Die deutsche Wehrmacht hat den vom bolschewistischen Moskau aus Lüge und Verdrehung gewobenen Vorhang, durch den der Blick in den Ostraum so lange versperrt war, für immer zerrissen. Ihrem opferbereiten Ansturm, ihrer kämpferischen Ueberlegenheit hat Europa, hat die Welt dafür zu danken, daß die Wirklichkeit in einem Staat, der fast ein Sechstel der Erdoberfläche umfaßte, wieder klar vor aller Augen liegt. Die deutsche Führung wird nunmehr ihr Augenmerk darauf richten müssen, daß die Gegebenheiten dieses Riesenraumes in allen Fragen des Volkstums, des Einsatzes an Mensch und Gut und der verwaltungsmäßigen und wirtschaftlichen Gestaltung zum Segen des gesamten europäischen Kontinents zur Auswirkung gelangen.

Wie unendlich groß sind die Gebiete des bisher wiedererschlossenen Ostens! Ihre Einführung in die neue europäische Völkergemeinschaft räumt mit allen irrigen Vorstellungen auf, die das ehemalige Moskowitertum geschaffen und aufrechterhalten und der dahinscheidende Bolschewismus mit einer erlogenen marxislisch-leninistisch-stalinistischen Hülle umgeben haben. Nie wieder darf die Behaupiung Glauben finden, daß die erst zaristisch und dann bolschewistisch regierten Länder von einem Volk bewohnt wurden. Niemand konnte eindeutiger als der deutsche Soldat feslslellen, wie verschieden nach Rasse, Volkstum, Sprache, Art und Sille die Menschen sind, die man von der Eismeertundra über Wälder hinweg bis zur baumlosen, mit Gräsern und Kräutern bedeckten Steppe zwischen dem Schwarzen mad der Wolga an traf. Finnen, Esten, Letten, Litauer, Weißruthenen, Küssen, Ukrainer, Donkosaken, Krimtataren, Nordkaukasier, Georgier, Aserbeidschaner, Armenier, Idel-Uraier, Turkestaner und viele andere, darunter auch Deutsche, waren in einem Staatsmonstrum zusammengeschlossen, in dem die europateindlichen Kräfte durch Jahrhunderte hindurch immer wieder einen Ansturm gegen den Westen unternahmen und die Schicksalsfrage zunächst für Moskowien entschieden

Genau so wie der Zarismus setzte die Sowjetmacht das unter ihre Führung gezwungene Völkergemisch für die politischen Ziele ein, die sich aus den inneren und äußeren Umständen der zusammengeklammerten Menschen und Räume ergaben. Sprach jener von einem Einheitsrussen, der gar nicht existierte, so erfand diese den Sowjetbürger. Dieser Zweckbegriff sollte der eigenen Bevölkerung und der gesamten Welt vorgaukeln, daß es dem Kreml gelungen sei, über alle rassisch-völkischen Unterschiede hinweg eine ungezählte Masse von sowjetischen Einzelwesen zu schaffen, die in bolschewistisch-ideologischer Verbundenheit geeinigt seien. So erdachte und propagierte man den Sowjetpatriotismus, durch dessen trügerische Konstruktion alle Volkstumsverschiedenheiten wenn nicht gänzlich ausgetilgt, so doch wenigstens zum Schweigen gebracht werden sollten. Da Moskau hierbei jedes Machtmittel bis zum hemmungslosen Mord anwenden ließ, wurden Wille und Möglichkeiten zum Widerstand, zum Eigenleben und Selbstbewußtsein mehr und mehr eingeengt. Es entstand jene Fassade der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“, die eine Einheit vortäuschen sollte. Die Kremlgewaltigen errichteten sie im Inland aus Terror und Blut, im Ausland aber sorgten die bezahlten, meist jüdischen Propagandisten dafür, daß Schaubilder, Statistiken und Reportagen den Glauben an Echtheit und Zuverlässigkeit dieser Behauptung verbreiteten.

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3. Reich Die Sowjet-Union

Das georgische Volk, das den Südwesten von Kaukasien bewohnt und 2 250 000 Menschen zählt (1939), ist ein Volk alter christlicher Kultur, dessen Machtentfaltung nicht unwesentlich von Byzanz her bestimmt und von den Mohammedanern auf seinen heutigen völkischen Kern zurückgeworfen wurde.

