Die deutsche Wehrmacht hat den vom bolschewistischen Moskau aus Lüge und Verdrehung gewobenen Vorhang, durch den der Blick in den Ostraum so lange versperrt war, für immer zerrissen. Ihrem opferbereiten Ansturm, ihrer kämpferischen Ueberlegenheit hat Europa, hat die Welt dafür zu danken, daß die Wirklichkeit in einem Staat, der fast ein Sechstel der Erdoberfläche umfaßte, wieder klar vor aller Augen liegt. Die deutsche Führung wird nunmehr ihr Augenmerk darauf richten müssen, daß die Gegebenheiten dieses Riesenraumes in allen Fragen des Volkstums, des Einsatzes an Mensch und Gut und der verwaltungsmäßigen und wirtschaftlichen Gestaltung zum Segen des gesamten europäischen Kontinents zur Auswirkung gelangen.

Wie unendlich groß sind die Gebiete des bisher wiedererschlossenen Ostens! Ihre Einführung in die neue europäische Völkergemeinschaft räumt mit allen irrigen Vorstellungen auf, die das ehemalige Moskowitertum geschaffen und aufrechterhalten und der dahinscheidende Bolschewismus mit einer erlogenen marxislisch-leninistisch-stalinistischen Hülle umgeben haben. Nie wieder darf die Behaupiung Glauben finden, daß die erst zaristisch und dann bolschewistisch regierten Länder von einem Volk bewohnt wurden. Niemand konnte eindeutiger als der deutsche Soldat feslslellen, wie verschieden nach Rasse, Volkstum, Sprache, Art und Sille die Menschen sind, die man von der Eismeertundra über Wälder hinweg bis zur baumlosen, mit Gräsern und Kräutern bedeckten Steppe zwischen dem Schwarzen mad der Wolga an traf. Finnen, Esten, Letten, Litauer, Weißruthenen, Küssen, Ukrainer, Donkosaken, Krimtataren, Nordkaukasier, Georgier, Aserbeidschaner, Armenier, Idel-Uraier, Turkestaner und viele andere, darunter auch Deutsche, waren in einem Staatsmonstrum zusammengeschlossen, in dem die europateindlichen Kräfte durch Jahrhunderte hindurch immer wieder einen Ansturm gegen den Westen unternahmen und die Schicksalsfrage zunächst für Moskowien entschieden

Genau so wie der Zarismus setzte die Sowjetmacht das unter ihre Führung gezwungene Völkergemisch für die politischen Ziele ein, die sich aus den inneren und äußeren Umständen der zusammengeklammerten Menschen und Räume ergaben. Sprach jener von einem Einheitsrussen, der gar nicht existierte, so erfand diese den Sowjetbürger. Dieser Zweckbegriff sollte der eigenen Bevölkerung und der gesamten Welt vorgaukeln, daß es dem Kreml gelungen sei, über alle rassisch-völkischen Unterschiede hinweg eine ungezählte Masse von sowjetischen Einzelwesen zu schaffen, die in bolschewistisch-ideologischer Verbundenheit geeinigt seien. So erdachte und propagierte man den Sowjetpatriotismus, durch dessen trügerische Konstruktion alle Volkstumsverschiedenheiten wenn nicht gänzlich ausgetilgt, so doch wenigstens zum Schweigen gebracht werden sollten. Da Moskau hierbei jedes Machtmittel bis zum hemmungslosen Mord anwenden ließ, wurden Wille und Möglichkeiten zum Widerstand, zum Eigenleben und Selbstbewußtsein mehr und mehr eingeengt. Es entstand jene Fassade der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“, die eine Einheit vortäuschen sollte. Die Kremlgewaltigen errichteten sie im Inland aus Terror und Blut, im Ausland aber sorgten die bezahlten, meist jüdischen Propagandisten dafür, daß Schaubilder, Statistiken und Reportagen den Glauben an Echtheit und Zuverlässigkeit dieser Behauptung verbreiteten.

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3. Reich Die Sowjet-Union

Die westfinnische Völkergruppe der UdSSR. — 1926 insgesamt 432 400 und 1939 mir 395 500 — umfaßte Karelier (248 100 bzw. 252 500), Finnen (151 500 bzw. 143 000), Wepsen (32 800 bzw. 0) und Woten (?). Mit Finnland hängen diese finnischen Stämme nicht nur gebietsmäßig, sondern auch in rassischer und kultureller Hinsicht zusammen. Ihre verhältnismäßige Rückständigkeit ist lediglich eine Folge der jahrhundertelangen zaristischen wie auch bolschewistischen Unterdrückungspolitik.

Seit ungefähr fünfzig Jahren wandte sich die Karelische Freiheitsbewegung gegen die Russifizierungsmaßnahmen mit dem Verlangen nach der Einführung der eigenen Volkssprache im Unterricht und im Gottesdienst. Genau so wie die anderen Völker wurden auch die Karelier 1917 vor große Aufgaben gestellt. Im Juli jenes Jahres forderten nordkarelische Gemeindevertreter auf ihrem Kongreß eine Selbstverwaltung für ganz Ostkarelien, und einige Monate nach dem bolschewistischen Umsturz wurde auf dem zweiten Kongreß die Loslösung des Landes vom Moskauer Staat beschlossen. Dieser Unabhängigkeitswille des karelischen Volkes kam ebenfalls später wiederholt zum Ausdruck.

Noch eindeutiger war der bis 1922 unter hohen Opfern geführte Karelische Kampf gegen die Sowjetmacht, an dem sich auch die finnischen Freiwilligen beteiligten. Doch verblieb Ostkarelien im Endergebnis dieses ungleichen Ringens unter der Herrschaft Moskaus.

Die UdSSR, ging gegen den karelischen Finnenstamm mit allen Mitteln der überlieferten moskowitischen Brutalität vor und nahm ihm jede Möglichkeit einer Eigenständigkeit.

Siehe auch:
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
Sowjetunion-Technisierung
Sowjetunion-Landwirtschaft
Sowjetunion-Das Land
Goten-Waräger-Deutsche
Sowjetunion-Russen
Ukrainer
Donkosaken
Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
Nordkaukasier
Aserbeidschaner
Turkestaner
Armenier
Georgier
Ostfinnen
Westfinnen
Sowjetunion-Schlußwort
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Die Sowjet-Union

Der Mangel einer geordneten Fleischbeschau in den grösseren Ansiedlungsplätzen Deutsch-Südwestafrikas ist seit langem als Uebelstand empfunden worden. Das überaus häufige Vorkommen von Finnen bei Rindern und Schweinen hat zu einer ausserordentlich starken Verbreitung des Bandwurms beim Menschen Veranlassung gegeben und so eine wahre Plage geschaffen.

Dies und das Vorkommen anderer Parasiten, die einzelne Organe der Schlachttiere für den menschlichen Genuss untauglich machen können, die Gefahr der Einnistung des sogenannten Hundebandwurms die Furcht vor dem Auftauchen der Trichinose und anderes mehr hat den Wunsch nach einer sachgemässen Untersuchung des für den Genuss bestimmten und der unschädlichen Vernichtung des konfiszierten Fleisches besonders dringlich gemacht, ln veterinärpolizeilichem Interesse wird mit Recht auf die wertvolle Mitwirkung der Fleischbeschau zur Feststellung von Seucheherden hingewiesen.

Für die Tatsache, dass trotz der Dringlichkeit die Regelung dieser Frage nicht zustande gekommen ist, es vielmehr immer nur zu Anläufen kam, wird von einer Seite (Rickmann, Tierzucht und Tierkrankheiten in Südwestafrika) begründend angeführt, dass die Beamten der Zivilverwaltung erforderlichenfalls untersuchtes Fleisch bei der Schutztruppe kaufen könnten und somit kein Interesse an der Beaufsichtigung der Privatschlachthäuser hätten. Dann fehlten auch zurzeit für die Handhabung einer obligatorischen Fleischbeschau auf den grossen Orten gesetzliche Bestimmungen in der Kolonie. Diese Erklärung erscheint uns kaum das Richtige zu treffen. Es ist nicht wohl anzunehmen, dass die massgebenden Beamten — denn diese können überhaupt nur in Betracht kommen — öffentliche Schutzmassregeln nur dann treffen, wenn sie einen persönlichen Nutzen davon erwarten. Auch der Mangel einer gesetzlichen Grundlage dürfte kein dauerndes Hindernis zur ernstlichen Inangriffnahme und Durchführung einer als notwendig erkannten Einrichtung bilden, sondern die Erkenntnis hiervon nur dazu führen, schleunigste Abhilfe durch Ausfüllen dieser Lücke zu erstreben. Im Uebrigen sind wir der Ansicht, dass die §§ 15 des Schutzgebietgesetzes (Reichsgesetzblatt 1900) und 2 der „Verfügung betr. die Ausübung konsularischer Befugnisse und den Erlass polizeilicher und sonstiger die Verwaltung betreffenderVorschriften für Deutsch-Südwestafrika vom 25. 12. 1900“ zur Anordnung einer obligatorischen Fleischbeschau die ausreichende gesetzliche Handhabe geben.

Wir gehen aber wohl nicht fehl, wenn wir den eigentlichen Grund in dem Mangel an Geldmitteln für solche Zwecke insbesondere an tierärztlichem Personal, das kaum zur Erledigung des notwendigen Seuchedienstes ausreichte, erblicken. Heute zu einer Zeit, da die Kolonie eine so ersichtlich günstige Entwicklung nimmt, da die Zahl der Ansiedler sich so beträchtlich, zumal auch an den grösseren Plätzen mehrt, da die Viehzucht eine immer steigende Bedeutung annimmt, dürfte aber für solche Bedenken kein Raum mehr sein. Zum Heil der Viehwirtschaft, insbesondere aber zum Schulz der . menschlichen Gesundheit darf die Regelung dieser Frage nahezu ein ebenso grosses Interesse beanspruchen, wie z. B. die Ordnung der veterinärpolizeilichen Verhältnisse. Vielleicht mit dem Unterschiede, dass es Sache der neueingerichteten Gemeindeverwaltungen sein dürfte, in Erfüllung ihrer vornehmsten Aufgabe, der Sorge für die öffentliche Gesundheitspflege, die Einrichtung der Fleischbeschau baldigst ins Auge zu fassen. Wie diese Frage an einzelnen Orten praktisch zu lösen ist, ob und wo der Bau besonderer Schlachthäuser am Platze ist, oder ob hie und da ambulatorische Fleischbeschau als ausreichend erscheint, das zu beraten dürfte die Aufgabe der Gemeindevertreter und des sachverständigen Tierarztes sein.

Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“

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Kolonie und Heimat

I. TEIL.

Einleitung. — Die Nachbarn der Indogermanen: Iberer, Urbewohner der britischen Inseln, Ligurer, Etrusker, die Prähellenen, Kleinasiaten und Finnen.

l. Einleitung und Vorbemerkungen.

Die Geschichte in dem Sinne, wie sie gewöhnlich verstanden wird, beginnt in Europa aussergewöhnlich spät. Wenn es neuerdings gelungen ist, tiefer in das Dunkel des griechischen Altertums einzudringen, so führt uns auch das kaum viel über das erste vorchristliche Jahrtausend zurück, und die Geschichte der nordeuropäischen Völker in der Zeit vor der christlichen Zeitrechnung ist ausserordendlich dürftig. Ein berechtigtes Streben treibt dazu, tiefer in die Schicksale der Völker einzudringen, die nunmehr fast seit drei Jahrtausenden die Weltgeschichte beherrschen und das höchste für die menschliche Kultur geleistet haben. Wir wollen wissen, woher sie stammen und wie sie gelebt haben, bevor sie vor unsern Augen schaffend und handelnd auftreten. Einiges davon lässt sich in der Tat erkennen und dies darzustellen ist die Aufgabe dieses Buches, das daher in zwei Teile zerfällt. Der erste behandelt die Herkunft und die Wanderungen der europäischen Völker, insbesondere derer, die wir indogermanische nennen, und der zweite will ein Bild ihrer vorgeschichtlichen Kultur geben, soweit wir dies mit den Mitteln, die uns zu Gebote stehen, zeichnen können.

Seit dem Ende der Eiszeit, das wir zeitlich nicht festsetzen, kaum schätzungsweise bestimmen können, ist Europa zweifellos besiedelt gewesen. Geschichtliche Nachrichten führen uns schwer-lieh über das erste Jahrtausend vor Christus zurück, und so sind wir, uni die 1 lerkunft der Hewohner unseres Erdteils zu ermitteln, auf andere Hilfsmittel angewiesen, als sie die eigentliche Geschichte bietet. Die Funde, die in immer steigender Menge aus dem Schoss der Hrde ans Licht gefördert werden, künden uns wohl, dass Menschen gelebt haben, aber woher sie stammen, welche Sprache sic gesprochen, lehren sie uns nicht. Die Überreste menschlicher Körper, die uns die Gräber bewahrt haben, stimmen zwar vielfach mit den heute noch in Kuropa vorhandenen Menschentypen überein, aber auch sie vermitteln keine sichere historische Erkenntnis, da die Gelehrten oft genug noch nicht einig sind, was sic aus den menschlichen Überresten folgern dürfen. So bleibt uns denn nur eine Wissenschaft, die sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt hat, als Führerin übrig, die uns zwar nicht in allzuweite Fernen, aber doch sicher in Zeiten zurückführt, von denen keine geschichtliche Kunde auf uns gekommen ist, das ist die vergleichende Sprachwissenschaft. Sie hat uns in Europa eine Reihe grösserer Sprachstämme kennen gelehrt, von denen der wichtigste durch das Alter seiner Denkmäler und durch die Bedeutung der Völker, welche ihm ange hören, der indogermanische genannt wird.

Während man noch im 18. Jahrh. mehr oder minder unsichere Vermutungen über den Zusammenhang der europäischen Sprachen hegte, wurde auf einmal der Nebel unsicherer Spekulationen zerstreut und die Vergangenheit der europäischen Völker mit einem Schlage bis zu einem gewissen Grade erhellt, als Franz Bo pp nachwies, dass eine Reihe von Sprachen unseres Erdteils, wie Griechisch, Lateinisch, Germanisch, Litauisch und Slavisch mit denen Indiens und Irans, dem Sanskrit und dem Avestischen, auf das engste zusammenhingen. Diese Verwandtschaft Hess sich, wie die weitere Forschung lehrte, nur so denken, dass alle diese Sprachen aus einer nicht mehr erhaltenen Ursprache geflossen, also Töchter einer ausgestorbenen und untergegangenen Muttersprache seien. Da sie sich nach der damaligen Erkenntnis vom Indischen im fernen Osten bis zum Germanischen im Westen erstreckten, so nannte man den Sprachstamm, dem sie angehörten, den Indogermanischen. Als man erkannte, dass er sich noch weiter nach Westen ausgedehnt habe, dass ihm auch das Keltische zuzurechnen sei, hat man den Namen indokeltisch als zutreffender vorgeschlagen, ohne dass dieser dem eingebürgerten gegenüber hätte Anerkennung gewinnen können. Während wir Deutsche bei der älteren Bezeichnung beharren, hat sich sonst der Name indoeuropäisch Geltung verschafft, der insofern nicht berechtigt ist, als die europäischen Sprachen nicht durchweg unserm Sprachstamm angehören. Und schliesslich finden wir nicht selten auch den Ausdrucke arisch gebraucht, den zweifellos die Inder und Iranier als Bezeichnung für sich selbst angewendet haben, und von dem man vermutet hat, dass er auch im Westen, in Irland, vorhanden war. Aber diese Annahme ist nichts weniger als sicher, wenngleich sich nicht verkennen lässt, dass der Name Arjo-in der Namengebung sehr beliebt war. Die Indogermanen haben aber wahrscheinlich kein einheitliches Volk mit dem Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gebildet, sondern sie sind wie noch in spätem Zeiten die geschichtlichen Völker in zahlreiche Einzelstämme zerfallen, so dass sie sich schwerlich mit einem Gesamtnamen bezeichnet haben.

Andere Bezeichnungen wie japhetitisch, teutarisch haben sich niemals einer weitern Verbreitung zu erfreuen gehabt. So wird man am besten bei dem in Deutschland eingebürgerten Ausdruck Indogermanen bleiben, wenngleich der Name „Arier“ durch seine Kürze manche Vorzüge für den Gebrauch aufwiese. Die Zahl der Sprachen, die wir zu diesem Stamme rechnen, hat sich mit der Zeit und unserer wachsenden Kenntnis immer noch vermehrt und wird sich vielleicht in kommenden Jahren noch vergrössern, wenn uns günstige Funde mit neuen Sprach-quellen bekannt machen. Sind auch viele Gruppen der indogermanischen Sprachfamilie im Laufe der Zeiten ausgestorben, so leben doch heute noch acht Abkömmlinge des alten Sprach-zweiges fort, nämlich Griechisch, die romanischen Sprachen, die vom alten Latein stammen, die keltischen und germanischen Dialekte, das Litauische, das Slavische, das Albanesische, das Armenische und die arischen Sprachen in Asien. Ihr Schicksal hat sich sehr verschieden gestaltet. Denn während heute die romanischen, germanischen, slavischen und arischen Dialekte weite Länder auch ausserhalb Europas beherrschen, ist das Griechische auf einen verhältnismässig kleinen Kreis der Mittelmeerküste beschränkt. Keltisch, Litauisch, Albanesisch und Armenisch aber breiten sich kaum noch aus, sondern sie werden von den übermächtigen Nachbarsprachen mehr und mehr zurückgedrängt.

Die Geschichte aller dieser Sprachstämmc ist sehr merkwürdig und wird später kurz vorgeführt werden, dem ausserdem eine Betrachtung der ausgestorbenen Idiome anzureihen ist. Wir sehen, wie sich diese Sprachen im Laufe der Geschichte über ein ungeheures Gebiet ausgedehnt haben, und da wir eine derartige Ausdehnung auch für die vorgeschichtlichen Zeiten voraussetzen dürfen, so müssen wir annehmen, dass das Land, in dem die Ursprache gesprochen wurde, viel beschränkter gewesen ist als es zu der Zeit war, in der die Geschichte ein erstes Licht auf diese Stämme verbreitet. Diese grosse Ausbreitung, die sich naturgemäss durch Wanderungen vollzogen hat, zu verfolgen, wird eine der Aufgaben dieses Buches sein. Ehe wir aber an sie herantreten, ist es nötig einige allgemeine Begriffe festzustellen, die, wenn sie nicht genügend scharf gefasst werden, leicht zu Verwirrung Anlass geben,

Rasse, Volk und Sprache.

Auf Grund der Ergebnisse der Sprachwissenschaft vermuten wir, dass einst eine Sprache bestanden hat, aus der alle die genannten Sprachen geflossen sind. Diese Annahme ist so sicher, wie nur etwas sein kann, denn das Fortleben einer Sprache ist in der schriftlosen Zeit nur so denkbar, dass sie von Mensch zu Mensch, vom Mund des einen zum Ohr eines andern übertragen wird. Erschliessen wir aber eine indogermanische Sprache, so setzt das auch notwendig Menschen voraus, die sie gesprochen haben. Man nennt sie Indogermanen. Mit einer leicht erklärlichen Übertragung spricht man aber auch von einem indogermanischen Volke, ja man redet sogar von einer indogermanischen Rasse, ohne sich klar zu machen, dass wir mit diesen Ausdrücken schon über das Erkennbare hinausgehen. Jedenfalls darf man diese Worte nicht ohne weiteres eines für das andere gebrauchen, denn Rasse, Volk und Sprache sind drei Begriffe, die wir auf das schärfste auseinanderhalten müssen.

Der Begriff „Rasse“ bezieht sich auf die körperlichen Eigenschaften des Menschen, die Eigenschaften, mit denen er geboren wird, und denen er nicht entfliehen kann. Die Menschen zeigen in grossen geographischen Provinzen bei aller Verschiedenheit im einzelnen gewisse Ähnlichkeiten im allgemeinen, die sie von Bewohnern anderer Länder unterscheiden. Das augenfälligste Merkmal ist die Hautfarbe, von der denn auch eine der wichtigsten Einteilungen der Rassen stammt, da wir die weisse, die gelbe, die rote und die schwarze Rasse unterscheiden. Zur weitern Einteilung dienen andere Merkmale, die es uns ermöglichen, auch innerhalb der weissen Rasse noch Unterabteilungen anzunehmen. Welche das sind, wird weiterhin erörtert werden, jedenfalls aber darf man nicht glauben, dass die Sprache ein Kennzeichen der Rasse ist, denn die Sprache eignet man sich erst nach der Geburt an, und es ist unzweifelhaft, dass jedes Kind die Sprache der Menschen lernt, unter denen es aufwächst. Ein Kind deutscher Eltern wird in England, wenn es nur englisch hört, so gut die Landessprache lernen, wie nur ein Brite. Die Vermutung, dass in den Sprachorganen verschiedener Menschenrassen oder Völker Unterschiede bestehen, die notwendig zu verschiedener Aussprache führen müssten, hat sich noch nicht bewahrheitet und wird sich wahrscheinlich auch nie als richtig erweisen lassen. Was dem einzelnen Menschen geschehen kann, dass er im fremden Lande eine andere Sprache lernt, darf auch für ganze Volksstämme vorausgesetzt werden. Dafür kennen wir Beispiele genug. Das klassische ist das der romanischen Sprachen. Gewiss sind römische Beamte und römische Kolonisten nach Spanien und Gallien gekommen, aber sie waren sicher so gering an Zahl, dass die eingeborene Bevölkerung anthropologisch nicht wesentlich verändert wurde. Die Masse der Gallier blieb genau dieselbe, mochte sie nun keltisch oder romanisch sprechen. Und so sind die heutigen Franzosen im wesentlichen die Nachkommen der alten Kelten oder einer noch altern Bevölkerung, die auch die eingewanderten Kelten zu verdrängen nicht vermocht hatten. Die neue Sprache ist eingeführt durch die römische Verwaltung. An gewissen hervorragenden Punkten hatte sich das römische Element stärker als anderswo festgesetzt, und von hier aus erfolgte die Romanisierung des Landes. In entlegenen Gegenden hat die keltische Volkssprache noch Jahrhunderte lang bestanden, ist aber dann völlig ausgestorben. Das heutige Keltisch in der Bretagne wird von Menschen gesprochen, die erst im 5. — 7. Jahrh. nach Chr. aus Cornwales eingewandert sind. Nur wenig anders wie in Frankreich steht es in Spanien. Hier hat sich wenigstens im Baski-schen ein Dialekt der alten Landessprache der Pyrenäenhalbinsel bis zum heutigen Tage erhalten. Auf der Balkanhalbinsel haben ebenfalls zahlreiche Sprachübertragungen .stattgefunden, und nur ein indogermanischer Dialekt hat sich im Albanesischen, wenn auch in stark veränderter Gestalt, gerettet. W ie die Ausdehnung der neuen Sprache vor sich geht, das lehren uns moderne Verhältnisse mit hinreichender Deutlichkeit. Seit der Besetzung Bosniens und der Herzegowina durch die Österreicher gewinnt das Deutsche in diesen Ländern an Verbreitung. In der Hauptstadt Serajevo wird sehr viel deutsch gesprochen. In den kleinern Städten lernen es wenigstens die angesehenem Einwohner, und von ihnen nehmen es allmählich auch andere an. Nach ioo Jahren würde vielleicht fast das ganze Land deutsch sprechen, wenn die Österreicher so vorgehen könnten, wie die Römer es getan haben. Die römische Sprache ist zweifellos in allen romanischen Ländern zur herrschenden geworden, ohne dass eine nennenswerte Blutmischung stattgefunden hätte. Aber auch in Italien hat die Sprache der Stadt Rom erst zahlreiche Dialekte verdrängen müssen, ehe sie zur Alleinherrschaft gelangte. Zum Teil hat hier wirkliche Kolonisation stattgefunden, aber in der Hauptsache ist das eingeborene Element nicht durch die Römer ersetzt, nur ihre Sprache ist aufgegeben.

Ein anderer klassischer Ort für die Übertragung von Sprachen ist England. Hier haben zuerst nicht indogermanische Stämme gelebt. Nach dem Eindringen der Kelten aus Gallien wurde das Keltische zur herrschenden Sprache, neben der aber die einheimischen Dialekte gewiss noch lange Zeit bestanden haben. Den Römern scheint es nicht gelungen zu sein, das Land in weiterm Umfang zu romanisieren. Im 5. Jahrhundert eroberten die Angelsachsen England. Ihre Sprache verbreitete sich, und viele Kelten haben sie zweifellos gelernt, aber bis zum heutigen Tage sind die keltischen Dialekte noch nicht vernichtet. Noch einmal stand für England eine Sprachvcränderung bevor. Nach dem Eindringen der Normannen, selbst eines ursprünglich germanischen Volkes, wurde das Französische, das diese in der Normandie angenommen hatten, die Sprache des Hofes und der herrschenden Klasse. Erst nach mehreren Jahrhunderten hat das angelsächsische Element wieder soviel Kraft gewonnen, um mit seiner Sprache zu siegen, die allerdings vieles aus dem französischen Wortschatz aufnehmen musste. Wie steht es nun mit den Bevölkerungsverhältnissen? Unzweifelhaft hat England durch die Einwanderungen auch neues Blut erhalten, aber es ist doch nicht soviel gewesen, dass nicht der ältere Typus gegenüber dem eingewanderten seine Geltung hätte bewahren können.

Die Sprache ist also, das brauchen wir kaum noch weiter auszuführen, wir stehen damit aber im striktesten Gegensatz zu den Anschauungen vor dreissig, vierzig Jahren, nicht für eine Rasse charakteristisch und ebensowenig für ein Volk. Dass ein Volk nicht aus Blutsverwandten, ja nicht einmal aus Angehörigen derselben Rasse zu bestehen braucht, das lehren zahlreiche Beispiele. In der Gefolgschaft des hunnischen Königs Attila befanden sich auch germanische Stämme. Im Deutschen Reich treffen wir deutsche, dänische, französische, litauische und sla-vische Sprache, sicher auch anthropologisch verschiedene Menschen, und auch für die ältere Zeit dürfen wir annehmen, dass verschiedene Sprachen auf einem geographisch abgegrenzten Gebiete, innerhalb einer politischen Einheit bestanden haben können.

Wir würden auf diese Punkte nicht so energisch hinweisen, wenn sie nicht oft genug vernachlässigt würden, und wenn wir uns nicht vor Missverständnissen schützen müssten. Da es aber in unserer Darstellung nicht immer angeht, von iberischer, keltischer, germanischer Sprache zu reden, so betonen wir ausdrücklich, dass wir die Ausdrücke Iberer, Kelten, Germanen usw. nur im Sinne der Sprache verwenden. Tatsächlich ist ja nun auch die Sprache das Element, das dem Menschen das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit am ehesten nahelegt. Als Deutsche gelten uns die Menschen, die deutsch sprechen, mögen sie in Deutschland, Österreich, Russland oder Amerika wohnen, und ebenso nennen wir Slaven die slavisch sprechenden, auch wenn sie deutsche Staatsangehörige sind. Nur wenn starke anthropologische oder religiöse Verschiedenheiten innerhalb einer Sprachgemeinschaft hinzukommen, wie bei den Juden, genügt die Sprache nicht zur Charakteristik. Für die ältern Zeiten aber ist und bleibt die Sprache überhaupt das einzige Mittel, nach dem wir die Völker einteilen können. Auch da, wo nur eine Sprachübertragung, keine Völkerverschiebung stattgefunden hat, setzt diese Tatsache einen geschichtlichen Vorgang voraus, der für uns von der höchsten Bedeutung ist. Treffen wir die indogermanischen Sprachen in entfernten Ländern, so folgern wir daraus mit Notwendigkeit eine Wanderung indogermanischer Stämme in diese Gegenden. Mögen diese auch nicht sehr stark an Zahl gewesen sein, mag das einheimische Element anthropo-loL,i“ch wenig oder gar nicht verändert sein, die politische Herrschaft und Gewalt müssen die Einwanderer doch so lange besessen haben, bis die einheimische Bevölkerung die fremde Sprache gelernt hatte. Das ist, wie schon die Ausbreitung der indogermanischen Sprachen lehrt, oft genug geschehen, aber vielleicht noch öfter haben die Eroberer ihre Sprache zu gunsten der einheimischen aufgegeben. Den germanischen Stämmen, wie den Goten, den Vandalen, den Franken ist es zwar zeitweilig gelungen, mächtige Reiche im Süden zu gründen, aber ihre Sprache konnten sie nicht bewahren. Die Kelten haben ebenfalls ein gewaltiges Gebiet politisch beherrscht, aber ihre Sprache konnte sich noch weniger als die germanische durchsetzen. Es müssen also besondere Bedingungen sein, die einer Sprache zum Siege verhelfen, Bedingungen, die sich wohl noch erkennen lassen, und von denen vornehmlich die eine zu beachten ist, dass das eroberte Gebiet in einem gewissen Verhältnis zur Zahl der Eroberer stehen muss. Hat sich erst mal ein zusammenhängendes neues Sprachgebiet gebildet, so kann von hier aus allmählich eine weitere Ausdehnung eintreten. Die Geschichte lehrt uns, dass alle Sprachübertragungen schrittweise vor sich gegangen sind. Am deutlichsten ist auch hier wieder die Ausbreitung der römischen Sprache, die sich von Rom über Eatium, dann über Samnium, Etrurien, schliesslich über Italien und von da aus Schritt für Schritt weiter im Laufe vieler Jahrhunderte ausgedehnt hat. Ähnlich wird sich die Entwicklung an anderen Orten vollzogen haben. Auch Indien, Iran, Griechenland und andere Ränder sind erst allmählich indogermanisch geworden, und erst im Raufe von Jahrhunderten haben die Sprachen die Verbreitung erlangt, in der wir sie finden.

Wir dürfen uns deshalb die Wanderung der indogermanischen Stämme nicht, wie man das wohl früher getan hat, so-denken, dass sie mit einem Male infolge eines übermächtigen Wandertriebes, der sie ergriffen, samt und sonders aus der Urheimat aufgebrochen wären und nun auf den verschiedensten Wegen ihre spätem Wohnsitze erreicht hätten. Eine solche Auffassung ist so unhistorisch wie nur möglich, sie ist, das kann man mit Sicherheit sagen, ganz undenkbar. Wir werden sehen, dass die Indogermanen schon einen ziemlichen Grad der Sesshaftigkeit erreicht hatten, und unter solchen Verhältnissen machen sich Völker nicht ohne weiteres auf, um in ferne Länder zu ziehen. Ein rascher Zug durch weite Länderstrecken kann zwar zu zeitweiliger Eroberung führen und manche Verhältnisse umgestalten, aber zu nachhaltiger Umwandlung der Sprache führt er nicht. Weder die Kimmerier, die Kleinasien überschwemmten, noch die Skythen, die ihnen folgten, noch auch die spätem asiatischen Völker wie die Hunnen, Bulgaren, Mongolen haben ihre Sprache den Besiegten aufzwingen können. Nur eine allmähliche Ausbreitung mit immer erneuten Nachschüben kann zu dauernder Sprachübertragung führen.

Auch der Begriff des Volkes muss noch durch einige Bemerkungen näher bestimmt werden. Er ist heute im wesentlichen staatsrechtlicher Bedeutung, und in der Tat verbinden wir mit diesem Wort die Anschauung einer festen Vereinigung unter einer einheitlichen Leitung. An der Hand der Geschichte erkennen wir, dass sich diese Vereinigung erst allmählich vollzogen hat, ja dass auch das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gleich sprechender Menschen erst allmählich entstanden ist. Je weiter wir zurückkommen, um so seltener finden wir eigentliche Völker, vielmehr zerfallen die Angehörigen eines Spracli-stammes zunächst in kleine Gruppen, die sich oft genug feindlich gegenüberstehen.

Fast überall, wenn auch nicht immer, ist die Einigung ein später Vorgang, der gewöhnlich dadurch hervorgerufen wird, dass ein Stamm mit der Zeit andere unterwirft und sich dadurch vergrössert. So ist denn auch dieser Begriff mit Sicherheit für die Urzeit kaum anwendbar, er entwickelt sich vielmehr im Laufe der Geschichte. Es ist aber wohl zu beachten, dass schon in früher Zeit zuweilen auch grössere Reiche und Volksverbände unter einheitlicher Leitung entstanden sein können, ja entstanden sein müssen. Während die Ausdehnung an den Grenzen vielfach in Form der Kolonisation vor sich gehen kann, setzt die Tatsache, dass Indogermanen in sehr ferne Gebiete gelangt sind, mit Notwendigkeit grössere Geschlossenheit und kriegerische Organisation voraus. Es müssen Stämme unter einem Häuptling ausgezogen und sich im fremden Lande behauptet haben.

Die Lage Europas und seine verschiedenen Völker.

Die Geographen wollen unser altes Europa nicht als vollgültigen Krdteil anerkennen und das mit vollem Recht. Ks verdankt ja diese seine Würde nicht wissenschaftlicher Überlegung, sondern dem zufälligen Umstand, dass die Geographie ihren Ausgangspunkt im Mittelmeerbecken genommen hat. Hin Blick auf die Karte lehrt uns in Kuropa eine Halbinsel Asiens erkennen, die auch mit Afrika eng verbunden ist. Denn das Mittelmeer bildet keine Trennungslinie, sondern verbindet die anliegenden Küsten. Aber doch ist hier wenigstens in dem Meer eine Grenze gegeben, während nach Osten hin zum Teil jede natürliche Scheidewand fehlt. Zwar trennt die Gebirgskette des Ural für eine grosse Strecke die Völker, aber südlich davon ist das nicht mehr der Fall, und erst in neuerer Zeit ist die Grenze hier dauernd festgelegt. Mit dem Begriff Erdteil können wir aber kulturhistorisch überhaupt nicht viel anfangen, für uns ist es vielmehr geboten, wirtschaftsgeographische Provinzen anzunehmen. Und da vermögen wir im Osten allerdings eine Grenze zu ziehen, wenngleich sie nicht scharf bestimmt werden kann. Denn hier geht das Waldland Europas mehr und mehr in eine Steppe über, nicht durch Zufall, sondern bedingt durch klimatische Verhältnisse, besonders durch den immer geringer werdenden Einfluss des Golfstromes. Im südöstlichen Russland, im Gebiete der Steppe hört der Ackerbau allmählich auf, und seit ältester Zeit fast bis auf die Gegenwart weiden dort wenig sesshafte Hirtenvölker ihre Herden. Diese Gegenden hängen in ihrer Natur und der Wirtschaftsform, die sie immer nur ermöglicht haben, eng mit den angrenzenden Teilen Asiens zusammen, und und hier haben wir also die Grenze unseres Kulturgebietes zu ziehen. Im Süden sind Nord- und Südküste des Mittelmeers einander ähnlich. Das Meer trennt hier die Völker nicht, es verbindet sie nur. A.ber die mächtigen Gebirge Kleinasiens bilden wiederum einen Grenzwall, der ein Naturgebiet von dem anderen scheidet, und über den im allgemeinen die Indogermanen nicht hinausgelangt sind. Ganz im Norden treffen wir in Osteuropa die Tundren, die sich gleichfalls deutlich von dem Waldgebiet abheben.

Innerhalb dieser Grenzen liegt nun ein Gebiet, das von der Natur ausserordentlich günstig ausgestattet ist. In Breiten, in denen anderswo fast dauernder Winter herrscht, in Ländern, die sonst unter Eis und Schnee begraben sind, ist der Mensch hier noch gut zu leben befähigt, dank den milden Lüften, die der Golfstrom von dem Wendekreise herbeiführt. Das Meer schneidet überall tief in den Erdteil ein, macht seine ausgleichende Wirkung geltend und gliedert ihn in so mannigfaltiger Weise, dass die Europäer die kühnsten Seefahrer der Welt geworden sind. Durchweg liegt er in der gemässigten Zone, und in den südlicheren Teilen unseres Gebietes sorgen mächtige Erhebungen für einen Ausgleich im Klima und für reichliche Bewässerung. Europa ist ganz einzig gestellt. Immerhin sind die Winter in den nördlichen Teilen und in den Gebirgen des Südens doch so hart, dass der Mensch von Anfang an zu einer Fürsorge für die unwirtliche Zeit gezwungen gewesen ist, und es haben sich daher beim europäischen Menschen Eigenschaften entwickeln müssen, die ihn weit über andere Menschen erheben. Vieles gewährt die Natur in unsern Landen, aber nichts ohne andauernde und angestrengte Arbeit, und so ist die Kraft und die Arbeitsfreudigkeit des Nordeuropäers zweifellos eine Eigenschaft, die ihm in Jahrtausenden anerzogen zur zweiten Natur geworden ist.

Bei dem kleinen Gebiet, das Europa verhältnismässig umfasst, muss die Fülle seiner verschiedenen Völker berechtigtes Erstaunen hervorrufen. Nirgends auf der Welt finden sich auf so engem Raume so viel Völkerindividualitäten, wie man wohl cum grano salis sagen kann. R. von Jhering hat in seinem geistreichen Buche »Vorgeschichte der Indoeuropäer« den leider nicht ausgeführten letzten Teil überschrieben »Die Verschiedenheit der Europäischen Völker«, und es ist bedauerlich, dass wir* seine Antwort auf diese Frage nicht erhalten haben. Aber schon dass er sie aufgeworfen hat, zeugt von einem tiefen Eindringen. Tatsächlich sind ja Griechen und Römer, Germanen und Slaven, Spanier und Franzosen stark von einander verschieden. Sie lassen sich an gewissen Eigenarten ihres Charakters erkennen und durch die Erzeugnisse ihres geistigen Lebens bestimmen. Diese Verschiedenheit weist darauf hin, dass sich in Europa Ströme verschiedenster Völker aus ganz entgegengesetzten Richtungen gekreuzt haben. Und in der Tat steht ja Europa für Asien wie für Afrika in gleicher Weise offen. Die Landbrücke, die unsern Erdteil im Osten mit Asien verbindet, ist zweifellos auch schon in vorhistorischen Zeiten der Weg mancher Völker gewesen, wie sie ihn in historischen Zeiten noch oft genug gewandelt sind. Aber auch das Mittelmcer hat dem Vordringen südlicherer Stamme nie einen Riegel vorgeschoben. Wie die Araber nach Spanien, die Türken nach der Balkanhalbinsel im Lichte der Geschichte vorgedrungen sind, so kann es auch in vorhistorischen Zeiten öfter, als wir ahnen können, der Fall gewesen sein.

Wir haben dabei nur ein Europa im Sinne, wie es geographisch heute noch vorliegt. Gehen wir in Zeiten zurück, von denen uns nur die Geologie und Geographie Kunde gibt, so wird das Bild ein ganz anderes. Die zwei grössten Tatsachen«, sagt Ratzel, Her. d. kgl. sächs. Ges. der Wiss. zu Leipzig 1900 S. 32, die wir nachweisen können, wenn wir von der Gegenwart aus zurückgehen, sind die Trennung Europas von Asien durch Eis, Meer und Seen, wodurch Europa Insel wurde, und der Zusammenhang Asiens mit Amerika über das heutige Beringsmeer weg. Beide sind von unberechenbarem Einfluss auf die Geschichte der Menschheit geworden, denn nichts geringeres als die heutige Rassensonderung und Rassenverteilung führt auf sie zurück. Wenn wir die Rassengemeinschaft zwischen Xordasiaten und Nordamerikanern, die durch den stillen Ozean getrennt sind, vergleichen mit der Rassensonderung zwischen Europäern und Asiaten, deren Wohnsitze ein Ganzes bilden, so glauben wir vor einem Rätsel zu stehen. Sehen wir aber, dass in der Diluvialzeit Asien und Amerika zusammenhingen, während Asien und Europa getrennt waren, so verbreitet sich Licht: die Mongoloiden von Asien und Amerika sind die Vertreter des zusammenhängenden Asien-Amerika, die weisse Rasse ist die Vertreterin des losgelösten Europa, eines Inselerdteils.« So verstehen wir das Dasein der besonderen weissen Rasse, aber die Fülle ihrer verschiedenen Unterformen und die Menge der verschiedenen Sprachen erhärten nur das, was jede Karte lehrt, mannigfache Wanderungen nach Europa.

Denn seiner natürlichen Lage entsprechend finden wir in Europa noch beim Beginn der Geschichte sechs verschiedene, mehr oder minder umfangreiche Sprachzweige, nämlich den iberischen in Spanien, den ligurischen in Südfrankreich und Italien, den rhäto-etruskischen in Italien und den finnischen im Norden unseres Erdteils. Dazu kommt die Sprache der Ureinwohner Griechenlands und Kleinasiens, die wir die pra-hellenische nennen wollen, und alle andern an Bedeutung und schliesslicher Ausdehnuug überragend, das Indogermanische. Von diesen leben nur drei heute noch fort, das Iberische im Baskischen, das Finnische und das Indogermanische, und es mag daher einst noch mehr Sprachzweige in unserm Erdteil gegeben haben. Im Laufe der Geschichte hat sich eine Sprache auf Kosten aller andern ausgedehnt, und heute beherrscht das Indogermanische fast ganz Europa, ist aber seinerseits wieder in zahlreiche Dialekte gespalten, die zu vollständig selbständigen Sprachen geworden sind, und sich aus ihrer heutigen Gestalt kaum noch als urverwandt würden erkennen lassen.

Hilfsmittel für die Kenntnis der Sprachen.

Wenn wir uns auch in diesem Buche hauptsächlich mit den indogermanischen Sprachen ihrer Bedeutung entsprechend beschäftigen wollen, so dürfen wir die übrigen Sprachzweige nicht ganz übergehen, denn aus ihrer Verbreitung und ihrem Untergang wird sich manches für die Geschichte und die Urheimat des Indogermanischen gewinnen lassen. Ausserdem sind schon alle diese Gruppen von einzelnen Forschern als indogermanisch angesehen worden, so dass wir auch aus diesem Grunde, wollen wir festen Boden unter den Füssen gewinnen, auf sie eingehen müssen. Freilich sind unsere Hilfsmittel für ihre Erforschung nichts weniger als glänzend. Von manchem Sprachzweige, wie dem Ligurischen, besitzen wir keine zusammenhängende Urkunde, und wir sind daher darauf angewiesen, andere Sprachüberlieferungen heranzuziehen. Das sind vor allem die Namen, die uns teilweise verhältnismässig reichlich bekannt sind; Namen von Personen und Völkern, Benennungen von Orten, Flüssen und Gebirgen sind uns nicht wenige überliefert, und es ist eine Eigentümlichkeit dieses Materials, dass es auch dann noch bestehen bleibt, wenn die Sprache selbst, der sie ursprünglich angehörten, zugrunde gegangen ist. Noch heute zeugen zahlreiche Ortsnamen im östlichen und mittlern Deutschland mit einem Klange, der auch dem Laien auffällt, von der einstigen Besiedelung der deutschen Lande durch die Slaven. ? Aber während die Ortsnamen in gewissen Gegenden fast durchweg aus dem Slavischen stammen, haben die grossen Flüsse wie Elbe, Oder, Havel, Saale, Spree den Namen bewahrt, den ihnen vor dieser Zeit die Germanen gegeben haben. Anderseits übernahmen die Germanen, als sie nach dem Süden und Westen vorrückten, die keltischen Benennungen der grossen h’liisse Rhein, Main, Neckar u. s. w. sowie andrer Orte, und es lasst sich daher mit Hilfe der Flussnamen das Gebiet abgrenzen, das einst in Deutschland keltisch gewesen ist. Wenn wir auch meist die Bedeutung dieser Namen nicht verstehen, so weist doch die Wiederkehr der gleichen Benennungen an den verschiedensten Orten auf das gleiche Volk als Namenquelle hin. Den I’lussnamen Iser treffen wir an verschiedenen Stellen Europas. Wir kennen die Iser als Nebenfluss der Elbe, die Isar als Nebenfluss der Donau, die Isere in Frankreich, und wahrscheinlich wird auch die alte Bezeichnung der Donau  damit Zusammenhängen. Durch die Vergleichung derartiger Namen lässt sich einerseits der Umfang eines alten Sprachgebietes feststellen, und anderseits haben diese Benennungen ihren Wert für die Erkenntnis der Sprache selbst. Es liegen auf diesem Gebiet schon manche wertvolle Untersuchungen vor, wenngleich es bei weitem noch nicht erschöpft ist. Es fehlen uns vor allem auf den verschiedensten Gebieten systematische Sammlungen des Namenmaterials. Erst wenn wir diese besitzen, werden wir hier weiter Vordringen können als bisher.

Von besondrer Wichtigkeit sind ferner die Personennamen. Denn wenn wir auch sonst keine Sprachquellen haben, so sind diese doch oft reichlich bei den antiken Schriftstellern oder auf Grabsteinen überliefert. Zum besondern Glück sind die indogermanischen Personennamen auf ganz eigentümliche Weise gebildet, so dass wir sie deutlich erkennen und bestimmen können,, ob eine Sprache indogermanisch ist oder nicht. In Kleinasien hat Kretschmer ein anderes System der Benennung entdeckt, so dass wir auch hier den Umfang eines Sprachgebietes annähernd abzugrenzen imstande sind, und bei den Semiten herrscht wieder eine andere Art der Namengebung. Die Mittel, um die alten Sitze der einzelnen Völker zu erkennen, sind nicht so reichhaltig, dass wir es nicht mit Freuden begrüssen sollten, wenn wir vielleicht noch auf andern Wegen als den bisher bekannten unserm Ziele näher kommen könnten. Das ist in der Tat möglich, denn die altern Bewohner eines Landes haben vielleicht eine Spur ihrer Anwesenheit nicht nur in den Ortsnamen, sondern auch in den heute noch vorhandenen Mundarten hinterlassen. Tatsächlich gibt es ja innerhalb der heutigen grossen Sprachgebiete noch stark abweichende Dialekte, und es ist ganz zweifellos, dass zwischen solchen Dialekten des öftern eine scharfe Grenze besteht. Allerdings will die Forschung diese nicht immer anerkennen, weil man nicht darüber einig ist, was man als Kennzeichen des Dialektes ansehen soll. Man legt da, da wir ja meist von der geschriebenen Sprache ausgehen, einzelne Lautübergänge oder andere Eigentümlichkeiten zugrunde. So scheidet man das Hochdeutsche vom Niederdeutschen auf grund der hochdeutschen Lautverschiebung und innerhalb der hochdeutschen Dialekte werden ähnliche Kennzeichen benutzt. Aber derartige Züge bilden zweifellos nur in den wenigsten Fällen die Grundeigenheit einer Sprache. Wenn man mit dem Ohr Dialekte beobachtet, so fällt einem etwas ganz anderes auf, und das ist der Akzent im weitesten Sinne genommen. Das weiss schon das Volk, das den Sprechern andrer Mundarten vorwirft, dass sie anders sängen, d. h. einen andern musikalischen Akzent hätten. Wo ein derartiger neuer Akzent einsetzt, da haben wir zweifellos eine scharf ausgeprägte Dialektgrenze vor uns. Man muss nun die Frage aufwerfen, wie denn die Dialekte überhaupt entstehen. Es ist auch hier klar, dass wir es nicht mit einem so einfachen Vorgang zu tun haben, wie man gewöhnlich annimmt, dass nämlich bei einem einzelnen Menschen eine gewisse Veränderung eintritt, die sich dann allmählich ausbreitet. Das klingt in der Theorie ganz schön, in der Praxis aber kommen wir damit nicht aus. Das wird uns sofort klar, sobald wir nur die tatsächlichen Vorgänge etwas genauer betrachten.

