Bilden kam?

Da ich die Einigkeit in mir vernahm.

Da ist rechte Einigkeit,

Wenn mich entsetzt nicht Lieb noch Leid:

Ich bin entworden.

Wollt ihr wissen, wie ich von Geiste kam?

Da ich nicht dies noch das in mir vernahm,

Nur blosse Gottheit ungegründet;

Da mocht ich länger schweigen nicht, ich musste künden:

Ich bin entworden.

Seit ich also verloren bin in den Abgrunde,

Da mocht ich länger reden nicht, ich ward ein Stummer:

Also hat mich die Gottheit klar

In sich verschlungen–

Ich bin entsetzet.

Die in den tiefen Abgrund des Wesens genommen sind, so sagt das zweite Gedicht, die erkennen Unterschied, von Bildern und Formen bloss. Da Bich das bildlose Bild in sein selbst Bild grüsst? (grutz), da in dem Eingusse und Ausflusse sind die Dinge mit Unterschied und bleiben doch in Einigkeit ohne alle Ausgegangenheit. Eines in allem und alles in Einem erkennen, ist ein reicher Fund; die dies in der Wahrheit (erkennend) sind, denen ist rechte Freude kund. Die stille Wüste, da weder Wort noch Weise innen steht, so heisst der Abgrund des göttlichen Wesens in dem dritten Gedichte; hier wird dem Geiste, der sich da hat ergangen, die ungeschaffene Seligkeit kund. Schau in den Spiegel, so mahnt das vierte Lied, da gebiert sich wahre Minne und leuchtet die Dreifaltigkeit:

Die wonniglich Dreifaltigkeit Die leuchtet in der Inwendigkeit,

Und senkt sich ein zu Grunde.

Gott der ist so wunniglich,

So wer ihn liebt, ist freudenreich,

Findt ihn zu allen Stunden.

Der Grund da, der ist namenlos,

Und ist auch bloss von Bilden,

Da wird der Geist auch formelos All in der Gottheit wilde.

O der minnigliche Blick!

Da wird der Geist so eingerückt,

Dass er sein aelbst geht unter.

Gott der ist so wunniglich,

So wer ihn liebt, ist freudenreich,

Findt ihn zu allen Stunden.

Auch in den vier Gedichten einer Strassburger Handschrift1 wird die göttliche Natur gepriesen, die im Innersten der Seele sich knnd-gibt, und in der wir als in einem Spiegel die Dreieinigkeit und die ‚ himmlischen Ordnungen schauen.

So beginnt das erste dieser Gedichte:

Wer die Nahheit minnet, dem ist ein Fernes bei (nahe),

Höret was er gewinnet: die Namen alle drei!

Gott der ist mir näher, denn ich mir selber sei.

Er ist offenbare der Seele die ist frei.

Was ist Nahheit? Minne! Minne ist Ewigkeit,

Das Keich das ist da inne, darin die Seele geht.

Wäre ich meinem Nächsten näher! So klagt die zweite Strophe. Doch ein Licht scheint mir, das mich zu Gotte leitet über meine Natur, und mich scheidet von allem was nicht Minne ist. 0 edle Seele, halte dich gerne lauter: die Minne ist dir bereit.–

Höret Wunder alle was die Minne thut — da der reiche König Mensch wollte sein, annehmen unser Bilde in einer Magde fein: in göttlicher Minne ward ein Kindelein.

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,

Der ist dazu erkoren, dass er ist unser Leben.

Jesus, süsse Blume, du bist so übergut,

Aus der Minne Strome floss aus der Minne Fluth.

Die Bäche die sind süsse: und so sind sie geflossen

Von Händen und von Füssen — dass Minn’ dies Schloss erschlossen.

Der süsse Wein von Engaddin (Cant. 1, 14.), der Wein der feinen Minne, fliesst durch den Spiegel all in die Seele mein. Gott selbst ist meiner Natur viel hohes Adelthum. Höre auf (tritt zurück vor mir) Herr Seraph, viel höher bin ich geboren. Hoher, reicher Minner, du hast mich umfangen, ich bin in Gott gegangen, ich blühe in der Minne und stehe ewig!

Verbum caro factum cst: das dünket mich so gut, das Wort in dem Vater ward Fleisch und Blut. Wunder unergründlich! dass die Gottheit Gott blieb unverwundet, da Christ vergoss sein Blut: das ist unempfunden (vnder funden?) in seiner Ewigkeit; Christ empfing die Wunden, der Gottheit Hüll und Kleid.

Gott der ist ein Reich, das niemand kann verstau,

Ueber alle gleichen, ohn irgend zu empfahn.

In allen Creaturen ein Leben ohne Wahn.

In sich selber einig: (doch) da ist er mir entgän.

Die Einheit die ich meine ist ewig, ohne Grund,

In sich selber einig, da ist sie niemand kund.

Doch ist Gott gemeine, damit, dass er ward wund,

Die drei Personen, einig, sind mir ein reicher Fund,

Sonder Grund gefunden. Hier bleiben ist so gut,

Da werden wir verschlungen in seiner Minne Gluth.

Grundlose Minne, wohin bist du mir entgangen? Dich kann niemand finden, wenn nicht mit dir selber. Steh als Untergrund, gewaltig Wort! Als unser Mund mache uns deine Minne kund!

Das zweite der Gedichte „von alledem, das nieder ist, bin ich entladen“, hat wenig Schwung; doch gehört auch es der eckhartischen Richtung zu. Das Wesen zu schauen, das die Seraphim schauen und doch nicht erkennen, das ist „mein Wesen“ (mein bestes Sein). Die „Gottheit“ die erhöhet mich, seine „Unbekanntheit“ scheint auf mich; der Vater zücket das Herze mein mit seiner Minne.

Mit mehr Antheil des Gcmüths und zugleich mit leichterer Handhabung der Form ist das dritte Gedicht verfasst, das in einfacher schlichter Weise Weg und Ziel der Mystik in der Sprache der neueren Schule zum Ausdruck bringt.

Die da wollen minnen Das grundlose Gut,

Sollen treten über die Sinne:

Das machet feinen Mnth.

O weiselose Weise,

Du bist so recht fein.

Du schwebest ob den Sinnen,

Da ist die Stätte dein.

O unverstanden Wesen,

Grundlos einig Sein!

Und ich mag nicht genesen.

Ich sei von allem frei.

Die hohe Kraft der Minne Die hat mich unterst&n,

Geführt in eine Stille,

Einförmig muss ich gän.

Wen die edel Minne Begreifet zu einer Stund,

Geführt in eine Stille,

Also gethane Minne Ward mir ein wenig kund

Die mich also verschlinget In ihren tiefsten Grund.

O unverstanden Wesen,

Grundlos einig Sein!

Und ich mag wohl genesen,

Ich steh in Gotte frei.

Die Minne hat mich geführet In ein Verlorenheit,

Allda ward ich umkleidet Ganz mit Seinesheit.

O unverstanden Wesen,

Grundlos einig Sein;

Und ich mag wohl genesen,

Ich steh in Gotte frei.

