Schlagwort: Exkommunikation

I. Abschnitt. Bild

MITTELALTERLICKE MÖNCHE und Prediger; strenge, eckige Gestalten in gegürteter Kutte, mit abgezehrten Asketenhänden, Händen von geißelnden Peinigern und gepeinigten Duldern; Händen, die mit knöchernen Fingern das Ungreifbare zu greifen suchen, die sich dem Unendlichen zudehnen, die ,,nach Gott tasten in seiner Tiefe“. Fleischlose, knochige Gesichter mit tiefliegenden, gerötet brennenden Augen, in denen des Leibes Zerrüttung und Verwüstung mit grauer Flamme leuchtet; Profile, wie in Holz geschnitten. —

Unirdisch, weitabgewandt, ins Ewige blickend und doch harte, erdstarke, wirkende Männer, sprach-gewaltige, hinreißende Redner, denen das Volk zuläuft, denen es sich unterwirft. Auf rauher Sandale schreiten sie einsame Wege, flüchtenden Gedanken und Gefühlen nach, in die eintauchend sie sich mit Gott geeint glauben, die sich aber immer wieder von ihnen lösen und dornige Pfade voranschweben. Mit Stachelgeißeln peitschen sie sich aus jeder noch so armseligen Behaglichkeit, treiben sie sich den Intuitionen nach, bis die tiefste unerschütterlichste Seelenruhe, wie die Blüte all ihrer Schmerzen und Leiden, ihnen gegeben wird und sie in völliger Gelöstheit vom Irdischen, in ,,aller Bilde Bildlosigkeit“ dem nahenden Gotte offen sind. —

Aus dem Wandern in den weiten Räumen des Ich, aus der Versunkenheit ins Innerste, Einsamste, die oft so tief wird, daß das Leben des Leibes zu erlöschen scheint, tauchen sie dann plötzlich beirrten, wie noch geblendeten Blicks auf, starren, zürnenden und liebenden Gottes voll, in das Leben, das sie sündig wähnen, und predigen, ringen nach Ausdruck für das Unsagbare, dessen blassender Abglanz sie noch erfüllt, für das flutende, auf sie einstürzende innere Licht, das sie nicht mehr begreifen. Dann sind ihre Worte klingend und stark, breitbeschwingt, voll des träum- und gedanken – genährten Lebens, von dem ihr Herz noch zittert. Und es ist, als kehrten diese Worte, wenn sie die staunende, niedergeworfene Menge überflogen haben, zu dem mystischen Prediger zurück und heim in sein Herz, indessen schweigende, erschütterte, an ihrem Leben irregewordene Menschen die gotterfüllte Kirche verlassen. —

Deutsche Mystiker

DRITTER TEIL
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GEGENSÄTZE

FÜNFZEHNTER ABSCHNITT

Fra Marianos Wort — Der karmesinfarbene Beutel — Der Empfang des Dichters — Der Papst als Jagdherr — Affen und Krähen — Roma felix — Das Lob des Erasmus — Die Deutschen in Rom — Rausch und Geselligkeit — Trinkeszuein — Hübscherin und Curtisane — Der Landsknecht mit der Laute — Chigis Gastereien — Das Diner im Stall — Künstler am Hof — Merkur und Apoll beim Brettspiel — Phaedra — Heikle Dinge — Lächelnde Toleranz — König Herbst.

Godiamoci il papato, Dancche Iddio ce l’ha dato (Genießen wir das Papsttum, da es uns Gott gegeben), soll Fra Mariano, Leos famigliaro, bei dessen Wahl ihm zugeflüstert haben. Derselben Meinung war der Florentiner Anhang des Papstes. Viele entdeckten ihre Treue für das Haus Medici, ununterbrochen strömte Florenz nach Rom. Die päpstliche Kasse litt darunter, allein die Stadt verfeinerte sich zusehends durch die Aufnahme des toskanischen Elements. In den Relationen des Marino Giorgi (1517) wird erzählt, daß viele Florentiner, angeblich päpstliche Verwandte, nach Rom kamen, um mitzuessen (vengano molti florentini che si fanno in tinnello a mangiare).

