Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vorfahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit eier Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, oh das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verfassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Vom Willen des Vaters hing es ab, ob das neugeborene Kind in die Familie aufgenommen oder ausgesetzt tverden sollte. Die Angaben des Tacitus (Germ. 19), daß es als Schandtat gälte, die Zahl der Kinder zu beschränken oder eins der nachgeborenen zu töten, ist nur zum Teil richtig.

Die Großmutter des heiligen Liudger wollte ihre Enkelin töten, weil ihre Tochter nur Mädchen, keine Söhne hatte. Sie befahl, daß die Tötung erfolge, bevor das Kind Milch von der Mutter genossen hätte; denn solange ein Kind noch keine irdische Speise berührt hatte, war sein Tod gestattet. Der damit beauftragte Sklave brachte das Mädchen zu einer Wanne, um es darin zu ertränken; aber durch Gottes Erbarmen hielt es sich mit seinen Ärmchen am Rande der Wanne über Wasser, bis ein aus der Nachbarschaft hinzukommendes Weib es dpn Händen des Sklaven entriß, in ihr Hans brachte und ihm Honig einflößte. Die rasende Großmutter schickte Gerichtsdiener nach dem Kinde in das Haus der mitleidigen Frau, aber sie sagte ihnen, das Kind hätte bereits Honig genossen und zeigte ihnen dessen Lippen. Nach heidnischem Brauche war es nun nicht mehr gestattet, das Kind zu toten. Aber erst nach dem Tode der wütenden Großmutter konnte die Mutter ihr Kind zu sich nehmen (V. Liudg. 6, 7).

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Rechte kam und als Person anerkannt wurde, war die Namengebung. Von der Zeit an, wo dem Kinde ein Name beigelegt war, galt Aussetzung als unerlaubt. Die Namengebung pflegte binnen neun Nächten nach der Geburt zu erfolgen und war schon in heidnischer Zeit bei allen Germanen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeid ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeid geschützt war. Der Volksscherz von den blinden Hessen oder Schwaben bewahrt noch eine Erinnerung an die alte Rechtsordnung, die den Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichstellte. Vermutlich ward das Kind bei der mit der Wasserweihe verbundenen Namengebung mit dem Hammer, dem Symbole Donars, geweiht. Die langobardische Sage, daß Wodan auf Freas Geheiß, weil er ihnen den Namen Langbärte gegeben habe, ihnen als Namensgeschenk den Sieg verliehen habe, zeigt, daß ein Geschenk der Namengebung folgen mußte. Der Hausvater verrichtete selbst die Taufe des Neugeborenen; erst durch sie ward die Körperlichkeit des jungen Menschen befestigt.

Schon Aristoteles kennt bei vielen Barbaren die Sitte, die Neugeborenen in kaltes, fließendes Wasser unterzutauchen, und der Arzt Galcnus im 2. Jhd. n. Chr. sagt ausdrücklich, daß die entsetzliche Sitte, die Neugeborenen, heiß vom Mutterleibe wie glühendes Eisen in kaltes Flußwasser zu tauchen, bei den Germanen herrsche. Aus dem 4. Jhd. stammt die griechische Fabel, daß der Rhein den nordischen Barbaren zur Kinderprobe diene, weil er die unechten sinken lasse. Der alte Name für die Wasserweihe war daupjan tauchen; Wulfila übersetzt damit die christliche Taufe.

Auch die Westgermanen behielten döpjan, toufan dafür nach ihrer Bekehrung und liessen es durch kein kirchliches Wort verdrängen, wie bei andern heiligen Handlungen. Als der getaufte Sohn des FrankeDkönigs Chlodwich stirbt, ruft dieser: „Wäre der Knabe im Namen meiner Götter getauft gewesen, gewiß lebte er noch; aber er konnte nicht leben, weil er im Namen eures Gottes getauft ist!“ (Greg. v. Tours. 229_81). Die christliche Taufe übt also nach der Ansicht des Heiden nicht die der heidnischen Weihung zustehende Kraft, des Kindes Köperlichkeit zu festigen. Die Kirche sah daher in der heidnischen Taufe einen gefährlichen Nebenbuhler und ein teuflisches Werk. Bonifatius schreibt 732, die von den Heiden Getauften müssen von neuem im Namen der heiligen Dreieinigkeit getauft werden. Wenn eine von Heiden vollzogene Taufe (d. h. die germanische Wasserbegießung) für ungültig erklärt wird, muß sie also bestanden haben.

In den Namen, der dem Kinde gegeben wurde, legte man die Fähigkeiten und Charakterzüge hinein, durch die es sich, erwachsen, nach dem frommen Wunsche des Gebers auszeichnen sollte: er sollte das ideale Vorbild sein, dem das Kind nachstreben sollte. War es der Name eines Gottes, so sollen dessen Taten und Empfindungen Muster und Beispiel werden. Zugleich sollte dadurch ein gewisses Schutzverhältnis zwischen dem Gott und dem seinen Namen tragenden Menschen erfleht werden. Mit Wodan, Donar, Balder zusammengesetzte Eigennamen finden sich wiederholt für deutsche Männer, selbst als einfache menschliche Namen kommen sie vor. In Answalt, Oswald, Ansgar, Reginbirin (Kind der ratenden Götter) sind die alten Bezeichnungen der Gottheit, in alb, hün, thurs, Mimi sind dämonische Namen enthalten; auf die den kriegerischen Gottheiten geweihten Tiere weisen am, hraban, swan, ebur und wolf. Bei den Frauen überwiegen in der ältesten Zeit Walkürennameu. Aber auch nach den Wald- und Wasserfrauen und den Elbinnen ward das Mädchen benannt. Häufig deutet der Name auf priesterliche Tätigkeit hin, auf die Heiligtümer: alah, will, die Opfer: gelt (gildi), auf Zauber und Weissagung:

