Man dürfte kaum von Monumentalwerken irgendwelcher Art einen starkem, nachhaltigeren und beglückenderen Eindruck erhalten als von den Monumentalfenstern der alten französischen Dome. Alles was die wundervolle Zeit der Frühgotik an künstlerischen Werten besaß, findet sich auf ihnen vereinigt. Was es nur gab an wuchtiger Gliederung, an phantasievollster Ornamentik der Architektur, an Farbenzusammenstellung und Zeichnung der Fresken und Miniaturen, an Formrhythmus der Figurenplastik, alles fand sich zusammen in Glas, Blei und Zeichnung. Und doch waren jene Künstler weder Götter noch Giganten, sondern sehr menschliche Menschen. Weil aber das Leben für sie so bewegt und voller wechselndster Ereignisse war, schufen und fanden sie in ihrer Kunst eine Art Festland, das gleich wie die Religionsübung durch Regeln bestimmt war. Vorschriften sich zu widersetzen fiel wohl kaum einem dieser Individualisten ein, denn sie waren ihnen eigentliches Bedürfnis, wie auch alle frühmittelalterliche Formalistik, die, von Symbolik durchtränkt, immer die lebendige Ahnung Gottes war. Ein jeder Strich, ein jeder Hieb im Dienste der Kunst war dem Sinn nach religiös, d. h. entsprang dem Bewußtsein eines sym bolischen Wertes aller Kunst. Ein Realismus, wie wir ihn verstehen, wäre ihnen unverständlich gewesen, weil die Erscheinungen der Natur zu mannigfaltig und deshalb für profan galten.

Es war jenen Menschen aber eine Lust, in der Natur immer das Eine lebendig zu wissen, nämlich das Wort, das den Erscheinungen erst Bedeutung verlieh. So ist es denn auch weiter natürlich, daß in Plastik, Zeichnung und Malerei die Form, die Linie, die Farbe bei allen offenen Blicken für jedes Geschehen ein Eigenleben gewannen und absolute Kunst wurden, weil sie als Abstraktionen der Natur sich der Bedeutung des Gegenstandes zu gleich bewußt wurden. Durch diesen rein geistigen Antrieb gestaltete sich das Kunstwerk überaus einfach ; niemals spielte es mit bloß ästhetischen Effekten, sondern hielt sich an die Mittel, welche symbolischen Wert hatten.

Die an sich so primitive Technik der Glasfenster kam der Natur dieser Gestaltungsweise außerordentlich entgegen. Die im Glas schon gegebenen wenigen Farben — es waren deren nur fünf bis sechs — enthielten gleichsam eine Tonleiter; nun war nur noch zu musizieren, d. h. rhythmisch und harmonisch zu gestalten. Eine riesige Fläche erhielt nun intensivstes Leben durch einfache Zusammensetzung dieser kostbaren Gläser und durch Schaffung reichster, immer wieder neuer ornamentaler Formen und architektonischer Glieder. Niemand war seither imstande, ähnliche Wunderdinge nur annähernd zu erreichen; dem prüfenden Auge eröffnet sich hier eine unausschöpfbare Welt von mystischer Wirkung, die rein nur durch feinst empfundene Farbenverteilung erstanden ist.

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