Um die Wende des 12. Jahrhunderts stand Georgien auf der Höhe seiner politischen Geschichte und seiner kulturellen Leistung. Dieses Zeitalter ist an den Namen der großen Königin Thamar (1184—1212) und des Nationaldichters Schota Rustawelli geknüpft, der das Epos „Der Mann im Pantherfell“ schuf.

Den Auftakt zur völligen Einverleibung des georgischen Königreichs in den russischen Zarenstaat (1801) bildete der zwischen Georgien und Rußland im Jahre 1783 geschlossene Beistandspakt.

Das georgische Volk hat sich in wesentlichen Teilen mit seinem Los nie ganz abgefunden, aber seine Kräfte haben zu einer Erringung der Selbständigkeit doch nicht ausgereicht. Auch der Traum staatlichen Eigenlebens, der mit der Unabhängigkeitserklärung des Jahres 1918 begann, mußte nach kurzer, heftiger, aber erfolgloser Gegenwehr gegen die jüdisch-moskowitische Fremdherrschaft 1921 wieder aufgegeben werden.

Siehe auch:
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
Sowjetunion-Technisierung
Sowjetunion-Landwirtschaft
Sowjetunion-Das Land
Goten-Waräger-Deutsche
Sowjetunion-Russen
Ukrainer
Donkosaken
Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
Nordkaukasier
Aserbeidschaner
Turkestaner
Armenier
Georgier
Ostfinnen
Westfinnen
Sowjetunion-Schlußwort
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Die Sowjet-Union

In allen islamitischen Ländern ist die Regierung die mittlere Linie zwischen dem demokratischen Sinn der Bevölkerung und der absoluten Vollmacht des Kalifen. Der Koran predigt ja, daß alle Mohammedaner Brüder, alle einander gleich seien. In der Tat ist denn auch der Sohn einer Negerin genau so erbberechtigt, wie der Sohn ihrer begünstigteren hellhäutigen Nebenbuhlerin. Auch sind der Rassenanlage nach die meisten Träger des Islam, namentlich Türken und Araber, demokratisch. Bei den neuesten Vorgängen haben die Ulema ausdrücklich erklärt, und zwar selbst die, die in Konstantinopel bei der Gegenrevolution mitgewirkt hatten, daß der Sultan die Verfassung nicht wieder antasten dürfe, und daß jeder Muslem nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet sei, dem Sultan im Falle einer Übertretung zu widerstehen. Der Sultan ist vor allem den Bestimmungen des Koran unterworfen, sodann den Ordnungen der Multeka, einer Sammlung von Sprüchen und Entscheidungen, die Mohammed und seine ersten Nachfolger getan haben. Dagegen wird das Kanon-Nameh Suleimans des Glorreichen, eine Sammlung von Hatti-Scherifs Suleimans selbst und seiner Vorgänger, zwar sehr geachtet, ist jedoch nicht bindend. Es gibt allerdings gefällige Gesetzesinterpreten, die, z. B. von der Tatsache ausgehend, daß der Prophet nur vier legitime Frauen erlaubt, und selber doch vierzehn besessen habe, die Meinung aufstellen, dem Kalifen sei schlechterdings alles gestattet. In jedem Falle hat sich der Absolutismus so mancher Sultane tatsächlich einfach über die Bestimmungen des Korans hinwegsetzt.

Der Sultan ernennt selbst — auch beim neuesten Regime — die zwei höchsten Reichsbeamten, den Sadrazan (Sdar-azam, persisch) oder Großwesir als oberste weltliche Autorität, und den Scheich ül Islam, das Haupt der Kirche. Bei der Wahl des letztgenannten haben jedoch die Ulema, die man demnach den Kardinälen vergleichen kann, mitzuwirken. Die Ulema stellen aber zugleich die obersten Juristen und besetzen die Theologieprofessuren. Ihnen eng verbunden sind die Mufti, die Ausleger des Korans. Westliche Einflüsse in der Verwaltung enthält zuerst das Hatti-Hamayun von 1856. Dem Großwesir steht ein Kronrat oder Medschlis i Haß zur Seite.

Bekannt genug ist die Einteilung des Reiches in Vilajets, Sandschaks, Kazas und Nahiets, die einem Wali, Mutessarif, Kaimakan und Mudir unterstehen. Wali kommt, was vielleicht weniger bekannt ist, aus dem Arabischen, wo es ursprünglich „oben“ bedeutet. Dieselbe Wurzel steckt im Vilajet, wo es lautgesetzlich ebenso von Wali gebildet ist, wie Kilafyet von Kalif.

