Schlagwort: Dichter Garcilaso de la Vega

1. Hälfte des 16. Jahrh.

Bildnis des spanischen Dichters Garcilaso de la Vega


Die Urheberschaft dieses interessanten Porträts ist sehr zweifelhaft. Eine ursprüngliche Benennung, Pontormo, erschien unhaltbar, worauf man zur allgemeineren, aber auch farbloseren „Florentinischen Schule“ griff, bei der man bis jetzt stehen geblieben. Doch von kompetenter Seite wird selbst die italienische Herkunft des Bildes bestritten, ein Spanier aus der Schule des Möro soll der Maler dieses distinguierten Werkes sein. Aber neuestens hat ein scharfer Beobachter vorgeschlagen, doch wieder nach Italien zurückzukehren und ihm den Namen Francesco Salviati beizulegen. Gleichviel, das vornehme Porträt ist dieser vielseitigen Beachtung höchst wert. Der malerische Grundton, der es beherrscht, ist von kühler Feinheit, ein blasses Violett, ein mattes, helles Gelb, ein neutrales Schwarz bilden den Akkord, worauf es gestimmt ist. Doch die äußere Feinheit der Farben erhält ihren gewichtigsten Akzent erst durch den geistigen Gehalt des Kopfes, der dafür spricht, daß sein I räger nicht nur hervorragend von Geburt, sondern auch ausgezeichnet an Talent und Bildung gewesen sei. Und in der at, die unermüdliche Forschung Carl Justis hat bis zur Evidenz nachgewiesen, daß wir in dem Dargestellten den Spanier Garcilaso de la Vega zu erblicken haben, der, ein Parteigänger Karls V., diesem auf seinen Kriegszügen folgte, nach Talent und Ausübung aber auch Dichter war (nicht zu verwechseln mit Lope de Vega). Ob er sich in Florenz malen ließ, während er sich mit dem Kaiser in Italien aufhielt, oder ob sein Bildnis von einem Spanier herrührt, mag dahingestellt bleiben« Das kleine Kreuz, das auf der Mitte seiner Jacke zu sehen ist, kennzeichnet ihn als Ritter des Alcantara-Ordens. Weiteren geistigen Gehalt aus diesem höchst anregenden Bildnis zu ziehen, ist Sache eindringender Vertiefung des Betrachters.

Was spricht aus diesen edlen Zügen,
Was aus der Augen ernstem Blick?
Sie werden Dir gewiß nicht lügen,
Fragst Du nach Leid sie oder Glück.

Doch wirst Du schwer zu deuten wissen
Der rätselvollen Antwort Sinn,
Drum sei der Lösung selbst beflissen,
So hast Du größeren Gewinns —

Es schwanken unsres Daseins Tage
Von Freud‘ zu Leid und rückwärts oft,
Der Glücklichste ist ohne Frage,
Der nichts gefürchtet, nichts gehofft.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

FLORENTINISCHE SCHULE