Schlagwort: deutsche Schutzgebiete

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Förderung des Handels und Hebung des Volkswohlstandes, Stärkung und Verbreitung der eigenen Nationalität sind die mächtigen Triebfedern überseeischer Politik, und nicht Abenteuerlust oder Ländergier, sondern wirtschaftliche Ursachen sind es gewesen, die zur Entstehung der deutschen Kolonialbewegung und der kolonialen Unternehmungen aller Völker überhaupt Anlass gegeben haben. Die heimische Bevölkerung ist so gewaltig gewachsen, dass unsere Landwirtschaft nur noch Dreiviertel dieser Volksmenge zu ernähren vermag. Daher gewinnt die Auswanderungsfrage immer mehr an Bedeutung, weil den Auswanderern neue Ziele eröffnet und sie zugleich den Interessen des Vaterlandes erhalten werden sollen. Dann erheischte die wirtschaftliche Notlage dringend Abhilfe. Der Absatz der massenhaft hergestellten Fabrikate wurde immer schwieriger, und es galt nicht bloss, den deutschen Kaufmann vor fremden Übergriffen zu schützen, sondern man musste im Wettbewerb mit den ebenfalls unter wirtschaftlicher Übererzeugung leidenden Nachbarstaaten der heimischen Industrie zugleich die alten Märkte sichern und ihr neue Absatzgebiete aufschliessen. Endlich war es ein naheliegender Gedanke, die vielen Millionen, die wir alljährlich für Kaffee, Tabak, Baumwolle und andere Kolonialwaren ausgeben, uns selbst zu erhalten und uns dadurch vom Ausland unabhängig zu machen.

Deutschlands Kolonien

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Als der Friede von Schimonoseki 1895 den Krieg zwischen China und Japan beendet hatte, zögerten die am ostasiatischen Handel beteiligten Mächte nicht, ihre Interessen nachdrücklichst zu wahren und sich wichtige Vorteile für die Unterstützung zu sichern, die sie dem geschlagenen Riesenreiche bei den Friedensverhandlungen hatten angedeihen lassen. Es ward immer deutlicher, dass sich der wirtschaftliche und industrielle Fortschritt Chinas nicht mehr aufhalten liess. Das ungeheure Land war für die Erschliessung durch europäisches Kapital reif geworden und versprach, einer der zukunftsreichsten Weltmärkte zu werden, nachdem sich seine riesige, arbeitsame Bevölkerung solange gegen das Ausland ablehnend verhalten hatte. Sehr fraglich ist es, ob Chinas Teilnahme am Welthandel dereinst zum Heile Europas sein wird und ob wir uns späterhin der chinesischen Nebenbuhlerschaft werden erwehren können. Nachdem aber der mehr oder minder gewaltsame Eröflfnungsprozess einmal eingeleitet ist, gilt es, möglichst viel von dem zunächst zu erwartenden Gewinn einzuheimsen. Zu diesem Zwecke und um gleichzeitig die politische Entwickelung im fernen Osten besser zu überschauen, beeilten sich Russland, England und Frankreich, den massgebenden Einfluss, den sie bereits auf jenem verheissungsvollen Schauplatze des wirtschaftlichen Wettbewerbs ausübten, noch mehr zu festigen. Nur Deutschland unterliess es, sich eine starke Stellung zu schaffen, obgleich sie eine unabweisbare Notwendigkeit war. Das zeigte nicht bloss der eben zu Ende gegangene Krieg, sondern nicht minder drängte darauf hin der deutsch-chinesische Handel, der in den letzten Jahrzehnten sich verdreifacht hatte und heute unmittelbar, wenn auch in weitem Abstande, hinter dem englischen folgt. Musste doch die erst 1886 eingerichtete Reichspostdampferlinie sehr bald die Zahl ihrer Schiffe verdoppeln und statt des vierwöchigen den 14-tägigen Betrieb einfuhren!