Das vierte der Gedichte: „Ich will von der Minne singen, die in des Vaters Herzen brann“ sagt von der Geburt des Sohnes, von der vollen Offenbarung des Vaters in ihm, von dem Blicken und Wiederblicken in Gott u. 8. w. Es sind die durch Eckhart geläufigen Redeformen, nur in Reime gefasst.

Es mag sein, dass bedeutendere Gedichte der eckhartischen Schule noch verborgen liegen. Von den hier angeführten reicht keines an den Ernst, die Sinnigkeit und Schönheit des im ersten Bande mitge-theilten Liedes aus dem Ende des 13. Jahrhunderts.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Königsberger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Das Heiligenleben von Hermann von Fritslar.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Pergamentblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Schule Eckhart’s.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 1. Johann von Sterngassen.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 2. Heinrich von Egwint.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 3. Bruder Kraft.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 4. Bruder Arnold der Rothe.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 5. Johann von Weissenburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 6. Heinrich von Löwen.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 7. Hartmann von Kronenberg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oberdeutschland 6. Sprüche.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter

Das Heiligenleben von Hermann von Fritslar.

Unter diesem Titel hat Franz Pfeiffer im ersten Theile seiner „Deutschen Mystiker“ nach einer Heidelberger Handschrift eine Sammlung von Predigten über das Leben der Heiligen, wie sie dem Kalender des Jahres eingefügt sind, herausgegeben. Im Vorwort stellt er zusammen, was er aus einzelnen Stellen dieses Werkes über Hermann glaubt erschliessen zu können. Er zeigt aus ihnen, dass er grössere Reisen nach Italien und Spanien unternommen habe, begründet seine Yermutung, dass er ein begüterter Laie gewesen sei, der sich von der Welt zurückgezogen habe und im Verkehr mit Geistlichen oder gleichgesinnten Freunden zur Lectüre theologischer Schriften und zur Abfassung seiner Sammelwerke veranlasst fand. Von dem Werke selbst sagt er, der Gesammteindruck sei der Art, dass wenn auch die auffallende Verschiedenheit in Ton und Haltung der Predigten verschiedene Verfasser erkennen lasse, doch die Form im allgemeinen für Hermann in Anspruch genommen werde müsse. Und wenn auch die speculativen und metaphysischen Fragen und Erörterungen aus fremden Büchern gezogen sein sollten, so könne doch beim legendarischen Theile des Buches mit ziemlicher Sicherheit nachgewiesen werden, dass dieser Theil in den meisten Fällen Anspruch auf selbständige freie Bearbeitung (durch Hermann) habe. Hermann verstehe die Kunst, angenehm und fliessend zu erzählen. Sein Vortrag sei lebendig, gewandt und zeichne sich durch Kürze und Gedrungenheit vortheilhaft aus. Anziehend seien die da und dort eingestreuten Schilderungen von Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten in Italien und Spanien. Ein früheres Werk, dessen in der Sammlung als eines durch Hermann ver-anlassten gedacht ist, „Die Blume der Schauung“ hält Pfeiffer für verloren.

So weit Pfeiffer, dessen Untersuchung vor allem das fehlt, dass sie nicht fragt, ob denn nicht auch der Schreiber, dem Hermann die Herstellung des Buchs aufgetragen, einen Antheil an der Gestalt dieses Buches gehabt habe. Es könnte ja sein, dass der Schreiber kein blosser Abschreiber wäre, dass alles das, was Pfeiffer von der freien selbständigen Bearbeitung, von dem lebendigen Vortrag u. s. w. sagt, nicht dem Hermann, sondern dem Schreiber zuzulegen wäre.

Wenn Hermann das Buch hat schreiben lassen, wie das an verschiedenen Stellen bemerkt ist, so will es schon nicht recht einleuchten, wie da von einer freien selbständigen Bearbeitung der gesammelten Predigten durch Hermann die Rede sein könne. Man müsste nur annehmen, dass Hermann selbst auch habe schreiben können, und sein zusammengestelltes schriftliches Material dem Schreiber nur zu reinlicher Abschrift übergeben hätte. Aber dann wäre nicht der geringste Grund abzusehen, warum Hermann nicht sich selbst auch als den, der diese Predigten niedergeschrieben, hätte bezeichnen lassen. Hat aber Hermann selbst diese Predigten nicht niedergeschrieben, und soll von einer freien selbständigen Bearbeitung durch Hermann die Rede sein, so müssten wir uns den Schreiber in den 6 Jahren, in denen das Buch entstanden ist (nach der Handschrift in den J. 1343—1349), bei Hermann gegenw ärtig und unter seinem Einfluss schreibend, und diesen selbst, wenn von einem eigenen Stil Hermann’s die Rede sein soll, mehr oder weniger dictirend denken. Auch dann aber wäre kein Grund zu erkennen, warum das Ich Hermann’s fast überall in die dritte Person gestellt ist.

Hermann hat das Buch „gezuget“ (zeugen, auf eigene Kosten herstellen lassen Pfeiff. I, 472, vgl. das sinnverwandte „frumen“ Wackern. A. L. 263); er hat es schreiben lassen.

„Der dies liez schriben, der hat ez gesehen“ so heisst es wiederholt in dem Buche. Einmal auch in der ersten Person: „da von habe ich viel lazen ge-schriben in dem buche, daz da heizet die blume der schowunge“.

Es ist also die Frage: Hat der Schreiber nicht selbst auch für Hermann mehr oder weniger gesammelt, eigene Predigten mit aufgenommen, die fremden zum Tlieil überarbeitet? Wir nehmen, um dies zu ermitteln, die Predigt über Petri Stuhlfeier (S. 91) zum Ausgangspunkte. „Man beget hüte sante Peters tac, und man beget alse her zu Antiochia wart gesetzit etc. Dar umme neme ich ein wort von ime, daz der wTise man sprichit: „sehet einen w’isen prister“. Hierauf führt der Verfasser aus, wie der Apostel um vier Stücke willen gross gewesen sei, und geht dann über zu einer auf den Gegenstand des Festes bezüglichen Rede mit den Worten:

„Nu wil ich sprechen von der Hochzit hüte“, und erzählt die Legende von dem Stuhl Petri, und wie dieser Stuhl zu Rom gesetzet und da noch sei, worauf gegen den Schluss wie aus eigener Anschauung einzelnes am Stuhl beschrieben und von der Art der Feier zu Rom berichtet wird, und dann schliesst die Predigt mit den Worten: „der diz liz schriben, der hat in gesehen mit einen ougen und gemezzen, und ouch dicke dar uf gekusset, und hat ouch dise prediate gehört predien zu Rome. Daz uns dirre aplaz aller wTerde und daz wir zu dem grozen fürsten sankte Peter kumen in daz ewige leben, des helfe uns der vater und der sun und der heilige geist. Amen“.

Diese Predigt enthält also als einen ihrer Bestandteile eine von Hermann in Rom gehörte Predigt. Der, welcher diese eingeschobene Predigt gibt, führt sie ein mit den Worten „nu wil ich sprechen von der hochzit hüte“; dieser so in der ersten Person sie einführende hat vorher seine allgemeine Betrachtung über Petrus in derselben Weise eingeführt: „darumme nemme ich ein Wort von imew. Von Hermann aber, der die eingeschobene Predigt in Rom selbst gehört hat, heisst es in der dritten Person: der diz liz schrieben, der hat ihn (den Stuhl Petri) gesehen.

Hier unterscheidet sich also der Verfasser des ganzen Stücks durch die erste Person von Hermann, welchem er selbst, der Verfasser, einen Theil des Stücks verdankt.

In der Predigt am Tage Philippi Jakobi wird von den Orten berichtet, wo die Apostel begraben liegen, und da heisst es wieder von Hermann: der diz liz schriben, der ist zu in allen gewest do si ligen. Bitet got vor in. An diesen legendarischen Theil der Predigt, der mit den Worten schliesst: „Diese (die Apostel) gebruchin alle gotis in dem ewigen leben“ schliesst sich ziemlich unvermittelt der speculative Theil mit den Worten: „Dar umme sullit ir merken eteliche stucke die got alleine ane gehören“, und dann wieder eben so unvermittelt: Nu will ich vort sprechen von dem lebene Philippi und Jakobi.

Auch hier also eine Unterscheidung zwischen erster und dritter Person, zwischen dem Schreibenden und Hermann.

Bei näherer Betrachtung der ersten Predigt fällt die Verwandtschaft in der Compositionsweise des Stücks mit den Predigten des Giseier von Slatheim auf. Der Verfasser legt zuerst einen Text aus Matthäus 16 aus. Die Textworte, die Satz für Satz vorgenommen werden, sind angezeigt mit textus, die kurzen Erläuterungen mit glosa. Bei der Glosse eine Zusammenstellung verschiedener Meinungen der Ausleger: die ersten sprechen, die andern, die dritten etc. Dann der rasche Uebergang von dem theologischen in den legendarischen Theil der Predigt — kurz, die Weise der Formen und des Stils erinnern an Giseler von Slatheim.

Suchen wir nun im Heiligenleben die mit dieser Predigt nach Form und Stil verwandten Predigten, und es ist ihrer eine grosse Zahl, so begegnen uns auch hier alle bei Giseler bemerkten Eigenthtimlich-keiten wieder.

Ich bezeichne hier zur Vergleichung folgende Predigtnummern in der Pfeiffer’schen Ausgabe: 30. 31. 40. 48. 50. 51. 52. 54. 55. 58.

Giseler’s Gewohnheit, Satz für Satz des Textes vorzunehmen, und Text und Erläuterung durch die Worte textus und glossa zu bezeichnen. Im Heiligenleben: 30. 31. 55.

Die unvermittelten Uebergänge bei Giseier vom Evangelium zur Epistel oder umgekehrt. Gewöhnlich: Nu kere ich mich in das Evangelium. So im Heiligenleben vom legendarischen Theil zum Evangelium oder einem biblischen Texte. Pr. 58: Nu kere ich uffe daz ewangelium hüte. Pr. 55: Nu neme wir ein wort uz der biblien.

Die theosophischen Fragen von der Geburt des ewigen Worts in der Seele etc. werden bei Giseier sehr häufig ganz ohne Zusammenhang an das andersartige Thema angehängt. Im Heiligenleben bieten sich überall hiefür Beispiele in Menge.

Bei Giseier werden öfters nur die Fragen gestellt, ohne dass Antwort darauf gegeben würde. Im Heiligenleben findet sich gleiches Pr. 48. S. 150,16 ff. Pr. 51.

Giseier führt gerne Prediger aus der Gegenwart mit Namen an. Im Heiligenleben 40: diz sprach der nuwe meister Herman von Schilditz. 18: Gerhart von Sterrengazzen.

Giseier zeigt an vielen Orten, dass er manche Länder gesehen, und schildert gerne fremde Bräuche. Dass im Heiligenleben nicht alles, was von fremden Landen aus eigner Anschauung berichtet wird, auf Hermann zurückzuführen sei, geht aus der dritten Christtagspredigt hervor, welche aus der Predigtsammlung Giseler’s herübergenommen und dessen eigene Predigt ist. Da wird gemahnt, bei dem Worte: „das Wort ward Fleisch“ auf die Kniee zu fallen mit der Bemerkung: „also pfliget man in welscheme lande“.

Giseier verweist in seiner Predigtsammlung auf frühere oder spätere Predigten; gleiches findet sich in dem Heiligenleben Pr. 36: Wiltu me hi vone lesen, so suche uf den zwölften tac. Pr. 40: Und wiltu diese legende lesen so suche uflfe sancte Silversters tac. Pr. 61: Wiltu me lesen so suche den tac einer gebürt in disem buche.

In der Predigtsammlung wie im Heiligenleben hat der Sammler mit den eigenen eine Reihe fremder Predigten gegeben.

Vereinzelt hätten diese Dinge selbstverständlich keine Beweiskraft. In ihrer Vereinigung vermögen sie wohl für die Identität Giseler’s mit dem Zusammensteller des Heiligenlebens zu sprechen. Nehmen wir zu diesen mehr äusserlichen und nebensächlichen Merkmalen noch die gleichartige Tendenz beider Sammelwerke, in ihnen eine Menge von Fragen der Mystik einzustreuen, die gleiche Richtung der neueren mystischen Schule, und dazu auch die gleiche Freimüthig-keit in der Beurtheilung der Dinge, so darf auch von dieser Seite aus die Identität als gesichert betrachtet werden.

Einzelnes kommt hinzu, die Gewissheit zu bekräftigen. Wir sahen, Giseier von Slatheim hat seine Postille in Erfurt gemacht. Eine von Pfeiffer nicht verwerthete Bemerkung führt uns darauf, dass auch das Heiligenleben in Erfurt entstanden sei. In der Predigt über Dionysius (Pr. 72) heisst es: die Engel begruben ihn auf einem Berge, da liegt er, „und diz ist von Paris alse verre herwart alse von Erfurte zu Uchtrichshusen (Ichtershausen): daz sint zwo mile, alse ich ez ge-mezzen habe mit minen fuzen.“ Wie käme der Verfasser zu dieser Vergleichung mit Erfurt und Ichtershausen, wenn er nicht in Erfurt seinen Wohnort gehabt hätte?

Dazu stimmt die Zeit. Die Predigtsammlung ist, wie wir sahen, in derZeit von 1323—1337 entstanden, das Heiligenleben zwischen 1343—1349. Und ferner, in das Heiligenleben sind aus der Predigtsammlung Giseler’s sämmtliche Predigten, bei denen die Evangelien mit Heiligentagen zusammenfallen, herübergenommen, wie dies schon Haupt nachgewiesen hat. Dieser vermuthet in Hermann von Fritslar einen Sammler, der sein Heiligenleben aus einem grossen Sammelwerke, das Predigten über die Evangelien und Episteln des Kirchenjahrs und zugleich über die Heiligentage enthielt, zum Theil geschöpft habe. Wir wissen nun, dass das Heiligenleben des Hermann von Fritslar ein Theil dieses Sammelwerks selbst ist, dass der andere Theil, der ältere, in der Königsberger Handschrift vorhanden, und dass der Zusammensteller, Ueberarbeiter, Verfasser dieser beiden Theile Giseier von Slatheim, Lesemeister der Dominikaner zu Erfurt ist.

