Schlagwort: Germanentum

Deutsche Geschichte-Zeittafel (500000—10000 v.Z. Eiszeit-1941)

Das Frankenreich – eine germanische Weltmacht.
Chlodwig erstrebt die Vorherrschaft um unter den Germanen.
Chlodwig wird Alleinherrscher der Franken.

Viele Gaue gab es im Lande der Franken und viele Gaufürsten. Einer unter ihnen war Chlodwig (Ludwig) aus dem Geschlechte der Merwinger.

Er war klug, ehrgeizig und unerschrocken, aber auch gewalttätig. Die weitgehende staatliche Zersplitterung war seinem starken Herrseherwillen unerträglich. Ebenso wie Theoderich wollte auch er die germanische Kraft zusammenballen. Alleinherrscher der Franken — Herrscher aller Germanen — das waren Chlodwigs Ziele. Zunächst beseitigte er die fränkischen Gau-fürsten, fast alles seine Vettern. Jedes Mittel war ihm recht, um sein Ziel zu erreichen.

Chlodwig will Germanien zur Einheit zwingen.

Als Chlodwig die Macht über alle Franken in seiner Hand hielt begann er sofort, die übrigen Teile Galliens zu unterwerfen. Sein erster Schlag traf den letzten Rest des römischen Reiches in Nordfrankreich mit der Hauptstadt Paris. Dann wandte er sich mit seinem Heere gegen den germanischen Bruderstamm der Alamannen. Grimmig wehrten sich die Angegriffenen. Die Franken kämpften mit ihrer gefürchteten Streitaxt, dem scharf geschliffenen „Schildspalter“. Aber die Alamannen hielten stand. Helden fochten gegen Helden, Germanen gegen Germanen! Lange Zeit war der Ausgang der blutigen Schlacht ungewiß. Doch mit letzter Kraft hefteten Chlodwig und seine kampfgeübten Franken auch diesen Sieg an ihre Fahnen. Die Burgunder und die Westgoten ereilte dasselbe Schicksal wie die Alamannen. Chlodwig entriß ihnen wertvolle Teile ihres Landes. Er hätte die germanischen Nachbarvölker vollständig unter seine Herrschaft gebracht, wenn nicht Theodcrich, der ein großgermanisches Reich unter gotischer Führung erstrebte, gewesen wäre.

Germanisches Blut und fremder Geist.

Um die germanischen Nachbarn mit Gewalt zu unterwerfen, brauchte Chlodwig einen Bundesgenossen. Er fand ihn in der römisch-katholischen Kirche, der die römisch-keltischen Untertanen im Gebiete der Westfranken angehörten. Chlodwigs Gemahlin, eine burgundische Königstochter, war bereits getauft und christlich erzogen. Sie bestärkte ihren Gatten in seinem Vorsatz, und so trat Chlodwig bald nach dem Alamannenkriege zur römisch-katholischen Kirche über. Auch der Kirche war an dem Bündnis mit dem Frankenkönig sehr gelegen. Zum. erstenmal trat ein germanischer König der römischen Kirche bei; denn die Goten waren Arianer, erkannten den Papst nicht an und wurden von der katholischen Kirche als Ketzer angesehen. Die Kirche konnte ihren Jubel nicht unterdrücken. „Beuge dein Haupt, stolzer Sigambrer! Bete an, was du verbrannt, verbrenne, was du angebetet hast“, triumphierte der Priester bei der Taufe.

Es waren ungleiche Bundesgenossen, die sich zusammengefunden hatten. Chlodwig wollte die germanische Macht unter seiner Herrschaft fest zusammenfassen. Der Papst aber hoffte, durch die Bekehrung mit dem germanischen Kampfgeist fertig zu werden.

Bei allen seinen Machtbestrebungen wurde Chlodwig von nun an von der Kirche besonders unterstützt. Schon in seinem Kampf gegen die Westgoten fand er die Hilfe katholischer Priester, die das Volk gegen seine gotischen Herren aufbrachten. Chlodwig rief zu dem Kriegszug mit den Worten auf: „Es bekümmert mich, daß die Arianer einen Teil Galliens besitzen; laßt uns mit Gottes Hilfe aufbrechen, sie besiegen und ihr Land in unsere Gewalt bringen.“ — Das Germanentum aber mußte die Kosten des Bündnisses mit der Papstkirche tragen. Mit germanischem Blüte wurde ein neues Reich gegründet, doch römisch-christlicher Geist gewann darin für Jahrhunderte entscheidende Bedeutung.