Jene kluge Großmut, die Cosimos und Lorenzos Stärke gewesen, wurde allerdings bei Leo dem Papst ausgebuchtet zu uferloser Verschwendung. Freude zu machen, wohl zu tun, war für ihn nicht nur Bedürfnis und feine Neigung, wie bei seinem Vater und Großvater, sondern Leidenschaft. Rastlos tat sich die weiße Epikuräerhand auf, die Raffael so treffend gemalt hat auf Leos Bildnis, abgehoben von wohlig sattem Sammetdunkel. Jeden Morgen ließ sich der Papst auf goldener Schüssel einen schönen Haufen neuer Goldstücke reichen, und entnahm daraus genug, einen karmesinfarbenen, eleganten Beutel zu füllen für den Bedarf des Tages. Da ging kein Bittsteller, ohne glänzende Goldstücke bekommen zu haben, die der Papst gutmütig lächelnd aus dem Beutel zog und selbst dem Bittenden gab — es gehörte zu seiner Art, das Papsttum zu genießen, wie es ihm Fra Mariano im Conclave anempfohlen. Leider wurde Leos bekannte Großmut von manchem Unverschämten ausgebeutet und zuweilen war gerade Ebbe in seiner Kasse, wenn ein Würdiger beschenkt werden sollte. Das empfand Leo schmerzlich beim Empfang Ariostos und da er ihm nicht soviel schenken konnte, als er wünschte, suchte er den Dichter mit Umarmungen und Ehrungen zu entschädigen.

Leo ist der letzte Papst, der als gewaltiger Jagdherr auftritt. Der Zeremonienmeister ist etwas ungehalten, wenn seine Heiligkeit an der Spitze einer lustigen Schar, halb geistlich, halb weltlich angetan, mit der Meute ausrückt, denn Paris de Grassi findet das phantastische Jagdkostüm der päpstlichen Würde nicht entsprechend. Leo lacht über die Kritik, er ist nie so gut aufgelegt, als wenn er den römischen Sorgen den Rücken zukehrt und sich dem Jagdvergnügen ergibt mit einigen ausgesucht munteren und harmlosen Freunden, darunter natürlich Versemacher, die alle komischen Erlebnisse der Jagd sofort in Reime bringen und bei den zwanglosen Mahlen in der Villa Magliana vortragen. Leo spricht deshalb von seiner süßen Jagd dulces venationes. Er benützt die Gelegenheit, um seinem Hang persönlich liebenswürdigen Wohltuns zu fröhnen und findet bei der ländlichen Bevölkerung, die er zu beglücken strebt, wohl mehr Dankbarkeit als bei den Parasiten, die seine Freigebigkeit in Rom umdrängen. Mit Jubel empfangen ihn die Dörfer, durch die der Papst als heiterer Jäger zieht, Blumengrüße werden zugeworfen, man kniet und umlagert Leos weißen Zelter, der Papst segnet und schenkt. Er läßt sich alles aus dem Dorf berichten, unterstützt die Alten und Kranken und die kinderreichen Familien und hat besonders Freude daran, arme Liebespaare durch seine Gnade zusammenzuführen.

Das Jahr darauf begrüßen ihn glückliche junge Paare und bitten ihn zum Paten.

Dieser heiter poetisch großmütige Medici ist gewiß nicht im geringsten getroffen durch die gehässigen Bildnisse, die seine religiösen und politischen Feinde von ihm entwarfen. Seine tragische Schuld ist, daß er zu sehr unter den Einfluß seines Neffen Lorenzino Medici geriet, der ihn zu verhängnisvollen politischen Fehlern veranlaßte, deren schlimmster die Vertreibung des zu Recht adoptierten Erben der Montefeltre war, des Fransesco Maria della Rovere aus Urbino, wohin sich Lorenzino*) selber setzte. Überschwenglich bis zum Märchenhaften war des medi-ceischen Papstes Gastfreundschaft bei Tafel. Eine Welt war geladen und die Einkünfte des Kirchenstaates sollen  zum größten Teil im buchstäblichsten Sinn verzehrt worden sein. Der Papst selbst war äußerst mäßig, speiste einfach, trank wenig, die laute und ausgiebige Tafelfreude der Klienten scheint ihn aber sehr vergnügt zu haben und es interessierte ihn als Humanisten, wenn seine Köche — wie Paolo Giovio berichtet, nach antiken Rezepten Versuche machten, etwa eine Sauce aus allem Denkbaren an Geflügel, Fasanen, Rebhühnern, Kapaunen und Pfauen oder wenn die Gäste geneckt wurden, indem man ihnen einmal, zum Beispiel, statt der erwarteten Leckerbissen Affen und Krähen vorsetzte.