Hermann hat Giseier beauftragt, ein Heiligenleben zusammenzustellen, das sich an dessen frühere Predigtsammlung anschliesse. Die Form und Gestalt dieses Buches ist vorherrschend auf Giseier zurückzuführen. Derselbe hat verschiedenes von Hermann’s eigenen Erlebnissen mit aufgenommen. Hermann selbst hat in das vollendete Werk nachträglich noch die eine und andere Bemerkung wie jene über die Blume der Schauung eingefügt.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Königsberger Handschrift.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter

Die Königsberger Handschrift.

Joseph Haupt hat in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie Bd. 76 eine Wiener Handschrift besprochen, welche eine Sammlung von Predigten über die Evangelien und Episteln von Advent bis Ostern enthält, und von der er nachweist, dass sie die Quelle für eine Anzahl von Predigten im Heiligenleben des Hermann von Fritslar sei. Er setzt die Handschrift in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sie ist aus Papier und Pergament gemischt. Die Predigten über die Heiligentage finden sich bei ihr nicht.

Wir haben auf unserer Münchner Staatsbibliothek die gleiche Sammlung in einer Rebdorfer Handschrift (Cgm. 222. fol. membr.); sie reicht nicht weiter als die Wiener Handschrift, wiewohl sie nicht unmittelbar von ihr abstammt.

Eine dritte Handschrift befindet sich auf der Univ.-Bibliothek zu Königsberg. J. Haupt machte auf sie aufmerksam. Er erkannte aus einer Notiz Steffenhagen’s im 13. Bande der Zeitschrift f. d. A., dass sie dieselbe Sammlung enthalte wie die Wiener Handschrift, aber vollständiger, nämlich auch den ganzen Sommertheil. Er hielt es für möglich, dass diese Handschrift auch die Predigten über das Leben der Heiligen enthalte; dies ist jedoch nicht der Fall. Dagegen ist gerade der Sommertheil der Predigten von grosser Wichtigkeit, da wir aus ihm den Hersteller der Sammlung ermitteln und zugleich eine Reihe weiterer Aufschlüsse über einzelne auf die Geschichte der Mystik bezügliche Thatsachen und Persönlichkeiten gewinnen können. Ich gebe, ehe ich in die nähere Untersuchung eingehe, zuerst einige äussere Notizen. Der Handschrift fehlen am Anfang und Ende einige Blätter. Auch sonst ist hie und da ein Blatt verloren gegangen. Sie beginnt mit dem Schluss der vierten Predigt der Wiener Handschrift, nämlich mit der siebenten der bei Haupt abgedruckten theosophischen Fragen über die Geburt des ewigen Worts in der Seele, und endet mit einer Predigt über 2 Cor. 5. Die Sammlung ist keine vollständige in dem Sinne, dass auch für alle Perikopen der Woche Predigten gegeben wären. Sie stimmt im Wintertheile mit der Wiener und Münchner Handschrift überein, nur hat sie hie und da einige Kürzungen und Auslassungen. Schon im Wintertheile kommt es vor, dass Predigten das Evangelium und die Epistel nacheinander auslegen, mit keinem anderen Uebergange als etwa: Ich nehme das Evangelium, das man an dem Sonntag liest. Sehr häufig wird diese Verbindung im Somnier-theile bis zu der 7. Pfingstwoche. Von da an folgen die Predigten über die Sonntagsevangelien unmittelbar auf einander bis zum 24. Sonntage, und dann erst Epistelpredigten für die Zeit von der ersten Pfingstwoche an.

Ich nehme für meine Untersuchung die Predigt am Abend vor Himmelfahrt (f. 86d) zum Ausgangspunkt. Den Anfang dieser Predigt macht die Auslegung der zwei ersten Verse des Evangeliums Joh. 17, 1—11. Es ist der Anfang des in dem 17. Capitel enthaltenen hohepriesterlichen Gebets des Herrn. Der Text wird Satz für Satz ausgelegt. Meist steht das Wort „Text“ voran, dann folgen einige Textworte, dann die kurze Auslegung, eingeleitet mit dem Worten: „Glossa“ oder „das meint“, „das ist“, oder „man fraget“ etc. Dabei werden öfter verschiedene Auslegungen nebeneinandergestellt mit den Worten: „ein anderer Sinn ist“, „eine andere Glossa spricht“. Die Auslegung geht bis zum Schlüsse des 2. Verses, dann folgt die Bemerkung: „das hy czu gehört, steht uf den palm abent“. Der Schreiber ist also darüber, eine Sammlung von Predigten nach der Sonntagsreihe zusammenzustellen. Dass der Zusammensteller und nicht ein späterer Abschreiber diesen Rückweis auf den Palmabend gemacht habe, zeigen die folgenden Worte: „danach wil ich das Evangelium nemen von der mittewoche, vnd von dem vritage und von dem pfingst abent“. Der Vergleich mit diesen drei Predigten in der Woche vor Pfingsten zeigt zugleich mit Sicherheit, dass der Zusammensteller auch der Verfasser dieser Predigten ist. Die Mittwochspredigt legt zuerst die Epistel aus, und zwar in ganz gleicher charakteristischer Behandlungsweise wie die Predigt am Himmelfahrtsabend, und dann folgt der Uebergang zum Evangelium: „Nu kere ich mich zu dem evan-gelium das ich vor gelassen habe“. Die Auslegung knüpft in der That genau da an, wo die Predigt am Himmelfahrtsabend aufgehört hat, bei Job. 17, 3. Auch die 2. und 3. Predigt der bezeichneten Woche erweisen sich als Fortsetzungen der Auslegung von Joh. 17, und enthalten Rückbeziehungen: „Nu ge ich wider in das evangelium, das da ein gebete ist“ etc. Auch ist die Methode der Behandlung in ihnen die gleiche. Die Predigt am Pfingstabend verweist uns aber wieder auf die Mittwochspredigt der Pfingstwoche, die sich dann auch als Fortsetzung und Abschluss der Predigten über Joh. 17 zu erkennen gibt.

So haben wir nun unzweifelhaft  Predigten desselben Verfassers, der sich zugleich als der Hersteller der Sammlung erweist. Denn dass derselbe Sammler das Werk wenigstens bis zu der Predigt des letzten Evangeliums des Kirchenjahrs geführt habe, ergibt sich aus der Predigt am 3. Freitag nach Pfingsten, welche in Betreff des Evangeliums von der Erweckung des Töchterleins Jairi auf die Predigt am 24. Sonntag nach der Pfingsoctave verweist, wo die Auslegung darüber sich finde: „wiltu dise gl ose suchen di vindistu uf di leczte dominike von dem iare in disem buche“. Und diese Predigt bringt in der That die Auslegung. Wir werden nachher noch ein weiteres Zeugniss finden, aus welchem hervorgeht, dass der Verfasser der 6 besprochenen Predigten aus der Pfingstzeit auch den ganzen Wintertheil zusammengestellt hat.

