Schlagwort: Erdenleben

I. Abschnitt. Bild

MITTELALTERLICKE MÖNCHE und Prediger; strenge, eckige Gestalten in gegürteter Kutte, mit abgezehrten Asketenhänden, Händen von geißelnden Peinigern und gepeinigten Duldern; Händen, die mit knöchernen Fingern das Ungreifbare zu greifen suchen, die sich dem Unendlichen zudehnen, die ,,nach Gott tasten in seiner Tiefe“. Fleischlose, knochige Gesichter mit tiefliegenden, gerötet brennenden Augen, in denen des Leibes Zerrüttung und Verwüstung mit grauer Flamme leuchtet; Profile, wie in Holz geschnitten. —

Unirdisch, weitabgewandt, ins Ewige blickend und doch harte, erdstarke, wirkende Männer, sprach-gewaltige, hinreißende Redner, denen das Volk zuläuft, denen es sich unterwirft. Auf rauher Sandale schreiten sie einsame Wege, flüchtenden Gedanken und Gefühlen nach, in die eintauchend sie sich mit Gott geeint glauben, die sich aber immer wieder von ihnen lösen und dornige Pfade voranschweben. Mit Stachelgeißeln peitschen sie sich aus jeder noch so armseligen Behaglichkeit, treiben sie sich den Intuitionen nach, bis die tiefste unerschütterlichste Seelenruhe, wie die Blüte all ihrer Schmerzen und Leiden, ihnen gegeben wird und sie in völliger Gelöstheit vom Irdischen, in ,,aller Bilde Bildlosigkeit“ dem nahenden Gotte offen sind. —

Aus dem Wandern in den weiten Räumen des Ich, aus der Versunkenheit ins Innerste, Einsamste, die oft so tief wird, daß das Leben des Leibes zu erlöschen scheint, tauchen sie dann plötzlich beirrten, wie noch geblendeten Blicks auf, starren, zürnenden und liebenden Gottes voll, in das Leben, das sie sündig wähnen, und predigen, ringen nach Ausdruck für das Unsagbare, dessen blassender Abglanz sie noch erfüllt, für das flutende, auf sie einstürzende innere Licht, das sie nicht mehr begreifen. Dann sind ihre Worte klingend und stark, breitbeschwingt, voll des träum- und gedanken – genährten Lebens, von dem ihr Herz noch zittert. Und es ist, als kehrten diese Worte, wenn sie die staunende, niedergeworfene Menge überflogen haben, zu dem mystischen Prediger zurück und heim in sein Herz, indessen schweigende, erschütterte, an ihrem Leben irregewordene Menschen die gotterfüllte Kirche verlassen. —

Deutsche Mystiker

ERSTER TEIL

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ERSTER ABSCHNITT

Das Wesen der Renaissance — Apoll und Amati — Gegensätze — Der Stern der Schönheit — Anknüpfen an das klassische Altertum — Atavistische Rückschläge — Schönheit und Pöbel — Zusammenhang von Minne und Platonismus — Eigenart des neuen Glaubens — Die Wiege der Renaissance — Ihre Ausbreitung — Können und Kunst — Der Götterstolz — Das Christentum im antiken Gewand — Vom Wertgefühl des Menschen — Grobianus und Cortegiano — Der erste Weltmann — Im Schutz der Kirche — Die Kleriker — Wichtige Elemente der Geselligkeit — Der junge Kardinal — Der Vater der Renaissance

Weshalb ist der gebildete Europäer so zärtlich stolz auf das Jahrhundert der Renaissance, weshalb betrachtet er diese Spanne Zeit als eine Mittagshöhe des Erdenlebens?

Sie war doch voller Grausamkeit, voll grotesker Widersprüche. Allein ihre finsteren Wolken werden immer durch ein Lächeln der Kunst zerstreut, durch eine edle Gebärde des Schönheitswollens versöhnt. Nie ist das Recht, Glück und Freude zu erobern, zu halten und frohgemut zu teilen, so aufrichtig betont, so warm und naiv geglaubt worden, nie hat des Menschen Schöpfertum so auffallend triumphiert über alles Zerstörende. Und nie ist die Heuchelei so angefeindet worden. Freilich hat sie sich bald und schrecklich an Kunst und Lebenskunst gerächt.

Viel wüster Lärm tobt in dieser Zeit. Aber Amati wird Meister des Geigenbaus und Rafael legt Apoll eine zierliche Viola in den Arm, dem Gott, der herrschermäßig auf dem Parnaß thront inmitten des päpstlichen Palastes. Manch widriges Schauspiel bieten die Höfe der kleinen und großen Fürsten, bitter hechelt sie die Satire durch. Allein eine Elisabetta in Urbino, eine Isabella in Mantua nehmen mit zierlichstem Handreichen auf in den erlesensten aller Kreise, wo der Hofmann als Ritter und Platoniker das Höchste an geselliger Kunst als ewiges Beispiel gesittet frohen Lebens erlebt und darstellt.

Zu den lüsternen Entwürfen eines Giulio Romano schreibt ein Aretino den berüchtigten Text. Jedoch Michelangelos und Vittoria Colonnas Sonette machen solches wett und selbst ein Franz I. von Frankreich pilgert zum vermeintlichen Grabmal von Petrarcas Laura und feiert in einem Epitaphium voller Rührung die ewig vorbildliche Gültigkeit mystischer Liebe.

Ein Calvin verbannt alles, was das Leben lebenswert macht — aber ein Shakespeare setzt feierlich ein, was der irdische Eros als Bild des himmlischen und als Weg zu ihm bildet. Das sind die Wunder der Renaissance.

Ergreifend ist, wenn ein Astronom lang und geduldig Berechnungen angestellt hat und dann am nächtlichen Himmel den erwarteten Stern entdeckt. So fühlt sich ein Historiker ergriffen, wenn er mit seiner kleinen menschlichen Kunst Berechnungen anzustellen wagt und da, wo er ihn bang erwartet, wirklich im Dunkel der Vergangenheit den wahrscheinlichen Stern von weitem aufglimmen sieht. Solche Ergriffenheit bemächtigte sich meiner, als ich wie einen Stern des Weisen die Religion der Schönheit zu verschiedenen Malen am Nachthimmel der menschlichen Tragödie aufleuchten sah, den Stern, der den immer wieder schrecklich verirrten Sterblichen am tröstlichsten und sichersten leuchtet. Doch stets erscheint er nach kurzem Aufleuchten erloschen , indes blutige Kriegskometen über unsern Häuptern zucken, erloschen, als wäre er nie gewesen, als hätten nie gläubige Weise mit ihren Schätzen den Weg nach ihm gerichtet, indes Friedensengel sangen. Und nur wie im Kindermärchen bleibt seine Erinnerung. Wir sehen den Stern aus Goldpapier geschnitten in der Hand von Kindern. Kinder allein kennen ihn noch und spielen damit.

Jedes Aufleuchten dieses Sterns gehört zur Geschichte vornehmer Geselligkeit. Denn die Religion des Schönen war noch immer ihr letztes und höchstes Ziel, der Inhalt ihrer edelsten Gespräche, das Ideal erlesener Männer und Frauen, die sich zusammenfanden traut freundschaftlich in einem und im andern Jahrhundert trotz aller Kämpfe, Stürme und Anfechtungen.

In diesem Werk über die Renaissance muß besonders ernst und nachdrücklich darauf hingewiesen werden, weil es den Mittelpunkt der Gesamtbetrachtung bildet, die das menschliche Zusammenleben in den Jahrtausenden umfaßt. Denn die Renaissance bedeutet Wiedergeburt und diese Wiedergeburt weist letzten Endes und tiefsten Sinnes auf nichts anderes als auf die Wiedergeburt des Glaubens, daß Schönheit zur Erlösung der Menschen aus den Banden der Tierheit das Eine und Notwendige ist, Vorbedingung aller wahren Religion, aller echten Kultur, aller sozialen Fortschritte, jeder Friedfertigkeit, jeder Duldung, aller Seligkeit des Sichfindens und Liebens. Dies ist freilich der verborgene, der okkulte und magische Sinn der Renaissance. Wer bis zu diesem Sinn drang, fühlte sich selbst neu geboren, wiedergeboren. Spätere Renaissancenaturen erlebten solche Wiedergeburt, ein Winckelmann, ein Goethe, ferne Nachfahren aus fremdem Lande kommend, die den Süden besuchen und die erhabene Erinnerung aufdecken.

Äußerlich bedeutete Renaissance ein jung erwachtes Interesse an Dingen des Altertums in bildender Kunst und Literatur, ein frisches Anknüpfen an dessen Formen und Bildungen, besonders im Baustil, der sich von der Gotik abwandte. Das erkennen wir in den Erscheinungen, die das Auge in diesem Zeitalter äußerlich vorüberziehen sieht. Eine kleine Schar drang jedoch bis zum Kern der Dinge und versuchte mit diesem Ideal inneren Erlebens den Materialismus zu bekämpfen, der plump und rauh in den Religionskriegen ausbricht und die Schönheitsfreunde bedroht, in den Religionskriegen, die im Grunde genommen nicht um den Glauben, sondern um Macht und Geld geführt wurden wie alle Kriege.

Die Menschen wiederholen sich, wenn auch nur in ungefährer Ähnlichkeit. Es gibt atavistische Rückschläge ins Böse, aber glücklicherweise auch ins Gute. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, es seien immer dieselben Menschen, welche dieselben Gegner bekämpfen, wenn auch in anderem Kostüm mit Anrufung anderer Götter und Schlagworte — genau dieselben, elementar auftretend, als handle es sich um eine Reinkarnation. Der Vornehme und der ewig Gemeine stehen sich seit Anbeginn der Geschichte tragisch gegenüber, keiner kann anders sein und handeln, als es geschieht.

Dasselbe Gesindel reicht einem Sokrates den Giftbecher, steinigt eine Hypatia, verbrennt die edlen Albigenser, fällt der segenspendenden Renaissance in den Arm. Der Vornehme aller Zeiten und Völker ist den Verfechtern der Häßlichkeit gegenüber ein priesterlicher Weiser, der sich zum Schönheitsglauben bekennt, ein Glaube, dessen eigentliche Kulthandlung edle Geselligkeit bildet. In dieser kommt immer wieder zur Aussprache, wird immer wieder neu entdeckt, was der zeitlosen Religion als einfaches Grundthema dient und durchaus mit jedem edlen Gottesglauben im Einklang steht.

Dies Grunddogma ist: Wir wollen und müssen dem ewig Schönen nahe kommen, indem wir das Zeitliche, das irdisch Schöne erkennen, lieben, weiterbilden und schaffen, in uns aufnehmen und freudig mitteilen. Irdische Schönheit umfaßt alles gütig Freude spendende und gipfelt im festlichen Zusammensein Gleichgesinnter inmitten aller Künste des Friedens. Das ewig Gemeine kann nicht anders als das irdisch Schöne verachten, verzerren, verunglimpfen, zerstören und dadurch den mühsam gewonnenen Weg zum ewig Schönen immer wieder verschütten.

Darum gehört zur Schönheitsliebe ein unantastbarer Stolz gegenüber dem Gemeinen. Der Vornehme behauptet sich ihm entgegen nur Aug in Auge, voller Mut, wie der Tierbändiger die Bestien bändigt, einzig kraft seiner seelischen Überlegenheit. Versäumt er, diese Überlegenheit fühlen zu lassen, wird sofort das eben noch feige, kauernde Tier emporschnellen und den Bändiger zerreißen.

Der Pöbel und die Angst vor ihm, die panikartig um sich greift, vernichten das göttliche Streben.

Vertieft man sich in das, was von vornehmer Gesinnung aller Zeiten übrig geblieben, so hat man die Empfindung, die Vornehmen kennen einander, als hätten sie alle an derselben Tafel gesessen oder wären alle selbander gewandelt in Säulenhallen, wie die Gestalten auf Rafaels Schule von Athen. Ähnliche Voraussetzungen ermöglichten ihr Dasein, ihr Auftreten, ihr Lehren, Lernen und festlich froh sein. In der Tat, sie haben alle an derselben Tafel gesessen, Rosen gestreut und genippt an edlen Pokalen und nur mit ein‘ wenig veränderten Worten vom Göttlichen und vom Schönen gesprochen.

Die Voraussetzungen und Vorbedingungen höherer und höchster Daseinsformen, wie sie besonders große Augenblicke zeigen, sind so unendlich verästelt, verzweigt, greifen so tief ein, langen so weit aus, daß sie schier alle Gebiete des Lebens umfassen. Um ein vollendet schönes Dasein eines Einzelnen zu ermöglichen, müssen sich schon unendlich viele demselben nähern. Dadurch, daß er sie noch überragt und weithin sichtbar umstrahlt wird, verleugnet und widerlegt er keineswegs, was in seiner Umgebung schätzbar ist, er bejaht es und macht es wirklich, wie diese Umgebung ihn bejaht, wirklich und möglich macht. Ein Mozart ist undenkbar als Mitglied einer Menschenfresserhorde, ein Rafael nicht möglich inmitten der Verwilderung im Anfang des 20. Jahrhunderts — bezeichnender-, ja notwendigerweise hatte sich dies von ihm abgewandt und bewunderte, was eigener tieferer Stufe sittlichen Erkennens entsprach.

In ihrer Gesamterscheinung ist die Kunst der festlich frohe oder der tragisch trauervolle Gesichtsausdruck des jeweiligen Menschentums. Das Menschentum kann sich nie ganz und gar verstellen, seine Kunst verrät es, wie unbelauschte Augenblicke verraten, oder vielmehr seine Kunst zwingt es, Beichte zu leisten, auf die Knie gesunken in freudiger Andacht oder in Scham und Verzweiflung, um die Wahrheit über sich zu sagen, Und sei es frech und mit tausend Entschuldigungen, wie der verstockte Sünder, aber immerhin die Stunde der Kunst ist Stunde des Bekennens.

Die Renaissance sieht das Menschentum als interessantestes, hoffnungsvollstes Beichtkind, dem Sünden gern vergeben werden, denn es hat das Liebenswerteste, die Schönheit, geliebt, war gerne Kind, war gerne Schüler zu ihren Füßen. Nichts ist törichter als der Wahn, zarte, edle Pflanzen könnten auf Kies und Geröll fortkommen oder abgebrochene Zweige, in Steine gezwängt, müßten blühen. Sorgfältig bearbeiteter Humus gehört dazu, manche Verwesung muß beigetragen haben — genau abgemessen müssen gewisse chemische Bestandteile vorhanden sein. Sonne, Schatten, Feuchtigkeit spielen mit bei dem alltäglichsten Wunder, bei irgend einer sprießenden Pflanze.

Bei dem seltensten und kühnsten Erdenwunder, wenn Erdgeborene schier göttlich blühen, weil sie Schönheitsjünger und Gläubige sind, holen die Voraussetzungen des Eintreffens so weit aus, hängen von so vielen Generationen ab, von einem so besonderen psychischen Klima, daß bis jetzt nur einigemale mit dem Zwischenraum von Jahrhunderten das Wunder deutlich genug in Erscheinung trat, um genau erkannt zu werden, am merkbarsten in drei Zeiten, im griechischen Altertum, in den Jahren des romanischen Minneglaubens, im Cinquecento — und jedesmal trat das eigentliche Wunder geographisch begrenzt in Erscheinung, wenn auch seine Wirkung, seine Ausstrahlung weiter ging sowohl im Raum als in der Zeit.

Es handelte sich um das persönliche Erlebnis einer kleinen, aber fest zusammenhängenden Schar, die deutlich das Bewußtsein gewann und als Leitstern aufstellte: Das irdisch Schöne ist Gleichnis des ewig Schönen, das jeden Würdigen lädt und lockt. Aber nicht nur Gleichnis, auch Weg. Dies ist das Geheimnis, das sie einander andächtig zuflüsterten.

Edle irdische Liebe, edle Liebe des Schönen auf Erden entzündet himmlische Liebe, macht uns schön genug zu deren Empfängnis. Die romanische Zeit hatte Platon nicht gekannt, nur gnostische, durch Araber überlieferte Weisheit konnte soweit durchsickem, daß der platonische Grundgedanke, mit christlichen Anschauungen gemischt, das Ideal des Ritters ergab, der durch idealisierte, irdische Minne, den Dienst des domnoy, sich himmlischer Minne weihte und näherte*). Am herrlichsten hat Dante diese Anschauung vertreten. Sie schien verschüttet nach den Albigensern und nach anderen Kriegen und Greueln.

*) Vergl. Gleichen-Rußwurm, „Der Ritterspiegel“.

Allein wunderbar erhob sie sich verjüngt und strahlend im Platonismus der Renaissance — und zwar genau da, wo sie schon einst die Menschen erhöht und beglückt, als die Troubadoure gesungen und an Minnehöfen Fragen der Liebe ernst, zierlich und spitzfindig behandelt worden, in Italien, vor allem in Dantes Florenz, in Urbino und später im südlichen Frankreich, in Lyon und am Hof der Königin von Navarra. Diesmal berief man sich bewußt auf Platon, allein im Grunde war es ebenso eine Erneuerung des romanischen Ideals, nur gelehrter, pedantisch dogmatischer erschien es diesmal, die naive Inbrunst, das ritterliche Feuer war oft verlustig gegangen. Dafür umfaßte das Bekenntnis weitere Kreise, die Liebe zur Kunst wurde ebenso oder anstatt der Liebe zu schöner Herrin Weg zum himmlischen Eros, die irdisch erlaubte, ja gebotene Liebe umarmte mehr, als früher gestattet war. Genau wie in den zwei ersten Zeiten drängten sich manch Unberufene herzu, die parodistisch wirkten, und die kleine Schar wurde bald von mächtigen Feinden eingekreist, vom Pöbel aus allerlei Ständen im Gefolge des Mammon, ewigen Widersachers der Schönheit. Allein der gegebene Impuls zitterte lange nach und ist sogar bei Gegnern der verschiedenen Richtungen merkwürdig kenntlich, auch sie rechnen mit der Schönheit, sowohl die strengen Fanatiker wie die frivolen Spötter, ein Savonarola — und ein Brantöme.

Noch einmal sei es eindringlich gesagt: Die Kultur ist eine zarte Pflanze, die nur auf einem Boden gedeiht, der durch Generationen vorbereitet ist, sie kann niemals aufgezwungen oder erobert werden, nie sich fristen ohne die ihr eigentümlichen Bedingungen. Jedesmal, wenn naive Eroberer die Hand darnach strecken, gelingt es ihnen nur zu zerpflücken. So manchesmal, wenn eine Auslese von Menschen sie als Privilegium betreute, faßte sie der neidische Pöbel mit Gier an und es blieb ihm nichts in der Hand. Das Aufblühen in Italien war möglich, weil sich das Land schon so lange gesättigt mit wertvollen Bereicherungsstoffen, in Florenz zuerst möglich, weil dort selbst der kleine Mann an Schönheit, an Stolz, an Bildung mitgenoß und von dem allem durchdrungen war. Daher kam aus den gesamten Schichten Wertvolles hinzu und wir sehen das einzigartige Schauspiel, daß sich Emporgestiegene und Geldmächtige, wie die Medici, auf das feinste geschmackvoll zeigen, ja daß ihr Geschmack und ihr Takt sie zu den ersten Bürgern der Stadt und schließlich verdienterweise zu den ersten Bürgern Italiens machen.

Wenige Jahrzehnte vor und einige nach dem Jahr 1500 strahlt die italienische Renaissance in Kunst und Leben wie ein einzig schöner Sommertag in der Mittagshöhe europäischen Daseins. Man könnte diese Zeit als das eigentliche Cinquecento bezeichnen, wie wohl sprachlich streng genommen der Ausdruck das 16. Jahrhundert umfaßt, wie Quattrocento das 15. Der Nachglanz des Cinquecento zittert und glüht bis in das 17. Jahrhundert. Sein Licht leuchtet zu Anfang auf in Florenz, wie Lilien in geschützten Gärten zuerst aufblühen und duften, sommerhell, wenn es auch ringsumher noch längst nicht sommerlich ist. Von Florenz aus wird ganz Italien ergriffen und Italien gibt weiter über die Alpen und über die See. Auf seinen Handelsstraßen wandert etwas Eigenart des Cinquecento durch alle Welt bis nach dem fernen Osten und Norden, nach Polen und Ungarn und selbst die Türkei bleibt nicht, unberührt, denn wiederholt versuchen die Herren in Konstantinopel italienische Künstler anzuziehen. Bellini nimmt die Einladung an, Lionardo da Vinci und Michelangelo ziehen die Einladung des Großtürken ernstlich in Betracht. Moskaus Kreml hat italienische Baumeister. Soweit dringt eine, allerdings barbarisierte, seltsam orientalisch gestimmte Renaissance.

Portugal und Spanien nehmen auf ihre Art das Neue auf. In Deutschland besiegt es die Gotik vorzugsweise, wo italienischer Einfluß am mächtigsten ist. Augsburg ist ein Pompeji der Renaissance genannt worden. Innig verschwistert dem florentinischen Vorbild ist Frankreichs Renaissance, nach England gerät sie spät, mündet aber glorreich im elisabethanischen Zeitalter. Die Benennung des Cinquecento mit Renaissance, Rinascimento, Wiedergeburt, als hätte Europa totgelegen und sei um das Jahr 1500 erst als ein Dornröschen aus tiefstem Schlaf erwacht, scheint mir ein wenig undankbar der gotischen Welt gegenüber, die schon auf manchem Gebiet Unübertreffliches geleistet. Aber bezeichnend für den ungeheueren freudigen Stolz damaliger Geschlechter ist dieser Ausdruck Wiedergeburt. Er wurde zuerst in Italien geprägt und als Eigenstes gerühmt, er entstand in der Zeit selbst und entsprach deren Ideal.

Italien lebt am bewußtesten darin und tut sich unendlich viel darauf zugut. Bald mischt sich nationales Hochgefühl in diese Empfindung. Nicht ohne Grund. Von allen Ländern Europas gehört Italien am entschiedensten dem Cinquecento an und das Jahrhundert des Rinascimento gehört ihm, seiner Kunst und seiner Sprache. Es war den Menschen der italienischen Städte beschieden, die Gaben dieses Zeitalters auszustreuen.

Wo ihnen Liebe und Dank entgegenblühte, kamen schöne Geschwister des italienischen Wunderkindes zur Welt — die meisten lebten aber nicht lange, denn finsterer Unverstand hielt schon die Mordwaffe bereit, eigentümlicher Wahnwitz wütete bald an verschiedenen Stellen und packte schließlich auch Italiens Wunder tötlich an der Gurgel. Mit dem sacco di Roma nimmt die stolzeste Zeit Italiens ein fürchterliches Ende. Es waren die wunderreichsten Tage seit der Blüte des klassischen Griechenland, Tage, die eine neue Bejahung des griechischen Gedankens erlebten: der Mensch ist das Maß aller Dinge.

Sein Rätsel schien bereits auf Erden befriedigend gelöst, der kleine Gott dieser Welt war sich selbst genug in seiner Manneskraft, in seinem Zeugungsrausch und seiner Schöpfergröße. Er fand den Sinn der Welt in sich, in seiner großen, gesunden, jubelnden Sinnlichkeit und als Heros des Geistes. Lächelnd hielt er den prometheischen Funken in seiner Hand wie ein wunderherrliches Spielzeug, seine Tugend, virtü, wie die italienischen Cinquecentisten sagten, war Können und Kunst — unbegrenzt in Fortschritt und Weite auf jedem Gebiet, ein unendliches Herrscher-tum, ein Reich, in dem die Sonne nie unterging. Denn, ist nicht die Gestalt der Erde entdeckt und sind die würdigen ptolemäischen Tafeln nicht entthront und belächelt?

Stolz macht das neue Wissen, doch ist noch viel liebenswürdig Kindliches als Einschlag in dieser Selbstzufriedenheit, ähnlich wie es im klassischen Athen gewesen. Genau wie dazumal sehnt sich der Mensch selten und seltener schmerzlich hinaus und hinweg aus seiner eigenen Welt in eine bessere göttliche, festen Fußes auf der Erde stehend, beschließt er, sie so schön zu machen, daß er wie ein stolzer Gastfreund die Götter einladen kann in sein wundervolles Heim und an seine herrliche Tafel. Er lockt sie auf die Erde herab, denn sie müssen Schönheit lieben, sonst hätte er die Liebe zur Schönheit nicht, noch die Macht, schön zu gestalten. Diese Macht und diese Liebe machen ihn der Göttergemeinschaft würdig, mit großer Geste darf er sie um die Ehre des Besuches bitten und ihnen freudig zeigen, was seine Kunst vermag. Das ist der unbefangene, frohe Glaube vieler edler Renaissancemenschen in Italien, sie fühlen sich nicht erschrocken und bedrängt durch göttliche Gegenwart, das Verhältnis ist dasjenige von einem Gastfreund zum Gast. Freilich liegt die Gefahr der Hoffart nahe wie bei Tantalus, als die Götter bei ihm tafelten.

Der feierliche Bund von Gast zu Gastfreund wird dadurch besiegelt, daß sich Italiens Boden so fruchtbar erweist an Götterbildern, Gliedmaßen, Köpfen, Säulen und Altären, als sei hier eine Marmorsaat gesät. Das fortwährende Staunen des Entdeckers von Statuen und Manuskripten erhält in einem eigentümlichen Zustand von Andacht, von Schönheitstrunkenheit, die nirgends anders möglich ist, für frohe Kinder eine selige Bescherung, eine heilige Überraschung nach der andern, ein dauerndes Beschenktsein.

Die Selbstverständlichkeit, mit der das wiedergeborene Heidentum fast an jedes Herz gedrückt wird im italienischen Lande, verträgt sich ohne Schwierigkeit mit einem Christentum, das Schutzgötter in Schutzheilige, Tempel der Aphrodite in Marienkirchen anstandslos verwandelt hatte, Venus oder Diana und Maria, Christus und Aeskulap, Gottvater und Jupiter in einen Mythos träumt, denn die alten Nationalgötter gehören zum neuen Nationalstolz, wie zum Bildungsinhalt. Die Hauptsache war ja das jubelnde Bewußtsein leiblich und geistig gesunden Menschentums, Liebe zur Vergangenheit, wie sie sich ideal in den Schriften und Werken des Altertums offenbarte, Glauben an eine Zukunft, die solcher Ahnen würdig sei. Das erhabene Glück, das derartiges Wertgefühl auslöste, das endlich erreichte Zuhausesein in schöner Welt glüht mächtig im Cinquecento Italiens und ist das untrüglich Bezeichnende-für den Komplex von Erscheinungen, mit dem man sich gewöhnt hat, den Begriff Renaissance zu verbinden.

Ihre Herrschaft wurde von früheren Forschem über Gotik und Barock ausgedehnt, indes in jüngster Zeit die Liebe zu den Tagen der Wiedergeburt abnahm (vielleicht weil sie uns zu sehr beschämt). Man räumt ihr daher weniger Platz ein, ja man läßt sie fast verschwinden zwischen Spätgotik und Frühbarock. Ich möchte mich in diesem Werk, das in geistigem Sinn den Baustil der Renaissance behandelt, vor beiden Übertreibungen hüten. Jede pedantisch streng durchgeführte Scheidung ist unmöglich, da mancher Renaissancemensch noch sehr gotisch oder schon sehr barock empfindet oder die verschiedenen Stufen durchmacht je nach Lebensdauer und Lebensumständen.

Ideen haben ihre naive Kindheit, ihre frohe Jugend, ihre Alterserscheinungen, ihren meist sehr langsamen Tod — oder vielleicht eine Metempsychose, sie treten auferstanden in verwandelter Art später wieder auf. Zum Herrschen geborene Ideen nehmen Wohnsitz in Personen, die Zeitgenossen sind, nicht immer gleichartig, wenn auch eine allgemeine Übereinstimmung merkbar ist. Der Eine hat die Kindheit der Idee, ein anderer schon deren vorgerücktes Alter in sich, eine dritte Gruppe vielleicht deren Tod und Verwandlung. Auch auf diesem Gebiet ist die Relativität von Zeit und Raum maßgebend. Es ist unmöglich, die Rolle der Ideen im Verhältnis genau abzustecken und man muß sich bewußt bleiben, daß es nur mit Hilfe von konventionellen Hilfszahlen versucht werden kann.

Das lauterste Wesen der Renaissance ist am vollkommensten in Italien und später in Frankreich zu beobachten, die anderen Länder weisen Abarten auf, die, je ferner und umständlicher der Kontakt, desto fernere Ähnlichkeiten zeigen. In einem Glanz der Seltenheit wird dies lauterste Wesen des Cinquecento durch stärkste tiefdunkle Gegensätze Renaissance gehoben. Ein sonderbarer Reigen — die historisch beglaubigten Gestalten dieses Jahrhunderts, die dichterisch phantastischen Erscheinungen dazu, die für uns ebenso lebendig sind. — Zwischen 1483 und 1515, knapp aneinander in der Jahreszahl, kommen so gegensätzliche Menschen zur Welt wie Luther, die heilige Therese, Ignatius von Loyola und Rabelais; Iwan der Grausame, der nicht zu Bett ging, ohne eine Grausamkeit begangen zu haben, und Leo X., der sich nicht zur Ruhe legte, ohne, gleich Titus, irgend einen Menschen zu beglücken, sind ungefähr Zeitgenossen. Der sonnige Rafael und der nächtig finstere Calvin sind Renaissancemenschen, manch ein Falstaff, manch ein Hamlet gehört in dieselbe Zeit, Vittoria Colonna, die Jüngerin Platons und der vollendete Materialist Aretino begegnen einander.

Ein Sebastian Brant und ihn vervollständigend ein Dedekind schaffen den klassischen Typus des Grobi-anus gewiß nach dem Leben, als warnendes Beispiel für jedes der Geselligkeit gefährliche Wesen so derb deutlich, daß gewisse lateinische Kapitel über Grobi-anus unübersetzbar bleiben. Und auf der andern Seite der Alpen, ebenfalls nach Vorbildern aus dem Leben gezeichnet, stellt ein Castiglione den idealen Weltmann auf im libro del Cortegiano — einem Buch, das die letzte Quintessenz feiner Bildung an Manier des Leibes und der Seele enthält, eine Quintessenz der Vollendung edel geselligen Daseins, wie sie nie mehr annähernd erreicht wurde.

Dieses übersprudelnd lebensvolle, mannigfaltigste aller Zeitalter mit Hilfe von künstlich ihm aufgenötigten Regeln und Gesichtspunkten studieren zu wollen, sei uns fern. Nützlicher ist gewiß das Bemühen, gerade hier vor allen Dingen Vorurteile wegzuräumen und einige der grundlegenden Anschauungen oder Gepflogenheiten, die den geistigen Baustil der Zeit bedingen, ins Licht treten zu lassen, sowie deren geographisdie und historische Voraussetzungen. Oder man konnte sagen, es ist ebenso notwendig, das psychische Klima zu beobachten, um das ganze Lebenswachstum uns vertraut und gegenwärtig zu machen. Daß die Bedingungen in Italien am günstigsten lagen, haben dessen alte Götter mitzuverantworten, die um diese Zeit neuen Machtanspruch stellten. Aber in eben dem Maß — gewiß ein Zusammentreffen, das nachdenklich machen muß — war es das in Italien zu lebendigstem Ausdruck gelangte Leben und Streben der Kirche in weltlicher wie in geistlicher Beziehung. Dazu gesellen sich eigentümliche politische Erscheinungen, die wertvolles Baumaterial fördern.

Nicht nur Heilige und Gelehrte läßt das psychische Klima der Kirche zu rechtem Gedeihen kommen, es ist auch Vorbedingung zum rechten Entfalten der vollkommensten Weltmänner, die sich je in Europa bewegten. Uber die Verweltlichung der Kirche im 16. Jahrhundert ist in vielen Werken leidenschaftlich anklagend, zum mindesten schmerzlich bedauernd geschrieben worden und die Kirche selbst wandte sich später streng verurteilend von diesem Stadium ab. Es gehört zu den heikelsten Aufgaben einer gerechten Geschichte der Geselligkeit, sich solchen Anklagen und Selbstanklagen gegenüber neutral zu verhalten und, wie es das Thema verlangt, behutsam die Lichtseiten jener Verweltlichung hervorzuheben und zu erklären.

Denn ohne diese — gestehen wir es frei — wäre das Cinquecento als Mittagshöhe europäischer Bildung nie erklommen worden und beim Verlassen dieser froh besonnten Höhe tauchte die Menschheit in Schatten, wo wir fröstelnd den Mantel um die Schultern schlagen und grimmig entschlossen fürbaß schreiten, des Reigens auf jenen Blumenmatten kaum noch eingedenk. Das Allumfassende, das Katholische im weitesten Sinn des Wortes Katholizismus bestand ursprünglich darin, daß die Kirche allem Geistigen im Menschen Schutzherrin sein wollte gegen wüsten Waffenlärm, sie nahm jede friedliche Arbeit unter ihre besondere Obhut. Daraus entwickelte sich infolge der Doppelanlage des Menschen zugleich und oft unlöslich verquickt, so daß die Bestandteile schwer zu erkennen und werten sind, sehr Gutes und sehr Böses.

Das Böse, das Herrsch- und Geldsucht zeitigt, ist sattsam bekannt; fassen wir nunmehr das Gute ins Auge, die ideale Seite der Verweltlichung oder vielmehr des Strebens der Kirche, höchste weltliche Interessen des Menschentums von sich abhängig und schutzpflichtig zu machen. Es beginnt mit dem edlen Fleiß der Mönche, die im Mittelalter die Tradition antiker Zivilisation retteten, Manuskripte hüteten, vergessene Obst- und Gemüsesorten wieder einführten, Musik, feine Gastfreundschaft, Küchen- und Kellerkunst pflegten. Geistliche Herren waren Freunde, Erzieher, Berater vornehmer Frauen, und mochte zuweilen ein Abälard-, ein Eckehard-Roman daraus entstehen, zu meist blieb das Verhältnis fein platonisch, günstig der Entwicklung höherer Geselligkeitsformen.

Der Traum, im Namen der Schönheit die Güter antiker Weisheitslehre dem Christentum zu retten und zu vermählen, lebte von Jahrhundert zu Jahrhundert fort im gepflegten Gespräch zwischen geistlichem Freund und hochgesinnter Freundin. In der Blüte der Minnezeit besang mancher Geistliche, selbst ein Papst aus der Provence, als Troubadour die himmlische Liebe, von irdischer Liebe ausgehend im Sinn eines Augustin und unbewußt im Sinn eines Platon. Die Tradition mystischer Liebe und die mit solcher Tradition verbundenen Formen der Geselligkeit führt Petrarca fort, als Erbe der Troubadours, Kenner ihrer Sprache und ihres Ideals. Von ihm angeregt, wird der goldene Faden weiter geknüpft in der Renaissance, am deutlichsten von Pietro Bembo*), der provenzalischer Poesie liebevoll nahe trat und deren Inbegriff in seinen eigenen Dichtungen und platonischen Bekenntnissen weiterzugeben suchte**).

Seit dem Mittelalter war die Institution der Kleriker (oder clerici) entstanden, die zwar die Tonsur empfingen und Anwartschaft hatten auf geistliche Bene-ficien, allein noch keine Weihen; sie sind halb weltlich, halb geistlich, eine Bruderschaft, die sich Studien aller  Art hingab unter dem Schutz, man möchte sagen, unter der Lehnsherrschaft der Kirche — denn noch sind alle Denkdisziplinen der Kirche verpflichtet, die gleichsam für den von ihr gewährten Schutz und die materielle Unterstützung, die sie allen der Wissenschaft Beflissenen leistet oder zu leisten verspricht, selbstverständlich Huldigung erfährt.

*) Bembo machte umfassende Studien über die provenzalischen und italienischen Minnesinger. Er ließ sich von ihnen anregen, ln seinem Freundeskreis wird auch der portugiesische Minnesang gewürdigt.

**) Siehe im libro del Cortegiano von Baldassare Castiglione und in Bembos Schriften.

Kriegsleute adeliger Kreise hatten lange eine gewisse falsche Scham der Wissenschaft gegenüber, als schicke sie sich nicht für Leute ihres Standes — allein sobald die kleine Tonsur des Klerikers erscheint, ist er durch das Wohlwollen der Kirche wieder oder neu in eine Art Adel eingesetzt. Dank ihrer Gnade gehört der Mann des Buches und der Feder zur guten Gesellschaft. Besonders zur guten Damengesellschaft, denn für die Frau ist der Umgang der geistig Strebenden, deren Sympathie und Zartheit im Verkehr Trost nach mancher Rauheit und Prosa des Ehelebens. Die hohen Würdenträger der Kirche zeigten intelligenten Luxus, denn es schien, als brauche das Reich Gottes prächtige Fürsten und Herren*).

Da es unmöglich war, vom Erlös geistiger Arbeit zu leben, war der geistig Arbeitende zuerst und nachhaltig auf, die Unterstützung der Kirche angewiesen, die ihm das nötige otium für seinen Beruf schenkte durch Verleihen kleiner oder größerer Benefizien, je nach Verdienst, Glück und Empfehlung. Auch als die Fürsten anfingen, ein Mäzenat zu üben, geschah dies am häufigsten auf Kosten der Kirche, indem sie irgend welche Pfründen derselben zur Besetzung in die Hand nahmen.

*) Les cardinaux montraient un luxe intelligent parce quil fallait au royaume de Dieu des princes et des seigneurs. (Maulde de la Claviere: Les Femmes de la Renaissance.)

Nahe liegt, daß mancher Mißbrauch damit getrieben wurde. Die Kirche war eine Demokratie, stets bestrebt, durch Wahl aus allen Ständen und Kreisen geistig Wertvolles auszulesen. Daß Spreu mit unterlief oder die Gepflogenheit dahin entartete, zu sonderpolitischen Zwecken mit den Stellen, die lobenswerterweise Muße zu geistiger Arbeit schaffen sollten, Schacher zu treiben, war unausbleiblich bei demokratischen Institutionen. Der Segen kirchlicher Schutzherrlichkeit blieb stiller Natur und ist daher gegen die lauten Mißbräuche noch kaum erwogen worden. Am günstigsten wirkte die Institution dort, wo die Kleriker gerade dadurch, daß ihre geistlichen Stellen ihnen eine freundliche Muße erlaubten, die Möglichkeit fanden, sich in der Geselligkeit hervorzutun, — zu jenen feinen, fröhlichen Prälaten zu werden, die in Italien und Frankreich zusammen mit vornehmen Frauen den Salon gründeten und beherrschten. Sie wurden zu Meistern der Konversation und aus gepflegter Konversation erwuchsen Kunstverständnis mit aller Gunst, philosophische Fortschritte, literarische und sprachliche Errungenschaften und Verfeinerungen jeder Art, das Interesse gebildeter Kreise an aller Bildung.

Die Prälaten — jene halbweltlichen Standes und die meist aus deren Reihen hervorgegangenen feinsinnigen Bischöfe und Kardinale sind Schwelger des Geistes, Feinschmecker der Kunst, was ihnen allerdings von mancher Stelle übel vermerkt wurde, da ihre Verdienste mit den ursprünglichenObliegenheiten christlicher Seelenhirten wenig mehr zu tun hatten. Besonders von Norden her konnte der Liebenswürdigkeit solcher Prälaten keine Sympathie entgegengebracht werden, weil der Sinn für das Wesen feiner Geselligkeit und deren Verdienste dort wenig oder gar nicht vorhanden war. Wenn auch im Norden edelgebildete Prälaten, wie etwa ein Abt Trithemius (bei Würzburg) vornehme Geselligkeit inmitten eines Luxus von köstlichen Büchern zu treiben versuchten, wurde dies von plumpen Mönchen sofort angegriffen und gestört, denn die Mönche waren um jene Zeit zum größten Teil ebenso bildungsfeindlich als die aus halbweltlichem Stand hervorgegangenen höheren Prälaten zumeist bildungsfreundlich waren, und sie mißtrauten den Reformen, die jene anstrebten, als Ende der mönchischen kommunistischen Nichtstuerei auf Kosten von fleißigen, leicht zu prellenden Leuten. Im Süden wie im Norden widerstand und widerstrebte eine gewaltige, unheimliche Macht in der Möncherei erzfeindlich dem eleganten Prälatentum. Grobsinnlich und gemeinfanatisch, wie sie war, mußte sie von den feinsinnigen und toleranten Weltmännern, die eine Verbesserung im Sinne Platons ersehnten, verachtet werden und machte sich zur Rache bereit.

Während der ganzen Renaissance grollt dumpf dieser soziale Haß und facht schließlich die politischen Leidenschaften so stark an, daß die seligen Träumer aus ihrem Schönheits- und Friedenstraum rauh geweckt werden. Von Strengdenkenden war freilich am Lebenswandel manch höherer Geistlicher genug auszusetzen, doch gehässigeVerleumdung hat augenscheinlich manches übertrieben oder unerklärt gelassen, was der Erklärung wert gewesen wäre.

Auch wenn die halbweltlichen Kleriker nicht die Absicht hatten, die vollen Weihen zu empfangen, die notwendig waren zum Aufrücken in die höheren Kirchenwürden, enthielten sie sich der Ehe. Diese Vorschrift bedeutete nicht den Wunsch nach irgendwelcher Askese, sondern entstammte rein praktischen Gründen, weil die Kirche wohl für den einzelnen gelehrten Mann, aber nicht für seine ganze Familie aufkommen mochte und weil ursprünglich die Auffassung herrschte, wer sich den Musen weihe, müsse es im priesterlichen Sinne tun und die Prosa ehelicher Sorge von ihm ferngehalten werden. Dadurch war für die Geselligkeit ein wichtiges Element gewonnen, der einzelne, elegante, geistreiche Mann, der sich unbeschwert und unbefangen, da er kein Heiratskandidat war, in weiblicher Gesellschaft bewegen konnte. In südlichen Landen erregte es selten Anstoß, daß diese Herren halbgeistlichen Standes wenn auch der Ehe, so doch nicht dem Recht des Herzens entsagten, und bei der Natürlichkeit, die natürlichen Kindern gegenüber damals allgemein bestand, nahm es niemand wunder oder gram, wenn etwa ein Petrarca, ein Bembo, unbeschadet der platonischen Überzeugung, auch Familienfreuden kosten mochte.

Die laxe Art, in der diese Dinge mit vollständiger gesellschaftlicher Nachsicht behandelt wurden, veränderte sich freilich kaum, wenn einer dieser Herren die eigentlichen Priesterweihen empfing. Audi kam manch seltsame Belehnung vor, so erhielt der Kleriker Bandello von Franz I. von Frankreich den Bischofssitz in Agen, weil er so allerliebst erzählen konnte, (parce que il savait si bien conter) und was er zum besten gab, waren reizende, doch höchst lockere Novellen.

Lorenzos Sohn, Giovanni Medici, erhielt schon mit sieben Jahren geistliche Würden und mit siebzehn den Kardinalshut. So befremdend derartiges erscheinen mag, vergessen wir nicht den ursprünglichen Zweck: Die Kirche schenkte großmütig den geistigen Arbeitern, was sie vorher und nachher nie erhielten — ein vornehmes Otium, eine sichere Lebensstellung, die ihre Gelehrsamkeit davon enthob, nur nach Brot zu gehen und ihnen das odi profanum vulgus gestattete, das zu höherer Geistesweihe gehört. Kirchliche Fürsorge und Ehelosigkeit enthoben sie der Sorgen des Tageserwerbs, sofern sie sich mit horazischer Bescheidenheit begnügten, und auch in vielen Fällen darüber hinaus, so daß Sammlertum und vornehme Gastfreundschaft möglich wurden.

Mit Behagen und Geduld konnten sie sich allerlei Forschung widmen, und, was sie auf den Gefilden ihrer Tätigkeit ernteten, sofort zur Verschönerung des Lebens und allgemeinen Bereicherung in gesellig-trauten Stunden mitteilsam zum Genuß bringen. Petrarca ist die vollendete Erscheinung des geistlichen Weltmanns und Weltbürgers, der nur also gezeitigt werden konnte, des christlichen Platonikers, der die Weisheit der Antike mit christlicher Weisheit, ihre Liebeserkenntnis mit christlicher Liebeserkenntnis vermählt, in sich als edles Beispiel darstellt. Er steht an der Schwelle der Renaissance und ist mit Recht deren Vater genannt worden. Alle großen Männer des Cinquecento blicken mit kindlicher Verehrung, Ehrfurcht und warmer Liebe zu ihm auf und flehen um seinen Segen bei ihrem Werk, wie gute Söhne sich damals einem guten Vater gegenüber hielten.

Kein Dichter hat je über ein so bedeutendes Zeitalter so ausdrücklich und ausgesprochen mit patriarchalisch majestätischer Herrscherwürde gestanden. Alle Grade an Verehrung erlebte Petrarca im Cinquecento von schwärmerischer echter Hingabe herab bis zu modischem Getue. Er galt unbestritten als der Meister an sich und wurde in der Mitte dargestellt, Dante und Ariost rechts und links in untergeordneter Stellung*). Seltsamerweise ist diese wichtige Sachlage im Lauf der Zeiten unkenntlich geworden. Als Meisterphilosoph und erster Feldherr des siegreichen Humanismus wurde Petrarca vergessen, und es blieb nur mehr eine blasse Erinnerung an den Sänger der blonden Laura, dessen Sonette Generationen nachgeahmt, dessen Autorität jeder Schwerenöter im Munde führte.

*) Im Quattroccento hatte Petrarca 30 Ausgaben seiner Werke, im Cinquecento 177; im Seicento fallen sie auf 17 und es wird der Versuch gemacht, seine Liebesgedichte im frömmelnden Stil (modo figurato) umzudichten. Im Cinquecento urteilt Monsignore della Casa in Galateo, Dante wisse sich nicht immer elegant auszudrücken, indes Petrarca stets Meister der Eleganz und der Grazie bleibe. Dante habe nicht l’arte di essere grazioso. Zur Zeit als Petrarca 177 Ausgaben erreichte, erlebte Dante deren 30, im Seicento nur 3.

Zum Verständnis des Jahrhunderts, das ihm ergeben war, muß die Stellung, die er damals einnahm, vor allem gewürdigt werden. Sie hat tiefen Einfluß auf die Geselligkeit der schönsten Tage des uns bekannten Erdendaseins, Tage, in denen mit kindlicher Freude die Schätze der Antike entdeckt wurden, ähnlich wie Kinder auf Großmutters Dachboden Märchenschätze finden und damit kostümiert Verse klingen lassen. Allein es sind geniale Kinder und das Spiel wird ernst, wiewohl es reizendes Spiel bleibt; holder Frohsinn, weise Gelassenheit griechischer Symposien sind wiedergeboren.

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt

Die Vorstellung, dass das Leben des Menschen auf dieser Erde ein Rittertum sei im beständigen Kampfe gegen die Mächte des Bösen, findet sich mehrfach schon im alten Testamente ausgesprochen. Die bekannteste, auch von Luther mehrfach für dies Gleichnis herangezogene, Stelle ist Hiob 7, 1: „Muss nicht der Mensch immer im Kampfe sein auf Erden“, — oder, wie sie die deutschen Bibeln des 15. Jahrhunderts übersetzen: „So ist denn des Menschen Leben nichts anderes denn eine Ritterschaft hier auf Erden.“ Daneben kommen Jesaias 24, 1 und 40, 2 und Psalm 3o, 25 in Betracht. Mit besonderer Vorliebe wendet aber Paulus in seinen Briefen dieses Gleichnis an, am ausführlichsten in der allbekannten Stelle Epheser 6: „Ziehet an die Waffenrüstung Gottes, dass ihr bestehen könnet wider die Schliche des Teufels; denn ihr habt nicht zu kämpfen gegen Blut und Fleisch, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Mächte, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die Geisterwesen der Bosheit in der Himmelswelt. Darum nehmt die Rüstung Gottes, dass ihr widerstehen könnet am bösen Tag, und alles bewältigend aufrecht bleiben. So stehet also, eure Lenden gegürtet mit Wahrheit, angethan mit dem Harnisch der Gerechtigkeit, die Füsse geschuht mit der Bereitschaft zum Evangelium des Friedens, bei allem aber aufnehmend den Schild des Glaubens, mit welchem ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen könnt; und nehmet an euch den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“

Der Begriff eines „miles christianus“ zieht sich daher schon auf dieser Grundlage durch alle Jahrhunderte des Christentums hindurch. Im Mittelalter führten die Templer und Johanniter als besonderen Ehrentitel diesen Namen. Auch scheint eine Gruppe von ritterlichen Heiligen unter dem Titel ,,Milites Christi'“ verehrt worden zu sein. Wir finden auf dem Genter Altar der Gebrüder van Eyck den herrlichen Reiterzug zur Linken durch die Unterschrift als ,,Milites Christi“ bezeichnet, während auf den drei andern Teilen der Seitenflügel die „judices justi“, die „heremitae sancti“ und ,,peregrini sancti“ heranziehen. Merkwürdigerweise hat die reiche Litteratur über den Genter Altar sich bisher so gut wie gar nicht mit der Erklärung dieser merkwürdigen Zusammenstellung befasst. Nur in der neuesten Arbeit von Seeck ,,Die charakteristischen Unterschiede der Brüder van Eyck“  ist eine Erklärung unternommen, die mir aber auf dem Holzwege zu sein scheint. Die Richtung, nach der hin zu suchen ist, hat wohl Tschudi richtig angedeutet, indem er auf die Stelle im ,,Hymnus de omnibus sanctis“ aufmerksam machte, wo von den Heiligen des Himmels als „Milites Christi“ und ,Judices sancti“ die Rede ist. Hier gilt es weiter zu forschen ; auf einem anderen Wege als dem der Hymnologie wird man wohl nie zu einer genügenden Deutung des gesamten Genter Altares gelangen. Ich möchte in diesem Zusammenhänge aufmerksam machen auf ein Blockbuch-Falsifkat des Berliner Kupferstichkabinets (Passavant, peintre-graveur I, 188) mit der gefälschten Aufschrift „Mainz 1430“. Hier sind in Holzschnitten 8 ritterliche Heilige als „Streiter Christi“ dargestellt, (die Gruppe auf dem Genter Altar zählt 9) jeder begleitet von dem allerdings sehr unecht klingenden Verse:

wir Streiter cristi wol uns schla’n dieweil wir fir uns den himel han got schirme firder wehr zu seiner und zu unser ehr. amen.

Ist das Ganze auch eine Fälschung, so muss doch wenigstens die Auswahl der Personen (S. Balduin, Magnus, Paulus, Hilarius, Augustinus, Lodovicus, Wenzeslaus, Georgius) irgend ein altes Vorbild haben.

Mit unserm Begriff des christlichen Ritters hat aber diese Vorstellung nichts zu thun. Sondern neben diesen heiligen Streitern Christi und neben den Ordensrittern, die sich „milites christi“ nannten, gibt es nun noch eine dritte Vorstellung vom christlichen Rittertume im Mittelalter, und diese findet sich in der deutschen Mystik. Von hier aus lässt sich eine direkte Verbindungslinie ziehen bis zu Dürer und Erasmus.

Neben Tauler und Hermann von Fritzlar ist es vor allem Heinrich Seuse (Suso, circa 1295—1366), der Führer der oberdeutschen Mystik, der mit aller Lebhaftigkeit es als eine hohe Aufgabe für das Menschenleben erfasst und verkündet, als ein wackerer Streiter des himmlischen Reiches durch dieses Erdenleben zu ziehen. Er selbst betrachtet sich ausdrücklich als einen besonders dazu berufenen Ritter Gottes. Ein Engel hat ihn selbst in geistlich-ritterliches Gewafifen gekleidet, nachdem er zuvor nur ein Knecht des himmlischen Reiches gewesen ist. Nun zieht er in der geweihten Rüstung als ein christlicher Ritter und wackerer Streiter des himmlischen Reiches umher und sucht neue Ritter für dasselbe anzuwerben. Er findet sie vor allem unter den Frauen. (Vergl. vor allem sein lehrreiches Gespräch mit einem Knappen bei der Ueberfahrt über den Bodensee über geistliche und weltliche Ritterschaft, Büchlein der Weisheit, ed. Denifle, 217.)

Es hat den Anschein, dass in erster Linie durch Suso das Bild von der geistlichen Ritterschaft für die deutsche Mystik zu einem Lieblingsmotiv geworden ist, wie die folgenden Generationen der Mystiker beweisen. Nur ist ein interessanter Unterschied in der Auffassung der späteren Mystik gegenüber der des 14. Jahrhunderts zu bemerken: In der früheren Zeit ist noch eine besondere Berufung zum Stande des christlichen Ritters notwendig, wie wir bei Suso selbst sahen, ebenso bei Tauler und seinen Nachfolgern. Nicht jeder taugt zu diesem auserwählten Stande. Im 15. Jahrhundert aber, wo die Mystik in die Breite geht und sich in immer zahlreicheren Erbauungs- und Belehrungsschriften an die grossen Massen wendet, da wird die Aufgabe so aufgefasst, dass jeder Christenmensch überhaupt sich als einen Streiter Christi zu betrachten und danach sein Leben einzurichten habe. „In der Geburt schon geloben wir die geistliche Ritterschaft,“ heisst es da mit Vorliebe unter Berufung auf ein Wort des Apostels; und die Stelle aus Hiob, dass das menschliche Leben nichts anderes sei denn eine Ritterschaft hier auf Erden, steht im Vordergründe. Somit hat in der späteren Entwicklung der deutschen Mystik auch ohne besondere Berufung ein Jeder von vornherein die Pflicht, unerschrocken und allein, in voller Selbständigkeit seine Strasse zu ziehen, in unermüdlichem Kampfe mit den drei alten bösen Feinden, dem Teufel, der Welt und dem eigenen Fleisch, ohne Anlehnung an religiöse Genossenschaften, wie sie der älteren Mystik nach dem Vorbilde des mittelalterlichen Kirchentums noch vorschwebten, ohne anderen Schutz und andere Wehr, als die Waffen des Geistes, die jeder selbst, — nicht die Kirche oder eine Gemeinschaft für ihn — zu führen bestimmt ist. Wir treten damit ein in die Zeit, in der sich das Gefühl der persönlichen Verantwortung für seiner Seele Heil zu regen beginnt, in die Zeit des Erwachens der selbständigen religiösen Persönlichkeit, deren hellen kampfesreichen Tag dann die deutsche Reformation heraufführt. Auf diesen Kampf stählte sich schon das 15. Jahrhundert, namentlich die Jahrzehnte nach der Mitte desselben, an dem Idealbilde eines christlichen Ritters.

Sicherlich hat an dieser Wandlung die immer grössere Verbreitung der deutschen Predigt und vor allem der deutschen Bibel wesentlich Anteil gehabt. Das auf Visionen und Berufungen aufgebaute Rittertum Seuse’s tritt zurück, dagegen gewinnt die auf biblischer Grundlage beruhende Vorstellung des allgemeinen geistlichen Rittertums, gewinnen vor allem die paulinischen kraftvollen Worte des Epheserbriefes neues Leben. Konnte doch jetzt, nachdem die neue Kunst des Buchdrucks sich in erster Linie in den Dienst der Bibelverbreitung gestellt hatte, ein jeder des Lesens Kundige sich selbst überzeugen, dass die Berufung zur Ritterschaft einem jeden gilt, der Christi Zeichen zu tragen gewillt ist, dass der Unterschied zwischen Knecht und Ritter des himmlischen Reiches gefallen sei. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts finden wir die christliche Ritterschaft als allgemeines Schlagwort, als religiöses Programm für das Erdenleben jedes Einzelnen, immer wieder verkündet in Wort und Schrift, — nicht in der offiziellen Kirchenlehre, in der verknöcherten, lateinisch redenden Scholastik, die immer mehr die Fühlung mit dem religiös erregten Volkstume verliert, sondern in dem breiten belebenden Strome der volkstümlichen deutsch redenden Mystik, die nicht auf Wissen und Gelehrsamkeit gerichtet ist, nicht an den Verstand sich wendet, sondern auf die Ausbildung des inneren Menschen dringt und somit geraden Weges hinüberleitet zur deutschen Reformation.

Nehmen wir nur einige der gelesensten religiösen Volksschriften jener Tage als Beispiele heraus.

Im „Schatzbehalter oder Schrein der wahren Reichtümer“, der 1491 in Nürnberg von Dürers Paten Koburger gedruckt wurde, verziert mit Holzschnitten von Dürers Lehrer Wohlgemut, ist schon in der Vorrede von dem „sicheren fechten und unwerferlichem streit“ die Rede, mit welchem man um die ewigen Reichtümer kämpfen müsse, „gewappnet durch den Glauben,“ (unter Hinweis auf die paulinische Stelle im Korintherbrief 10, 4). Wir sollen das Schwert des Geistes nehmen, „das wir unseren feind mit den sprüchenn der heyligen geschrifft ernyder schlagen sollen, als unser keyser und vorfechter cristus thet, da yn Lucifer anfacht.“ Und an vielen Stellen des Buches klingt die Ritterschaft als eine allgemein bekannte Vorstellung an.

Im Granatapfel des berühmten Predigers Geiler von Kaysersberg, — ebenfalls eine der gelesensten Volksschriften der vorreformatorischen Zeit, mit der üblichen Dreiteilung vom an-hebenden, zu (oder ausnehmenden und vollkommenen Menschen —, heisst es gleich im Eingang: „Eya du anhebender mensch, du must dich ritterlichen angreifen und dich setzen vestentlich wider deinen esel und nit nachvolgen seiner begir.“ Der „auffnemend mensch“ hat dann die bekannten schweren Kämpfe zu bestehen. Er muss „männlich streiten wider drei feind, wider die weit wider den teuffei und besunders wider seinen eigenen leib.“ (Kap. 53)

Diese drei Feinde kehren als die Angreifer überall wieder, — von Suso, Tauler und Mechtild’s von Magdeburg „fliessendem Licht der Gottheit“ an durch die Volksschriften des 15. Jahrhunderts hindurch bis zu der oben angeführten Stelle in Erasmus „Handbüchlein des christlichen Ritters“ und bis zu den Moralitäten und allegorischen Dichtungen vom „miles christianus“ des 16. und 17. Jahrhunderts.

(Luther im Katechismus : „Auf dass uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht verführe.“)

Im „Himmel- und Höllenwagen“ des Hans von Leonrodt tritt dann auch der Tod in die Reihe dieser Feinde des „alten Menschen“ und „schreibt ihm Feindschaft zu“. Aber der Mensch verlässt sich auf die Hilfe Gottes und Marias.

„Das sol mein harnasch sein, mit dem ich mich von fuss auf wol bewaren mag vor allen wunden, hau wen, stechen und schiessen in meinem streit.“ Geduld soll das Schwert sein gegen meine Feinde, „mein schilt reu, laid und missfallen meiner sünd, mein armbrost, büchs, pulver, pfeil und andre wör“.

So hofft der mutige Streiter in stetem Kampfe „auf dem Himmelwagen“ in das Land des Friedens zu kommen.

Im „Spiegel des menschlichen Lebens“ des Rodericus Zamorensis, ein Volksbuch das 1468 zuerst erschien, von Heinrich Steinhöwel ins Deutsche übertragen wurde und dann von 1479 an viele Ausgaben in deutscher und lateinischer Sprache in Deutschland erlebte, ist an den verschiedensten Stellen von der „gotlebenden geystlichen ritterschafft“ die Rede, „in der sy ewiges leben erstehen und erwerben“. Wenn schon die weltliche Ritterschaft „alle andere Übung in nutz und eer übertriffet“, wie viel mehr die geistliche, die wir, nach dem Wort des Apostels, schon in der Geburt geloben und unser ganzes Leben durchzuführen haben. „Schlag manlich, lern kecklich in den tod geen“, das soll die Parole des weltlichen und geistlichen Ritters sein.

Wer überwunden hat, der gehört zur „sighafflig kirch“, die nun bei Gott bittet „umb die kirchen der ritterschaft auf erden“. (Erlernung der 12 Artikel des christlichen Glaubens, Uhu 1486.) Das Vorbild des christlichen Rittertums ist Christus selbst. ,,Also hat auch gethon Christus unser herr und unüberwyntlicher haubtmann. In dem so er geordnet hat seinen rittern und knechten geistlichen strytenden in dissem geistlichen streit mit den unsychtbarlichen feinden, den bösen geisten.“ (Underrichtung eins geistlichen leben s, Strassburg 1509.)

Zur Ausführung des Gleichnisses im Einzelnen wird ganz naturgemäss die ausführlichste biblische Schilderung, Epheser VI, zu Grunde gelegt. Interessant dafür sind vor allem die Predigten. Viel öfter, als wir jetzt noch feststellen können, muss dieser kraftvolle Weckruf zur geistlichen Ritterschaft in dieser kampfesdurstigen Zeit, die sich so viel mit dem Teufel herumschlug und ihm überall zu begegnen glaubte, als Text den Predigten zu Grunde gelegt worden sein! Von dem beliebtesten Prediger der Zeit, von Geiler von Kaisers berg, ist uns eine treffliche Predigt über diesen Text erhalten, die, im Jahre 1499 gehalten, wie so viele seiner volkstümlichen Predigten erst Jahre lang in zahlreichen Nachschriften seiner Zuhörer umlief, bis sie dann neun Jahre später noch eigens im Druck herausgegeben und von Hans Baidung Grien mit schönen Holzschnitten verziert wurde, ein Zeichen, wie volkstümlich sie gewesen sein muss und wie ihr kriegerischer Inhalt dem Empfinden der Zeit entsprach. In seiner bekannten drastischen Weise führt uns Geiler gleich mit den ersten Sätzen mitten hinein in den geistlichen Streit. Dröhnend schallt uns der Waffenlärm entgegen. Nicht nur „bantzer, krebs und harnasch“ bedarf der geistliche Ritter, er muss vor allem das Schwert des Geistes führen zum mutigen Dreinschlagen. „Das wort gottes ist des menschen schwert, damit er mag den veind den bösen geist vertreiben und sich der anfechtung erwören, die im zuhanden geen mögen“. Dann weiterhin die charakteristische Stelle: „Denn so hastu daz swert gebrauchet und wider den teufel gefochten damit erwerstu dich gauckelwerks tantzes lusts etc., und also verstand es in anfechtung anderer laster.“

Dr. Ulrich Krafft, Pfarrer zu Ulm, gab 1503 eine ganze Sammlung Fastenpredigten im Druck heraus über den „gaystlichen streyt, dareyn sich aynn jeder Christen mensch die zeyt seines lebens ritterlichen sol üben“. Er redet darin die Gemeinde gleich an als „ir lieben ritter und kriegsknecht“. Wie unser gütiger Hauptmann Christus wider den Feind alles menschlichen Geschlechtes gestritten hat, so sollen auch wir „streytten und uberwinden die drei feindt, das sind dein aigen blut und flaysch, die weit und der böss geist“. Geduld ist unsere Wehre, unser Schild Chiisti Leiden. So sollen wir mit unserm Hauptmann „einreytten in den ängstlichen kampf“. In der 35. Predigt wird dann nochmals ausführlich geschildert, „wye ein jeglicher kriegsmann zum streyt soll gewappnet seyn“.

Die Schilderung der einzelnen Ausrüstungsstücke des christlichen Ritters spielt überhaupt eine grosse Rolle. Anschaulich führt sie uns Friedrich von Hennenberg vor in seinem niederdeutschen Gedichte aus dem letzten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts „Die geistliche Rüstung“, indem er sich gleichsam vor den Augen des Lesers von Kopf bis zu Fuss einhüllt in das geistliche Gewaffen. Eine schwere Heerfahrt steht ihm bevor:

Ach god, eyne herevard schal ick varen.
God sulven mote my bewaren Uppe die reyse, de ick te,
Dat my de leyde duvel fle !
Dat my de duvel nicht beslyke
Des help my Maria, konninghynne ryke!

(Also das „Beschleichen“ des Teufels fürchtet er, gerade wie auf Dürers Stich der Teufel an den Ritter von hinten heranschleicht.) Wie der „rouer Jurian“ (St. Georg) wünscht er sich zum Streite zu rüsten, denn es gilt

«Wedder den leyden duvel unghehur».

Das Kreuz Christi ist das Schwert, der Schild ist

. . «na goddes marter ghestalt,
De benympt deme duvel al sine walt».

Aber weder Schwert und .Schild, noch Harnisch und Helm, Beinschienen und Handschuhe genügen ihm als Schutz, auch sein Jahrbuch des Ver. f. niederdeutsche Sprachforschung IX, 1883

Schutzengel und alle Heiligen müssen ihn noch in den geistlichen Streit begleiten, denn

ich vrochte [= fürchte] sere der duvel häd» .

In den Schlussversen kommt die Sehnsucht nach Erlösung aus dem Streite, nach dem Lande des Friedens in rührenden Worten zum Ausdruck.

So schallen also aus Schrift und Predigt, Gebet und Lied die Töne des geistlichen Streites in die Welt hinaus. Gern bezeichnet man sich selbst als einen geistlichen Ritter, so der damals berühmte Tübinger Mathematiker Stöffler (Zucker S. 88), oder wendet diesen Titel als hohe Ehrung für andere an, so Jacob Wimpheling, der dem um 1496 verstorbenen Basler Scholastiker Heynlin von Stein ein besonderes Lob ausstellen will mit den Worten :

„Wie ein mutiger Glaubensritter stand er stets gerüstet im Streit und focht manchen harten Strauss aus“.

In der eben genannten Dichtung des Friedrich von Hennenberg wie in manchen andern Quellen der Zeit findet man eine so eigenartig realistische Weiterspinnung des paulinischen Gleichnisses von den Waffen und der Rüstung des geistlichen Ritters, dass man den Eindruck hat, da müsse noch ein anderer Vorstellungskreis hereinspielen, aus dem man fort und fort neue Anregungen schöpfte. Ich vermute, dass dies die gleichzeitig sich entwickelnde Gedankenwelt vom Idealbilde des weltlichen Ritters ist, die sich ebenfalls in allegorischen Dichtungen der gleichen Zeit zu krystallisieren beginnt, jene romantische Verherrlichung des Rittertums, wie sie nach verschiedenen Vorläufern des 15- Jahrhunderts schliesslich am Beginne des 16. Jahrhunderts im „Theuerdank“ Kaiser Maximilians ihre monumentale Verkörperung fand. Auch der Ritter Theuerdank hat sich mit drei Feinden herumzuschlagen, die in ihm selber lebendig sind, Fürwitz, Unfall und Neideihart. Für die bedeutungsvolle Auslegung der einzelnen Waffen und Rüstungsstücke des Ritters, wie sie, durch die paulinische Quelle von vornherein veranlasst, in der Litteratur über den geistlichen Ritter mit Vorliebe gehandhabt wird, findet sich eine ganz überraschende Paralleie aus der weltlichen Ritterdichtung in dem „Chevalier delibere“ des Olivier de la Marche, der 1488 in französischer und niederländischer Sprache erschien. Hier kämpft der Ritter im Harnisch „Pouoir“ mit dem Schwerte „Coraige“, der Tartsrhe „Bon espoer“ und der Lanze „Aventurer“ auf dem Rosse „Vouloer“ gegen den Feind Tod.

Die ganze Zeit war eben erfüllt von Gedanken an das Rittertum weltlicher wie geistlicher Art und der Höhepunkt liegt, wie schon aus den Jahreszahlen der angeführten Quellen zu ersehen ist, gerade in den letzten Jahrzehnten des 15. und den ersten des 16. Jahrhunderts.

Nunmehr können wir auch recht gut beurteilen, wie Erasmus von Rotterdam, als er sich im Jahre 1497 an die Ausarbeitung seines Handbüchleins des christlichen Ritters machte, nicht ein neues geflügeltes Wort zu prägen brauchte, sondern an eine durch die deutsche Mystik längst volkstümlich gewordene Vorstellung anknüpfte, einen Titel wählte, der gerade damals die beste Einführung bedeutete, die er seinem Buche zu geben vermochte. Dass seine Schrift von den zahlreichen vorrefonnatorischen Bearbeitungen dieses Themas die bedeutendste gewesen sein muss, erhellt wohl — abgesehen von der überragenden geistigen Grösse des Verfassers — aus der Thatsache ihrer ungeheueren späteren Verbreitung. Aber in den Grundgedanken und den Hauptbestandteilen fand ich, soweit ich das ohne allzugrosse Zersplitterung der Arbeitskraft festzustellen vermochte, keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Schrift des grossen Rotterdamer Gelehrten und den vorhergehenden und gleichzeitigen volkstümlichen Fassungen des gleichen Gegenstandes, stellenweise sogar wörtliche Herübernahme ganzer Gedankenfolgen aus der mystischen Volks-litteratur. Bis zum Beginn der Reformation tritt daher auch die lateinisch geschriebene Schrift nicht sonderlich hervor, wie Erasmus in der oben zitierten Briefstelle selbst beklagt. Dass sie dann mit einem Male so ungeheure Aufnahme findet, 1520 in’s Deutsche und dann in viele andere Sprachen übertragen wird, verdankt sie zweifellos ihrer polemischen Haltung gegen die Werkheiligkeit der mittelalterlichen Kirche, gegen die Pfaffen Wirtschaft und das äusser-liche Wesen des Gottesdienstes. Der reformatorische Grundcharakter, der sie vor anderen gleichzeitigen Bearbeitungen gleichen Namens auszeichnete, wurde jetzt erst sozusagen entdeckt.

Dürers Stich kann sehr wohl völlig unabhängig von Erasmus entstanden sein. Es gibt auch zu denken, dass in der von Urs Graf illustrierten deutschen Uebersetzung von 1520 (Basel, Adam Petri) die Bilder auch nicht die entfernteste Erinnerung an Dürers, — damals sicher schon weit bekannten — Stich verrät, was doch auffällig wäre, wenn die Zeitgenossen wirklich Dürers Schöpfung als eine direkt von der Schrift des Erasmus angeregte oder doch wenigstens als eine ohne die Kenntnis jener Schrift nicht verständliche Darstellung betrachtet hätten. Hier die Abbildung des Graf sehen Titelbildes, wie es sich in der deutschen Ausgabe von 1520 vor der Vorrede und dann noch einmal Seite 100 am Schluss der 22 Regeln für den christlichen Ritter abgedruckt findet.

Die 3 übrigen Textbilder jener Ausgabe illustrieren nur einzelne Abschnitte des Buches und haben ebensowenig etwas mit dem Dürerstiche zu thun. Auch in spätere illustrierte Ausgaben der Schrift des Erasmus ist, soweit ich nachprüfen konnte, eine Nachbildung des Dürerstiches oder eine auch nur mittelbar davon abgeleitete Illustration nicht eingedrungen. Dass der Ritter bei Urs Graf zwischen dem Teufel auf der einen Seite, einem (hier von einem Engel) emporgehaltenen Stundenglase auf der anderen Seite erscheint, ist nicht etwa ein von Dürers Stiche übernommener Gedanke, sondern geht auf die beiden Schöpfungen gemeinsamen Vorbilder des 15. Jahrhunderts zurück.

Denn das dürfte wohl das Wichtigste bei dieser ganzen Untersuchung sein, dass es dein Verfasser geglückt ist, neben den literarischen volkstümlichen Quellen des Dürerstiches auch künstlerische Vorläufer desselben zu entdecken. Ob es nun gerade die sind, die Dürer unmittelbar bei seiner Schöpfung vorgeschwebt haben, ist Nebensache, genug schon, wenn wir erkennen, dass Dürers Reiterbild nur die reifste und vollendetste Frucht eines weitverzweigten Baumes ist, dessen Wurzeln in der mystischen Volkslitteratur ruhen und dessen Zweige gebildet werden von den religiösen Holzschnittbildchen und illustrierten Flugblättern des ausgehenden 15. Jahrhunderts.

Es wäre ja auch ganz unnatürlich, wenn jene Zeit nicht dazu übergegangen wäre, das Zeitideal, den christlichen Ritter, auch im Bilde dem Volke nahe zu bringen. Ging doch damals bildliche und gedruckte Belehrung durchaus Hand in Hand ; es war selbstverständliches Erfordernis, dass ein Volksbuch seine Gedanken zugleich auch in begleitenden Holzschnitten dem Leser klar machte. Darin war die Tradition des Mittelalters, welches die bildende Kunst als Vermittlerin für den des Lesens Unkundigen benutzt hatte, noch zu frisch. Und die eben damals neuerfundenen bezw. ver-vollkommneten Vervielfältigungsverfahren hatten die Bilderfreude doppelt gesteigert, ähnlich wie in unserer bilderfreudigen Zeit nach den überraschenden Fortschritten der Vervielfältigungsniittel ein Buch ohne Bilderschmuck zu den Ausnahmen gehört.

Die eine mir bekannt gewordene vor- Dürerische Darstellung des christlichen Ritters befindet sich in einem Quartbüchlein, das, soweit ich nachkommen konnte, nur in ganz wenigen Exemplaren uns erhalten geblieben ist. Es ist auch ein „Handbüchlein des christlichen Ritters“, eines von, wie wir annehmen dürfen, wohl vielen ähnlichen, die damals die Gedanken über die geistliche Ritterschaft in volkstümlicher Weise zusammenfassten und die geistliche Rüstung in Wort und Bild vor Augen stellten. Gerade die am meisten gelesenen Schriften sind ja von jeher der Gefahr völligen Verschwindens am meisten ausgesetzt gewesen. Von dem in Rede stehenden Büchlein kennt Hayn wenigstens zwei Auflagen, von 1494 und 1499.1 Sein vollständiger Titel lautet: „Der Fusspfadt tzuo der ewigen seligkeitt, diss büchlein genant ist, Der uns gewysen wirt durch einen geystlichen ritter, mit auslegung und beteutungen weltlichs gewere und wapen“. In der Litteratur scheint es bisher nur beachtet bei Geffcken  und kurz erwähnt bei Bolte. Auf 29 Blättern mit 25 eingedruckten Holzschnitten behandelt das zu Heidelberg erschienene Heftchen, ein anspruchsloses billiges Volksschriftchen, die ganze geistliche Ritterschaft. Ausgehend von der mehrfach erwähnten Stelle Hiob 7, l, dass „des menschen leben nit anders ist dan ein ritterschafft hie uff erden“, ermahnt es den Leser, ein christlicher Ritter zu werden. Denn wie ein weltlicher Ritter für kurze Zeit tapferen Kampfes hoch geehrt wird, „also würt ein yeglicher mensch erhöhet und geeret von dem hymlischen könig mit allem hymlischen here, der do fleisiglichen viechtet (ficht) und streytet wider seynen geystlichen veint, den bösen geyst, seyn eygen fleysch und die weit.“ Darnach werden nun alle Teile der Ausrüstung des Ritters ausführlich beschrieben und jedes Mal durch beigesetzte Abbildung erläutert: das Ross (die Sinnlichkeit), das der Ritter durch Sattel, Sporen, Zaum in der Gewalt haben soll, Koller, Schurz, Haube, Schild, Lanze, Schwert, Dolch u. s. w. u. s. w., und natürlich jedes Mal in Verbindung gebracht mit geistlichen Begriffen. Im 16. Kapitel sehen wir dann den geistlichen Ritter, noch nicht völlig gerüstet, zu Ross. Um ganz gewappnet zu sein bedarf er vor allem als Panzer der „angeltugend“ „Prudentia“, denn er muss vorsichtig zu verstehen suchen, was hinter ihm liegt, nämlich die Sünden seines bisherigen Lebens, und was vor ihm liegt, nämlich 1. sein natürlicher Tod 2. das jüngste Gericht 3. die Höllenpein 4. die Freude des ewigen Lebens. Nachdem die Ausrüstung vollendet ist, wird er uns dann am Schlüsse des Ganzen in voller Rüstung vorgeführt, mit offenem Visier (wie auf Dürers Stich), die rechte Hand kampfbereit am Schwertgriff. (Siehe Abb. 2). Die Schlussworte lauten : „Der mensche wellcher angethon wirt mit diessen obgeschriben geistlichen wapen und tugenden und würfft von ihm die werck der finsterniss, das ist die sünd, also auch an vil enden berürt ist, der wirt und möcht on allen zweyfel widersteen seynen geistlichen veynden unnd auch ritterlichen besteen inn dem streyt dyss kurtzen gegenwertigen lebens und gekrönet werden mit der krönen des lebens. dar zu helff uns gott und sandt Jörge. Amen. — Getruckt zu heidelbergk. Anno 1494.

Hier ist die Darstellung des christlichen Ritters noch ganz mit dem Texte verbunden und ans Buch gefesselt. Es spricht aber nichts gegen die Annahme, dass man auch vor Dürer schon dazu übergegangen sein wird, eine so volkstümliche Vorstellung als ein vom Buche, wenn auch noch nicht vom Texte, gelöstes Einzelblatt auszusenden. Ich kann als Beleg dafür auf ein zweites Blatt verweisen, das sich in einem Exemplare wenigstens glücklich bis auf unsere Zeit hindurchgerettet hat, ein grosser bunt ausgemalter Holzschnitt, vom Jahre 1488  im Münchner Kupferstich-Cabinet,3 wahrscheinlich in Dürers Heimatstadt4 entstanden. (Siehe Tafel IV und V). Dieser Holzschnitt hat ausserdem für uns das grosse Interesse, dass er gerade den Kerngedanken des Dürerstiches zum Ausdruck bringt, den Gedanken, durch welchen sich Dürers Schöpfung von den gleichzeitigen vielbeliebten Totentanzbildern und Kämpfen einzelner Menschen mit dem Tode so energisch abhebt, nämlich das verächtliche Vorüberreiten an Teufel und Tod. Gerade für dies unerschütterliche Gottvertrauen, dieses beinahe hochmütige Ignorieren der beiden Schreckgestalten, trat uns in der geistlichen Litteratur, die wir soeben zusammen überschaut haben, bisher noch keine so ganz zwingende Parallele entgegen, wenigstens keine, die es in der Beziehung mit der Stelle aus Erasmus Handbüchlein an Klarheit und Bestimmtheit hätte aufnehmen können, wenn auch vereinzelte Klänge der Art verschiedentlich an unser Ohr schlugen und der Gedanke selbst in der Regel im Hintergründe stand.

Nun jener Holzschnitt, von dem die nebenstehende Lichtdrucktafel eine nur wenig verkleinerte Nachbildung giebt, stellt zwar nicht den christlichen Ritter dar, wie er verächtlich an Tod und Teufel vorüberzieht, wohl aber den christlichen Pilger in genau derselben Auffassung. Der Pilger war aber in jener Zeit eine ganz verwandte und fast ebenso beliebte Allegorie, eine Einkleidung fast genau derselben Gedanken, wie man sie in das Thema vom christlichen Ritter hineinzulegen beliebte. Bücher über die christliche Pilgerschaft, Hinweisungen auf den Pilgerstand des menschlichen Lebens, Ausdeutungen der einzelnen Ausrüstungsstücke des Pilgers sind in der mystischen Volkslitteratur und in den Predigten des ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts fast ebenso häufig, wie die über die geistliche Ritterschaft. Wie der volkstümlichste Prediger der Zeit, Geiler von Kaisersberg, über die christliche Ritterschaft gepredigt hatte, so auch über die ,,christliche Pilgerschaft“. Im Jahre 1494 erschienen die Predigten über dieses Thema nach Aufzeichnungen seiner Zuhörer zu Augsburg im Druck unter dem Titel ,,Der Pilger“, in erweiterter Fassung dann als „christenlich bilgerschafft zum ewigen Vaterland“ zu Strassburg 1510 und Basel 1512, reich illustriert mit Holzschnitten von Urs Graf, ein Werk, das noch mehrmals aufgelegt wurde und grosse Verbreitung gewann. Dies nur ein Beispiel aus der reichen Pilgerlitteratur jener Jahrzehnte.

Die Verwandtschaft jener Holzschnittdarstellung von 1488 mit Dürers Stich ist überraschend. Voll festen Gottvertrauens schreitet der Pilger auf der Brücke des Lebens vorwärts. In die Schrägbalken derselben stehen seine Lebensstufen von 5 zu 5 Jahren eingegraben. Des Pilgers Stossgebet lautet (auf dem Spruchband über seinem Haupte)

O her du warst, pist gnädig mir,

Dein will gescheh, hilff mir zu dir.

Mit gefalteten Händen schaut er auf zu dem Engel, welcher ihn auf die Inschrift des Bildstockes verweist: ,,Lieb got (von gantzem) gemüth und deinen nächsten als dich, wilt du leben ewiglich.“ Von hinten hat sich der Teufel an den Pilger herangeschlichen (wie in dem Gedichte Friedrichs von Hennenberg an den Ritter), er zerrt ihn am Mantel und zeigt ihm, um ihn verzagt zu machen, höhnisch die Sünden seines vergangenen Lebens, dargestellt durch Habsucht, Trunksucht, Spielwut, Eitelkeit, Streitsucht, Wollust Dieser Gedanke kehrt in dem Heidelberger Büchlein, bei Geiler und bei Erasmus wie auch sonst in der mystischen Volkslitteratur mehrfach wieder, dass der Teufel dem Menschen den Mut zum Weiterschreiten auf dem rechten Wege benehmen will durch Hinweis auf seine Sündenlast. So ist auch das Einblasen des Teufels zu verstehen auf dem oben abgebildeten Holzschnitte von Urs Graf. Aber der Pilger kümmert sich nicht um ihn, ebensowenig um den Tod, der ihn mit gespanntem Bogen am anderen Ende der Brücke erwartet. Da dieser für das Emporhalten der Sanduhr — wie bei Dürer — keine Hand mehr frei hat, so hat der Künstler eine grosse Schlaguhr oberhalb des Knochenmannes aufgehangen.

Wie eng in der ganzen mystischen Volkslitteratur-diese Vorstellungskreise untereinander und mit der bildenden Kunst Zusammenhängen und ineinander übergehen, zeigt uns ein Blick auf die übrigen Zuthaten des vorliegenden Pilgerbildes. In jenem Heidelberger Schriftchen vom christlichen Ritter, in welchem wir einen directen Vorläufer von Dürers Gewappnetem kennen lernten, heisst es, wie wir uns erinnern: Der Ritter solle bedenken, was hinter ihm liege, nämlich die Sünden seines bisherigen Lebens, und was vor ihm liege, nämlich 1. sein natürlicher Tod, 2. das jüngste Gericht, 3. die Höllenpein, 4. die Himmelsfreuden. Die Sünden des bisherigen Lebens erkannten wir bereits in der Scene des äussern Kreises hinter dem Teufel, das jüngste Gericht ist hinter der Gestalt des Todes dargestellt, die Qualen der Hölle (nebst Fegefeuer) sehen wir in dem 3. Bilde unten, die Himmelsfreuden in der 4. Scene oben ganz ausführlich und eindringlich vor Augen gestellt.

Die Engel des Gerichtes, mit Posaunen in der Hand, machen den Pilger auf diese 4 Scenen noch besonders aufmerksam, ebenso die gereimten Beischriften, die jede dieser 4 Scenen erläutern: „Sich hinter dich, pilgram, — für dich, — unter dich, — über dich, — etc. — Das alles ist wie eine Illustration zu jener Stelle des Heidelberger Ritterbüchleins. Die Gesamtcomposition des Holzschnittes ist gedacht als eine Pilgerflasche, die an Stricken hängt, welche ihrerseits wieder von Spruchbändern umwickelt sind.

Der künstlerische Schritt von hier zu Dürers Stich ist unermesslich, der gegenständliche, inhaltliche nur klein. Alle wesentlichen Bestandteile sind beiden Blättern, dem Holzschnitte von 1488 wie dem Dürerstiche, gemeinsam : der voll festen Gottvertrauens seines Weges ziehende Vertreter des menschlichen Geschlechtes, der sich nicht kümmert um den von hinten heranschleichenden Teufel, der ihn verzagt machen will wegen seiner Sündenlast, noch um den lauernden Tod mit der Uhr, den er keines Blickes würdigt. Die Schrecken der Hölle auf dem Holzschnitte sind bei Dürer zusammengeschrumpft in den hässlichen Molch, welcher zwischen den Hufen des Rosses dahinkriecht, die Himmelsburg ist bei ihm zu einer wirklichen Veste auf steilem, schwer ersteiglichem Felsen geworden, umflossen von reinem Himmelslicht. Durch finstere Schluchten führt den Ritter sein Pfad dorthin. Selbst die Toten, welche auf dem Holzschnitte von 1488 in ihren Gräbern unter der Brücke offen daliegen, getroffen von den Pfeilen des Todes, umgeben von modernden Gebeinen, fehlen bei Dürer nicht; wir finden sie angedeutet in dem Totenschädel auf dem Baumstumpfe vor den Hufen des Rosses.

Um das Gegenständliche an Dürers Stich gleich hier vollends zu erledigen sei noch der Hund erklärt, welcher neben dem Rosse herspringt. Das ist das übliche Begleittier des Pilgrams in der mystischen Volkslitteratur der vorreformatorischen Zeit und bedeutet, wie uns ein eigener Abschnitt in Geiler s von Kaisersberg „christlich bilgerschafft“ erklärt, den göttlichen Eifer und Ernst, der den Menschen auf seiner gefahrvollen Fahrt durch dies irdische Leben begleiten soll, das himmlische Vaterland rüstig zu erstreben.

Auf dem Holzschnitte von 1488 fehlt dies Begleittier des Pilgers merkwürdigerweise, dagegen treffen wir es auf anderen Pilgerdarstellungen des 15. und 16. Jahrhunderts, fast regelmässig an. Auf dem Titelbilde zu Geilers „Pilgerschaft“ sehen wir das Hündchen dem Pilger vorauf springen, der Himmelspforte entgegen.

Dürer, der grosse Tier- und besonders Hundefreund, gibt ja gern ein Hündchen als Begleittier dem Menschen bei, ich erinnere nur an den frühen Holzschnitt „Der Reiter mit dem Landsknecht“ (B. l3l), wo sein oft porträtiertes Löwenhündchen munter bellend neben dem Rosse herspringt. Hier aber handelt es sich um einen weit grösseren, mit besonderer Sorgfalt ausgeführten Hund, in dessen verständnisvollem Blicke thatsächlich der Ernst der Situation sich wiederzuspiegeln scheint. Dass er keine belanglose Zuthat ist erhellt auch aus der Thatsache, dass auf all den drei Vorstudien, die wir zu dem Reiter besitzen (zwei in der Ambro-siana in Mailand, eine in Florenz, photographiert von Braun-Dor-nach), und die in erster Linie Proportionsstudien für das Ross darstellen, wie die eingezeichneten Maasse und Zahlen erweisen, jedesmal auch der Hund schon vorgezeichnet ist, während die Gestalten des Todes und Teufels noch fehlen. Er war also von vornherein als ein wesentlicher Bestandteil des Ganzen geplant.

Um auch die letzte Streitfrage zu erledigen, die sich an den Stich angeknüpft hat, erwähne ich noch, dass das S vor der Jahreszahl 1513 wohl weder „Sanguinicus“ noch „Secundus“ bedeuten soll, sondern einfach „Salus“, wie es Dürer gelegentlich der Datierung seiner Werke beizufügen liebte, z. B. den Porträts der Tucher’schen Eheleute in der Weimarer Galerie und vielen seiner theoretischen Entwürfe. Vielleicht soll man auch lesen „Anno salutis“ 1513. (Nicht unerwähnt will ich für alle Fälle lassen, dass jener Holzschnitt von 1488, dessen nahe Verwandtschaft mit Dürers Stich oben ausgeführt wurde, den Titel „Spiegel der Vernunft“ trägt. Doch glaube ich kaum, dass bei dem S Dürers an „Speculum“ oder Spiegel zu denken sei.)

Text aus dem Buch: Beiträge zu Dürer’s Weltanschauung; eine Studie über die drei Stiche: Ritter, Tod und Teufel, Melancholie und Hieronymus im Gehäus (1900), Author: Weber, Paul.

Albrecht Dürer’s Weltanschauung – Vorwort mit Einleitung
Albrecht Dürer’s Weltanschauung – Wege und Umwege bisheriger Auslegung.
Dürer’s Reiter und das Handbüchlein des christlichen Ritters von Erasmus von Rotterdam.

ALBRECHT DÜRER 1471-1528