*) Ihm hat Macchiavelli den principe gewidmet. Er ist der Vater der Katharina von Medici und vererbte ihr seinen Ehrgeiz. II papa e uomo dabbene e liberale molio. Suo nipote Lorenzino e astuto e alto a far cose. (Relazioni di Marino Giorgi [1517]). (Der Papst ist ein guter großmütiger Mann. Sein Neffe Lorenzino ist schlau und ein Streber in allen Dingen.)

Zuweilen brachten die Kardinäle ihre Hofnarren mit und es entstand zwischen den Buffoni ein tolles Wettlachen und Wettlauf grotesker Erfindungen. Diese Dinge gehören zur grenzenlos gütigen Gastlichkeit, an der die gesamte Dienerschaft, ein fröhlich unverschämtes Völklein, freudig lärmend teilnahm in Leos improvisiertem Schlaraffenland. Seine Großmut wogt durch ganz Rom, die Stadt fließt über von gutem Essen und Trinken, fast buchstäblich können einem gebratene Tauben oder Kapaunen in den Mund fliegen, denn bei gewissen Kardinalstafeln oder bei dem großen Protzen Chigi gehört es zur Unterhaltung, die überzähligen Braten der brechenden Tafel aus dem Fenster oder vom Balkon aus der Menge in Karnevalslaune hinauszuwerfen und der fröhlichen Balgerei um die Beute zuzusehen. Gelächter oben und unten. Man stand sich gut mit dem Volk bei solchen Späßen, denn es verstand Spaß ebenso wie die großen Herren.

Bezeichnend für Leos Roma felix sind die feste agonali die von dem ewig jovialen Phaedra Inghirami inszeniert wurden. In einem Triumphzug wirkten 18 allegorische Festwagen mit, die von der um Raffael tätigen Künstlerschaft geschmückt waren, sie stellten unter anderem die Freundschaft dar, die Milde, die Heiterkeit, die Großmut, die Gunst, diesen Eigenschaften gedachte Leo seine Herrscherzeit zu weihen. Erasmus lobte ihn darum (lib I. epist. 30): Quantum Romani pontifices fas-tigium inter reliquos mortales eminent, Leo pontifex excellit Dreimal kam Erasmus nach Rom und wurde höchst ehrenvoll aufgenommen. Der Deutschrömer Göritz von Luxemburg genoß großes Ansehen und seine schöngeistige Gastfreundschaft wurde in einem interessanten Sammelwerk: Gorcyana gefeiert. Wir haben gesehen, daß auch ein Frisio trotz gegenteiliger Ansichten im Kreis von Urbino freundlich willkommen war — ein Beweis, daß bedeutende Nordländer, die sich weitläufig zu benehmen wußten, durchaus nicht verkannt blieben.

Zu Leos Zeit scheint Rom und Italien erfüllt von Deutschen, Macchiavelli behauptet, condito eingemacht in Deutschtum, es wimmelten Bankleute, Buchdrucker und Händler aller Art. Wenn trotzdem ein nationaler Widerwille gegen die Walen, wie sie Luther nannte, im Norden entstand, so läßt sich’dies wahrscheinlich in großem Maß zurückführen nicht nur auf etwaige religiöse Unzufriedenheit, sondern auf Enttäuschung und Neid von allerlei Literaten und Abenteurern, die angelockt vom strahlenden Rom einträgliche Ämter und gesellschaftliche Stellung daselbst erhofften, sich aber zurückgewiesen sahen womöglich mit Spott wegen ihres Mangels an Geschmeidigkeit und Weitläufigkeit. Natürlich beschützten die Italiener lieber eigene Streber und Parasiten als Fremde, die mitgenießen wollten, und Menschen, die sich nördlich der Alpen für gelehrt und große Männer genommen, galten in Roms klarer Sonne mehr als einmal für lächerliche Figuren mit ihrem holperigen Latein und plumpen Manieren. Gesellschaftliche Kränkung läßt sich aus manchen Schriften damaliger Romfahrer deutlich genug erkennen.

