Schlagwort: Freiheitskampf

Völkische Kräfte bereiten die Befreiung vor.
Das Volk erwacht.

Gleichgültig und ergeben nehmen die meisten Deutschen ihr Schicksal hin. Aber der Freiheitswille ist nicht tot. In Wien und Berlin sammeln sich die Kräfte, die Deutschland Ehre und Freiheit wiedergeben wollen. Wer den Franzosen in die Hände fällt, verliert sein Leben. Das kümmert sie nicht, Freiheit ist wichtiger als Leben! Buchhändler Palm in Nürnberg druckt den Aufruf eines Unbekannten: „Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung“. Napoleon läßt ihn erschießen. In Berlin hält unter den Augen der Franzosen Fichte seine „Reden an die deutsche Nation“: „Geht ihr ferner so hin in eurer Dumpfheit und Achtlosigkeit, so erwarten euch alle Übel der Knechtschaft, Entbehrungen, Demütigungen, der Hohn und Übermut des Überwinders. Ihr werdet herumgestoßen werden in allen Winkeln so lange, bis auf diese Weise euer Volk auslöscht“. Unsere ältesten Vorfahren haben gesiegt, weil das Ewige sie begeisterte, und so siegt immer und notwendig diese Begeisterung über den, der nicht begeistert ist.“ Der Dichter Heinrich von Kleist: „Ich will die höllische Dämonenbrut nicht lieben! Solang sie in Germanien trotzt, ist Haß mein Amt und meine Tugend Rache!“ Ernst Moritz Arndt fragt: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ und antwortet: „Das ganze Deutschland soll es sein!“ Turnvater Jahn sammelt auf der Hasenheide bei Berlin die deutsche Jugend, stärkt im Turnen ihre Kräfte für den Befreiungskampf und predigt ihnen vom deutschen Volkstum. Schillers Freiheitsdichtung „Wilhelm Tell“ wirkt gewaltig. Sein Schwur: „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod als in der Knechtschaft leben!“ wird das Losungswort dieser Zeit.

Deutsche Volksheere im Werden.

Erzherzog Karl führt die Freiheitsbewegung in Österreich. Für die Landwehr wird die allgemeine Wehrpflicht eingefiihrt. Der Reichsfreiherr von Stadion erneuert hier den Staat und weckt den Willen zum Widerstand.

In Preußen arbeitet General Scharnhorst gemeinsam mit dem Verteidiger Kolbergs, General Gneisenau. Er weiß, daß geworbene Söldner, die noch dazu bei den kleinsten Vergehen geprügelt werden, keinen Freiheitskampf fuhren können. Das kann nur ein Heer von Landeskindern, die ihr Hab und Gut, das Leben von Frau und Kind und ihr eigenes Vaterland verteidigen. Aber was tun? Napoleon hat im Diktat von Tilsit nur 42000 Mann erlaubt. Nun, Schamhorst weiß sich zu helfen. 42000 Mann werden eingezogen und mehrere Monate ausgebildet, dann wird ein Teil in die Heimat entlassen, andere treten an ihre Stelle. So wiederholt sich das täuschende Spiel. So wird allmählich ein Heer von einigen hunderttausend Landeskindern geschaffen. Selbstverständlich wird die entehrende Prügelstrafe abgeschafft. Auch Bürger- und Bauernsöhne können Offizier werden, nicht nur die Adligen. Endlich, als die Freiheitsstunde schlägt, wird die allgemeine Wehrpflicht eingeführt.

Erneuerung des preußischen Staates.

Herbst 1807. Im Zimmer des Königs befinden sich die Königin Luise und 1807 der Reichsfreiherr vom Stein. ..Wir haben Euch rufen lassen“, beginnt der König, „um Euch zu fragen, ob Ihr wieder in unserm Dienst an die Spitze der Verwaltung treten wollt.“ Einen Augenblick besinnt sich Stein. „Herr vom Stein“, bittet die Königin, „besinnt Euch nicht. Nur Ihr könnt Preußen und damit Deutschland retten!“ — „Majestät, schon einmal stand ich in Eurem Dienst. Da jagtet Ihr mich als widerspenstigen, trotzigen und ungehorsamen Staatsdiener fort. Erst ein halbes Jahr ist es her!“ grollt Stein. —„Vergesset, was war'“bittet die Königin, der König schweigt. „Nun wohl, in diesem Augenblicke des allgemeinen Unglücks wäre es sehr unmoralisch, seine eigene Persönlichkeit in Ansatz zu bringen. Ich bin bereit!“ Still reicht ihm die Königin die Hand. Mit seinen Getreuen berät Stein.

„Unsere große Aufgabe ist, ein Volk zu schaffen. Wir haben jetzt Stände, aber kein Volk. Da sind der Adel, das Bürgertum, die Bauern; aber alle sind streng voneinander getrennt. Der Adlige, der Bauer können kein bürgerliches Gewerbe treiben, auch wenn sie es möchten; der Bürger darf nicht den Pflug fuhren, auch wenn das Blut seiner Vorväter ihn zur Scholle drängt. Nicht die Leistung, nicht die Tüchtigkeit entscheidet, sondern die Standeszugehörigkeit. Darum fort mit den Ständen, her mit der Volkseinheit!

Unsere weitere Aufgabe ist, aus den Untertanen Staatsbürger zu machen. Jetzt trägt niemand Verantwortung für das Ganze, alles verwalten die Beamten des Königs. Damm fühlt auch niemand Lust und Ursache, für Volk und Staat Opfer zu bringen oder gar das Leben hinzugeben. Wir müssen eine neue Ordnung schaffen. Der Bürger soll seine städtischen Angelegenheiten selbst verwalten. Dann bekommt er auch Freude an der Gemeinschaft.

Deutsche Geschichte

Deutsche Kaiser führen Europa.

Die Sachsen errichten das Reich der Deutschen.
König Heinrich der Große begründet den deutschen Volksstaat.
Heinrichs I. Wahl.

Unter den schwachen Nachfolgern Kaiser Karls war die Einheit der germanischen Stämme im Ostfrankenreich rasch zerbrochen. Mächtige Grafen in Franken, Sachsen, Schwaben, Bayern und Lothringen stiegen zu Herzogen auf und fragten nicht nach dem König. Wo kein Führer ist, da ist auch keine Einheit, keine Ordnung, keine Kraft. Über die Grenzen aber fluteten Normannen, Ungarn und Wenden.

Der letzte ostfränkische Karlinger starb, und Herzog Konrad von Franken wurde der erste deutsche König (911). Aber auch er konnte die Macht des Königtums nicht wiederherstellen. Am wenigsten konnte er gegen die Sachsen und ihren kraftvollen Herzog Heinrich ausrichten. Auf seinem Sterbebett entschloß sich Konrad zu einer edlen Tat. Er rief seinen Bruder zu sich und sprach zu ihm:

„Mein Leben geht zu Ende. Ich konnte das Reich nicht retten. Nur einen weiß ich, der noch helfen kann. Bringe des Reiches Krone unserem Gegner, dem Sachsenherzog!“

Dann schloß er seine Augen, Eberhard aber eilte zu Heinrich.

Auf den Höhen bei Fritzlar im Hessenlande versammelten sich im Jahre 919 Fürsten und Volk beider Stämme zur Königswahl. Eberhard und Heinrich schritten durch die Reihen. Mächtig schlugen die Schwerter an die Schilde und geboten Thingfrieden und Ruhe. Über die Menge hinweg scholl Eberhards Stimme: „Ich benenne Heinrich, den Herzog der Sachsen, als deutschen König und huldige ihm!“ Laut auf jubelten die Sachsen, und auch die Franken vergaßen den alten Groll.

Von der anderen Seite des Berges aber nahte ein feierlicher Zug, Erzbischof Heriger von Mainz mit Krone und Salböl. Auch Heinrich, sollte das Zeichen der Herrschaft aus der Hand der Kirche empfangen. Heinrich jedoch durchschaute das Spiel und wußte es zu vereiteln. Er wollte nicht Diener der Kirche, sondern König der Deutschen sein! Darum lehnte er Krönung und Salbung klug und würdig ab: „Mir ist es genug, daß ich zum. König gewählt bin. Salbung und Krönung sei einem Würdigeren Vorbehalten, ich bin solch großer Ehre nicht wert!“ Das Volk aber verstand ihn und jubelte: „König Heinrich — Heil!“

Heinrich einigt die Deutschen.

Zwei schwere Aufgaben sah der neue Herrscher vor sich. Er wollte alle deutschen Stämme zu einem Volk und Reich zusammenschließen, und er wollte das neue Reich vor allen äußeren Feinden schützen.

Die Bayern waren nicht zur Königswahl erschienen, und ihr Herzog wollte dem neuen Herrn auch nicht folgen. Heinirich zog mit Heeresmacht vor Regensburg. Doch bevor es zum Kampfe kam, lud er den Bayern zu einem Treffen ein und sprach zu ihm: „Gottes Wille ist es, daß mich das Volk zu seinem König gewählt hat. Hätte cs dich auf den Thron erhoben, so hätte dies keiner lieber gesehen als ich. Willst du nun durch deinen Ehrgeiz das Blut so vieler Deutschen opfern?“ Der Herzog war gewonnen und hielt von nun an treu zum Reiche. — Der Schwabenherzog beugte sich der Gewalt der Waffen. — Zuletzt wurde Heinrich von Lothringen anerkannt. Damit 925 war auch das Rheinland gesichert. Eine starke Königsgewalt umfaßte A on nun an alle deutschen Stämme.

Heinrich sichert das Reich.

Waffenstillstand mit den Ungarn.

Nun galt es, das Reich zu schützen. Die furchtbarsten Feinde waren die Ungarn. Oft brausten sie auf ihren schnellen Pferden über Süddeutschland, Thüringen und Sachsen dahin. Kein deutsches Aufgebot vermochte ihnen standzuhalten. Kaum entging ihnen der König selbst, der krank in der festen Burg Werla lag. Heinrich mußte Zeit gewinnen, um ein Heer zu schaffen, das den Ungamschwärmen gewachsen war. Darum gab er einen gefangenen Ungarnfürsten ohne Lösegeld frei, ja, er sagte sogar eine jährliche Abgabe zu. Dafür versprachen die Feinde, neun Jahre Frieden zu halten.

Mit Mut und Eifer ging Heinrich nun daran, Land, Volk und Heer für den Entscheidungskampf vorzubereiten. Die Wehrburgen, die bis jetzt in Friedenszeiten leergestanden hatten, wurden nun an den Grenzen Thüringens und Sachsens dauernd besetzt und verstärkt. Jeder neunte Dienstmann mußte in die Burgen ziehen, während die anderen acht für ihn den Acker bestellten und die Festung mit Vorräten ausrüsteten. Merseburg, Quedlinburg, Goslar, Nordhausen und viele andere feste Plätze bildeten bald einen starken Schutzwall nach Osten und Süden. — Die zweite Sorge des Königs war, ein Reiterheer zu schaffen, das in der Schnelligkeit des Angriffs und der Verfolgung den Ungarn gewachsen war. Da lernte der Bauer wieder reiten und Schild und Lanze gebrauchen. Und mit der Waffentüchtigkeit wuchsen Mut und Selbstvertrauen des Volkes.

Deutsche Geschichte

Tirols Freiheitskampf im Jahre 1809! Wenige Monate voll Opfer und Blut, aber unsterblich für alle Zeiten als ein ruhmvolles Beispiel völkischer Schollenkraft und eines über den Tod triumphierenden Heldentums.

Die Einzelnen Abschnitte zur Deutschen Geschichte:
Germanen der älteren Bronzezeit (um 1600 v.Chr)
Theoderich der Große
Hermann der Cherusker (Arminius)
Die Krone des Heiligen Römischen Reich
Karl der Große
Sachsenherzog Widukind
Otto der Große
Kaiser Heinrich II.
Siegel Otto des Großen und Heunrichs IV.
Der Bamberger Reiter
Heinrich der Löwe
Kaiser Friedrich I. (Barbarossa)
Rudolf von Habsburg
Kaiser Maximillian I.
Kaiser Karl V.
Martin Luther
Albrecht Wallenstein, Herzog von Friedland
Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst
Prinz Eugen
Friedrich der Große
Kaiserin Maria Theresia
Kaiser Josef II.
Erzherzog Karl von Österreich-Teschen
Andreas Hofer
Das letzte Aufgebot (1809)
Freiherr vom und zum Stein
Gebhard Leberecht Fürst von Blücher
Gerhard von Scharnhorst
Ernst Moritz Arndt
Der Wiener Kongreß
Kaiser Wilhelm I.
Otto von Bismarck
Reichspräsident Hindenburg
Der Berliner Kongreß
Krieger vom Grabmal des Unbekannten Soldaten
Conrad von Hötzendorf
Heldenfriedhof der Tiroler Kaiserjäger am Pordoijoch in den Dolomiten
Erich Ludendorff
Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler
Großdeutschland entsteht!

