Schlagwort: deutscher Orden

Reformation – das Ende des Katholizismus – der Livländische Staatenbund

Ganz anders verlief die Entwicklung in Kurland, Livland und Estland, den späteren Staaten Lettland und Estland. Livland,seit 1225 Mark des Reiches unter Bischof Albert von Riga (sein zweiter Nachfolger erhielt den Titel eines Erzbischofs), sollte zur Keimzelle einer über Jahrhunderte von Deutschen maßgeblich geprägten Region werden, deren ständige Bedrohung durch verschiedene angrenzende Mächte einen Hinweis auf ihre von allen Seiten früh erkannte strategische Bedeutung gibt.

So wie die Expansion von Livland aus ins südlich gelegene Litauen scheiterte, mißlang den Ordensrittern auch jene nach Nordosten. Der Versuch eines weiteren Vorstoßes über Estland hinaus ins russische Territorium endete mit der Niederlage des Deutschen Ordens gegen Alexander Newskis Heere am 5. April 1242 auf dem Eis des Peipus-Sees. Dieses Datum zementierte auf Jahrhunderte die Trennung zwischen dem sich fortentwickelnden Europa und dem beharrenden Rußland, zwischen Abendland und Orthodoxie, bis schließlich Peter der Große die tiefe Kluft überwand.

Die einheimischen Völker blieben zunächst ein Unruhefaklor. Liven (ein finno-ugrischer Stamm, der im Laufe der Jahrhunderte von den Letten assimiliert werden sollte; heute leben noch 140 Angehörige dieses Volkes in Lettland), Selen (ein lettischer Stamm) und Lettgaller konnten zwar mit der Zeit unterworfen werden. Doch insbesondere die Kuren und die Semgaller widersetzten sich bis zum Ende des 13. Jahrhunderts der Missionierung.

Noch erfolgreicher war der Abwehrkampf der kriegerischen Esten.

Mehrfach rebellierten sie gegen die Ordensherrschaft. Ihr Feldzug 1343-1345 stellte gar die Vormacht des Ordens grundsätzlich in Frage.

In einer zeitgenössischen Chronik ist zu lesen: »Sie fingen an totzuschlagen, Jungefrauen und Frauen, Knechte und Mägde, edel und unedel, jung und alt, alles, was von Deutschen da war, das mußte sterben… Da dies geschehen war zogen die Könige mit den Esten fort und belagerten Reval mit 10 000 Mann. Kurz darauf schlugen sie auch in der Wiek alle Deutschen tot die sie fanden, gleich in Harrien geschehen war, zogen aus und belagerten Hapsal und brachten in der Wiek 1800Menschen, jung und alt, um. In dieser Not entfloh, wer fliehen konnte.« Zehn Tage später jedoch wurde das Estenheer vor Reval durch einen Überraschungsangriff vernichtend geschlagen.

Die unterworfenen Menschen und Stämme in Livland blieben persönlich frei, behielten das Eigentum an Grund und Boden sowie das Erbrecht und hatten den neuen Herren lediglich »den Zehnten« zu zahlten. In wirtschaftlicher Hinsicht ging es ihnen besser als ihren Standesgenossen in Rußland oder Polen. Zum »Gesinde« eines sogenannten »Hakenbauers« gehörten in der Regel zwei bis vier Pferde- oder Ochsengespanne und zwei bis drei Knechte oder Mägde. Erst am Ende des 16. Jahrhunderts, nach dem Niedergang der Ordensherrschaft, wurden sie in den Status der Leibeigenschaft gezwungen.

Segensreich war die Anwesenheit der Eroberer in ethnischer Hinsicht. Einerseits stellten die Deutschen wohl zu keiner Zeit wesentlich mehr als 5 Prozent der Bevölkerung (zur Mitte des 16. Jahrhunderts lebten im lettischen Gebiet rund 400 000 und im estnischen rund 260 000 Menschen) und konnten daher niemals die ansässigen Völker überfremden. Andererseits boten sie aber zugleich Schutz vor den Russen und einer Russifizierung, die außerhalb Livlands siedelnde finno-ugrische Stämme auslöschte.

Zunächst drohte Gefahr ohnehin von einer anderen Seite: Der Orden als die stärkste Schutzmacht des Raumes und Klammer zwischen Livland und dem Heiligen Römischen Reich, war in eine tiefe Krise geraten seit dem Übertritt der benachbarten Litauer 1386 zum Christentum – jetzt gab es weit und breit keine Heiden mehr und damit auch keine Existenzberechtigung für den Ritterbund. Die Christianisierung der Litauer unter Jogaila hatte dem Orden zugleich mit der neuen polnisch-litauischen Union einen übermächtigen Gegner beschert. Der zweite Thomer Frieden (1466) kündigte das Ende der Ordensmacht von Westpreußen bis zum Baltikum an -und damit auch das Ende des Katholizismus.

Bis zu Plettenbergs Tod (1535) blieb – im Gegensatz zu den Städten – das Land weitgehend katholisch, dann setzte sich auch dort die Reformation durch. Esten und Letten profitierten von dieser Entwicklung kulturell: Die Reformation brachte ihnen die Anfänge der Schriftsprache. Als älteste estnische Druckschrift gilt ein im Auftrag des Rates von Reval verfaßter und 1535 gedruckter zweisprachiger estnisch-niederdeutscher Katechismus.

In einem anderen, sehr entscheidenden Bereich hatte sich demgegen über die Situation der Letten und Esten verschlechtert. Während die Ritterschaft insbesondere seit dem 15. Jahrhundert verstärkt politischen Einfluß gewonnen hatte und ihre Angehörigen als Vasallen mit Gütern in immer größerem Umfang belehnt wurden, sanken die Rechte der Bauern.

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Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
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Sowjetunion-Das Land
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Goten-Waräger-Deutsche
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Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Baltikum

Nach dem vernichtenden Sieg über die Schwertbrüder gelang es dem litauischen Fürsten Mindaugas Mitte des 13. Jahrhunderts, die zersplitterten Stämme zusammenzufassen. Dies war notwendig nicht zuletzt wegen der »Litauerreisen«, die die Ordensritter in den nachfolgenden Jahren immer wieder unternahmen – angeblich zum Zwecke der Missionierung und zur Eroberung Sche-maitens (nördlich von Kaunas) als Landbrücke von Livland ins spätere Ostpreußen, tatsächlich aber entartet zu blutigen »Vergnügungsreisen« für Ritter und Fürsten, bei denen die »Heiden« regelrecht abgeschlachtet wurden.

Zäh verteidigten die Litauer dennoch ihre Position und dehnten sogar ihr Territorium aus. Unter Gediminas (1316-1341) begann der endgültige Aufstieg zu einer Großmacht. Schemaiten, das der Orden vorübergehend erobert hatte, wurde zurückgewonnen, Kiew und das Fürstentum Smolensk litauischer Herrschaft unterstellt. Gediminas Söhne Algirdas und Keistutis, die bis 1380 nebeneinander residierten, vergrößerten den Mächtebercich noch weiter: Im Süden entlang des Dnjepr bis über Kiew hinaus, im Osten an der Oka bis auf 150 km vor Moskau und im Norden bis an die obere Lowat.

Schicksalhaft wurde der 18. Februar 1386 für Litauen und für den Fortgang der ostmitteleuropäischen Geschichte insgesamt. Jogaila, ältester Sohn aus der zweiten Ehe des 1377 verstorbenen Olgerd und Alleinherrscher seit 1382, heiratete die polnische Königin Hedwig, jüngste Tochter des 1370 verstorbenen Königs Ludwig von Ungarn, der auch die polnische Krone getragen hatte. Hedwig,damalsein 12jährigcs Kind, leistete der Eheschließung mit dem über 20 Jahre älteren Großfürsten aus Litauen verständlicherweise Widerstand. Doch die politischen Motive standen für jene polnischen Adligen, litauischen Diplomaten und den einflußreichen deutschen Kaufmann und Berater Jogailas, Stadthauptmann Hanulo von Wilna, im Vordergrund: Der litauische Herrscher hatte drei Tage vor der Trauung das römische Christentum angenommen und sich darüber hinaus verpflichtet, sein Land der Krone Polens »auf ewig« anzugliedern, auch sein Volk taufen zu lassen und »verlorene polnische Gebiete« wiederzuerobern. Derartige Gelüste sollten in der weiteren Geschichte Polens immer wieder auftauchen. Zur Zeit Jogailas ging es vor allem um die (keineswegs ursprünglich polnische) Region Pommerellen sowie das an Ungarn gefallene Rotreußen (später Ostgalizien) und um die Zurückdrängung der Ordensmacht insgesamt.

Als König Wladyslaw II. von Polen nahm Jogaila die versprochene Christianisierung seiner Untertanen in Form von Massentaufen vor. Gleichzeitig regierte sein Vetter Vytautas von Traken (Trakai) Litauen. Die dort von Keistutis 1382 errichtete Wasserburg war eine der modernsten europäischen Festungen ihrer Zeit und ist, nahe der Straße von W’ilna nach Kaunas, heute eine touristische Attraktion.

Litauen erreichte unter Vytautas die größte Ausdehnung: als ein mächtiges Imperium von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, insgesamt rund 520 000 Quadratkilometer. Außerdem gelang es Vytautas, die weitestgehende Unabhängigkeit seines Großfürstentums von Polen sichcrzustellen.

Die permanente Rivalität Litauens und Polens mit dem Deutschen Orden eskalierte durch den Streit um Schcmaiten. Am 15. Juli 1410 kam es zu einer der folgenreichsten Schlachten des Mittelalters. Bei Tannenberg in Ostpreußen wurde das Ordensheer von der polnisch-litauischen Union vernichtend geschlagen und der Hochmeister Ulrich von Jungingen getötet. Sein Nachfolger Heinrich von Plauen mußte im Ersten Thomer Frieden 1411 auf Schemaiten verzichten, das er ohnehin nie hatte erobern können, und umfangreiche Zahlungen an die Sieger leisten.

Mit Vytautas (1430) und Jogailas (1434) Tod war die glorreiche Zeit litauischer Herrscher vorüber. Die Union mit Polen, obgleich »auf ewig« geschlossen, zerbrach und wurde 1446 im Unionsvertrag von Brest als Personalunion, die beiden Staaten ihre Unabhängigkeit auch formal beließ, nur halbwegs wiederhergestellt.

Doch im Osten wuchs zugleich eine neue Gefahr heran, die über die nächsten Jahrhunderte hinweg das Schicksal des Baltikums bestimmen sollte. Iwan III. begann von Moskau aus eine neue Etappe des »Sammelns der russischen Erde«. Schritt um Schritt verschob sich das einstige Mächlcgleichgewicht zwischen dem römisch-katholischen Litauen und dem orthodoxen Rußland zugunsten der Russen.

Das ehemalige Erzbistum Riga und das Ordensland nördlich der Düna wurden 1566 als Herzogtum Livland Litauen angegliedert. Doch die Bedrohung aus Moskau, wo inzwischen Iwan IV., der Schreckliche, regierte, wuchs. In dieser Situation folgten die Litauer dem jahrzehntelangen Drängen der Polen und Unterzeichneten am 1. Juni 1569 den Vertrag zur »Union von Lublin«, der einen gemeinsam zu wählenden Herrscher vorsah, der zugleich automatisch Großfürst von Litauen war. Die Souveränität Litauens schwand damit weitgehend. Deutliches Zeichen dafür ist die nur in polnischer Sprache abgefaßte Unions-Urkunde. Litauen mußte außerdem seine ukrainischen Gebiete an Polen abtreten und einem Kondominium mit Polen über Livland zustimmen. Am 7. Juli 1572 verstarb mit dem litauischen Großfürsten und gleichzeitigen polnischen König Sigismund II. August der letzte männliche Sproß des litauischen Jogaila-Hauses.

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Baltikum

11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Die Ureinwohner – Die Besiedlung – Die Christianisierung

Augenzeugen berichten von grauenhaften Szenen, die die Armeen des Diktators aus Moskau im Baltikum anrichteten: Schwangere Frauen wurden erschlagen. Kinder auf Zäune gespießt, Erwachsene unter furchtbarsten Qualen zu Tode gemartert.

Diese Greuel trugen sich vor rund 400 Jahre zu und stellen einen der ersten folgenreichen Kontakte zwischen Russen auf der einen und Esten und Letten auf der anderen Seite dar. Jener Diktator war Iwan IV., »der Schreckliche«.

Im Gedächtnis der Völker an der Ostsee spielen derartige Kapitel der Geschichte, die Rußland als Bedrohung zeigen, eine große Rolle. Auch die Litauer ziehen Parallelen zwischen dem, was sie unter Stalin und seinen Nachfolgern erleiden mußten und den blutigen Pressionen und Russifizierungsbemühungen, mit denen Zar Alexander II. dem Aufstand von 1863/64 begegnete. Esten, Letten und Litauer sind mit dem Boden, auf dem sie leben, eng verwurzelt. Die baltischen Völker im ethnographischen Sinne, also Pruszen (die Ureinwohner des späteren Ostpreußen), Litauer und Letten sowie die zwischen 1400 und 1600 von den beiden zuvor erwähnten Völkern assimilierten Kuren, Semgallen und Selen, siedelten seit spätestens dem 3. Jahrtausend vor Christus in der Region, in der sie heute noch leben.

Die Esten gehören demgegenüber ethnisch nicht zu den baltischen Völkern, sondern zu den Finno-Ugriern. Bereits im 6. Jahrtausend vor Christus, also schon im Neolithikum, war Estland besiedelt. Von diesen wahrscheinlich über Mitteleuropa eingewanderten Ureinwohnern dürften die Esten abstammen. Esten wie auch der baltische Stamm der Kuren, der im Südwcsfcn des späteren Lettland siedelte und von dem später der Name »Kurland« (und in Ostpreußen die »Kurische Nehrung«) entlehnt wurde, waren als typische Küstenvölker. ähnlich wie die Wikinger, Seeräuber. Sie griffen aber auch die Küsten Schwedens und Dänemarks auf der Jagd nach Beute immer wieder an.

»O mächtiger Gott, bewahre uns vor den Kuren!«, so lautet die inständige Bitte in einem alten dänischen Gedicht. Die Litauer waren ähnlich kriegerisch und insbesondere seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts der Schrecken der Lettgaller, Liven und auch der Esten. Russisch-normannische Fürsten aus Groß-Nowgorod und Polozk unternahmen als erste auswärtige Macht zu Beginn des 11. Jahrhunderts den Versuch, an die Ostseeküste vorzustoßen. Doch ihre Expansion nach Estland und in Richtung der Dünamündung war nur mäßig erfolgreich.

Im 12. Jahrhundert fand man auch im Heiligen Römischen Reich Interesse am baltischen Raum. Erstens wollten sie das weitere Vordringen der Russen verhindern. Zweitens wollten Kaiser und Papst die »heidnischen Gebiete«. Drittens suchten die deutschen Kaufleute neue Handelsmöglichkeitcn.

Der erste Mönch, der sich 1184 deutschen Kaufleuten anschloß und im Bereich der Düna-Mündung niederließ, Meinhard aus dem holsteinischen Segeberg, holte sich vom russischen Fürsten Wladimir von Polozk die »licentia« zur Missionierung der Liven. Unter seinem zweiten Nachfolger, dem Bremer Domherrn und späteren Gründer (1201) und Bischof von Riga, Albert, begann die offizielle Christianisierung in dieser Region. Er bemühte sich um die Ansicdlung deutscher Bauern, vor allem aus Westfalen.

Einen unverzichtbaren Beitrag zur Unterwerfung des Landes leistete der 1201/03 vom Zisterzienser Theoderich gegründete »Orden der Ritterschaft Christi«, nach seinen Abzeichen »Schwertbrüderorden« genannt. Er war nicht dem Papst, sondern dem Bischof direkt unterstellt. Später kam es jedoch zu scharfen Rivalitäten zwischen Bischof und Orden und dann auch mit den Städten. 1225 wurde Livland als Mark des Reiches anerkannt und Albert mit den übrigen Reichsfürsten gleichgestellt. Nun stand »Livland« als Sammelbezeichnung für die gesamte vom Orden eroberte Region. Später folgte eine Differenzierung in Kurland, Livland und Estland.

Doch wirklich in sich geschlossen war das alte Livland nicht. Die innere Zerrissenheit blieb, und die daraus resultierende Schwächung wuchs durch die vernichtende Niederlage, die der Schwcrtbrüderor-den im September 1236 im litauischen Schaulen (Siauliai) bei dem Versuch erlitt, das Großfürstentum Litauen zu erobern. Die überlebenden Schwertbrüder schlossen sich 1237 dem Deutschen Orden an, der auf Bitten des polnischen Fürsten Konrad von Masowien 1225/26 mit der Missionierung und Eroberung des Pruszenlandes begonnen halte.

Die Niederlage der Schwertbrüder – und auch der Deutsche Orden war später nicht erfolgreicher – gegen die Litauer stellte eine Zäsur für die weitere Entwicklung des Ostsec-raums dar. Sie verhinderte eine umfassende deutsche Kolonisierung des Küstengebietes über Ostpreußen hinaus. Denn der Sperriegcl in Form der Existenz Litauens blieb bestehen, und über See, »auf den Balken« – eines Schiffes, ging ein landverwurzelter Bauer nicht. Dies hatte zur Folge, daß Kurland, Livland und Estland nur von einer prozentual kleinen deutschen Führungsschicht »aufgesegelt« wurde, die sich auf Dauer dort nicht halten konnte und in diesem Jahrhundert ihre Position endgültig einbüßte.

Litauen führte hingegen durch die erfolgreiche Abwehr des Ordens ein staatliches Eigenleben. In eine Schicksalsgemeinschaft mit dem späteren Lettland und Estland geriet es erst im 18. Jahrhundert, als die Gesamtregion nach der Teilung Polens an Rußland fiel.

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Baltikum Deutsche Geschichte


Ums Jahr 1160 nach Christus durchsegelten zum ersten Male Deutsche, Lübecker Kaufleute, von Wisby auf der Insel Gotland aus den heutigen Rigaischen Meerbusen, fuhren in die Mündung der Düna ein und landeten einige Stunden flussaufwärts auf dem rechten Ufer des Stromes, um mit den Eingeborenen, heidnischen Liven, Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Vierzig Jahre später gründete Albert, der zweite Bischof von Livland, die Stadt Riga und den Orden der Schwertbrüder, um die Eroberung und Kolonisation des Landes auf einen festen Grund zu stellen. Bald danach, 1207, erklärte Barbarossas Sohn, König Philipp von Schwaben, Livland für ein Lehen und einen Bestandteil des Deutschen Reichs, was es dann dreieinhalb Jahrhunderte hindurch geblieben ist. Eine Zeitlang schien es sogar, als ob von dieser ersten überseeischen Kolonie Deutschlands eine weltgeschichtliche Wendung im Sinne der Vorherrschaft des Deutschtums in ganz Nordeuropa östlich des Baltischen Meeres ausgehen würde. Der livländische Orden dehnte seine Machtstellung bis tief nach Russland hinein aus, eroberte Pskow und schob einen festen Platz bis in die Nähe der Newamündung vor. 1242 aber besiegte Alexander Jaroslawitsch Newskij, Grossfürst von Nowgorod, die Ritter in einer blutigen Schlacht auf dem Eise des gefrorenen Peipussees in der Nähe von Pskow, und seitdem blieb die deutsche Herrschaft auf „Livland“, d h. das Gebiet der heutigen drei russischen Ostseegouvernements Livland, Estland und Kurland, beschränkt. Das alte Livland war im kleinen ein getreues Abbild des  deutschen Mutterlandes, ein lockerer Bundesstaat, in dem die verschiedenen Landesherren, der deutsche Orden, die Erzbischöfe von Riga, die übrigen Bischöfe und die Städte, in steter Uneinigkeit mit einander rivalisierten und sich bekämpften, bis um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ein übermächtiger Feind von Osten, Iwan der Schreckliche, heranzog, und das Land im Kampf der nordischen Mächte, Moskau, Polen, Schweden, auseinanderfiel. Es wurde dabei eine Beute der stärksten Partei; Russland ging vorläufig leer aus, Schweden nahm den grösseren Teil, Estland und das eigentliche Livland, für sich; Kurland wurde polnisches Lehnsherzogtum und hielt sich als solches bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts, nachdem Peter der Grosse den schwedischen Anteil schon im nordischen Kriege für sich genommen hatte.

Kolonie und Heimat