Schlagwort: Dorfeiche

Von Johannes Linke.

In dem stattlichen Schwabendorfe Aichhardt kreuzen sich seit undenklichen Zeiten drei Straßen, und vielleicht verdankt das Dorf dieser Straßenkreuzung überhaupt seine Entstehung. Die Schmiede, ein Kramladen, die Wagnerei und das Wirtshaus „Zum goldenen Roß“ wenden ihre hohen Fachwerkgiebel dem Platze zu, der sich dort ausgeweitet hat, und etliche Bauernhäuser, wohlgebaut und besser gepflegt als in den umliegenden Dörfern, stehen dabei.

Bis zum Kriege ragte in der Mitte dieses Platzes eine gewaltige Eiche, die viel älter sein mochte als die Grundmauern der ersten Häuser im Dorfe, älter wohl auch als die drei Straßen, und reckte ihr Astwerk hoch über die Dachfirste hinaus. Im Jahre 1917 fingen einige der Hauptäste an zu verdorren und abzusterben, bei den Herbststürmen gegen Kriegsende brach ein solcher Ast nieder, der so stark war wie mancher Baumstamm, und erschlug ein Kind, und da die Gefahr bestand, daß die alte Eiche noch mehr Unheil anrichtete sollte sie ausgegraben werden.

Als aber die großen Aste abgesägt waren, die morschen wie die gesunden, legte sich der Wagner Scholterbeck, der das Eichenholz am besten hätte brauchen können, ins Mittel und meinte, nun sei ja die Gefahr beseitigt; den Stamm, den drei Männer mit Mühe umspannten, sollten sie zum Andenken stehen lassen, damit er das Wahrzeichen des Dorfes werde, wie es einst der Eichbaum gewesen sei. Da das Ausgraben des unbändigen Stammes eine heillose Mühe und Anstrengung gemacht hätte und es nach den Jahren der Frauenherrschaft allenthalben in Feld und Hof, in den Obstgärten und an den Weinbergen mehr Arbeit gab, als die Aichhardter bewältigen konnten, erklärten sie sich nur allzu gern damit einverstanden und ließen den kronenlosen Eichenstamm stehen, wo er immer gestanden hatte.

Leitgedanken