Schlagwort: Deutsche Reich

Die Selbstverständlichkeit, mit der wir heut tagtäglich aus den Zeitungen telegraphische Meldungen aus allen Teilen der Kulturwelt und vielfach selbst schon aus den unkultivierten Gegenden entgegennehmen, lässt die meisten Menschen gar nicht dazu kommen, sich einmal klar zu machen, welch ungeheure Summe von Intelligenz, Unternehmungsgeist, Mühen und Sorgen erforderlich war, um der Welt den heutigen, wunderbar zuverlässigen Seekabelbetrieb zu schenken. Hier und da halten wohl Laien die Kabeltelegraphie heut, wo wir die drahtlose Telegraphie besitzen, schon wieder für veraltet, aber jeder Sachkenner wird uns bestätigen, dass davon gar keine Rede sein kann, dass vielmehr beide Arten der Telegraphie sich ergänzen, aber kaum jemals vollwertig zu ersetzen vermögen.

Kolonie und Heimat

Man kann die Geschichte seit Versailles in zwei Epochen einteilen: in die der Vorherrschaft Deutschlands und der Vorherrschaft Englands. Seit dem 18. Januar 1871 ist das Übergewicht Deutschlands auf dem Festlande gesichert. Und im Kongokongresse wurde der Spruch Bismarcks auch für Afrika anerkannt. In den andern drei Erdteilen wog allerdings unsere Autorität leichter; immerhin genügte sie, uns einen prächtigen Teil Neu-Guineas und der Südsee-Inseln zu sichern. Unser Vorrang blieb nicht nur unter Bismarck bestehen, sondern noch eine Reihe von Jahren nach seinem Sturze. Es wirkte das bekannte Trägheitsgesetz: der einmal in starke Bewegung gesetzte Reichswagen rollte noch eine Zeitlang weiter, auch als kein weiterer Anstoß von außen, oder doch kein genügend wirksamer Anstoß erfolgte. Hierzu kam folgendes. Während wir wuchsen, wuchsen die andern auch, und zwar mehr und schneller. Frankreich hat im gleichen Zeiträume dreimal mehr überseeische Besitzungen errafft als wir. Dann sind die Vereinigten Staaten von Amerika, ist Japan in die Reihe der Weltmächte eingetreten. Das Deutsche Reich kam allmählich in die Lage des Mannes, der ein hübsches Häuschen besitzt und auch einen Garten davor und der ab und zu noch einige hundert Quadratfuß neuen Grundes ankauft. Nun kommen plötzlich Kapitalisten und bauen ragende Wolkenkratzer rings um diesen Besitz und nehmen ihm Luft und Licht. Ganz von selbst, ohne irgendwie zu verfallen oder innerlich geschädigt zu werden, verliert dadurch-das Häuschen an Wert. Die Wolkenkratzer — das sind Weltbritannien, Nord-Amerika, Rußland und das französische Imperium. Stillstand ist aber schon Rückgang. Wenn gar die Mitläufer mit Riesenschritten vorwärtskommen, so wird das Zurückbleiben noch auffallender. Die letzte Mehrung des Reiches war die Erwerbung der Karolinen, Marianen und der Palao-Inseln, bis zu den Kongosümpfen. Unser letzter weltpolitischer Erfolg, der übrigens schon nicht mehr unumstritten war, war die Entsendung des Weltmarschalls Waldersee; und dann vielleicht noch das Irade von 1902 für die Bagdadbahn, obwohl dadurch lediglich ein schon bestehender Vorrang bestätigt wurde, zu schweigen davon, daß das Irade in seinem wichtigsten Teile, in der Teilstrecke von Bagdad bis zum Persischen Golf später zunichte ward.

Seit dieser Zeit, seit 1902 datiert die Vorherrschaft Englands. Es raffte sich auf, um aus seiner „glänzenden Vereinsamung“ herauszukommen, und schloß 1902 ein Bündnis mit Japan. Seit einem halben Jahrhundert war es das erste Mal, daß das stolze Albion sich überhaupt dazu verstand, einen andern Staat zum Teilhaber seiner Weltfirma zu machen. Besondere Bedeutung erhielt der Schritt dadurch, daß der Teilhaber ein Ostasiate war, und zwar ein Staat, den wir ohne die leidige Einmischung von Shimonoseki, mühelos als u nsern Freund hätten werben können. Die erste Folge war, daß wir unsere Bataillone, durch die England sein Übergewicht im Yangtse-Becken bedroht sah, von Shanghai zurückzogen. Als dann König Eduard den Burenkrieg glimpflich beendet und so die Arme frei hatte, schritt er zur Verständigung mit Frankreich, die September 1903 eingeleitet wurde, und webte ein Netz von Bündnissen und Abkommen, in das ganz Süd-Europa verstrickt werden sollte. Im August 1907 trat Rußland dem englischen Konzern bei. Noch engmaschiger wurde das Netz durch das Bündnis zwischen Zar und Mikado, das der Juli 1910 brachte. So war der Triumph Englands vollendet. Nur ein Teil davon ist die Schwächung der Türkei, die wir eben erlebten.

Orient und Weltpolitik

Die Verhandlungen in der französischen Deputiertenkammer über die Niedermetzelung der Armenier in Adana haben gewiß manchem deutschen Leser zu denken gegeben. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde von Berlin aus die Parole ausgegeben, daß es mit dem Protektorat Frankreichs über die Christen im Orient vorüber sei; namentlich für China wollte man diesen Satz nicht mehr gelten lassen und stellte dagegen mit Recht die Behauptung auf, daß das Deutsche Reich stark genug wäre, seine Angehörigen im Ausland überall — also auch im Orient — selbst zu schützen. Jetzt benutzt man in Paris die blutigen Vorgänge in der zilizischen Ebene dazu, um die Erinnerung an „das Protektorat Frankreichs im Orient“ wieder aufzufrischen, an das außerhalb Frankreichs doch kein Mensch mehr glaubt. In der Sitzung der Deputiertenkammer, am 17. Mai d. J., bemerkte der Minister des Auswärtigen, Pichon, daß Frankreich gewillt sei, auf Grund des guten Rechts und der Ueberlieferung, für sein Protektorat im Orient einzutreten. Mit Verlaub: das „Recht“ Frankreichs auf dies Protektorat ist äußerst fadenscheinig und der „Ueberlieferung“ können die andern Mächte die Tatsache entgegensetzen, daß sie im Laufe der Zeit genügend stark geworden sind, um in solchen Fragen, wie sie jetzt durch die Christen Verfolgungen in Adana herauf beschworen worden sind, auch ein Wort mitzureden. Schließlich kann es auch uns in Deutschland nicht gleichgültig sein, wenn sich Frankreich jetzt wiederum das Protektorat im Orient anmaßt, denn in diesem politischen Akte steckt auch ein Stück handelspolitischer Kalkulalation. Wer dem Türken die Ueberzeugung beizubringen weiß, daß er das Anrecht auf eine bevorzugte politische Stellung im Orient besitzt, der hat es nicht schwer, sich auch Vorteile in wirtschaftlicher Beziehung herauszuholen. Auch aus diesem Grunde sollten wir daher nicht stillschweigend über die in der Deputiertenkammer zu Paris gefallenen Aeußerungen hinweggehen, sondern offen Einspruch dagegen erheben, daß immer noch der Popanz des „französischen Protektorats über den Orient“ aus der politischen Rumpelkammer herausgeholt wird, auf Grund dessen sich jetzt Frankreich wieder in den Vordergrund zu drängen sucht. Nur als Gleichberechtigte stehen jetzt die europäischen Mächte der türkischen Regierung gegenüber; eine „Vormacht“ — noch dazu „auf Grund des guten Rechtes und der Ueberlieferung“ gibt es heute im Orient nicht mehr.

Wenn auch die Zeit vorüber ist, da der allerchristlichste König von Frankreich sich anmaßen konnte, den Schutz aller Christen im Orient zu übernehmen, so läßt sich doch nicht leugnen, daß auch heute noch das Ansehen Frankreichs in der Levante hoch in Ehren steht und daß die französische Sprache als Verkehrssprache der handeltreibenden Bevölkerung in Syrien und Nord-Mesopotamien immer ausgedehntere Verwendung findet. Seit der politischen Umwälzung in der Türkei hat Frankreich in seinem Bemühen nicht nachgelassen, den Türken die Elemente der Bildung und des Wissens zuzuführen. Hierüber gibt der folgende Artikel Aufschluß:

D. 0. K, 1909, 19. November.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe

Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte