Schlagwort: Funkenstationen

Von Dr. Albert Neuburger.

Es gibt Tage, denen für die Entwicklung des Menschengeschlechts eine höhere Bedeutung zukommt, als Dutzenden von jenen, die Millionen von Schülern noch nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Schweisse ihres Angesichtes auswendig lernen müssen. Diese Tage pflegen aber in den Annalen der Weltgeschichte nicht verzeichnet zu sein. Auch von demjenigen Junitage des Jahres 1922 werden diese Annalen vielleicht nichts berichten, an dem mit der Eröffnung der Betriebszentrale der „Transradio“ zu Berlin der drahtlose Weltverkehr seinen Anfang nahm. Und doch leitet dieser Tag ein neues Zeitalter auf dem Gebiete des ganzen Verkehrswesens und damit des Wirtschaftslebens der Völker sowie des kulturellen Fortschrittes ein.

Drahtloser Weltverkehr?

Ja, gab es denn dergleichen bisher nicht? Man konnte doch über die Ozeane hinweg Telegramme senden, und so mancher Leser wir sich vielleicht erinnern, vernommen zu haben, dass die Funkenzeichen der Station zu Nauen in Awanui auf Neuseeland aufgenommen wurden. Die Entfernung beläuft sich auf nicht weniger als auf 20,000 km. Der Umfang des Aequators aber beträgt 40,000 km. Da nun die elektrischen Wellen von Nauen aus nicht nur in der einen Richtung nach Awanui gelangen, sondern da sie sich von den Sendedrähten aus nach den verschiedensten Richtungen hin ausbreiten und somit nicht nur von der einen, sondern von verschiedenen und entgegengesetzten Seiten her in Awanui anlangten, so hatten sie also im vollsten Sinne des Wortes den Erdball umflutet. Damit waren also die Voraussetzungen für einen drahtlosen Weltverkehr gegeben. So sollte man meinen!

Deutsch-Amerikaner

Der Reichspräsident und die Sieger im Internationalen Telegraphistenwettstreit

1 Staatssekretär Dr. Bredow.—2. Frau Erna Bansemer-Breslau, 1. Preis im System Siemens Schnelltelegraph. 3. Meisterschafts – Preisträger Schindler-Wien. — 4. Frl. Kirndörfer-München, 2. Preis im System Siemens Schnelltelegraph. — 5. Jespen-Dänemark, 2. Preis im System Wheatstone. — 6. Reichspräsident Ehert.—7. Pasewaldt-Berlin, 1. Preis im System Radio. — 8. Kurt Müller-Berlin, 1. Preis im System Hughes. — 9. Renate Lembardo-ltalien, 2. Preis im System Hughes. — 10. Hauersley-Dänemark, 1. Preis im System Wheatstone.

 

Der grosse internationale Telegraphistenkongress in Berlin wurde durch eine Festsitzung im Reichstag offiziell eröffnet. Zu ihr hatten sich Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden, der Stadt Berlin, der elektro technischen, insbesondere der telegraphischen und funkentelegraphischen Industrie sowie zahlreiche Teilnehmer aus den verschiedensten Ländern der Erde eingefunden.

Zum Wettstreit hatten sich allein aus Deutschland 213 Teilnehmer eingefunden. Aus Italien waren 73, aus den Niederlanden 9, aus Oesterreich 10, aus Russland 8. aus der Schweiz 3, aus Spanien 3, aus Portugal 8, aus Dänemark 14, aus Ungarn 4, aus Norwegen 1 erschienen. Des weiteren waren Vertreter der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, des Freistaates Danzig u. s. w. anwesend.

Zunächst begrüsste der Reichstagspräsident Loebe die Gäste und wüuschte der Veranstaltung in Anbetracht des edlen Wettstreits der geistigen und körperlichen Betätigung den bösten Erfolg. Er wies darauf hin, dass die Telegraphisten Hilfsorgane in dem Bestreben darstellen, die Menschen zu vereinigen, stellen sie ihre Kräfte doch in den Dienst der Verständigung. Staatssekretär Dr. Bredow führte aus, dass die Mailänder Telegraphisten den Ruhm beanspruchen können, den ersten internationalen Wettstreit dieser Art veranstaltet zu haben, sie waren es, die im Jahre 1899 zur Volta-Feier in Como eingeladen hatten. Zwölf Jahre später, im August 1911 wurde anlässlich des 50jährigen Bestehens des Königreichs Italien vom Ministerium der Post und Telegraphen ein grosser Wettstreit, veranstaltet, an dem mehr als zweihundert Telegraphisten aus 17 Ländern teilnahmen. Glänzende Leistungen wurden erzielt, und die hervorragend verlaufene Veranstaltung erweckte bei allen Teilnehmern den Wunsch, die Einrichtung der internationalen Telegraphistenwettbewerbe zu einer dauernden zu machen. Seitdem sind elf Jahre vergangen, und die Welt hat ihr Antlitz von Grund auf ändern müssen, ehe es möglich war, wieder an eine internationale Veranstaltung dieser Art heranzutreten.

Deutsch-Amerikaner

Die von der Zentralstation für Funkentelegraphie in Nauen bei Berlin mit anerkennenswerter Energie betriebenen Versuche zur Erreichung möglichst grosser direkter Verbindungen haben in allerjüngster Zeit zu einem staunenswerten Ergebnis geführt, das die bisherigen Leistungen ganz bedeutend übertrifft. Die grösste Entfernung, zwischen denen eine unmittelbare Verbindung und ein ständiger Verkehr mit drahtloser Telegraphie unterhalten werden konnte, betrug im Jahre 1909 etwa 5000 Kilometer; es war nicht gelungen, eine grössere Leistung zu erzielen. Die Station Nauen vermochte wohl einen nach New York fahrenden Dampfer der Hamburg-Amerika-nischen Packetfahrtgesellschaft und ein Schiff der Südamerika-Linie über 5000 Kilometer mit Nachrichten zu versehen, die Schiffe konnten jedoch die Mitteilungen nicht beantworten. Die zwischen der Station und den Schiffen gelegenen grossen Bodenerhebungen bildeten ganz bedeutende Ablenkungspunkte für die elektrischen Luftwellen und verhinderten so eine sichere Verbindung. Nun ist es der Grossstation Nauen bei ihren unausgesetzten Vervollkommnungsversuchen gelungen, solch ungeheure Energien in Schwingungen umzusetzen, dass auch die hohen Gebirge in der Zukunft für die ausgesandten Wellenstrahlungen kein Hindernis mehr bilden.

Die Station Nauen hat es zustande gebracht, mit einem von Hamburg nach Westafrika fahrenden Dampfer der Woermann-Linie, der mit gewöhnlichen Telefunken-Empfängern ausgerüstet war, für die ganze Dauer seiner Ausreise in ständiger Nachrichten-Verbindung zu bleiben Dieser Verkehr mit drahtloser Telegraphie wurde auch noch aufrechterhalten und fortgesetzt, als das Schiff in Kamerun vor Anker gegangen war. Die auf diese Weise überbrückte Entfernung von Nauen bis Kamerun beträgt 6600 Kilometer. Erhebungen, wie die mitteleuropäischen Zentral-Alpen, das Hochplateau Algeriens und das Randgebirge von Adamana, deren Höhen gewiss nicht unbedeutend sind, boten für die Aufrechterhaltung und Durchführung des Verkehrs keinerlei Hindernisse; er ging vielmehr mit überraschender Leichtigkeit von statten. Dies verdient um so mehr Anerkennung und Bewunderung, als die Nachrichten, die sich aus Zeitungsberichten und Zahlen zusammensetzten, chiffriert übermittelt wurden.

Dieser Erfolg ist die bedeutendste Leistung der Radiotelegraphie, die bisher über den festen Erdteil hinweg zwischen Land und Schiff erzielt worden ist; er gibt uns aber auch die Garantie für eine sichere Verbindungsmöglichkeit zwischen Nauen und Kamerun.

Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“

Kolonie und Heimat

Von Hauptmann M. Bayer.


Je weiter in den grossen Kolonialgebieten die Stationsbesatzungen auseinanderliegen, und je schwächer sie sind, um so wichtiger ist ihre gute Verbindung untereinander und mit der Küste. Der Durchführung einer ausreichenden telegraphischen Verbindung stellen sich jedoch in der Praxis viele Schwierigkeiten entgegen. Die Leitungen der Telegraphen sind ausserordentlich empfindlich und leicht zu unterbrechen. In Kriegszeiten, während, der Aufstände, versagen also meist die Telegraphenverbindungen, wenn man sie am allernötigsten braucht, weil die Eingeborenen sehr wohl wissen, wozu uns die langen Drähte dienen. Wirbelstürme, tropische Gewitterregen, stürzende Felsen, umgebrochene Bäume, reissende Gewässer werden die Drähte immer wieder und mitunter auf lange Zeit unbrauchbar machen. Auch das Getier des Urwaldes und der Steppe pflegt geradezu mit Vorliebe diesem „Gebild von Menschenhand“ allerhand Schabernack anzutun. Besonders unsere vierhändigen, behaarten und geschwänzten Vettern wissen nichts Vergnüglicheres zu erfinden, als die Telegraphenstangen zu erklettern, um die glänzenden weissen Glocken zu zerschlagen oder um auf den gespannten Drähten herumzuturnen, und die Giraffen scheinen eigens ihr Haupt so hoch zu tragen, damit sie imstande sind, die Telegraphenleitungen durchzureissen. Auch Elefanten, Raubvögel, Termiten, Schlangen, Holzwürmer und andres Urwaldvolk tun je nach Talent und Feuer ihr möglichstes, um einen „normalen Betrieb“ der grossen afrikanischen Telegraphenstrecken zu hindern. Dazu kommen dann noch die elektrischen Störungen der in den Tropen so häufigen Gewitter. Aus allen diesen Gründen ist die mit Drahtleitungen arbeitende Telegraphie in Afrika höchst unsicher. Nach dem heutigen Stande der Technik scheint nun erwiesen, dass die drahtlose Telegraphie dafür Ersatz bieten kann. Zunächst bedarf die drahtlose Telegraphie, das besagt schon der Name, keiner verbindenden Leitung von Station zu Station, wodurch allen zwei-, vier- und sechsbeinigen Störenfrieden das Handwerk gelegt ist. Die Einrichtung drahtloser Stationen ist höchst einfach: Ein empfangender und ein gebender Apparat werden in verhältnismässig weiter Entfernung von einander aufgestellt — das ist alles. Also kein langwieriger Bau von Leitungen. Die Funkenstation selber ist leicht zu sichern, abzubrechen und zu verlegen.

Kolonie und Heimat