Schlagwort: Fayencekunst

Lange bevor das Porzellan von Sachsen aus seine Laufbahn antrat und der _ bestimmende Stoff für die Kleinplastik wie für das feinere Tafel-, Kaffee-und Teegeschirr des Jahrhunderts wurde, hatte die Fayencekunst in Deutschland Fuß gefaßt. Sie war mit der Spätrenaissance aufgekommen und hatte in der Schweiz, in Süddeutschland, in Schlesien und Böhmen und vor allem in Hamburg bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts Aufnahme gefunden. Allerdings ist diese ältere, teilweise mit der italienischen Majolika zusammenhängende deutsche Fayencetöpferei neben den bodenständigen Steinzeug-und Zinn- und Holzgeschirren zu keiner größeren Bedeutung gelangt. Ihre sparsamen, meist in Blau gemalten Verzierungen wurzeln völlig in der deutschen Spätrenaissance.

Auch auf diesem Gebiete, wie auf so vielen anderen der Kunst und der Landeskultur, kam bald nach dem Dreißigjährigen Kriege der Anstoß zu einer Entwicklung im Geiste des Barock von Holland her. War doch hier mit Delft als Mittelpunkt eben in den Jahrzehnten des großen künstlerischen Aufschwungs Hollands, in Nacheiferung der durch den ostasiatischen Handel eingeführten chinesischen Porzellane die Fayencebäckerei und -malerei unter glänzender Zinnglasur zu einem eigentümlichen Stil gediehen. Von Holländern wurden die ersten Fayencefabriken der neuen Richtung in Deutschland ins Leben gerufen; in Hanau 1661 von Daniel Behaghel und Jakob van der Walle, in Frankfurt von Johann Simonet 1666, in Berlin unter dem Großen Kurfürsten. Es wiederholt sich eine Erscheinung, die bereits in der Porzellangeschichte begegnet ist. Einzelne deutsche Dekorateure außerhalb der Manufakturen bemalen die neuen, von Delft und seinen deutschen Abzweigungen erzeugten weißen Geschirre, die Enghalskrüge und breiten Teller im Geschmack des malerischen heimischen Barockstils. Namentlich in Nürnberg wurden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts solche Fayence-gefaße von den Glasmalern Joh. Schaper, Abraham Helmhack u. a. mit Landschaften. religiösen Bildern, Wappen, barocken Blumen und Ranken in bunten, schwarzen oder purpurnen Schmelzfarben bemalt.

Gegenüber dieser in den ,,Hausmalereien“ der Porzellane fortlebenden Überdekoration stützt sich nun aber die Fayencemalerei der von Holländern gegründeten Manufakturen selbst, in Hanau, Frankfurt und in Berlin, natürlich fast völlig auf die in Holland übliche Weise. Chinesenfiguren und Streublumen nur in Unterglasurbau mit wenigen anderen Farben sind vorherrschend. Zu künstlerischer Höhe erhebt sich eine Gruppe von Tellern und bauchigen Vasen meist großen Formats mit Chinesen- und holländischen Figuren und Fächerpalmen und kiefernartigen Bäumen, die aus der Frankfurter Fabrik zu Ende des 17. Jahrhunderts hervorging (Abb. 158)- In der großzügigen Pinselführung, dem kräftigen Blau und der schimmernden Zinnglasur reicht sie an die besten Leistungen der Eynacker und anderen Delfter heran. Gröber sind die zahlreichen, häufig mit dem „Pfauenmuster“ bemalten plumpen Vasen ostasiatischer Form, die im ersten Drittel des Jahrhunderts in Berlin entstanden und von den Sammlern bisher als „Potsdam“ bezeichnet wurden.

Neben dem holländischen Geschmack findet im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts der einheimische Barock in der Fayencekunst eine Stätte in den Fabriken von Nürnberg und Bayreuth. Die Nürnberger gründeten Christoph Marx und Joh. Conrad Romedi 1713; in den beiden Kordenbuschs erwuchsen ihnen tüchtige Maler; die Bayreuther entstand in der eben angelegten Vorstadt St. Georgen am See um 1720 durch Knöller. Beiden ist die Vorliebe für das Laub- und Bandelwerk und die Lambrequinumrahmungen und ein blasses Blau eigentümlich. Die um 1710 aufkommende Fabrik in Ansbach hat in bunten, namentlich grünen und gelben Scharffeuerfarben mit Geschick die Blumen- und Vogelmuster der chinesischen Porzellane aus der „grünen Familie“ nachgebildet und darin (gleichzeitig mit den Nachahmungen dieser und der roten Familie in Meißen!) um 1730 schöne Vasen und Teller geschaffen.

