Schlagwort: Farben-Photographie

Die nachfolgenden Betrachtungen beschäftigen sich nicht mit technischen Fragen der Photographie, sondern mit ihrer Ästhetik. Es scheint mir notwendig, sich ganz klar darüber zu werden, was denn eigentlich »Kunst-Photographie« ist, um was es sich dabei handelt. Das Wort ist ein neues Schlagwort geworden und jeder Photograph, der von Kunst keine Ahnung hat, schmückt sich damit. Der Nachahmungstrieb, der Äusserlichkeiten kopiert und übertreibt, der unser ganzes modernes Kunstgewerbe missverstanden und mit dem sog. »Jugendstil« diskreditiert hat, hat sich auch dieser neuen, so gesunden und für unsere Geschmacks-Bildung so bedeutsamen Bewegung und Umwandlung in der Photographie bemächtigt. Alte Dummheiten und Geschmackslosigkeiten wurden aufgegeben, neue dafür angenommen. Man kann katzenjämmerlich gestimmt werden, wenn man sieht, wie die ersten Regungen einer feineren Kultur, und solche sind eben die guten Erzeugnisse der Photographie, durch industriellen Unverstand und leere Eitelkeit wieder erstickt werden.

Nicola Perscheid, der seit Jahren sein Domizil in Leipzig hat und im Laufe des Winters nach Berlin übersiedelt, in das prachtvolle, einst für den Porträtmaler Koner gebaute Atelier, Bellevuestrasse 6a, hatte mit vollkommener Klarheit erkannt, welche Wege der Photograph zu gehen habe, um die Photographie aus der grenzenlosen Ge-schmackslosigkeit, in der sie wie die ganze Zeit geraten war, zu befreien. Heute streitet man hin und her, ob die Photographie Kunst werden kann. Dieser Streit ist müssig und nur im theoretisierenden Deutschland möglich. Man kann das Urteil »Eben da, wo die Photographie aufhört, fängt die Kunst an« durchaus unterschreiben und doch sagen, dass Photographien, wie sie Perscheid ausstellt und wie eine Anzahl in diesem Hefte wiedergegeben sind, ein Symptom der Reinigung und Verfeinerung unseres Geschmackes sind und dass in ihnen derselbe künstlerische Instinkt tätig ist, wie in der kunstgewerblichen Bewegung, wie im Maler bei Entwurf und Komposition seiner Gemälde.

Die Photographie als solche ist keine Kunst und wird nie eine werden. Aber der Photograph kann und soll eine Künstlernatur sein; er kann ein Mensch von klarstem Kunstverstand, von feinster und höchst entwickelter Geschmacksbildung sein, ein Mensch, der auch den verborgenen Regungen der Seele nachspüren, der die individuellen Eigenheiten eines Menschen, die ihn ganz besonders charakterisieren, die seelischen sowohl wie die körperlichen, erkennen und dann auch in der photographischen Aufnahme sichtbar machen kann. Eine solche Natur ist Nicola Per scheid.

Sein vorbildlicher Wert liegt darin, dass er für die Photographie erstrebt, was ein solider und feiner Maler anstrebt, die bildmäßige Wirkung, in der das Geheimnis alles ästhetischen Wohlgefallens liegt. Man sollte meinen, dass diese Erkenntnis wenigstens in Fachkreisen in ihrer ganzen Tragweite gewürdigt werden müsste. Dem ist aber nicht so. Ich habe in den in letzter Zeit erschienenen Büchern über die Bildnis-Photographie und die Camerakunst hierüber ganz unglaubliche Dinge gelesen.

Wir wollen in der Malerei nicht zusammengewürfelte Genre – Szenen, sondern malerische Komposition, Farbe, Tonwerte, Form, Zeichnung in reich durchgeführter rhythmischer Verbindung, wir wollen in unseren Wohnräumen keine zufällige Anhäufung von tausenderlei Dingen, sondern koloristisch und linear einheitlich gestimmte Räume von ruhigen Harmonien, in denen bedeutsame Einzelheiten, ein Dürer oder Holbein, ein Tizian und Böcklin an der Wand, eine Bronze oder eine Marmor – Skulptur, eine Orchidee in einem prismatisch leuchtenden Glas als besonders sprechende, tiefer beseelte Momente erscheinen.

Wir wollen die Einheit dieses Raumes nicht schrill durchbrechen durch Dinge, die in ihren Linien und Farben sich nicht in die des Raumes eingliedern. Dieses Prinzip, das Grundgesetz des Künstlerischen, ist anwendbar auf alle Dinge, welche in irgend einem Grade künstlerische Eigenschaften besitzen, auf die Einrichtungs – Gegenstände unserer Wohnung, auf unsere Kleidung, auf das Leben selbst, in Geberden, in Rede- und Umgangsform und nun eben auch und zwar ganz besonders, auf die Photographie. Dieses Grundgesetz bedingt den anmutigen Zauber, welcher alles durchwärmt, beseelt, es ist der Zauber, welcher in Zeiten vornehmer Kultur allen, auch den einfachsten, unscheinbarsten Dingen Stil verleiht.

Velasquez, einem Lionardo, Tizian, Holbein, van Dyck, Gainsborough, Franz Hals, Rembrandt und anderen, und auch bei den modernen Meistern, einem Whistler, Sargent, Boldini die Ursachen dieser geheimnisvollen Wirkungen ergründet haben. Perscheid hat sich das Studium dieser Meister, die bei ihm in unzähligen Braunschen Kohledrucken die Wände bedecken, fast zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Das wundervolle Doppelbildnis Steinhausens und seiner Gattin, ein Meisterwerk tiefbeseelter Komposition sagt ihm mehr als alle dickleibigen photographischen Handbücher. Er hat erkannt, dass diese Meisterwerke der Porträtkunst ihm die Mittel zur Veredelung seines photographischen Berufes geben können.

Kunstartikel