Man sagt z. B. die heutigen romanischen Sprachen sind aus dem lateinischen entstanden. Aber wie haben wir uns das zu denken? Zweifellos haben die Gallier, die Iberer, die Vorfahren der Rumänen von den römischen Soldaten, Kaufleuten, Kolonisten u. s. w. lateinisch gelernt, und diese neue Sprache hat sich von gewissen Mittelpunkten des Handels oder der Verwaltung allmählich ausgedehnt. Von Anfang an aber werden die Eingeborenen die fremde Sprache etwas anders wiedergegeben haben, als sie im Munde der Römer klang. Wenn man sich auch bemühte, ganz genau so zu sprechen, wie man hörte, und wenn man dies auch nahezu erreichte, so gewann man dieses Ergebnis doch vielleicht auf einer ganz andern Grundlage der Aussprache. Vor allem aber wird man wohl stets einen andern Akzent gehabt haben, und wenn dadurch die Sprache zunächst nicht allzusehr bceinllusst wurde, allmählich musste die ganze Sprachentwicklung doch eine andere Richtung annehmen, gerade wie eine Billardkugel, die von einer andern einen kleinen Seitenstoss erhält, zuerst vielleicht nur unmerklich abweicht, bis dann bei wachsender Länge der Bahn die Abweichung immer merkbarer wird. Wie stark der Kinfluss der Muttersprache bei der Aussprache der fremden ist, kann man in grober Form beobachten, wenn Engländer oder Franzosen deutsch sprechen. Jedem fällt das Fremdartige dieses Deutsch auf, und der geschulte Forscher merkt sehr bald, dass dies auf der Beibehaltung einer Reihe von Eigentümlichkeiten der Muttersprache beruht. W enn also eine Sprach-übertragung stattgefunden hat, so müssen sich fast mit Notwendigkeit soviel neue Dialekte entwickeln, als alte vorhanden waren. Man kann sich das an den verschiedensten Fällen klar machen. Ganz deutlich wird es an dem Beispiel der neuhochdeutschen Schriftsprache. Zweifellos ist diese für die grosse Masse der Deutschen eine fremde Sprache, die sie erlernen müssen. In der Schrift scheint sie im grossen und ganzen einheitlich zu sein, wenn auch einige Abweichungen Vorkommen. Sobald sie aber ausgesprochen wird, erkennen wir, woher der Sprecher stammt. Der Schwabe, der Baier, der Sachse, der Ostpreusse, sie alle sprechen die Schriftsprache etwas verschieden aus, weil sie die Artikulationsbasis und den Akzent des heimischen Dialektes bei-behaltcn. Mit absoluter Notwendigkeit würden diese Unterschiede in späterer Zeit immer grösser werden, wenn nicht die Schule für eine Einheit sorgte. Wären nun einmal die eigentlichen Dialekte ganz in Deutschland verschwunden, wäre überall die Schriftsprache dafür eingetreten und hätte diese sich selbständig entwickeln können, so würden wir nach hunderten von Jahren wieder grosse, stark abweichende Dialekte finden, die aber im wesentlichen dieselben Grenzen und denselben Umfang haben würden wie die alten, obgleich sie mit diesen unmittelbar gar nicht zusammenhingen.

Das ist nun vorläufig zwar eine reine Konstruktion. Wir können aber ein Beispiel anführen, das dieser Annahme völlig entspricht. Die alte griechische Sprache zerfiel in zahlreiche Dialekte, die allmählich zu gunsten der Gemeinsprache gewichen sind. Auch das Neugriechische zerfällt wieder in zahlreiche Mundarten, die mit einer einzigen Ausnahme nicht auf die altgriechischen Dialekte zurückgehen, sondern eben auf der Koine, der Gemeinsprache beruhen. Wenn trotzdem die heutigen Dialekte ihrem Umfange nach zum guten Teil mit den alten übereinstimmen, so ist das nach dem oben gesagten nur natürlich, es kann eigentlich gar nicht anders sein. Denn die Gemeinsprache musste eben in jedem Dialektgebiet eine besondere Färbung annehmen, die sich ursprünglich wohl wenig auffällig mit der Zeit zu grösserer Entschiedenheit entwickelt hat.

Nach all diesem müssen wir jedenfalls den Versuch machen, ob wir nicht mit Hilfe heute bestehender Dialektgrenzen die Grenzen der alten Sprachen ermitteln können. Tatsächlich ist dieser Grundsatz von den Romanisten auch völlig anerkannt, und es steht fest, dass die grossen Verschiedenheiten der romanischen Dialekte, durch die sie eigentlich als besondere Sprachen erscheinen, auf der Verschiedenheit der Volkssprachen beruhen, auf denen sie erwachsen sind. Es ist mit der Annahme von dem Fortbestehen der Dialektgrenzen nicht gesagt, dass dieser Fall immer eintreten muss. Wenn eine starke Einwanderung, eine bewusste Kolonisierung stattgefunden hat, so kann allmählich auch die Sprache der Eroberer siegen, namentlich wenn das neue Gebiet nicht allzu weit von dem alten entfernt ist. So ist es z. B. nicht auffällig, dass sich zwar in den Alpen ein besonderer romanischer Dialekt, das Rhätoromanische, entwickelt hat, während von den Eigentümlichkeiten dieses Dialektes in Etrurien, wo doch auch Etrusker sassen, nichts zu spüren ist. Entweder sind hier die Etrusker selbst nur Einwanderer gewesen, die die einheimische Sprache nicht so wesentlich verändern konnten, oder Rhätisch und Etruskisch sind überhaupt verschiedene Sprachen gewesen. Und es gibt noch andere Möglichkeiten, dies zu erklären.

Nach Oberitalien sind ferner Kelten eingewandert. Wenn die oberitalienischen Dialekte in manchen Punkten dem französischen näher verwandt sind als dem eigentlichen italienischen, so weist das darauf hin, dass hier eben eine starke Einwanderung keltischen Blutes stattgefunden hat, und dass die keltische Sprache hier mit allen ihren Eigentümlichkeiten gesiegt hatte, ehe das Römische eindrang. Freilich könnte die Übereinstimmung zwischen Oberitalien und Frankreich auch auf das ältere in beiden Ländern heimische Volkselement der Ligurer zurückgehen. Und noch eins muss man betonen. Bei dem Kindringen eines neuen Volkes und der Sprachübertragung entwickeln sich immer zwei Sprachen, die der Sieger und die der Besiegten, Bei jener braucht keine Veränderung einzutreten, und es ist daher nicht wunderbar, wenn uns das Altgallische in einer so altertümlichen Gestalt entgegentritt. Die Sprache der besiegten Urbevölkerung kann schon zu Casars Zeiten wesentlich von jener verschieden gewesen sein, und es kann uns nicht in Erstaunen netzen, wenn das spätere Keltische solch starke Veränderungen zeigt. Neuerdings hat R. Meister i Dorer und Achaeer, Abhandl. d. phil.-hist. Klasse der k. sächs. Ges. der Wiss. 24, 3) gezeigt, wie in Lakedaimon und den übrigen Gegenden mit dorischer Herrscher- und achäischer unterworfener Bevölkerung tatsächlich zwei Sprachen nebeneinander standen. Infolge der spätem geschichtlichen Entwicklung wird die eine oder die andere gesiegt haben.

Es braucht sich natürlich nicht mit Notwendigkeit in der neuen Sprache irgend eine besondere Eigentümlichkeit der alten zu zeigen, da ja auch aus der Verbindung zweier Stoffe ein neuer entstehen kann, der von den beiden alten vollständig verschieden ist, wie sich denn aus Chlor und Natrium Salz bildet, das weder die Eigenschaften des Chlores noch des Natriums zeigt. Es wird sich nur fragen, ob nicht die Veränderungen, denen die neue Sprache im Laufe der Zeiten notwendig unterliegen muss, aus denselben Ursachen hervorgehen wie die der alten, ob also nicht das merkwürdige Zusammenschrumpfen der französischen Sprache auf denselben Gründen beruht wie der gleiche Vorgang im Keltischen. Oft werden wir nicht einmal das feststellen können, und wir werden uns damit begnügen müssen, das Zusammenfallen der alten Volksgrenze mit der Grenze des neuen Dialektes festzustellen. Auf der Karte 1 sind die heutigen romanischen Sprachgrenzen eingetragen, und daneben durch Schraffierung die alten Volkselemente angedeutet. Gewiss decken sich die beiden nicht vollständig, aber eine gewisse Übereinstimmung lässt sich nicht leugnen.

In der Balkanhalbinsel finden wir heute zwei slavische Sprachen, das Serbische und das Bulgarische, die sich sehr abweichend entwickelt haben, obgleich sie demselben Teil der grossen slavischen Sprachfamilie, dem Südslavischen angehören. Da wir hier auch im Altertum zwei verschiedene Völker, die Illyrier und die Thraker finden, so hat schon Miklosisch daran gedacht, dass die Verschiedenheit der beiden slavischen Sprachen durch die Verschiedenheit der zugrunde liegenden Sprache bedingt sei, und man wird vermutlich die Grenze zwischen Illyrisch und Thrakisch dahin verlegen können, wo heute die Grenze zwischen Serbisch und Bulgarisch ist. Wenn wir nun ausserdem sehen, dass das Albanesische, die so stark veränderte indogermanische Sprache, zwar eine ganze Reihe Entwicklungseigentümlichkeiten mit dem Bulgarischen, noch mehr aber mit dem Rumänischen teilt, während es mit dem Serbischen gar keine Ähnlichkeit zeigt, so wird man kaum daran zweifeln dürfen, dass es auf derselben Grundlage wie Bulgarisch und Rumänisch, d. h. auf Grundlage des alten Thrakischen erwachsen ist.

Die neuhochdeutsche Schriftsprache zeigt in der Aussprache eine merkwürdige Eigentümlichkeit. Obgleich sie ihrem ganzen Baue und ihrem Lautstande nach hochdeutsch ist, so wird sie doch richtig, d. h. bühnengemäss ausgesprochen mit den niederdeutschen Lautwerten. Als sich also die Niederdeutschen diese Sprache, die von ihrer eigenen stark abwich, aneigneten, haben sie sie einfach mit denselben Lauten wiedergegeben, die sie bisher gebrauchten. Ähnlich hat der armenische Lautstand eine grosse Ähnlichkeit mit dem der kaukasischen Sprachen, woraus wir mit Sicherheit schliessen können, dass in Armenien einst Menschen indogermanisch gelernt haben, deren Sprache dieselben Laute hatte wie die kaukasischen Sprachen. Denselben Lautstand wie das Armenische hat ferner das Ossetische im Kaukasus, das man mit Sicherheit für eine iranische Sprache ansieht. Auch hier weist diese Gleichheit darauf hin, dass beide Sprachen aus demselben Volkselement erwachsen sind.

Es ist ganz zweifellos, dass uns diese Eigentümlichkeit in der Sprachentwicklung manches lehren kann, und dass es uns auf manches hinweist, was wir sonst nicht wissen können. Zu bedauern bleibt nur, dass wir dieses Argument mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, aber doch nicht mit völliger Sicherheit verwenden können. So ist es z. B. auffallend und für die künftige Erkenntnis vielleicht von Bedeutung, dass das Etruskische, wie wir sehen werden, eine Reihe von Eigentümlichkeiten mit dem Süddeutschen teilt. Wie weit dies auf einem historischen Zusammenhang beruht, lässt sich, da uns andere Momente vorläufig noch ganz fehlen, nicht bestimmen.

Am Schluss dieser einleitenden Bemerkungen möchten wir noch auf eine Frage die Aufmerksamkeit lenken, um auch in dieser Beziehung keine Missverständnisse zu veranlassen. Sie betrifft das Alter der Bevölkerungsschichten, mit denen wir uns zu beschäftigen haben. Auch hier begegnen wir grossen Verwirrungen, indem man die Frage nach der Herkunft der Indogermanen mit der Frage nach der Besiedelung Kuropas überhaupt verbindet. Letztere lässt sich, wie wir sehen werden, überhaupt nicht annähernd bestimmen, jedenfalls treffen wir den Menschen in unserm Lrdteil schon, als die Fauna und Flora sowie das Klima ganz andere waren. Bei den Indogermanen kann uns nur die Sprache leiten, und diese fuhrt uns nicht in allzuweite Fernen zurück. Kein Literaturdenkmal geht viel über das erste vorchristliche Jahrtausend hinaus. Sollten die Anschauungen richtig sein, die man über Vorkommen indogermanischer Namen in Vorderasien geäussert hat, und auf welche wir unten Kapitel 12 zu sprechen kommen, so stammt das erste geschichtliche Zeugnis für unsern Sprachstamm aus dem 15. vorchristlichen Jahrhundert. Sehr viel weiter zurück, wird uns auch die Sprachwissenschaft nicht führen. Ich habe früher in runder Zahl etwa das Jahr 20C0 v. Chr. als die Zeit bezeichnet, in der die Ausbreitung der Indogermanen begonnen hätte, glaube aber jetzt, dass auch dieser Ansatz noch zu hoch ist, und würde jetzt lieber auf 1600—1800 v. Chr. heruntergehen. Aber wenn wir die Anfänge ihrer Wanderungen noch um ein Jahrtausend zurückschieben wollten, so würde das doch wenig bedeuten im Vergleich mit den Zeiten, die seit der ersten Besiedlung Europas vergangen sind. In diese Fernen führt uns die Sprachwissenschaft nicht zurück.

Alles das, was wir ermitteln können, bewegt sich in Zeiträumen, die in Vorderasien schon im Lichte der Geschichte liegen, und die daher verhältnismässig jung sind. Aber auch diese etwas erhellt zu haben, ist ein unvergleichliches Verdienst der Sprachwissenschaft.

2. Die Rassenfrage.

Gedeihen der Menschen an einem fremden Ort.

Rasse und Klima.

Es gibt fast keinen Teil Europas, den die Indogermanen auf ihren Wanderungen nicht erreicht hätten, und selbst die Grenzen unseres Erdteils haben dem Vordringen der Völker kein Ziel gesetzt. Indien, Iran und Armenien haben sie dauernd ihrem Sprachgebiet einverleibt, und Kleinasien hat wenigstens teilweise eine Zeit lang indogermanisch gesprochen. Bei dieser Ausdehnung unsres Sprachgebietes, müssen wir die Frage aufwerfen, ob und wie der Mensch in einem andern Klima, als seine Heimat bietet, fortbestehen kann. Europa liegt fast ganz in der gemässigten Zone, aber doch sind die Unterschiede im Klima zwischen den südlichen Halbinseln Spanien, Griechenland und Italien auf der einen und Deutschland, England und Skandinavien auf der andern Seite gross genug, um auf die Menschen einen Einfluss ausüben zu können. Mag man auch, wie wir es tun, einen einheitlichen Ursprung des Menschengeschlechtes annehmen, wobei man voraussetzen muss, dass die Menschen die verschiedenen Teile der Erde nach einander besiedelt und sich ganz allmählich eingewöhnt haben, so steht es doch zweifellos fest, dass heute die Menschen in der Hauptsache an die Scholle gebunden sind. Sie können klimatische Verschiedenheiten nur bis zu einem gewissen Grade ertragen. Aber welcher Grad das ist, bleibt eben die Frage. Wir stehen noch durchaus im Anfänge der Forschung, und es ist selbstverständlich, dass ältere Nachrichten und Untersuchungen ganz fehlen.

Um den einzelnen Menschen handelt es sich hierbei nicht, — der kann auch grössere klimatische Unterschiede lange Zeit, vielleicht ein ganzes Leben hindurch ertragen —, sondern das ist die Frage, wie weit eine gesunde, kräftige, sich vermehrende Nachkommenschaft den in ein anderes Klima Versetzten be-schieden sein mag. Und selbst, wenn diese vorhanden ist, so bleibt immer noch zu erwägen, ob sich nicht die einheimische Bevölkerung rascher vermehrt als die eingewanderte.

Es darf als feststehend gelten, dass die Bevölkerung Europas im allgemeinen in der heissen Zone nicht zu leben vermag. Immerhin ist es für die Menschen Südeuropas eher möglich gegen

den Äquator vorzudringen als für die Nordeuropas. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika dominiert das germanische Element entschieden im Norden, während in den Südstaaten Italiener, Franzosen und Spanier ihre Rechnung finden. Der Neger kommt seinerseits nicht im Norden fort. Die Schwindsucht setzt hier seinem Vordringen entschieden ein Ziel. Bei der Kolonisation der nordafrikanischen Küste sollen die Südfranzosen bessere Fortschritte aufweisen als die Nordfranzosen, die sehr bald zugrunde gehen. Aus der Geschichte weiss man, wie rasch die deutschen Heere in Italien vernichtet wurden, wie schnell die Reiche der germanischen Heerkönige und ihre Mannen im Süden dahinschwanden. Im allgemeinen scheint schon Südeuropa für die Nordeuropäer nicht mehr den rechten Boden zu bieten. Da nun die ursprüngliche Heimat der Indogermanen sicher nicht in den südlichen Halbinseln Europas gelegen hat, so kann man vermuten, dass die nach Süden vordringenden Indogermanen sehr bald vernichtet wurden, falls sie nicht Gebiete fanden, in denen die Bodenerhebung die Einflüsse der südlichen Breiten mehr oder minder ausglich. Tatsächlich haben sich denn auch nur solche indogermanischen Sprachen im Süden erhalten, die wenigstens geraume Zeit in Gebirgsgegenden gesprochen wurden. Die Griechen sitzen zunächst in den rauhen Bergen Nordgriechenlands, die Italiker im Apennin, der rauhe Charakter des armenischen Hochlands ist durch Xenophons Schilderung zur Genüge bekannt, und auch die Inder haben wahrscheinlich erst in den Himalayatälern die Kraft gewonnen nach dem Süden vorzustossen, wo sie aber ihrem Volkscharakter nach z. T. bald zugrunde gingen, während die Hauptstämme der Iranier, die Perser und Meder, ebenfalls längere Zeit in Gebirgsgegenden gewohnt haben.

Zu der Akklimatisationsfrage kommt noch ein zweiter Punkt hinzu, die Rassenmischung. Waren Nordeuropäer nach dem Süden vorgedrungen, so blieb in den meisten Fällen eine Verbindung der eingewanderten Sieger mit den Eingeborenen nicht aus. Was wird aus diesen Mischlingen? Es kann sein, dass sich ein Mischtypus bildet, aber im allgemeinen zeigt sich in der Natur das Bestreben, das südliche Blut durchschlagen zu lassen, und nach einigen Generationen ist von dem nördlichen Einfluss nichts mehr zu spüren, falls nicht unaufhörlich Blutauffrischung erfolgt.

Sind nun die Einwandrer durch die Natur des Landes so gestellt, dass sie sich nicht so stark wie die einheimischen vermehren, so wird der Typus zur Norm zurückkehren, und nach einer Reihe von Jahrzehnten oder Jahrhunderten ist nichts mehr von dem Blute der Eingewanderten zu spüren. Schliessen sich aber die Sieger, wie dies auch möglich ist, kastenartig ab, so kann sich ihr Typus allerdings Länger erhalten. Naturgemäss bleiben die Sieger auch weiterhin die Herrscher, sie bilden den Adel, der im Altertum unter mannigfach verschiedenem Namen auftritt. So in Sparta als Spartiaten gegenüber den Heloten, in Rom vielleicht als Patrizier den Plebejern gegenüber, in Indien in den beiden obersten Klassen der Brahmanen und Krieger. Wollen wir also erkennen, welchen Typus die eingewanderten Indogermanen gehabt haben, so wird man untersuchen müssen, ob sich nicht unter dem Adel der südlichen Länder körperliche Eigenschaften finden, die in andern Gegenden bei weitern Volkskreisen vorhanden sind. Jedenfalls aber wird das eigentlich indogermanische Blut unter den Menschen unsres Sprachstammes nicht immer zu finden sein.

Im allgemeinen wird man sich auf Grund derartiger Erwägungen sagen müssen, dass durch die Wanderungen der Indogermanen bei weitem keine so grosse Verschiebung des Blutes stattgefunden haben wird, wie die Ausdehnung der Sprachen erwarten lässt. Die Veränderungen, die sich in dieser Beziehung in Europa vollzogen haben, sind vielleicht geringer als man auf den ersten Blick anzunehmen geneigt ist. P’iir diesen Punkt beweist gerade das Beispiel, das uns, wie oben bemerkt, Nordamerika mit seiner Besiedelung bietet, ausserordentlich viel. Seit uralter Zeit finden wir in Europa im Norden einen blonden Typus, der je mehr wir uns dem Süden nähern, brünetter und dunkler wird. Und wie dies vor Jahrtausenden der Fall gewesen zu sein scheint, so ist das auch heute noch zu finden, im Norden die Blonden, im Süden die Brünetten, natürlich mit Ausnahmen. Und dieselben Verhältnisse entwickeln sich nun anscheinend auch in Nordamerika. Auch hier herrscht im Norden der blonde Typus im Süden der brünette, was teils aus der Herkunft der Bevölkerung zu erklären ist, teils aber auch darauf zurückzuführen sein dürfte, dass im Norden wie im Süden das entsprechende Pilement bessere Lebensbedingungen fand und sich dementsprechend besser erhielt und vermehrte.

Trotz aller Wanderungen, trotz aller Verschiebung der Sprachen können sich also die einzelnen Menschentypen an ihrem Orte erhalten, und das berechtigt zu der Hoffnung, die Anthropologie werde einst, wenn sie sichere Mittel gefunden hat, die Rassen einzuteilen, manche Auskunft über die europäischen Yolkerverhältnisse geben. Die Verhältnisse in altern Zeiten können ganz einfach, sie können aber auch recht verwickelt gewesen sein, und die Tatsachen der Geschichte lehren uns, welche Möglichkeiten wir voraussetzen dürfen.

Die eigentliche Rassenfrage.

Als die anthropologischen Studien aufblühten, da hat sich auch die Anthropologie mit der Frage nach der Herkunft der europäischen Völker beschäftigt, und sie hat im ersten Eifer gehofft, dieses Problem besser als die andern Wissenschaften lösen zu können. Freilich vermochte sie diese Erwartungen nicht zu erfüllen, und sie muss sich heute, so lange ihre Ergebnisse nicht besser gesichert sind, mit einer bescheidenen Stellung begnügen. Ein grosser Zwiespalt der Meinungen besteht darüber, welche Eigenschaft des menschlichen Körperbaues man der Einteilung in Rassen zugrunde legen solle. Nachdem man ursprünglich im wesentlichen die Haut-, Augen- und Haarfarbe beachtet hatte, glaubt man später in den Verhältnismassen des Schädels ein untrügliches Kennzeichen der Rasse gefunden zu haben. Das Verhältnis von Breite und Höhe des Schädels ist sehr verschieden. Schon eine unbefangene Beobachtung unterscheidet längliche und breite Gesichter oder Lang- und Breitschädel, und in der Tat erweist sich diese auch für die Wissenschaft als brauchbar. Man hat begonnen, genaue Messungen vorzunehmen, und zuerst hat A. Retzius das Verhältnis der Länge zur Breite des Hirnschädels in einen zahlenmässigen Ausdruck gebracht. Man nimmt jetzt allgemein die Länge als ioo an und berechnet danach die Breite in Prozenten. Die relativ schmalen Schädel nennt man Langschädel, Dolichokephalen, die relativ breiten Schädel Kurzköpfe, Brachokephalen, denen sich dann naturgemäss die mittleren Köpfe anreihen. Bei der Unterscheidung der Rassen der gesamten Erde kommt dann noch das Verhalten des Kiefers in Betracht, doch spielt dieses in Europa keine Rolle, und wir können es daher übergehen. Es hat sich aber herausgestellt, dass mit der Schädelmessung allein keine einwandfreie Klassifizierung des Menschen zu erreichen ist. Zwar herrscht auf gewissen Gebieten wie z. B. in Skandinavien der Langschädel vor, aber wir finden diesen auch in Süditalien, und keiner wird zweifeln, dass wir dort ganz andere Menschen vor uns haben als im Norden. Man muss unbedingt noch andere Merkmale hinzuziehen, und da kommt in erster Linie die Hautfarbe in betracht. Europa scheidet sich in dieser Beziehung in mehrere Zonen. Im Norden herrscht der blonde, blauäugige Typus mit heller Hautfarbe. Je mehr wir uns dem Süden nähern, treten dafür braunes oder schwarzes Haar, dunkle Augen und eine stärker pigmentierte Hautfarbe ein. Aber das ist noch nicht genug. Auch die Körpergrösse ist ein beachtenswertes Merkmal. Den grossen Skandinaviern stehen im übrigen Europa sehr viel kleinere Menschen gegenüber. Aber die grossen Menschen leben nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Schottland, in Bosnien und der Herzogovina und anderswo.

Die Anthropologie, das braucht man nicht zu bezweifeln, wird einst ebenfalls zur Förderung der Frage von der Herkunft der europäischen Menschheit beitragen. Auch bei dieser Wissenschaft darf man eins nicht vergessen. Schärfer als alle Messungen und physikalischen Versuche ist das menschliche Auge, und wer »vieler Menschen Städte gesehen hat«, der wird nicht verkennen, dass es Rassentypen gibt, genau wie uns das Ohr das Bestehen von dialektischen Eigentümlichkeiten lehrt, die aufzunehmen noch keinem Instrument gelungen ist. Zu diesen Rassentypen gehört die germanische Rasse, deren reinste Vertreter in einem Moltke und andern Angehörigen des hohen Adels deutlich vorliegen, wie dies Chamberlain in seinen Grundlagen des 19. Jahrhunderts mit Recht scharf betont hat. Die Eigentümlichkeiten jüdischen Blutes treten jedem klar vor Augen, obgleich man sie nicht messen und beschreiben kann, und selbst wenn nur einmal eine Kreuzung stattgefunden hat, lässt sich das semitische Blut auch in spätem Generationen noch oft genug erkennen, wenn man nur gelernt hat, aufmerksam zu beobachten. Die Rassenfrage ist in der Tat kein leerer Wahn, und für die, die ihre Bedeutung leugnen, gilt das Wort;

Daran erkenn ich den gelehrten Herrn!
Was ihr nicht tastet steht euch meilenfern,
Was ihr nicht fasst das fehlt euch ganz und gar,
Was ihr nicht rechnet glaubt ihr sei nicht wahr,
Was ihr nicht wägt hat für euch kein Gewicht,
Was ihr nicht münzt das meint ihr gelte nicht.

Die Rassenfrage ist nicht dadurch erledigt, dass bis jetzt noch keine einwandfreie Unterscheidungsmerkmale gefunden sind, und wenn sie nicht gefunden werden sollten, so bleibt sie doch bestehen. Kine kritische Darstellung der Ergebnisse der Anthropologie hat vor einer Reihe von Jahren Kretschmer in seiner Umleitung in die Geschichte der griechischen Sprache S. 29 ff. gegeben, und es war ihm sehr leicht, die Widersprüche der einzelnen anthropologischen Systeme untereinander und ihre Mängel herauszufinden; schwieriger ist es aus dem Wirrwarr der Meinungen den gesunden Kern herauszuschälen. Auch ich möchte mich nur mit grossem Vorbehalt äussern, glaube aber doch, dass Schädelform, Haar- und Hautfarbe sowie Grösse drei Merkmale sind, mit denen man wohl die Unterschiede der europäischen Menschheit festlegen kann. Das Hauptmerkmal wird zwar der ganze Typus des Gesichts bleiben, aber hier lässt sich mit Messungen wenig erreichen. Den ersten Versuch auf Grund dieser drei Merkmale eine Rasseneinteilung für unsern Erdteil vorzunehmen, hat Deniker in seinen Aufsätzen Bulletins de la societe d’anthropologie de Paris 8 Bd. IV Serie) S. 189 ff. 291 ff. unternommen. In einem ausführlichen Referat in dem Archiv für Anthropologie Bd. 25, S. 321 hat IT Schmidt die wesentlichen Grundzüge der Aufstellungen Denikers gegeben. Wenn wir uns auch nicht verhehlen können, dass auch dieses System, schon weil streckenweise das Material recht dürftig ist, nicht vollkommen sein kann, so bietet es doch manche Vorzüge und vor allem den Vorteil, dass wir auch die Nachrichten der Alten mit ihm vergleichen können. Denn sie haben uns mannigfache Angaben über die Körpergrösse und die Haarfarbe der Völker hinterlassen, womit wir also zwei Einteilungsprinzipien Denikers auch aus dem Altertum nach weisen können. Schädel haben die Alten zwar nicht gemessen, aber für diesen Punkt treten die Grabfunde in reichem Masse ein, und wenn auch die Verbindung der gefundenen Schädel mit den Nachrichten der Alten nicht immer sicher ist, so wird sie doch innerhalb einer gewissen Fehlergrenze einige Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen. Wer nur einige der anthropologischen Nachrichten aus dem Altertum kennt und sie mit den heutigen Zuständen vergleicht, wird sich sagen müssen, dass diese beiden Dinge oft genug nicht zu sammenfallen. Die Alten beschreiben die Gallier als grossgewachsen, blond und blauäugig, von den Germanen wenig zu unterscheiden. Aber dieser Typus ist im heutigen Frankreich kaum noch zu treffen. Sollen wir annehmen, dass sich die Menschen seit Cäsars Zeit derartig verändert haben? Wir kommen damit auf das schwierige Problem der Veränderlichkeit der Rassen. Zunächst ist das eine sicher, dass die Rassen keine feststehenden Typen sind. Die verschiedenen Menschenrassen müssen sich doch einmal auseinander entwickelt haben, und was früher geschehen ist, kann auch heute noch eintreten. Freilich besitzen wir wrenig einwandfreies Material.

Aber in Amerika, Australien und Südafrika leben doch Nordeuropäer unter neuen veränderten Bedingungen, und hier hat sich in verhältnismässig kurzer Zeit in der Tat eine Veränderung des Rassentypus vollzogen. Der Typus der Nordamerikaner scheint sich der hageren Schlankheit der Ureinwohner zu nähern und beginnt sich selbst in Haarfarbe und Haarwuchs von den europäischen Verwandten zu unterscheiden. »Die Engländer«, sagt Schurtz Urgeschichte der Kultur S. 31, »denen diese merkwürdige Veränderung ihrer Stammesgenossen nicht entgangen ist, haben auch in anderen Teilen der Erde Gelegenheit zu ähnlichen Beobachtungen gehabt; überall, wo sich die angelsächsische Rasse kolonisierend niedergelassen hat, unterliegt sie Wandlungen, die nicht immer einfach zu deuten sind, mag man auch im allgemeinen dem Einfluss des Klimas die Hauptursache zuschreiben. Mit besonderer Schärfe hat schon im Jahre 1876 A. K. New man auf die Entstehung eines neuseeländischen Typus hingewiesen, der namentlich (wie ebenfalls in Nordamerika) in einem Schmälerwerden des Unterkiefers hervortritt, was wieder, da die Zähne nun zu wenig Raum haben, zu Unregelmässigkeiten des Gebisses führt. An sonstigen Umbildungen fehlt es nicht. Die hellen Farben der Engländer machen bei Jung-Neuseeland welkeren und stumpferen Farbentönen Platz. Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass sehr wenige Kinder mit dunkeln Augen und Haaren in Neuseeland geboren werden: die Eltern mögen so dunkel sein wie sie wollen, mit rabenschwarzen Locken und schwarzen Augen, ihre Nachkommenschaft wird immer blässere Farben zeigen. Auf dem austialischen Festlande .scheinen dagegen die Blonden immer mein* gegen die Brünetten zuriiek-zutreten. Auch die Wirkungen eines heisseren Klimas auf die Menschen sind in Neuseeland, besonders aber auf dem Festland Australiens, merklich. ln Australien , sagt Newman, unter dem Kintluss einer grimmigen Sonnenglut wachsen die Kinder schnell heran, aber sie welken auch schnell wie Treibhausblumen, und ihre geistigen und physischen Kräfte sind in einem Alter nahezu erschöpft, wo der Engländer noch in seiner Jugendkraft steht. . . . Die Jugend Neuseelands und der (australischen Kolonien ist körperlich und geistig schwacher als gleichaltrige Bewohner der ursprünglichen Heimat. Sie ist weniger leistungsfähig, harte Arbeit und Entbehrungen greifen sie rasch an. Der koloniale Nachwuchs ist aber auch von geringerer körperlicher Widerstandskraft; die Leute sind oft, wie sie sagen, abgenutzt (seedy), jeder Krankheitsanfall wirft sie rasch nieder und sie erholen sich langsam. Auch die Frauen verblühen rasch.«

»Wie die Yankees neigen auch die Australier zu hohem, schlottrigem Wuchs und magerer Muskulatur, was ihnen den Spottnamen »Getreidehalm« (cornstalks) eingetragen hat. Man darf wohl diese Eigentümlichkeit, die sie mit den Wüsten Völkern teilen, auf die Trockenheit des australischen Klimas zurückführen; seltsamerweise bietet dagegen das ebenso trockene Südafrika das Schauspiel, dass hier die eingewanderten Europäer zur Fettleibigkeit neigen, ähnlich wie sich schon bei den älteren Bewohnern des Gebietes, den Hottentotten, neben sonst grosser Magerkeit des Körpers die Steatopygie (Fett-steissbildung) allgemein verbreitet findet.«

Diese Beobachtungen lassen es unbedingt als möglich erscheinen, dass sich auch die europäische Bevölkerung allmählich verändert hat. Aber immerhin liegen hier die Verhältnisse doch anders. Denn erstens kamen die einwandernden Indogermanen nicht in völliges Neuland, sondern sie fanden eine Urbevölkerung vor, und zweitens sind die klimatischen Unterschiede innerhalb Europas nicht derartig wie zwischen den verschiedenen Kontinenten. Schliesslich aber sind die Unterschiede zwischen dem älteren und jüngeren Typus zu gross, als dass sie aus Anpassung erklärt werden können. Wir müssen auch bedenken, dass in Europa die Blutmischung eine ganz andere Rolle spielt als in Amerika und Australien. Ich glaube also kaum, dass man die Veränderung der Rasse in Anspruch zu nehmen braucht. Was uns die Römer von den besondern Eigenschaften der Kelten berichten, das gilt von der eingewanderten, herrschenden Klasse der Indogermanen. Wie das eigentliche Volk, das nach Cäsar in einer Art von Hörigkeit lebte, ausgesehen hat, das wissen wir nicht; wir dürfen aber wohl vermuten, dass es dem heutigen französischen Typus in stärkerem Masse glich als der eigentliche keltische.

Alles in allem können wir mit der Rassenveränderung noch nicht viel anfangen. Aber wir dürfen nicht ausser acht lassen, dass Veränderungen möglich sind. Die Arier in Indien unterscheiden sich anthropologisch von den Eingeborenen durch die hellere Hautfarbe, aber sie sind doch nicht blauäugig und blondhaarig, man kann sie nur mit den Südeuropäern vergleichen, und man darf wohl fragen, ob sich die dunkeln Farben des Auges und des Haares nicht erst entwickelt haben.

Denn die Inder sind in ein Gebiet eingerückt, das klimatisch von dem ihrer ursprünglichen Heimat stark abwich. Die europäischen Indogermanen aber sind zum Teil in ihren alten Sitzen geblieben. Und wenn man für gewisse Teile eine Veränderung des Typus annehmen wollte, so bleibt die Frage ungelöst, weshalb sich der Typus an andern Stellen nicht verändert hat. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, dass die körperlichen Eigenschaften, die heute Teile der Germanen auszeichnen, Körpergrösse, Blondheit, Blauäugigkeit und schmaler Schädel schon vor 2000 Jahren und vielleicht noch länger vorhanden waren. Hier haben wir also eine Andauer der Rasse, wie wir sie deutlicher nicht wünschen können. Am Schlusse dieses Kapitels dürfte es angebracht sein, ein Bild der heutigen Verteilung der europäischen Menschheit auf grund von Denikers Anschauungen zu geben. Man wird dann leichter in den Stand gesetzt sein, Vergleiche mit den früheren Zeiten zu ziehen, und wir können die Frage aufwerfen, inwieweit sich die Rassen mit den Sprachen in Verbindung bringen lassen. Wir finden

1. einen blonden, dolichokephalen, sehr hochgewachsenen Typus im Norden Europas, den man daher als nördlichen Typus bezeichnen kann. Seine Merkmale sind: Körpergrösse beträchtlich, im Durchschnitt 172 cm; Haar aschblond, gelblich oder rötlichblond, leicht wellig; Augen hellgefärbt, meist blau; Kopf lang, dolichokephal (Index am Lebenden zwischen 72 und 78. Haut rosig weiss, Gesicht ländlich, Nase schmal, kräftig hervortretend, gerade. Er ist verbreitet in Skandinavien  mit Ausnahme der Westküste Norwegens , im nördlichen Schottland, Westengland, Irland (mit Ausnahme des westlichen Teiles., auf den Far-Ör-Inseln, in Friesland, Oldenburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, in den Ostseeprovinzen und Teilen Finnlands. Dieser Typus wurde bisher kvmrische, germanische Rasse, Reihengräbertypus genannt.

2. Blonder, subbrachykephaler, kleingewachsener Typus, besonders im östlichen Kuropa (Russland) vorkommend,, daher auch östlicher Typus zu nennen. Seine Merkmale sind: Wuchs untermittelgross (163 bis 164 cm), Kopf massig kurz und breit (Index am Lebenden 82 —83), Haar aschfarbig oder flachsblond, gerade; Gesicht breit, viereckig, Nasenrücken gerade oder konkav, Augen hell, meist grau. Die Träger dieses Typus sind die Weissrussen, die Polieschtschuken der Sümpfe von Pinsk und manche Litauer. Durch Mischung abgeschwächt ist dieser Typus häufig bei den Grossrussen im nördlichen und mittlern Russland und in Finnland.

3. Sehr dunkler, sehr dolichokephaler und sehr kleiner Typus, auch iberisch-insulaner Typus, oder mittelländischer Typus mancher Autoren. Merkmale: Wuchs 161 — 162 cm, Kopf lang (Index am Lebenden 74—75), Haar schwarz, lockig oder kraus, Augen sehr dunkel, Haut gebräunt, Nase gerade oder aquilin, Gesicht länglich. Verbreitung: Iberische Halbinsel und die westlichen Inseln des Mittelmeers, Korsika, Sardinien, Sizilien (die Balearen gehören nicht dazu). Durch Mischung abgeschwächt, erscheint dieser Typus in Frankreich (Angoumois, Limousin, Perigord) und Italien (südlich von der Linie Rom-Ascoli).

4. Dunkler, sehr brachykephaler, kleingewachsener Typus, auch westlicher oder cevennischer Typus, oder keltische, keltisch-ligurische, keltoslavische oder alpine Rasse verschiedener Autoren. Merkmale: Sehr breiter Kopf (Index am Lebenden 85—87),. massig kleiner Wuchs (163—164 cm), braunes Haar, hellbraune oder dunkelbraune Augen; Gesicht breit, Nase ziemlich gross,. Körper breit. Verbreitung: In seiner reinsten Form in den Cevennen, im französischen Hochplateau und in den Westalpen; durch Mischung modifiziert an vielen Stellen zwischen mittlerer Loire und Dniepr, in Piemont, der Mittel- und Ostschweiz, Süddeutschland, Kärnthen, Mähren, Galizien und Wolhynien.

5. Brauner, subdolichokephaler, grossgewachsener Typus. Litoral er oder atlantisch-mediterraner Typus. Merkmale: Neigung zur Mesokephalie (Index am Lebenden 79—80), übermittelgrosser Wuchs (im Mittel 166 cm) und sehr tiefe Haar- und Augenpigmentierung. Verbreitung: Im Tiefland (nicht über 200 m) der untern Loire, in der Gascogne, zwischen Gibraltar und der Mündung des Guadalquivir und an der Mittelmeerküste bis zur Tibermündung.

6. Brauner, brachykephaler, hochgewachsener Typus, auch adriatischer oder dinarischer Typus. Merkmale: Körperhöhe 169—171 cm, starke Brachykephalie (Index am Lebenden 85—86 cm), Haar braun, wellig, Augen dunkel, Augenbrauen gerade, Gesicht länglich oval, Nase schmal, Nasenrücken gerade oder gebogen, Haut leicht gebräunt. Verbreitung: Bosnien, Dalmatien, Kroatien, dann in der Romagna, Venetien, bei den Slovenen, Ladinern, Romanen, zwischen Lyon und Lüttich auf dem Plateau von Langres, im Ursprungsgebiet der Saöne und Mosel, in den Ardennen. Modifiziert findet sich dieser Typus auch im untern Tal des Po, im nordwestlichen Böhmen, Graubünden, Eisass, im mittleren Gebiet der Loire, in den Karpathen (Polen und Ruthenen des Gebirges), bei den Kleinrussen und wahrscheinlich auch bei den Albanesen, Serben und Griechen und manchen kaukasischen Stämmen. Die Basken bilden eine Abart dieses Typus.

Als Untertypen stellt Deniker folgende vier auf:

a) Blonder, mesokephaler, grossgewachsener Untertypus (wahrscheinlich nur eine Varietät des nordischen Haupttypus). Gesicht eckig, Nase gerade oder konvex, Augen grau oder blau. Verbreitung: Land der Letto-Litauer, Ostpreussen, Hannover, Westküste von Norwegen, Westrussland.

b) Blonder, mesokephaler, sehr kleingewachsener Untertypus (wahrscheinlich eine Varietät des östlichen Haupttypus). Gesicht rund, Nase häufig aufgestülpt, Haar gerade oder wellig, Augen grau. Verbreitung: Unter den Polen und Ka-schuben, in Scliweclcn, vielleicht auch in Schlesien.

c) Subdolichokephaler, grosser Untertypus mit hellbraunem oder braunem Haar (hat eine mittlere Stellung zwischen nordischem und westlichem Typus«. Verbreitung: Im westlichen Irland, Wales, Westbelgien, Normandie, Picardie u. s. w.

d) Subbrachykephaler, mittelbrauner Untertypus mit hellbraunem Haar (wahrscheinlich aus Mischung zwischen adriatischem Typus und Untertypus a) hervorgegangen). Verbreitung: In Perche, Champagne, Lothringen, Franche-Comte, Luxemburg, Seeland (in Holland), Rheinprovinz, Bayern, Südböhmen, Deutsch-Österreich, Mitteltirol, einem Teil der Lombardei und Venetiens u. s. w.

Wir sehen also hier eine Fülle verschiedener Unterabteilungen, was uns nicht in Erstaunen setzen kann, wenn wir die Fülle der verschiedenen Sprachen in Betracht ziehen. Sicher hat es in dem vorgeschichtlichen Europa auch Menschentypen gegeben, die ganz zugrunde gegangen sind. Der sogenannte Neandertal-schädel zeigt uns Menschen, die heute nicht mehr zu finden sind, und seit in neuester Zeit selbst Zwergrassen in unserm Erdteil nachgewiesen sind, ist das Bild noch mannigfaltiger geworden.

3. Der iberische Sprachzweig.

Wenn wir nach diesen allgemeinen Bemerkungen zu der Betrachtung der europäischen Sprachen übergehen, so beginnen wir am besten mit dem äussersten Westen, weil hier eine natürliche Grenze gegeben ist. Das unwegsame Gebirge der Pyrenäen, das Spanien gegen Frankreich abschliesst, hat sich auf die Dauer ebensowenig wie die Alpen als eine vollständige Völkerscheide erwiesen. Auf dem Wege, den die Franken einschlugen, um die Ungläubigen zu vernichten, sind Goten und Vandalen Jahrhunderte früher gezogen. Hannibal überschritt mit seinem Heere die Pyrenäen leichter als die Alpen. Von den beiden Pässen, die über das Gebirge führen, hat er den südlichen gewählt. Im ersten Dämmer der Geschichte erfahren wir von keltischen Eroberungszügen, die freilich auch auf dem Seewege vor sich gegangen sein können, wie später die Normannen gekommen sind. Jedenfalls kann und wird, wie alles dies beweist, Spanien einen Teil seiner Bevölkerung von Frankreich erhalten haben. Ebensogut aber vermochten auch afrikanische Stämme über die Meerenge von Gibraltar nach Spanien überzusetzen und das Land zu besiedeln. Diese Meerenge hat die Vandalen und die Araber nicht aufgehalten und wird auch frühere Völker nicht in ihren Eroberungszügen gehemmt haben. Schliesslich sind die Karthager auch zur See nach Spanien gelangt, was ebenfalls schon für frühere Zeiten möglich war.

Die Alten nennen die Bewohner Spaniens Iberer. Was sie über die Herkunft dieses Volkes, namentlich über die sagenhafte Insel Atlantis berichten, hat D’Arbois de Jubainville Les Premiers habitants de l’Europe I S. 16 ff. zusammengestellt. Da auch im Kaukasus Iberer wohnten, so haben die Alten schon auf einen uralten Zusammenhang geschlossen, den auch moderne Gelehrte so kühn waren zu behaupten. An und für sich liegt dies nicht ausser dem Bereich der Möglichkeit. Denn wenn die Kelten in Spanien und die Inder im Osten einem und demselben Sprachzwreige angehören, weshalb sollten sich nicht im Kaukasus Verwandte der spanischen Bevölkerung gehalten haben? Aber ausser dieser Namengleichheit haben wir vorläufig nicht den geringsten Anhalt für einen Zusammenhang, und dass wir auf sie nichts bauen können, wird jeder einsehen.

Die Sprache der alten Iberer kennen wir durch zahlreiche, aber dürftige Inschriften, die meistens nur Namen enthalten und fast völlig ungedeutet sind. Ausserdem überliefern uns die antiken Schriftsteller einige iberische Worte, aus denen wir auch nicht viel lernen können. Ob man in ganz Spanien iberisch gesprochen hat, oder ob noch • andre Sprachen vorhanden waren, lässt sich aus Mangel an Zeugnissen nicht feststellen. Zwar sagt Strabo ausdrücklich, dass die Sprache nicht ein und dieselbe gewesen sei, doch kann er verschiedene Dialekte gemeint haben, wie sich in Gallien Gallisch und Belgisch unterschieden, und er spricht auch von einer Zeit, in der schon längst die Kelten eingewandert waren. Er kann also sehr wohl kelto-iberische Sprachen bei seiner Bemerkung im Auge gehabt haben. Frühzeitig, wahrscheinlich im 6. Jahrh. oder früher, sind keltische Heeresschwärme in Spanien eingedrungen, haben sich an verschiedenen Stellen niedergelassen und mit den Iberern das Mischvolk der Keltiberer gebildet. Wie lange sich ihre Sprache erhalten hat, können wir mangels jeglicher Zeugnisse nicht wissen. Getrennt von dem Stanimlande hat sie wohl unterteilen müssen. Mit der römischen Eroberung ist dann das Land allmählich romanisiert, ohne dass eine starke Blutmischung stattgefunden hatte. Die romanischen Sprachen in Spanien sind natürlich das Ergebnis der römischen Sprache in spanischem Munde, und es ist sehr wohl möglich, dass sich alte Dialektunterschiede bis heute erhalten haben, das heisst, dass die grossen Dialekte der Neuzeit auf iberische Dialekte zurückgehen. Nach Steinthal (vgl. dazu Karte 1 ist das Portugiesische ein keltisch romanischer, das Spanische ein keltiberisch-romanischer und das Provcnzalische ein iberisch-romanischer Dialekt.

Anderer Meinung ist Wechssler. Auch er erkennt an, dass wir drei Sprachgemeinschaften auf der Pyrenäenhalbinsel finden: die portugiesisch-galizische, die spanische kastilianische) und die katalanische. Für die beiden ersten Sprachgemeinschaften ist ein iberisches Substrat vorauszusetzen, das in Portugal weniger stark war als in Spanien, d. h , wir haben es in Portugal mit der keltiberischen Sprache zu tun.

»Nach Strabo und Avien«, sagt Wechssler weiter, haben die Kelten Portugal und Galizien dichter bevölkert, sie sind dahin auch zu Schiff gekommen. Galizien trägt einen keltischen Namen. In Portugal haben die kriegerischen Bewohner den Römern besonders lange Widerstand geleistet. Ks wäre vielleicht nicht unmöglich, die grosse phonetische Verschiedenheit des Portugiesischen vom Spanischen einer starken keltischen Besiedelung zuzuschreiben, und man könnte dabei an manche phonetische Parallelen mit dem Galloromanischen erinnern.«

Merkwürdig ist nun, dass die katalanische Sprachgemeinschaft der provenzalischen so nahe verwandt ist, dass man sie als eine blosse Spielart von ihr bezeichnet hat. Die bisherigen Erklärungsversuche dieser Tatsache weist Wechssler ab, und er meint, die Analogie der andern romanischen Sprachgemeinschaften zwinge uns, auch hier eine vorrömische, der provenzalischen nahverwandte Sprachgemeinschaft anzunehmen. Diese aber sei wahrscheinlich eine ligurische. Diese Annahme ist freilich sehr unsicher. Denn wir können bisher keine Ligurer in Spanien, wohl aber Iberer in Südfrankreich nachweisen. Aber in deren Gebiet haben, wie Sieglin meint, zunächst Ligurer gesessen, und undenkbar wäre die lvroberung eines Teiles von Spanien durch dieses Volk nicht. Jedenfalls sehen wir hier noch nicht klar, aber man wird diese Tatsachen immerhin im Auge behalten müssen.

Sicher gibt es im heutigen Spanischen eine Anzahl von Worten, die man, da sie den übrigen romanischen Sprachen fehlen, aus der Sprache der Eingeborenen ableitet. Die bisher angeführten erschöpfen vielleicht die Sache noch nicht, doch sind sie, wie dies nach den Ausführungen Windischs Her. d. ph. hist. Kl. d. kgl. sächs. Ges. d. Wiss. 1897, 101 ff. nicht anders zu erwarten ist, ziemlich gering an Zahl, so dass wir sie als Quelle der alten iberischen Sprache nicht mit besonderm Nutzen verwerten können. Gesammelt sind sie von Hübner in seinen Monumenta linguae Ibericae S. LXXYIII.

Noch heute findet sich ausser dem Romanischen in Spanien eine Sprache, die man seit langem als die Fortsetzung des alten Iberischen angesehen hat, das Baskische. Sein Verbreitungsgebiet ist aus Karte I zu erkennen. Vorsichtiger hat man darin einen alten iberischen Dialekt zu sehen, der in Nordspanien gesprochen wurde. Die Zahl der Basken, die heute in den spanischen und französischen Pyrenäentälern wohnen, beläuft sich auf etwa 556000. Sie nennen sich selbst Eskalditnac, Euskal-dunac, d. h. angeblich Menschen, die das Euskara sprechen. Den Stamm dieses Wortes hat schon Humboldt mit dem Namen der alten Ausci oder Auscii in Aquitanien in Zusammenhang gebracht. Die Sprache der Basken ist höchst eigentümlich, und alle Versuche, sie mit einer andern Sprachgruppe in Zusammenhang zu bringen, sind gescheitert. Uhlenbeck hat sie ohne Ergebnisse mit dem Indogermanischen verglichen. Andere Forscher denken an Verwandtschaft mit afrikanischen Sprachen. Doch ist der Versuch, den G. von der Gabelentz gemacht hat, das Baskische mit dem Berberischen in Nordafrika zu verbinden, gescheitert. Damit ist aber nicht gesagt, dass diese Hypothese an und für sich unhaltbar wäre, möglicherweise erhärtet ein guter Kenner der afrikanischen Sprachen einmal die Verwandtschaft mit einem Idiom des dunkeln Erdteils. Vorläufig müssen wir uns in Geduld fassen.

Was den allgemeinen Bau des Baskischen betrifft, so sagt Whitney, Leben und Wachstum der Sprache S. 275, er sei ausgezeichnet durch eine, man möchte sagen, übertriebene Agglutination, da es in das Verbum eine Fülle von Beziehungen hinein nimmt, die fast überall sonst durch selbständige Worte ausgedrückt werden, und dass es in dieser Beziehung am meisten den Indianersprachen Amerikas gleiche. Aber wenn wir auch die Sage von der Insel Atlantis haben, so wird man doch darum keine Brücke zwischen den beiden Erdteilen schlagen können. Ob die Worte Whitneys ganz zutreffend sind, weiss ich nicht zu sagen, doch bestätigte mir Uhlenbeck die mannigfachen Ähnlichkeiten mit den amerikanischen Sprachen. Im übrigen verweise ich den Leser auf die Darstellung des Baskischen in Friedrich Müllers Grundriss der Sprachwissenschaft 3. Band 2. Abteilung, 1. Hälfte S. 1 ff. und auf die in der Anmerkung angeführte Literatur.

Da uns die Sprache zu keinem Ergebnis geführt hat, so dürfen wir vielleicht hoffen, von der Anthropologie Auskunft zu erhalten. Aber leider sind wir über die Körperbeschaffenheit der Iberer nur durch dürftige Notizen unterrichtet. Tacitus hielt die Siluren in Britannien für verwandt mit den Iberern auf Grund der äussern Erscheinung. Bei Silius Italicus wird ein iberischer Jüngling geschildert als rothaarig und von weisser Hautfarbe und Calpurnius Flaccus spricht von der blonden Schlankheit Spaniens. Strabo aber unterscheidet die Iberer von den Galliern auch in der Körperbeschaffenheit. Diese dürftigen Nachrichten, die auch sonst nicht den Eindruck grosser Zuverlässigkeit machen, stammen ausserdem erst aus der Römerzeit, wo ja längst eine Mischung mit keltischem Blute stattgefunden hatte. Ziehen wir die heutigen Verhältnisse zu Rate, so zeigt sich allerdings in der iberischen Halbinsel ein besonderer Menschenschlag. Als dritte Rasse Europas unterscheidet Deniker (s. oben S. 32) einen sehr dunklen, sehr dolichokephalen und sehr kleinen Typus, den manche Autoren den iberisch-insulanen oder mittelländischen nennen. Er findet sich auf der iberischen Halbinsel, in Korsika, Sardinien, Sizilien, aber die Balearen gehören nicht dazu, während er durch Mischung abgeschwächt erscheint in Frankreich (Angoumois, Limousin, Perigord) und in Italien südlich von der Linie Rom-Ascoli. Wir werden im folgenden sehen, dass wir auf Grund historischer Nachrichten den grössten Teil dieses Gebietes für Iberer in Anspruch nehmen dürfen, so dass man zu der anthropologischen Aufstellung einiges Vertrauen haben darf.

Allerdings steht daneben auch der fünfte Typus Denikers, ein brauner, subdolichokephaler, grossgewachsener Menschenschlag, der sich im Tiefland der untern Loire, in der Gascogne, zwischen Gibraltar und der Mündung des Guadalquivir und an der Mittelmeerküste zwischen Gibraltar bis zur Tibermündung findet. Und die Basken rechnet Deniker schliesslich zu einem sechsten Typus, dem dinarischen, der vornehmlich auf der Balkanhalbinsel verbreitet ist. Dies zeigt uns, dass auch die anthropologischen Verhältnisse auf der Pyrenäenhalbinsel keineswegs einfach sind, wie bei dem reichen Zuströmen von Völkern nicht anders zu erwarten ist.

Verbreitung der Iberer.

Wenn auch zweifellos Spanien der Hauptsitz der alten Iberer war, so sind sie doch nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt geblieben. Zunächst sitzen sie auch in Gallien im Gebiete des alten Aquitaniens. Was Cäsar nur kurz andeutet, bestätigt Strabo ausdrücklich, und die alten Fluss- und Ortsnamen lassen keinen Zweifel darüber, dass die Sprache der Aquitaner der iberischen verwandt war. Wenn wir Sieglin folgen dürfen, so bildeten aber die Ligurer hier das ältere Element. Weiter finden wir Iberer auf den Inseln zwischen Spanien und Italien. Dass die Balearen und Pithyusen von ihnen besetzt waren, unterliegt keinem Zweifel, aber sie sind auch auf die übrigen Inseln gelangt. Schon Humboldt hat erkannt, dass zahlreiche alte Ortsnamen in Sizilien, Sardinien und Korsika denen Iberiens ähnlich seien, und Thukydides berichtet ausdrücklich, dass in Sizilien Iberer sässen. Obwohl seine Nachricht, die auf Philistos zurückgeht, manches unklare bietet, so haben wir doch keinen Grund, ihren wesentlichen Inhalt, der durch die Anthropologie bestätigt wird, zu bezweifeln.

Auf Sardinien finden wir den Volksstamm der Balaroi, dessen Name mit dem Inselnamen der Balearen übereinstimmt, und Celsitani nennt Ptolemaeos auf dieser Insel. Für Korsika besitzen wir das wertvolle Zeugnis des Spaniers Seneca, der acht Jahre als Verbannter auf dieser Insel zubrachte. Er schliesst aus der Übereinstimmung der Tracht und einzelner Worte, dass sich hier Iberer niedergelassen hätten. Anklänge an iberische Ortsnamenn sind vorhanden, aber nicht entscheidend. Sehr schwer fallt die Sitte der Kuvade ins (Jewicht, von der uns Diodor berichtet. Sie wird aus der Zeit des Altertums für das westliche Europa allein von Korsen und Iberern überliefert, und das ist beachtenswert, da wir es zweifellos mit einer uralten Gewohnheit zu tun haben.

Ob und wie weit die Iberer auch in Afrika gesessen haben, lasst sich schwer entscheiden. Immerhin kehren eine Reihe spanischer Ortsnamen in Afrika wieder, wie man aus der Liste ersehen kann, die Hübner zusammengestellt hat, und aus der in der Anmerkung eine Auswahl gegeben ist. So haben sich also die Iberer, wie fast alle Völker, einmal weit verbreitet, und vielleicht sind sic noch über das umgrenzte Gebiet hinausgekommen. Nur lasst sich mangels jeglicher Nachricht nichts darüber sagen.

Auch in kulturgeschichtlicher Beziehung bietet die Urbevölkerung Spaniens manche Züge, die sonst kaum in Luropa wiederkehren und höchst altertümlich zu sein scheinen. Die Sitte des männlichen Kindbetts ist schon erwähnt. K. v. d. Steinen Unter den Naturvölkern Centralbrasiliens 335 hat sie einleuchtend als Gewohnheit eines Jägervolkes erklärt, und wir würden es demnach, wenn seine Auffassung richtig ist, bei den Iberern mit alten Jägervölkern zu tun haben, die mit den Jägern der altem Steinzeit (s. II. Buch Kap 2) Zusammenhängen könnten. Die Iberer verwenden ferner hölzerne Kochgeschirre und dementsprechend wird das Steinkochen noch in der Neuzeit von den Basken geübt. Ebenso sind die Schwitzbäder mittels erhitzter Steine üblich und Strabo berichtet: Bei den Kantabrern geben die Männer den Frauen einen Brautschatz, und die Töchter werden zu Erbinnen eingesetzt, die Brüder aber werden von diesen ausgestattet. Wie Gcrland, Grundriss der rom. Phil. 1,315 ausführt, hat bei den Basken das Weib dieselben Rechte wie der Mann, auch im Mandel und Verkehr, in einigen Gegenden herrschte nach Cordier sogar die Sitte der Vererbung durch die älteste Tochter, die ihren Geschwistern Unterhaltsgelder geben musste. Dabei ist es sehr merkwürdig, dass Männer und Weiber trotz dieser Gleichstellung noch heute ein ziemlich gesondertes Leben führen, jedes Geschlecht hat seine Tänze, seine Spiele für sich.

Aus dem Altertum besitzen wir zwei ziemlich ausführliche Schilderungen der iberischen Lebensweise. Die eine steht bei Diodor 5, 33 und die andere bei Strabo p. 154 ft, wozu dann noch eine Reihe einzelner Notizen kommen. Wie weit der heutige spanische Nationalcharakter auf iberischen Eigenschaften beruht, lässt sich natürlich nicht feststellen. Aber wenn wir finden, dass eine von den Alten beschriebene Kopftracht der Frauen noch heute getragen wird, so werden wir auch an der Dauer geistiger Eigenschaften keinen allzugrossen Zweifel hegen dürfen. Aus dem allen ergibt sich also, dass wir über die Herkunft der Iberer keine sichere Auskunft gewinnen können. Immerhin weist die dunkle Hautfarbe eher nach Afrika als nach Mittelund Nordeuropa, und da wir es mit einem verhältnismässig kleinen Menschenschlag zu tun haben, der am äussersten Ende Europas sitzt, so haben wir es aller Wahrscheinlichkeit mit einer uralten, zurückgedrängten Bevölkerung zu tun, während die Verschiedenheit der anthropologischen Typen auf mannigfache Einwanderung hindeutet.

4. Die Urbevölkerung Britanniens.

Die älteste Besiedelung Britanniens geht zweifellos in eine weit entlegene Zeit zurück, in der von Indogermanen jedenfalls noch keine Rede war. In vorhistorischer Zeit haben dann die Kelten von dieser Insel Besitz genommen, und die Urbevölkerung ist in ihrer Sprache fast ganz vernichtet worden, und nur die Körper haben sich dauerhafter erwiesen als diese. Dass aber die Kelten in Britannien eine Urbevölkerung vorgefunden haben, das geht aus deii starken Veränderungen, die die keltische Sprache erfahren hat, mit Sicherheit hervor. Vielleicht gelingt es noch einmal, aus der Vergleichung der Entwicklung der keltischen mit der einer romanischen Sprache wenigstens mit Wahrscheinlichkeit das in England einheimische Volkselement nachzuweisen. Die Nachrichten der Alten über die Urbevölkerung Britanniens sind unbedeutend und wenig ergiebig. Cäsar sagt ausdrücklich, dass es unbekannt sei, woher die Bewohner des Innern stammten, sie hielten sich für Eingeborene, während die Küstenvölker aus Belgien übergesetzt seien. Bestimmter drückt sich Tacitus aus, der in Kaledonien, also in Schottland, germanische, im Westen iberische und in der Nachbarschaft Galliens gallische Ulemente unterscheidet. Kr tut dies auf Grund anthropologischer Momente, und da bei der Feststellung der Körperbeschaffenheit das Auge mehr leistet, als alle Messinstrumente, so sollte man seine Angaben nicht so leicht in Zweifel ziehen. Natürlich können wir nicht wissen, ob die Kaledonier germanisch gesprochen haben, aber dass hier schon zu Tacitus Zeiten eine blonde, hochgewachsene Rasse wohnte, die der germanischen sehr stark glich, lässt sich billigerweise nicht bezweifeln. Dieses Volkselement hat in diesen Gebieten vielleicht schon Jahrhunderte früher gewohnt. Denn die Lästrygonen, zu denen Odysseus verschlagen wird, sind von gewaltiger Körpergrösse, und ihre Wohnsitze müssen wir im hohen Norden suchen, da bei ihnen die Triften der Nacht und des Tages nicht weit von einander entfernt sind.

Noch heute sind die anthropologischen Verhältnisse wenig verändert. Im nördlichen Schottland, in Westengland, Irland (mit Ausnahme des westlichen Teiles) herrscht der nördliche, d. h. der blonde, dolichokephale, sehr hochgewachsene Typus Denikers. Daneben besteht in Wales und im westlichen Irland ein subdolichokephaler grosser Typus mit hellbraunem oder braunem Haar, der eine mittlere Stellung zwischen dem nordischen und westlichen Typus einzunehmen scheint. Dieser Typus kommt noch in Westbelgien, in der Normandie, Picardie u. s. w. vor, und es weist dies darauf hin, dass die Bevölkerung Englands mit der Frankreichs zusammenhängt. Eine genauere graphische Darstellung der anthropologischen Verhältnisse der britischen Inseln findet man bei Schurtz Urgeschichte der Kultur S. 90. Sie zeigt uns, dass sie das dunkle Element hauptsächlich im Westen und in den Gebirgen findet, was immerhin auf ein Zurückweichen schließen lässt.

Die Kelten haben England frühzeitig erobert, und ihre Sprache ist bis in die äussersten Winkel vorgedrungen. Heute spricht im allgemeinen nur noch die brünette Bevölkerung keltisch. Für die Reste der einst in Britannien heimischen Sprache hat man einige Inschriften in Anspruch genommen, die den alten Pikten zugeschrieben werden. Prof. Rhys suchte nachzuweisen, dass das Piktische weder keltisch noch indogermanisch war, sondern die Sprache der Urbewohner Britanniens vor Ankunft der Kelten darstelle und mit dem Baskischen verwandt sei. Dass wir soweit nicht in unsrer Erkenntnis kommen können, ist wohl klar, aber die Ansicht von dem nicht indogermanischen Ursprung des Piktischen steht oder fällt nicht mit der baskischen Hypothese.

Es sprechen dafür die starken Veränderungen, die die keltische Sprache in England und Irland erfahren hat, es lassen sich für ein präindogermanisches Element die mannigfach abweichenden Sitten anführen, die wir in älterer Zeit auf diesem Gebiete finden, und weiter die eigentümliche Form der Namengebung, auf die die Forscher die Aufmerksamkeit gelenkt haben. Weitere Auskunft dürfen wir vielleicht von den geographischen Namen erwarten. Vorläufig sind sie noch nicht genügend untersucht. Bei den Bewohnern der britischen Inseln haben sich eine Reihe sonderbarer Züge erhalten. Cäsars Nachricht von der Frauengemeinschaft innerhalb einer Familie könnte freilich auf einem Missverständnis eigentümlicher Bräuche beruhen. Doch zeigen auch spätere Nachrichten, dass sich hier zügellose Sitten entwickelt hatten. Wichtiger ist die mehrfach für Pmgland und Irland bezeugte Sitte des Menschenfressens, die zwar auch dem Kontinent nicht ganz fremd ist, die sich aber in Irland besonders lange erhalten hat. Am wichtigsten aber ist die Mutterfolge, die wir bei den Iberern angetrofifen haben. Zimmer hat sie Zeitschrift für Rechtsgeschichte 15, S. 209 ff. für die Pikten nachgewiesen: »Auf einen Piktenherrscher und seine Brüder folgt nicht etwa der Sohn des ältesten, sondern der Sohn der Schwester.« Es lassen sich ja aus der Übereinstimmung in Sitten keine ganz sichern Schlüsse ziehen, immerhin ist die Mutterfolge insofern Avichtig, als wir sie bei keinem einzigen indogermanischen Volke sicher antrefifen. Spätere Forschung wird zeigen, ob wir auf Grund dieser Übereinstimmungen eine Brücke von England über Spanien nach Nordafrika schlagen können.

5. Die Ligurer.

Ein weiterer Sprachstamm, der in den vorhistorischen Zeiten jedenfalls eine grössere Rolle gespielt hat, als in den historischen, ist das Ligurische. Auch hier sind wir mangels ausreichender Quellen in einer schlechten Lage, und wir können die alten Grenzen und die ehemalige Ausbreitung dieses Volkes nur unsicher bestimmen.

Die Ligurer treten uns in den historischen Zeiten in Norditalien und Sudfrankreich entgegen, ihre hauptsächlichen Wohnsitze aller bilden die Seealpen, und infolge der Ungunst der natürlichen Lage sind sie auch in der Kultur sehr weit zurückgeblieben. Ls ist eine oft wiederkehrende Erscheinung, dass wir die Reste eines einst weiter verbreiteten Stammes in den unwegsamen Gebirgsgegenden antreffen. So finden wir die Basken in Nordspanien und den Pyrenäen, die Bretonen in der Bretagne, sowie die Kelten in Irland und Wales. Auch die Albanesen haben es wohl nur ihren unwirtlichen Wohnsitzen zu verdanken, dass sie der Ro-manisierung wie der Slavisierung in gleicher Weise entgangen sind. Wie sich die Iberer einst in Spanien und in Frankreich niedergelassen hatten, und der letzte Rest ihrer Sprache sich in einem mittleren Gebiete erhalten hat, so können wir auch von vornherein annehmen, das die Ligurer grössere Gebiete in Frankreich wie in Italien inne gehabt haben. In Frankreich bildet in historischer Zeit die Rhone die Grenze der Ligurer, aber nach den Untersuchungen Sieglins haben sie einst auch in Aquitanien und, wie es scheint, vor den Iberern gesessen. Ob sie auch Teile Spaniens besiedelt haben, lässt sich zur Zeit nicht ermitteln.

Schwierig ist die Frage, wie weit sie einst im mittleren und nördlichen Frankreich gewohnt haben. Dort finden wir in historischer Zeit Kelten, die aber höchst wahrscheinlich erst später erobernd vorgedrungen sind. W ir kennen kein anderes Volk als die Ligurer, das wir für die ursprünglichen Bewohner Galliens ansehen könnten. Jedenfalls tragen die Cevennen, die Rhone, Genua ligurische Namen, und es hindert nichts, lässt sich aber freilich auch nicht beweisen, sie noch weiter in den Norden zu schieben. Das Vordringen der Kelten hat hier die alten Grenzen vollständig verwischt. Selbst in das später noch ligurische Gebiet dringen sie ein, und es entstanden Mischvölker, die die Alten Keltoligyes nennen. In andern Fällen können wir auf eine Mischung schliessen, wenn die Alten nicht wissen, ob sie ein Volk den Figuren oder den Kelten zurechnen sollen. Im Gebiet der alten Ligurer wird nun heute noch ein besonderer romanischer Dialekt gesprochen, das Provenzalische. »Wir erhalten«, sagt Windisch Gröbers Grundriss d. rom. Phil. I* 379 »für die Herrschaft des Provenzalischen lauter Gebiet, in welchem ursprünglich nicht keltische Stämme vorherrschten oder wenigstens einen erheblichen Teil der Bevölkerung ausmachten, nämlich die Ligurer und Aquitaner.« So liegt denn die Vermutung sehr nahe, dass die Grenze des Provenzalischen ungefähr der Verbreitung des Ligurischen entspricht. Diese Grenze bildet eine Linie, die sich durch Dauphine, Lyonnais, Limousin, Perigord und Saintonge zieht (siehe Karte 1). Mit dem Provenzalischen verwandt, aber doch von ihm zu scheiden, ist das Gascognische im Westen, das mehr auf dem iberischen Substrat des alten Aquitaniens beruht. Wahrscheinlich sind die Ligurer auch noch über diese Grenzen hinausgegangen, dort aber ist die keltische Bevölkerung so stark gewesen, dass hier ein besondrer Dialekt, das eigentliche französische entstehen musste.

Auch in Italien finden wir die Ligurer auf weiten Gebieten, wie bereits W. Helbig, Die Italiker in der Poebene S. 30 dargelegt hat. »Nach Verrius Flaccus sassen dereinst Ligurer und Sikuler auf dem Boden, auf dem nachmals die Stadt Rom entstand. Niederlassungen des ersteren Volkes werden von Dionys von Halikarnass, vermutlich nach Angaben des Varro, in derselben Gegend angenommen. Zwar ist die bereits von dem Syrakusaner Philistos vertretene Ansicht, dass die Sikuler ein li-gurischer Stamm gewesen seien, entschieden falsch und bleibt es zweifelhaft, ob der flimmernde Volksbegrifif der Aborigines, wie von einigen römischen Gelehrten versucht wurde, mit den Ligurer in Beziehung gebracht werden darf. Immerhin aber lassen diese Auffassungen darauf schliessen, dass sich das Andenken an die dereinstige weite Verbreitung jenes Volkes bei der Nachwelt erhalten hatte. Überdies wird die Überlieferung durch sprachliche Erscheinungen bestätigt. Der Name der Insel Ilva (Elba) entspricht dem des ligurischen Gaues der Ilvates. Ligurisch scheint auch der Name des Mons Ciminus oder Ciminius in dem südlichen Etrurien, da er in auffälliger Weise an den der Ortschaft Cemenelum, jetzt Cimella oder Cimiez (bei Nizza) und an das Kemmenon oros, die Cevennen, in dem ursprünglich von Ligurern bewohnten südlichen Gallien anklingt. Eine ähnliche Erscheinung ist es, wenn eine Lagune, die sich an der ligurischen Küste unweit der südlichen Ausläufer der Seealpen hinzieht, Sabata und ein in dem südlichen Ktrurien gelegener See, der heutige Lago di Bracciano, Lacus Sabatinus hiess. Auch der Name Alba kommt häutig in ligurischer Gegend vor. Eine Ortschaft dieses Namens lag auf der W estseite des Rhodanus in dem Gebiete der Helvier. Nördlich von Massalia kennen wir das ligurische Gebirgsvolk der Albieis, Albienses oder Albici und in seinem Gebiete Alba Augusta. Hierauf folgen in östlicher Richtung an der italischen Küste Albium Intermelium, Albium Ingaunum, Alba Docilia. Unweit des nördlichen Abhanges des Appenin lag am Tanarus Alba Pompeia;. Wahrscheinlich mit Recht bringt Helbig mit diesem Alba auch den Namen Alba longa in Verbindung, und man wird weiter den Namen der Alpen und der rauhen Alb in Deutschland hinzufügen dürfen.

Weiter wohnten die Ligurer auch in Korsika. Die gleichen Namen des Flusses Rhotanus auf dieser Insel und des Rhodanus im Ligurergebiet weisen mit Notwendigkeit auf dasselbe Volkselement, genau wie Genua und Genf (alt Genava) zwei ligurische Ansiedelungen sind. Der französische Forscher D’Arbois de Jubainville hat, wenn man auch seine sonstigen Ausführungen ablehnt, das grosse Verdienst, die Ausbreitung der Ligurer auf Grund gewisser Ortsnamen genauer bestimmt zu haben. Es handelt sich dabei namentlich um Orts- und Flussnamen mit den Suffixen -asco, -osco, -iisco, von denen man wohl nicht zweifeln kann, dass sie ligurisch waren, denn in der Inschrift vom Jahre 117 v. Chr. lernen wir die ligurischen Namen Xcviasca, Tnlclasca, Vcraglasca, Vine-lasca kennen und aus späterer Zeit kommen noch einige andere hinzu, so dass dieses Suffix als ligurisch mit Sicherheit angesehen werden kann. Heute sind diese Namen auf -asco, -asca vornehmlich in dem heutigen Ligurien verbreitet. Es finden sich da 33. Dieses Suffix nebst den verwandten -osco, -usco treffen wir ausserdem noch in Oberitalien, der Schweiz, in Elsass-Lothringen, in Oberbayern, Tirol, Korsika und auch in Spanien, was demnach auf eine beträchtliche Ausdehnung des Sprachstammes schliessen Hesse.

Wenn wir sehen, in welch grossem Umfang die Ligurer verbreitet waren, so wird die Frage nach der Herkunft dieses Volkes um so dringender. Wir werden auch für dieses Problem zunächst die Sprache heranziehen wollen. Leider fehlen uns aber die nötigen Sprachdenkmäler. Wir kennen das Ligurische eigentlich nur aus den geographischen Namen und einigen Glossen, worauf sich ein sicheres Urteil nicht gründen lässt. Müllenhoff, der diese Reste in seiner Altertumskunde untersucht hat, stellte alles zusammen, was sich für den indogermanischen Ursprung der Ligurer anführen Hess. Man darf sich aber durch diese seine Ausführungen nicht beirren lassen. Er war zu der Überzeugung gekommen, dass wir es in den Ligurern mit einem Sprachstamm zu tun hätten, der nicht zu dem indogermanischen gehörte. Dagegen verficht D’Arbois de Jubainville mit grosser Ent-schiedenheit den entgegengesetzten Standpunkt, und er hat verschiedene Forscher zu überzeugen gewusst. Aber das meiste, was er mit vielem Geschick für seine Hypothese zu verwerten gesucht hat, ist doch nicht beweiskräftig und gerade die Suffixe -asco, -nsco sehen mir nicht indogermanisch aus.

Auf einen neuen Boden ist die Frage gestellt, seitdem, wie man glaubt, zusammenhängende ligurische Sprachdenkmäler aufgefunden sind. In dem Gebiete von Lugano und an andern Orten *) sind Inschriften in einem besondern Alphabet gefunden, das Pauli das Alphabet von Lugano nennt, und das er ausführlich behandelt hat. Diese Funde sind durch neue Inschriften erweitert, die in der Nähe von Ornavasso, am Südende der Valle d’Ossola und westlich vom Lago Maggiore im Jahre 1890 aufgedeckt sind. Da die Inschriften nicht ganz kurz sind, so ist es natürlich von höchster Bedeutung zu untersuchen, welcher Sprache wir sie zuzuschreiben haben. Im allgemeinen liegen die Fundorte, nördlich und südlich von Lugano, südlich vom Comersee und östlich von Como, nach Kretschmer in einem Gebiete, das die Alten den Lepontiern zuweisen, und so haben denn auch Pauli und Bran-chetti die Inschriften den Lepontiern zugeschrieben. Leider wissen wir aber über die Nationalität dieses Volksstammes nichts sicheres. Kretschmer möchte sie zu den Ligurern rechnen. Nissen aber sagt: »Die Salassi im Tal der Dora Baltea heissen den Alten Gallier: die Angabe wird durch die Aufschrift von Goldmünzen, die an der Rhone vor deren Mündung in den Leman gefunden sind, bestätigt; noch jetzt herrscht hier trotz der uralten Verbindung mit Italien tlie französische Sprache . . . An die Sa-lasser grenzen östlich die Lepontii ungefähr bis zum St. Gotthard, das ganze Vorland bis zum Corner-See bewohnend: die Yalle Leventina, das Tal des Tessin hat ihren Namen bis auf die Gegenwart fortgepflanzt. Strabo weist sie ausdrücklich dem raetischen Stamme zu: aber seine Beschreibung der Alpen steckt voller Fehlet*, und ihm widerspricht Cato, der sie den Salassern gleich stellt, also für Kelten erklärt, sowie Plinius, der in diesen Gegend zu Hause war < *\ So sind also die Ansichten über die Lepontier geteilt. Ausserdem ist es aber noch nicht einmal sicher, dass sie auch bei Lugano sassen. Hier sind vielmehr eigentlich Gallier zu Hause, und wir haben auch gar keinen Grund die Sprache dieser Inschriften den Galliern abzusprechen, da sie, wie in der Anmerkung gezeigt werden wird, deutlich keltisches Gepräge tragen.

Neben der Sprache können wir noch die Körperbesch affer.-heit heranziehen. Aus dem Altertum haben wir freilich nicht viel Nachrichten, doch werden die Ligurer gerade den hochgewachsenen Galliern gegenüber als klein und zäh geschildert. Heute aber finden wir auf einem weiten Gebiete, das gerade das ligurische Gebiet mit umfasst, einen besondern Menschentypus, der dunkel, sehr brachykephal und klein ist. Dieser Typus, der der westliche, cevennische, keltische, keltisch-ligurische oder keltisch-sla-vische genannt wird, hat sich in seiner reinsten Form in den Cevennen, im französischen Hochplateau und in den Westalpen erhalten, und kommt durch Mischung modifiziert vor an vielen Stellen zwischen mittlerer Loire und Dnjeper, in Piemont, der Mittel- und Ostschweiz, Süddeutschland, Kärnthen, Mähren, Galizien und Wolhynien.

Ist diese Annahme Denikers richtig, so würden wir eine Rasse vor uns haben, die sich einst weit durch Mitteleuropa verbreitet hätte, deren älteste und Hauptsitze aber im Gebiete der Ligurer zu suchen wären. Dass dieser Typus aber nichts mit dem indogermanischen zu tun hat, kann man wohl als sicher bezeichnen, wenngleich damit eine frühzeitige Indogermanisierung dieser Stämme nicht ausgeschlossen ist.

Aller Wahrscheinlichkeit nach sind die Ligurer weit verbreitet gewesen, und wenn dies der Fall war, so hätten wir in der Körperbeschaffenheit einen Hinweis darauf. Nach den Angaben der Alten waren die keltischen Gallier hochgewachsen, blond und blauäugig, von den Germanen wenig verschieden. Wenn wir diesen Typus heute in Frankreich nicht mehr treffen, so darf man schwerlich, wie wir oben gezeigt haben, mit einer Umwandlung der Rasse rechnen, man wird die Tatsachen viel leichter erklären, wenn man annimmt, dass die heutigen Franzosen die Nachkommen jenes Volkstypus sind, den uns die Alten in den Ligurern schildern. Die Kelten sind als Eroberer die herrschende Klasse gewesen, und es ist nicht wunderbar, wenn uns die Römer die Eigentümlichkeiten der Herrscher geben, mit denen sie in der Hauptsache zu tun hatten.

Auf ein ganz anderes Gebiet, um die Herkunft der Ligurer zu erforschen, hat uns Mehlis geführt. Zwischen Rhone- und Rheingebiet scheinen die archäologischen Funde eine frühzeitige Verbindung zu erweisen, und darauf, sowie auf andere bereits gewürdigte Punkte gründet der Verfasser die Annahme von der Ausbreitung der Ligurer bis an den Mittelrhein. Ich kann diese Ausführungen nicht nachprüfen, halte sie aber nach dem angeführten nicht für unmöglich. Es kann sich sehr wohl ein anthropologisch verhältnismässig gleiches Volkselement weit über Westeuropa ausgedehnt haben, wenn wir auch natürlich nicht nachweisen können, dass sie ligurisch gesprochen haben.

Das Ligurerproblem kann also in gewissem Grade als ge* löst betrachtet werden, während es in andrer Hinsicht vorläufig unlösbar ist. Gelöst ist es insofern, als im Süden Europas ein Menschenschlag vorhanden gewesen sein dürfte, in dem wir einen alten Volkstypus Europas zu sehen haben; ungelöst aber bleibt es nach der Richtung, dass wir die Herkunft und genaue Verbreitung dieses Elementes nicht feststellen können. Als die Kelten sie nachhaltig bedrängten, trafen sie mit Indogermanen zusammen, aber es können auch schon vorkeltische Indogermanen die Ligurer beeinflusst haben. Darüber fehlt uns vorläufig jegliche Kunde.

6. Die Etrusker.

Schreiten wir auf dem Roden des völkerreichen Italiens, auf dem wir soeben die Ligurer verlassen haben, weiter, so stossen wir auf die Etrusker, nach denen die Landschaft Toskana noch heute ihren Xanten trügt. Die Frage nach der Herkunft der Etrusker hat schon das Altertum viel beschäftigt, und auch heute ist das Rätsel, das sich an dieses Volk knüpft, nicht gelost, wenn auch die neuere Zeit einige glückliche Funde zu verzeichnen hat und eine eindringende Forschung mit der Zeit manches klarer stellen wird.

Die Etrusker erschienen den Römern ganz fremdartig, und Dionys von Halikarnass (I, 30) sagt, sie seien ein sehr alter Stamm und keinem andern weder in Sprache noch in Sitte gleich. Im grossen und ganzen stimmen die antiken Nachrichten darin überein, dass wir es mit einem Volk zu tun haben, das in Italien eingewandert ist. Nach Hellanikos ( Dion. Hai. 1,28, Diodor XIV 1,13) landen sie am Po bei Spina und gründen von hier aus ihr Reich, und Herodot erzählt (1,94j, dass das halbe lydische Volk unter dem Königssohn Tyrscnos aus Mangel an Unterhalt im Westen eine neue Heimat suchen musste.

Es hat in der Geschichtsforschung eine Zeit gegeben und gibt sie auch wohl noch, in der man die antiken Traditionen ohne grosses Federlesen verwarf. Mit der Zeit hat sich aber die Richtigkeit vieler Nachrichten der Alten bestätigt, und wir haben auch hier keinen Grund, die bestimmte Kunde von einer Einwanderung der Etrusker abzulehnen. Immerhin war es wohl angebracht, sich nach einer anderen, lautrern Quelle umzusehen, aus der man bessere Wahrheit zu schöpfen hoffen konnte, und die musste natürlich die Sprache sein. Aber es scheint, dass wir hier vom Regen in die Traufe gekommen sind.

Die etruskischen Sprachreste bestehen aus einigen Glossen und mehreren tausend Inschriften, von denen die meisten allerdings nur Namen und wenige Worte enthalten, während in der Agramer Mumienbinde ein umfangreiches Denkmal vorliegt. In der Hauptsache haben wir es mit Grabinschriften zu tun, wras deshalb nicht ganz unvorteilhaft ist, wreil der gleichartige Bau derartiger Funde die Deutung etw^as erleichtert. Denn wir müssen die Inschriften ganz aus sich selbst erklären, da bis jetzt eine umfangreichere Bilingue fehlt. Leichter als auf dem äusserst mühsamen Weg der philologischen Kombination würde man zum Ziele kommen, wenn wir eine dem Etruskischen verw andte Sprache ausfindig machen und vergleichen könnten. Da hat man denn sehr bald an indogermanische Herkunft gedacht. Die Etrusker sitzen doch inmitten indogermanischer Stämme und haben w7ohl auch manche Einflüsse von ihnen erfahren. Im Jahre 1874 veröffentlichte W. Corssen sein grosses Werk über die Sprache der Etrusker, in dem er mit Feuereifer die Verwandtschaft des Etruskischen mit dem Lateinischen nachzuweisen suchte. Aber er fand gar bald an Deecke und Pauli •energische Widersacher. Als aber später Deecke auf den ursprünglich so scharf bekämpften Standpunkt Corssens übertrat, da schien sich die allgemeine Lage sehr zu seinen Gunsten verschoben zu haben und Pauli musste nunmehr allein weiter kämpfen.

Nur im Scherz stimmte er seinen Gegnern zu, indem er, um sie ad absurdum zu führen, das Litauische als die nächste Verwandte des Etruskischen erklärte. Ohne weitere einschneidende Untersuchungen hat sich allmählich wieder das Blatt gewendet, und heute verficht kaum noch ein Forscher den indogermanischen Ursprung dieser Sprache. Aber eine andere Verwandte hat sich auch nicht entdecken lassen. V. Thomsen hat in äusserst vorsichtiger Form Anklänge an kaukasische Sprachen hervorgehoben, aber es scheint, als ob auch diese trügerisch sind, und als ob der alte Dionys recht behalten sollte. Auch wer den etruskischen Forschungen ferner steht, wird den Wunsch haben, sich ein Urteil über die Frage zu bilden. Nun besitzen wir etw^as, was einer Bilingue annähernd gleichkommt, wir kennen die etruskischen Zahlwörter von I—6. Im Jahre 1848 entdeckten die Brüder Campanari ein Paar etruskische Würfel, die an Stelle der gewöhnlichen Punkte auf jeder Seite ein unbekanntes Wort aufwiesen. Diese Worte sind: mayy ftu, zalhuft, ci, sa. So ordnete Campanari die Zahlen an, offenbar der Etymologie zu Liebe, indem er so Anklänge an gr. ffa, lat. duo, quattuor, quinque, sex hersteilen zu können glaubte. Doch ist diese Anordnung keineswegs sicher, und andere Forscher sind zu einer ganz andern Folge gekommen. Mit ziemlicher Sicherheit glaubte Skutsch die Reihenfolge may, ci, ftu, hilft; 4a, zal annehmen zu dürfen, musste sie aber sehr bald selbst wieder verwerfen. Mag man die Zahlen aber ordnen, wie man will, mag man Campanaris Vorschlag oder den eines andern Forschers für richtig halten, so wird man doch erkennen, dass von Verwandtschaft mit dem Indogermanischen keine Rede sein kann, und ebensowenig hat eine Vergleichung mit andern Sprachen nennenswerte Anklänge ergeben. Zahlwerte sind aber eines der besten Mittel, um Sprachverwandtschaft zu erweisen. Vergleicht man die französischen ini. dcux. irois. quatre, cinq, six. sept, Jiuit. neu/, di.r mit den deutschen, so wird die Ähnlichkeit trotz mannigfacher Veränderung im Laufe von 4000 Jahren nicht verborgen bleiben.

Dasselbe ergibt sich, wenn wir eine deutbare Inschrift heranziehen. Während bei indogermanischen Sprachen wie dem Phrygischen oder Venetischen das Verständnis durch die Sprachvergleichung sehr bald erschlossen wurde, versagt diese hier völlig. Auch die etruskische Namengebung weicht deutlich von der indogermanischen ab, wie ein Blick in jede Sammlung belehrt. So sind wir also auf diesem Wege nicht weiter gekommen, und wir müssen unsere Zuflucht wieder zu den Nachrichten der Alten nehmen. Wir haben jetzt schon des öftern erlebt, dass sich diese, obgleich sie ursprünglich verworfen wurden, bewahrheitet haben. Auch in diesem Fall haben sie eine überraschende Bestätigung erfahren durch zwei Inschriften, die im Jahre 1886 auf der Insel Lemnos gefunden sind. Obgleich wir auch die Sprache dieser Monumente nicht verstehen, so sind doch alle Forscher darin einig, dass sie bemerkenswerte Anklänge an das Etruskische zeigt. Und da nun die antiken Schriftsteller übereinstimmend berichten, dass auf Lemnos bis zur Eroberung durch die Athener im Jahre 510 v. Chr. Tyrrhener gelebt hätten, und Strabo hinzufügt, dass diese unter Führung des Tyrrhenos nach Italien gekommen seien, so stimmen die geschichtlichen Nachrichten sehr wohl zu dem, was wir sonst zu erkennen vermögen.

Zur geschichtlichen Erklärung dieser Tatsachen liegen mehrere Möglichkeiten vor. Es könnten die Tyrrhener entweder von einem nördlich gelegenen Zentrum nach Etrurien und nach der thrakischen Küste gelangt und von dort nach Lemnos übergesetzt sein, oder wir können es mit einem Volke zu tun haben, das sich zur See im Mittelmeerbecken verbreitet und in Lemnos wie in Italien Kolonien gegründet hat. Es bietet das ebensowenig auffallendes wie die Ausbreitung der Griechen. Und schliesslich könnten wir es mit einer von Etrurien ausgesandten Kolonie zu tun haben. Eine sichere Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten ist nicht zu treffen. Doch ist die letzte Annahme am unwahrscheinlichsten. Sie kann durch die Untersuchung entschieden werden, ob das Lemnische dieselbe Sprache ist, wie das Etruskische oder nur ein verwandter Dialekt. Der neueste Bearbeiter der lemnischen Inschrift A. Torp betont wohl mit Recht die Verschiedenheiten, die zwischen Lemnisch und Etruskisch bestehen, und meint, dass aus diesen Gründen nur die zweite Alternative in betracht kommen könne. Lemnisch und Etruskisch sind verwandte Dialekte einer Grundsprache, das Lemnische ist aber keine Mundart des Etruskischen. Auch die erste oben angeführte Möglichkeit einer von Norden kommenden Einwanderung ist nicht gerade verlockend, und man wird jedenfalls die zweite für die wahrscheinlichste erklären müssen. Dann aber gewinnen die Nachrichten der Alten an Glaubwürdigkeit, dass wir es in den Etruskern mit Seefahrern zu tun haben, die im Mittelmeer weit verbreitet waren und auch an Italiens Küste ein Reich gegründet haben. Dieser Vorgang wäre nicht auffallender als so viele andere Staatengründungen, die zur See erfolgt sind. Dann ist freilich das Rätsel der ertruskischen Sprache unlösbar, da wir von den kleinasiatischen Sprachen nur das Ly-kische einigermassen kennen. Soviel ich sehe, zeigt es keine bemerkenswerte Verwandtschaft mit dem Etruskischen. Denkbar ist es auch, dass wir einen unserm Sprachstamm verwandten Dialekt einmal im Innern Kleinasiens entdecken. Vor einer Reihe von Jahren hat Bugge die Verwandtschaft des Etruskischen mit dem Armenischen behauptet, freilich, ohne dass seine Ansicht -sonderlichen Beifall gefunden hätte. Aber vielleicht könnte seine Annahme doch ein Körnchen Wahrheit enthalten. Denn im Armenischen scheinen eine Reihe nicht indogermanischer Elemente vorhanden zu sein, die natürlich auf die ursprüngliche kleinasiatische Sprache zurückzuführen sein dürften.

Man kann ferner, wie wir dies noch öfter tun werden, die Sitten und Gebräuche untersuchen, um die Herkunft der Etrusker zu enthüllen. Würden wir bei den Etruskern dieselbe Lebensweise wie bei den Indogermanen finden, so würde das zwar keine Verwandtschaft erweisen, aber es würde doch darauf hindeuten, dass die beiden Stämme auf benachbartem Boden erwachsen wären, wie z.B. nach den Nachrichtcn der Alten die Sitten der Ligurer und der Kelten sehr übereinstimmten. Nun sind aber die ISin-richtungen und Zustände bei den beiden Sprachgemeinschaften so verschieden wie möglich.

Zunächst tritt uns Lei den Etruskern die grosse Bedeutung der Zwölfzahl entgegen in den 12 Städten, den 12 Liktoren, während bei den Indogermanen die 9 herrscht. Der Anfang des Tages wurde bei den Etruskern durch den höchsten Stand der Sonne bedingt. Bei den Indogermanen beginnt er mit ihrem Untergang. Den Römern fiel cs auf, dass die etruskischen Frauen am Mahle der Männer tcilnahmen, eine Sitte, die wir sonst in unserm Kulturkreis nicht kennen, und auf den Grabinschriften wird neben dem Namen des Vaters auch sehr häufig der der Mutter genannt, was man längst als einen Rest der Mutterfolge gedeutet hat, wie sie uns besonders deutlich in Lykien, Spanien und Britannien entgegentritt. Auch für die Toten sorgte man in ganz andrer Weise als die Römer taten, man erbaute ihnen prächtige Grabkammern.

Das Auguren und Vorzeichen wesen war bei den Etruskern besonders ausgebildet, und wenn man die Darstellung dieser Dinge bei 0. Müller liest, so wird man ausserordentlich stark an babylonische Vorstellungen erinnert, die man jetzt bequem in Jastrows Religion Babyloniens und Assyriens übersehen kann. Zimmern macht mich darauf aufmerksam, dass in Etrurien bronzene Lebern gefunden sind, die auch in Babylon ihre Rolle spielen. Ebenso auffällig aber, ein Hinweis auf Sternbeobachtung, ist die Orientierung des Templum und der Gräber nach Norden (Müller-Deecke II S. 131, 183). So könnte man noch mancherlei anführen, was alles so weit als möglich von dem entfernt ist, was wir bei indogermanischen Stämmen antreffen, wohl aber Analogien im Orient haben dürfte.

Auch die körperliche Beschaffenheit der Etrusker weicht von dem europäischen Typus ab. Die Figuren auf den Deckeln der Aschenkästen zeigen Menschen von kleiner Statur mit grossen Köpfen, kurzen, dicken Armen und von ungeschickter unbehülf-licher Leibesgestalt. Wir wissen freilich nicht, wie viel davon einer mangelhaften Technik zuzuschreiben ist, aber auch die Römer nannten die Etrusker pingues et obesos. Heute freilich ist von einer besondern Rasse in Etrurien nichts zu spüren, was man aber kaum gegen die Einwanderungstheorie wird verwenden können.

Demgegenüber betont allerdings Wilser, Die Germanen 136, dass das Volk zu einer langköpfigen Rasse (durchschnittlicher Schädelindex 76) mit nur geringer (kaum ein Drittel betragender) Beimengung von Rundköpfen gehört hat, und die bemalten Bildnisse Verstorbener auf zahlreichen Aschenkisten, die oft deutlich helles Haar, blaue Augen und rosige Hautfarbe erkennen Hessen, zeigten, dass diese Rasse die nordeuropäische sei. Sollten diese Angaben richtig sein, so wurde damit doch nichts über die Herkunft und den Ursprung der etruskischen Sprache entschieden, da zweifellos in den gesegneten Fluren Etruriens starke Völkermischungen stattgefunden, und wir auch wissen, dass Umbrer in grossen Teilen Etruriens gewohnt haben.

Auf noch einen Punkt mag in diesem Zusammenhang hingewiesen werden. Wir finden bei den Römern eine Reihe von Entlehnungen aus semitischen oder kleinasiatischen Sprachen, Entlehnungen, die wir auch bei den Griechen antreffen, die aber nicht von den Hellenen zu den Römern gekommen sein können, da ihre Form den Lautgesetzen widerstreitet. Man hat, um dies doch annehmen zu dürfen, von einer thrako-illyrischen Vermittlung über den Norden der Balkanhalbinsel hin gesprochen, aber hier ist kaum ein Kulturweg vorhanden, der von Osten nach Westen geführt hätte. Sollten die Etrusker wirklich aus Kleinasien eingewandert sein, so würde sich diese Erscheinung der Lehnwörter auf das beste bei der Annahme erklären, dass die Einwanderer diese Worte aus ihrer Heimat mitgebracht und den Römern überliefert hätten.

Wir können ferner mit völliger Sicherheit annehmen, dass in Etrurien einmal eine Eroberung stattgefunden hat. Darauf weist der starke Unterschied zwischen Herrschern und Beherrschten, den wir in Etrurien antrefifen. Darauf weist die gewaltige Ausdehnung, die das Reich in kurzer Zeit gewonnen hat, die aber bald wieder verloren ging.

»In den Bundesversammlungen«, heisst es bei Müller-Deecke 1, 337, »berieten und beschlossen bloss die Principes, dieselben herrschten in den Gemeindeversammlungen der einzelnen Staaten . . . Den Geist etruskischer Adelsherrschaft bezeichnet am besten der äussere Pomp der Erscheinung in Kleidung und Insignien, besonders wenn man damit das einfache und schlichte Äussere griechischer Obrigkeiten, auch spartanischer Könige, vergleicht.«

So spricht denn sehr viel dafür, dass die antike Überlieferungen, die von einer Einwanderung der Etrusker zur See weiss, durchaus richtig ist. Woher sie gekommen, lasst sich bei dem Schwanken und der Unklarheit der Überlieferung nicht sagen. Jedenfalls kann sie sehr wohl von Kleinasien ausgegangen sein, da sich hier die Seeschiffahrt frühzeitig entwickelt hatte. Und in der Tat finden wir einige sprachliche Anklange, die diese Vermutung bestätigen. Man weiss, welche Rolle der Name Tarku hat. Tarquinius im Etruskischen spielte. Der gleiche Name kehrt als Torkun, Trokun häufig im Lykischen und in ganz Vorderasien wieder, und man wird diesen Anklang nunmehr nicht so leicht bei Seite schieben können. Der Heroenname Nanos findet seine beste Vergleichung in kleinasiatischen Sprachen.

Diese Anklange können die Frage natürlich noch nicht entscheiden; weiteres hat Pauli (Altitalische Forschungen II, 2, S. 126 ff.) beizubringen versucht, ohne den hypothetischen Charakter seiner Aufstellungen zu verkennen und es lässt sich wohl aus dem lateinischen Namenmaterial, das, wie W. Schulze Zur Geschichte lat. Eigennamen 1904 gezeigt hat, viel Etruskisches enthält, noch manches anfiihren. doch ist auch das unsicher und so müssen wir gestehen, beweisen lässt sich der kleinasiatische Charakter des Etruskischen nicht. Das kann und darf uns nicht wundernehmen, denn tatsächlich ist unsere Kenntnis der klcinasiatischen Sprachen noch sehr gering. Und wenn wir auch vom Lykischen etwas mehr wissen, so sind doch die Lykier aller Wahrscheinlichkeit nach von der See eingewandert, also vielleicht nicht in Kleinasien einheimisch. Auch das, was Torp als Ähnlichkeiten zwischen Karisch und Etruskisch anführt, ist zu vag, als dass es zum Beweise dienen könnte.

An geschichtlichen Parallelen zu der vermuteten Wanderung der Etrusker fehlt es nicht. Wir können mit grosser Sicherheit annehmen, dass im Mittelmeerbeckcn sehr frühzeitig eine ausgedehnte Seeschiffahrt bestanden hat. Die Natur musste hier von selbst auf das Meer hinauslocken. Und namentlich die kleinasiatische Küste war ja vor allem begünstigt. Wie die nordischen Wikinger auf ihren kleinen Schiffen überall hingekommen sind, so werden auch von Kleinasien aus Unternehmungen zur See stattgefunden haben, die nach Lemnos und nach Italien gelangt sein können. Man darf nur nicht an einfache Verhältnisse denken, es war hochentwickelte Kultur.

Wenn die Etrusker nach Italien gelangt sind und in schrittweisem Vorgehen Norditalien erobert haben, so haben sie dort natürlich auch eine einheimische Bevölkerung angetroffen und unterworfen, und es ist für die Sprachenfrage zu erwägen, ob wir nicht gerade den Dialekt dieser Unterworfenen in den etruskischen Inschriften zu suchen haben. Man kann dafür einen wichtigen Punkt anführen. Aus der Behandlung der griechischen Lehnwörter im Etruskischen müssen wir schliessen, dass die Etrusker die erste Silbe der Wörter betonten, und aus dem häufigen Ausfall von Vokalen in unbetonten Silben müssen wir folgern, dass die Sprache einen stark exspiratorischen Akzent hatte. Ausserdem fehlen dem Etruskischen die Medien, während zweifellos stark gehauchte Tenues vorhanden waren. Alle diese Eigentümlichkeiten kehren in dem, dem Etruskischen benachbarten Süddeutschen wieder, so dass man wohl annehmen darf, dass die Eigentümlichkeiten der Sprache durch das gleiche zu Grunde liegende Volkselement bedingt sind.

Nach den Nachrichten der Alten sind die Etrusker bei dem Einbrüche der Kelten unter ihrem Anführer Rätus in die Alpen geflüchtet, wo sie als Rätier fortlebten, und wo noch heute das räto-romanische insofern Kunde von ihnen gibt, als man die eigentümliche Gestaltung dieser romanischen Sprache auf das zu Grunde liegende Volkselement zurückführen darf. Diese Nachricht hat zwar, wie Ratzel Ber. d. k. sächs. Ges. d. Wiss. 1898, 31 ausführt, manche Analogien für sich, aber sie unterliegt doch schweren Bedenken. Man ersieht die Verteilung des Rätoromanischen aus der Nebenkarte von Karte 1, und man erkennt, wie das Rätoromanische im Herz der Ostalpen gesprochen wird. Das deutet nicht auf ein versprengtes Volkselement hin, sondern auf ein uraltes auf weiteren Gebieten sesshaftes, das hierher zurückgedrängt ist, und es spricht für die Vermutung, dass wir im Rätischen ein vom Etruskischen verschiedenes alteinheimisches Element vor uns haben.

Die Etruskerfrage bildet zweifellos noch heute das schwierigste Rätsel der antiken Ethnographie. Aber wir brauchen nicht daran zu zweifeln, dass es eines Tages gelöst werden wird. Nur darf man bei den Erklärungsversuchen nicht vergessen, dass die Wanderungen der Völker mannigfaltiger sind, als man gewöhnlich annimmt.

7. Die Urbevölkerung Griechenlands und Kleinasiens.

Wir verlassen nunmehr vorläufig den Boden Italiens, da man für die übrigen Teile der Bevölkerung dieses Landes mit grösster Sicherheit indogermanische I lerkunft annehmen darf. Diese werden uns daher erst später beschäftigen. Wir werden sehen, dass wir auch unter den Indogermanen Italiens mindestens zwei besondere Spnichstämme vor uns haben, die zu verschiedenen Zeiten eingewandert sind. Wir finden demnach eine Mannigfaltigkeit der Völkerschichtung, die uns daran erinnert, auch auf anderen Gebieten nicht mit ganz einfachen Annahmen vorzugehen. Was für Italien gilt, dürfte auch für die Balkanhalbinsel zutreffen, wenngleich hier die Tatsachen bei weitem nicht so klar liegen.

A. Der vorhellenische Sprachstamm.

Sobald man die indogermanische Herkunft der griechischen Sprache erkannt hatte, zweifelte man nicht daran, dass die Hellenen die ersten Besiedler Griechenlands gewesen seien, oder dass eine Urbevölkerung, wenn sie vorhanden war, vollständig vernichtet wurde. Das widerspricht aber allen geschichtlichen Analogien. Auch im Mittelmeerbecken haben unendliche Zeiten vor dem Eindringen der Indogermanen Völker gelebt, die sich sicher unter diesen günstigen geographischen Verhältnissen eine bedeutende Kultur erworben haben. Wie schon die Ausgrabungen in Troja, Mykene und Tiryns unsere historische Erkenntnis auf das glänzendste erweitert haben, so zeigen nun auch die neuen kretischen Funde, dass die Nachrichten der Alten von einem alten, mächtigen Reich auf Kreta eine wirkliche Grundlage haben. Inschriften in einer besonderen Schrift (Fig. i), die mit den antiken Alphabeten nicht zusammenhängt, sondern ganz selbständig dasteht, zeigen, welchen Grad der Kultur man hier schon erreicht hatte. Sind auch die Inschriften bisher nicht lesbar, so beseitigen sie doch jetzt schon eine Anzahl älterer Annahmen und geben Raum für neue Forschung. Sie lehren, dass die vordringenden Indogermanen wohl kaum als Kulturträger, sondern zunächst als Zerstörer gekommen sind, bis die angeborene Anlage der Einwanderer in Verbindung mit den Fähigkeiten der eingesessenen Bevölkerung zu jenen weltgeschichtlichen Taten und zu jener Höhe der geistigen Entwicklung führte, die noch heute unsere Bewunderung erregen.

Vergleicht man die geistigen Anlagen und die geistige Regsamkeit der Athener mit dem Charakter der Römer, so muss man auf den Gedanken kommen, dass uns hier grundverschiedene Völker entgegentreten, während doch die Sprachwissenschaft lehrt, dass Griechisch und Lateinisch eng verwandte Sprachen sind. Das lässt sich kaum anders erklären als dadurch, dass an der Bildung des attischen Volkes neben dem indogermanischen auch andere, d. h. einheimische Elemente beteiligt sind. Dagegen zeigen die Dorer in Sparta, die sich zweifellos stets abgesondert erhalten haben, in ihrer Nüchternheit und Konsequenz entschiedene Verwandtschaft mit dem Volkscharakter der Römer.

Alles dies weist darauf hin, dass wir in Griechenland neben den eingewanderten Indogermanen auch eine einheimische Bevölkerung anzuerkennen haben, die ja ihrerseits schon wieder mannigfach gemischt gewesen sein kann. Das einzige Mittel, von der Herkunft dieses Volkes etwas zu erfahren, muss doch wieder die Sprache bilden. Die in einer Art Bilderschrift geschriebenen kretischen Inschriften, die jetzt auch im eigentlichen Griechenland ans Tageslicht getreten sind, haben bis jetzt noch dem Versuch der Lesung getrotzt. Aber schon vor einer Reihe von Jahren ist in Praisos auf Kreta im Gebiet der Plteokreter eine nicht griechische Inschrift in griechischen Buchstaben entdeckt, zu der 1901 eine zweite umfangreichere gekommen ist. Mit grossem Scharfsinn und genügender Vorsicht hat R. S. Conway diese Inschriften untersucht und sich für indogermanischen Ursprung ausgesprochen. Mir scheint dies Ergebnis freilich keineswegs sicher zu sein, vor allem da wir den Inschriften noch keinen Sinn abgewinnen können. Aber das eine lehren uns die Inschriften, dass auf Kreta einst eine Bevölkerung gesessen, die eine nicht griechische Sprache gesprochen hat. Jeder Tag kann uns neue Funde bringen, und diese werden hoffentlich über den Charakter der Sprache Auskunft geben.

Vorläufig müssen wir uns aber ohne dieses Hilfsmittel behelfen. Wenn auch ein eroberndes Volk nicht allzuviel Fremdwörter aus der Sprache der Unterworfenen aufnimmt, so wird es doch nicht ganz ohne diese bleiben, und so hat man die Aufmerksamkeit auf eine Reihe griechischer Wörter mit dem Suffix -nthos gelenkt, mit einem Suffix, das wir nur schwer aus dem Indogermanischen erklären können. Ausserdem sind es, wie Conway Iiervorgehoben hat, meist Ausdrücke, die aus der Sprache der Hauern stammen durften, da sie Gegenstände des Landlebens bezeichnen, und bei ihnen liegt allerdings der Verdacht der Entlehnung nahe.

Aber auch dieser Punkt kann uns wenig nutzen. Wohl aber bieten die Orts-, Fluss- und Bergnamen Griechenlands ein wichtiges Hilfsmittel, die Verbreitung der alteinheimischen Sprache festzustellen. Während auf keltischem, germanischem und sla-vischem Gebiet die Deutung der topographischen Namen aus dem Indogermanischen in vielen Fällen gar keine Schwierigkeiten bereitet, ist ein grosser Teil des griechischen Namenmaterials so gut wie undeutbar. Gewiss sind auch hier Versuche gemacht, alles aus dem Hellenischen oder Indogermanischen selbst herzuleiten, aber überzeugend sind diese Ausführungen nicht gewesen, und auch spätere Arbeiten dürften wenig besseren Erfolg haben. Gerade gegenüber den bedeutendsten Namen, wie Athen, Sparta, Theben versagt jeder Deutungsversuch.

Zum Teil kehren auch die gleichen Ortsnamen in Europa und Kleinasien wieder, so z. B. Larisa in Thessalien, in Lydien, und Mysien; einen Parnassos gibt es in Phokis, zwei andere in Kappadokien und Karien; Mykalessos erscheint in Böotien und Karien, Kephisos in Attika und Böotien, Kabcssos in Lykien Kabassos in Kappodokien. Neben dem Erymanthos in Elis steht ein 0romandos in Kappadokien.

Anderseits finden wir auch dieselben Stämme, und nur die Suffixe wechseln. Neben Larisa steht Laranda in Kappadokien und Lykaonien, neben Pyrasos in Thessalien Py rindos in Karien, neben Kot risset, in Galatien Kor int kos und Kerinthos in Griechenland. Man kann nicht daran zweifeln, dass wir es in allen diesen Fällen mit Namen zu tun haben, die ein und derselbe Sprachstamm geprägt hat. Da nun diese Namen in Griechenland und Kleinasien Vorkommen, so zog ihr erster Bearbeiter, Georg Meyer, den Schluss, wir hätten es, da ja die Griechen sicher Indogermanen waren, auch in Kleinasien mit indogermanischen Sprachen zu tun. Aber es sind weder die Wortstämme noch die Endungen mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Indogermanischen herzuleiten, und da wir weiter gelernt haben, wie oft ein Volk die Spuren seiner Anwesenheit in Ortsnamen hinterlässt, so schliessen wir jetzt gerade umgekehrt: weil diese namentlich in Karien und dem übrigen Kleinasien verbreiteten Namen sicher nicht indogermanisch sind, so hat auch in Griechenland einmal eine nicht indogermanische Bevölkerung gesessen. Diese Folgerung haben schon Pauli und nach ihm Kretschmer gezogen, und nur einige skandinavische Gelehrte haben den indogermanischen Charakter jener Worte und Bildungen verteidigt. Meines Erachtens kann man an dem nicht indogermanischen Charakter dieser Sprache nicht zweifeln, und so hätten wir hier also eine neue Sprachgruppe nicht indogermanischer Herkunft vor uns, die in Griechenland und Kleinasien einst weit verbreitet war.

Wenn nun auch die topographischen Namen genügen, um dieses Ergebnis festzustellen, so wissen wir doch über diese Sprache zunächst nichts, und wir können also ihre weitern Wege und ihre Herkunft nicht ermitteln. Wir wissen auch nicht einmal sicher, ob die Namen auf -00- und auf -vK (~vö~) derselben Sprachgruppe angehören, wenngleich dies, da dieselben Stämme mit beiden Suffixen versehen werden, einigermassen wahrscheinlich ist. Nun sind aber allmählich auf kleinasiatischem Boden in Inschriften Reste verschiedener Sprachen ans Tageslicht gekommen, die möglicherweise eine Förderung unserer Frage bieten können. Natürlich ist es von vornherein durchaus nicht sicher, dass diese Sprachreste demselben Volk angehören, von dem die Ortsnamen stammen. Ms können auch liier Indogermanisierungen stattgefunden haben, oder es können andere Sprachstämme eingewandert sein. Immerhin sind aber diese Sprachen auch an sicli wertvoll genug, um mancherlei geschichtliche Aufklärung bieten. Weiterhin ist es ja auch nicht sicher, dass die Menschen, die diese Ortsnamen geprägt haben, die ersten Be-siedler dieser Gegenden waren. Zeigt doch das Land zwischen höbe und Weichsel fast durchgehend eine slavische Namengebung, obgleich hier sicher vor ihnen Germanen gewohnt haben. Wenn sich Städtenamen erhalten sollen, so müssen erst einmal Städte vorhanden sein. Wohnte die älteste Bevölkerung Griechenlands in Dörfern, so können die Namen dieser Ansiedelungen völlig verloren gegangen sein, sobald eine neue Art der Siedelung aufkam.

Über die Verbreitung der auf diese Weise gebildeten Ortsnamen würde am besten eine Karte Auskunft geben, doch würde eine in dem kleinen iMassstab, wie sie diesem Buche hätte beigegeben werden können, keine genügende Übersicht gewährt haben. Ich führe daher nur Paulis Ergebnis an (Altitalische Forschungen : Die Namen auf -d- sind im ganzen seltener als die auf -v-, sie verhalten sich zu einander wie 64 zu 120, innerhalb der einzelnen Provinzen aber ist das Verhältnis beider so, dass im Süden die Formen mit -d- verhältnismässig stärker vertreten sind, als die mit -v , so in Karien, Lykien, Pisidien, Pamphylien, Kilikien und Lykaonien, während sie nach Norden stark zurücktreten, so in Pontus, Galatien, Kappadokien, Phrygien und Mysien. Als den Hauptsitz dieser beiden Formationen überhaupt ergeben sich Kappadokien, Karien, Lykien und Pisidien, in zweiter Reihe Lykaonien, Phrygien, Lydien und Mysien, nur dünn gesät sind sie im Norden.« Wir finden sie ferner jenseits der Propontis in Thrakien, in Makedonien, Thessalien, Böotien, Attika und vereinzelt in Mittelgriechenland und dem Peloponnes. Nach der Verbreitung zu schliessen, war der Ursitz dieser Sprache Südkleinasien, namentlich Karien, von wo sie sich in den Küstenländern des ägäischen Meeres ausgedehnt hat. Wir wenden uns nunmehr zu den Sprachen Kleinasiens. Freilich die Hoffnung, hier jene Sprache, die auch in Griechenland geherrscht hat, noch in Inschriften anzutreffen, müssen wir aufgeben. Wir finden auch hier Rätsel über Rätsel und nur selten sichere Lösungen.

Es ist das Verdienst von Kretschmer, uns ein weiteres Hilfsmittel, den kleinasiatischen Sprachstamm zu bestimmen, er schlossen zu haben. In Kleinasien ist das Prinzip sehr verbreitet, die Personennamen aus den Bestandteilen der Sprache zu bilden, die besonders als Lallwörter verwendet werden.

Wir finden da beinahe alle Möglichkeiten erschöpft, nämlich Ba, Baba, Aba, Da, Dada, Duda, Ada, Ma, Mama, Ama, Na, Nana, N011710s, Ninnis, Nenis, Anna, Papa, Appa, Ta, Tata, Tatta, Ata, Atta, Kaka, Akka, La, Lala, Sa, Sassa, Sustt. Vava. Es ist ganz richtig, dass derartige Wörter auch in andern Sprachen Vorkommen, aber in solcher Menge und als namenbildendes Prinzip treten sie eben nur in Kleinasien auf. Kommt hinzu, dass auch sonst die gleichen Namen über einen Teil Kleinasiens verbreitet sind, so wird man den Schluss auf einen besonderen Sprachstamm, den schon Kiepert gezogen hat, anerkennen müssen. Das schliesst aber nicht aus. dass auch in Kleinasien noch andere Volks- und Sprachelemente vorhanden gewesen sind. Wenn die babylonische und ägyptische Kultur schon im vierten Jahrtausend hoch entwickelt waren, wenn wir in beiden Ländern die mannigfachsten Eroberungen und Völkerverschiebungen finden, so wird man ähnliches auch für Kleinasien voraussetzen dürfen.

B. Das Lykische.

Von allen kleinasiatischen Sprachen kennen wir das Lykische am besten, da uns eine beträchtliche Anzahl von Inschriften, darunter auch einige Bilinguen, von dieser Sprache überliefert sind. Das lang erwartete Werk, das die Inschriften vollständig bietet, ist jetzt erschienen, und es wird die Forschung entschieden neu anregen. Es lässt sich nicht leugnen, dass wir die kleinern Grabinschriften mit ihrem typischen Inhalt ganz oder nahezu ganz verstehen, dass wir aber der grössten Inschrift, der Xanthosstele, noch keinen Sinn haben abgewinnen können. Immerhin genügt das bisher erkannte, um uns einen Einblick in den Bau der Sprache zu gewähren, die sich danach als eine flektierende enthüllt.

Das Alphabet, in dem die Inschriften geschrieben sind, ist aus dem Griechischen abgeleitet, zeigt aber eine Reihe neuer Zeichen, und andere in eigentümlicher Verwendung, und daraus geht schon deutlich hervor, dass das lykische Lautsystem ein anderes war als das griechische. Das kann natürlich vorläufig fiir die 1 Icrkimft der Sprache nichts beweisen, wenngleich es einmal von Bedeutung werden kann. Wichtiger ist schon, dass, wie Deecke 1887 zuerst erkannte und Arkwright 1891 genauer begründete, im Lykischen eine Art Vokalharmonie bestand. Eine derartige Eigentümlichkeit kennen wir bisher nur aus dem alten Sumerischen und den uralaltaischen Sprachen, aber darauf Lässt sich nicht die Annahme von Verwandtschaft gründen, da eine solche Erscheinung, die nur phonetischer Natur ist, auch selbständig auftreten kann. Andrer Art ist die Verdoppelung der Konsonanten nach Konsonanten, die H. Pedersen zuerst beobachtet hat. Zugleich zeigt die Sprache eine grosse Häufung von Konsonanten, was auf Vokalausfall und starken exspiratorischen Akzent schliessen lässt.