Allerdings erhielten wir beim Friedensschluss zwei sogenannte Kronkonzessionen d. h. zwei Gebiete, die, obwohl chinesisches Eigentum, uns zu alleiniger Benutzung überlassen wurden. Das eine Konzessionsgebiet befindet sich in Tientsin, dem Vorhafen der Reichshauptstadt Peking, das andere liegt in Hankou am Jangtsestrom. Letzteres ist von besonderer Bedeutung, weil die wichtige Zweimillionenstadt, die trotz ihrer weiten Entfernung von der Küste (600 km) von den grössten Dampfern erreicht werden kann, den Hauptstapelplatz für den Theehandel und die Einfuhr in die chinesischen Mittelprovinzen darstellt. Einmal besassen jedoch die andern Staaten längst diese Vergünstigung, und dann bot ein solcher Besitz weder einen geeigneten Stützpunkt, noch einen zweckentsprechenden Beobachtungsposten dar, so dass Deutschland nach wie vor eine nur durch Verträge in China zugelassene Macht blieb. Ein Volk aber, das in dem Masse auf den Weltmarkt hingewiesen ist wie das deutsche und das in Ostasien schwerwiegende Interessen zu verteidigen hat, musste schliesslich daran denken, ebenfalls ein wenn auch noch so kleines Küstengebiet als unbeschränktes, unter seinem Hoheitsrecht stehendes Eigentum zu erwerben. Wollten wir in China und Japan wirtschaftlich und politisch nicht an zweiter Stelle stehen, so mussten wir eine Heimstätte besitzen, damit die deutsche Arbeit und Intelligenz dem eigenen Vaterlande Nutzen bringen und nicht mehr wie früher Fremden zu gute kommen sollte. Ferner machte die zunehmende Ausdehnung unseres Handels seit Jahren die dauernde Anwesenheit eines schützenden Kriegsgeschwaders in den ostasiatischen Gewässern notwendig. Die Kriegsschiffe brauchen aber ebenso wie die Handelsschiffe einen Zufluchtsort, in dem sie ausgerüstet und ausgebessert werden, Kohlen und Lebensmittel einnehmen oder Unterschlupf und Ersatz finden und dadurch ihre Schlagfertigkeit verdoppeln können, ohne von dem guten und manchmal auch weniger guten Willen neidischer Nachbarn abhängig zu sein.

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Kaiser Wilhelmsland (181000 qkm), der Bismarck-Archipel (52000 qkm) und die nordwestlichen Salomonen (22000 qkm) stellen mit 255000 qkm Gesamtfläche unsern ausgedehntesten Südseebesitz dar und sind zugleich die einzige deutsche Kolonie, die noch nicht Staatseigentum ist. Sie gehört vielmehr einer Privatgesellschaft, der Neuguinea-Kompagnie, deren selbst gewählter Landeshauptmann die staatlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten leitet.

Kaiser Wilhelmsland umfasst den nordöstlichen Teil der politisch unter England, Holland und Deutschland geteilten Insel Neuguinea, die das Bindeglied zwischen Asien und Australien und die zweitgrösste Insel der Welt ist. Die durch landschaftliche Schönheiten ausgezeichnete Küste kann ohne Fährlichkeiten befahren werden, weil die sie begleitenden Korallenriffe sich in schmalem Saum dicht am Ufer halten und rasch zu grosser Meerestiefe absinken und weil vortreffliche Einfahrten in die geschützten Häfen führen, die obendrein durch deutliche Landmarken, meist durch Vulkaninseln, bezeichnet werden. Somit sind die Gestade Kaiser Wilhelmslandes, die Finsch-, Hansemann-, Maclayküste u. s. w., dem Seeverkehr viel günstiger als die afrikanischen Küsten, und ebenso besitzen die Salomonen 1) und der Bismarck-Archipel2) sichere und brauchbare Ankerplätze, nur dass hier die zahllos vorgelagerten Riffe den Zugang in mehr oder minder hohem Grade erschweren. Namentlich die quellenreiche Gazellenhalbinsel auf Neupommern hat Überfluss an Buchten. An der Blanchebai liegt Herbertshöhe, der Hauptverwaltungssitz für den östlichen, die Salomonen und den Bismarck-Archipel umfassenden Verwaltungsbezirk, während auf den benachbarten Eilanden Matupi und Mioko die wichtigsten Plantagen und Faktoreien des Inselgebietes errichtet sind.

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Deutsch-Südwestafrika nimmt unser Interesse besonders dadurch in Anspruch, dass es die erste deutsche Kolonie war und für absehbare Zeit unsere einzige Besitzung ist, die eine Besiedelung mit Nordeuropäern möglich macht. Als ein nach Norden breiter werdendes, längliches Viereck erstreckt sich das Schutzgebiet durch 11 ½ Breitengrade zwischen dem Oranjestrom im Süden und dem Kunene im Norden, vom Atlantischen Ozean bis an und über 20° O. und steht längs des Tschobeflusses durch einen schmalen Streifen zweifelhaften Wertes mit Südafrikas wichtigster Handelsstrasse, dem Sambesi, in Verbindung. Mit 835100 qkm Flächeninhalt stellt es unsere zweitgrösste Kolonie dar, die das Mutterland noch um Zweidrittel seines Umfangs übertrifft. Freilich bezeichnet dieser ungeheuere Raum wie bei den andern Schutzgebieten nur unser Interessenbereich, mit dem sich unser eigentliches Machtbereich noch lange nicht deckt. Im Norden sind die Portugiesen, im Osten und Süden die Engländer unsere Grenznachbarn, und letzteren gehört auch die Walfischbai nebst einigen unbedeutenden Guanoinselchen.

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