Mit dem, was bis jetzt ermittelt ist, haben wir das Notlüge, um die Fragen, zu denen dies Sammelwerk Anlass gibt, zu erledigen.

Wir fragen zuerst nach der Person des Sammlers. Hier gibt uns die Predigt am Himmelfahrtsabend, von der wir ausgingen, die Handhabe. Nachdem diese Predigt, wie wir gesehen, die Auslegung über das Evangelium Job. 17 mit v. 2 abgebrochen und für Ergänzungen zu dieser Auslegung auf den Palmabend verwiesen und zugleich angekündigt hat, dass das Evangelium in drei nächstfolgenden Tagen vor Pfingsten noch weiter ausgelegt werden soll, sagt der Verfasser, er wolle aus diesem Evangelium (für heute) ein Wort zu besonderer Auslegung herausnehmen: rNv neme ich eyn wort vz dem evangelio, das sente Johannes beschribit, do von ich vor gesprochin hab. vnse herre spricht in dem evangelio: das ist das ewige lebin das man dich bekenne eynen waren got etc. Dy meyster krigen vnder enander wedir ewige selikeit me lege an den werkin der Vernunft adir an den werkin des willen adir in beydin glich“. Die jetzt folgende Predigt steht nun auch von Wort zu Wort in der Oxforder Handschrift, und hat da folgende Ueberschrift: ,,Hec est vita etema etc. In diser predigade disputirt Bruder Gisilher von Slatheim, der lesimeister was zu Kolne vnd zu ertforte wider die barfuzin vnd beweisit daz diz werc der fornuft edelir ist dan diz werc dez willin in dem ewigin lebine vnd brichit di bant der barfuzin in argu0Ä? meisterliche“. Mit der Aufschrift Giseier enthält diese Predigt auch eine Einsiedler-Handschrift.1 Die Zuverlässigkeit der Angaben der Oxforder Handschrift unterliegt

1) Veröffentl. durch Pfeiffer in Haupt, Zeitschr. f. d. A. VIII, 211 ff.

keinem Zweifel. Sie bringt 5 Predigten Giseler’s an verschiedenen Orten, jede mit dem Namen des Verfassers, und eine Vergleichung ergibt, dass sie demselben Verfasser angehören. Der Sammler der Predigten der Oxforder Handschrift ist überdies mit regem Interesse gerade an dem Kampfe betheiligt, welcher von Giseier gegen die Barfiisser geführt wird, wie wir aus andern seiner Bemerkungen ersehen. Dazu kommt nun auch noch die Bestätigung durch die von der Oxforder unabhängige Einsiedler Handschrift.

Wir hätten somit den Hersteller der wichtigen Predigtsammlung der Königsberger Handschrift in der Person des Giseier von Slatheim gefunden. Er war Lesemeister zu Cöln und Erfurt und zwar, wie eine Bemerkung des Herstellers der Oxforder Predigthandschrift im Verlauf der angeführten Predigt selbst ergibt, Lesemeister der Dominikaner.

Und er hat die obenangeführten sechs Predigten der Pfingstzeit zunächst an seine Conventbrüder gehalten, wie dies schon die Mittwochspredigt der Pfingstwoche andeutet, wo er über die Worte: ich bitte auch für die, die durch ihr (der Apostel) Wort an mich glauben werden, sagt: vnd bat auch vor di lute die von uns gelerit soldin werdin. Noch deutlicher aber geht dies aus der Art hervor, wie er in den bezeichnten Predigten seine Zuhörer an andere Prediger erinnert, die sie gehört hätten.

Die Namen jener Prediger, die er hier anführt, sind von Wichtigkeit, weil sie eine nähere Bestimmung der Zeit und der Stadt, wo die Predigtsammlung entstanden ist, ermöglichen. Die Stellen, in welchen er auf Prediger hinweist, sind folgende:

1. Predigt am Himmelfahrtsabend: „so wil ich etwas sprechin vz disem ewangelio. wen ir habit wol gehört meistir Heinrich vnd raeistir vriborc vnd von meistir Dytriche vnd meistir Echart vnd den von Muncze vnd bruder Johan vnd bruder Petir vnd meistir Heidinrich — uf dis ewangelium was bedutit. Nu neme ich eyn wort vz dem ewangelio, das sente Johannes beschribt do von ich vor gesprochin hab“ etc. Folgt nun die besprochene Predigt Giseler’s über die Frage von dem Vorzug der Vernunft etc.

2. Predigt am Mittwoch vor Pfingsten. Nachdem 9 Fragen über das schauende Leben gestellt sind, heisst es: Ir habit wol gehört was brudir Herman von dem Tummen (Cummen?) hy von gesait hat vnd der von Kyrberk vnd brudir Andres.

3. Predigt am Freitag vor Pfingsten. Nach der Auslegung des Verses Joh. 17,11 schliesst die Predigt: Ir habt gehört czu capetil bruder Heynrich vnd den jungen Echart vnd den von dryforden. Nu nemet dise 1er czu jenir vnd bittet got für mich. Amen“.

4. Predigt am Pfingstabend. Nachdem Giseier mit den Worten „nu ge ich wedir in das ewangelium des hoin gebetis vnsers herren Jesu Christi“ die in der vorigen Predigt bei Joh. 17, 12 abgebrochene Textauslegung fortzusetzen begonnen und von der ewigen Erwählung gesprochen bis zu der Frage: „man vregit ouch ab di irweltin mogin verlorn werdin vnd di dirweltin mogin behaldin werdin?“ heisst es: „Magister Johannes, vnd der von Erich vnd der von Sprewenberc habin hy von wol gesprochin, das vf dise irwelunge nymant buwen sal sunder uf heilikeit vnd uf tugint vnd uf vnsin gloubin. Behalde wir dis, so syn wir irwelit“.

5. Predigt am Mittwoch in der Pfingstwoche. Nacli den Worten „vnse mynunge di wirt alleine volbracht in dem ewigen lebin alleine“ heisst es: Brudir Jordan vnd meystir Herman vnd meystir Heynrich wol gesprochin han, abir meystir Heynrich von vrymar hat allirbest hy von gesprochin, wen her sprach: das ewige wort hatte dry eyginschaft di is nymande gegebin mochte noch gemyne: das bestenden uf ym selbir, vnd das is einen orsprunc ir kennet sundir mittil, vnd das is sundir czuval, vnd dis ist eyginir dem ewigen Worte alleine vor allin creaturen. Wir mögen wol mit gote vereint werdin. darumme hüte sich allis menschlich — vnd wisse was he halde und was he spreche“.

Giseier beruft sich in den drei ersten der angeführten Predigten auf Predigten von Meistern, die seine Zuhörer, d. i. seine Ordensbrüder gehört hätten. Meinte Giseier, sie hätten durch ihn die Auslegungen dieser Meister gehört, so würde dem die 2. und 3. Predigt widerstreben, denn in der 2. müssten sich solche Mittheilungen finden und in der dritten lässt der Satz „Ir habt gehört czu capetil“ nicht an solche Auslegung denken. Demnach werden Giseler’s Zuhörer auch die in der ersten Predigt angeführten Meister und Prediger selbst gehört haben.

Wo soll dies nun aber geschehen sein? Auswärts oder in der Stadt wo sie sind? Wenn auswärts, so müsste man an eine Schule denken, die alle durchgemacht hätten und an der die obengenannten zugleich gelehrt und gepredigt und den betreffenden Abschnitt ausgelegt hätten. Eine solche Schule, an der fünf Meister gelehrt und gepredigt hätten, und zwar Meister wie Eckhart und der von Freiburg, könnte nur eine höhere Schule sein, wie etwa Cöln, wo das Studium generale des Ordens war, oder Strassburg und Erfurt, in welch letzterer Stadt wahrscheinlich auch wie in Strassburg ein Studium pro-vinciale des Ordens sich befand. Allein die wenigsten von Giseler’s Zuhörern hatten wohl das Studium generale besucht (vgl. m. Vorarbeiten etc. S. 8) und die wenigsten das Studium provincialc gleichzeitig. Giseier müsste also Zuhörer im Auge haben, die im Kloster zu Cöln oder zu Strassburg oder Erfurt nicht als Studirende, sondern als ständige Conventualen des Ordens lebten, und da Gelegenheit hatten, auch die Predigten der obengenannten Meister zu hören. Giseier war selbst Lesemeister zu Cöln. Auch Eckhart und Theodorich von Freiburg hatten dort das gleiche Amt. Allein auch wenn wir annehmen, dass die Zuhörerschaft Giseler’s am Studium generale zu Cöln sich befand, so müsste doch ein besonderer Anlass gewesen sein, der nicht weniger als 9 Redner auf Kanzel oder Katheder führte, um über das 17. Capitel des Johannes zu belehren. Das Natürlichste ist, an ein Capitel zu denken, das eine grosse Anzahl von Ordensgliedern in eine Stadt zusammenführte. Ein Generalcapitel könnte das nun nicht gewesen sein.

Denn da Eckhart als Meister angeführt ist, so können wir mit unseren Predigten nicht vor das Jahr 1302 zurückgehen, und da Hermann von Fritslar im J. 1343 unsere Predigtsammlung benützt, nicht über das letztgenannte Jahr hinaus. Innerhalb dieses Zeitraums aber fand weder zu Cöln noch zu Erfurt ein Generalcapitel statt (das für 1330 nach Cöln angesagte konnte dort wegen der Feindschaft der Bürger gegen die Dominikaner nicht statt finden und wurde in Trier abgehalten). Zu Cöln oder Erfurt aber müsste das Generalcapitel gehalten worden sein, da Giseier vor einer Zuhörerschaft predigt, der er auf längere Zeit angehört als die Zeit eines General- oder Provinzial-capitels währte. Wir wissen aber aus der Oxforder Handschrift, dass er Lesemeister zu Cöln und Erfurt war, und schliessen zugleich aus den Predigten selbst sowie aus den Bemerkungen des Sammlers, dass er diese Predigten müsse in der Zeit seines Lectoramts gehalten haben, da sie nicht nur einen in Disputationen geübten Mann voraussetzen, sondern weil auch bei jeder derselben dem Namen auch „Lektor“ oder „Lesemeister“ von dem Sammler beigefügt ist. Auf ein Capitel weist uns aber auch die 3. Predigt selbst hin, wenn Giseier da zu seinen Conventbrüdern sagt: „Ir gehabt gehört czu capetil bruder Heynrich vnd den jungen Echart vnd den von Driforten.“ Denn dass nicht die Versammlung des einzelnen Convents unter Capitel gemeint sein werde, erhellt schon daraus, dass Giseier zu einer solchen gewöhnlichen Versammlung der Conventsbrüder eben redet, so dass also die Beifügung eine andersartige Versammlung gemeint wissen will. Auch deutet der Hinweis auf eine grössere Zahl von Predigern eine ausserordentliche Zusammenkunft an. Nun ist in Cöln, das zur Ordensprovinz Deutschland gehörte, innerhalb des obengenannten Zeitraums auch kein Pro-vinzialcapitel gehalten worden. Wohl aber fanden in Erfurt, das zur Provinz Sachsen zählte, in den Jahren 1303 und 1325 Provinzialcapitel statt. Auf dem ersten wurde Meister Eckhart, auf dem zweiten Heinrich von Lübeck zum Provinzialprior Sachsens erwählt.

Nun führen uns mehrere der angeführten Namen von selbst auf die Ordensprovinz Sachsen. Von Meister Eckhart wissen wir, dass er früher Prior zu Erfurt war, dann dass er 1303—1311 das Provinzialat von Sachsen bekleidete. War Erfurt sein Heimathkloster, wie ich im 1. Theil als wahrscheinlich nachwies, dann gehörte er für immer, auch wenn er in den Schulen zu Strassburg und in den Jahren nach 1320 am Studium generale zu Cöln lehrte, der Ordensprovinz Sachsen zu, so dass eine Betheiligung am Provinzialcapitel zu Erfurt im J. 1325 wahrscheinlich ist. Auch von dem jungen Eckhart, der in der dritten Predigt als Prediger genannt ist, wissen wir mit Bestimmtheit, dass er der Provinz Sachsen angehörte. Er starb 1337 als Definitor dieser Provinz auf der Rückkehr von dem Generalcapitel zu Valenciennes. Meister Heinrich, der in der l.und 5. Predigt genannt und vielleicht in der 3. Predigt gemeint ist (Bruder Heinrich), würde dann Heinrich von Lübeck sein, der eben damals am 13. September 1325 zu Erfurt zum Provinzial Sachsens von dem Capitel gewählt wurde, und der, wie wir aus Quetif und Echart wissen, Lesemeister war. Meister Dietrich könnte dann jener Theodorich von Sachsen sein’, der von dem Generalcapitel des Jahres 1311 nach Paris geschickt wurde um da Magister zu werden. Auch die Namen Sprewnberg (Stadt Spremberg im Branden-burgischen, Dorf Spremberg in Sachsen) und Frimar (Dorf im Gothai-schen), Driforte (Treffurt in Thüringen) deuten auf die Provinz Sachsen hin. Ob unter Meister Vriborc unser im 1. Theil besprochener Theodorich von Freiburg zu verstehen sei, darüber lässt sich nichts mit Bestimmtheit sagen. Dass „er in ziemlich gleichem Alter mit Eckhart stand, habe ich als wahrscheinlich erwiesen. Ist er der 1320 mit Eckhart in Untersuchung gezogene Dietrich von St. Martin, dann ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass er, wie Eckhart nach Cöln, so er an eine Schule in Sachsen versetzt worden sei. Dass er nur Meister Vriburg, nicht Meister Dietrich genannt wird, spräche für diese Annahme. Man nannte ihn nur mit dem 2. Namen, um eine Verwechslung mit dem gleich nach ihm genannten Meister Dietrich (s. o.) zu verhüten.