Deutsche Geschichte

Masken und Marren

Zu jeder Zeit hören wir von Maskierungen der Handwerker bei ihren Festen. Nach den uns vorliegenden Berichten können wir das Auftreten maskierter Gruppen und einzelner Masken unterscheiden. Die Belege für das Auftreten maskierter Bünde im Handwerk sind nicht allzu häufig, es sind jedoch einige recht altertümliche vorhanden.

Da ist zunächst das Schodüvellopen, das aus niedersächsischen Städten wie z. B. Braunschweig, Hildesheim und Göttingen bekannt ist. Schon 1293 hören wir aus Braunschweig von den Schodüveln. Ceibniz berichtet aus den Ratsordinarien derselben Stadt von 1408:

CXLIV.Wu man den schoduvele kündiget.

Vorthmer is hier ein wonheit, dat de jungen lüde pleggen to hebbende eine cumpanie, also dat se lopen Schoduvel in den hilligen dagen to Winachten. Hierumme schall de Radt tovoren in des hilligen Carstes avende drye storme lüden lathen in der Oldenstadt, unde kundigen van der lövene aldüs. De Borgermester secht: gy fromen lüde, de schriver schall ju kundigen, wu de schoduvel ore dingk holden schullen, dar möge gy na hören. So kündiget de schriver alldüs: Idt enschall nemendt schoduevel lopen, de schaffer van jowelker rotte enbringe(n) erst pande vor tein mardk by dem Radt. Ock enschullen de schoduevel nicht-4open in de kercken, edder tfp de kerdchöve, bestubben edder sdhlan. Dusse pande schullen die Borgermester to sidc nemen, ein jowelck in sinem Wickbelde, dar schoduvel lopen wilt, unde holden de to des Rades hand darup,- effte juwelker rotte wol wesen hedde, de ungevog gedaen hedde in dem schoduvele, in kercken edder up kerdc-höven, edder in geistlichen personen; dar me na de dinge na hebben moste, edder kost darup liden, dat me sedc darane verhalde: also lange namhafftig gemaket worde, de de ungevog gedan hedde, unde den Radt unde de partie von derwegen schaden beneme.

In dem Fragmentum Chronici Hildeshemmensisheißt es:

Anno 1428 liepen eilff Schodüvels tho Hildensheimb up der straten … (folgen 11 Namen) … der worden etliche erslagen, dan sie sich övell up der stratten anstellenden; deden frauwen, megde und kinder verfehren, darvon hefft dat Schodüvels Creuze in Hildensheimb vor der korsners hoffe stahend den namen bekomen.

Offenbar haben wir hier einen altheidnischen Weihnachtsbrauch vor uns. Wichtig ist, daß den Masken das Betreten der Kirchen und Kirchhöfe verboten ist. Ich erinnere an andere brauchtümliche Gestalten, die ebenfalls die Kirche nicht betreten dürfen und sich beim Läuten der Kirchenglocken verstecken müssen. Ferner weise ich auf den Zusammenhang mit den bekannten Kirchhofstänzen hin. Auch scheinen in Braunschweig die Geistlichen von den Masken gehänselt zu sein. Der Hildesheimer Beleg ist uns darum wichtig, weil er zeigt, wie ernst der Hintergrund dieser »Belustigungen« oft sein kann! Wolfram berichtet, daß die Schmiede der Gegend um Warburg um die Mitte des 16. Jahrhunderts zu Fasnacht den Schwerttanz tanzten, während sie zu Weihnachten als Schodüvel auftraten. Auch eine politische Rolle scheinen diese »Cumpanien« der Schodüvel gespielt zu haben. 1397 ermordeten sie bei ihrem Tanz den Bischof Burchhard von Magdeburg:

Germanengut im Zunftbrauch

Wo indogermanische Völker Staaten begründen, sind sie von der Idee des Reiches erfüllt. Sie gehört zum ewigen Glaubensinhalt arischen Menschentums auf dieser Erde. Der neben stehende Text ist aus dem Original wörtlich übersetzt. Er ist 2 Urkunden entnommen, die aus dem 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung stammen. Ein seiner arischen Abkunft stolz bewußter, großer iranischer Herrscher, Darius I. läßt den Reichsgedanken als hohen Auftrag des Schicksals in dieser Form vor uns erstellen, überall, wo Indogermanen auf dieser Erde erscheinen, gehen sie in die Geschichte ein durch Schöpfung von Staaten und Reichen, sei es im Reich des Darius, im Reich Alexanders des Großen oder im römischen Weltreich und im Reich Karls des Großen, der dem Abendland die germanische Form des Reiches geschenkt hat. Nicht irgendwelche fremdvölkische Lehre hat dem Germanentum die Idee der staatlichen Ordnung weiter Gebiete des Kontinents gegeben. Ebenso wie auf dem religiösen Gebiethat das Indogermanentum auf dem Gebiet der politischen Gestaltung von Staaten und Völkern eigenschöpferische Leistungen aufzuweisen, die als große Weltreiche in die Geschichte eingegangen sind. Dieses Bewußtsein macht uns stolz und verpflichtet uns zugleich gegenüber den Ahnen und den nachfolgenden Geschlechtern.

Dokument Groß.

Bildtext überreicht durch Prof. Dr. Wüst, München.

Leitgedanken

Der Nationalismus hob immer höher sein Haupt. Wie in Japan, so war er in Deutschland und Italien, in Serbien, Rumänien und Bulgarien, ja, selbst in Abessinien am Werke. Am ersten gelang es den Italienern, die Einheit zu erringen. Freilich glückte es nicht ohne fremde Hilfe. Das Haus Savoyen ist vor einem halben Jahrtausend nach Piemont vorgerückt, und hat 1416 die Stadt Turin angelegt. Während der französischen Revolution geriet Turin in die Gewalt der Franzosen, nur 1799 war es vorübergehend von Österreichern und Russen besetzt. Seit dem Wiener Kongreß kam Sardinien zu Piemont. Victor Emanuel und sein großer Minister Cavour hielten es 1859 an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen, und die Österreicher, die noch immer die Hälfte Italiens besaßen, zurückzudrängen. Zu dem Ende sollte Louis Napoleon helfen. Dieser war nach der Revolution von 1848 Präsident der Republik, und am 2. Dezember 1852, durch ein allgemeines Plebiszit, Kaiser geworden. Der Kern seiner Politik war der, durch kriegerische und diplomatische Erfolge den Ruhm Frankreichs nach außen hin zu mehren, und dadurch seine eigene, seine usurpierte Herrschaft zu sichern. Daher pflegte Louis Napoleon, der übrigens ein Großneffe des Korsen war, die Freundschaft mit England, brachte es aber fertig, allmählig selbst, anstatt der Königin Victoria (regierte 1836 bis 1901), in den Mittelpunkt zu treten. Er beteiligte sich am Krimkriege, der durch den Frieden von Paris 1856 beendet wurde. Durch eine prächtige Weltausstellung wurde der Friedensschluß gekrönt. Durch Erfolge in Marokko und China verstärkte Louis Napoleon weiterhin sein Ansehen. Begierig ergriff er die frische Gelegenheit, Lorbeeren zu ernten, die ihm Cavour bot, und ließ seine Truppen nach Oberitalien marschieren, um den Italienern zu helfen. Bei Solferino wurden 1859 die Österreicher, die sich zwar tapfer schlugen, aber schlecht geführt waren, besiegt. Victor Emanuel konnte den größten Teil der Lombardei einstecken und in Florenz einziehen; Louis Napoleon aber entriß seinem lieben Bundesgenossen Savoyen mit der Hauptstadt Nizza.

Nun muß man sich vorstellen, daß seit dem Ausgange der römischen Kaiserzeit, seit bald anderthalb Jahrtausenden, die Apenninenhalbinsel ewig uneins undzersplittertwar.Wohl wurde, aber auch dies nur ganz selten, durch deutsche Kaiser eine vorübergehende Verwaltungseinheit hergestellt, die nahezu ganz Italien umfaßte. Allein selbst Karl der Große und Otto der Große ließen einige Striche noch den Byzantinern sowie den Arabern. Nicht minder widerstrebte der Kirchenstaat, der sich auf eine angebliche Schenkung Konstantins, des römischen Kaisers, stützte. Weder Langobarden noch Normannen haben es vermocht, ganz Italien zu beherrschen; den Langobarden fehlte Süditalien und Sizilien, den Normannen Mittelitalien und die Lombardei, ln der späteren Zeit teilten sich spanische, bourbonische und habsburgische Herrscher mit dem Papste und Piemont in die Herrschaft des schönen Landes. Vor der Renaissance gab es wohl über hundert souveräne Herrschaften auf der Halbinsel; zumeist Stadtstaaten. In der Zeit von Solferino gab es noch sieben selbständige Gebilde. Das Großherzogtum Toskana und das Herzogtum Modena standen unter habsburgisch-lothringischen Herrschern; in Parma blühte ein Zweig der spanischen Bourbonen, und die Romagna (südlich vom unteren Po) bildete einen Teil des Kirchenstaates. Das Hauptstück besaß Franz II., König beider Sizilien, womit Unteritalien mit der Hauptstadt Neapel und die Insel Sizilien bezeichnet wurden. In den Rest teilten sich Österreich und Piemont.

Während in der Lombardei die Heere kämpften, machten die Bevölkerungen von Toskana, Parma, Modena und der Romagna eine Revolution und erwählten Volksvertretungen, die September 1859 zusammentraten, und den Anschluß an Piemont, oder, wie es damals hieß, Königreich Sardinien verkündeten.

Es ist nicht ohne Reiz, hier einzuflechten, wie Bayern mit jenen südlichen Reichen verknüpft ist. Die frühere Herzogin von Modena, die Schwester des Prinzregenten Luitpold, und ebenso eine enge Verwandte von ihm, die Königin von Neapel, leben noch heute hochbetagt in Bayern. Noch weiter nach Süden reichten bayrische Beziehungen in Griechenland. Dorthin kam der Wittelsbacher Otto; ihm folgten 4000 Bayern, die sich in und bei Athen niederließen. Otto wurde 1861 durch eine Revolution vertrieben; an seiner Stelle wurde ein Dänenprinz, Georg, zum König erwählt.

Durch ein Plebiszit wurde Anfang März 1860 der Anschluß Toskanas, Parmas, Modenas und der Romagna angenommen, und am 18. März von Victor Emanuel bestätigt. Das neue Reich, das „Italien der Italiener“, beginnt laut königlichem Dekret am 13. April 1860.

Noch aber fehlte die Südhälfte. Zunächst dachten jedoch weder Victor Emanuel noch sein großer Minister Cavour an die Eroberung des Königreichs beider Sizilien; sie erstrebten im Gegenteil eine Bundesgenossenschaft. Der Piemontese bot sie am 23. April unmittelbar Franz II. an, wobei er freilich die Notwendigkeit einer Verfassung für Neapel betonte. Seinen Brief schloß er mit den Worten:

„Wenn Ew. Majestät einige Monate verstreichen lassen, ohne meinen freundlichen Vorschlägen zuzustimmen, dann werden Sie erkennen, welche Bitterkeit die Worte „Zu spät“ enthalten können“.

Franz II. wandte sich an den Papst; dieser bestürmte ihn, abzulehnen. Nun brach Garibaldi der Freischarenführer mit tausend Mannen auf und schiffte sich nach Sizilien ein. Das war am 11. Mai. Er landete in Marsala. In überraschend schnellem Anstürme eroberte er die ganze Insel und danach Süditalien. Die ganze Expedition dauerte vier Monate. Franz II. betrachtete die ganze Expedition anfänglich als eine „wilde Piratenfahrt“. Er konnte nicht daran glauben, daß ein ganzes Volk hinter der roten Mütze des großen Helden marschierte. Nach der Niederlage oktroyierte er eine Verfassung, Freiheit und Reformen. Es war zu spät. Als Garibaldi sich der Hauptstadt näherte, mußte der König flüchten. Nur wenige harrten bis zur Flucht aus. Alle die Herzoge Fürsten und sonstigen Höflinge hatten den König schon bei den ersten Anzeichen des Sturmes verlassen. Der König ging, wie zwölf Jahre früher der Papst, nach Gaeta, dessen Verteidigung die Königin mit Geschick leitete. Am 7. September bemächtigte sich Garibaldi Neapels, ohne auf Widerstand zu stoßen.

Während diese Ereignisse sich im Süden abspielten, gingen zwei sardinische Armeekorps auf den Kirchenstaat zu. Am 18. September 1860 wurde die päpstliche Armee unter Lamo-riciere zersprengt, und am 29. ergab sich die Garnison von Ancona. Die Freiheitsarmee, an deren Spitze Victor Emanuel stand/näherte sich nun dem früheren Königreich Neapel, in dessen Hauptstadt Victor Emanuel am 2. November 1860 einzog. Der letzte Widerstand der Franz II. treu gebliebenen Truppen fiel am 20. März 1861. Schon am 14. März hatte Victor Emanuel den Titel: „König von Italien aus der Gnade Gottes und dem Willen der Nation“ angenommen. Am 27. März erhob das Parlament Rom zur Hauptstadt des neuen Reiches. Das war vorläufig nur Theorie.

Die weiteren Schritte waren jedoch leicht. In der Hauptsache war die Einheit Italiens errungen. Es bedurfte nur noch einiger Scharmützel mit den päpstlichen Gardisten, um auch den ganzen Kirchenstaat einzustecken. Rom aber und auch Venedig fehlte einstweilen noch als Abschluß des Ganzen.

Etwas später als die italienische Bewegung setzte die deutsche ein. Während bei unserem südlichen Nachbar die verschlagene Diplomatie eines Cavour und das tollkühne Landsknechttum eines Garibaldi zusammenwirkten, um das gewünschte Ziel zu erreichen, ist die deutsche Einheit, nachdem die Demokraten-und Freischärlerversuche gescheitert, dem Planen und Tun eines einzigen Mannes zu danken: Bismarcks. Er hat in Frankfurt, Petersburg und Paris seine Sporen verdient. Gleich seine erste Tat, die er als Ministerpräsident ausführte, war sein schwierigstes Meisterstück: die Gewinnung Schleswig-Holsteins. Dann galt es, sich mit Österreich auseinanderzusetzen. Seit dem Wiener Kongresse waren die Verhältnisse der deutschen Länder so geordnet, daß die einzelnen souveränen Staaten, unter denen Österreich von selber den Vorrang hatte, im Frankfurter Bundestag vertreten waren, und daß dieser Bundestag über gemeinsame Interessen zu entscheiden hatte. So war die Theorie. Tatsächlich aber hatte der Bundestag nur eine geringe Autorität; in der Hauptsache taten wenigstens die größeren Staaten, was sie wollten. Gerade ein halbes Jahrhundert lang hat sich dies Elend hingezogen, und der Bundestag war schon zum Gespötte der Welt geworden, da griff Bismarck mit eiserner Faust durch. Er sah, daß nicht zwei Sonnen am Himmel leuchten können, und entschloß sich zur Trennung. Im Frühjahr 1866 erklärte er an Österreich und die mit ihm verbündeten Staaten Bayern, Sachsen, Hannover und Hessen den Krieg. Die Preußen waren entschieden in der Minderheit; dazu mußten sie gewärtigen, daß die Franzosen und möglicherweise auch die Russen herbeieilen! und einen neuen allgemeinen Krieg wie den dreißigjährigen entfachen würden, dessen Kosten Deutschland zu tragen hätte. Noch schlimmer aber: die Stimmung in Preußen selber war scharf gegen Bismarck, und sein König, Wilhelm 1., der seit acht Jahren an die Stelle seines geisteskrank gewordenen Bruders getreten war, schwankte. Nur einer schwankte nicht, das war Bismarck selbst. Gegen die Feinde draußen und die Nörgler drinnen setzte er alles aufs Spiel. Die einzige Hilfe, freilich keine sonderlich wirksame, leisteten die Italiener, die die schöne Gelegenheit benutzten, um nun auch noch Venetien den Österreichern zu entreißen. Aus eigener Kraft hätten das die Italiener schwerlich vermocht, wie ihnen ihr großer Dichter Carducci immer vorgeworfen hat, daß sie lediglich durch fremde Kraft ein selbständiges Königtum gewannen. Die Österreicher mußten eben den Kern ihrer Truppen nach Böhmen lenken, wo die Preußen mit starken Heereskräften, von den Strategen Moltke und Blumenthal beraten, eingerückt waren. Dafür siegte der österreichische Admiral Tegethoff gegen die überlegene italienische Flotte bei Lissa an der dalmatinischen Küste, gegenüber von Ancona. Tegethoff war ein streitbarer Held. Er zwang das Glück durch das Rammen des feindlichen Admiralschiffs. Als ihn später eine Dame fragte, ob das Rammen schwer sei, erwiderte er: Nein! Aber man muß das Herz dazu haben. —

Die preußische Armee befolgte in Böhmen den Grundsatz Moltkes, getrennt zu marschieren und vereint zu schlagen. Sie traf die Österreicher nicht schlecht vorbereitet. Nur haperte es, wie fast immer bei den Österreichern, an der höheren Führung, außerdem an der finanziellen Rüstung. Noch in letzter Stunde war Benedek von Italien, das er gut kannte, nach Böhmen, dessen Verhältnisse er fast garnicht kannte, berufen worden. Benedek selbst sträubte sich heftig gegen diese Berufung, aber es half ihm nichts. So wurden denn, nach einigen kleinen Niederlagen, die Österreicher in der großen Schlacht bei Königgrätz aufs Haupt geschlagen. Bald darauf streiften preußische Reiter bis vor die Tore Wiens, und bis nach Preßburg an der Donau. Für die Österreicher bestand wenig Aussicht sich sammeln zu können. Trotzdem stand für Preußen alles auf des Messers Schneide. Nämlich diplomatisch. Durch die preußischen Siege gereizt, drohte Louis Napoleon mit der Einmischung-; auch war es durchaus im Bereich der Möglichkeit, daß trotz Nizza die alte Waffenfreundschaft wieder auflebte zwischen Frankreich und Italien. In diesem kritischen Augenblicke bewies Bismarck, gegenüber dem Drängen der Militärpartei, eine rühmliche Mäßigung; um Österreich nicht zu Verzweiflungsschritten zu drängen, gewährte er ihm außerordentlich günstige Bedingungen. Zwar konnte er nicht verhindern, daß sein erbitterter Gegner, der sächsische Graf Beust, ein aufgeblasener Wichtigtuer und Intrigant, von dem man nie verstehen wird, weshalb er zu so verantwortungsvollen Stellungen befördert wurde, Ministerpräsident in Wien ward und alle seine Kräfte für einen Revanchekrieg einsetzte; aber Bismarck erreichte durch sein .besonnenes Maßhalten doch, daß auf goldenen Brücken später Osterreich zurückkehrte, umFreundschaft mit Preußen zu schließen. Das wurde in erster Linie dadurch ermöglicht, daß die Donaumonarchie keinen Fußbreit Landes herzugeben brauchte.

Immerhin konnte Preußen reichliche Früchte ernten. Es nahm Hannover, Hessen und die freie Reichsstadt Frankfurt, die elfhundert Jahre hindurch ein Mittelpunkt des Deutschen Reiches gewesen war, in Besitz. Es errichtete den Norddeutschen Bund, es erweiterte den Zollverein, dessen Anfänge in die 1830er Jahre zurückreichen. Ein neuer Strom von Lebensfreude und nationalem Selbstgefühl durchdrang alle Gaue des Vaterlandes; auch die Angegliederten verschmerzten, mit Ausnahme der Welfen, in nicht langer Zeit den Verlust ihrer Selbständigkeit. Aus dem bestgehaßten Manne seiner Zeit, Bismarck, war der Gefeiertste und Beliebteste geworden, und mit ihm sein König, den man einst den Kartätschenprinz genannt hatte.

Die Franzosen aber schnoben „Rache für Sadowa“, wie sie nach einem kleinen, in der Nähe befindlichen Dörfchen den Tag von Königgrätz bezeichnen. Zunächst versuchte Louis Napoleon, in Luxemburg frische Lorbeern zu pflücken. Das gelang ihm nicht. Ebenso wenig glückte es ihm in Mexiko. Mit dem bewußten Zwecke, das Romanentum gegen das übermächtig aufstrebende Germanentum zu stärken, hatte Louis Napoleon eine Eroberung Mexikos begonnen. Seinen französischen Truppen hatte er — Ironie des Schicksals — einen deutschen Fürsten, den Habsburger Maximilian, als Oberführer mitgegeben. Maximilian hatte zuerst Erfolg, und wurde zum Kaiser von Mexiko ausgerufen. Da sich aber die Vereinigten Staaten einmischten, die nach Beendigung des langwierigen Bürgerkrieges die Hände frei hatten, und da, von Washington aus ermutigt, der Vollblut-Indianer Juarez mit einheimischen Streitkräften die Lage beherrschte, sah sich Maximilian sehr bald auf die Stadt Mexiko und Umgebung beschränkt. Im Jahre 1868 nahte die Katastrophe.

Der Kaiser von Napoleons Gnaden wurde gefangen genommen und erschossen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika

Männer; Völker und Zeiten