Schlagwort: Deutscher Künstlerbund

Museum Leipzig
9. Februar bis 21. April 1907

Bei der Ersten Graphischen Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes im Deutschen Buchgewerbemuseum zu Leipzig bedeutet, wie schon die Bezeichnung der Ausstellung sagt, das Buchgewerbemuseum mehr als das Lokal. Denn nur in Verbindung mit einem Institut, das wie das Museum des Deutschen Buchgewerbevereins darauf angelegt ist, größere Ausstellungen zu veranstalten, und das für solche Zwecke beträchtliche Mittel aufzuwenden hat, konnte diese umfassende Übersicht über die moderne deutsche Graphik gegeben werden. Man weiß ja, wie stiefmütterlich sonst die Graphik auf unseren Kunstausstellungen behandelt wird. Beiden geringen Verkaufsgebühren, die sie abwerfen, sind graphische Ausstellungen wenig einträglich.

Von den Künstler verbänden allein wird man daher ihre öftere Veranstaltung, besonders in größerem Umfange, nicht gut verlangen dürfen. So ist es Sache der in Frage kommenden Museen, hier einzugreifen, die ideale Forderung einzulösen, die sonst unerfüllt bliebe. Das Deutsche Buchgewerbemuseum aber fühlt sich hierzu in erster Linie berufen, nicht so sehr in Rücksicht auf Kunst und Künstler als vielmehr in Rücksicht auf das Gewerbe, dem seine Arbeit gewidmet ist.

Denn die Graphik ist diejenige Stelle, an der das Buchgewerbe mit der freien Kunst zusammenhängt, jenem großen Reservoir, aus dem alles das gespeist wird, was wir angewandte Kunst nennen. Die Veranstaltung einer großen graphischen Ausstellung, bei der die Verbindung zwischen Publikum und Künstler so bequem wie möglich zu geben war (was vor allem den Wegfall von Eintrittsgeld bedeutet), die Veranstaltung einer solchen Ausstellung also erschien dem Museum als eine lockende Aufgabe. Es lag nahe, sich hierbei die unberechenbaren Vorteile nutzbar zu machen, die eine so bedeutende Organisation bietet, wie sie der Deutsche Künstlerbund darstellt. Und diese Vorteile, als da sind eine Jury, gebildet aus hervorragenden Künstlern, der Villa-Romana-Preis und all die Imponderabilien, haben das Museum für die Opfer, die es an Geld und Mühe auf die Ausstellung verwandt hat, reichlich entschädigt. Künstlerbund sowohl wie Buchgewerbemuseum können mit Befriedigung auf diese gemeinsame Veranstaltung blicken, die in gewisser Weise ein Novum darstellt und allenthalben Beifall findet.

Die Ausstellung umfaßt rund 800 Arbeiten von etwa 160 Künstlern. Macht für den Einzelnen im Durchschnitt fünf. Da nun aber mehrere Künstler mit weniger Werken auf traten, ergab sich die Möglichkeit, besonders interessante und neue Erscheinungen mit einer stattlichen Anzahl von Arbeiten zur Geltung zu bringen und so eine umfassendere Vorstellung von ihrem Wesen und Wollen zu geben, als es bei den zwei bis drei Blatt der üblichen Vertretung möglich ist. Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorzug der Ausstellung. Die Anordnung der Arbeiten in den völlig neu hergerichteten Ausstellungssälen ist nach Kunstzentren getroffen worden. Zu dieser Bequemlichkeit tritt noch die, daß jedes Werk mit einem Zettel versehen ist, der außer Künstlernamen und sonst erforderlichen Bemerkungen auch den Preis angibt. Ein kurzer Führer, der für 20 Pfg. abgegeben wird, dient zur Orientierung. Dem stark hervortretenden Bedürfnis nach Erläuterung der Ausstellung sucht die Museumsleitung durch Führungen und Vorträge zu genügen.

Bevor wir nun unseren Gang durch die Ausstellung antreten, seien hier einige allgemeine Überlegungen gegeben. Es wird bei unserer Wanderung viel von Farbe die Rede sein. Und zweifellos ist der Zug nach Farbe das am stärksten hervortretende Merkmal neuerer deutscher Graphik. Soll man nun daraus, entsprechend einer weit verbreiteten Auffassung von der Farbe, auf naturalistische Absichten in der Graphik schließen? Doch wohl nicht. Denn die Farbe ist an sich in nichts naturalistischer als die Form, kann ebenso wie diese Träger des Stilprinzips sein, ist das ja, was die Graphik betrifft, z. B. Hand in Hand mit der Form in ausgezeichneterWeise in der japanischen Kunst gewesen. Und wer wollte angesichts der breit hingesetzten Farbflächen, wie sie die Holzschnitte der Münchner oder Wiener zeigen, von Naturalismus reden! Breit hingesetzte Farbflächen — das Wort führt uns weiter.

Kunstartikel