Eine einschneidende Stilwandlung widerfuhr der deutschen Fayencekunst mit dem Umschwung zum Rokoko um 1740. Zugleich beginnt damit eine bedeutende Ausbreitung der Erzeugung, die bis in den Beginn der siebziger Jahre andauert. Im Süden und noch mehr im Norden Deutschlands bis ins schwedische Pommern und ins dänische Schleswig-Holstein, nach Königsberg und nach Schlesien (Proskau) dehnt sich die Fayenceindustrie aus. Neben den walzenförmigen Bierkrügen, den Tellern und Blumenvasen bilden Bratenschüsseln, Suppenterrinen, Saucieren, Gewürzaufsätze und Potpourrivasen die bevorzugten Herstellungsgegenstände. Die plastisch belebten Formen, die das Porzellan des Rokoko annimmt, finden auch bei den Fayencegeschirren um die Jahrhundertmitte Eingang. Die plastische Bewegung der bauchigen Gefäßkörper, der Rocailleränder, der Schnörkelhenkel und -füße ist in der gleichzeitigen Fayence aber durchgehends um einen Grad schwerfälliger und die Ausformung weicher, was sich teilweise durch die -weniger scharf ausprägbare Masse erklärt. Wie in dem Rokokoporzellangeschirr wird hier die naturalistische Blumen- und Landschaftsmalerei vor den ostasiatischen Dekorationen bevorzugt. Die verschiedenfarbige Scharffeuermalerei und namentlich die bunte Muffelmalerei verdrängt vielerorts den Blaudekor der ersten Epoche. Die von dem aus Meißen 1736 geflüchteten Porzellanmaler Lö-wenfinck in Fulda und Straßburg bemalten Fayencen sind ein Beispiel für das Übergreifen der Porzellandekorationen auf die Fayence. Mehr als in dem Porzellan kommt in der Fayence des Rokoko ein urwüchsiges Empfinden zum Ausdruck. Das erscheint besonders in dem plastischen Zierat der Gefäße, der gerne aus Früchten, Zwiebeln und Knollen geformt wird; namentlich aber in den als Kohlköpfen, Enten, Truthühnern, Rebhühnern und Schweinsköpfen gestalteten Terrinen und Suppenschüsseln. Die Küche des Schlößchens Favorite bei Baden-Baden und das Jagdschloß des Clemens August von Köln, Clemenswerth, sind mit reichen Garnituren der Art aus Straßburger Fayence ausgestattet.

Die Straßburger Fabrik der Familie Hannong steht in ihren künstlerischen Leistungen weitaus an erster Stelle. Ihre breitrandigen Teller und ihre Schüsseln zeichnen sich durch die eleganten, an die Pariser Silbergeschirre erinnernden Formen, durch die gleichmäßig leuchtende weiße Glasur und die großzügige Blumenmalerei, namentlich in roten und grünen Muffelfarben aus. Auch in der farbigen Fayenceplastik steht Straßburg obenan. Dafür zeugen neben den genannten Geschirren in Tierform die vor kurzem von dem Berliner Schloßmuseum erworbene Saujagd (Abb. 15g) und ein im Handel befindliches Affenkonzert. Später, als Paul Anton Hannong durch das Sövresmonopol aus Straßburg nach Frankenthal übersiedelte (1755) und hier eine Forzellanfabrik gründete, wurden die Straßburger Modelle teilweise hier in Porzellan wiederholt. Auch überdies scheint die Straßburger Fabrik von größtem Einfluß auf den Fortgang der Rokokofayence gewesen zu sein — beinahe das, was Meißen fürs Porzellan war. Nach Westen und Osten. Die Fabriken von Niederwiller, von Marseille und selbst die Brüs-seller verraten das Straßburger Vorbild. Verwandtschaft damit haben von den süddeutschen Fabriken namentlich Höchst und Hanau. Ein Gegenstück zur Straßburger Fabrik ist die erst nach dem Siebenjährigen Kriege erblühende Fabrik von Proskau in Schlesien, die später der Alte Fritz in Regie nahm. Sie veranschaulicht, wie die Rokokoformen und Dekore ins Kleinbürgerliche und Provinzielle verkümmerten. Die hier und in Hollitsch erzeugten Geschirre in Form von Hühnern, Enten und anderen Vögeln und Tieren sind durch einen gleich weiten Abstand von den kraftvoll modellierten und bemalten Geschöpfen Straßburgs getrennt. Um die Jahrhundertmitte blühten zahlreiche kleinere Fabriken im südlichen (Göppingen, Schretzheim, München), im mittleren (Rudolstadt, Erfurt) und im nördlichen Deutschland. Neben den schleswig-holsteinischen (in Kiel, Stockelsdorf, Kellinghusen, Rendsburg, Schleswig) und denen an der Unterweser (Vegesack und Lesum) verdienen die der Familie Ehrenreich in Königsberg und vorzüglich die des Kammerrates Giese in Stralsund Hervorhebung (Abb. 160, 161). Die Vorliebe für Blaumalerei auch jetzt noch haben die Fayencen der Küstenländer mit denen Dänemarks und Schwedens gemeinsam, was bei den politischen und Handelsbeziehungen zu diesen Ländern selbstverständlich ist.

Die Blüteepoche der deutschen Fayence endet mit dem Rokoko im Anfang der siebziger Jahre. Der plastische Geist und der frohe Farbensinn ließen nach. Ihre Triumphe hatten sie beispielsweise in den mit einem luftigen Blumengitter umsponnenen ..Netzvasen“ von Münden und Stockelsdorf gefeiert. Auch in den prächtigen Fayenceöfen im lockersten Rocaillestil; Meisterwerke plastischer Modellierung bergen namentlich die österreichischen, die Münchner und die Schlösser am Main und Rhein. Öfen mit Blaumalerei — kleine Schäferszenen in Rocaillen — schufen neben Fliesen Hamburg und andere norddeutsche Fabriken (Abb. 162).

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE WESEN DES KATHOLIZISMUS IM DEUTSCHEN BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISMUS DES 18. JAHRHUNDERTS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISCHE KIRCHENBAU
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE WELTLICHE ARCHITEKTUR DES BAROCK DIE SCHLÖSSER, ABTEIEN, BÜRGERHÄUSER USW.
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE SCHLOSS- UND HAUSARCHITEKTUR IM ROKOKOZEITALTER
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE DECKENMALEREI
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – INNENAUSSTATTUNG DER SCHLÖSSER DAS ORNAMENT DES BAROCK UND ROKOKO
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BILDHAUERKUNST DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE ÖLMALEREI
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – SCHMIEDEKUNST UND WAFFEN
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Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS PORZELLAN

Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland