3. Reich Wehrmacht 300 deutsche Wehrmachtsbilder Abbildungen

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Die Todesfahrt der Schlachtkreuzer. Admiral Scheer entzieht die Flotte der Umklammerung. Torpedobootsangriffe. Loslösung vom Feind.


In den bisherigen Gefechtsabschnitten waren wir glückhaft von Triumph zu Triumph geschritten. Wir hatten die Seeschlacht in ihrer ganzen wilden Schönheit kennen gelernt. Nun sollten uns auch ihre Schrecken nicht erspart bleiben!

Während der Gefechtspause hatte ich mich, ohne mein umgeschnalltes Kopftelephon abzulegen, auf der Kommandobrücke aufgehalten. „Wo steht der Feind?“ rief ich, als ich wieder an meinem Sehrohr stand. „Backbord querab mehrere kleine Kreuzer!“ wurde mir gemeldet. Um die schwere Artillerie für wichtigere Ziele aufzusparen, befahl ich Kapitänleutnant Haußer, die kleinen Kreuzer mit den 15 cm-Geschützen unter Feuer zu nehmen. Er eröffnete das Feuer auf 70 Hundert. Ich suchte mittlerweile den Horizont ab. Da sich keine anderen Schilfe zeigten, eröffnete ich mit der schweren Artillerie ebenfalls das Feuer auf einen der mir als kleinen Kreuzer gemeldeten Schiffe. Die feindlichen Schiffe standen wieder mal an der Grenze der Sichtigkeit. Jetzt feuerten sie lebhaft, und da beobachtete ich, daß das Schiff, das ich aufs Korn genommen hatte, Vollsalven aus vier Doppeltürmen feuerte! Die Umrisse unseres Gegners wurden einen Augenblick klarer, und ich erkannte einwandfrei, daß uns große Schiffe gegenüberstanden! Großkampfschiffe der allergrößten Sorte mit 38 cm-Geschützen! Wo man hinsah, blitzte es jetzt auf.

Der Flottenchef hatte mittlerweile die Gefahr erkannt, die unserer Flotte drohte. Die Spitze unserer Flotte war halbkreisförmig von der feindlichen Flotte umgeben. Wir befanden uns tatsächlich im absoluten „Wurstkessel“! Zur Befreiung aus dieser taktisch ungünstigsten Stellung gab es nur ein Mittel: Herumwerfen der Linie, also Kehrtmachen der ganzen Flotte auf Gegenkurs. Erst mal raus aus der gefährlichen Umklammerung! Aber dieses Manöver mußte unbemerkt und ungestört ausgeführt werden. Die Schlachtkreuzer und die Torpedoboote mußten die Bewegung der Flotte decken! Der Flottenchef gab um etwa 9 Uhr 12 Minuten an die Flotte das Signal für die Kehrtwendung auf Gegenkurs und fast gleichzeitig an die Schlachtkreuzer und Torpedoboote den historischen Funkspruch: „Ran an den Feind!“ Der Signalgast las um 9 Uhr 13 Minuten in unserem Kommandostand den Funkspruch vor, und zwar fügte er die Erklärung hinzu, die im Signalbuch hinter dem Signal stand: „Den Feind rammen! Die befohlenen Schiffe sich rücksichtslos einsetzen!“ Ohne mit der Wimper zu zucken, befahl der Kommandant: „Äußerste Kraft voraus! Kurs Süd-Ost!“ Wir steuerten, gefolgt von „Seydlitz“, „Moltke“ und „von der Tann“ zuerst auf Süd-Ost-, dann von 9 Uhr 15 Minuten ab auf Süd-Kurs direkt auf die Spitze der feindlichen Linie zu. Und nun ging besonders auf „Derfflinger“ als Spitzenschiff ein Höllenfeuer los. Mehrere Schiffe schossen gleichzeitig auf uns. Ich wählte mir ein Ziel und schoß ebenfalls so schnell wie möglich. Erst betrugen die Entfernungen, die mein getreuer Listenführer in der Zentrale buchte, 120 Hundert, dann sanken sie bis auf 80 Hundert. Und immer noch ging es mit äußerster Kraft hinein in den Hexenkessel, in dem wir dem Gegner ein prächtiges Ziel boten, während unsere Gegner noch immer recht schlecht zu erkennen waren. Korvettenkapitän Scheibe schildert in seiner Beschreibung der Seeschlacht diese,, Attacke“ folgendermaßen: „Die Schlachtkreuzer, die während der Umschiffung des Admirals Hipper vorübergehend vom Kommandanten des ,Derffiinger‘ geführt wurden, werfen sich jetzt mit rücksichtslosem Einsatz, höchste Fahrt laufend, zum Heranbringen der Torpedoboote auf die feindliche Linie. Ein dichter Geschoßhagel überschüttet sie auf ihrem ganzen Wege vorwärts.“

Salve auf Salve schlug in unserer unmittelbaren Nähe ein, und Treffer auf Treffer traf unser Schiff. Es waren aufregendste Minuten. Mit Oberleutnant v. Stosch hatte ich keine Verbindung mehr, die Telephon- und Sprachrohrleitungen zum Vormars waren durchschossen. So war ich beim Schießen nur auf meine eigenen Beobachtungen der Aufschläge angewiesen. Noch hatte ich bisher mit allen vier schweren Türmen geschossen, da ereignete sich um 9 Uhr 13 Minuten eine schwere Katastrophe. Ein 38 cm-Geschoß durchschlug den Turmpanzer von Turm „Cäsar“ und explodierte im Innern des Turmes. Dem tapferen Turmkommandeur, Oberleutnant zur See v. Boltenstern, wurden beide Beine abgerissen, und mit ihm wurden fast sämtliche Geschütz-Bedienungsmannschaften getötet. Durch Sprengstücke wurde im Turm eine Haupt- und eine Nebenkartusche entzündet. Der Feuerstrahl der entzündeten Kartuschen schlug in die Umladekammer, wo er zwei Haupt- und zwei Nebenkartuschen auf jeder Seite entzündete, und von da in die Kartuschkammer, wo ebenfalls zwei Hauptkartuschen und zwei Nebenkartuschen verbrannten. Die Kartuschen brannten mit großen Stichflammen ab, die haushoch aus dem Turm in die Höhe schlugen, — aber sie brannten nur, sie explodierten nicht, wie es die Kartuschen bei unserem Gegner getan hatten! Das war die Rettung für unser Schiff! Aber trotzdem war die Wirkung des Abbrennens der Kartuschen katastrophal! Die ungeheuren Stichflammen töteten alles, was in ihren Bereich kam. Von den 78 Mann der Turmbesatzung gelang es nur fünf Mann, sich durch das für das Auswerfen von Kartuschhülsen vorgesehene Loch zu retten, zum Teil schwer verwundet. Die übrigen 73 Mann starben gleichzeitig, mitten in fieberhafter Kampfestätigkeit, den Heldentod, in treuster Pflichterfüllung die Befehle ihres Turmkommandeurs ausführend.

Wenige Augenblicke nach dieser Katastrophe erfolgte eine zweite. Ein 38 cm-Geschoß schlug auf die Turmdecke des Turmes „Dora“, durchschlug die Turmdecke und explodierte auch hier im Innern des Turmes. Und wieder geschah das Entsetzliche: bis auf einen einzigen Mann, der bei der Explosion durch den Luftdruck durch ein Einsteigeloch aus dem Turm geschleudert wurde, fand die gesamte Turmmannschaft einschließlich aller Munitionskammerleute in Stärke von 80 Mann den gleichzeitigen Tod. Unter Führung des tapferen Turmführers, des Stückmeisters Arndt, hatte die Besatzung des Turmes „Dora“ bis zur letzten Sekunde heldenmütig gekämpft. Auch hier hatte die Stichflamme bis in die tiefgelegene Kartuschkammer hinunter alle Vorkartuschen entzündet, die sich nicht mehr in dem schützenden Packgefäß befanden, sowie einige Hauptkartuschen. Nun schlugen aus beiden achteren Türmen haushohe Flammen gen Himmel mit gelben Rauchmassen vermischt, zwei schauerliche Grabfackeln.

Um 9 Uhr 15 Minuten bekam ich Meldung aus der Artilleriezentrale: „Gäsgefahr in der Artilleriezentrale der schweren Artillerie. Zentrale muß verlassen werden!“ Ich erschrak etwas. Das mußte ja bös aussehen im Schiff, wenn die giftigen Gase schon in die Artilleriezentrale, die so vorzüglich abgeschlossen war, eindrangen! Ich befahl: „Schaltung vorderer Stand!“ und stellte gleich darauf fest, daß die Artillerieapparate tatsächlich vorm Verlassen der Zentrale noch auf den vorderen Stand geschaltet waren. Ich konnte nunmehr die Artillerie so leiten, daß ich meine Befehle durch einen Sprachschlauch einem Befehlsübermittler, der unter dem durchlöcherten Blech saß, auf dem ich stand, zurief. Dieser gab die Befehle durch seine Artillerietelephone und -telegraphen unmittelbar an die Geschütztürme weiter. Dadurch erhöhte sich zwar der Stimmenlärm im Artilleriestand, aber es bestand doch immerhin eine Möglichkeit, die Artillerie zu leiten. Es prasselte jetzt Treffer auf Treffer ins Schiff! Der Feind war ausgezeichnet eingeschossen. Mir krampfte das Herz zusammen, wenn ich an die Ereignisse dachte, die sich jetzt im Innern des Schiffes abspielen mußten! Uns im gepanzerten Stand war’s ja bisher immer noch sehr gut gegangen. ……. Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen. Plötzlich war es uns wie Weltenuntergang. Ein ungeheures Rauschen, eine gewaltige Detonation, und dann ward es Nacht um uns, wir spürten einen ungeheuren Schlag, der ganze Kommandoturm wurde wie von Riesenfäusten gepackt, in die Höhe geworfen und federte dann zitternd wieder in seine alte Stellung zurück. Ein schweres Geschoß hatte den Artilleriestand getroffen, etwa 50 cm von mir entfernt. Das Geschoß detonierte, konnte aber den dicken Panzer nicht durchschlagen, weil es in ungünstigem Winkel aufgeschlagen war. Doch hatte es gewaltige Stücke aus dem Panzer herausgebrochen. Giftig grün-gelbe Gase schlugen durch die Sehschlitze in unseren Stand. Ich rufe; „Gasmasken runter!“ und sofort zieht sich jeder seine Gasmaske über das Gesicht. Ich leite das Feuer mit aufgesetzter Gasmaske weiter, wenn es mir auch schwer wird mich verständlich zu machen. Doch verziehen sich die Gase bald, vorsichtig nehmen wir die Masken wieder ab. Wir vergewissern uns, daß die artilleristischen Apparate in Ordnung sind. Nichts ist zerstört! Selbst die Feinmechanismen der Richtungsweiseranlage sind merkwürdigerweise dank ihrer federnden Anbringung noch in Ordnung. Einige Sprengstücke waren durch Sehschlitze in den vorderen Kommandostand geflogen und hatten dort einige Leute, unter anderen den Navigationsoffizier, verwundet. Durch den ungeheuren Stoß war die schwere Panzertür des Kommandostandes aufgesprungen und stand sperrangelweit offen. Vergeblich versuchten zwei Mann sie wieder zuzukurbeln, es war ganz unmöglich, so fest klemmte sie. Da kam eine unerwartete Hilfe. Wieder hörten wir ein ungeheuerliches Sausen und Krachen, und mit dem Donner eines einschlagenden Blitzes explodiert eine 38 cm-Granate unter der Kommandobrücke. Ganze Decksplatten fliegen durch die Luft, ein ungeheurer Luftdruck wirft alles, was nicht niet- und nagelfest ist, über Bord. So verschwindet z. B. das Kartenhaus mit allen Karten und Apparaten und — last but not least — mit meinem schönen Mantel, den ich ins Kartenhaus hatte hängen lassen, für immer von der Bildfläche. Und etwas Erstaunliches geschieht dabei: durch den ungeheuren Stoß des krepierenden 38 cm-Geschosses wird die Panzertür des Artilleriestandes wieder zugeworfen! Ein höflicher Mann, der Engländer! Hatte er uns die Tür geöffnet, so hatte er sie uns nun auch wieder zugemacht. Ob das ganz beabsichtigt war? Auf jeden Fall waren wir sehr froh darüber.

Ich suchte mit meinem Sehrohr wieder nach dem Gegner. Immerzu schlugen die Salven bei uns ein, wir aber konnten fast nichts vom Feinde, der uns im großen Halbkreise umgab, sehen. Das einzige, was gut zu sehen war, waren die riesigen, rotgoldenen Flammen des Mündungsfeuers. Von den Schiffsrümpfen sah man nur selten etwas. Ich ließ die Entfernung von den Mündungsfeuern messen. Das war die einzige Möglichkeit, die Entfernung vom Feinde festzustellen.. Und ohne große Hoffnung darauf, dem Gegner viel Abbruch zu tun, ließ ich von den beiden vorderen Türmen Salve auf Salve feuern. Ich fühlte, wie unser Schießen die Nerven unserer Besatzung beruhigte. Hätten wir jetzt nicht geschossen, der ganzen Besatzung des Schiffes hätte sich in diesen Momenten eine große Hoffnungslosigkeit bemächtigt, denn jedermann merkte: nur noch wenige Minuten so weiter, dann sind wir verloren. Solange wir aber noch schossen, konnte es noch nicht ganz schlecht mit uns stehen. Auch die Mittelartillerie schoß, aber von den sechs Geschützen der Seite waren nur noch zwei brauchbar. Das Rohr des vierten Geschützes war infolge eines Rohrkrepierers auseinander geborsten, und das dritte Geschütz war völlig zerschossen. Die beiden noch intakten 15 cm-Geschütze schossen aber lebhaft mit.

Leider versagte jetzt im Turm „Bertha“ die Richtungsweiseranlage. Nun hatte ich bloß noch einen einzigen Turm, den ich mittels meines Sehrohres auf den Gegner richten konnte! Dem Turm „Bertha“ wurde aus der Artilleriezentrale nach dem Kontrollapparat dauernd die Richtung meines Sehrohres zugerufen, das war ein gewisser Anhalt für den Turmkommandeur, genügte aber natürlich nicht bei dem in dauernder Bewegung befindlichen Schiffe. Und mit dem Turmfernrohr war der Feind vom Turmkommandeur auf die Dauer nicht festzustellen. Man sah ja eigentlich nur die feurigen, leckenden Augen, die das uns gegenüberstehende Ungeheuer gelegentlich öffnete — nämlich wenn es eine Salve schoß. Ich schoß jetzt immer auf ein Schiff, das abwechselnd Doppelschüsse aus je zwei Türmen feuerte. Wie zwei feurige, breite Augen sah dann das Mündungsfeuer aus. Und plötzlich schoß mir durch den Kopf, wo ich so etwas bereits einmal gesehen hatte: Sascha Schneiders Bild „Das Gefühl der Abhängigkeit“ hatte in. mir ähnliche Gefühle erweckt, wie ich sie jetzt empfand. Es stellt ein schwarzes Ungeheuer mit verschwommenen Umrissen dar, schläfrig seine feurigen Augen ab und zu auf einen gefesselten Menschen richtend, bereit zur tödlichen Umarmung. Nicht viel anders kam mir unser Zustand jetzt vor. Doch der Kampf mit dem Ungeheuer mußte ausgekämpft werden! Der Turm „Anna“ unter der Führung des braven Stückmeisters Weber — den Turmkommandeur hatte ich als Ersatz für den abkommandierten vierten Artillerieoffizier in den hinteren Stand geschickt — schoß unentwegt weiter, und ebenfalls die wackere „Schülzburg“, letztere allerdings häufig auf ein anderes als das befohlene Ziel. Ohne Richtungsweiser war es eben unmöglich, beide Türme stets auf dasselbe Mündungsfeuer des Gegners schießen zu lassen.

Um 9 Uhr 18 Minuten empfingen wir den funkentelegraphischen Befehl vom Flottenchef: „Auf die feindliche Spitze manövrieren!“ Das hieß, wir sollten nicht mehr in den Gegner hineinlaufen, sondern wir sollten ein laufendes Gefecht mit den feindlichen Spitzenschiffen führen. Wir drehten daraufhin auf West-zu-Süd ab. Unglücklicherweise stand nunmehr der Gegner so weit achterlich, daß ich ihn im vorderen Stand nicht mehr sehen konnte. Nun hätte die Leitung auf den achteren Stand übergehen müssen. Aber die dafür notwendige Schaltung konnte nur in der Zentrale ausgeführt werden. Die aber war ja zur Zeit nicht verwendungsfähig. So bestand denn tatsächlich augenblicklich keine Möglichkeit, die beiden vorderen Türme, denn um die allein handelte es sich ja nur noch, zu leiten! Ich befahl: „Türme selbständig!“ Und eine Zeitlang feuerten nun die beiden Türme unter Leitung ihrer Turmkommandeure selbständig. Ich beobachtete, daß Turm „Bertha“ das hart achteraus stehende Ziel schnell erfaßte und lebhaft feuerte. Auch Turm „Anna“ griff bald ins Feuer ein. Eine Zeitlang stand der Gegner genau hinter uns, so daß ihn die vorderen Türme nicht mehr bekommen konnten, da ihr Bestreichungswinkel nur bis 220° reichte. Da konnten wir uns überhaupt nicht mehr wehren! Beim Abdrehen feuerte der Torpedooffizier auf 80 hm einen Torpedo. Gleichzeitig griffen unsere Torpedoboote, die bisher hinter uns gestanden hatten, an. Mehrere Flottillen brachen gleichzeitig zum Angriff vor. Ein dichter Qualm legte sich zwischen uns und die feindlichen „Ungeheuer“. Ein wildes Schlachtengetümmel bot sich wieder einmal unseren Augen. Schwer war es, Feind und Freund auseinanderzuhalten. Immer neue Torpedoboote stießen in den Qualm hinein, verschwanden darin, kamen für kurze Augenblicke wieder zum Vorschein. Andere Boote kamen bereits wieder zurück, sie hatten ihre Torpedos bereits geschossen. Die Flottillen sammelten sich bei uns nach dem Angriff und griffen dann noch ein zweites Mal an. Der Feind entschwand jetzt unseren Blicken und die feindlichen Aufschläge hörten auf. Wir atmeten erleichtert aufl Das feindliche Feuer donnerte und grollte zwar nach wie vor, aber wir waren für den Gegner keine Zielscheibe mehr. Da um 9 Uhr 15 Minuten mein Listenführer die Artilleriezentrale mit hatte räumen müssen, ist leider von dieser Zeit ab für diesen Gefechtsabschnitt keine Liste geführt worden.

Aus der Artilleriezentrale ist um 9 Uhr 23 Minuten gemeldet worden: „Artilleriezentrale ist wieder besetzt. Ich erfuhr später, daß die Gasverseuchung dadurch entstanden war, daß dicke gelbe Gasschwaden aus den Sprachrohren vom Turm „Cäsar“ in die Zentrale getreten waren. Im Eifer des Gefechtes hatte sie niemand gleich bemerkt. Plötzlich war die ganze Zentrale damit angefüllt! Alles reißt die Gasmasken herunter. Der Befehlsübermittlungs-Offizier, Leutnant zur See Hoch, kommandiert noch „Artillerieapparate auf vorderen Stand schalten!“ und dann läßt er die Zentrale räumen. Gleich darauf begibt sich der tapfere Mechaniker Schöning, mit sorgfältig angelegter Gasmaske, wieder in die Zentrale. Er tastet sich durch die giftigen Gasmassen, die den Raum vollständig erfüllen, zu den Sprachrohren und schließt sie mit Holzpfropfen. Mittlerweile wird die elektrische Ventilation angestellt, und nach wenigen Minuten wird es lichter in der Zentrale, die Gase werden abgesaugt, und die Befehlsübermittler begeben sich wieder auf ihre Stationen.

Eine Gefechtspause war dringend erforderlich! Um 9 Uhr 37 Minuten konnte, da kein feindliches Schiff mehr in Sicht war, Gefechtspause befohlen werden. Alle Geschützmannschaften mußten an Deck zum Feuerlöschen. Der vordere Kommandostand war ganz in Flammen und Rauch gehüllt, die 15 cm-Geschützmannschaften wurden zum Löschen befohlen. Der Geschützkampf ruhte, aber im Schiff wurde ein hartnäckiger Kampf gegen Wasser und Feuer geführt. Obwohl aus dem Schiff nach Möglichkeit alles Brennbare entfernt worden war, so fand das Feuer doch immer Nahrung, besonders im Linoleum, den Holzdecks, Kleidungsstücken und in der Ölfarbe. Gegen 10 Uhr waren wir der feindlichen Elemente in der Hauptsache Herr geworden, nur an einzelnen Stellen noch schwelte der Brand. Die Türme „Cäsar“ und „Dora“ qualmten noch etwas, dicke gelbe Gase strömten noch gelegentlich heraus, aber auch dies hörte allmählich auf, nachdem die Munitionskammern geflutet waren. Nie hätte jemand von uns geglaubt, daß ein Schiff so viele schwere Treffer aushalten könne! Etwa zwanzig 38 cm-Treffer stellten wir nach der Schlacht fest, und etwa ebensoviel schwere Treffer von geringerem Kaliber. Die Widerstandsfähigkeit unserer Schiffe in Verbindung mit ihrer gewaltigen Waffenwirkung hat den Erbauern unserer Flotte, besonders dem genialen Großadmiral v. Tirpitz, ein glänzendes Zeugnis ausgestellt.

„Lützow“ war nicht mehr zu sehen. Um 9 Uhr 20 Minuten war im hinteren Stand aufgeschrieben worden: „Ziel verdeckt durch dicken Qualm von ,Lützow‘.“ Dann war das brennende Schiff in der immer mehr zunehmenden Unsichtigkeit verschwunden.

Aber unsere Kampfgenossen „Seydlitz“, „Moltke“ und „von der Tann“ waren noch bei uns. Auch sie waren bös zugerichtet! Vor allem der „Seydlitz“ hatte man übel mitgespielt. Auch hier schlugen haushohe Flammen aus einem Geschützturm. Auf allen Schiffen brannte es. Der Bug der „Seydlitz“ lag tief im Wasser. Admiral Hipper hatte, als er mit seinem Torpedoboot längsseit der „Seydlitz“ lag, erfahren, daß sie keine F-T-Einrichtung mehr besäße, und daß bereits mehrere tausend Tonnen Wasser im Schiff seien. Da wollte er auf die „Moltke“ übersteigen, die von Kapitän zur See v. Karpf, dem früheren Kommandanten der „Hohenzollern“, geführt wurde. Aber als er übersteigen wollte, bekam das Schiff gerade ein solches Höllenfeuer, daß der Kommandant mit der Fahrt nicht heruntergehen konnte. Auch auf „Derfflinger“ wurde von Admiral Hipper angefragt, welche Gefechtsstörungen wir hätten. Als gemeldet wurde: „Es feuern nur noch zwei 30,5 cm und zwei 15 cm der Backbordseite. 3400 Tonnen Wasser im Schiff, alle Signalmittel bis auf F-T-Empfang zerstört“, hat er darauf verzichtet, zu uns überzusteigen. Er stieg auf „Moltke“, sobald die Gefechtslage es gestattete. Doch hat während des ganzen vierten Gefechtsabschnittes der Kommandant des „Derfflinger“ die Schlachtkreuzer geführt. Der Name des Kapitäns zur See Hartog ist mit der Todesfahrt der Schlachtkreuzer vorm Skagerrak für alle Zeiten unlöslich verbunden.

Auf allen unseren Schlachtkreuzern waren eine große Menge tapferer Männer dahingerafft worden. Hunderte hatten den Heldentod in diesem stolzen Angriffe erlitten. Aber unsere Aufgabe, gemeinsam mit den Torpedobootsflottillen das Rückzugsmanöver der Flotte zu decken, war glänzend erfüllt worden. Admiral Scheer konnte die Flotte völlig unverletzt der drohenden Umklammerung entziehen.

Aus Skizze II geht der Weg hervor, den die Flotte zurückgelegt hat. Hieraus kann man ersehen, daß die Flotte bis 7 Uhr 48 Minuten in Staffelformation nordwestlichen Kurs und dann bis 8 Uhr 35 Minuten in Kiellinie nordöstlichen Kurs gesteuert hat. Um 8 Uhr 35 Minuten hat die Flotte bereits einmal auf westlichen Kurs gewendet, wendete dann aber, um die brennende, dauernd unter. schwerstem Feuer liegende „Wiesbaden“ nicht im Stich zu lassen, wieder auf östlichen Kurs zurück und beendete dann um 9 Uhr 17 Minuten die um 9 Uhr 12 Minuten befohlene Kehrtwendung auf westlichen Kurs und entzog sich damit unter dem Schutze der Schlachtkreuzer und Torpedobootsflottillen der halbkreisförmigen Umklammerung. In den Kampf eingegriffen haben die vordersten Schiffe, die Schiffe des dritten Geschwaders, als sie nach 7 Uhr 48 Minuten mit den Schiffen der „Queen Elizabeth “-Klasse ins Gefecht kamen. Und dann wieder, als sie auf den um 8 Uhr 35 Minuten und um 9 Uhr 17 Minuten endenden Vorstößen auf östlichem Kurs in den Feuerbereich der halbkreisförmig vor ihnen stehenden englischen Flotte kamen. Das in der Mitte der Linie stehende erste Geschwader Ist während der Tagschlacht überhaupt nicht zum Feuern gekommen, es hat dafür die Hauptlast des Nachtkampfes zu tragen gehabt. Das zweite Geschwader war infolge seiner geringeren Geschwindigkeit um mehrere Seemeilen zurückgeblieben.Durch Zufall ist es in der letzten Gefechtsphase noch ins Gefecht gekommen, wovon ich später noch zu erzählen haben werde. Infolge der taktisch richtigen Aufstellung und Führung unserer Flotte sind in den Hauptkämpfen die englischen Schiffe stets nur auf unsere modernsten und kampfkräftigsten Schiffe gestoßen. Nur so konnte es geschehen, daß wir während der eigentlichen Schlacht kein Schlachtschiff restlos verloren — die schwerhavarierte „Lützow“ ist am Tage nach der Schlacht von der gesamten Besatzung verlassen und dann von uns selbst torpediert worden —, während die Engländer drei ihrer besten Schiffe einbüßten. Diese Tatsache ist ein glänzender Beweis für die vollendete taktische Geschicklichkeit des Admirals Scheer und seines genialen Chefs des Stabes, des Konteradmirals v. Trotha.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).

Die zwei weissen Völker