Landkarten Deutsche Geschichte:
Die germanische Weltherrschaft zur Zeit des Theoderich
Das Reich Karls des Großen
Das Heilige Römische Reich auf der Höhe seiner Macht : Deutschland um 1197
Die Auflösung des Heiligen Reiches um 1500
Der Kampf um das Zweite Reich
Das deutsche Sprachgebiet in Europa

Abbildungen Deutsche Geschichte

Am 13. Juni 1878 traten die Vertreter der europäischen Großmächte in Berlin zusammen, um den am 3. März 1878 zu San Stefano abgeschlossenen Präliminarfrieden zwischen Rußland und der Türkei einer Revision zu unterziehen. Auf der Grundlage dieses Kongresses baut sich seit drei Jahrzehnten der europäische Friede auf.

In bewegter Stimmung eröffnete Fürst Bismarck die Verhandlungen. Wenige Tage vorher, am 2. Juni, hatte Nobiling auf Kaiser Wilhelm I. geschossen; schwer verwundet hatte der 81 jährige Herrscher die stellvertretende Regierung seinem Sohne, dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, übertragen müssen, und die Sorge, ob der Stellvertretung nicht bald schon ein Regierungswechsel folgen werde, bedrückte die Seele des Kanzlers mit schwerer Kümmernis. Ernsthaft war in diplomatischen Kreisen der Gedanke einer Vertagung des Kongresses erwogen worden, aber schließlich entschied der Wunsch des Kaisers, und die Verhandlungen nahmen an dem festgesetzten Tage ihren Anfang.

Es ist sicher, daß der Vorstoß Rußlands in erster Linie gegen Österreich, nicht gegen die Türkei gerichtet sein sollte, und nur die Erklärung Bismarcks, nicht zulassen zu können, daß in einem Kriege zwischen Österreich und Rußland „einer von beiden so schwer verwundet und geschädigt werde, daß seine Stellung als unabhängige und in Europa mitredende Großmacht gefährdet würde“, hatte zur Folge,

„daß sich das russische Gewitter von Ostgalizien nach dem Balkan hin verzog“.

Der Ausgang des Russisch-Türkischen Krieges entsprach den Wünschen Rußlands, aber die Friedensbedingungen, die der Zar dem Sultan auferlegte, erregten die Eifersucht Englands, und Österreich stellte sich mit seinen Einsprüchen an die Seite des britischen Kabinetts.

Dem Gedanken eines europäischen Kongresses, der von russischer Seite angeregt wurde, trat Bismarck nur zögernd näher. Im Gegensatz zu dem russischen Staatskanzler, dem Fürsten Gortschakow, war er niemals ein Freund von Diplomatenzusammenkünften gewesen, und persönliche Sympathien für Alexander II. waren es in erster Linie, die ihn veranlaßten, den Wunsch des russischen Kaisers nach einem allgemeinen europäischen Kongreß zu erfüllen, der in Berlin abgehalten werden sollte. In jenen Tagen trat Bismarck das Bild des letzten in Paris 1856 versammelt gewesenen Kongresses vor die Seele. Wenn er mit der Zurücksetzung, die Preußen damals erfuhr, das große Ansehen und die Machtstellung verglich, die Deutschland 1878 einnahm, so konnte er sich mit berechtigtem Stolze sagen, daß er Deutschland zu dieser Höhe geführt hatte; die Entscheidung schwieriger Fragen lag in seiner Hand, und er ermaß daran das Vertrauen, welches die Welt der deutschen Politik entgegenbrachte, die vor zwanzig Jahren noch, bescheiden und mißachtet, an der Schwelle des Kongreßsaales gestanden hatte.

Die Leitung des Berliner Kongresses war für den alternden Kanzler schwere Arbeit in hartem Holz. Es war für ihn eine unendliche Mühe, die widerstreitenden Interessen der einzelnen Mächte in Einklang zu bringen; mit düsteren Gedanken traten sich die Vertreter Englands und Rußlands entgegen, und von der Türkei, deren Selbstgefühl gewachsen war, seit sich die Großmächte Europas einer gar zu großen Verminderung ihres Besitzes und ihres Ansehens widersetzten, befürchtete man Störungen, die zu einer Sprengung des Kongresses und zur Wiederaufnahme der Feindseligkeiten führen konnten. Ihre Sprache wurde entschiedener als sie lange zuvor geklungen hatte, und in dem Gegensatz Englands zu Rußland fand sie stets erneut eine Stärkung ihrer Stellung.