Ein Magister Berthold, der im Gefolge eines Kardinals Würden und Ehrenämter erhoffte, gelangt gar nicht an dessen Tafel und als Stellung wurde ihm angeboten, das Maultier seiner Eminenz zu besorgen — wahrscheinlich werden sich seine Manieren am besten für den Stall geeignet haben. Ein anderer Streber klagt possierlich bitter, der Teufel habe ihn nach Rom geführt, es gäbe keine gemütliche Geselligkeit wie in Deutschland, man sei höchst ungesellig, denn wenn sich einer betrinke, nehme man es übel und nenne einen im Rausch befindlichen ein Schwein. Dies kam dem guten Mann höchst befremdlich, beleidigend und närrisch vor, da nördlich der Alpen das Saufen ehrenwert und nobel hieß. Eine komische und doch sehr ernste Kluft der Weltanschauung!

Bis heute hat sich in Italien als Spott- und Schimpfname für einen Trinker in Erinnerung an die staunenswerten Leistungen deutscher Renaissancegäste auf diesem Gebiet das Wort Trinkeswein erhalten. Höchst ärgerlich ist für die von den Alpen heruntergestiegenen Gäste, wenn sie die Spottlieder anhören müssen, die Aussprache und Gebahren der Landsknechte verulken, wie etwa dieses:

Per cazzar maninconie Sempre Lanze ha flasche in mane E per biver liete a sane Trinche e bombar tuttavie.

Man findet bei dem Frauenzimmer wenig Trost, unbegreiflich ist für den Nordländer die für das Rom Leos bezeichnende Erscheinung der cortegiana onesta, die schöngeistig platonisiert und Salon hält, und die Sitte für ausschließlich poetisches Getändel und künstlerische Unterhaltung ihr Geschenke zu widmen, wird empörend gefunden. Derselbe Gewährsmann, der Rom ungesellig nennt, klagt über dessen allzufein tuende Kurtisanen und wünscht sich zu den derben weißroten deutschen Hübscher innen zurück. Ähnlich urteilt Ulrich von Hutten in den Dunkelmännerbriefen und der epistola Italia ad maximum Caesarem, nachdem er nach seiner Ansicht am Mainzer erzbischöflichen Hof, dem feinsten Prälatenhof in Deutschland, große Rolle gespielt, fühlt er sich beleidigt, als er keine Einladung an den päpstlichen Hof erhält und die Pracht des Hofhalts nur vom Hörensagen kennen lernt.

Scharfe Neckereien gingen wohl hin und her, die  Trübes Denken zu vertreiben Landsknecht seine Flasche hat, Lustig und gesund zu bleiben Immer munter, nimmer matt.

*) In freier Übertragung:

Deutschen spotteten der platonischen Mode und wurden ihrerseits wegen des brutalen Liebesbegriffes verulkt, so in einem anstößigen, aber höchst witzigen Liedchen, das einem Landsknecht zugeschrieben wurde und das Orlando di Lasso nicht zu komponieren verschmähte. In diesem Liedchen zupft der Landsknecht derb eine italienische Laute zu Ehren einer Schönen mit der Versicherung, er sei weder ein Platon noch ein Petrarca, jedoch sehr geeignet für die dreizehnte Arbeit des Herkules. Gereimt ist das unartige Liedchen auf den plump gegriffenen Lautenakkord Don-Don: Petrarca mi non son Don-Dont Mi non son un Platon Don-Don.

So sind die ernsten Mißverständnisse und Anfeindungen stets von grotesken Hänseleien und Unverträglichkeiten, sowie von Kränkungen gesellschaftlichen Ehrgeizes in den Kulissen des Welttheaters begleitet. Leos Großmut und die Herrlichkeiten des päpstlichen Hofhalts werden natürlich mit besonderer Gehässigkeit von jenen beschrieben, die nicht zugezogen und von den Zugezogenen ausgelacht waren. Nachgeahmt und womöglich phantastisch überboten wurde die Verschwendung des Papstes von dessen Bankiers und geistlichen Würdenträgern. Berühmt blieben manche Taten des Agostino Chigi*),  wie das Gastmahl, das er dem Papst und vierzehn Kardinalen bot (1518) in einem herrlich proportionierten Raum mit Marmor und Mosaikboden, die Wände mit Goldstoffen verhängt. Zum Schluß wurden diese Stoffe weggezogen und es enthüllte sich, daß der prachtvolle Raum nichts anderes gewesen als Chigis neuerbaute Pferdeställe, zu denen Raffael den Plan entworfen.