Nimmt man das Resultat der letzten Erörterung als ein wahrscheinliches an, dann sind die 5 Predigten Giseler’s in der Piingstzeit 1326, in dem nächsten Jahre nach dem Capitel, das im September 1325 zu Erfurt stattfand, gehalten worden, als die Erinnerungen an die Prediger, welche bei jenem Capitel auftraten und denen als Thema für ihre Predigten oder als Ausgangspunkt für ihre Disputationen Joh. 17 gegeben worden war, noch im frischen Gedächtnisse war. Der in der 5. Predigt genannte Meister Heinrich von Vrimar gehörte indes nicht dem Orden der Dominikaner, sondern dem der Augustiner Eremiten an. Er stammte aus Frimar in Thüringen, war längere Zeit Provinzial der Thüringisch-Sächsischen Provinz und wurde auf dem Generalcapitel der Augustiner zu Rimini im J. 1318 zum Examinator der auf den Schulen in Deutschland promovirenden Augustiner ernannt.

Mag man nun auch das Jahr 1326 nur als ein wahrscheinliches in Betreif der Entstehung jener fünf Predigten annehmen, gewiss wird es immerhin bleiben, dass sie vor dem Jahre 1337 gehalten sind, da in der 3. Predigt der junge Eckhart, der in dem genannten Jahre starb, als ein noch lebender bezeichnet ist.

Und mag mau auch das als nur walirscheinlich betrachten, dass Giseier jene 5 Predigten in Erfurt hielt, so wird man doch mit voller Sicherheit sagen können, dass er die Sammlung der Predigten selbst, wie sie in der Königsberger Handschrift vorliegt, in Erfurt vorgenommen hat.

Für’s erste deutet schon die Königsberger Handschrift an, dass ihr Original in Thüringen müsse entstanden sein. Die Handschrift des Heiligenlebens des Hermann von Fritslar, das, wie wir sehen werden, in Erfurt entstanden ist, die Sammlung der Oxforder Handschrift, die gleichfalls ihre Heimath in Erfurt hat, und unsere Königsberger Handschrift begegnen sich in den gleichen Eigentümlichkeiten der Sprache. Wie im Heiligenleben und der Oxforder Handschrift so lesen wir in der Königsberger a für o in: ab, sal; e für i in: en (ihnen); i für ie in: di, wi; i für e in: vregit, irwiltin, mogin, behaldin, meistir, godis; o für e in: foiiorin, fornnft; o für u in: orsprunc, u für ö in: du; s für sch in: menslich etc. Auch schliesst unsere Handschrift Oberdeutschland und die Rheinlande als Entstehungsort der Sammlung aus, wenn sie in der Aufschrift zur Predigt am Vorabend des Epiphanienfestes diesen Abend als den zwölften Abend bezeichnet und dazu bemerkt „in andern landin heisit is der oberste abint vmme di grosin dinc, di also hüte gesehen sint an den dry königen.“ Ein sicherer Schluss aber lässt sich aus der dieser Predigt zunächst folgenden Predigt ziehen. Dieselbe gibt sich als eine Predigt Giseler’s selbst zu erkennen. Dies zeigt sich nicht bloss in der oben bezeichneten Weise der formalen Behandlung des Textes, nicht bloss in dem Inhalt, der gleich anfangs die mystische Frage von der Geburt Gottes in der Seele berührt, sondern auch in wörtlichen Beziehungen zu einer durch das Zeugniss der Oxforder Handschrift gesicherten Predigt Giseler’s. Hier sagt Giseler in einer Predigt über denselben Text von den Königen: „Du si quamin zu iernsalem vnd vregiten wo he were — du si mensliche troist suchtin vnd rait, du forlorin si gotlichin troist. zu liant du si von menslichime troiste lizin, du fundin si gotlichin troiste, wan si fanden den sterrin“. Und in unserer Predigt heisst es: „Wissit da si czoiten czu Jerusalem, do vergink en der Stern, das waz dorumme, wen si menschlichin rat suchtin vnd menschliche anewisunge, so wart von en genomen gotlich rat vnd gotliche anebewisunge.“ Stellt sich somit die Predigt in der Sammlung als eine Predigt Giseler’s heraus, dann liefert der Schluss dieser Predigt den Beweis, dass er sie nicht in Cöln gehalten hat, da sie dieser Stadt so gedenkt, dass man sieht, dass sie nicht der Ort der Predigt selbst sein könne. Sie sagt nämlich von den Leichnamen der Könige: „vnd wi si von Meylan quommen czu Kollin, do si noch legin, des in sag ich nv nicht.“ Da Giseler erst Lesemeister zu Cöln, dann zu Erfurt war, so weist uns hiemit auch diese Predigt auf letztere Stadt als die Heimath der Sammlung hin.

Giseler kann seine Sammlung nicht nach 1337 gemacht haben, da die besprochenen fünf Predigten der Pfingstzeit, wie wir sahen, zur Zeit der Sammlung selbst verfasst worden sind, und die dritte derselben den jungen Eckhart als noch lebend voraussetzt. Er kann sie aber auch nicht wohl vor 1323 gemacht haben, da er eine Predigt mit aufnimmt, die den Ausbruch des Streites des Franziskanerordens mit dem Papst Johann XXH über die Frage von der Armnth Christi voraussetzt. Erst von dem genannten Jahre an richtet sich die Polemik der Franziskaner gegen den Papst selbst. In der Freitagspredigt der 2. Woche nach Ostern wird die Polemik des Minoriten-Lesemeisters Heinrich von Cie van (wohl schwerlich verschrieben für Ceva; Cleben im Merseburgischen?) gegen die ketzerische Lehre von der Armuth Christi gutgeheissen und am Schluss gesagt: „vil rede mochte man be-wisin das Christus eyn luter arm mensche wart. Ir ist abir nicht not, wen dat di heilige cristinheit heldit, dy nicht irren mac, des lialde ich. Ouch wen ich weide vngerne sprechin wedir den pabist (odir wedir di cristinheit — letzteres, wie ich vermuthe, Zusatz des späteren Abschreibers), sondir ich gan obil den di ermute lerin soldin, das si is valschlichin widirsprechin.“

Giseier hat eine grössere Zahl von Predigten anderer Verfasser in seine Sammlung mit aufgenommen, die an Werth sehr verschieden sind, und durch Stil und Weise der Behandlung sich unschwer von seinen eigenen unterscheiden lassen. Er hat die Verfasser nicht genannt, aber die Mittwochspredigt in der 4. Adventswoche über Phil. 4, 4 und die Predigt am 3. Sonntag nach Ostern Job. 16,17 sind z. B. von Eckhart (bei Pfeiffer Pr. 27 und 41; letztere auch in der Oxforder Handschrift) und die Freitagspredigt ln der 4. Adventswoche gleichfalls Jiber Phil. 4, 4 von Hane dem Karmeliten (sie findet sich mit dieser Aufschrift in der Oxforder Handschrift). Da interessirt es uns nun, zu wissen, ob der Verfasser der neun Fragen von der Geburt des ewigen Worts in der Seele, welche Haupt in seiner Abhandlung über die Wiener Handschrift hat abdrucken lassen, Giseier oder ein anderer sei?

