(Nutzbauten — Repräsentationsbauten)

,,Der Formwille, ein Produkt aus Verstand, Gefühl und Charakter, wird sich am freiesten und natürlichsten äußern, wenn der Architekt die auf ihn einströmenden Forderungen ohne Vorurteile in sich aufnimmt und aus ihnen den Bau gestaltet. Das natürliche Eingehen auf Zweckmäßigkeit braucht dabei die Bauten nicht langweilig zu machen.“

Hans Hertlein-Berlin.

Wir haben in den vorangegangenen Kapiteln zu begründen versucht, warum Hochbauten für Wohnzwecke in Deutschland nicht in Frage kommen.

Es hieße hinter den Aufgaben der Zeit Zurückbleiben, wollten wir die Form der Hochbauten für industrielle und repräsentative Zwecke grundsätzlich ablehnen. Es gibt ohne Zweifel Fälle, in welchen Hochbauten in diesem Sinne nicht nur berechtigt, sondern geradezu geboten sind, besonders dann, wenn es sich darum handelt, die „City“ aufzulockern. Dabei darf wohlgemerkt die Auflockerung nicht soweit gehen, daß architektonisch wertvolle Straßenzüge oder Städtebilder zerstört werden (worauf wir im 11. Kapitel zurückkommen); oder es liegt der Fall vor, daß der bauliche Zweck die Forderung stellt, einen Hochbau zu errichten. Dieser Zweck wäre gegeben bei Industrie- und Verwaltungsgebäuden, also „Nutzbauten“ einerseits, andererseits bei Staatsgebäuden, Schulhäusern, Kirchen, also Gebäuden, bei welchen der Repräsentationsgedanke im Vordergrund steht. In diesen Hochbauten architektonisch um jeden Preis ein „Symbol des Fortschritts“ sehen zu wollen, wäre eine Einstellung, die von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Die Zeiten, da wir wie fasziniert über den Ozean schauten und die Prosperität eines Volkes sozusagen vom Meterstabe der Wolkenkratzer ablasen (Bild 31), sind vorüber, seitdem der Amerikaner selbst zugegeben hat, daß die New Yorker City nur ein Notprodukt ist. Nie wären New York oder Chicago Wolkenkratzerstädte geworden, wenn die Amerikaner, als es noch Zeit war, einen Generalbebauungsplan gehabt hätten. Praktisch, wie der Amerikaner nun einmal ist, hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Bald galt es in der Geschäftswelt als besonders vornehm, sein Büro so hoch wie möglich zu haben. Je höher aber das Büro untergebracht war, desto höher waren die Mieten. Heute, da die Weltwirtschaftslage auch vor Amerika nicht Halt macht, ist eine Ernüchterung eingetreten. Man zahlt keine Phantasiepreise mehr, und das größte Haus, das Empire State Building, ist nur zu einem Viertel vermietet.

Kommen wir zum Architektonischen der Hochbauten! Wir verlangen mit Lewis Mumford, dem Verfasser des ausgezeichneten Buches „Vom Blockhaus zum Wolkenkratzer”, mehr, als daß die ästhetische Seite des Hochhausbaus „mit dem Eingang, dem Personenaufzug und den mit Fenstern durchlöcherten Mauern abgetan“ ist. Was wir bis jetzt in Deutschland an Hochbauten haben, erfüllt oft nicht viel mehr, als diese äußerste Forderung. Daß es nicht die Höhe allein ist, sondern daß noch etwas hinzukommen muß, das die Höhe erträglich macht, ist nur wenigen Baukünstlern unserer Zeit eine Selbstverständlichkeit. Erst dies Hinzukommende — mögen wir es Ordnung, Gliederung, Aufbau nennen — macht ein Bauwerk zu einem Ganzen, das die Bezeichnung „gestaltet” verdient.

Merkwürdigerweise weist das Rheinland im Gegensätze zu Berlin eine ganze Reihe von Hochbauten auf, die sich um Gestaltung bemühen. Wir denken an das Wilhelm-Marx-Haus von Wilhelm Kreis in Düsseldorf (1924), an das Hochhaus des Stumm-Konzerns von Paul Bonatz ebenda (1925) (Bild 32), an das Hans-Sachs-Haus von Alfred Fischer in Gelsenkirchen (1926), an die Ausstellungshallen von Adolf Abel in Köln-Deutz (1927) und vor allem an die Gutehoffnungshütte von Peter Behrens in Oberhausen (1925). In Berlin jagt man währenddessen Utopien nach, die von dem, was wir „gestaltet“ nennen, weit entfernt sind. Eigentlich ist es nur einer, der der Versuchung, sich in utopischen Gebilden zu verlieren, widersteht, und das ist der Oberbaudirektor des Siemenskonzerns in Berlin, Hans Hertlein, der mit seinem Schaltwerk in Siemensstadt (Bild 33), dem ersten Fabrikhochhaus in Deutschland im eigentlichen Sinne, die Aufmerksamkeit weitester Fachkreise auf sich zieht. Hier ist mehr als „Eingang, Personenaufzug und mit Fenstern durchlöcherte Mauern”; vielleicht, weil bei diesem Schaltwerk und bei den übrigen Hochbauten von Siemensstadt die Synthese von Baukunst und Ingenieurkunst zum ersten Male überzeugend gelungen ist. Ist doch für Hertlein in der engen Zusammenarbeit von Architekt und Ingenieur das Geheimnis des neuzeitlichen Industriebaues enthüllt. Freilich übersieht er dabei nicht, daß bei einem der beiden die Führung, die Priorität der Leitung liegen muß, denn auch der Verschmelzungsprozeß des Miteinanderarbeitens erfordert zuletzt die Führung eines Einzigen. Wenn sie, wie bei Hertlein, bei dem Architekten liegt, ist das Ergebnis ein erfreuliches. Man denke sich in das Werden des Schaltwerkes hinein: die Eigenart der Fabrikation verlangte einen Geschoßbau.

Da größtmögliche Beweglichkeit in der Verwendung der Arbeitsräume Be-dingung war, ein Umstand, der feste Einbauten verbot, so wurden alle Nebenräume wie Treppen, Toiletten usw. außerhalb des eigentlichen Baukörpers in turmartigen Anbauten untergebracht. Und hier haben wir gleich ein glänzendes Beispiel für den Formwillen dieses Baukünstlers. Bei ihm sehen die Türme nicht etwa willkürlich angeklebt aus. Sie, die gleichzeitig als Windversteifung gedacht sind, bringen in die tote Masse des Baukörpers jene Lebendigkeit, ohne welche die 175 Meter lange Fassade unerträglich wäre.

Um verstanden zu werden, sei diesem Schaltwerk der Hochbau Professor Fahrenkamps, das sogenannte ,,Shellhaus“ am Lützowufer in Berlin (Bild 34) gegenübergestellt. In kühner treppenartiger Anlage von 5 auf 10 Stockwerke ansteigend, ist der Stahlskelettbau (auch das Schaltwerk ist Stahlskelett, aber in Ziegelummauerung) perspektivisch von hohem Reiz. Wie er auf der einen Seite die Traufenhöhe des Nachbarhauses aufnimmt, zeugt von dem rücksichtsvollen Eingehen auf Vorhandenes. Aber bei näherer Betrachtung der Einzelheiten stellt man fest, daß die Bewegtheit der Wasserfront auf Kosten der inneren Struktur und sogar des Grundrisses erreicht wird, Dinge, die mit der betonten Sachlichkeit der modernen Baukunst in Widerspruch stehen.

Nicht anders ist es mit den Repräsentationsbauten, den Staatsgebäuden und Schulhäusern bestellt. Während die neue Staatsform noch wenig Gelegenheit genommen hat, sich in reinen Staatsbauten zu manifestieren (viele wollen darin eher das Eingeständnis einer Unsicherheit, als den Mangel an Mitteln sehen!) kann sie immerhin mit einer Reihe von Schulneubauten aufwarten. Hier trifft aber die Beobachtung zu, die wir bei den Industriebauten gemacht haben: viel unnötige Härte, Langeweile und Unsachlichkeit bei einem Übermaß von Luxus und Hygiene. Wir brauchen nur etwa das Oessauer Bauhaus von Gropius (Bild 35) der neuesten Schöpfung Schmitthenners, der Hohensteinschule in Zuffenhausen-Stuttgart (Bilder 36 und 37), gegenüberzustellen, um uns verständlich zu machen. Wie kaum ein zweites Werk Schmitthenners bringt die Hohensteinschule das Geheimnis seiner Kunst zum Ausdruck. Schmitthenner ist Elsäßer, ist Alemanne und als solcher der geborene Hüter deutschen Geisteswesens und Formgefühls. Daß er sich der technischen Mittel bedient, soweit sie diesem Formgefühl nicht feindlich werden, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Ähnlich wie Hertlein sieht Schmitthenner in der Technik die Dienerin der Baukunst, und er hütet sich, sie Herrscherin, Beherrscherin werden zu lassen. Der Bau ist als Massiv-Rohbau in einfachem Hartbrandstein ausgeführt mit Eisenbetondecken. Eine sehr genau vergleichende Berechnung ergab nämlich, daß die Ausführung als Massivbau wesentlich billiger war, als etwa ein Stützenbau in Stahl oder Eisenbeton. Auf die heute beliebte Auflösung in horizontale Glasbänder ist aus Wirtschaftlichkeitsgründen und unter Vermeidung überlichteter Schulräume verzichtet. Beispiele guter handwerklicher Arbeiten erinnern an den Zweck eines Teiles der Schule als Gewerbeschule, in der Handwerker fortgebildet werden sollen.

Weit mehr noch, als in Schmitthenners Hochbauten sehen wir in seinem Wohnhaus und in seinen Siedlungsbauten die gesunde Entwicklung unserer baulichen Zukunft.

So sehr die Entwicklung der profanen Hochbauten unter mancherlei Vorbehalten einem Höhepunkte zuzustreben scheint, so sehr ist auf dem Gebiete des Sakralbaues noch alles im Fluß (Bilder 38 bis 40). Von der nicht ernstzunehmenden, auf der Pressa in Köln gezeigten Stahlkirche eines Bartning bis zur Geburt eines das zweifellos im Erstarken begriffene religiöse Lebensgefühl unserer Zeit verkörpernden Kultbaues, ist wohl noch ein weiter Weg.

Die Versuche, den Eisenbeton als solchen, wie bei rein technischen Anlagen auch im Kirchenbau zu verwenden, sind bisher wenig befriedigend gewesen. Abgesehen davon, daß Eisen und Beton in akustischer Beziehung sich ungünstiger verhalten, als Holz und Ziegelstein, muß auch der Ausdruck des Profanen bei einem kirchlichen Zwecken gewidmeten Gebäude vermieden werden. Erst vor kurzem hat sich der ausgezeichnete Münchener Architekt, Geheimrat Prof. Dr. Bestelmeyer, in diesem Sinne auf dem Internationalen Architekten-Kongreß in Budapest geäußert. Er sagte:

„Je stärker sich der Repräsentationsgedanke in einer Architektur aussprechen soll, desto mehr Anforderungen an Formgestaltungswillen werden gestellt, und es scheint, als ob solchen Gesichtspunkten die Entwicklung der modernen deutschen Baukunst nicht in erwünschtem Maße gerecht werden konnte . . „

Was hier erreicht ist, wird vielfach auf Kosten der sakralen Stimmung erkauft; nach der Richtung der Übereinfachheit hin allzusehr übersteigerte Kirchenbauten laufen Gefahr, an Industrie- oder Kinobauten anzuklingen . . . Denn die Kirche, die sich, ganz aus dem Geist unserer Zeit erfunden, den alten Kathedralen und Klosterkirchen ebenbürtig an die Seite stellen will, muß erst noch gebaut werden.“ Bestelmeyer kennt den Geist unserer Zeit; er kennt aber auch das Volksempfinden, das, gerade im Gegensatz zu dem offensichtlich profanen Wesen der Gegenwart, von einem kirchlichen Gebäude die Betonung des Feierlichen verlangen wird.

Eine Bewegung, die das Dritte Reich vorbereitet, und die in der Erneuerung des nationalen Volksempfindens ihre Grundlage erblickt, eine Bewegung also, der das Volksempfinden eine heilige Angelegenheit ist, wird — zur kulturbildenden Einheit geworden — den Ausdruck für den Kultbau finden, der das religiöse Lebensgefühl der kommenden Zeit verkörpert.



Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich – Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?
Architektur im Dritten Reich – Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt

3. Reich Architektur im Dritten Reich

Wenn man dem Leser den Ausdruck der Bauten des Dritten Reiches anschaulich machen will, so bedarf es dazu der Anzeigung eines Doppelgesichtes: einmal des Gesichtes des Hauses, wie es als Zielbild im Sinne eines neuen Deutschland erscheint, zum anderen aber des Gesichtes der Bauten, die wir ablehnen, ja, die wir leidenschaftlich bekämpfen, da wir in ihnen die Vertreter einer Weltanschauung erblicken, die aus einem neuen Deutschland verschwinden muß.

Auch Bauten haben ein Gesicht, ein Gesicht mit einem ganz bestimmten seelischen Ausdruck, in welchem der Kundige zu lesen vermag, wie in einem menschlichen Antlitz. Da gibt es alle Schattierungen vom hellsten Licht zum dunkelsten Schatten, und auch das schauspielernde Gesicht, das seine Rolle im Leben weiter zu spielen versucht, fehlt bei den Häusern nicht.

Zu dem, was das Dritte Reich ablehnt, gehört zunächst fast alles das, was das letzte Zweidrittel des gesamten neunzehnten Jahrhunderts hervorgebracht hat. Es läßt sich genau verfolgen, wo die Ursachen des Abstiegs zu suchen sind, und welche weltanschaulichen Wandlungen ihnen zu Grunde liegen. Kein tiefer Blickender kann heute daran vorbeisehen, daß diese unheilvolle Wende, wie sie das neunzehnte Jahrhundert brachte, nur mit der Abkehrung von einer blut- und bodengebundenen Kultur und der Übernahme einer liberalistisch-demokratischen Lebenseinstellung zu erklären ist. Dies Gesicht, das im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts das allgemein herrschende geworden war, verändert sich nun in der Nachkriegszeit und nimmt unverhüllt anarchistische Züge an. Es gelingt für kurze Zeit, den Schein einer Alleinherrschaft zu erzeugen, die unter denselben Zeichen auftritt, wie die gleichzeitige politische Macht: Gleichheit der Menschheit, Internationalität, Kollektivismus und grimmige Verfolgung alles Blut- und Bodengebundenen.

Das deutsche Volk, das in seiner rührenden Bravheit und Gründlichkeit nicht allein den ihm im Grunde durchaus wesensfremden Liberalismus übernahm, hatte sich in den Kopf gesetzt, es sei seine sittliche Pflicht, auch erst einmal die kommunistischen Ideen am eigenen Körper wenigstens zu probieren, ehe es sie zur Tür hinausweist. Und so läßt heute die brave Gründlichkeit des Deutschen, aber auch seine Gedankenlosigkeit und sein unaustilgbarer Respekt vor allem, was von jenseits der Grenzen kommt, es nicht zu, den baulichen Ausdruck einer ihm gänzlich artfremden Geistesrichtung mit entschiedener Deutlichkeit abzulehnen, sondern er hält es sogar noch für seine Aufgabe, auch dem Feinde, der nichts anderes vorhat, als ihn zu vernichten, „gerecht“ zu werden, und, anstatt zu kämpfen, ihn „objektiv“ zu betrachten.

Gott sei Dank lebt nun aber neben dieser Engels- und Lammesgeduld des Deutschen auch noch genug von dem furor teutonicus in ihm, der kämpferische Pflichten wachruft. Und wenn das Signal zum Sturm gegeben wird, dann wirft auch der Deutsche seine lähmenden Hemmungen beiseite. So ist heute der Aufbruch der Nation zu verstehen, der über Nacht gekommen ist und uns zeigt, daß sich das deutsche Volk nicht gewandelt, sondern, daß es geschlafen hat. Eine große Wende ist im Anbruch, und mit ihr wird ganz von selbst mit der Befolgung der Lehren, die der Glaube an Blut und Boden lebensgesetzlich zur obersten Pflicht macht, auch das Gesicht aller Taten des Volkes sich wandeln. Also auch das seiner Bauten. Das ist ein Vorgang, der sich nicht künstlich erzeugen läßt, denn die Bauten sollen nicht Gesichter schneiden lernen, sondern es sollen die Gestalten führend hervortreten, deren angeborenes Gesicht die Züge des echten Deutschen trägt.

Der rechte Führer muß zielweisend vorangehen und im Kampfe seinen Mann stellen. Er muß aber auch dafür sorgen, daß sich in seine Truppe nicht Überläufer oder gar Verräter einschleichen. Der Stoßtrupp muß rein und stark erhalten bleiben. Nichts schwächt den Kampfgeist mehr, als eine Beimischung von Flauen und Feigen. So darf das Dritte Reich auch nicht einen Augenblick die Gefahr verkennen, die ihm von den ewig „Objektiven“ droht, von den Konjunkturisten, die sich beständig „umstellen“, von denen, die überall dabei sein wollen, von denen, die sich rasch „auf den Boden der Tatsachen stellen“. All die Leute fehlen auch in dem Reich des Bauens nicht.

Es wäre noch ein Wort über den heute in Dilettantenkreisen eine so große Rolle spielenden Baustoff und seine Gesetze zu sagen. Es ist keine Entdeckung von heute, daß sich aus jedem Baustoff besondere und ihm eigentümliche Formen entwickeln. So führt der Holzbau zu anderen Werkformen wie der Steinbau, und so hat auch der Eisenbau seine besonderen Bedingungen, wobei man aber immer den journalistischdilettantischen Denkfehler vermeiden muß, als ob es überhaupt einen in sich geschlossenen Eisenbaustil gäbe. Eisen bleibt immer das Material für das tragende Gerüst, wie es etwa bei einer Brücke oder dem Eiffelturm eindeutig in Erscheinung tritt. Es ergeben sich also ästhetische Erfahrungen im Gerüstbau, was aber noch in keiner Weise bindende Schlüsse auf Bauten ziehen läßt, deren Sinn und Bedeutung in keiner Weise im tragenden Gerüst erschöpft ist —so wenig, wie ein Steingewölbebau, auf das nackte statische Moment beschränkt, dadurch zum gotischen Dom würde.

Neben den selbstverständlichen Folgerungen, die sich aus dem Baustoff hinsichtlich seiner ihm gemäßen handwerklichen Behandlung ergeben, wird man im Dritten Reich aber auch nicht die volkswirtschaftliche Frage des Baustoffes übersehen; ja es wird sie zu einem Grund- und Eckpfeiler ausbauen. Im liberalistischen Zeiltalter gaben allein händlerische Gesichtspunkte den Ausschlag. Wer die Stoffe lieferte, und wo sie gewonnen wurden, wer sie verarbeitete und in Form brachte, spielte überhaupt keine Rolle, wenn nur am Umsatz verdient wurde.

Im Dritten Reich wird sich das grundsätzlich wandeln. Wenn auch sein Ziel nicht ein reines geschlossenes Wirtschaftssystem sein kann, so wird doch die unbedingte Bevorzugung des eigenen Erzeugnisses den Ton angeben. Und damit wird auch die Frage des Baustoffes wieder von ganz anderen Gesichtspunkten aus angesehen werden. Die Bedeutung der heimischen Erzeugung, die einfache Erreichbarkeit und die Verbundenheit mit den heimischen Handwerkern wird bei allen Bauten sehr mitsprechen, bei den meisten entscheidend werden.

Von all dem soll in diesem Buche ausführlicher die Rede sein. Zweck dieser Zeilen, die ihm das Geleit geben sollen, ist nur, in ganz kurzer Form die kulturpolitische Linie anzudeuten, die sich aus den Glaubenssätzen des Dritten Reiches ergibt.

Saaleck, Herbst 1932.

Prof. Dr. Paul Schulfze-Naumburg, M. d. R.

Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?
Architektur im Dritten Reich – Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt
Architektur im Dritten Reich – Das Problem der Hochbauten
Architektur im Dritten Reich – Erfahrungen mit städtischen Siedlungsbauten
Architektur im Dritten Reich – Die Altstadt als Schutzgebiet

3. Reich Architektur im Dritten Reich