Trat der Sohn aus der Gewalt des Vaters heraus, so schnitt ilim der Vater, der dabei wieder Priesterdienste verrichtete, daß Bart- oder Haupthaar ab: das Haar, das Symbol der Fruchtbarkeit, war der Gottheit des Wachstums geweiht, oder es war ein stellvertretendes Opfer für den Menschen selbst.

Die frohen Zeiten der erwachenden Natur sind auch die Feste der Liebe. Alter Brauch am 1. Mai war es, daß das Mädchen den Hut des Geliebten mit grünen Blumen schmückte, und daß der Bursch ihr einen Maien, das Zeichen der Früh-liugsgottheit, vor der Tür aufpflanzte. Durch das Oster- und Johannisfeuer sprangen die jungen Paare, um Segen für den Besitz und für sich selbst zu erlangen. Bei dem Scheibenschlagen warfen die Burschen das brennende Rad zugunsten der Erkorenen. Zur Wintersonnenwende befragte man nach uralter Sitte das Schicksal nach dem Geliebten oder schaute nach dem künftigen Gatten.

Hochzeit, höhe zit, hieß der festliche Tag der Heirat. Die Hilfe der Götter wurde für das junge Paar erfleht, heilige Gebräuche weihten ihn ein. An dem heiligen Tage des Gottes, unter dessen besondere Huld man die Ehe stellen wollte, ward die Hochzeit begangen.

Am Tage zuvor ward die Braut durch ein reinigendes Bad entsühnt, um die feindlichen Geister abzuwehren, sie gegen den Zorn der göttlichen Mächte zu schützen und ihre Gunst ihr zu sichern. Auch ein Sühnopfer ward dargebracht; der dem Donar heilige Bock ward geschlachtet und mit seinem Blute die Braut besprengt. Auch die Verhüllung der Braut weist auf alten Opferdienst für die unterirdischen, Fruchtbarkeit spendenden Mächte. Ein zwar aus älteren Quellen nicht belegter, aber uralter Brauch war, am Vorabend der Hochzeit, an dem sogen. Polterabend, allerlei Geschirr zu zertrümmern: die schädlichen Unholde sollten durch den Lärm vertrieben werden.

Als Herdgott und Schutzgott des Hauses ward der Gewittergott Donar besonders angerufen. Das junge Paar umwandelte dreimal den Herd, auf dem ein frisches Feuer angezündet war; hier brachte die Neuvermählte auch den Hausgeistern ein Opfer dar. Auf der hochzeitlichen Tafel fehlte auch des Wettergottes heiliges Tier, der Brauthahn, nicht. In feierlichem Gebete lud man die Gottheit zum Hoohzeitsmahle ein; in der ältesten Zeit genossen die Ahnen, die Hausgeister, die hauptsächlichste Verehrung bei der Ver-mählungsfeier, für sie und neben ihnen traten später die himmlischen Götter als anbetungswürdige Vorbilder der Feiernden oder als Festteilnehmer und Ehrengäste ein. Besonders dachte man sich die Schicksalsfrauen bei der Hochzeit weilend.

Tanz und Spiele gehören zu den alten religiösen Festen, auch bei der Hochzeitsfeier fehlten sie nicht. Die Festgeuossen begleiteten den Brautzug wie eine feierliche Prozession, Männer kleideten sich wie Frauen und umgekehrt, schwärzten die Gesichter uud stellen allerlei Tiergestalten dar, um die feindlichen Dämonen zu schrecken, aber auch aus ehrfurchtsvoller Scheu. Lieder erklangen, und selbst kleine dramatische Szenen fehlten nicht. Der Auszug zur Einholung der Braut ward oft als wildes Wettreiten ausgeführt. Oder die geladenen Gäste begannen nach uraltem, heiligem Brauche barfüßig den Lauf. Aber auch Braut und Bräutigam unternahmen den Wettlauf, die Braut bekam einen Vorsprung, und am Ziele der Bahn ward ihr der Kranz abgenommen. Auch Siegfried erringt für Günther im Wettlaufe die Walkürenbraut (N. L. 4354— 437a). Als der schnellste und siegreichste unter allen Göttern ward Wodan zum Beistände des Bewerbers angerufen; aber die göttliche Weihe der Vermählung erfolgte durch Donar. Selbst das sühnende Feuer fehlte bei der Hochzeit nicht. Wie beim Frühlings- und Mittsommerfeste ward nach vollzogener Vermählung ein mit Stroh umwundenes Rad angezündet, die Gä3te tanzten um das Feuer, und das juuge Paar sprang über die heilige Lohe.