Die bulgarische Frage erregte die heftigsten Gegensätze. Der Vorfriede von San Stefano hatte die Grenzen des neu zu gründenden Fürstentums Bulgarien, das der geplanten Verfassung nach lediglich eine Satrapie Rußlands war, bis an das Agäische Meer und über fast ganz Mazedonien ausgebreitet; es war dies einUmfang, betont Bismarck ausdrücklich, der selbst dann eine Unmöglichkeit gewesen wäre, wenn der Vertrag von San Stefano ungekürzt zur Durchführung gelangt sein würde. Gegen diese Bestimmungen des Präliminarfriedens von San Stefano erhob England am nachdrücklichsten Einsprache und erreichte dadurch, daß die Grenzen des Fürstentums Bulgarien nur bis an den Balkan reichen sollten, mit Einschluß von Sofia, das südlich vom Balkan gelegene Land aber eine autonome türkische Provinz unter dem Namen Ostrumelien bleiben solle. Unwillig nur verzichtete Rußland auf seine bulgarischen Pläne, die es unter dem Widerspruch aller Großmächte, die sich England angeschlossen hatten, nicht aufrechterhalten konnte; daß es aber nach wie vor das von ihm geschaffene Fürstentum als zu seiner Interessensphäre gehörig und als vorgeschobenen Posten gegen die Türkei betrachtete, hat die Geschichte des Fürsten Alexander zur Genüge bewiesen. Wenn sich auch die europäischen Kabinette gegen jede gewaltsame Änderung der Balkanverhältnisse mit allem Nachdruck erklären, so machen die bulgarischen Offiziere doch kein Hehl daraus, daß sie gleichsam mit der Hand am Schwertknauf leben und ungeduldig das Zeichen zum letzten entscheidenden Freiheitskampf an russischer Seite gegen die Türken erwarten.

Gegen die ausgedehnten Verhandlungen über die bulgarische Frage regte sich besonders der Widerspruch des französischen Botschafters Waddington. Ihm, dem klassisch gebildeten Diplomaten alter Schule, lagen vor allem die Interessen Griechenlands am Herzen, und die Zulassung des griechischen Gesandten zum Kongreß ist vor“ allem auf ihn zurückzuführen. Aber Berücksichtigung fanden ihre Wünsche trotzdem nicht. Die Grenzberichtigungen in Epirus und Thessalien, die Griechenland vergebens forderte, wurden einem späteren Zeitpunkt Vorbehalten; erst 1881 erkannten die Mächte ihm den südlichen Teil von Epirus und fast ganz Thessalien zu.

Die serbischen und montenegrinischen Fragen waren, nachdem die Unabhängigkeit beider Staaten von der Türkei ausgesprochen war, schneller erledigt; größere Differenzen und Verhandlungen knüpften sich dagegen an die rumänische Frage. Fürst und Volk in Rumänien hatten nicht vergessen, daß ein großer Teil des Krieges auf ihren Schultern gelastet hatte, und daß die Entscheidung vor Plewna ohne die rumänische Hilfe sehr zweifelhaft gewesen war — nun forderten sie ihren Lohn, und es erregte einen Aufstand in Rumänien, als dem Fürstentum zwar die Unabhängigkeit zuerkannt, aber die Abtrennung Bes-sarabiens von ihm gefordert wurde. Vergebens sprach der rumänische Vertreter von einer allgemeinen Erhebung des Volkes, Rußland hatte seine Forderung gestellt und würde gegen den Bundesgenossen von Plewna eher die Waffen ergriffen haben, ehe es sich die Gelegenheit hätte entgehenlassen, wieder ein Donauuferstaat zu werden, wie es bis zum Pariser Kongreß gewesen war. Mochten die Russen dem Fürstentum Rumänien auch die Inseln der Donaumündung zugestehen, das Gefühl, den Preis des Krieges und Sieges verloren zu haben, von der Türkei zwar unabhängig, dafür aber zur russischen Enklave geworden zu sein, blieb in Rumänien vorherrschend, und die Empörung des Volkes forderte als Opfer für die so ungünstigen Friedensbedingungen die Abberufung der rumänischen Vertreter, die es als die einzig Schuldigen betrachtete, vom Berliner Kongreß.

Nur Österreich konnte mit den Ergebnissen des Kongresses zufrieden sein. In der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina war ihm ein Preis zugefallen, dessen Berechtigung in Österreich selbst scharf bestritten wurde. Vergebens hatten sich die türkischen Vertreter dagegen gesträubt, sie erblickten keine Notwendigkeit, die beiden Landesteile Österreich zur provisorischen Verwaltung zu übergeben, und als sie ihren Widerspruch dem einmütigen Willen der Kongreßmächte gegenüber nicht aufrechtzuerhalten vermochten, klammerten sie sich an die sophistische Auslegung der Vertragsbestimmung, daß Okkupation nicht Annexion sei und daß die Zeiten der Roßschweife und des Halbmondes wiederkehren würden.

Der Erfolg Österreichs war auf Andraszy zurückzuführen, aber die größten Gegner erwuchsen ihm im eigenen Lande, da man ihm vorwarf, um den Preis der Okkupation seine Zustimmung zu der überwiegenden Machtstellung Rußlands in den Donauländern und im Osten der Balkanhalbinsel gegeben zu haben. Man sah darin einen Triumph des Dreikaiserbündnisses und die Blätter der verschiedensten Parteien und Länder erblickten in dem Ergebnis des Kongresses eine Wandlung der Verhältnisse, die Rußland für immer zum Dankesschuldner Bismarcks machen müsse. Dieses Empfinden hatte Bismarck selbst: in der schon erwähnten Reichstagsrede betonte er, nach seinem Gefühle sich ein Verdienst für eine fremde Macht erworben zu haben, wie es selten einem fremden Minister vergönnt gewesen ist. Dem „ehrlichen Makler“, wie er sich in jener Zeit bezeichnete, hat Rußland die Dankesschuld freilich nicht entrichtet, und eine bittere Stimmung der Enttäuschung über diese Haltung der russischen Politik und des russischen Kaisers hat der Kanzler bis an sein Ende nicht verloren.

Geschädigt durch die Festsetzungen des „Berliner Friedens“ war die Türkei; eine Teilung freilich war hintangehalten worden, aber sie schien in den Augen der Welt „geschält wie eine Artischoke“. Sie behielt nur noch einen Schatten von Gebiet und, wie man damals glaubte, auch von Ansehen und Einfluß, man verglich die Reste ihres Besitzes mit dem einstigen Patrimonium Petri des Papstes.

Gortschakow war nicht der einzige der Diplomaten, der am Schluß der Kongreßverhandlungen, am 13. Juli, mit dem Empfinden Berlin verließ, daß die Kongreßakten nur ein Werk des Augenblickes seien und daß in nicht ferner Zeit ein neu ausbrechender Krieg die Schöpfung der Diplomaten zerstören werde. Diese Befürchtung hat sich nicht erfüllt. Alle ehrgeizigen Aspirationen kleiner Despoten bannte der Wille der Großmächte, und ängstlich wachten sie, daß kein lokaler Brand entstehe, der über die Felswände des Balkans oder die Fluten der Donau nach Europa übergreifen könne. Friedlichen Zwecken sollten die Bahnbauten dienen, die bisher unwegsame Gebiete dem Weltverkehr angliedern,undin ruhigen Verhandlungen wurden die mazedonischen Wirren von den Diplomaten Europas geordnet besprechen.

Auch das kleine Montenegro erlangte eine Vergrößerung nach Süden hin undbesetzte nicht ohne harten Kampf mit Türken und Albanern die Städte an der See, Antivari und Dulcigno. Vor allem aber zogen die Engländer Nutzen aus der Not der Türkei, die finanziell und militärisch geschwächt aus dem Kriege hervorging. Sie sicherten sieh zunächst die Insel Cypern. Nicht minder war ihre Fußfassung in Ägypten eine Folge der türkischen Wirren.

Mittlerweile ging inMittelasien das große Duell zwischen England und Rußland weiter seinen Gang. Lediglich, damit Afghanistan nicht von den Kosaken besetzt würde, wollten die Engländer zuvorkommen und fielen, unter Lord Roberts, in Afghanistan ein. Von 1878 bis 1880 blieben sie im Lande, blieben in den beiden Hauptstädten Kabul und Kandahar. Schließlich jedoch wurden sie der Ansicht, daß eine dauernde Besetzung nicht in britischem Interesse liege, zumal die Verpflegung in dem armen, sehr gebirgigen und wenig fruchtbarem Lande außerordentlich schwierig war. Zum Teil ausgehungert, zum Teil durch die Afghanen, die zu den tapfersten Völkern Asiens gehören, unaufhörlich bedroht, räumten die Engländer wieder das Land. Dafür drangen die Russen in Turkestan vor. Sie brachen unter Skobelew 1881 die Kraft der Turkmenen und erorberten 1883 Merv. Hierauf kam es abermals zu Reibereien in Afghanistan und am Pamir.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg

Männer; Völker und Zeiten