Sehr bald nach einer genaueren Bekanntschaft mit dem Lykischen hat man die Ansicht aufgestellt, wir hätten es mit einer indogermanischen Sprache zu tun, und unter dieser Voraussetzung hat die Erforschung des Lykischen Jahre lang gestanden. Dann aber vertreten andere Forscher wie Taylor, Pauli, Ark-wright, Kretschmer die gegenteilige Auffassung, während Bugge und ihm folgend Pedersen mit grossem Eifer die Anklänge an das Indogermanische hervorgehoben haben und den indogermanischen Charakter des Lykischen verteidigen. Bugges und Pedersens Argumente scheinen, wenn man sie im Zusammenhänge liest, in der Tat einiges Gewicht zu haben, versucht man aber die Inschriften selbst mit Hilfe des Indogermanischen zu deuten, so wird der Glaube wieder wankend. Ich habe mich früher für Kretschmer ausgesprochen, halte es aber heute für möglich, wenn auch nicht für erwiesen, dass im Lykischen, das jedenfalls eine Mischsprache ist, ein indogermanischer Einschlag vorhanden war.

Eine Einwanderung fremder Volkselemente folgert Kalinka mit Recht aus verschiedenen Gründen. Wenn man die dem Inschriftenwerke beigegebene Karte überblickt, in der die Orte, wo Inschriften gefunden wurden, eingetragen sind, so sieht man sofort, wie dicht die Lykier am Meere sassen, während die Inschriftenfunde in den von der See entfernteren Gegenden immer seltener werden und im Mittellande ganz fehlen. Ausserdem zerfällt dieses Siedelungsgebiet an der Küste in zwei getrennte Teile, einen westlichen und einen östlichen.

Ferner weichen die lykischen Personennamen durchaus von dem von Kretschmer aufgedeckten kleinasiatischen Namensystem ab und drittens findet man die eigentümlichen lykischen Grabdenkmäler sonst in Kleinasien nicht. Von dieser Einwanderung zur See berichtet ja auch Herodot, aber wir wissen freilich nicht, woher die Lykier gekommen sein mögen. Verwandtschaftliche Züge mit dem Etruskischen oder Lemnischen haben sich im Lykischen, wie wir oben gesehen haben, bisher noch nicht nachweisen lassen, und da wir von dem Sprachengemisch, das offenbar im Mittelmeerbecken herrschte, nur sehr unvollkommene Kenntnis haben, so müssen wir die Lösung des lykischen Rätsels auf Zeiten vertagen, da einst neue sprachliche Urkunden ans Tageslicht gekommen oder die alten noch sichrer gedeutet sein werden. Proben der lykischen Sprache und Erörterungen über ihren Bau bietet die Anmerkung.

Bemerkenswert ist ferner, dass den Alten an den Lykiern die Sitte der Mutterfolge auffiel. Sonderbarerweise wird sie durch die Inschriften nicht bestätigt, da der Sohn hier regelmässig als Sohn seines Vaters eingeführt wird. Wohl aber finden wir in Kos und anderswo Reste dieser Sitte, so dass wir auch durch diese Tatsachen auf den Gegensatz zweier Bevölkerungsschichten geführt werden. Auf der Xanthosstele tritt uns neben dem eigentlichen Lykischen noch eine etwas abweichende Sprache entgegen, die man pseudolykisch oder milyisch genannt hat. Wenn sie nun auch ein wirkliches Lykisch ist, so weist doch ihr Dasein wohl ebenfalls auf Mischungsverhältnisse hin.

Das System der Namengebung ist, wie wir schon öfter gesehen haben, manchmal ein wichtiges Hilfsmittel und unser letzter Rettungsanker. Die lykischen Namen zeigen nun durchaus nicht jene Lallnamen, die Kretschmer als den kleinasiatischen Sprachen eigentümlich erkannt hat, vielmehr haben sie des öfteren deutlich eine zweistämmige Form wie z. B. in Purihi-mete (25) und Purihi-mrbbese (62), Asa-wazala (3) und Wazala (16) Pddje/-kfita (13) und Knte-nube (39), Ddawa-parta (101) und Ddawa-hama (113), Pertina-muwa (66). Diese Art der Namenbildung würde für das Indogermanentum stark in die Wagschale fallen, wenn man die Wortstämme wiederfände. Wer nach Indogermanismen sucht, wird leicht Anklänge finden, die ich auch in den Bemerkungen zu diesem Kapitel andeuten werde.

Alles in allem ist das Problem des Lykischen noch nicht gelöst , aber es ist zu hoffen, dass weitere eindringende Forschung uns einst sichere Ergebnisse geben werde. Wenn sich die indogermanische Herkunft bestätigen sollte, so würden wir allerdings immer noch nicht wissen, woher denn die Lvkier eigent-lieh kommen. Zur See müssten sie eingewandert sein. Das nächstliegende wäre, Herkunft aus Griechenland anzunehmen, aber Italien, die chalkidische Halbinsel oder selbst Xordklein-asien wären ebenso als Ausgangspunkte denkbar. Selbst wenn ich den indogermanischen Charakter des Lykischen anerkennen wollte, vermöchte ich nicht zu entscheiden, ob wir es mit einer westlichen oder östlichen Sprache zu tun haben.

C. Die übrigen Stämme Kleinasiens.

I. Die Karer.

Sollte sich wirklich das Lykische als eine indogermanische Sprache erweisen lassen, so würde dadurch das Ergebnis früherer Forschung, dass in Kleinasien ein besonderer Sprachstamm vorhanden gewesen ist, nicht beeinträchtigt werden. Denn darauf weisen die Orts- und Personennamen mit hinreichender Deutlichkeit hin. An und für sich ist es nicht einmal wahrscheinlich, dass sich c i n einziger Sprachstamm über ganz Kleinasien erstreckt hat. Das Land dürfte ebenso wie andere Gebiete verschiedene Völkerstürme über sich haben ergehen lassen. Aber die Xachrichten, die uns zu Gebote stehen, sind zu dürftig, um etwas sicheres erkennen zu lassen.

Im Altertum treten uns drei verschiedene Stämme hier entgegen, die Karer, die Lyder und die Myser. Über die Herkunft der Karer besitzen wir bei Herodot 1,71 eine antike Überlieferung, nach der sie auf das Festland von den Inseln gekommen sein sollen; die Karer selbst dagegen hielten sich für Autochthonen, d. h. wussten nichts über ihre Herkunft. Die Xachricht Herodots wird insoweit zu Recht bestehen, als auch auf den Inseln, namentlich in Kreta einst eine karische Bevölkerung vorhanden war. Auf enge Beziehungen weist das Vorkommen der Doppelaxt, deren Name in labiys vorliegt und auch in dem kretischen Labyrinthos steckt.

Von der karischen Sprache sind uns aus dem Altertum eine Reihe von Glossen überliefert, die am vollständigsten von Sayce zusammengestellt sind. Ausserdem ist eine Anzahl von Inschriften auf uns gekommen. Leider sind sie, obgleich wir einige Bilinguen besitzen, die sich aber nicht genau entsprechen, noch nicht gedeutet, ja, obgleich die Schrift auf einem griechischen Alphabet beruht, enthält sie doch so viele neue Zeichen, dass wir sie nicht einmal sicher lesen können. Kretschmer glaubt ein Genetivsuffix nachgewiesen zu haben, das das Karische mit dem Lykischen teile, während Torp Die Inschrift von Lemnos S. 49 Anklänge an das Etruskische findet, die aber doch auch nur sehr dürftig sind. Jedenfalls wird man schwerlich daran denken können, dass wir es im Karischen mit einer indogermanischen Sprache zu tun haben.

Anderseits finden wir in Mylassa ein altes Heiligtum des karischen Zeus, in dem die Karer gemeinsam mit den Lydern und Mysern als ihren Brüdern opferten. Wir erfahren also hier von einer alten Kultgemeinschaft, und das weist darauf hin, dass eine Sprachverwandtschaft zwischen diesen Völkern bestand, denn ohne gleiche Sprache ist die gemeinsame Verehrung eines Heiligtums im Altertum kaum denkbar.

2. Die Lyder und Myser.

Während uns die karischen Inschriften wenigstens darüber Auskunft geben, dass wir es mit keinem indogermanischen Volk zu tun haben, versagen bei den Lydern auch die Inschriften. Bis jetzt ist nur eine Inschrift gefunden, die Sayce für lydisch hält. Seine Annahme ist jedoch sehr unsicher. Glossen sind nur wenige vorhanden, darunter jedoch einige, die in der Tat indogermanisch zu sein scheinen. Die ausführlichen Erörterungen, die das Lydische bei Kretschmer Einleitung 384 ff. gefunden hat, haben das eine klar gestellt, dass wir es bei diesem Volke wohl mit einem indogermanischen Einschlag zu tun haben, das heisst, indogermanische Stämme, die zweifellos in den Norden der kleinasiatischen Halbinsel gelangt sind, scheinen auch diese Teile des Landes erreicht und hier ein Reich von kurzer Dauer gegründet zu haben. Das homerische Epos kennt die Lyder noch nicht, sondern dafür die Mai071er, ein Volksname, der sehr wohl indogermanisch sein kann. Später wird der König Kandaules durch Gyges gestürzt, und es hat schon Kiepert (Lehrb. d. alt. Geogr. S. 112) vermutet, dass mit Gyges ein einheimisches Element wieder zur Herrschaft gekommen sei. Das ist insofern beachtenswert, als Kandaules in der Tat einen indogermanischen Namen zu tragen scheint, wie weiter unten zu besprechen sein wird.

Noch deutlicher tritt diese Mischung in der Landschaft Mysien auf. Xanthos (bei Strab. 12, 572) sagt ausdrücklich, der mysische Dialekt sei aus lydisch und phrygisch gemischt gewesen. Wir haben keinen Grund, diese Angabe zu bezweifeln. Sonst wissen wir über die Sprache wenig, da nur drei Glossen überliefert sind. Da die Myser am Kult von Mylassa teilnehmen, müssen wir sie als Verwandte der Lyder und Karer betrachten, während anderseits die Anwesenheit indogermanischer Stämme in Mysien sicher steht.

3. Die übrigen kleinasiatischen Stämme.

Von den Völkerverhältnissen des übrigen Kleinasiens wissen wir verhältnismässig wenig. Wie weit indogermanische Einwanderungen stattgefunden haben, werden wir im zweiten Teil sehen. Das Vorhandensein einer vorindog. Bevölkerung folgt aus den Personen- und Ortsnamen. Karolidis hat, wie Kretschmer S. 399 ausführt, in dem heute nördlich des Tauros gesprochenen griechischen Dialekt eine Reihe von Pdementen entdeckt, die sich aus dem Griechischen nicht deuten lassen, und die er deshalb auf die alte kappadokische Landessprache zurückführt. Wir finden in diesem Dialekt vor allem Zahlwörter wie lingiv 6, tatli oder tutli 7, matli oder mutli 8, danjar oder tsankar 9, die sicher nichts mit dem Indogermanischen zu tun haben.

Die Mittel, die ursprünglichen Völkerverhältnisse Kleinasiens zu entwirren, sind vorläufig noch zu gering, als dass wir sichere Ergebnisse erwarten dürften. Vor allem fehlen uns ausgiebige Sprachdenkmäler. Aber vielleicht treten solche mit der Zeit ans Tageslicht. Zu hoffen ist, dass die Erforschung des Lykischen zu voller Klarheit führen werde. Die Zukunft wird hier gewiss manches Rätsel lösen, aber auch neue knüpfen. Jedenfalls steht fest, Kleinasien ist einst von Nichtindogermanen bewohnt gewesen. Dass hier ein einziger einheitlicher Sprachstamm gesessen habe, widerspricht eigentlich aller Wahrscheinlichkeit, genaueres aber können wir nicht darüber wissen. Wie die Indogermanen in dieses Land eingedrungen sind, werden wir im zweiten Teile sehen.

8. Die Finnen.

Glücklicher als bei den bisherigen Sprachstämmen sind wir bei der Sprache daran, die im Norden und Osten seit mehreren tausend Jahren den germanischen benachbart ist, der finnischen. Diese Sprache lebt noch heute und gibt, da sie sich verhältnismässig wenig verändert hat, über vieles Auskunft. Lehnwörter, die in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt von den Germanen zu den Finnen gekommen sind, zeigen noch heute die Gestalt, die die Sprachforschung für das Urgermanische erschlossen hat, ja es gibt Wörter, die völlig den vorausgesetzten indogermanischen gleichen.

Mit dem Namen »finnischer oder finnisch-ugrischer Sprachstamm« bezeichnet man die Sprachen der Völker, die heute auf einem Gebiet wohnen, das sich vom Ob und Ural im Osten bis zur Ostsee dem Ozean und der Donau im Westen und Süden erstreckt. Ein Blick auf eine ethnographische Karte (s. Karte 2) lehrt uns ihr Gebiet kennen, das in zwei grosse getrennte Teile zerfällt, zwischen die sich jetzt die Russen geschoben haben. Aber innerhalb des russischen Gebietes treffen wir noch immer vereinzelte Reste, was auf eine einstige grössere Ausdehnung schliessen lässt. Getrennt von dem grossen Stamm finden wir die Magyaren in Ungarn, in ihrem Verhältnis zu den übrigen Finnen ursprünglich ein kleiner versprengter Rest.

Das Finnisch-Ugrische teilt man in folgende Sprachzweige:

1. Die baltischen Finnen im eigentlichen Finnland, im Petersburger Gouvernement, im nördlichen Schweden und Werm-land und im nördlichen Norwegen; sie zählen jetzt etwa 2600000 Angehörige.

Zu ihnen im weiteren Sinne gehören:

a) Die Karelier in Russland im westlichen Teil des Gouvernements Archangelsk und Olonez (etwa 90000) und in dem Gouvernement Twer und Nowgorod, wo sie aber erst nach dem Stolbower Frieden eingewandert sind (etwa 150000);

b) Die Wepsen in den Gouvernements Olonez und Nowgorod (etwa 20000),

c) Die Woten im Petersburger Gouvernement (etwa 2000),

d) Die Esthen im Esthland und Livland (etwa 870000),

e) Die Liven (kaum noch 3000) auf der nördlichsten Landspitze von Kurland.

2. Den zweiten Zweig bildet das Lappische im nördlichen Schweden und Norwegen. Die Zahl der Lappen beträgt gegen 250CO. Anthropologisch sind die Lappen von den Ugrofinnen deutlich zu scheiden. Es sind kleine Leute (1,3—-1,6 m) von schmutziggelber Hautfarbe, mit straffem schwarzem Haar, rundem Schädel, ein wenig schiefstehenden Augen, kleiner platter Nase und kleinem spitzen Kinn.

3. Die Mordwinensitzen hauptsächlich in den russischen Gouvernements Simbirsk, Pensa, Saratow, Samara, Nischnij Nowgorod und Tambow, an Zahl etwa 800000.

4. Die Tscheremissen betragen etwa 360000, und sie wohnen besonders im Gouvernement Wjatka.

5. Die Syrjanen, mit den engverwandten Wotjaken zusammen auch Permi er genannt, findet man besonders in den Gouvernements Wologoda und Archangelsk, an der Petschora, dem Meilen und den östlichen Zuflüssen der Dwina, etwa 112000 an Zahl. Die W otjaken wohnen im Gouvernement Wjatka und am Oberlauf der Kama, sowie in den Gouvernements Kasan und Ufa. Sie umfassen noch 300000—350000 Menschen.

6. Die Wogulen, meistenteils an der östlichen Seite des. nördlichen Urals sesshaft, bilden mit den ihnen benachbarten Ostjaken den ugrischen Zweig der finnischen Sprachfamilie, von dem wahrscheinlich

7. Die Magyaren, die herrschende Klasse in Ungarn, abstammen. Ihre Zahl betrug 1890 7426730, übertrifft also die aller übrigen finnischen Sprachen zusammengenommen. Sie erscheinen um 836 n. Chr. an der untern Donau und lassen sich am Ende des neunten Jahrhunderts in Ungarn nieder. Ihre Heimat sucht man auf Grund der Sprachverwandtschaft am Ural,, wo sie am südlichsten sassen, wahrscheinlich in der Nachbarschaft türkischer Stämme, wie die Lehnworte wahrscheinlich machen, die sie von diesen erhalten haben.

Die finnisch-ugrische Sprache ist weiter mit dem Samoje-dischen in Nordsibirien und Nordosteuropa und dem türkisch-tatarischen verwandt, und man vereinigt alle diese Idiome unter dem Namen uralaltaischer Sprachzweig, der seit alter Zeit das östliche Europa und Nordasien einnimmt, und den man zu den agglutierenden Sprachen rechnet. Doch ist das eigentliche Finnisch heute durchaus flektierend.

Wo die Urheimat der Finnen zu suchen sei, dürfte ebenso umstritten sein wie die Frage nach der Herkunft der Indogermanen. Während man ihnen früher wie diesen Sitze in Asien anwies, sprechen sich heute auch Stimmen dafür aus, dass sie schon seit Alters in Nordeuropa gewohnt haben. Und in der Tat lässt sich dagegen kaum ein stichhaltiger Grund geltend machen. Man wird in ihnen die uralten Bewohner der Tundren Nordeuropas zu sehen haben, eines Gebietes, das nur eine spärliche Bevölkerung ernähren konnte und fremde Eroberer auch nicht anlockte. Jedenfalls sitzen finnische Stämme seit Alters in Osteuropa und längs der Wolga ziemlich tief bis in den Süden herab. Nachbarn der Indogermanen, die ihnen in der Kultur überlegen waren, sind sie schon mindestens im ersten Jahrtausend vor Christus gewesen. Das zeigen die zahlreichen Lehnwörter, die sie aus dieser Sprache aufgenommen haben. Nach Setälä sind die Indo-Iranier die ersten Indogermanen gewesen, mit denen die finnisch-ugrischen Stämme in Berührung gekommen sind. Der Anfang dieser Berührungen ist auf die Zeit zurückzu führen, wo die finnisch-ugrischen Sprachen noch eine Einheit bildeten oder sich wenigstens in geographischer Hinsicht recht nahe standen. Und es haben nicht nur die iranischen Sprachen auf das Finnisch-ugrische gewirkt, sondern es muss auch der Einfluss einer Sprache vorausgesetzt werden, die dem Indischen näher stand als dem Iranischen. Nach dieser Zeit hat das Litauische eingewirkt. »Es unterliegt keinem Zweifel«, sagt Setälä S. 34, »dass die baltischen Entlehnungen in der mordwinischen Sprache der Zeit nach den iranischen am nächsten stehen. Das geht daraus hervor, dass die meisten baltischen Wörter der mordwinischen Sprache (wie Thomsen gezeigt hat) in den westfinnischen Sprachen nicht selten genau in übereinstimmender Form angetroflen werden, was beweist, dass der Verkehr zwischen den Finnen und ihren nächsten Stammgenossen in der Epoche, wo diese Entlehnungen stattgefunden, noch nicht ganz abgebrochen war.« Wiederum später sind die germanischen Lehnwörter.

Aus alle dem geht also hervor, dass die Finnen seit Jahrtausenden Nachbarn der Indogermanen gewesen sind, und man kommt daher naturgemäss auf den Gedanken, ob nicht die beiden Sprachstämme überhaupt verwandt seien. Und das hat man wirklich behauptet. Obwohl schon im Jahre 1879 N. Anderson diese Hypothese ausführlich zu begründen versucht hat, hat die Ansicht doch wenig Beifall gefunden, bis sich ihrer H. Sweet mit grosser Wärme angenommen hat. Und in der Tat werden keinem, der sich vorurteilsfrei mit dem Finnischen beschäftigt, die auffallenden Ähnlichkeiten entgehen können, die sich zwischen diesem Idiom und unsrer Sprache zeigen. Ich stehe nicht an zu behaupten: Wenn man bei einer neu entdeckten Sprache solche Übereinstimmungen mit dem Indogermanischen fände, wie beim Finnischen, so würde jeder Sprachforscher sie für indogermanisch erklären. Trotzdem kann man sich täuschen und einigen äussern, direkt in die Augen springenden Ähnlichkeiten zu grossen Wert beimessen. Erst wenn wir eine urfinnische Grammatik besitzen, wie wir eine indogermanische haben, und wenn wir weiter in der Analyse der indogermanischen Flexion gekommen sein werden, dann wird es möglich sein, sicher über die Verwandtschaft zu urteilen.

Freilich gehören die finnischen Völker der Rasse nach teilweise sicher nach Asien. Aber doch nur teilweise. Denn sie bestehen auch nicht aus einer einzigen Rasse, und die Bewohner des eigentlichen Finnlands zeigen auch Typen, die mit denen Europas durchaus verwandt sind. Wie das zu erklären sein mag, steht noch dahin. Jedenfalls kann indogermanisches Blut in ihnen stecken. Denn die Nordeuropäer werden sich ebenso nach Osten ausgedehnt haben, wie sie nach Süden und Westen gewandert sind, und wenn so die Asiaten und Europäer zu-sammenstiessen, so musste eine Sprachübertragung und Rassenmischung stattfinden. Dass bei dieser Gelegenheit Europäer finnisiert seien, ist ebensogut möglich, wie in Russland zahlreiche finnische Stämme russifiziert worden sind. Andere Forscher freilich, wie z. B. Ripley, halten die Finnen für ursprünglich blond und sehen in der blonden Bevölkerung Europas indoger-manisierte Finnen. Durch eine Vergleichung des allen finnischen Sprachen gemeinsamen Wortschatzes hat man die älteste Kultur der Finnen ebenso zu erschliessen versucht wie die der Indogermanen. Doch stellen sich hier der Erkenntnis dieselben Schwierigkeiten, ja vielleicht noch grössere entgegen, wie auf indogermanischem Gebiete. Das bedeutendste Werk, das diesen Gegenstand behandelt, ist 1874/75 erschienen, und seitdem hat die Erforschung der finnischen Sprachen natürlich ebensolche Fortschritte wie die der indogermanischen gemacht, so dass man das Buch nicht mehr als eine sichere Grundlage ansehen kann. Ähnliche Wege und Ziele verfolgen J. N. Smirnows Untersuchungen über die Ostfinnen. Doch sind die Ergebnisse dieser Arbeit, wie E. N. Setälä gezeigt hat, zum Teil verfehlt. Das Gutachten dieses Eorschers über die Arbeiten Smirnows ist wohl das bedeutendste, was wir über diesen Gegenstand augenblicklich besitzen. Die wirtschaftliche Entwicklung der Finnen war jedenfalls höher als man gemeinhin annimmt, und es stimmt das zu dem, was wir jetzt von der höheren Kultur der Indogermanen zu wissen glauben. »Es scheint mir«, sagt Setälä S. 15, »aus dem oben genannten klar hervorzugehen, dass in der Zeit des Zusammenlebens der finnisch-mordwinischen Gruppe irgend eine Art primitiven, halb nomadenhaften Ackerbaus, aller Wahrscheinlichkeit nach das »Schwenden« betrieben wurde. Wenn die letztgenannten finnisch-permischen Zusammenstellungen richtig sind, müssen wir daraus schliessen, dass die Anfänge des Ackerbaus den finnisch-ugrischen Stämmen viel früher bekannt waren, als man bisher angenommen hat.« Wenn ich auch mangels eigener Kenntnisse nicht näher auf diese Fragen eingehen kann, so muss ich doch betonen, dass das Dasein von Lehnwörtern, die im Finnischen sehr zahlreich sind, noch nicht den ursprünglichen Mangel des damit bezeichneten Begriffes bedingt. Fremdwörter verdrängen sehr leicht auch alteinheimische Wörter, wofür Onkel, Tante, Cousin, Cousine, Pferd usw. nur ein paar Beispiele aus dem Deutschen sind.

Text aus dem Buch: Die Indogermanen : ihre Verbreitung, ihre Urheimat und ihre Kultur (1905), Author: Hirt, Herman.

Siehe auch:
Die Indogermanen -Vorwort

Die Indogermanen