Mit den neuen Pflichten und Rechten, die der junge Hausvater übernommen hatte, verband sich für ihn die selbstständige Ausführung der religiösen Gebräuche. Er vollzog fortan die Losungen und Gebete für sein Haus, brachte kleine Opferspenden und Gelübde an Bäumen, Felsen, Quellen, den Gräbern der Verstorbenen dar, beging den Wechsel der Jahreszeiten nach altem heiligem Brauche, ließ Feuer auf deu Bergen auflodem und in feierlichem Umzuge ein Götterbild um das Feld tragen, versäumte nicht die täglichen Opfer für die Hausgötter und Hausgeister und brachte abwehrende Opfer bei der Erkrankung einzelner Stücke der Herde, Bittopfer bei der Bestellung der Äcker, Dankopfer bei der Ernte. Bei den religiösen Gebräuchen des Einzelnen hat sich der Seelenkult am längsten erhalten, aber die großen Götter des Volkes wurden keineswegs vernachlässigt. Nur waren seine Opfer naturgemäß ärmlicher und dürftiger als die großen Gemeindeopfer, deren Vorstufe sie sind. Nur geringe Gabe an Brot, Körnern und Eiern konnte der einzelne den Göttern darbringen, bescheiden war das anschließende Opfermahl; Rosse, Rinder, Schweine und Böcke mußte er sich versagen, selbst Gänse und Hühner werden kaum geopfert sein. Bilder der höheren Götter waren gleichfalls nicht im einzelnen Hofe anzutreffen. Nr. 27 des Indiculus handelt von Götzenbildern, die aus Zeuglappen gemacht sind (de simulacris depannis factis). Es sind Bilder von Haus- und Herdgöttern, Geistern und ähnlichen Wesen, die sich der Einzelne zu privatem Gebrauch im Hause anfertigte. Schon der geringwertige Stoff, aus dem sie bestanden, und ihre gewiß kunstlose Form zeigen, daß ihre Herstellung und Anschaffung auch dem einfachsten und ärmsten Manne möglich war. Am Herde werden sie ihren Platz gehabt haben.

Geburt, Leben und Tod stand in der Hand der höheren Mächte. Der Tod war das Werk der Schicksalsgöttin, der Wurd, die nicht weiterhin auf dieser Welt Wonne genießen läßt. In den Schoß der mütterlichen Erde, dem alles Sein entsproßt, kehrte der Mensch zurück. Der Sterbende, der Tote ward gewaschen, die Leiche und der Sarg mit Weihwasser besprengt. Durch das Weihwasser reinigte man den Verstorbenen von schweren Sünden und versöhnte die Götter. Neun Tage währte die dem Totenkulte gewidmete Sühn- und Trauerzeit, sie schloß am neunten Tage mit einem Opfer, das den unterirdischen Gottheiten galt. Zugleich reinigten sich auch die Hinterbliebenen von der Befleckung durch den Toten. Zu dem Totenmahle lud man die Seele des Abgeschiedenen ein; was hei dem Schmause gegessen und getrunken wurde, kam dem Toten „zu gute“.

Kurz darauf erfolgte der Antritt des Erbes. Zwar wird ein feierliches Opfer für die mächtigen Gottheiten nicht gefehlt haben, die Haus und Hof, Feld und Flur, Wald und Weide schirmen, aber das Erbbier hielt man vor dem leeren Hochsitze des Verstorbenen, trank des Toten Minne, und der Haupterbe nahm den Ehrensitz ein. Die Geister der Vorfahren weilten als Schutzgeister der Familie im heiligen Herdfeuer, und der Hausvater brachte ihnen täglich und zu bestimmten Zeiten Opfer dar. Alle Jahre am Todestage erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um die Vorgesetzte Speise als Opfer hinzunehmen. Bei jedem großen Opferfeste der Gemeinde trank man ihr Gedächtnis. Von seiten der Gemeinde oder der größeren Verbände wurde den Abgeschiedenen alle Jahre an dem großen Herbstfeste ein dreitägiges Totenfest gefeiert, wenn mit dem Ersterben der Vegetation die Seelen sich, in das Innere der Erde zurückziehen. Zur Zeit der Wintersonnenwende, in den zwölf Nächten, wenn die Götter aus ihrem Schlummer erwachten, kamen auch die Seelen wieder hervor, und Speise und Trank setzte man für sie zurecht.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
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Deutsche Mythologie

Bereits in indogermanischen Zeit ist der Gewittergott vom Himmelsgotte getrennt gewesen. Wie Indra neben Dyaus bei den Indern, Herakles neben Zeus bei den Griechen, steht Donar-Thor neben Tius-Tyr bei den Germanen. Der Gewittergott erscheint wie ein blondbärtiger oder rotbärtiger Riese von übermäßiger Kraft, ein gewaltiger Esser und Trinker, ein heldenhafter Drachentöter; die Freude am derben Dreinschlagen ist ihm eigen, wenig kümmert er sich um Sitte und feine Lebensführung. Sein starker Arm bringt Macht und Sieg, öffnet die Schleusen des Himmels und läßt den warmen Regen niederrauschen; das Gedeihen der Herden und Felder, der Saat und Ernte hängt von seiner Huld ab, aber auch der Segen des Hauses und der Nachkommenschaft. Er ist Heftig und doch gutmütig, furchtbar in seinem Grimme, freundlich und freigebig gegen seine Verehrer. Er ist mehr der Gott der Bauern als der Krieger, er steht weniger im Mittel punkte des Stammeskultus als im kleinen Kultus des täglichen Lebens. Ein Gewitter verkündet nach dem Glauben der Germanen den Zorn der Himmlischen; wenn unheilbedeutender Hagel auf die Schilde schmettert, ziemt dem Menschen, den Kampf abzubrechen. Ein Gewitter hilft dem Kaiser Marc Aurel zu seinem großen Siege über die Quaden; Hagel vereitelt im Jahre 537 die Mordpläne der Brüder Chlothars, sie und ihr Heer werfen sich unter den Schilden zu Boden und bitten Gott um Verzeihung, daß sie etwas gegen ihr Blut unternommen haben. Ein Gewitter verhindert 20 Jahre später die Schlacht zwischen den Söhnen Chlothars.