*) Geb. 1465 in Siena. Sein Reichtum kam hauptsächlich von Alaunbergwerken. Er rühmte sich, über 100 Kontore zu haben und 20000 Leute zu beschäftigen. Palast und Garten des Chigi lagen bei der Via Settimana, Aretino war eine Zeitlang in seinem Dienst.

Eine derartig luxuriöse Stallung (auch hier welche Erinnerung an das antike Roml) war vermutlich recht nach dem Geschmack des Papstes, der als leidenschaftlicher Tierfreund einen reichen zoologischen Garten besaß. Oft versahen ihn befreundete Fürsten mit seltenem Getier. Den Höhepunkt seiner Volkstümlichkeit erreichte Leo, als ihm der König von Portugal eine Auswahl der merkwürdigsten Tiere aus den neuentdeckten und vom Papst zu Lehen gegebenen Ländern mit feierlicher Gesandtschaft schickte, darunter jenen berühmten zahmen Elefanten, dessen Kunststücke Rom mit Jubel erfüllten. Er nahm Wasser in seinen Rüssel und spritzte auf possierliche Art umher, wofür dem klugen Tiere ungeheurer Applaus wurde. Künstler studierten die Insassen von Leos Tierpark und verwendeten sie zu dekorativen Motiven und jenen über alle Maßen heiteren Fresken der Loggien, der einzig sichtbaren Erinnerung, die von Leos Schlaraffenland noch verständlich suggestiv erzählt. Das waren die kühlen Wandelgänge, in denen zur heißen Zeit die Gesellschaft sich gerne plaudernd auf und ab bewegte oder Musik genoß.

Leos Musikliebhaberei war so stark, daß er sich leicht zu Tränen rühren ließ und in eine Art Verzückung geriet*). Musikalischer Genuß war auch das melodische Versespiel, das zu seiner Zeit Mode geworden und in dem sich sein Freund Bembo besonders hervortat.

Die Gespräche, die ein Sadolet, ein Bembo, mit Leo auf und ab wandelnd, in Raffaels Loggien führten, mögen ähnlich graziös und abwechslungsreich gewesen sein wie die Ornamente der Loggien, zart geschmückt mit Gewinden von Scherzen, mit tragenden mythologischen Gestalten und allegorischen Einfällen, mit Anspielungen auf alle Künste und Fertigkeiten wie die unerschöpflich phantastischen Wandornamente. Hoch über denselben schwebt nicht umsonst ein freundlich majestätisch aufgetanes Bilderbuch, Raffaels Bibel in Deckengemälden, an die schönsten Erzählungen frommen Glaubens erinnernd, denn alles, was in der christlichen Überlieferung schön und erhaben ist, wird mit Geschmack gewürdigt.

Man unterhält sich ähnlich reich an Gedankenschätzen und Bildern. Man freut sich im Gespräch, daß Lorenzos köstliche Bibliothek von Leo wieder gewonnen wurde, daß alte Weisheitsbücher neu übersetzt, aufgelegt, kommentiert erschienen, daß Leo diesen und jenen Gelehrten, diesen und jenen Künstler für Rom gewann**),

*) II papa e sopra tutto musico eccelentissimo, e quando canta con qualchuno gli ja dare 200 e piü ducati. (Relazione di Marino Giorgi.)

**) Unter den Künstlern und Schriftstellern aus der Zeit Leos befinden sich Baldassare Peruzzi, zwei Sansovino, Sodoma, Sebastiane Giocondo, Giovanni Barile, Caradosso, Boitraf fio, Melzi, Salai, Lorenzo Fanfoja, ferner Bembo, Bibbiena, Sadolet, Inghirami, Beroaldo,   Beazzano, Tebaldeo, Navagero, Colocci, Acciaiolo, Andrea Fulvio, Raffael Maffei da Volterra, Paolo Giovio, Lascaris. Auch Aretino macht sich heran, scheint aber bei Leo keine Gunst gefunden zu haben, besser gelitten war Bemi, der den Orlando parodierte und die Welt der Prälaten in spöttische Verse brachte, wie jener die Ritterwelt.

besprach die Verdienste der Kandidaten für den neugegründeten griechischen oder hebräischen Lehrstuhl, erwog, bei dem feinen Latinisten Vida (geb. Cremona 1490 gest. 1566) die Christiade zu bestellen, eine elegante lateinische Dichtung der Taten und Leiden des heroischen Christus, da die Evangelien sprachlich die Humanisten wenig zufrieden stellten. Vida unternahm die klassisch gehaltene Übertragung der Evangelien im Stil der Aeneide. Besser gelangen ihm allerdings weltliche Stoffe, zum Beispiel, ein reizendes Gedicht über das Schachspiel, in dem Merkur und Apoll als Gegenspieler auftreten und alle Götter Partei nehmen. Es hebt an mit den Versen:

Ludimus effigiem belli, simulataque veris

Proelia, buxo acies fictas, et ludicra regna.

Ut gemini inter se reges albusque nigerque

Pro laude oppositi certent bicoloribus armis.

(Spielen wir das Gleichnis des Krieges mit den Sinnbildern, hart geschnitten aus Buchs, um die vermeintlichen Reiche, auf daß die Könige, der weiße und schwarze, um Ehre einander gegenübergestellt kämpfen mit der zweifarbigen Waffe.)

Leo beschloß, die neue Übersetzung des Tacitus dadurch zu schützen, daß Unberechtigte mit Exkommunikation bedroht wurden — eine neue Art den Bannstrahl zu verwenden zum Schutz des geistigen Eigentums, auch verschmäht er nicht, selbst eine empfehlende Vorrede zu entwerfen, in welcher er betonte, daß literarische Studien Gott wohlgefällig seien als Schmuck und Führung des Lebens, im Unglück ein Trost, im Glück ehrenvoll und erfreulich.

Man lobte im Gespräch die neuen Liebhabervorstellungen, die manche Freude und Anregung gewährten, die große Wirkung, die Inghirami als Phädra in der klassischen Rolle des Euripides erzielte, so daß ihm der Beiname Phädra blieb, die Aufführung der Calandra, Bibbienas selbständigen, wenn auch nach antikem Muster entworfenen italienischen Lustspiels, das am päpstlichen Hof mit Gepränge aufgeführt wurde.

Zu Anfang und Schluß der Vorstellung erteilte Leo den Segen, was im Zusammenhang mit einem so verwegen munteren Stück den Nachfahren und einigen Zeitgenossen nicht recht paßte. Es ist unbeachtet geblieben, welch großen Fortschritt in sittlicher wie technischer Beziehung diese Komödie bedeutete und der Nachfahre stößt sich zu leicht mit Prüderie an Ausdrücken und Situationen, die im Cinquecento mit munterer Natürlichkeit aufgefaßt wurden. Sogar ein Castiglione empfahl zwar den Damen beim Anhören heikler Dinge zu erröten und dieselben nicht herauszufordern, hatte aber für Anekdötchen Nachsicht, so selbstverständlich war es, sich über Keckheiten zu unterhalten. Im Vergleich zu den Schaustellungen, die bis dahin üblich gewesen, erschien Bibbienas Calandra als ein Beispiel des Fein-Komischen und als gesittetes Stück. Nichts hätte die vornehmen und zum großen Teil geistlichen Zuschauer, denen es vorgeführt wurde — zuerst in Urbino 1513, dann 1514 in Rom, 1521 in Mantua, wenig später in Venedig, endlich als große Kunstoffenbarung zu Ehren des französischen Hofes 1545 in Lyon — so sehr gewundert wie die Kritik späterer Zeiten, die das Lustspiel für durchaus anstößig erklärte. War die Fabel doch dem unbedingt verehrten Altertum entlehnt, die spaßigen Zoten nicht mehr so derb wie in der gotischen Zeit sondern in leichter Art vorgebracht, dazwischen philosophisch feine Bonmots und Pointen, wie sie nunmehr elegante Konversation zieren mußten. Gewisse Sentenzen, damals noch nicht abgegriffen, muteten geistreich an und die Verkleidungssituationen sind von so unsterblich wirkender Komik, daß Shakespeare sich ihrer bemächtigte, freilich ihre Keckheit mit zarter Poesie umkleidend, indem er in Was ihr wollt Viola als Jüngling kostümiert lieben, leiden und siegen läßt.

Kühn und lobenswert trat außerdem Bibbiena auf mit Verulkung des Zauber- und Hexenglaubens. Wie aufgeklärt erscheint der päpstliche Hof, der solches mit Wohlgefallen vernimmt, wenn man bedenkt, daß zur selben Zeit in Deutschland Scheiterhaufen über Scheiterhaufen sich türmte, um Hexen zu verbrennen, daß es nördlich der Alpen zur Frömmigkeit gehörte, an Hexen zu glauben und manch ein Doktor Faust für einen Schwarzkünstler galt.

Weitherzige, lächelnde Toleranz ist bezeichnend für Leo und seinen geselligen Kreis. Er wollte ursprünglich auch seinem Widersacher Luther mit Verständnis und womöglich mit feinmediceischem Lächeln begegnen. Gewiß wurde an Leos Tafel gescherzt, der Mönch errege nur deshalb Aufruhr, weil er dem Tetzel das gute Ablaßgeschäft mißgönne und selbst dessen Einnahmen wünsche, dann würde er schweigen. Der Papst aber lobte den Augustiner als aufrichtig und fand ihn für einen Mönch auffallend gebildet. Er nannte selbst den Ablaß, wie er in Deutschland gehandhabt wurde, geschmacklos, verurteilte Tetzel und war bereit, eine vernünftig ruhige Kritik dieses Treibens anzuhören, um demselben zu steuern.

Nicht ungern hatte der Papst den reformatorischen Erwägungen eines Erasmus und anderer gelauscht, freilich lag es nicht in seiner Natur, energische Verbesserungsmaßregeln zu ergreifen und die langdauernde Einmischung der Päpste in allerlei weltliche Händel hatte ihnen zu viele Feinde gemacht, die sich einer ursprünglich inneren Angelegenheit der Kirche eifrig bedienten, um deren äußere Angelegenheiten zu eigenem Vorteil oder zur Rache zu verwirren. Überall, wo die Päpste politisch Anstoß erregt, also in Deutschland vorzugsweise, später in England, in Neapel, in Navarra waren politische Köpfe tätig, die Bewegung der religiös Unzufriedenen für sich auszunützen. Sie nahm sehr schnell sozialen Charakter an, der da und dort aufflammende Haß gegen die Kirche ist sehr ähnlich dem heute überall aufflammenden Haß gegen das Kapital.

Und wie das alte römische Imperium gerade durch die Mächte gestürzt wurde, auf die es sich stützen wollte, die Barbaren und Prätorianer, so arbeitete zum Sturz des unter politisch bedeutenden Päpsten auf Jahrzehnte wiedererstandenen römischen Imperiums alles, worauf sie sich gestützt, die Nepotenwirtschaft und die übrigen weltlichen und finanziellen Regierungskünste. Mechanisch sicher und unabwendbar wirkte deren Gefährlichkeit. Zum Schluß erhielt Leos Reich etwas phantastischmythologisches wie das Reich eines herrlich verschweft-derischen König Herbst, eines italienischen Herbstes voll schleppender Purpursammet- und Brokatgewänder und hochgeschwungener, herrlich geformter Becher und lebendig gewordener Rebenreigen von Ulme zu Ulme. Es lächelt König Herbst, vielleicht ein wenig kindisch geworden, und freut sich des wahllosen Beglückens, das er ausübt, und seine Narren, lustig, bunt und frech, raunen ihm ins Ohr: Väterchen, leben und leben lassen sei Deine Weisheit, Du bist König Herbst, dessen Gaben unvergessen bleiben, Dich entthront KönigWinter, der Kahle und Kalte, schon sendet er von Norden her manch eisigen Schauer in den Garten Deiner Früchte — so spende die süßen platzend reifen ohne zu zählen, ohne zu wählen. . . .

Leo lauscht der Weisheit seiner Narren.

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWÖLFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERZEHNTER ABSCHNITT

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt