Schlagwort: Friedrich Stahl

In den Jahren 1916 und 1917 waren in den Sommerausstellungen des Münchener Glaspalastes dem Maler Friedrich Stahl besondere Säle eingeräumt, die er mit einer reichen Sammlung seiner Bilder ausgestattet hatte. Erst seit diesen Ausstellungen ist der so reich und vielseitig begnadete und merkwürdige Maler auch weiteren Kreisen seiner Vaterstadt und seines Vaterlandes gründlich nach Verdienst bekannt geworden, obwohl er nun schon vierundfünfzig Jahre zählt und seit rund drei Dezennien wohl alljährlich da und dort Werke seiner tiefinnerlichen Kunst sehen ließ — ganz abgesehen von seiner fruchtbaren Tätigkeit als Illustrator. Vielen von jenen vereinzelten Werken war ein starker Erfolg beschieden gewesen — von der Art des ganzen Menschen und Malers hatte man aber erst einen Begriff bekommen, als sich Gelegenheit gab, zahlreiche und ganz verschiedenartige Werke dieser Kunst beisammen zu sehen und die Entwicklung, Quellen und innere Zusammenhänge zu erkennen, während die Meisten doch vordem im einzelnen nur eine mehr oder minder verstandene, kostbare Merkwürdigkeit erblickten. Leicht zu verstehen war eben diese Merkwürdigkeit durchaus nicht. Man sah kein Verhältnis zu irgend einer modernen Schule, während dem einigermaßen in diesen Dingen geschulten Auge schon, was den äußerlichen Vortrag, die Wahl der Typen und Stoffe anging, eine Verwandtschaft mit der florentinischen Malerei der Frührenaissance sich aufdrängte. Und die ganz Klugen wußten auch die Namen derer zu nennen, die der Malerei Friedrich Stahls Paten gewesen sein sollten. Also ein Eklektiker, ein Archaist, ein Retrospektiver, oder so was!

In Wahrheit steht die Sache nun ganz anders: Jene unverkennbaren Anklänge an das Alte sind eben nur das Äußerliche am Wesen des Malers. Brächte man seine Bilder etwa in eine Galerie, die Werke aus jener Epoche enthält, man würde staunen, wie modern sie sich in jener Umwelt ausnähmen, wie selbst alles Technische und Koloristische an ihnen neu und aus eigenem Besitz des Künstlers ist!

Die Gestalten seiner Schöpfungen tragen freilich oft die Gewänder der italienischen Gotik und Frührenaissance, im Hintergrund der Handlungen prangen florentinische Hügellandschaften, seine Stoffe sind Heiligengeschichten, Allegorien, geschichtliche oder phantastische Szenen aus dem Leben jener Tage, Szenen, in die oft die Romantik des Altertums hineinspielt — aber gesehen, gefühlt, erdacht und gemalt hat das Alles ein durchaus moderner und ich meine auch durchaus deutscher Mann, ein Maler von überquellend reicher, selbstschöpferischer Phantasie und einem Können, das Niemanden zu stärkerem Staunen zwingt und zu aufrichtigerem Bewundern, als seine Berufsgenossen — auch die, die auf ganz anderen Wegen wandeln!

Gerade gelegentlich der ersten großen Stahl-Ausstellung in München, 1916, hatten die Besucher des Glaspalastes Gelegenheit zu Vergleichen, die das bestätigten. Damals hatte ein verblüffend geschickter Nachahmer der Alten, dem die Nachahmung geradezu Selbstzweck war, ebenfalls eine große Sammelausstellung im Glaspalast. Wer von ihm zu Stahl kam — und das nicht vorher schon wußte! — mußte sich sofort sagen: das ist ein Eigener! Er ist auch ein Eigener! Ein stiller Einzelgänger, der seit langen Jahren in fast scheuer Zurückgezogenheit schafft, zu keiner Gevatterschaft geschworen und nie auf billige Popularität gerechnet hat. Wenn er jetzt zu den Meistbegehrten gehört und bei seinen Ausstellungen jede Tafel, die verkäuflich ist, auch sofort ihren Liebhaber findet, so hat er nichts dazu getan, als eben den Wert seiner Arbeit. Um den Beifall der Menge gebuhlt hat er wahrlich nicht, sondern still auf seine Zeit gewartet. Die Mehrzahl seiner Bilder ist überaus langsam ausgereift, wurde oft auf lange weggestellt und zu guter Stunde wieder vorgenommen und vollendet. So konnte es geschehen, daß im Zeitraum von ein paar Jahren eine so große Zahl von Werken Stahls, deren intime Durchbildung auch dem Laien offenbar war, vor der Öffentlichkeit erschien. Seine ganze Technik mit ihrem dünnen Farbenauftrag, der eigenartigen Anwendung von Gold, den feinen Lasuren, mit dem Prinzip, die Farbe hier zu dämpfen und dort wie Edelgestein und köstliche Emaille aufleuchten zu lassen, ist des Künstlers ureigenste Errungenschaft, schwer genug zu ergründen oft auch für den kundigsten Techniker. Und doch ist diese, handwerklich so reizvolle Malweise logisch und langsam entwickelt aus Stahls früherer, ganz unproblematischer und in ihrer Art damals höchst moderner Technik.

Friedrich Stahl — am 27. Dezember 1863 zu München geboren — war auf der Akademie zunächst Schüler von L. v. Löfftz und Wilhelm v. Diez. Keiner von Beiden hat ihn stark beeinflußt in seinen malerischen Neigungen, denn das Bild „Schluß der Saison“ mit dem er im Jahre 1887 in Berlin seinen ersten großen Erfolg errang, ward noch in der Schule Diezens begonnen und zeigt in seiner zarten Eleganz und seinen hellen, wohlgestimmten Tönen wohl kaum eine Beziehung zu Diezens Schule. Die Übersiedelung nach der Reichshauptstadt, die um jene Zeit erfolgte, trug sicher dazu bei, daß der Künstler zunächst seine Stoffe mit Vorliebe dem mondänen Leben der Neuzeit entnahm. So entstanden dann die Bilder „Verfolgt“, „Unter den Linden“, „Frage“, „Frühling“, der große „Friedhof im Schnee“ (der Matthaei-Kirchhof in Berlin), der „Ball“, der „Badestrand in Ostende“ und der „Pariser Blumenkorso“ (1897) mit lebensgroßen Figuren, den die Berliner Nationalgalerie besitzt. 1898 verzog der Maler nach England, wo er ebenfalls viele Anregung und Anerkennung fand. Ein figurenreiches Bild der Henley-Regatta, von prickelnder Farben- und Lichtfülle, entstammt den Eindrücken jener Zeit und ist um 1900 gemalt. Von England aus zog es den Künstler zu längeren und kürzeren Aufenthalten nach Italien. Ein Jahr verlebte er in Rom, wo er in der Villa Borghese ein weltabgeschiedenes, idyllisches Studio fand und Aufsehen erregende Bildnisse, u. a. der Kardinäle Vannutelli und Steingruber schuf. Von 1904 —1913 lebte er in Florenz, und in dieser Wunderstadt der Kunst entstand die Mehrzahl der Bilder, die seine heutige Eigenart bekunden, oder sie wurden doch dort begonnen, wenigstens konzipiert. Das Doppelbildnis „Dämmerung“, das hier wiedergegeben ist, ein überarbeiteter Ausschnitt aus einem größeren Werke, auf dem die beiden Köpfe ursprünglich einen Landschaftshintergrund hatten, bildete den Übergang zu der, nach den alten Italienern orientierten, seitdem immer weiter vertieften und vervollkommneten Art, die wir heute an Stahl kennen.

Eine unendlich reiche Schaffenstätigkeit hob nun an, die doppelt bewundernswert ist, weil sie nur bis zum letzten ausgesponnene, im höchsten Sinne vollendete Bilder hervorbrachte. Des Malers Phantasie scheint unerschöpflich in diesen Dingen, ein schwer bestimmbarer Reiz des Geheimnisvollen, dessen letzte Rätsel oft mehr erfühlt als gelöst werden, zeichnet sie aus. Mehr als eine lückenhafte Aufzählung zu geben, verbietet hier schon die Knappheit des Raumes. In diesem Hefte reproduziert ist eine mädchenhafte „Eris“, der linke Flügel des Triptychons „Buondelmonte“ nach einer Episode aus Dante, die köstliche Madonna mit dem Orchideenstrauß, der seltsam entgeisterte junge „Jo-hanaan“. Zwei friesartige, breite Tafeln voll fesselnder Einzelheiten und malerischen Köstlichkeiten in den Figurengruppen und der Landschaft sind „Der Täufer“ und „Der Triumph des Eros“. Voll geistreicher Beziehungen in dieser Art war auch die „Jagd nach dem Glück“, „Der Sieger“, „Der Eingang zum Tempel“, der „Liebesgarten“, „Dekamerone“, „DerImprovisator“ (in der Berliner Nationalgalerie), die „Venetianische Hochzeit“ mit ihren vielen interessanten Figuren, ein paar Versionen des Thema’s „Adam und Eva“, darunter eine feinhumoristischgewendete, „Scherzo“, „Parsival“, „Petri Heil“, die „Salome“, der wunderschöne nackte junge Geiger, seien aus der Fülle dieser Stahl’schen Profanbilder herausgegriffen. Aus der Zahl der Tafeln, die religiöse Stoffe behandeln, sind dann noch zu nennen: „St. Martinus“, „St.Nikolaus“, „DieheiligeCäcilia“, St.Georg“, der heilige Sebastian in mehreren Fassungen, u. a. auch in einer Winterlandschaft. Manches vom Besten mag da noch vergessen sein.

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