Im übrigen ist das Osmanenreich zur größeren Hälfte nur Fortsetzung des byzantinischen. Selbst der Halbmond ist ursprünglich wahrscheinlich byzantinisch.

In der Bevölkerung bildet den Hauptunterschied die Religionsangehörigkeit. Nur die Mohammedaner sind verpflichtet, ja nur sie berechtigt, Waffen zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Die Christen oder Rayah sind ohne weiteres die Untergebenen der Mohammedaner. So will es ausdrücklich der Koran. Mithin ist schon dadurch das Gesetz des Korans übertreten worden, daß später die Juli-Revolution Gleichheit aller Konfessionen bestimmte. In einem islamitischen Staate ist eine derartige Gleichheit schlechterdings nicht durchzuführen. Angenommen, das Waffentragen könnte allen Bürgern zugestanden werden, so ist schon allein das Eherecht eine Klippe, an der die Gleichheit vor den Gerichten scheitern muß. Ist doch für die Christen die Einehe gesetzlich, während für die Anhänger des Propheten die Vielehe, wenn nicht geboten, so doch vollkommen legitim ist. Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls das Gesetz des Korans von dem absolutistischen Regime und seinen Trabanten außerordentlich oft in der Vergangenheit und vielfach auch in der Gegenwart verletzt worden, insofern der Koran zwar zur Bedrückung der Ungläubigen auffordert, allein ihr Leben unter Schutz stellt. Rein praktisch war ja auch eine Ausrottung der Ungläubigen nicht durchzuführen, aus sehr begreiflichen Gründen war vielmehr deren Erhaltung im Interesse des Staates. Denn die Rayah zahlten eine Kopfsteuer, die, namentlich in den ersten Jahrhunderten der arabischen Eroberung, den Hauptstock der Staatsfinanzen bildete.

Für die islamischen Herren war es dabei stets, auch in Nordafrika und Persien, von der größten Bedeutung, daß die Christen durch ihre konfessionellen Streitigkeiten gespalten waren und noch sind. Noch im Jahre 1881 wollten die römisch-katholischen Albanesen lieber mit den Mohammedanern als mit den griechisch-unierten Montenegrinern Zusammengehen. Im Februar 1909 lehnten sich die arabischen Christen gegen die griechisch-unierten auf, und es kam in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen. Von den Nestorianern und Armeniern haben sich viele der englischen Hochkirche angeschlossen, während 1898 an 15000 Ne-storianer in das Lager der russischen Prawoslavie übergingen. Auf der islamischen Gegenseite freilich fehlt es auch nicht an Spaltungen. Die Wahabiten, deren Sekte seit rund 1720 besteht, haben so manchen Padischah arg zu schaffen gemacht. Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben verschiedene Wahabitenfürsten, darunter der berühmte Jahja, die Vilajets Asyr, El Hasa und das Nedschd von der Herrschaft des Kalifen losgerissen. Am fühlbarsten war stets die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten. In der jüngsten Zeit soll sich die Zahl der Schiiten in Mesopotamien, besonders in der Nähe von dem schiitischen Wallfahrtsort Kerbela, wesentlich vermehrt haben. Auch einige wenige Kurdenstämme sollen, wie ich bei meiner Reise durch Adherbaitschan hörte, der Schia anhängen. Genaueres ist darüber nicht zu erfahren. Andere Kurdenstämme gehören der pantheistischen Sekte der Kisilbaschi an, die im Grunde mit dem Islam ebensowenig zu tun hat, wie der Sufismus. Auch im Libanon ist eine Sekte, die sich mit den orthodoxen Satzungen des Islams in Widerspruch befindet. Nichtsdestoweniger ist aber doch die religiöse Einheit bei der mohammedanischen Bevölkerung des osmanischen Reiches viel stärker ausgeprägt als bei der christlichen.

Um so größer sind sowohl bei den Mohammedanern als auch bei den Christen die Unterschiede und Spaltungen der Volkheiten und Rassen. Im ganzen Reiche gibt es zum mindesten ein Dutzend verschiedener Rassen, als da sind: Türken, Slaven, Griechen, Albanesen, Wlachen, Armenier, Tscherkessen, Lasen und Georgier, Jyrücken, Kurden, Syrer und Araber; Juden, Zigeuner und Levantiner nicht einmal mitgerechnet. Im allgemeinen gehören die einzelnen Rassen ausschließlich ganz bestimmten Religionen, an, eine Ausnahme machen jedoch Albanesen und Araber, die sich in Islam und Christentum teilen. Von den Georgiern bemerke ich, daß im Gegensatz zu ihren christlichen Volksgenossen im Kaukasus die Engeloj Mohammedaner sind. Natürlich gibt es noch eine große Menge von Konvertiten, die teils ganz in das Türkentum aufgehen, wie einst die Janitscharen, wie noch in der Neuzeit der Magdeburger Osman Pascha und der polnische Graf Tschaikowsky, der um 1880 Wali des Libanon wurde.

Um in der Erscheinungen Flucht einigermaßen festen Boden zu gewinnen, wird ein Überblick über die Kopfzahl der einzelnen Nationen von Nutzen sein. Allerdings muß man eine Unsicherheit in der Statistik mit in Kauf nehmen, an der außer Japan alle orientalischen Staaten kranken. Sie erklärt sich durch den Chauvinismus der Bewohner, die gern ihre Kopfzahl viel zu hoch angeben, so daß bei Schätzungen zwischen ihnen und ihren Gegnern Unterschiede von ungefähr 1000% Vorkommen; so schätzensich dieSerben von Mazedonienselbstauf zwei Millionen ein, während die Bulgaren sie nur auf zweihunderttausend berechnen. Da würde die Wahrheit nicht einmal in der Mitte liegen, sondern man muß eine weit geringere Zahl als richtig erkennen. Zu diesen Schwierigkeiten allen gesellt sich noch für die Statistik die sehr beträchtliche Einwanderung, die seit 1855, und stärker seit 1877 stattfand. Im Jahre 1902 haben sich die Mohammedaner Anatoliens laut einer Schätzung des Obersten von Diest seit dem russisch-türkischen Kriege fast verdoppelt, und von der Goltz Pascha erzählt uns von ganzen osmanischen Dörfern, die er zu seinem Erstaunen im Östlichen Mazedonien vorfand, ohne daß sie auf den Karten irgendwo verzeichnet gewesen wären. Die Geometer, meist christlichen Glaubens, hatten es eben nicht für nötig gefunden, die große Zahl der Mohammedaner noch besonders hervorzuheben. Der Zensus aber hängt, wie überall, mit dem Steuersystem zusammen, und so erklärt es sich, warum sich viele der Statistik entziehen. Auf Grund dieser vielen Mißstände ist es ziemlich schwierig, auch nur annähernd zuverlässige Zahlen anzugeben. Doch sei folgende Aufstellung versucht.

Hübner-Juraschek nimmt nur 24 Millionen an. Ebenso das Statesmans Yearbook. Beide nach den offiziellen Schätzungen. Nicht nur in der Hauptzahl, auch in den Zugehörigkeiten der Einzelzahlen herrscht, wie schon angedeutet, viel Unstimmigkeit. So beanspruchen namentlich die Hellenen die griechisch redenden Albanesen und Wlachen für sich, was deren jüngst erwachter Nationalismus aber nicht bestätigen will.

Ein Hauptproblem türkischer Politik bildet der Nationalitätenkampf. Araber undTürken hassen sich gegenseitig, wie jüngst wieder zwei vortreffliche Kenner, Hartmann und der Graf Mülinen, betont haben. Der Türke sieht mit Verachtung auf die ungeleckten Kurden herab. Der Albanese geht oft mit dem Türken, aber er fühlt sich doch sehr deutlich und sehr bestimmt als ein ganz anderer Mensch. Daß weder Kurden und Armenier noch Bulgaren und Serben und Griechen an einem Strange ziehen, ist bekannt genug. Der beständige Wechsel der Gruppierungen der Volks- und Bandenbündnisse, der in den letzten zehn Jahren Platz gegriffen hat, könnte einem Spezialisten der Variations und Permutationsrechnung ein gutes Material abgeben. Die Griechen waren vor allem und seit Jahrhunderten gegen die Slaven. Dann beehrten sie, besonders seit den Albanisierungs-bestrebungen des großen Ali Pascha Tepelenli die Albanesen mit ihrer Feindschaft; im Anfang des 20. Jahrhunderts entflammten sie plötzlich in heller Wut gegen die Rumänen und Wlachen, sie gingen sogar, trotz 1897, wieder mit den Türken. Dieses Paradigma kann man ähnlich auf Albanesen und Kurden und ütti quanti anwenden.

Am wichtigsten ist die Arabische und die Albanische Frage. Es war schon von den Bestrebungen arabischer Kreise die Rede, kraft deren das Kalifat auf einen Araber übertragen werden sollte. Die Anschauungen und Bemühungen der Senussi und verwandter Orden gehen denen der jetzigen Reformer, der verächtlich Pariser oder Ferengy-Türken genannten, entgegen. Andererseits haben jene eifrigen Verteidigerder koranischen Weltanschauung doch auch westliche Gedanken aufgenommen. In Ägypten haben sich mohammedanische Freimaurerorden aufgetan, und stehen mit englischen, politisch stark gefärbten Freimaurern in reger Verbindung. Der scheinbare Widerspruch solcher Bestrebungen spiegelt sich in dem Widerspruche englischer Politik. Denn die Liberalen haben sich seit der Zeit Gladstones, wenigstens theoretisch, stets für die unterdrückten und nach Emanzipation ringenden Völker erwärmt, während sie doch gleichzeitig die britischen Interessen wahrnahmen und sich daher manchmal gerade gegen jene Emanzipationsgelüste stellten. Das hat man in den Tagen Cannings und Palmerstons wie auch 1882 bei der Beschießung Alexandrias gesehen. Und wollten die Liberalen nicht, so wurden sie eben von den Konservativen, den Unionists, abgelöst, die sich nicht an etwaige Abmachungen ihrer Vorgänger im Amte hielten. Die Arabische Frage greift selbst bis nach Persien und nach Marokko hinüber. Eine persische Provinz, Chuzistan, ist zur größeren Hälfte von Beduinen bewohnt, und wie sehr die arabisch-panislamitische Agitation in Nordafrika den Franzosen zu schaffen machte, ist ja genugsam bekannt.

Zwar nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, aber in ihren inneren Gegensätzen und ihren äußeren Ausstrahlungen nicht minder verwickelt, ist die Albanische Frage. Lediglich um ihre Nationalität zu retten, sind einstens viele Albanesen zum Islam übergegangen. Ihr Volkstum stand ihnen höher als die Religion. In der Gegenwart hat dies Gefühl einen weiteren Schritt gezeitigt. Christen und Mohammedaner haben sich zusammengeschlossen. Das geschah schon 1879. Dann griffen wieder Stammesfehden Platz. Neuerdings aber wurde ein allalbanischer Kongreß abgehalten, der im November 1908 zu Monastir zusammentrat. Die Albanesen wollen weder ein Vorrücken der Griechen noch ein Übergewicht italienischen Einflusses. Sie bekämpfen offen eine Vormacht der Türken und halten sich sehr reserviert gegenüber dem Gedanken einer Annäherung an Österreich. Am liebsten möchten sie die Autonomie. Da sie sehr wohl wissen, daß sie sich mit ihrer geringen Zahl im Wechselspiel der Großmächte nicht allein behaupten können, so erkennen sie die Notwendigkeit eines Schutzes an. Als Suzerän wäre ihnen der Herrscher am liebsten, der ihnen am meisten Freiheit im Innern gewährte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches

Männer; Völker und Zeiten


In diese Zeit des größten Aufschwungs der Südkultur fällt das Emporkommen der Germanen. Wir haben oben gesehen, daß die Germanen ein Zweig der Indogermanen oder Arier sind. Als ihre nächsten Verwandten kann man die Italiker (die ursprünglich wohl in Litauen saßen) und die Slawen ansprechen. Die Germanen treten zuerst an der mittleren Donau, dann am Rhein, und noch später am Schwarzen Meere auf. Ob die Bastarner, die um 200 v. Chr. Verhandlungen mit dem Mazedonier Philipp dem Zweiten pflogen, germanischen Blutes waren, ist unsicher. Nicht einmal von den Kimbern und Teutonen ist es völlig gewiß. Der erste bestimmt beglaubigte Zug der Germanen ist der der Sueven oder Schwaben, die unter Ariovist in das Elsaß einbrachen und sich bis zur oberen Seine ausbreiteten. Wir müssen uns vergegenwärtigen, daß damals Europa noch von einer Fülle anderer Rassen bewohnt war. Von dem Atlantischen Ozean bis zur Wolga und zum Kaukasus hausten Verwandte der Tscherkessen und Georgier. Alle die oftgenannten Urvölker, die Iberer, die Ligurer, Rätier, Vindelizier und Jazygen gehörten zu dieser Rasse. Bis in die Gegenwart ragt ein Überbleibsel jener europäischen Kasstämme, nämlich die Basken. Im Norden aber, vom Weißen Meer bis nach Jütland und vielleicht bis Holland saßen die Finnen. Außerdem war ein beträchtlicher Teil Europas noch von den Kelten erfüllt, deren Niederlassungen von Portugal bis zum Bosporus reichten. Die Germanen scheinen von der Gegend zwischen mittlerer Donau und oberer Weichsel ausgegangen zu sein. Jüngste Forschung hat entdeckt, daß in der Urzeit Bayern und Angelsachsen zusammengewohnt haben. Das kann nur in der beschriebenen Gegend gewesen sein. Von Osteuropa aus breiteten sich die Germanen, den keltischen Block umfließend, zugleichnach Norddeutschland und nach der oberen Donau und dem oberen Rhein zu aus. Umstritten ist die Frage der Besiedlung Skandinaviens. Wahrscheinlich sind auch nach Skandinavien die Germanen erst spät, und zwar von Osteuropa aus gekommen. Die niederrheinischen Germanen hatten Berührungen und Reibungen mit den keltischen Beigen, die oberrheinischen mit den Alpenvölkern. Ariovist hatte zwei Gattinen zu gleicher Zeit; die eine davon war die Tochter des nichtarischen Königs vonNorikum (Oberösterreich und Steiermark). Es ist nur natürlich, daß die zahlreichen, bereits ansässigen Fremdvölker nicht ohne Rückwirkung auf das Blut und die Gesittung der Germanen blieben. In vielen Fällen wird die ältere Bevölkerung die Kulturgeberin gewesen sein. Sogar die Waffen der Germanen sind zu einem großen Teile keltischen Ursprungs. Und von den Kasstämmen hat sich so manches Wort wie Spanferkel, Zelter, Lawine bis zum heutigen Tage bei uns erhalten, gleichwie auch im Französischen und im Italienischen noch viele baskische Wörter ihr Dasein fortsetzen. Aus Urkunden läßt sich nachweisen, daß noch im zwölften Jahrhundert Rätier zwischen Garmisch und Innsbruck saßen. Der fremde Einfluß im Skandinavischen erhellt aus der seltsamen Gewohnheit des Schwedischen und Dänischen, den Artikel hintenan zu setzen. Das ist die Gepflogenheit des Baskischen und Finnischen. Die Edda erzählt, daß die Äsen das Pferd von den Thursen kennen lernten. Die Thursen aber sind, wie schon Jacob Grimm sah, die Thyrsener oder Etrusker.

Weit entfernt jedoch, der Art und Sitte der Unterworfenen sich gänzlich anzubequemen, haben vielmehr die Germanen den großen Schatz eigener Einrichtungen und Sitten, die sie mitbrachten, im wesentlichen behauptet. Sie hatten selbständige Ansichten über das öffentliche Leben, über Anlage der Dörfer und Hausbau, endlich über die Stellung der Frauen und das Walten der Gottheit. Immerhin muß darauf hingewiesen werden, daß die Namen der meisten Städte in germanischen Landen vorgermanischen, und meist vorarischen Sprachen entnommen sind, und in den Alpengegenden wenigstens hat sich die Tracht der älteren Volksschicht siegreich durchgesetzt. Das Hochziel des Germanen war Jagd oder Krieg. Den Ackerbau überließ man den Unfreien, das heißt den unterjochten Nichtgermanen, die ihren Herren frohnden und zinsen mußten. Erst allmählich gewöhnten sich auch Freie an den Gedanken, daß ein selbst ausgeübter Ackerbau keine Schande bringe.

Nun stießen die Germanen mit den in gewaltigster Ausdehnung begriffenen Römern zusammen. Ein Naturvolk, zwar hochbegabt, aber noch auf niedriger Stufe stehend, ohne Schrifttum, ohne festere Staatsformen, ohne die Zucht, die ein Zusammenarbeiten in größeren Heeresverbänden bringt, wollte den Kampf mit den unerschöpflichen Hilfsquellen, mit der Artillerie und der straffen Zucht der Römer aufnehmen. Es war ein Wunder, daß die Germanen da nicht erlagen. Ein einziger Mann rettete sie: Arminius. Er ist zuversichtlich der Siegfried unserer Sagen. Es gibt keine große Gestalt unserer Heldenlieder, die nicht geschichtlich wäre. Also muß auch Siegfried im Fleische gewandelt haben. Zudem zeigen die anderen Namen seiner Sippe, Segest, Segimer und Segistag dieselbe Wurzel wie Siegfried — eine Gewohnheit der Namengebung, die auf germanischem Boden sehr häufig ist.

Freilich waren die Germanen weiter von der Südkultur und ihrem überwältigenden Einflüsse entfernt, als die Kelten. Aus dem gleichen Grunde haben sich die Türken besser der chinesischen Umklammerung zu erwehren gewußt, als die dem Reich der Mitte näheren Tungusen. Gleichwohl haben es die Römer wahrlich nicht an Mühe und Anstrengung fehlen lassen, um die widerspenstigen Feinde im Norden zu bezwingen. Zu Wasser und zu Lande rückten sie ihnen von allen Seiten zu Leibe. Auf der ungeheuren Linie, die von der mittleren Donau und der oberen Elbe über den Spessart nach der Weser führt, drangen die römischen Legionen vor; so war die Germanenwelt von Südosten, Süden und Westen her flankiert. Auf der Nordsee aber kreuzte eine römische Flotte, die an der friesischen Küste Landungen versuchte — ein Zusammenwirken, wie es dem Geiste Wallensteins bei der Belagerung Stralsunds vorschwebte, insofern spanische Truppen von Oberitalien nach dem Niederrhein marschiert waren und Wallenstein eine spanische Flotte nach der Ostsee wünschte. Auf dem Landwege war Drusus bereits bis zur unteren Elbe gekommen, und nur wenig Jahre vergingen, da war Böhmen mit dem nördlichen Vorlande ein römischer Vasallenstaat. So fehlte wenig und der Ring wäre geschlossen worden. Arminius, der in römischen Heeren gedient hatte und dabei weit in der Welt herum, vielleicht sogar bis Armenien gekommen war, erkannte die furchtbare Gefahr. Ehre und Preis dem Manne, der aus einem dunklen Naturgefühl heraus, lediglich aus Selbsterhaltungstrieb, den heimischen Boden gegen feindlichen Einfall verteidigt. Allein Arminius stand weit höher als ein Kirgisenhäuptling, der gegen die Russen kämpft, oder ein Emir des Sudans, der sich der Franzosen zu erwehren sucht. Bei ihm war es mehr als ein dunkles Gefühl, als ein unklarer Instinkt. Arminius war ein Staatsmann von hohem Wurf. Warum sollte man ihm weniger Zutrauen als dem Ariovist oder seinen Vorgängern, die mit einer Partei in Rom und dem fernen Mithridat in Verbindung standen? Der Cherusker hat denn auch ebensoviel durch List, wie durch persönliche Tapferkeit sein Ziel erreicht. Er lockte den Varus in den Teutoburger Wald, in die Nähe der Porta Westfalika, und vernichtete fast zwanzigtausend Mann. Ihn selbst, den Befreier des Vaterlandes, traf im eignen Hause schweres Geschick; sein geliebtes Weib, Thusnelda, fiel in die Gefangenschaft der Römer. Das war so zugegangen. Mit stürmender Hand hatte einst Armin die Braut aus der Feste Segests geraubt. Der Schwiegervater wider Willen, der es ohnehin mit den Römern hielt, zürnte unversöhnlich und nun doppelt dem jungen Cheruskerfürsten. Er benutzte eine Abwesenheit Armins, um sich mit Gewalt der Thusnelda zu bemächtigen, und er überlieferte selbst die Tochter, die damals hochschwanger war, dem Neffen des Tiberius, dem Germanikus, der herbeigeeilt war, um die Niederlage im Teutoburger Walde zu rächen. Thusnelda blieb bis an ihr Lebensende in Gefangenschaft. Wer kann den Schmerz ihres hochgemuten Gatten ermessen? Vielleicht entflammte ihn der Verlust zu immer größerer Anstrengung, zu heißer Wut. Als die Nachricht von dem Kommen des Germanikus erscholl, da ritt Armin wie auf den Flügeln der Windsbraut, wie der lichtschnelle Gott Freier selbst durch die deutschen Gauen, um die Stämme zum Zusammenschluß und zum erbitterten Widerstande anzustacheln, Waffenä! erbrauste es überall, und begeistert folgten die Mannen dem erprobten Führer. Von neuem maßen sich die starken Gegner in offner Feldschlacht; es war der Sommer des Jahres 15 n. Chr. Die Wahlstatt lag etwas weiter östlich, als im Jahre 9, da Varus dahinsank. Die Männer des Südens nannten sie Idistavisus, das ist die Geisterwiese. Es wird die Gegend am heutigen Deister sein, und der Morast, in den die Legionen gerieten, wird unweit des Steinhuder Meeres gewesen sein. Beim Bade Nenndorf, in der Nähe, wird heute noch eine Römermauer gezeigt. Fast wären die Legionen neuerdings erlegen. Nur mit äußerster Mühe fochten sie sich durch. Tiberius hielt ein weiteres Ringen für zwecklose Vergeudung von Geld und Gut, gebot Einhalt, und versetzte den tatenfreudigen Germanikus, der gern einen entscheidenden Sieg davontragen wollte, nach Vorderasien. Der Kaiser, der selbst jahrelang gegen die Germanen im Felde gestanden hatte, tat dabei den denkwürdigen Ausspruch: Unsere beste Bundesgenossin gegen die Germanen ist deren eigene Uneinigkeit.

In der Tat brach bald ein Bürgerkrieg zwischen Armin und Marbod, der in „Böheim“ und Sachsen ein Reich begründet hatte, aus. Auch regte sich die Eifersucht der eigenen Verwandten gegen den Cheruskerfürst. Wie es ein vogtländischer Dichter der Spätromantik, Deeck, in einem „heldischen“ Gesänge ausgedrückt hat,

Ruhm Hermann, dem Vaterlandsretter!

Tod Hermann, dem Freiheitsdränger!

Es war die berühmte „Libertät“, um die noch während des Dreißigjährigen Krieges die Fürsten stritten. Wir nennen es heute Partikularismus. Ein Mord also war der Dank der Niedersachsen — oder waren es Hessen? — für ihre Befreiung. Sofort bemächtigte sich denn auch die Sage der Gestalt Armins. Selbst der große Geschichtsschreiber seiner Gegner, Tacitus, (um 90 n. Chr.) hat von den Heldenliedern erfahren. Die Sage laßt Siegfried durch Anstiftung seiner Verwandten fallen, nachdem er das meiste dazu beigetragen, den Ansturm eines gefährlichen Feindes zurückzuwerfen.

Der eine Trost konnte wenigstens dem Sterbenden bleiben: sein vaterländisches Werk war erfolgreich gewesen. Zwar ist fast ein Drittel Germaniens, das durch einen ungeheuren Wallgraben, den Limes, von dem freien Germanien abgeschnürt war, auf vierhundert Jahre, und in manchen Gegenden, wie bei Regensburg, noch länger der Romanisierung verfallen. Das Herz des Landes aber mit dem breitflächigen Gebiete, das sich bis jenseits derWeichselund des Riesengebirges erstreckte, war selbstständig geblieben. Nur einmal in der Weltgeschichte, wenn man von den paar spanischen Söldnern Karls V. und den Kroaten Tillys und Wallensteins absieht, ist das innere Deutschland von einem nichtgermanischen Feinde erobert worden: von Napoleon. Indessen dauerte diese Besetzung nur sieben Jahre. Wie oft sind dagegen slawische und romanische Staaten von Rassefremden, und zwar lange Zeiträume hindurch, beherrscht worden!

Der Limes ging von Kehlheim an der Donau oberhalb Regensburgs über den Spessart und Taunus nach dem Rheine, wo er gegenüber von Andernach aufhörte. Mit Vorliebe wählt der Limes den Kamm der Gebirge, weil man von darnach allen Seiten bequem ausschauen kann, und sich vor einer Überrumpelung schützt. Alle zehn bis fünfzehn Kilometer wurde ein befestigtes Lager errichtet. Auch fehlte es nicht an Wachttürmen längs der Linie. Im Taunus geht der Limes gerade über den Feldberg, gar nicht weit vom Brünhildisfelsen, berührt also heilige Stätten der Germanen. Dort im Taunus ist ein großes Lager noch in den Grundfesten erhalten, und ist auf Veranlassung Kaiser Wilhelms II. ganz in römischer Art wieder aufgebaut worden. Es ist die Saalburg. Zwei Stunden davon ist die kleinere Kapernburg. Nicht ausgeschlossen ist, daß die Römer, die von der großen Mauer Chinas Kentnis hatten, durch das chinesische Vorbild auf den Gedanken des Limes verfielen. Jedenfalls dienten beide Riesenwerke dem gleichen Zweck, die kriegerischen Völker des Nordens im Zaume zu halten. Gleiche Lage aber erzeugt wohl gleiche Maßregeln. Noch in der Gegenwart hat Lord Kitchener in Südafrika eine Art Limes mit Blockhäusern zur Abwehr der schweifenden Burenscharen ersonnen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus

Männer; Völker und Zeiten