Die neun Fragen werden in der Mittwochspredigt der 1. Adventswoche am Schlüsse der Auslegung der Epistel gestellt und von der Epistel hinweg ganz unvermittelt eingeführt mit den Worten: „das ist alles war, das calder lute vnd grober itzunt me ist, wenn ir ie ward, das enwil ich nicht ansehen, sunder ich will ein collacio haben in diesem aduent von acht vragen (so W. und M., es muss aber neun heissen, wie aus der Aufzälüung der Fragen selbst hervorgeht). Die Antworten auf diese Fragen finden sich in den folgenden Predigten: auf die zweite in der nächstfolgenden Predigt vom Freitag (nachK., nicht am Schlüsse der Predigtzum 1. Adventsonntag, wieHaupt hat, daja die Fragen erst in der Mittwochspredigt gestellt sind); auf die erste in der Mittwochspredigt der 2. Adventswoche, auf die dritte in der Freitagspredigt derselben Woche (nach K., nicht Mittwoch, wie Haupt hat); auf die vierte, fünfte und sechste in der Mittwochspredigt der 3. Adventswoche, auf die siebente Frage (von Haupt nicht nacligewiesen) in der Predigt zur anderen Messe des Christtages, auf die achte und neunte Frage am Schlüsse der Predigt am 18. Tage nacli Weihnachten.

Die 2. Predigt am Epiphaniasfest, welche, wie wir sahen, von Giseier selbst herrührt, behandelt gleichfalls die Geburt des ewigen Worts in der Seele: „Do Jliesus wart geborn in der judin lant etc. daz ist wen daz ewige Wort geborn wirt in dem wesin der sele, so kerin alle di vzern creften von irdichin dingin vnd han nymer beheglichkeit an yn, vnd die obersten crefte kerin alle in gotliche beschouwnge–

aber dese dry konige wustin daz lant do jhesus ynne geborn waz, diz meint: alle di crefte der sele vzerlich vnd ynnerlich di gewustin wol daz cristus geborn ist, abir in welchir craft cristus aller eygenste geborn sy, des in wissin si nicht, wen Jherusalem waz eyn henbtstat in dem lande iude, do gedachten di konige, daz si do vregin soldin vnd daz si allir beste da berichtit mochten werdin: vnd daz gemute der sele daz ist di eyne heubtstat in der sele, daz sal der mensche vragin, ab jhesus dinne geborn si? wren daz hat gotliche gedanken vnd gotliche begerunge vnd gotliche vreude, so jhesus ist dynne geborn.“ Da ergibt nun der Schluss dieser Stelle eine unläugbare Beziehung auf die Antwort zur vierten Frage: „Nu ist eyn vrage in welchir stat der sele wirt daz ewuge wort geborn? — di virden sprechin in verborgenkeit des ge-mutis, wen also dicke alz der mensche inphet eynen gutin gedankin von der menschheit vnsis lierren adir von dem ewigen wmrte adir enphindet eynir newen lust von gote adir verstet eyne newe warheit, also dicke wirt daz ewige wort in der sele geborn.“

Und mit dem Anfang der aus Giseler’s Predigt angeführten Stelle steht gleichfalls in deutlicher Beziehung die Fortsetzung der eben berührten Antwort auf die vierte Frage: „Dy fünften sprechin, vnd mit den bald iclis, is werde geborn in dem allir ynnersten des wesins vnd dis werden gewar alle crefte der sele. Wy heldit sich der licham der czu? he ist in eyner stille me (rue?) das he keyne bewregunge mak habin siner ledir (Glieder), wen di obersten crefte habin di nidirsten in geholt, vnd daz wresin der sele hat di oberste crefte in geholt, vnd stet allis in eyner stillen ruwTe vnd denne wirt daz ewige wort geborn gliclilich in geiste vnd in libe.“

Aber nicht bloss die sachliche Uebereinstimmung, sondern auch die Vergleichung äusserlicher Merkmale führt darauf, dass Giseier der Verfasser der neun Fragen sei. Wir haben oben einige der formalen Eigenthümlichkeiten in Giseler’s Predigten hervorgehoben: die dem Texte Satz für Satz folgende Auslegung, die ihm gewohnten Formen, Text und Auslegung einzuleiten, die Art, wie er mit einem Satze wie „Nu ge ich in das evangelium“ ohne weiteres von der Auslegung der Epistel in die des Evangeliums übergeht. Den ganz gleichen Charakter haben auch die Predigten der neun Fragen. „Nu neme ich der fragen eine“, so schliesst er ohne alle Vermittelung seine Antworten auf die neun Fragen in den verschiedenen Predigten an die dortigen Ausführungen an, und ebenso trägt die Art der Textbehandlung in diesen Predigten den angegebenen Charakter. Auch die Weise, eine Reihe von Fragen zu stellen, ohne dass der Text direkt dazu veranlasste, oder Fragen zu stellen und für die Beantwortung auf andere Predigten zu verweisen, findet sich wie in den Predigten der neun Fragen in den Predigten Giseler’s. In der Mittwochspredigt vor Pfingsten spricht er von der christlichen Wachsamkeit und bezeichnet unter andern den als wachend, der seine Kräfte richte in ein schauendes Leben. Daran knüpft er neun Fragen von dem schauenden Leben und sagt am Schlüsse: „Ir habit wol gehorit was brudir Herman von dem Tum-men hy von gesait hat“ etc., und ohne eine weitere Antwort auf die Fragen gegeben zu haben, geht er zur Auslegung der anderen Textesworte weiter. In der Predigt am Mittwoch vor Fronleichnam, die gleichfalls von Giseier ist, schliesst er, ganz wie in der Predigt wo die neun Fragen von der Geburt des ewigen Worts in der Seele gestellt werden, mit fünf Fragen von der Geburt des ewigen Worts durch den Vater und sagt: „von disin obirvernunftigin vragin wil ich sprechin vnd wil si berichtin an eyner andern stat“.

So kann kein Zweifel sein, dass Giseier auch der Verf. derneun Fragen und der Predigten ist, in welchen sie gestellt und beantwortet werden.

Mancher werthvolle Aufschluss ist mit den bisherigen Erörterungen gewonnen. Die Thatsache, dass die Predigtsammlung der Königsberger Handschrift zwischen 1323 und 1337 zu Erfurt entstanden ist und Giseier von Slatheim zum Urheber hat, lässt uns wie die Zeit Giseler’s selbst, so nun auch die Hane’s des Karmeliten und Albrecht’s von Dri-forte, der in der 3. der besprochenen Predigten der Pfingstzeit angeführt ist, bestimmen. Sie zeigt uns ferner, in welchem Masse die Schule Eckhart’s in Thüringen die Lehren ihres Meisters vertritt; sie lässt uns mit der Oxforder Handschrift und dem Heiligenleben des Hermann von Fritslar in Erfurt einen Brennpunkt der neuen theologischen Richtung erkennen und liefert zugleich ein sehr reichhaltiges Material zur mystischen Theologie.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
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Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.
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Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter