Schlagwort: Deutschland

Die Kunst des letzten Jahrhundertdrittels zeigt auf der ganzen Linie das Nachwirken der räumlichen plastischen und malerischen Empfindung der voraufgegangenen Zeit, allerdings mehr und mehr beruhigt durch die klassischen Formgedanken.

In der Verbindung mit der Architektur wandelt die Bildnerei ihren Stil, indem sie die Reliefs flacher und die Umrisse der Bekrönungsfiguren ruhiger macht. Den Übergang vertreten die späteren Bildwerke Nahls in Kassel, seine Rossebändiger und das Denkmal Lemdgraf Karls, die Statuen Pfaffs in Mainz, zu denen zahlreiche Tonskizzen im dortigen Museum sind, Figuren und Reliefs W. C. Meyers und seiner Schüler an den Bauten Gon-tards und Ungers in Berlin, die Gartengruppen Kapplungers in Ludwigslust und endlich die späteren Werke Peter Wagners in Würzburg (Stationen des Käppele und im Park von Veitshöchheim. In der kirchlichen Skulptur bezeichnen die Altarausstattungen von Dürr und Wieland im südlichen Schwaben (Abb. 193), vorzüglich die in der Zisterzienserkirche Salem unfern des Bodensees, das Nachleben der älteren Schule in dem neuen Gewände des Louisseize. In der kirchlichen Umgebung wirken allerdings die klassischen Säulen- und Rahmenformen, die geradlinigen Vasenbekrönungen, die Lorbeergehänge, die Mäanderfriese des „a la Grecque“, die jetzt als Schmuck der Altäre, der Kanzeln, der geschnitzten Chorstühle und Beichtstühle, sowie an den Grabmälern auftreten, befremdend.

Als Nachfolger des jüngeren Adam hat in Berlin der Wallone Antoine Tassaert die Marmorbildnerei von dem letzten Rokoko übergeführt in einen dem Stile Falconets verwandten Geschmack. Die Nymphen, Grazien und Amoretten haben bei aller Glättung der Körper noch vieles von der Anmut der Rokokobildnerei. Der in Berlin jetzt erwachende patriotische Stolz gibt zu Darstellungen friderizianischer Generale, wie sie leibten und lebten, Anlaß, worin Tassaert der würdige Vorläufer seines Schülers Schadow ist. Neben den Marmorstatuen im Treppenhaus des Kaiser-Friedrich-Museums übermittelt die prächtige Tonskizze vom Kopf des alten Ziethen einen Begriff von Tassaerts Frische in der Erfassung des Lebens. Sein Fortsetzer, Gottfried Schadow, der 1785 bis 1787 in Rom weilte, hat gleichfalls das feinbewegte Relief beibehalten, wie die Stuckfüllungen in Erdmannsdorfs Parolesaal und Säulensaal im Berliner Schloß, die Stein- und Stuckreliefs an dem Brandenburger Tor und an anderen Bauten Berlins beweisen. Wie vieles haben z. B. auch seine Herkulesgruppen auf der Herkulesbrücke mit denen etwa noch des Matielli in der Wiener Hofburg gemein.

Aber selbst die Marmorbüsten Schadows in den achtziger und neunziger Jahren verknüpft die Behandlung des Marmors, das Schwebende der Flächen mit dem Handwerklichen des Jahrhunderts, und nur in der Durchführung des einzelnen, der genauen Faltenbehandlung tritt die Naturalistik hervor (Abb. ig8); ein Markstein für diese ist die Marmorgruppe der Prinzessinnen Luise und Friederike (i7g4, vollendet I7gg). Neben Schadow sind Bettkober, Bardou und Eckstein in Berlin in der Baubildnerei an den Bauten Friedrich Wilhelms II. beteiligt und haben im Büsten- und Reliefporträt gearbeitet.

Der gleichen Stilrichtung gehören Doll und Klauer in Weimar an, die neben Büsten Bauskulpturen für Erdmannsdorfs Bauten in Dessau und Wörlitz schufen. In Wien sind Franz Xaver Messerschmied, Balthasar Moll, der Schöpfer des bleigegossenen Reiterdenkmals Franz’ I., J. G. Dorfmeister, Joh. Berger und der aus Ludwigsburg berufene Wilh. Beyer Übergangsmeister zu dem Stil, der in den Biskuitgruppen Grassis und in Zauners früheren Werken (Grabmal Leopolds II.) in der Augustinerkirche rein entwickelt ist. Aus der durch die Übung des Bleigusses ausgezeichneten Wiener Modelleurkunst wächst der treffliche Medailleur Leonhard Posch heraus, dessen schönste Werke, die Porträtmedaillen von Mitgliedern des Kaiserhauses, in die Wiener Zeit fallen; 1804 ging er nach Berlin, um für die neugegründete Eisengießerei zu modellieren. Endlich wäre noch der Übergangserscheinungen in München zu gedenken, des Roman Anton Boos, der den Stil der Straub und Günther verdrängte, und in Mannheim des Verschaffelt, der ähnlich wie Tassaert, nur mit römischer Schulung, das Hämische Naturell bis in den beginnenden Klassizismus hinein bewahrt.

Er ist der Lehrer Landolin Ohmachts in Straßburg, der bereits mit beiden Füßen in der klassischen Formengebung wurzelt. Die hauptsächlich als Porzellan modelleure tätigen Meister Linck und Melchior streifen jetzt mehr und mehr das Rokoko ab. Die Reliefplakette des jungen Goethe von Melchiors Hand vom Jahre 1775 mag als Markstein des Stilwandels genannt werden. Eine entscheidende Wendung in der Porzellanplastik kommt um 1780 zum Durchbruch, indem die farbigglasierten Porzellane durch das weißer, schärfer auszuformende Biskuit verdrängt werden. Neben Grassis Wiener Gesellschaftsgruppen und Büsten ragen die von Schadow für die Berliner Manufaktur modellierten Werke hervor.

Die Geschirrformen des Porzellans werden jetzt den glattwandigen Urnen und Vasen der Antike nachgebildet; die Blumen- und Landschaftsmalerei in der leichten Rokokomanier kommt außer Mode. Architektonische Verzierungen werden dem strengeren Bau des Gefäßes angepaßt. Reizvolle Service und Ziervasen in dem Louisseizegeschmack sind in Berlin (Kurländer Muster, Blumen von Schulz), in Fürstenberg, in Höchst und Wien entstanden (Abb. 199). Ein Beweis für das Erlöschen des höchsten Stilempfindens wird erbracht durch die Vorliebe für marmorartige Dekorierung der Gefäße, ein Gegenstück zu der Neigung für zartgetönte Stuckmarmorbekleidung der Wände. Die neuen Dekore, die teilweise Anregungen von den pompejani-schen Wandgemälden und Vasenmalereien empfingen, deuten wie die breite und dicke Vergoldung auf das Erlahmen des dem Rokoko eigentümlichen Sinnes für das keramische Material.

Der Umschwung wird noch deutlicher betont durch das Aufkommen des Steinguts an Stelle der Fayence. Um 1775 ist die Mehrzahl der Fayencefabriken eingegangen oder sie sind in Steingutfabriken umgewandelt worden. So die von Kassel schon 1771, die in Rheinsberg, die Pros-kauer, die in Königsberg. Die fruchtbarste entstand in Magdeburg. Die Gestalten des Steingutgeschirrs sind von ihrem Ursprung her, in der Wedgwoodfabrik von Etruria in England auf den glatten klarlinigen klassischen Formen aufgebaut, die in England Flaxmann, Adam u. a. nach antiken Mustern geschaffen haben. Der schöne Umriß ist die Forderung der Zeit auf allen Gebieten der Geschirrkunst geworden. Auch deutsche Baumeister wie Dury in Kassel, Langhans in Berlin, Genelli, Friedr. Gilly usw. haben Vorlagen für Geschirr in Porzellan und Steingut geliefert. Die frühesten Steingutgefäße, die marmorierten von Kassel, die gelben und blauen von Rheinsberg suchen der zarten Farbenwirkung der Wedgwoodmassen nachzueifern, aber nach und nach beherrscht das gelbliche Weiß und das Schwarz die mehr zur Industrie auswachsende norddeutsche Steinguterzeugung ganz.

In gleicher Weise bewirken die englischen Silber gerate des letzten Jahrhundertviertels einen Umschwung in der deutschen Silberschmiedekunst. In Berlin und auch in Augsburg, dem langjährigen Hauptsitz des Rocaillestils in der Silberkunst, werden Terrinen, Gewürzaufsätze und Leuchter den glatten englischen Mustern nachgebildet (Abb. 200).

Das Glas sucht dem neuen Geschmack zu folgen durch urnenmäßige Formen der Pokale, Beschränkung der geschnittenen Verzierungen auf sparsame Gehänge und Anbringung von schwarzen Silhouetten.

Am greifbarsten erscheint das Zurücktreten der plastischen Bewegtheit zugunsten der linearen Flächigkeit in den Schmiedeeisengittern, die jetzt aus gleichmäßig dünnen Stäben zusammengesetzt werden. Am Ausgang des Jahrhunderts übernimmt der Eisenguß ihre Herstellung. Die Möbelkunst nimmt zugleich mit der Innenarchitektur gerade Formen an. Kein deutscher Meister läßt besser den Übergangsstil erkennen als David Roentgen in Neuwied. Die dem Auge unsichtbare Überführung der geschweiften Beine in die Zarge am Rokokotisch- und Stuhlmöbel behalten noch die frühesten, um 1770 entstandenen Roentgenmöbel bei (Abb. 194). In den späteren tritt die Scheidung der vierkantigen zugespitzten Beine von den geraden Zargen ein und die Verkröpfung der tragenden und getragenen Glieder wird in reinen Architekturformen behandelt (Abb. 195). Eine reiche Garnierung dieser reifen Roentgenschränke, Schreibtische und Stühle mit geradlinigen vergoldeten Messingverzierungen und -leisten a la grecque vervollständigt den Eindruck des klargegliederten Aufbaus an Stelle des einheitlichen malerischen Wurfs, der dem Rokokomöbel, etwa dem in Kamblys Art, das Gepräge gibt. Die formale Gestaltung, die blonde Mahagonifurnierung sowie die aus farbigen und naturgetönten Hölzern mit höchstem Geschick durchgeführten Einlegearbeiten setzen die Roentgenmöbel in eine Linie mit den Pariser Meisterwerken des Louisseize, die in der Hauptsache ja deutsche Künstler zu Urhebern haben. Die teilweise nach Zeichnungen von Januarius Zick eingelegten Chinesen- und Schäferszenen, die Landschaften, Blumen und Geräte sind in der Zeichnung und der Absetzung der Schatten Zeugen des immer noch gesunden Empfindens für bildliche Wiedergabe mit räumlichen Mitteln, ohne die Fläche zu zerstören. Das ist eine Erbschaft der stilisierenden Kraft des Jahrhunderts, die nirgendwo lebendiger geblieben war als in der Gobelinwirkerei; Bouchers damals entstandene Folgen von Beauvais und Paris sind dafür die Belege. In Deutschland sind auch die Blumen- und Landschaftsmalereien der Zimmerwände im späteren 18. Jahrhundert, meist schon auf Papiergrund, bestimmt von der stilbildenden Fähigkeit, die die Natur in ein dekoratives Gemälde umzusetzen vermochte, und die dem 19. Jahrhundert fast ganz verloren ging.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE WESEN DES KATHOLIZISMUS IM DEUTSCHEN BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISMUS DES 18. JAHRHUNDERTS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISCHE KIRCHENBAU
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE WELTLICHE ARCHITEKTUR DES BAROCK DIE SCHLÖSSER, ABTEIEN, BÜRGERHÄUSER USW.
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE SCHLOSS- UND HAUSARCHITEKTUR IM ROKOKOZEITALTER
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE DECKENMALEREI
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – INNENAUSSTATTUNG DER SCHLÖSSER DAS ORNAMENT DES BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE MÖBEL DES BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE ÖLMALEREI
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – SCHMIEDEKUNST UND WAFFEN
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – GOLD UND SILBER
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS PORZELLAN
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE FAYENCE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GESCHNITTENEN GLÄSER
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE KUNST DES THEATERS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GARTENKUNST
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER GEIST DES DEUTSCHEN ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER UMSCHWUNG ZUM FRÜHKLASSIZISMUS IN DER BAUKUNST

Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland

Die lebendige Kraft, die in dem deutschen Rokoko wirkte, ist durch den Siebenjährigen Krieg keineswegs gebrochen worden. Es entstehen in den Jahren nach dem Hubertusburger Frieden noch Denkmäler der Baukunst und Bildnerei, die das Rokokoempfinden ungeschmälert zeigen. So in Trier, das unter dem kunst- und lebensfrohen Kurfürsten Johann Philipp von Walderdorf seit 1756 eine Nachblüte des rheinfränkischen Rokokostils erlebte — die Bekrönung des Marstalls in Ehrenbreitstein mit einer Pferdegruppe von Feill (1762—1763) hält die lebhaften Umrisse fest. Eine späte starke Äußerung des westlichen Rokoko ist das von demselben Feill dekorierte Fürstbischöfliche Schloß in Münster, 1764 nach den Plänen des greisen Schlaun begonnen. Am merkwürdigsten ist das Festhalten der Innendekorationen des 1764 begonnenen Neuen Palais bei Sanssouci an dem Stile Hoppenhaupts. Hier ergeht sich das Spiel der Rocaillen in ungehemmtem Schwünge, während in den gleichzeitigen Gemächern von Benrath (Pigage) und Solitüde (de Ia Guepiere) das Rokoko schon gemäßigt ist. Bis rund um das Jahr 1770 ist die Rocaille im Augsburger Silber, in den Porzellanen, Fayencen und Möbeln, im Schmiedeeisen gepflegt worden.

Am zähesten behauptet sich die Überlieferung in der kirchlichen Deckenmalerei Süddeutschlands, in den Werken Günthers, Januarius Zicks, Winks und Knollers. Es ist von keiner Unterbrechung durch den Siebenjährigen Krieg die Rede; im Gegenteil, das nächste Jahrzehnt bringt noch eine Steigerung des malerischen und räumlichen Empfindens. Auch die zahlreichen Kirchenbauten selbst, die noch in Schwaben und Franken entstehen, unter denen Wiblingen und Rot bei Ulm hervorragen, bewahren in den Raumgedanken die Grundzüge des spätesten Rokoko (Abb. 184). Endlich genügt es, an die um 1760 bis 1770 entstehenden Porzellanfiguren von Beyer, von Linck, Melchior und W. C. Meier zu erinnern, um auch auf plastischem Gebiet das Fortwirken der alten Schaffenskraft zu konstatieren.

Inzwischen hatte eine Strömung eingesetzt, die die Abkehr von dem bewegten Stil des Rokoko und die Hinwendung zu den strengen Formen der Antike im Schilde führte. Am frühesten und mit durchschlagendem Erfolge hat sie in Paris Fuß gefaßt. Der jüngere Blondel hat sie vorbereitet. Soufflot, der Schöpfer der Kirche Ste. Genevieve, und Gabriel, der Erbauer des Schlößchens Petit Trianon, sind die Bahnbrecher des klassischen Stiles in der Pariser Baukunst in den beiden Jahrzehnten von 1750 bis 1770 gewesen. Während noch das Rokoko so vielerorts bei uns in Blüte stand, drang der neue Stil — das Louisseize — in Deutschland ein. Seine Träger sind einmal die Franzosen selbst, wie Antoine im Kurfürstentum Trier, Ixnard, der die Klosterkirche in St. Blasien, eine Reihe von Schloß- und Klosterbauten im südlichen Schwaben erbaute, sowie das von Peyre vollendete kurfürstliche Schloß in Koblenz begann; ferner Legeai, früher schon als Schöpfer der Hedwigskirche in Berlin genannt, nach dem Siebenjährigen Kriege Planentwerfer der Kommuns beim Neuen Palais und der Anlage vor dem Schloß in Ludwigslust, endlich Mangin, der die vielbewunderte, von Pfaff mit Bildwerken geschmückte Dompropstei in Mainz erbaute. Eine Reihe deutscher Meister, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Paris bei Blondel studiert hatten, vollzogen jetzt den Übergang vom spätesten Rokoko zum frühklassischen Stile.

Als Vorkämpfer kann Krubsazius in Dresden gelten, der schon vor dem Siebenjährigen Kriege in seinen Worten und Werken die Blondel-schen Lehren verkündet hatte. Die hauptsächlichsten Träger des neuen Geschmacks sind: Charles Louis Dury in Kassel, Roth, dessen Tätigkeit in Bonn und an der Jesuitenkirche in Büren erwähnt wurde, Karl von Gontard, aus Bayreuth 1764 nach Berlin berufen, der jüngere Cuvillies, fortgeschrittener der Kanonikus Ferdinand Lipper in Münster, Schlauns Nachfolger.

Man verwirft mehr und mehr alle Verzierungen, die nicht einen architektonischen Ausdruck haben. An sich sind ja diese Forderungen nicht neu. Die Leser erinnern sich, daß neben der Hauptentwicklung des Barock und Rokoko immer eine Strömung hergegangen ist, die die Einhaltung der strengsten Gesetzlichkeit betonte. Man denke an die holländischen Meister im Geiste Palla-dios, an Leonhard Sturm, den Gegner Schlüters, an die Hugenottenbaumeister, an den protestantischen Kirchenbau, an de Cotte und seinen Einfluß auf Westdeutschland und endlich an de Bodt und Longuelune, die in Dresden an Pöppelmanns Stelle traten. Blondel der Jüngere hat diese Strömung in Paris wieder zur allein herrschenden gemacht. Einen entscheidenden Anstoß erhielt sie durch die erneute Fühlungnahme mit der antiken römischen Baukunst. Um 1760 entstanden eine Reihe von Werken, in denen französische und englische Architekten ihre Studien an den antiken Überresten veröffentlichten, als die wichtigsten Lerois Denkmäler Griechenlands, Woods und Dawkins Ruinen von Palmyra und die von Baalbek, Stuarts und Rewetts Altertümer von Athen und Adams und Clerisseaus Diokletianspalast in Spalato.

Das äußerliche Kennzeichen der seit rund 1770 den Rokokogeschmack auch in Deutschland ablösenden Kunstweise, des „gout antique“, ist die Anwendung geradliniger und strenger Formen im Aufbau und in der Verzierung der Gebäude. Aber die innere Raumgestaltung wie die äußere Flächenbehandlung bewahren zunächst gewichtige Elemente des Rokokozeitalters. Bleiben doch auch die Aufgaben überwiegend die überkommenen. In den schwäbisch-fränkischen Kirchenneubauten bleibt ein Hauch des sinnlichen Raumempfindens lebendig, ob auch die Kuppeln flacher, die Wände gerade, die Säulenstellungen und Gebälke nach strengeren Regeln gebildet werden. Allerdings tritt die Vereinheitlichung des Raumes an Stelle der sich verschneidenden, ineinander wogenden Raumgruppen der großen Rokokomeister im Zeitalter Balthasar Neumanns. Dort, wo die Pariser Klassizisten oder ihr Vorbild wirken, werden die zentralen Kuppelräume aufgenommen; so Ixnards St. Blasien, die Frauenkirche in Nürnberg von Lipper — wozu ein ähnlicher Entwurf Verschaffelts aus Mannheim vorlag —, die Paulskirche in Frankfurt und Gontards Gensdarmentürme in Berlin, Daneben wird der langrechteckige tonnenüberwölbte Kirchenraum mit geradem Chorschluß Sitte, wofür die Jesuitenkirche in Mainz von Jäger und die in Büren (mit Mittelkuppel), sowie die Lutherische Kirche in Ludwigslust von Busch und Verschaffelts Kirche in Oggersheim (1775) zeugen mögen. Gegenüber diesen auf einfachste Grundrißlösungen ausgehenden Kirchen behaupten die von Langhans in Schlesien und Posen errichteten Gotteshäuser in der ovalen Anlage der Emporenlogen — bei äußerlich rechteckiger Gestalt — einen lebhafteren Zug in der Raumgestaltung. Die strenge Säulen- und Pilasterstellung wird jetzt als unentbehrlich auch für die Fassaden und Kuppeln der Kirchen gehalten.

Die Entwicklung großer Säulenstellungen nach den neustudierten römischen Mustern scheint eine der vornehmsten Aufgaben der Prachtbaukunst zu werden. Die mächtige Anlage der Kommuns beim Neuen Palais, die Gens-darmenkirchen und die Kolonnaden und Brücken, der Freundschaftstempel und das Belvedere: diese reichen Säulenbauten, die Gontard (und Unger) für den Alten Fritz errichteten, finden ihre Gegenstücke in den mit Nahls Bildwerken geschmückten Kolonnaden, in dem Museum Fridericianum (176g) in Kassel (Abb. 18g), endlich in dem Schloß Wilhelmshöhe von Charles Louis Dury, ferner in den meisten Vorhallen der Kirchen. Die Kulisse vor der Kirche in Ludwigslust ist ein Musterzeugnis. Auch in den Sälen werden lange Reihen korinthischer Säulen beliebt (großer Saal der Akademie in Mainz von Jäger, die ovalen Säle von Langhans in Berlin und die des Erdmannsdorf in Wörlitz und Berlin).

In der Schloß- und Landhausarchitektur wirken Anregungen von England, von Chambers und seiner Schule, umbildend. Erdmannsdorf, der Baumeister des Fürsten Friedrich Franz von Anhalt, hat in dem Schloß in Wörlitz um 1770 das erste Denkmal dieser Richtung hingestellt. Hier ist ein endgültiger Bruch mit dem Rokoko unleugbar. Unmittelbare Studien in Rom und für die Dekorationen in Herkulanum und Pompeji haben auch die Formgebung tm einzelnen bestimmt ( Abb. 208). Ähnlich sind Weinlig aus Dresden und Krähe aus Koblenz auf den Bahnen der alten und modernen römischen Architektur zu ihrem Stil gelangt. Rom war die Vorstufe doch auch für Soufflot, Gabriel und Clerisseau, die großen Meister des Louisseize in Frankreich.

Völlig unabhängig entfaltet sich nach dem Siebenjährigen Kriege die ländliche Baukunst und der Kolonistenbau in Preußen; die großen Trockenlegungen Friedrichs des Großen z. B. im Warthebruch und in Pommern boten die Gelegenheit zur Schaffung vieler Hunderter von Dörfern. Aus der seit Friedrich Wilhelms I. Tagen blühenden Schule ländlicher Architektur wuchs jetzt die für unsere Zeit so bedeutungsvolle Gestalt David Gillys hervor.

Es ist nicht leicht, die umfangreiche deutsche Bautätigkeit in den Jahren von rund 1765 bis 1800 gemeinhin zu kennzeichnen. In diesem Zusammenhang genügt es, festzustellen, daß sie insgesamt durch starke Fäden mit den baukünstlerischen Grundkräften des Barock- und Rokokozeitalters verknüpft bleibt. Die räumliche und plastische Fülle haben allerdings nachgelassen. Glatte Flächen, gerade Gebälke, regelmäßige Raumformen haben mehr und mehr die reiche Bewegung zum Stillstände gebracht. In den Deckengemälden wird die Untersicht und die malerische Verkürzung endlich aufgegeben. Die Vorliebe für die Kassettendecken bekundet schließlich die Zurückdrängung der Raumbewegung zugunsten einer streng abschließenden Bedachung im Sinne der Antike.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE WESEN DES KATHOLIZISMUS IM DEUTSCHEN BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES ROKOKO
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE DECKENMALEREI
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES ROKOKO
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER GEIST DES DEUTSCHEN ROKOKO

Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland

Keine Epoche der Kunst- und Geistesgeschichte Deutschlands verlangt so gebieterisch eine gründliche Darstellung, wie das 18. Jahrhundert.

Die Geringschätzung, die die nachfolgenden Generationen dem 18. Jahrhundert entgegenbrachten, hat längst einer lebhaften, stetig wachsenden Zuneigung Platz gemacht. Doch erst der nach einem geschlossenen Stil strebenden Gegenwart sind der tiefer liegende Gehalt und der einheitliche Charakter der künstlerischen Äußerungen dieses Jahrhunderts völlig klar geworden. Insbesondere hat die moderne Architektur die in der Baukunst des 18. Jahrhunderts liegenden Werte erkannt und aus deren Studium den reichsten Vorteil gezogen. Für die Erzeugnisse der Malerei, der Bildnerei und aller übrigen Kunstzweige des 18. Jahrhunderts verbreitet sich die Schätzung von Tag zu Tag. Die Museen, die Sammler, die Künstler und Gelehrten wetteifern in der Sammlung und Sichtung des fast unübersehbaren Stoffes.

Dieses Buch unternimmt es nun, weiteren Kreisen der Kunstfreunde ein Bild der Kunst und Geistesbildung Deutschlands im 18. Jahrhundert zu liefern. Der Blick soll in erster Linie auf die eigentümliche Leistung der deutschen Kunst in diesem Zeitalter gelenkt werden. Die besondere Stellung Deutschlands im großen Rahmen der europäischen Kunst des 18. Jahrhunderts soll ins Licht treten. Das Beste ist damals in Deutschland ohne Einschränkung auf dem Gebiete der Baukunst und der in ihrem Dienste stehenden dekorativen Künste geschaffen worden. In der freien Bildnerei und erst recht in der Ölmalerei ist Deutschland — von vereinzelten Ausnahmen abgesehen — weit hinter den Italienern und Franzosen, und hinsichtlich der Malerei auch hinter den Engländern, zurückgeblieben.

Der Höhepunkt des künstlerischen Lebens des Jahrhunderts liegt in dessen erster Hälfte, in der Epoche des Barock und Rokoko. Die Vorstufe dazu bildet das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts. Das Ausleben der Barock-und Rokokoströmung und ihre Umwandlung in den sogenannten Frühklassizismus umfaßt die spätere Hälfte des 18. Jahrhunderts, genauer den Zeitraum vom Ende des Siebenjährigen Krieges ab. Der Schwerpunkt unserer Darstellung liegt in der Herausarbeitung des deutschen Barock und Rokoko. Die Entwicklung des Barock in dem späteren 17. Jahrhundert und das Fortwirken der in dem Barock und Rokoko lebendigen Kräfte bis an den Ausgang des 18. Jahrhunderts bilden die notwendige Begleitung zu dem Hauptthema. So klärt sich die Stellung des 18. Jahrhunderts in der Gesamtgeschichte unseres geistigen Lebens, das Verhältnis zu dem vorauf gehenden Zeitalter der Reformation und Renaissance, sowie zu dem nachfolgenden ig. Jahrhundert.

Unser hauptsächlichstes Augenmerk ist darauf gerichtet, den einheitlichen, das Jahrhundert von Anfang bis zu Ende durchziehenden künstlerischen Geist zu erfassen. Die äußeren und inneren Verhältnisse Deutschlands sind soweit berücksichtigt worden, als dies zum Verständnis der Kunstgeschichte unerläßlich ist. Das Kulturleben unseres Volkes ist hier also nur in seinem Verhältnis zur Kunst behandelt. Allein auch in dieser Hinsicht konnten viele grundlegende Fragen nur flüchtig gestreift werden, um die Darstellung nicht ins Uferlose zu erweitern. Dahin gehört die Beziehung der deutschen Musik des 18. Jahrhunderts zur Blüte unserer Baukunst, ferner die zwischen der erlahmenden bildnerischen Fähigkeit und der stetig wachsenden dichterischen Schaffenskraft im späteren 18. Jahrhundert, die Wandlung der philosophischen, insbesondere der ästhetischen Anschauung von Leibniz über Wolf und Baumgarten zu Kant und endlich zu Schiller.

Das hier entworfene Gemälde des 18. Jahrhunderts gibt dem Leser kein Bild der Kulturzustände dieser Epoche. Eine solche Darstellung gehört in das Gebiet der eigentlichen Kulturgeschichte; sie kann nicht Aufgabe der Kunstgeschichte sein. Es fehlt leider bisher für das deutsche 18. Jahrhundert eine objektive Kritik der gesamten Lebensverhältnisse, wie sie für Frankreich Taine in dem ersten Bande der „Origines de la France moderne“ geliefert hat. Auch für Deutschland würde eine solche Erzählung ein Bild reich an Wertvollem und Nützlichem, aber doch nicht ohne tiefe Schatten ergeben. Als die Kehrseite des Glanzes würde aus Memoiren, aus Aktenstücken und Briefen ein Meer von Leidenschaften, von Intrigen, von leerem Schein, von Elend und Jammer sichtbar werden. Die Menschen des Barock und Rokoko waren im Grunde nicht anders wie heute und zu jeder Zeit. Unter der Allongeperücke, unter dem Zopf und im kurzgeschnittenen Haar sind die Gehirne, unter dem schwerbestickten Staatsgewand, unter dem geblümten Seidenfrack und unter dem schlichten Tuchrock die Herzen die gleichen geblieben. Aber der Gegenstand unserer Betrachtung ist eben nicht die Wirklichkeit in diesem Jahrhundert Leibnizens, Friedrichs des Groben, Kants und Goethes, sondern die daraus hervorwachsende Schöpfung des künstlerischen Genius. In den bleibenden Werken der Kunst verkörpert sich nicht das alltägliche Dasein, sondern ein höheres Leben geistiger Ideen, das den rauhen Tag, der es geboren, überdauert.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER UMSCHWUNG ZUM FRÜHKLASSIZISMUS IN DER BAUKUNST
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE WANDLUNG IN DEN ÜBRIGEN KÜNSTEN
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE LEBEN UND DIE DICHTUNG IM LETZTEN DRITTEL DES JAHRHUNDERTS

Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland

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