Der Name des Gewittergottes Donar, Thonar in Schwaben, Thuner bei den Sachsen, Junior bei den Angelsachsen, Thuner bei den Friesen, Thorr (*honraz) bei den Nordgermanen, ist mit dem Suffix ra von der idg. Wurzel stau, tan „donnern, dröhnen“ gebildet (gr. rövog, lat. tonare). Das älteste Zeugnis für Donar stammt aus dem Jahre 16: vor dem Kampfe mit Germanicus auf der Jdisenwiese versammeln sich alle Weservölker in einem dem Hercules heiligen Haine (Ann. 212). Tacitus erwähnt ihn neben Tius und Wodan und hebt hervor, daß ihm Tieropfer fallen (Germ. 9). Die ältesten lateinisch schreibenden Schriftsteller geben ihn mit Hercules wieder, wegen seiner Stärke, des Donnerkeils und wegen seiner Kämpfe gegen alle Feinde der Menschen und ihres entwickelten Lebens. Zahlreiche römisch-germanische Votivsteine sind ihm zusammen mit Mars-Tius, Mercurius-Wodan oder allein errichtet, einer im Gebiete von Xanten aus dem Jahre 118 dem Hercules und seiner Gattin, der Fortuna. Die späteren Schriftsteller setzen dafür Juppiter ein. Vielleicht hat Donar bei einigen Völkerschaften in der Tat die höchste Stelle eingenommen, aber dies kann nur bei Stämmen und zu einer Zeit geschehen sein, die sich friedlicher Kultur erfreuten. Bei den Friesen werden Herculessäulen genannt (Germ. 34), aber es ist auffallend, daß Tacitus keine Rücksicht auf den früher erwähnten Gott nimmt (Germ. 3. 9.). Donarssäulen sind schwerlich gemeint, auch befriedigt die Erklärung nicht, daß die Sage von den Herculessäulen durch Felsen, die aus dem Meere hervorragten, und durch scharfe Vorgebirge hervorgerufen sei: die röm. Seeleute hätten die Klippen der Nordsee mit den südlichen Säulen des Hercules in Parallele gesetzt. Eher könnte man an Grabdenkmäler friesischer Seehelden denken, die wie das Beowulfs au den Klippen der Brandung errichtet seien (2802 ft‘.), oder man hat in ihnen ein uraltes Weihgeschenk phönieischer Seefahrer ip Gestalt zweier Peiler zu sehen.

Östlich der Weser, wo sich die zu Arminius stoßenden Stämme in Donars Hain versammelten, ward Thonar auch ferner noch verehrt. Vielleicht bezeugen auch die „Castra Herculis“ im Gebiete der Bataver bei Nimwegen die Verehrung des Donar (Ammian. Marcell. 18, 24). Das sächsische Taufgelöbnis nennt Thuner als den ersten der drei großen Heidenteufel, vor Wodan und Sahsnöt (S. 190). Auch bei den Hessen blühte im 8. Jhd. sein Kult; zwischen 725 und 731 fällte Bonifatius mit eigener Hand bei Geismar einen Baum von wunderbarer Größe, der in der Sprache der Heiden Donars Eiche hieß. Eine große Menge von Heiden war zugegen, die den Feind ihrer Götter verfluchte und erwartete, daß der strafende Blitzstrahl des Gottes den Frevler zerschmetterte. Aber wie von des Christengottes allmächtigem Hauch angeblasen, sank die Kieseneiche um, und an ihrer Stelle erhob sich ein Heiligtum des Petrus, der unter den christlichen Heiligen Donar am meisten zu entsprechen schien (V. Bonifatii). Also im heiligen Walde war die Eiche dem Donnergotte geweiht, und wie beim Nerthustempel der heilige See lag, in dem die Göttin badete (Germ. 40), wie unter der goldenen Axt des Foseti ein Quell hervorsprudelte und ein Quell zu seinem Tempelgute gehörte (S. 227), so wird bei der Donarseiche bei Fritzlar ein heiliger See gewesen sein; denn Geismar (Sprudelquell; gisan, mari) wird Opferquell bedeuten. Bonifatius erwähnt auch einen Priester des Donar (Ep. 25. 723) und muß für die Franken, Thüringer und Sachsen die Opfer des Donar und die Feier seines Festes nachdrücklich verbieten: „Alle Opfer und Beobachtungen der Vorzeichen von seiten der Heiden sind Entweihungen des Heiligen. Der Art sind Opfer für die Toten oder über den Gräbern, Amulette, Opfer auf Steinen, an Quellen und Bäumen für Donar, Wodan und die andern Götter der Heiden, denn sie sind sämtlich teuflische Mächte.“ In Hessen begegnet im 9. Jhd. ein Donaresbrunno, in Westfalen ein Donnersbrunnen, jetzt Petersbrunnen, Thoneresberg (869) in der Pfalz, Thuneresberg in Westfalen (1100) und Donnershaug; bei Oldenburg liegt ein Dorf Donnerschwe (Donars Heiligtum oder Weg); neben Thoneresfeld und Doneresreut finden sich in England Jmnres-feld und {wnreslöah. Nur wenige Personennamen sind mit Donar zusammengesetzt: Donarpercht, Donarpret, Donarad, Thunereulf, Albthonar.

Der hl. Eligius von Xoyons (f 659) hat seine Not mit dem zähen heidnischen Leben der getauften Franken und unternimmt auch Bekehrungsversuche bei den benachbarten Friesen; besonders eifert er bei den getauften Deutschen gegen die Heilighaltung des Donnerstages, namentlich im Mai, an dem das Volk nicht arbeiten wollte. Der Indiculus verbietet die Pflege der Heiligtümer des Wodan und Donar (Nr. 8 de sacris Mercurii vel Jovis; Nr. 20); außer Bildern, Säulen und Altären wird an Haine und Wälder, Berge, Quellen und andere Kultusstötten und -Gegenstände zu denken sein, die diesen Göttern vornehmlich geweiht und durch allgemeinen, verstärkten Opferdienst ausgezeichnet waren. Zahlreich sind in den Bußbüchenv des 7.—9. Jhds. die Verbote, den Tag des Juppiter untätig zu verbringen, den fünften Tag zu Ehren Juppiters nach der Heiden Weise auszuzeichnen. Selbst bei den spanischen Sueben ist es verboten, den Sonntag nicht zu feiern und dafür zu sagen, man feiere den Tag des Donar, des Wodan und der Frija (Martin von Bracara Nr. 9). Aber es ist sehr zweifelhaft, ob man daraus den Schluß ziehen darf, der Donnerstag‘ sei gewissermaßen der heidnische Sonntag gewesen, der Ruhetag der alten Deutschen. Denn die Kirche räumte dem Donnerstag eine bevorzugte Stellung ein zum Andenken an die Einsetzung des Abendmahles und an die
Himmelfahrt; Sonntag, Dienstag und Donnerstag waren Fleischtage, und darum pflegte man von alters her Dienstag und Donnerstag zur Abhaltung weltlicher Festlichkeiten wie z. B. von Hochzeiten, Märkten ynd Gerichten zu verwenden. Man darf also kaum den heidnischen Deutschen den Donnerstag als Ruhetag, den Dienstag und Donnerstag als Gerichtstage und bevorzugte Hochzeitstage zuschreiben.

Die Alemannen am Zürichersee verehren außer Wodan auch Donar; als die Bekehrer das Christentum bringen, geben die Heiden den „flammenden“ Donar auf. In Schwaben war der Donarsberg bei Nordendorf ein besonders hochgehaltenes Heiligtum. Die Nordendorfer Spange trägt die Inschrift: Die Heimat ersiege, Wodan! weihe, Thonar! Die alten Bewohner von Nordendorf müssen sich unter dem besonderen Schutze Donars gefühlt haben; denn in unmittelbarer Nähe liegt ein alter Donarsberg, von dem ein mittelalterliches Schloß Donrs-percli seinen Namen erhielt, heute Donsbergerhof.

Wie die Sachsen in Deutschland, verehrten auch die nach Britannien gewanderten Angelsachsen den Thunar, auch bei ihnen wird Donar mit Juppiter wiedergegeben. Auffallend ist, daß Wulfila den Namen vermeidet, er übersetzt Donner (ßQOvrrj) mit [leihvö (Mc.317; Joh. 1229). Alle Germanen benannten nach Donar den fünften Tag der Woche; der „dies Jovis“ heißt in Oberdeutschland Donarestac, in Norddeutschland Donresdach, bei den Friesen Thunresdey, bei den Ags. Thunoresdäg, engl. Thursday, im Norden [:>örsdagr, schwed. torsdag.

Donar fährt auf einem Wagen durch die Lüfte. In Ditmarschen umschreibt man das Gewitter mit den Worten: „der Alte fährt wieder einmal am Himmel da oben und schlägt mit der Axt an die Räder“. Die Ags. nannten das Gewitter Thunorräd, d. h. Donnerfahrt oder Wagen. In Bayern fährt Gott und unsere liebe Frau beim Gewitter im Himmel spazieren; die Rosse schlagen mit ihren Hufen auf den Stein, daß die Funken sprühen. Nach ditmarsischer Sage fährt ein Riese auf einem Wagen, der mit Böcken bespannt ist, die sich, verirren. Auch in Tirol hat ein rotbärtiger, brüllender Riese einen goldenen Bockswagen.

In der Rechten schwingt der Gott einen steinernen Keil oder Hammer; beim grollenden Donner haut sich der Alte mit der Axt ein Rad. Die Verwünschung, „daß dich der Hammer schlag“, darf freilich nicht herangezogen werden, denn der Hammer als eine Begleitung des Teufels beruht auf einer falschen Erklärung von Jeremja (5029). Daß bei der römischen Interpretatio die Ähnlichkeit zwischeu der Keule (clava) des Herkules und dem steinernen Hammer Donars mitgewirkt hat, lehrt eine Inschrift an einem Relief, das bei Obernburg am Main gefunden ist: Herculi Malliatori, dem hammerschleudernden Donar. Die Inschrift ist von einem oder von mehreren Soldaten geweiht, die zu Holz- oder Steinarbeiten abkommandiert waren. „Das walte der rothaarige Donner“, fluchen die Nordfriesen noch heute.

Von alters her ist der Gott durch einen feuerroten Bart ausgezeichnet (S. 258). Ein tubicen der untergermanischen X. Legion widmete in der Zeit von Domitian bis Hadrian in den Brohler Steinbrüchen eine Inschrift Herculi Barbato, dem langbärtigen Donar. Im Rollen des Donners, im Zucken des Blitzen tötet der Gott die Unholde, die das segnende Naß der Wolken zurückhalten wollen; dann schüttelt er grimmig den wallenden Bart und stößt in glühendem Kampfeseifer den Schlachtenruf aus. Darum nannten die Deutschen den Donnerruf „Donars Bartrede“. Daher ist er Schützer der Erde und auch Helfer der Krieger. Ihm, dem unbesiegten Gotte, wird ein Weihstein gesetzt (Herculi invicto), und Tacitus weiß, daß man ihn als den Ersten aller tapfern Männer besingt (Germ. 3).

*Vihuz, der Kämpfer, ahd. Vigur war deshalb sein ehrender Beiname. Vermutlich einem Teilnehmer am Bataverkriege verdankt Tacitus seine Schilderung (Germ. 3): Daß auch Hercules bei ihnen gewesen sei, erwähnt man, und ihn besingen sie als den Ersten alle)‘ tapfein Männer, wenn sie in die Schlacht ziehen. Im Gegensätze zu den erwähnten Liedern auf Donar und doch als Kriegslieder zu ihnen gehörend, haben sie die allgemein bekannten Lieder (haec quoque carmina), durch deren Vortrag, bei ihnen bar di tu s genannt, sie ihren Mut ent -flammen, wobei sie zugleich aus dem Schalle des Gesanges schon den Ausgang der bevoi’stehenden Schlacht ahnen; denn sie erregen oder hegen Furcht, je nachdem es in der Heeressäule schallt; und es scheint dies nicht sowohl Harmonie der Stimmen als der gemeinsame Schlag von Heldenherzen zu sein. Vorzüglich wird Hauheit des Tones erstrebt und stoßweises Dröhnen, indem sie die Schilde vor den Mund halten, damit die Stimme durch den Widerhall desto volle)’ und tiefer anschic eile. “ Mit hymnenartigen Liedern also, in denen vor allen Donar gefeiert wurde, zog man in die Schlacht: in ihnen verherrlichte man wohl den hilfreichen Donar und rief seinen Beistand auch für diese Stunde an, oder man pries in einem kurzen Liede mythischen Inhaltes irgend eine Heldentat Donars und feuerte den Mut der Heeresäulen durch das ruhmwürdige Beispiel des flottes an. Wie Donar beim Köllen des Donners brüllend in seinen Bart bläst, daß die Erde wankt, so ahmten nach Absingen des Donarliedes dann die Kämpfer die Donnerstimme des Gottes nach, indem sie die Schilde vor den Mund hielten und kräftig hineinschrieen.

Der Gesang, mit dem der Vormarsch anhob, ging also beim Sturmlauf in ein Schlachtgeschrei über, etwa unserni Hurra vergleichbar, und dieser kurze, aber mit voller Lungenkraft in die Wölbung der Schilde geschmetterte Ton mochte sich wohl wie das dumpfe Rollen des Donners anhören. Dem Hurraruf wohnt in der Tat, wie Tacitus berichtet und urteilt, eine fast zauberhafte Wirkung inne, der schmetternde Vollton siegbewußter Kühnheit reißt alles dahin und wirkt lähmend auf den Gegner, aber das schwache, der Angst entpreßte, schwankende Gemurmel ist ein Zeichen der Verzagtheit und tötet alles frische Wagen. So kann man noch heute sagen, daß der Schall dem Kämpfer eine Weissagung für den Ausgang der Schlacht erscheint, und das donnernde Hurra benennt sich mit Recht nach dem Bartrufe des Gottes barditus (bard „Bart“). Diese Erklärung erscheint natürlicher als die Ableitung vom an. bard-Schild, Schildgesang; die Bestimmung, „indem sie die Schilde vor den Mund halten“, ist bei Tacitus offenbar nebensächlich. Andere denken an afries. barja „rufen t jubeln, singen“ (es bedeutet aber „anklagen“) oder übersetzen barditus als „Kampflied, Schlachtgesaug.“

Als kraftvoller, starker Gott erscheint Donar auf römischen Inschriften, die Bataver oder stammverwandte Germanen geweiht haben; drei finden sich in Nordbrabant, eine am Hadrianswalle — ihr Stifter ist vielleicht ein Friese —, eine fünfte in Bonn, eine sechste unterhalb Deutz, eine siebente in Rom, gestiftet von batavischen Gardereitern. Die Inschrift nennt den Hercules Magusanus; das Beiwort ist ein germanisches Verbaladjectivum magusö, Dat. magusani, und gehört zur Wurzel magen = vermögen, kräftig sein. Der „starke“ Hercules kann nur Donar sein.

Ein alter, noch nicht völlig aufgeklärter Spruch des 11. und 12. Jhds. handelt von Donar, dessen alte, preisende Beinamen dutigo (der starkbrüstige, ahd. tutto Brust), dietewigo (der Faustkämpfer), dietmahtiger (der sehr kräftige) in der alliterierenden Eingangszeile erhalten sind: Donar dutigo dietewigo (oder dietmahtiger) ist wahrscheinlich der Anfang eiues alten Donarhymnus. In dem folgenden epischen Teile sind altheidnische und christliche Züge zusammengestellt:

Do‘ quam des liufeles sun iif Adämcsburg gon unde sciteta einen stein ee witc. Do‘ quam der Addmes sun undc sluog des tiufeles sun zuo zcinero stüdon.

Donar, der Teufelssohn, ist schon ganz in den Vorstellungskreis des christlichen Teufels hineingezogen; er ist wie ein-Riese gedacht, als ein beleibter Mann mit großen Brüsten, er steht auf Adams Brücke (= Kreuz?) und spaltet den Stein (d. h. die Brücke, die auf steinernen Pfählen ruht) nicht schwerer als ein Mann, der einen Baumstamm zu Brennholz scheitet. Christus aber, Adams Sohn, (vgl. Röm. 514) kommt dazu, schützt den Bau seiner Verelirer und treibt den Heidengott in den Wald zurück. Zugrunde liegt ein wirklicher Vorfall aus der Zeit der Kämpfe zwischen Christentum und Heidentum. Die Christen logen über irgend einen Fluß eine steinerne Brücke. Die heidnischen Deutschen des jenseitigen Ufers fürchten, daß nach Vollendung der Brücke die neue Lehre und neue Kultur bei ihnen eindringe, daß ihre Wälder verwüstet und ihre Hechte und Einkünfte geschmälert werden, die an ihrer alten Fähre oder Furt hängen. Sie suchen daher den bereits angefangenen Bau zu hintertreiben, ein Ge* witter scheint ihren Anschlag zu unterstützen, indem der Blitz in die steinernen Pfähle oder Bogen einschlägt und sie zum Teil zerstört; d. h. in der mythischen Sprache: Donar will die Brücke durch seinen Blitz vernichten, aber der neue, mächtige Christengott erscheint und schlägt ihn in den Wald zurück, wohin er gehört. Bei dem Kampf um den Bau werden Donar und Christus von ihren Bekennern angerufen, sie greifen beide tätig ein und entscheiden ihn; der Ausgang hängt von der geringeren oder größeren Kraft des alten oder des neuen Gottes ab. Auch in der Schlacht bei Noreja schleudern die Götter der Kimbern und Römer ihre Blitze in den Kampf der Männer.

Donar, der Schirmherr des Landes, wäre also, wenn die vorgetragene Deutung richtig ist, als Schützer von Fähre und Furt gegen Feinde gedacht: ihm war der Frieden des Landes befohlen, während die Mannen auf Kriegstaten umherschweiften. Brücken waren den alten Deutschen noch unbekannt, ein Ferge oder Furtmann vermittelte unter Donars Hilfe den Übergang. Die Brücke, die unsere Vorfahren zuerst von den Römern kennen lernten, und die ihnen später als ein Stück der vordriugenden christlichen Kultur erschien, ward nunmehr als verbesserte Furt oder Fähre gleichfalls unter Donars Schutz gestellt, und so erscheint der Gott selbst als Stifter und Schutzgott von Brücken, die er als treuer Hüter zu verteidigen sucht.

Der Blitz spaltet die Wolken, und die himmlischen Wasser strömen zur Erde nieder; der Blitz fährt in den Erdboden, und der Quell springt hervor. Darum ward Donar der Quellenschöpfer; die Donnersbrunnen hat der Donnergott entstehen lassen (S. 261).

Der Hammer wurf als Entscheidung über eine Grenze ist bei den Deutschen allgemein bekannt. Erst nach und nach, mit dem Verschwinden des alten steinernen Streithammers ist dessen Wurf auch durch das Werfen mit anderen Gegenständen, wie Beil, Hufhammer, Pflugschar und Sichel ersetzt worden. Der Sinn des Vorgangs ist durchaus religiös: der Wurf hängt nicht vom Werfenden, sondern vom Willen des Gottes ab. Deshalb wurde die Handlung oft auf mancherlei Weise erschwert, um sie zufällig, d. h. dem Willen der Gottheit zugänglicher zu gestalten. Der Ausfall des Wurfes hatte also die Bedeutung eines Loses. Wie der Hammerwurf aber bei der Anlage von Ortschaften praktisch angewendet wurde, ist nicht ganz klar. Außer dem äußersten Punkte der Grenze zeigte der Fall des Hammers nur die Richtung an, nach der das zu erwerbende Grundstück sich ausdehnen sollte; die Größe des Besitzstückes war dadurch nicht gegeben. Bei der Anlage von Ansiedelungen konnte jeder Berechtigte durch Hammerwurf nur bestimmen, nach welcher Richtung hin und bis zu welchem Punkte sein Teil liegen sollte. Der Ausdruck des Tacitus „sie verteilen die Aeker unter sich nach Ansehen und Würde“ (Germ. 26) läßt vielleicht die Erklärung zu, daß ein Häuptling oder ein besonders angesehenes Familienhaupt zuerst nach seiner Wahl einen Teil übernehmen durfte. Aber die Mehrzahl der Gemeinfreien stand sich durchaus gleichberechtigt gegenüber. Die Entscheidung konnte also nur das Los ergeben. Zwar erwähnt Tacitus des Hammers weder in Kap. 10 (bei der Erforschung des Götterwillens), noch in Kap. 26 (bei der Ackerverteilung), aber vermutlich bestimmte die Lage des geworfenen Hammers die Auslosung. So erklären sich die ungleichmäßigen Lagen und Abgrenzungen der ältesten Acker-und Feldeinteilungen.

Mit dem Hammer spaltet Donar das Erdreich und macht den Boden urbar. So wird er der Gott des Ackerbaues, der Beschützer der Heimat. Darum versammeln sich die Deutschen östlich der Weser in Donars heiligem Haine zum Schutze gegen röra. Angriffe (Ann. 212; S. 259); darum ziehen sie mit Liedern, die ihn preisen, und an deren Schlüsse sie des Donnerers Bartruf nachahmen, in die Schlacht. Darum wird bei Besitzergreifung eines neuen Landes der erworbene Boden ihm geweiht und die Grenzen durch Hammerwurf bestimmt das bezeugt der Ortsname Donnersmark. Der zuckende Blitz macht die Acker fruchtbar, zugleich hat er sie von Anfang an geweiht, ihre Grenze mit Feuer umzogen. Bei den oberen Sachsen rief der umhergetragene Hammer die Bevölkerung zum Gericht wie zum Kampfe; bei den Franken weihte der Hammer das Eigentumsrecht.

Die Scheide zwischen Dorf- und Ackergemarkung war ein dem rotbärtigen Donnergotte geheiligter roter Faden; rot war auch die Farbe, die im Schmucke der Hochzeitsleute wie der geladenen Gäste überwog. Der Donnerstag ist in vielen Gegenden als Hochzeitstag beliebt (doch vgl. S. 261), besonders bei den Friesen, in Holland, Ditmarschen und Pommern; im Lüneburgischen meidet man den Donnerstag. In Süddeutschland heißt es: Donnerstagsheirat, Glücksheirat! In Schwaben erfolgt die Einladung zur Hochze it am Donnerstage der vorhergehenden Woche. In Holstein und Hessen reicht die Feier vom Donnerstage bis zum Sonntage; in der Mark gilt umgekehrt der Donnerstag für unglücklich. Am Niederrheine heißt es „man muß die Hühner gut füttern, wenn am Hochzeitstage gut Wetter werden soll“; Hähne und Hühner sind Donar geweiht, wegen der nahen Beziehung, in der sie zum Wetter stehen. Die geladenen Gäste spenden für die am Donnerstage stattfindende Hochzeit Hähne, früher in Wirklichkeit, in Mecklenburg heute einen aus Butter oder Tonerde geformten, mit Federn und Blumen gezierten Hahn. Zahlreicher Aberglaube, der an den Hochzeitstag knüpft, hängt mit dem Wetter zusammen. Wie das Wetter an ihm ist, so verläuft das eheliche Leben; ruhiges, stilles Wetter ist von guter Vorbedeutung. Während des Gewitters beim Brautzuge oder beim ersten Gewitter nach der Vermählung soll die junge Frau ein schweres Gewicht heben, das verleiht ihr Gesundheit und Kraft und erleichtert die Lasten des Ehelebens. Im bayerischen Walde gehört Bockfleisch auf den Hochzeitstisch. Das dem Donar heilige Tier wird von dem Dache eines Hauses herabgestürzt und von dem Metzger sofort abgestochen: es ist der Best eines alten Tieropfers. In ältester Zeit wurde die Braut mit dem Blute des Bockes besprengt.

Eine Erinnerung daran sind die das Blut vertretenden roten Fäden um Stirn und Hals der Braut in den verschiedensten Gegenden Deutschlands. Nach’uralter Sitte wird das Paar von der Mutter des Mannes um den Herd geführt; die Braut setzt sich neben dem Herde auf einen Stuhl und bekommt Zange und Feuerbrand in die Hand, dann geht es zur Trauung (vgl. S. 195). Bei Dortmund ward während des Umführens um den Herd das Feuer entzündet; dabei sprach man vergessene Sprüche. Die Nordendorfer Spange beweist, daß Donar seit alter Zeit als Beschützer und Schirmer der Ehe galt (S. 253). Der Wind- und Sturmgott Wodan wird zur Ersiegung der Braut angerufen, denn er ist der Schnellste unter den Göttern, die göttliche Weihe erfolgt durch Donar (wigi, Thonar!), vermutlich durch seinen Hammer, das Sinnbild des Rechtes wie der Fruchtbarkeit.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan

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