Verzeichnis der 93 Abbildungen unten.

Die Zeiten, in denen griechisch-römische Kultur als höchstes Ideal und als einziges oder doch vornehmstes Bildungsmittel erschien, sind vorüber; die Gegenwart hat es gelernt, auf eignen füßen zu stehen. Wenn wir aber auch von antikem Wesen nicht mehr direkt abhängig sind, so werden wir uns doch hütten müssen, die Beschäftigung mit dem Altertume überhaupt als antiquiert und unnütz zu erklären.

Antike Kunst bietet bietet so viel herrliches und Großes, antike Technik so viel Herrliches und Großes, antike Technik so viel erstaunlich Durchdachtes, antikes Privatleben so viel liebenswürdiges Anheimelndes, daß wir der alten Kultur nie den Rücken wenden dürfen. Wir haben aufgehört, direkt praktisch von Griechen und Römern zu lernen – wenigstens bis zu einem gewissen Grade; wenn wir sie näher kennen lernen, sie zu lieben. Recht wenigen freilich, ist eine solch eingehende Beschäftigung mit dem Altertume möglich; allen denen aber, die der antiken Welt nicht durch eigne Studien nahe stehen, soll hier, soweit es auf engen Raume möglich war, ein Bild jener Kultur gegeben werden, der nicht nur unser deutsches Volk, sondern ganz Europa und die ganze europäische Welt ihre Bildung verdankt.



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Abbildungen Kunstartikel


In diese Zeit des größten Aufschwungs der Südkultur fällt das Emporkommen der Germanen. Wir haben oben gesehen, daß die Germanen ein Zweig der Indogermanen oder Arier sind. Als ihre nächsten Verwandten kann man die Italiker (die ursprünglich wohl in Litauen saßen) und die Slawen ansprechen. Die Germanen treten zuerst an der mittleren Donau, dann am Rhein, und noch später am Schwarzen Meere auf. Ob die Bastarner, die um 200 v. Chr. Verhandlungen mit dem Mazedonier Philipp dem Zweiten pflogen, germanischen Blutes waren, ist unsicher. Nicht einmal von den Kimbern und Teutonen ist es völlig gewiß. Der erste bestimmt beglaubigte Zug der Germanen ist der der Sueven oder Schwaben, die unter Ariovist in das Elsaß einbrachen und sich bis zur oberen Seine ausbreiteten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß damals Europa noch von einer Fülle anderer Rassen bewohnt war. Von dem Atlantischen Ozean bis zur Wolga und zum Kaukasus hausten Verwandte der Tscherkessen und Georgier. Alle die oftgenannten Urvölker, die Iberer, die Ligurer, Rätier, Vindelizier und Jazygen gehörten zu dieser Rasse. Bis in die Gegenwart ragt ein Überbleibsel jener europäischen Kasstämme, nämlich die Basken. Im Norden aber, vom Weißen Meer bis nach Jütland und vielleicht bis Holland saßen die Finnen. Außerdem war ein beträchtlicher Teil Europas noch von den Kelten erfüllt, deren Niederlassungen von Portugal bis zum Bosporus reichten. Die Germanen scheinen von der Gegend zwischen mittlerer Donau und oberer Weichsel ausgegangen zu sein. Jüngste Forschung hat entdeckt, daß in der Urzeit Bayern und Angelsachsen zusammengewohnt haben. Das kann nur in der beschriebenen Gegend gewesen sein. Von Osteuropa aus breiteten sich die Germanen, den keltischen Block umfließend, zugleichnach Norddeutschland und nach der oberen Donau und dem oberen Rhein zu aus. Umstritten ist die Frage der Besiedlung Skandinaviens. Wahrscheinlich sind auch nach Skandinavien die Germanen erst spät, und zwar von Osteuropa aus gekommen. Die niederrheinischen Germanen hatten Berührungen und Reibungen mit den keltischen Beigen, die oberrheinischen mit den Alpenvölkern. Ariovist hatte zwei Gattinen zu gleicher Zeit; die eine davon war die Tochter des nichtarischen Königs vonNorikum (Oberösterreich und Steiermark). Es ist nur natürlich, daß die zahlreichen, bereits ansässigen Fremdvölker nicht ohne Rückwirkung auf das Blut und die Gesittung der Germanen blieben. In vielen Fällen wird die ältere Bevölkerung die Kulturgeberin gewesen sein. Sogar die Waffen der Germanen sind zu einem großen Teile keltischen Ursprungs. Und von den Kasstämmen hat sich so manches Wort wie Spanferkel, Zelter, Lawine bis zum heutigen Tage bei uns erhalten, gleichwie auch im Französischen und im Italienischen noch viele baskische Wörter ihr Dasein fortsetzen. Aus Urkunden läßt sich nachweisen, daß noch im zwölften Jahrhundert Rätier zwischen Garmisch und Innsbruck saßen. Der fremde Einfluß im Skandinavischen erhellt aus der seltsamen Gewohnheit des Schwedischen und Dänischen, den Artikel hintenan zu setzen. Das ist die Gepflogenheit des Baskischen und Finnischen. Die Edda erzählt, daß die Äsen das Pferd von den Thursen kennen lernten. Die Thursen aber sind, wie schon Jacob Grimm sah, die Thyrsener oder Etrusker.

Weit entfernt jedoch, der Art und Sitte der Unterworfenen sich gänzlich anzubequemen, haben vielmehr die Germanen den großen Schatz eigener Einrichtungen und Sitten, die sie mitbrachten, im wesentlichen behauptet. Sie hatten selbständige Ansichten über das öffentliche Leben, über Anlage der Dörfer und Hausbau, endlich über die Stellung der Frauen und das Walten der Gottheit. Immerhin muß darauf hingewiesen werden, daß die Namen der meisten Städte in germanischen Landen vorgermanischen, und meist vorarischen Sprachen entnommen sind, und in den Alpengegenden wenigstens hat sich die Tracht der älteren Volksschicht siegreich durchgesetzt. Das Hochziel des Germanen war Jagd oder Krieg. Den Ackerbau überließ man den Unfreien, das heißt den unterjochten Nichtgermanen, die ihren Herren frohnden und zinsen mußten. Erst allmählich gewöhnten sich auch Freie an den Gedanken, daß ein selbst ausgeübter Ackerbau keine Schande bringe.

Nun stießen die Germanen mit den in gewaltigster Ausdehnung begriffenen Römern zusammen. Ein Naturvolk, zwar hochbegabt, aber noch auf niedriger Stufe stehend, ohne Schrifttum, ohne festere Staatsformen, ohne die Zucht, die ein Zusammenarbeiten in größeren Heeresverbänden bringt, wollte den Kampf mit den unerschöpflichen Hilfsquellen, mit der Artillerie und der straffen Zucht der Römer aufnehmen. Es war ein Wunder, daß die Germanen da nicht erlagen. Ein einziger Mann rettete sie: Arminius. Er ist zuversichtlich der Siegfried unserer Sagen. Es gibt keine große Gestalt unserer Heldenlieder, die nicht geschichtlich wäre. Also muß auch Siegfried im Fleische gewandelt haben. Zudem zeigen die anderen Namen seiner Sippe, Segest, Segimer und Segistag dieselbe Wurzel wie Siegfried — eine Gewohnheit der Namengebung, die auf germanischem Boden sehr häufig ist.

Freilich waren die Germanen weiter von der Südkultur und ihrem überwältigenden Einflüsse entfernt, als die Kelten. Aus dem gleichen Grunde haben sich die Türken besser der chinesischen Umklammerung zu erwehren gewußt, als die dem Reich der Mitte näheren Tungusen. Gleichwohl haben es die Römer wahrlich nicht an Mühe und Anstrengung fehlen lassen, um die widerspenstigen Feinde im Norden zu bezwingen. Zu Wasser und zu Lande rückten sie ihnen von allen Seiten zu Leibe. Auf der ungeheuren Linie, die von der mittleren Donau und der oberen Elbe über den Spessart nach der Weser führt, drangen die römischen Legionen vor; so war die Germanenwelt von Südosten, Süden und Westen her flankiert. Auf der Nordsee aber kreuzte eine römische Flotte, die an der friesischen Küste Landungen versuchte — ein Zusammenwirken, wie es dem Geiste Wallensteins bei der Belagerung Stralsunds vorschwebte, insofern spanische Truppen von Oberitalien nach dem Niederrhein marschiert waren und Wallenstein eine spanische Flotte nach der Ostsee wünschte. Auf dem Landwege war Drusus bereits bis zur unteren Elbe gekommen, und nur wenig Jahre vergingen, da war Böhmen mit dem nördlichen Vorlande ein römischer Vasallenstaat. So fehlte wenig und der Ring wäre geschlossen worden. Arminius, der in römischen Heeren gedient hatte und dabei weit in der Welt herum, vielleicht sogar bis Armenien gekommen war, erkannte die furchtbare Gefahr. Ehre und Preis dem Manne, der aus einem dunklen Naturgefühl heraus, lediglich aus Selbsterhaltungstrieb, den heimischen Boden gegen feindlichen Einfall verteidigt. Allein Arminius stand weit höher als ein Kirgisenhäuptling, der gegen die Russen kämpft, oder ein Emir des Sudans, der sich der Franzosen zu erwehren sucht. Bei ihm war es mehr als ein dunkles Gefühl, als ein unklarer Instinkt. Arminius war ein Staatsmann von hohem Wurf. Warum sollte man ihm weniger Zutrauen als dem Ariovist oder seinen Vorgängern, die mit einer Partei in Rom und dem fernen Mithridat in Verbindung standen? Der Cherusker hat denn auch ebensoviel durch List, wie durch persönliche Tapferkeit sein Ziel erreicht. Er lockte den Varus in den Teutoburger Wald, in die Nähe der Porta Westfalika, und vernichtete fast zwanzigtausend Mann. Ihn selbst, den Befreier des Vaterlandes, traf im eignen Hause schweres Geschick; sein geliebtes Weib, Thusnelda, fiel in die Gefangenschaft der Römer. Das war so zugegangen. Mit stürmender Hand hatte einst Armin die Braut aus der Feste Segests geraubt. Der Schwiegervater wider Willen, der es ohnehin mit den Römern hielt, zürnte unversöhnlich und nun doppelt dem jungen Cheruskerfürsten. Er benutzte eine Abwesenheit Armins, um sich mit Gewalt der Thusnelda zu bemächtigen, und er überlieferte selbst die Tochter, die damals hochschwanger war, dem Neffen des Tiberius, dem Germanikus, der herbeigeeilt war, um die Niederlage im Teutoburger Walde zu rächen. Thusnelda blieb bis an ihr Lebensende in Gefangenschaft. Wer kann den Schmerz ihres hochgemuten Gatten ermessen? Vielleicht entflammte ihn der Verlust zu immer größerer Anstrengung, zu heißer Wut. Als die Nachricht von dem Kommen des Germanikus erscholl, da ritt Armin wie auf den Flügeln der Windsbraut, wie der lichtschnelle Gott Freier selbst durch die deutschen Gauen, um die Stämme zum Zusammenschluß und zum erbitterten Widerstande anzustacheln, Waffenä! erbrauste es überall, und begeistert folgten die Mannen dem erprobten Führer. Von neuem maßen sich die starken Gegner in offner Feldschlacht; es war der Sommer des Jahres 15 n. Chr. Die Wahlstatt lag etwas weiter östlich, als im Jahre 9, da Varus dahinsank. Die Männer des Südens nannten sie Idistavisus, das ist die Geisterwiese. Es wird die Gegend am heutigen Deister sein, und der Morast, in den die Legionen gerieten, wird unweit des Steinhuder Meeres gewesen sein. Beim Bade Nenndorf, in der Nähe, wird heute noch eine Römermauer gezeigt. Fast wären die Legionen neuerdings erlegen. Nur mit äußerster Mühe fochten sie sich durch. Tiberius hielt ein weiteres Ringen für zwecklose Vergeudung von Geld und Gut, gebot Einhalt, und versetzte den tatenfreudigen Germanikus, der gern einen entscheidenden Sieg davontragen wollte, nach Vorderasien. Der Kaiser, der selbst jahrelang gegen die Germanen im Felde gestanden hatte, tat dabei den denkwürdigen Ausspruch: Unsere beste Bundesgenossin gegen die Germanen ist deren eigene Uneinigkeit.

In der Tat brach bald ein Bürgerkrieg zwischen Armin und Marbod, der in „Böheim“ und Sachsen ein Reich begründet hatte, aus. Auch regte sich die Eifersucht der eigenen Verwandten gegen den Cheruskerfürst. Wie es ein vogtländischer Dichter der Spätromantik, Deeck, in einem „heldischen“ Gesänge ausgedrückt hat,

Ruhm Hermann, dem Vaterlandsretter!

Tod Hermann, dem Freiheitsdränger!

Es war die berühmte „Libertät“, um die noch während des Dreißigjährigen Krieges die Fürsten stritten. Wir nennen es heute Partikularismus. Ein Mord also war der Dank der Niedersachsen — oder waren es Hessen? — für ihre Befreiung. Sofort bemächtigte sich denn auch die Sage der Gestalt Armins. Selbst der große Geschichtsschreiber seiner Gegner, Tacitus, (um 90 n. Chr.) hat von den Heldenliedern erfahren. Die Sage laßt Siegfried durch Anstiftung seiner Verwandten fallen, nachdem er das meiste dazu beigetragen, den Ansturm eines gefährlichen Feindes zurückzuwerfen.

Der eine Trost konnte wenigstens dem Sterbenden bleiben: sein vaterländisches Werk war erfolgreich gewesen. Zwar ist fast ein Drittel Germaniens, das durch einen ungeheuren Wallgraben, den Limes, von dem freien Germanien abgeschnürt war, auf vierhundert Jahre, und in manchen Gegenden, wie bei Regensburg, noch länger der Romanisierung verfallen. Das Herz des Landes aber mit dem breitflächigen Gebiete, das sich bis jenseits derWeichselund des Riesengebirges erstreckte, war selbstständig geblieben. Nur einmal in der Weltgeschichte, wenn man von den paar spanischen Söldnern Karls V. und den Kroaten Tillys und Wallensteins absieht, ist das innere Deutschland von einem nichtgermanischen Feinde erobert worden: von Napoleon. Indessen dauerte diese Besetzung nur sieben Jahre. Wie oft sind dagegen slawische und romanische Staaten von Rassefremden, und zwar lange Zeiträume hindurch, beherrscht worden!

Der Limes ging von Kehlheim an der Donau oberhalb Regensburgs über den Spessart und Taunus nach dem Rheine, wo er gegenüber von Andernach aufhörte. Mit Vorliebe wählt der Limes den Kamm der Gebirge, weil man von darnach allen Seiten bequem ausschauen kann, und sich vor einer Überrumpelung schützt. Alle zehn bis fünfzehn Kilometer wurde ein befestigtes Lager errichtet. Auch fehlte es nicht an Wachttürmen längs der Linie. Im Taunus geht der Limes gerade über den Feldberg, gar nicht weit vom Brünhildisfelsen, berührt also heilige Stätten der Germanen. Dort im Taunus ist ein großes Lager noch in den Grundfesten erhalten, und ist auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. ganz in römischer Art wieder aufgebaut worden. Es ist die Saalburg. Zwei Stunden davon ist die kleinere Kapernburg. Nicht ausgeschlossen ist, daß die Römer, die von der großen Mauer Chinas Kentnis hatten, durch das chinesische Vorbild auf den Gedanken des Limes verfielen. Jedenfalls dienten beide Riesenwerke dem gleichen Zweck, die kriegerischen Völker des Nordens im Zaume zu halten. Gleiche Lage aber erzeugt wohl gleiche Maßregeln. Noch in der Gegenwart hat Lord Kitchener in Südafrika eine Art Limes mit Blockhäusern zur Abwehr der schweifenden Burenscharen ersonnen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Ein Weltreich hat nie genug. Es ist immer unersättlich nach neuem Land. So gelüstete auch die Perser nach weiterem Gebietserwerb. Die Königin-Mutter in Susa soll gesagt haben, sie möchte gern frische Feigen aus Hellas kosten. Der unermeßliche Staat der Achämeniden hatte also doch noch nicht alles, was er brauchte. Er wollte aber am liebsten alles für die Bedürfnisse seiner Bewohner selbst erzeugen. Mithin ein Beweggrund, der auch noch unsere heutigen Weltstaaten zum Handel antreibt. Den ersten Versuch zu einer Einverleibung der Griechen machte der zweite Nachfolger des Kurusch, Darjawusch oder Darius. Seinen Versuch setzte der Sohn Khwachschatra oder Xerxes fort.

Früher hat man immer dazu geneigt, das Alter der Völker zu übertreiben und ihre Anfänge möglichst hoch hinaufzuschrauben. Es wird kaum nötig sein, die ersten greifbaren Taten der Griechen vor 1000 anzusetzen. Selbst die Einfälle nach Ägypten, die um 1200 stattfanden, sind insofern zweifelhaft, als eben nicht sicher ist, ob wirklich hellenische Stämme dabei beteiligt waren. Und der gleichzeitige trojanische Krieg wurde ja von Leuten geführt, die keine Hellenen waren. Ihr Gehaben und ihre Sprechweise wurde eben nur von Homer so umgemodelt, wie später die Leiden Christi in deutsches Gewand gekleidet wurden und wie seine Apostel als deutsche mutige Ritter erschienen. Die große Wanderung der Hellenen, durch die sie ihre Heimat gewannen, hat wie gesagt wohl erst nach 1000 eingesetzt, das heißt aber noch lange nidit, daß jetzt eine echte Überlieferung beginnt. Nein, im Gegenteil! Noch Jahrhunderte hindurch ist alles sagenhaft verbrämt. Lykurgos, dem man die spartanische Gesetzgebung zuschrieb, ist nur ein Mythos; er hat nie gelebt. Neuerdings wird das Gleiche von dem Athener Solon behauptet; auch er sei nur der Abglanz des Ordnung und Gesetze stiftenden Lichtgottes gewesen, während sein unmittelbarer Vorgänger Drakon, „Drache“, eine Verkörperung der Dunkelheit und des bösen Prinzipes sei. Eine richtige athenische Geschichte beginnt jedenfalls erst im sechsten Jahrhundert. Etwas früher regen sich die Hellenen in Kleinasien. Dort tritt schon im siebenten Jahrhundert eine ausgedehnte griechische Siedlertätigkeit an den Ufern Kleinasiens in die Erscheinung. Als äußerste Stadt im Nordosten wird Trapezunt, im Südosten wird Cypern kolonisiert. Man wird sich die Sache so vorstellen dürfen, daß ursprünglich die Hellenen von den Donaugegenden kamen, und daß sie in getrennten Haufen, die jedoch in lockerer Verbindung miteinander standen, von Norden her sich ebensowohl nach Kleinasien wie nach der Balkanhalbinsel ergossen. In der Hauptsache beschränkten sie sich zunächst auf die Küsten, ähnlich wie dies die Malajen und die Phönizier auch getan haben. In erster Linie waren die Griechen ein See- und Küstenvolk. Ziemlich stark haben zur Bildung des griechischen Volkstums die Illyrier beigetragen. Aus der Sprache der Albaner, der heutigen Nachfahren der Illyrier, können so manche griechische Namen und Wörter erklärt werden. So ist Thetis, eine Meermaid, die Mutter des Achilles, im albanischen „See“. In der Folge wurden aber doch mehrere Griechenstämme binnenländisch und wurden der See entfremdet, genau so wie die Holländer in Südafrika die Schiffahrt völlig verlernten. Die Führung der Binnenstämme übernahm Sparta, die Führung der Seestämme Athen. Mit dieser Trennung war notwendig eine Sonderung der Charaktere verknüpft. Die Binnenländer waren konservativ, hart und rauh, Verächter feinerer Sitte, derb und gradaus und im ganzen rückständig. Die Leute an der Küste und auf den Inseln waren leichterer Art, jedem Fortschritt und höherer Bildung geneigt; ihr Blick umspannte die damals bekannteWelt; andererseits waren sie flüchtig, leicht wechselnd und unzuverlässig. Einen anderen Gegensatz bedingte die Mischung mit den verschiedenen Urstämmen, die von den hellenischen Eroberern schon im Besitz getroffen wurden. Die älteren Besitzer wurden durchweg versklavt und hatten hinfort als Hörige das Land zu bebauen und den Herren zu frohnen. In Kreta nannte man diese Leibeigenen Mnoia, in Sparta Heloten, in Thessalien Penesten, in Makedonien Kmeten und Manier. Überall aber, auch in Athen, gab es Unfreie; gerade auf Grund der Ungleichheit baute sich das ganze Staatswesen auf. Zu niederst standen die Haussklaven; etwas besser waren die Landhörigen daran, da sie doch wenigstens an der Scholle hafteten und nicht von ihr vertrieben werden konnten. Wieder höher waren in Athen die naturalisierten Fremden, die Periöken; und auf diesem Untergründe erst erhob sich der seinerseits wiederum abgestufte Bau des Freistaates, an dem die eigentlichen Bürger teil hatten. In Athen richtete sich der Rang der Freien nach ihrem Vermögen. Es war also ein richtiger Klassenstaat. Auch war eine regelrechte Besteuerung, wir dürfen heute sagen, nach progressiven Grundsätzen eingeführt. Die Reichen mußten gehörig bluten; sie hatten im Ernstfälle ein ganzes Kriegsschiff aus eigenen Mitteln zu stellen und auszurüsten. Ein solches Schiff kostete damals noch nicht 40—60 Millionen wie heute, dafür waren aber auch die Mittel, namentlich die flüssigen, viel spärlicher als heute. Wie anders aber sah das Bild in Sparta aus! Dort legte man auf Besitzabstufung nur wenig Wert. Es herrschte sogar ein gewisser Kommunismus, von dem nicht einmal die Frauen ganz unberührt blieben. Als Verkehrsmittel war nur plumpes Eisengeld da. Von einer Besteuerung war kaum die Rede. Vorerst, solange man in reiner Naturalwirtschaft lebte, brauchte man überhaupt kein Geld; darnach aber, als solches für weitausschauende Feldzüge und sonstige Dinge notwendig wurde, da trachtete man darnach, das nötige Metall von den anderen, von den Bundesgenossen und Unterworfenen einzutreiben.

Seitdem siebenten Jahrhundert waren Großreiche im Osten der indogermanischen Welt im Entstehen: in Indien das Reich der

Nanda, in Persien das der Achämeniden, in Lydien das der Mermnaden. Der Westen war dagegen noch auf lange hinaus in kleine und kleinste Herrschaften zersplittert. Nun machte sich allmählich das Übergewicht des Ostens geltend. Ein fühlbarer Drude wurde namentlich von den Lydern ausgeübt. Die Könige der Lyder bis hinab auf Krösus schoben und drückten nach Westen und drohten schon, die Griechen ganz in die See zu werfen. Die meisten Griechenstädte an der Küste unterwarfen sich, einige aber wichen dem Stoße aus und suchten eine neue Heimat jenseits der Salzflut. Milet und Phocaea gründeten Pflanzstädte bis zu den Nordküsten des Schwarzen Meeres, bis nach Südfrankreich, wo Massalia, das heutige Marseille, besiedelt wurde, und bis Südspanien. Andere Griechenstädte, meist dorischen Stammes, wie Rhodos und Halikarnassos, entsandten Siedler nach Italien und Sizilien, wo sie sich mit dorischen Verwandten aus dem Peloponnes vereinigten. Im Osten gerieten die Großreiche miteinander in Streit: Persien, das neuauflebende Babylon und Lydien. Während so die starken Ostmächte beschäftigt waren, konnten sich ein Jahrhundert lang die Griechen unbesorgt ausdehnen. Ihre Kolonien blühten auf, und griechisch wurde der Handel an fast allen Küsten des mittelländischen Meeres. Sehr bald jedoch nahten neue Gegner. Im Westen hatten sich die Karthager, Söhne der Phönizier, in Nordafrika und die Etrusker in Italien zu beträchtlicher Macht emporgeschwungen. Sie vereinigten sich jetzt zu gemeinsamem Vorgehen und drohten, dem jungen Griechen-pflänzlein im Westbecken den Garaus zu machen. Es kam zu einer großen Seeschlacht in den Gewässern von Korsika, 534. Die Griechen wurden geschlagen und mußten hiernach vielfach vor den unwiderstehlich vorrückenden Karthagern und den bis nach Spanien ausgreifenden Etruskern zurückweichen.

Die Etrusker waren von Kleinasien und der Krim gekommen, wahrscheinlich zugleich zu Wasser und zu Lande. Sie gehörten jener großen Kasrasse an, zu der die meisten vorarischen Völker in ganz Europa zu rechnen sind. Ihre nächsten Verwandten waren die Rhätier, die sich von dem nördlichen Pobecken bis nach der oberen Donau und zum Bodensee hin dehnten. Andere Verwandte waren die Veneter, die ebenfalls aus Kleinasien her wanderten und die der Landschaft Venetien und der Stadt Venedig, sowie der Stadt Vindobona, dem heutigen Wien, den Namen gaben. Weiters waren die Ligurer verwandt, die von dem Apennin bis zum Liger, der heutigen Loire, und wahrscheinlich bis in die britischen Inseln hinein saßen, endlich die Iberer, die von der unteren Rhone und der Garonne bis nach Südspanien wohnten, Sardinien und Korsika besetzten und zeitweilig auch Striche in Italien und Sizilien inne hatten. Alle diese Völker sind Vettern der heutigen Tscherkessen und Georgier; die einzigen Reste von ihnen im Abendland sind die Basken. Die Weststämme der Kasgruppe errichteten zwei Reiche von Belang, die Turdetaner in Mittelspanien und die Etrusker in ganz Italien. Die Etrusker waren ein untersetzter, zur Wohlbeleibtheit neigender Schlag. Sie waren von starker Sinnlichkeit. Durch starke Burgen hielten sie die unterworfene Bevölkerung im Gehorsam. Ihr Götterglaube war düster und unheimlich. Sie hatten eine Anschauung aus dem Osten mitgebracht, derzufolge die Welt zwölf Jahrtausende dauern werde. Ihre Kunst, wie auch ihr Alphabet war zumeist den griechischen Mustern entlehnt. Ihre Staatsverfassung war oligarchisch. Von rund 600 bis 480 reichte das Gebot der Etrusker von den Alpen bis an die Südspitze Italiens. Auch die arischen Völker mußten ihnen gehorchen. Wann die Italer in die Apenninhalbinsel eingewandert seien, ist völlig unsicher. Möglicherweise seit 800. Seit dem sechsten Jahrhundert floß noch eine dritte Völkerwelle nach Italien, nämlich die keltische. Von einer Gegend aus, die etwa an der mittleren Donau zu suchen ist, ergossen sich die Kelten nach allen Himmelsrichtungen zugleich. Sie besiedelten einen großen Teil von Deutschland, wohl bis zur oberen Elbe und bis fast zur Lippe hinauf; sie eroberten Gallien, die Niederlande und einen Teil der britischen Inseln; sie breiteten sich in der Po-Ebene aus und in Portugal. Um 380 gelangten sie bis nach Mittelitalien und trugen nicht wenig dazu bei, die Macht der Etrusker zu brechen. Zugleich wurde von Süden her, nämlich durch die Griechen, die Kraft der Etrusker unterhöhlt.

Vorläufig aber waren die Griechen noch in großer Bedrängnis. Sie standen in Gefahr, im Westen von Etruskern und Karthagern zerrieben zu werden. Im Osten aber schwoll die dunkle Sturmwolke immer bedrohlicher an und rückte über die griechischen Inseln bis nach Hellas vor. Unter Xerxes eroberten die Perser Athen. Dergestalt waren die Hellenen in drangvoller Enge, und es war nicht ausgeschlossen, daß sie, jetzt schon, wie das tatsächlich erst nach 300 Jahren geschah, sämtlich unter ein Fremdjoch sich beugen mußten.

Bei der Beurteilung der Griechen muß man genau so verfahren, wie bei dem Urteil über die Juden. Man darf nicht glauben, daß die Naturanlage, daß die Grundstimmung, der Charakter der Völker sich im Laufe der Jahrhunderte wesentlich ändere. Nur insofern ist ein Wechsel erkennbar, als einmal die eine Eigenschaft schärfer hervortritt und dann eine andere, die vorher mehr oder weniger verborgen war. Die Griechen des Miltiades und Themistokles sind nicht anders als die Griechen von heute. Schon damals übereifrige Partikularisten, ewige Neider und Nörgler, die nur immer Fehler an ihrem Nächstenmenschen auszusetzen hatten, ohne in der Regel selbst es besser machen zu können oder auch nur den Versuch dazu zu wagen. Von der Masse des griechischen Volkes gibt es einen treffenden Spruch, der dem Gesetzgeber Solon zugeschrieben wird.

Handelt ihr einzeln, so geht ein Jeder auf Spuren des Fuchses.

Sieht man euch alle gesamt: Gleich wird ein Dummkopf daraus. In ihrer großen Masse schwatzen und schreiben auch noch heute die Neugriechen Tag und Nacht über Politik; woran es aber fehlt, das ist die tatkräftige Organisation, ist die Stetigkeit, ist die Verläßlichkeit. Und wie war es im Altertum ? „Griechische Treue“ war berüchtigt, war geradezu für Treulosigkeit gang und gäbe. Dagegen haben die Griechen sowohl im Altertum als auch in der neuesten Zeit immer ein Glück besessen, nämlich eine reiche Saat von hervorragenden Talenten und daher auch einen erklecklichen Bestand von politischen Genies. Eine zeitlang wurden denn so die Hellenen durch ihre weitblickenden und tatkräftigen Staatsmänner aus dem politischen Elend herausgerissen und auf die Höhe von Glanz und Macht emporgeführt, aber eben doch nur eine zeitlang! Immerhin genügte auch eine kurze Spanne, um sofort eine herrliche Blüte der Kunst und des Schrifttums emporsprossen zu lassen. Der geniale Mann des Augenblicks war im Jahre 480 Themistokles. Vorausahnenden Geistes hatte er schon lange vor dem Einbruch des Xerxes seine Athener dazu bestimmt, eine Flotte zu bauen. Das war folgendermaßen zugegangen. Ähnlich wie das fränkische Städtchen Klingenberg einen kostbaren Steinbruch besitzt, der soviel abwirft, daß die Bürger gar keine Steuern zu zahlen brauchen, sondern im Gegenteil jährlich etwas heraus bezahlt bekommen, so besaß der athenische Staat ein Silberbergwerk an der Südostspitze Attikas, zu Laurion, ein Werk, das in jedem Jahre eine erfreuliche Rente den athenischen Bürgern abwarf. Nun beantragte Themistokles, manfsolle diese Rente, statt sie wie bisher zu verteilen, zum Anbau von Kriegsschiffen verwenden. Man kann sich leicht vorstellen, daß ein nicht geringer Teil der Bürgerschaft ob solchem Ansinnen in Aufregung und Wut geriet. Wie? die Bürger sollten der schönen Einnahmequelle verlustig gehen? Man sollte sich eine unnütze Flotte auf den Hals laden, von der man gar nicht wisse, ob sie nicht noch zur Unterhaltung mehr Geld verschlingen werde, als der Bau gekostet? Die Perser dächten gar nicht daran, nachdem sie sich schon einmal bei Marathon durch Miltiades (490) blutige Köpfe geholt, nach dem waffenstarrenden Attika zurückzukehren. Es sei mehr als zweifelhaft, ob die kostspielige Flotte überhaupt je etwas zu tun haben werde. Man konnte und kann derartige Redensarten auch heute noch bei uns hören. Dabei gehen solche Worte nicht selten aus dem Munde von sehr achtbaren Leuten, namentlich von binnenländischen Grundbesitzern. Es ist das bei uns und war das in Athen ein tüchtiger, höchst ehrenwerter Schlag, der fest und treu bei den alten Sitten beharrte und der nur mit lebhaftem Mißvergnügen auf das Treiben der neuerungssüchtigen Windhunde, des Themistokles und seiner Genossen, bei uns des Admirals Tirpitz und derer, die ihn in seinen „uferlosen Flottenplänen“ bestärken — herabsah. Es war und ist einfach der Gegensatz zwischen den Landinteressen und den Handelsinteressen, der Gegensatz zwischen dem alten konservativen Elemente und der ins Weite strebenden Partei, die mit den Forderungen der neuen Zeit geht. Man kann es den Verehrern des Alten nicht so sehr verübeln, wenn sie sich nicht ohne weiters von der stürmischen Jugend mit fortreißen lassen. Was aber stets den Ausschlag gibt, im Athen des Themistokles, wie heute bei uns, das ist die Gefahr. Die Gefahr von außen! Die Anderen rüsten und drohen und da bleibt gar keine Wahl: auch der Bedrohte muß der Forderung des Augenblicks genügen, auch er muß rüsten. Der Einbruch des Xerxes lehrte, daß Themistokles richtig gesehen. Vom Festlande waren die Athener schon ganz vertrieben und sie mußten schmerzerfüllten Auges mit ansehen, wie ihre schöne Stadt eine Beute der Perser und zuletzt ein Raub der Flammen wurde: Die Heimat der Athener war hinfort nur noch auf der Flotte. In der Meerenge von Salamis, die nur wenige Kilometer breit ist, errang dann die Flotte einen glänzenden Sieg gegen die Schiffe der Perser. Die unmittelbare Folge davon war, daß das persische Landheer sich aus Athen zurückzog. Nun faßten auch die übrigen Griechen Mut, die Spartaner, die Argiver und die Böotier und fügten den abziehenden Persern beträchtliche Verluste zu.

Die Freiheit Griechenlands war gerettet. Gegenwärtig denkt man zwar anders über diese Freiheit wie noch vor hundert, wie noch vor 30 Jahren. Die Ordnung des persischen Staatswesens, die Großzügigkeit, die sich auf jedem Gebiete im Achämeniden-reiche kund tat, und die Wirkung so mancher hervorragender Charaktereigenschaften der Perser hätten den Zeitgenossen von Salamis gar nichts geschadet. Selbst in der Kunst und Religion hätten sie bedeutsame Anregungen erfahren können. Ich will hier nur eins erwähnen, was noch heute den persischen Künstler vor allen anderen auszeichnet. Er schafft ein jedes Werk nur ein einziges Mal. Er glaubte sich selbst erniedrigt, wenn er es noch einmal wiederholte; wenn er gewissermaßen zum Handwerker, zum Fabrikanten hinabsänke. Und mit der Reinheit des Zarathustrischen Gottesbegriffes konnten die Vorstellungen der Hellenen wie sie bis damals waren, nur schwer wetteifern. Endlich wird man auch militärisch den Sieg der Hellenen nicht allzu hoch anschlagen dürfen. Die Perser waren sehr weit von ihrer Basis entfernt; sie operierten in einem Lande, das selbst nur wenig Hilfsmittel bot und wohin der Nachschub aus der fernen Heimat recht schwierig war. Genug jedoch, die Unabhängigkeit ist einem Volke immer das höchste Gut und muß es sein. Durch kluge und kühneTat hatteThemistokles den Griechen ihre Unabhängigkeit gerettet. Auch ist offensichtlich, daß durch den großen Sieg die Tätigkeit der Hellenen auf sämtlichen Gebieten des Lebens einen bedeutsamen Anstoß erhielt. Im übrigen dauerten die Perserkriege noch fort. Erst mit der Schlacht, die der Athener Kimon an der Küste Cyperns 441 gewann, trat für einige Zeit Ruhe ein. Schon vor dem Aufhören dieser Kriege zog ein Blütezeitalter für die hellenische Kultur herauf. Das Drama kam auf seine Höhe. Aischylos, der ernste, tiefsinnige Dichter, ist in seiner Wucht und seiner sprechenden Kürze niemals übertroffen worden. Unsterbliches leistete in der Bildhauerei und Baukunst Phidias, in der Baukunst Kratinos und Aktinos. Freilich war Phidias nicht der Erste. Die jüngsten Jahre haben uns Ausgrabungen auf der Akropolis gebracht, durch die uns erst das ganze Werden des Phidias deutlich wird. Wunderbare Frauengestalten, die, obwohl vom Knöchel bis an den Hals verhüllt, doch eine meisterhafte Behandlung des Fleisches offenbaren, Frauen von herber Keuschheit und doch innigem Reize bieten sich unseren entzückten Augen. Gegen sie stellt Phidias, der bisher als ein Vertreter des strengen Stiles galt, bereits eine Lockerung der Form dar.

Die Geschicke des Staates leitete jetzt nich tmehr Themistokles. Die Athener, wie so manche andere Griechen, hatten vor nichts mehr Angst, als davor, daß ein hervorragender Mitbürger sich zum Herrn über Alle emporschwänge. Ob eine solche Herrschaft ihnen geschadet oder genutzt hätte — einerlei: Sie wollten sie nicht haben und zogen es daher vor, selbst die verdientesten Männer, wenn ihr wachsender Einfluß bedrohlich schien, hinaus in die Verbannung zu senden. Man spricht daher von dem entsetzlichen Undank der Athener. Themistokles war ein Typus des Staatsmannes, wie ihn in der Gegenwart Paul Krüger, der Transvaalpräsident bot. Er konnte kaum lesen und schreiben und hatte keineswegs, was wir wissenschaftliche Bildung nennen. Dafür hatte er einen scharfen Blick und einen gesunden Menschenverstand. Und außerdem Geistesgegenwart. Diese Eigenschaften sind mehr wert als Kenntnisse, die zum Abiturientenexamen befähigen. Durch das „Scherbengericht“ verbannt, begab sich Themistokles zu seinen Feinden, zu den Persern, die ihn denn — was ihrer Gesinnung ein rühmliches Zeugnis ausstellt — ehrenvoll aufnahmen und ihn einem Edelmanne gleich bis an sein Lebensende hielten.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Zuletzt schwoll die Flut der fremden Völker immer mehr an. Es gesellten sich nun zu den Kas neue reisige Völker, nämlich die Arier. Um rund 1200 vor Christi kam eine neue Sturmflut, die sich über die Gestade des ganzen Mittelmeeres ergoß. Auch Ägypten wurde von der Flut überschwemmt. Mit äußerster Anstrengung gelang es jedoch noch einmal dem Pharaonen Mernephta, Deiche gegen die verheerende Flut aufzurichten, und die „Barbaren des Nordens“ zurückzuschlagen.

Die Arier treten um 1400 in die Hallen der Geschichte ein. Sie erscheinen zuerst im Herzen von Kleinasien. Dort sind bei Bogasköi Ruinen erhalten, deren Inschriften von indischen Göttern aus damaliger Zeit Kunde bringen. Die Arier kamen vom Westen; vielleicht aus Frankreich. Ihre Hauptvölker waren die Italer, die Kelten, die Griechen, die Perser oder Iranier und die Hindu. Außerdem wären Illyrier, Thraker, Armenier, Skythen oder Saken und eine Anzahl von kleineren Stämmen in der Nähe des Pamir zu erwähnen. In der Folgezeit sind dann noch nördlichere Arier aufgetaucht, nämlich die Germanen und Slaven. Man darf sich nun nicht etwa vorstellen, daß die Horden, die seit der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends zum Vorschein kommen, nur reinrassige Staaten begründet hätten. Im Gegenteil! Sie bedeuteten offenbar nur eine kleine Minderheit, die Herrenkaste. Sie hatten sich mit den Überwundenen, deren Zahl vielleicht zehn-bis zwanzigmal größer war, auseinanderzusetzen. Beiden Skythen und Indern muß die Kopfzahl der unterworfenen Völker sogar um mehr als das zwanzigfache die Zahl der Sieger, der eindringenden Eroberer übertroffen haben; denn die Masse der Skythen wird von einem so guten Beobachter, wie dem Arzte Hippokrates, als mongolisch geschildert, und Indien bietet heute noch überwiegend Dravidazüge.

Zugleich mit den Indogermanen treten die Chinesen auf die Bühne.

Bis in unsere Tage hat man geglaubt, daß die Anfänge der Chinesen weit früher seien als die arischen. Das war einfach ein Schwindel. Das mindeste, was wir annehmen können, ist doch, daß unsere Kultur mit den Griechen beginnt, aber richtiger ist es zu sagen, daß sie schon mit Sumir und den Pyramiden anhebt. Jedoch gleichviel: Die Chinesen sind nicht älter als die Griechen, und haben ganz gewiß keine einzige Tatsache aus ihrer Geschichte aufzuweisen, die vor 1200 zurückginge. Das erste, wirklich echte Datum der chinesischen Geschichte ist das Jahr 842 vor Christi. Alles frühere ist höchstens Wahrscheinlichkeit, nur Vermutung und nur zu oft Nebel und Hirngespinst. Wir können daher über die Anfänge Ostasiens nur mit Vorbehalt sprechen, denn sie sind in tiefstes Dunkel gehüllt. Das älteste Gebiet, in dem die Chinesen auftauchen, scheint das Hoangho-Knie zu sein. Von hier aus ergossen sich die „Die Schwarzhaarigen“ oder wie sie sich auch gerne selbst nennen „Die hundert Familien“ nach Osten und Süden. Demgemäß ist selbst Schantung, die Heimat des Konfuzius, die heilige Provinz der Ostasiaten, lediglich Kolonialland gewesen. Und vor der See haben alle rechten Chinesen noch heutigenTages einen unausgesprochenen Abscheu. Alles, was an der See liegt und was mit der See zusammenhängt, gehört zur Barbarei; das Richtige, das Menschenwürdige ist das Binnenland.

Die Indogermanen traten nicht überall gleich als Herren auf. Gelegentlich waren sie die Bundesgenossen oder gar nur die Söldner anderer Völker. In Italien wurden sie sogar von einem Kasstamm, von den Etruskern, lange Zeit unterjocht und blieben in dienendem Zustande einige Jahrhunderte hindurch. Zuletzt aber sind überall die Arier herrschend geworden. Infolgedessen haben sie den Besiegten überall ihre eigene Sprache, die Sprache der Sieger aufgezwungen. Dagegen erlitten sie starke Beeinflussung durch die Unterworfenen in Leibesart und geistiger Bildung. In der Himalajahalbinsel wurden die Arier durch die Dra-vida dravidisiert. In Iran wurden sie durch die Elamer,Verwandte der heutigen südkaukasischen Stämme, elamisiert. Die Hellenen wurden durch die Pelasger — einen nordbalkanischen Stamm, von dem man gewöhnlich den Namen für alleUrstämme der Balkanhalbinsel entlehnt hat — pelasgisiert; endlich unterlagen die Italer der weitgehenden Einwirkung der Veneter, Ligurer, Sikuler, Casci und Etrusker. Allerorten wurden mithin die Arier durch die vor-arische Schicht ganz erheblich umgestaltet. Kein Wunder, wenn wir infolgedessen heute einen so großen Abstand zwischen Südeuropäern und Mittel- und Nordeuropäern spüren und nicht minder gewaltigen Abstand zwischen den Ost- und Westariern beobachten. Zwar werden die einzelnen Zweige des großen indogermanischen Baumes schon vorher einigermaßen gesondert und eigenartig gewesen sein; jedoch durch die Mischung mit den verschiedensten fremden Völkern wurdedie schon vorhandene Eigenart noch weiter gesteigert und wurde die Kluft zwischen den einzelnen Gruppen der großen ausgedehnten indogermanischen Familie schärfer und ausgesprochener.

Ehedem haben unsere Gelehrten geglaubt, daß die Griechen ihre Bildung ganz selbständig zuwege gebracht hätten. Gewissermaßen eine Urzeugung! Wir wissen jetzt ganz bestimmt, daß auch die griechische Bildung nicht ohne Vorläuferinnen gewesen ist. Es wiederholte sich hier nur, was schon zu mehreren Malen früher in der Weltgeschichte Platz gegriffen hatte, nämlich, daß die Sieger von den Besiegten lernen. Die Babylonier hatten die Schrift von Sumir aufgenommen, und die Kasstämme waren von der mesopotamischen und ägyptischen Kultur vollkommen überwältigt worden. Auch die Griechen, auch die übrigen Indogermanen haben sich der Kraft der älteren Bildung beugen müssen. Vor allem haben sämtliche Arier ihre Alphabete von den Semiten bekommen. Es ist sicher, daß viele Gottheiten der Hindu solchen der Dravida entstammen. Der Verdacht ist begründet, daß die Griechen ihre meisten Götter von den Kas entlehnt haben. Und es ist möglich, daß auch Perser und Slaven nicht nur zu den einheimischen Göttern beteten.

Nicht minder ist auf allen Gebieten der bildenden Kunst das Muster des vorarischen Orients entweder maßgebend oder zum mindesten anregend gewesen. Es bedeutet nur ein Glied in dieser großen Kette, daß auch die staatlichen Einrichtungen vielfach den vorarischen Staaten nachgeahmt oder mittelbar entnommen wurden. Der persische König der Könige setzte in seinem Hofstaate und in der Verwaltung der Provinzen, in dem Postwesen und in der Regelung von Handel und Wandel lediglich das fort, was die großen Könige der Assyrer, Babylonier und Ägypter schon seit Jahrhunderten getan hatten. Eigene Herrschaften der Arier erhoben sich, wie berührt, seit 1400. Die erste ist die der Charri im oberen Euphratgebiete; dieTräger dieser Herrschaft waren Hindu. Es folgten die Hellenen. Sie beteiligten sich andenWikingerzügen nach Ägypten und sie fochten auf eigene Faust an den Gestaden des nordöstlichen Mittelmeeres. Der Kampf der Hellenen gegen die Kasvölker Kleinasiens ist später als trojanischer Krieg von den Dichtern verherrlicht worden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland

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