Abbildungen Weltgeschichte

In allen islamitischen Ländern ist die Regierung die mittlere Linie zwischen dem demokratischen Sinn der Bevölkerung und der absoluten Vollmacht des Kalifen. Der Koran predigt ja, daß alle Mohammedaner Brüder, alle einander gleich seien. In der Tat ist denn auch der Sohn einer Negerin genau so erbberechtigt, wie der Sohn ihrer begünstigteren hellhäutigen Nebenbuhlerin. Auch sind der Rassenanlage nach die meisten Träger des Islam, namentlich Türken und Araber, demokratisch. Bei den neuesten Vorgängen haben die Ulema ausdrücklich erklärt, und zwar selbst die, die in Konstantinopel bei der Gegenrevolution mitgewirkt hatten, daß der Sultan die Verfassung nicht wieder antasten dürfe, und daß jeder Muslem nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet sei, dem Sultan im Falle einer Übertretung zu widerstehen. Der Sultan ist vor allem den Bestimmungen des Koran unterworfen, sodann den Ordnungen der Multeka, einer Sammlung von Sprüchen und Entscheidungen, die Mohammed und seine ersten Nachfolger getan haben. Dagegen wird das Kanon-Nameh Suleimans des Glorreichen, eine Sammlung von Hatti-Scherifs Suleimans selbst und seiner Vorgänger, zwar sehr geachtet, ist jedoch nicht bindend. Es gibt allerdings gefällige Gesetzesinterpreten, die, z. B. von der Tatsache ausgehend, daß der Prophet nur vier legitime Frauen erlaubt, und selber doch vierzehn besessen habe, die Meinung aufstellen, dem Kalifen sei schlechterdings alles gestattet. In jedem Falle hat sich der Absolutismus so mancher Sultane tatsächlich einfach über die Bestimmungen des Korans hinwegsetzt.

Der Sultan ernennt selbst — auch beim neuesten Regime — die zwei höchsten Reichsbeamten, den Sadrazan (Sdar-azam, persisch) oder Großwesir als oberste weltliche Autorität, und den Scheich ül Islam, das Haupt der Kirche. Bei der Wahl des letztgenannten haben jedoch die Ulema, die man demnach den Kardinälen vergleichen kann, mitzuwirken. Die Ulema stellen aber zugleich die obersten Juristen und besetzen die Theologieprofessuren. Ihnen eng verbunden sind die Mufti, die Ausleger des Korans. Westliche Einflüsse in der Verwaltung enthält zuerst das Hatti-Hamayun von 1856. Dem Großwesir steht ein Kronrat oder Medschlis i Haß zur Seite.

Bekannt genug ist die Einteilung des Reiches in Vilajets, Sandschaks, Kazas und Nahiets, die einem Wali, Mutessarif, Kaimakan und Mudir unterstehen. Wali kommt, was vielleicht weniger bekannt ist, aus dem Arabischen, wo es ursprünglich „oben“ bedeutet. Dieselbe Wurzel steckt im Vilajet, wo es lautgesetzlich ebenso von Wali gebildet ist, wie Kilafyet von Kalif.

Im übrigen ist das Osmanenreich zur größeren Hälfte nur Fortsetzung des byzantinischen. Selbst der Halbmond ist ursprünglich wahrscheinlich byzantinisch.

In der Bevölkerung bildet den Hauptunterschied die Religionsangehörigkeit. Nur die Mohammedaner sind verpflichtet, ja nur sie berechtigt, Waffen zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Die Christen oder Rayah sind ohne weiteres die Untergebenen der Mohammedaner. So will es ausdrücklich der Koran. Mithin ist schon dadurch das Gesetz des Korans übertreten worden, daß später die Juli-Revolution Gleichheit aller Konfessionen bestimmte. In einem islamitischen Staate ist eine derartige Gleichheit schlechterdings nicht durchzuführen. Angenommen, das Waffentragen könnte allen Bürgern zugestanden werden, so ist schon allein das Eherecht eine Klippe, an der die Gleichheit vor den Gerichten scheitern muß. Ist doch für die Christen die Einehe gesetzlich, während für die Anhänger des Propheten die Vielehe, wenn nicht geboten, so doch vollkommen legitim ist. Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls das Gesetz des Korans von dem absolutistischen Regime und seinen Trabanten außerordentlich oft in der Vergangenheit und vielfach auch in der Gegenwart verletzt worden, insofern der Koran zwar zur Bedrückung der Ungläubigen auffordert, allein ihr Leben unter Schutz stellt. Rein praktisch war ja auch eine Ausrottung der Ungläubigen nicht durchzuführen, aus sehr begreiflichen Gründen war vielmehr deren Erhaltung im Interesse des Staates. Denn die Rayah zahlten eine Kopfsteuer, die, namentlich in den ersten Jahrhunderten der arabischen Eroberung, den Hauptstock der Staatsfinanzen bildete.

Für die islamischen Herren war es dabei stets, auch in Nordafrika und Persien, von der größten Bedeutung, daß die Christen durch ihre konfessionellen Streitigkeiten gespalten waren und noch sind. Noch im Jahre 1881 wollten die römisch-katholischen Albanesen lieber mit den Mohammedanern als mit den griechisch-unierten Montenegrinern Zusammengehen. Im Februar 1909 lehnten sich die arabischen Christen gegen die griechisch-unierten auf, und es kam in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen. Von den Nestorianern und Armeniern haben sich viele der englischen Hochkirche angeschlossen, während 1898 an 15000 Ne-storianer in das Lager der russischen Prawoslavie übergingen. Auf der islamischen Gegenseite freilich fehlt es auch nicht an Spaltungen. Die Wahabiten, deren Sekte seit rund 1720 besteht, haben so manchen Padischah arg zu schaffen gemacht. Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben verschiedene Wahabitenfürsten, darunter der berühmte Jahja, die Vilajets Asyr, El Hasa und das Nedschd von der Herrschaft des Kalifen losgerissen. Am fühlbarsten war stets die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten. In der jüngsten Zeit soll sich die Zahl der Schiiten in Mesopotamien, besonders in der Nähe von dem schiitischen Wallfahrtsort Kerbela, wesentlich vermehrt haben. Auch einige wenige Kurdenstämme sollen, wie ich bei meiner Reise durch Adherbaitschan hörte, der Schia anhängen. Genaueres ist darüber nicht zu erfahren. Andere Kurdenstämme gehören der pantheistischen Sekte der Kisilbaschi an, die im Grunde mit dem Islam ebensowenig zu tun hat, wie der Sufismus. Auch im Libanon ist eine Sekte, die sich mit den orthodoxen Satzungen des Islams in Widerspruch befindet. Nichtsdestoweniger ist aber doch die religiöse Einheit bei der mohammedanischen Bevölkerung des osmanischen Reiches viel stärker ausgeprägt als bei der christlichen.

Um so größer sind sowohl bei den Mohammedanern als auch bei den Christen die Unterschiede und Spaltungen der Volkheiten und Rassen. Im ganzen Reiche gibt es zum mindesten ein Dutzend verschiedener Rassen, als da sind: Türken, Slaven, Griechen, Albanesen, Wlachen, Armenier, Tscherkessen, Lasen und Georgier, Jyrücken, Kurden, Syrer und Araber; Juden, Zigeuner und Levantiner nicht einmal mitgerechnet. Im allgemeinen gehören die einzelnen Rassen ausschließlich ganz bestimmten Religionen, an, eine Ausnahme machen jedoch Albanesen und Araber, die sich in Islam und Christentum teilen. Von den Georgiern bemerke ich, daß im Gegensatz zu ihren christlichen Volksgenossen im Kaukasus die Engeloj Mohammedaner sind. Natürlich gibt es noch eine große Menge von Konvertiten, die teils ganz in das Türkentum aufgehen, wie einst die Janitscharen, wie noch in der Neuzeit der Magdeburger Osman Pascha und der polnische Graf Tschaikowsky, der um 1880 Wali des Libanon wurde.

Um in der Erscheinungen Flucht einigermaßen festen Boden zu gewinnen, wird ein Überblick über die Kopfzahl der einzelnen Nationen von Nutzen sein. Allerdings muß man eine Unsicherheit in der Statistik mit in Kauf nehmen, an der außer Japan alle orientalischen Staaten kranken. Sie erklärt sich durch den Chauvinismus der Bewohner, die gern ihre Kopfzahl viel zu hoch angeben, so daß bei Schätzungen zwischen ihnen und ihren Gegnern Unterschiede von ungefähr 1000% Vorkommen; so schätzensich dieSerben von Mazedonienselbstauf zwei Millionen ein, während die Bulgaren sie nur auf zweihunderttausend berechnen. Da würde die Wahrheit nicht einmal in der Mitte liegen, sondern man muß eine weit geringere Zahl als richtig erkennen. Zu diesen Schwierigkeiten allen gesellt sich noch für die Statistik die sehr beträchtliche Einwanderung, die seit 1855, und stärker seit 1877 stattfand. Im Jahre 1902 haben sich die Mohammedaner Anatoliens laut einer Schätzung des Obersten von Diest seit dem russisch-türkischen Kriege fast verdoppelt, und von der Goltz Pascha erzählt uns von ganzen osmanischen Dörfern, die er zu seinem Erstaunen im Östlichen Mazedonien vorfand, ohne daß sie auf den Karten irgendwo verzeichnet gewesen wären. Die Geometer, meist christlichen Glaubens, hatten es eben nicht für nötig gefunden, die große Zahl der Mohammedaner noch besonders hervorzuheben. Der Zensus aber hängt, wie überall, mit dem Steuersystem zusammen, und so erklärt es sich, warum sich viele der Statistik entziehen. Auf Grund dieser vielen Mißstände ist es ziemlich schwierig, auch nur annähernd zuverlässige Zahlen anzugeben. Doch sei folgende Aufstellung versucht.

Hübner-Juraschek nimmt nur 24 Millionen an. Ebenso das Statesmans Yearbook. Beide nach den offiziellen Schätzungen. Nicht nur in der Hauptzahl, auch in den Zugehörigkeiten der Einzelzahlen herrscht, wie schon angedeutet, viel Unstimmigkeit. So beanspruchen namentlich die Hellenen die griechisch redenden Albanesen und Wlachen für sich, was deren jüngst erwachter Nationalismus aber nicht bestätigen will.

Ein Hauptproblem türkischer Politik bildet der Nationalitätenkampf. Araber undTürken hassen sich gegenseitig, wie jüngst wieder zwei vortreffliche Kenner, Hartmann und der Graf Mülinen, betont haben. Der Türke sieht mit Verachtung auf die ungeleckten Kurden herab. Der Albanese geht oft mit dem Türken, aber er fühlt sich doch sehr deutlich und sehr bestimmt als ein ganz anderer Mensch. Daß weder Kurden und Armenier noch Bulgaren und Serben und Griechen an einem Strange ziehen, ist bekannt genug. Der beständige Wechsel der Gruppierungen der Volks- und Bandenbündnisse, der in den letzten zehn Jahren Platz gegriffen hat, könnte einem Spezialisten der Variations und Permutationsrechnung ein gutes Material abgeben. Die Griechen waren vor allem und seit Jahrhunderten gegen die Slaven. Dann beehrten sie, besonders seit den Albanisierungs-bestrebungen des großen Ali Pascha Tepelenli die Albanesen mit ihrer Feindschaft; im Anfang des 20. Jahrhunderts entflammten sie plötzlich in heller Wut gegen die Rumänen und Wlachen, sie gingen sogar, trotz 1897, wieder mit den Türken. Dieses Paradigma kann man ähnlich auf Albanesen und Kurden und ütti quanti anwenden.

Am wichtigsten ist die Arabische und die Albanische Frage. Es war schon von den Bestrebungen arabischer Kreise die Rede, kraft deren das Kalifat auf einen Araber übertragen werden sollte. Die Anschauungen und Bemühungen der Senussi und verwandter Orden gehen denen der jetzigen Reformer, der verächtlich Pariser oder Ferengy-Türken genannten, entgegen. Andererseits haben jene eifrigen Verteidigerder koranischen Weltanschauung doch auch westliche Gedanken aufgenommen. In Ägypten haben sich mohammedanische Freimaurerorden aufgetan, und stehen mit englischen, politisch stark gefärbten Freimaurern in reger Verbindung. Der scheinbare Widerspruch solcher Bestrebungen spiegelt sich in dem Widerspruche englischer Politik. Denn die Liberalen haben sich seit der Zeit Gladstones, wenigstens theoretisch, stets für die unterdrückten und nach Emanzipation ringenden Völker erwärmt, während sie doch gleichzeitig die britischen Interessen wahrnahmen und sich daher manchmal gerade gegen jene Emanzipationsgelüste stellten. Das hat man in den Tagen Cannings und Palmerstons wie auch 1882 bei der Beschießung Alexandrias gesehen. Und wollten die Liberalen nicht, so wurden sie eben von den Konservativen, den Unionists, abgelöst, die sich nicht an etwaige Abmachungen ihrer Vorgänger im Amte hielten. Die Arabische Frage greift selbst bis nach Persien und nach Marokko hinüber. Eine persische Provinz, Chuzistan, ist zur größeren Hälfte von Beduinen bewohnt, und wie sehr die arabisch-panislamitische Agitation in Nordafrika den Franzosen zu schaffen machte, ist ja genugsam bekannt.

Zwar nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, aber in ihren inneren Gegensätzen und ihren äußeren Ausstrahlungen nicht minder verwickelt, ist die Albanische Frage. Lediglich um ihre Nationalität zu retten, sind einstens viele Albanesen zum Islam übergegangen. Ihr Volkstum stand ihnen höher als die Religion. In der Gegenwart hat dies Gefühl einen weiteren Schritt gezeitigt. Christen und Mohammedaner haben sich zusammengeschlossen. Das geschah schon 1879. Dann griffen wieder Stammesfehden Platz. Neuerdings aber wurde ein allalbanischer Kongreß abgehalten, der im November 1908 zu Monastir zusammentrat. Die Albanesen wollen weder ein Vorrücken der Griechen noch ein Übergewicht italienischen Einflusses. Sie bekämpfen offen eine Vormacht der Türken und halten sich sehr reserviert gegenüber dem Gedanken einer Annäherung an Österreich. Am liebsten möchten sie die Autonomie. Da sie sehr wohl wissen, daß sie sich mit ihrer geringen Zahl im Wechselspiel der Großmächte nicht allein behaupten können, so erkennen sie die Notwendigkeit eines Schutzes an. Als Suzerän wäre ihnen der Herrscher am liebsten, der ihnen am meisten Freiheit im Innern gewährte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches

Männer; Völker und Zeiten

Bei den Holländern ist der erschütternde Freiheitskampf gegen die Spanier zur Triebfeder einer gewaltigen, den Erdkreis umspannenden Kolonialpolitik und zur Grundlage höchster Handels- und Kunstblüte geworden. Während die Flur von Lüttich und Brabant noch vom Blute der Schlachten gerötet war, die heimische Heeremit den Söldnern des genialen Alexander Farnese ausgefochten, segelten holländische Geschwader über das Weltmeer, schauten aus nach dem ihnen zufallenden Teil an den Schätzen Indiens und suchten in dreifach wiederholtem Anlaufe überSpitzbergen die nordöstliche Durchfahrt nach Ostasien zu erzwingen. Sie entdeckten Neuholland und gründeten Faktoreien in Westafrika und Madagaskar; die westindische Kompanie gewann ausgedehnte Gebiete in Mittel- und Südamerika. Bald danach ward Neu-Amsterdam, das spätere Neu-York, angelegt, und am Cap der Guten Hoffnung entstand eine dauernde Niederlassung. Vielfach half ihnen dabei deutsche Faust und deutscher Geist, wie denn der Begründer und erste Statthalter Neu-Amsterdams ein Deutscher war (Minnewit aus Wesel) und die ersten Soldaten von Kapstadt zu unseren Volksgenossen gehörten. Auch nach Batavia und Formosa sind im Solde der Niederländer Deutsche gekommen, und der hervorragendste Arzt und Wissenschafter, den sie je in ihrem Kolonialdienst gehabt, der große Erforscher Japans, Siebold, entstammte gleichfalls deutschen Gauen. Er war ein Würzburger.

Das Hauptziel der Holländer war wie bei Columbus und Magelhans das ferne Indien ; alle anderen Länder kamen ihnen erst in zweiter Linie. Bloß um Südostasien zu erreichen, überwinterte 1595 Barends in Spitzbergen und umsegelte im gleichen Jahre Houtman das Kap der Guten Hoffnung. Bis 1580 waren den Holländern die ostindischen Waren in Lissabon vermittelt worden; als dies aber den Spaniern in die Hände fiel, wurden sie vom asiatischen Handel ausgeschlossen. Da leistete ihnen der Lotse Linschoten, der mit den Portugiesen mehrere Indienfahrten gemacht und Schriften und Karten über Süd- und Ostasien, darunter Formosa, veröffentlicht hatte, unschätzbare Dienste. Mit seiner Hilfe gelangte der Kommodore Cornelius Houtman über das Kap nach Bantam und Java. Die Ostindische Gesellschaft tat sich sodann 1602 in Amsterdam auf. Schon das Jahr darnach bombardierten die Holländer Makao. Wieder ein Jahr später schickten sie einen Gesandten nach Peking. Zugleich machte Van Warwijk einen neuen Anschlag auf Makao, ward jedoch vom Taifun nach den Pescadoren verschlagen. Im Jahre 1605 wurde Amboina, die Molukkeninsel, erobert und die Portugiesen in Tidor (in derselben Gegend) angegriffen. Friede wird zwar 1609 zwischen Spanien und den Generalstaaten geschlossen, allein in Inselasien dauert der Krieg ruhig fort. Batavia wird 1619 gegründet. Im nächsten Jahre schon wird der dortige Gouverneur von seinen Auftraggebern im Haag auf die Wichtigkeit von Lequeo pequeno (Liukiu) aufmerksam gemacht. Mit zweitausend Mann erscheinen die Holländer 1622 vor Makao, werden aber nach hartnäckigem Ringen von Portugiesen und Chinesen zurückgeschlagen. Im selben Jahre reißen sie die chinesischen Pescadoren an sich, die sie indes 1624 wieder verlassen, um sich in Formosa anzusiedeln.

Es war eine wild erregte Zeit, reich an Grausamkeiten und Heldentaten. Jedermanns Hand wider jedermann. Inselasien und namentlich die chinesischen Gewässer glichen im 17. Jahrh. dem Mittelländischen Meer zur Hohenstaufenzeit, als Araber, Berber und Tataren, Griechen, Slawen und Normannen, Venetianer, Genuesen und Katalanen die südeuropäischen und kleinasiatischen Küsten mit Brand und Mord verheerten, aber auch blühende Kolonien schufen. Die bunte Mannigfaltigkeit der Seezüge, verwickelter Unterhandlungen, plötzlicher Überfälle, schwankender und leicht ins Gegenteil umschlagender Bündnisse in Südostasien, dazu die Absichten der zivilisierten Mächte, fortwährend gekreuzt und zerstört durch die Einfälle von Halbwilden und Piraten: dies farbenprächtige, ewig wechselnde, von der Tragik der Leidenschaft erfüllte Bild, ist in seinem kaleidoskopisch raschen Umschwünge geradezu sinnverwirrend.

Als Katholiken hielten die Portugiesen und Spanier, die etwa ein Jahrhundert lang überwiegend das europäische Element im äußersten Osten vertraten, noch einigermaßen zusammen, obwohl es zwischen ihren Händlern und Missionaren nicht an Eifersüchteleien fehlte. Gegen die Katholiken waren zuerst die Nieder- und Engländer verbündet, jedoch nach kürzester Frist machten die holländischen Kapitäne sich kein Gewissen mehr daraus, auch englische Schiffe zu kapern. Die Chinesen hielten sich am liebsten alle Barbaren des Westens vom Leibe, doch sahen sie sich durch die überhandnehmende Plage der Seeräuberei genötigt, zeitweilig mit den Westmächten in ein Bündnis zu treten. So kam es, daß die Chinesen bald alle Portugiesen in Amoy und Futschau niedermetzelten, bald ihnen gegen die Holländer halfen, bald mit beiden vereint gegen die Piraten kämpften. Am besten standen sie noch mit den Spaniern. Die Japaner dagegen kreuzten mehrfach die Klingen mit den Spaniern in blutigen Seegefechten, kamen aber mit den ihnen gegenüber demütig nachgiebigen Holländern leidlich aus. Gegen das offizielle China waren die Japaner friedlich gesinnt; mit chinesischen Seeräubern machten sie, wenn es gerade paßte, gemeinsame Sache. Weiter ward durch die Mohammedaner, deren Macht während des 16. Jahrh. im Sudan, in Indien, in Tibet, im fernen Osten einen gewaltigen Aufschwung erfahren hatte, ganz Inselasien in immer bedrohlicherem Maße heimgesucht. Die Vizekönige von Manila wußten sich der zum Islam bekehrten Malayen, die von Borneo, den Suluinseln, von Mindanao und den Molukken anstürmten und als wagehalsige Wikinger die Küsten Luzons brandschatzten, häufig kaum mehr noch zu erwehren, wie denn ihr Kampf mit den Mohammedanern bis in die jüngste Gegenwart fortdauerte. Auf dem südostasiatischen Festland aber war auch alles in Gärung, seit der entsetzliche Brancinoco und sein Sejanus, der Portugiese Soares, über Berge von Leichen steigend und durch Ströme von Blut watend, 1540 Pegu erobert und Brancinocos Nachfolger gegen die annamesische Grenze vordrangen. Gegen 1650 aber ward der Norden des Festlands durch die einbrechende Mandschurenflut von Grund aus aufgewühlt, 1662 setzten sich die Briten in Bombay fest, und am Ende des 17. Jahrhunderts erschienen dann auch noch die Franzosen, die in der Frühzeit Ludwigs XIV. einen Vertrag mit Siam abschlossen und ihre Jesuiten bis nach Peking beförderten. Wenn aber je einmal das Leben zu einförmig zu werden drohte, da kam ein beutelustiger Korsar und brachte Abwechslung. Portugiesen, Engländer und Japaner hatten es in dem ostasiatischen Seeraubsport zu erklecklicher Übung gebracht, aber allen weit voran waren ruchbar die Chinesen. Seit Jahrtausenden bis zur Gegenwart sind die Chinesen als „Wölfe der Meere“ groß und furchtbar gewesen, allein nie hat die rücksichtslose, unmenschlich grausame Gilde chinesischer Piraten eine solche Tätigkeit entfaltet als im 16. und 17. Jahrhundert. Wie morgens am gewitterschwangeren Himmel die Sonne blutrot aufsteigt, so ward der neue Tag, den die Europäer über Asien bringen sollten, durch verheerenden Krieg zu Wasser und zu Lande eingeleitet.

Um die chinesische Regierung zu einem Handelsvertrag zu zwingen, besetzte der holländische Admiral Reyerß 1622 die Pescadoren, wo er auf der Insel Pehu umfangreiche Befestigungen anlegte. Zum Bau wurden 1500 Chinesen, die man dort ergriffen, verwandt. Dies zeigt, daß seit 1564, als der erste Mandarin nach dem Archipel geschickt wurde, die Chinesen in beträchtlichen Massen nach den Pescadoren geströmt waren. Die dem Auge so völlig wüst und unfruchtbar erscheinende Inselgruppe, die fast keinen Baum, keinen Strauch, kaum Gräser und Moose hegt, ist eben durch ihren unglaublichen Fischreichtum, ihr ausgezeichnetes Trinkwasser und die malariafreie, bloß von Tei-funen gestörte Luft sehr wohl geeignet, eine größere Menschenmenge zu ernähren, wie denn gegenwärtig ihre Bevölkerung 20000 Seelen zählt. Den Chinesen war der holländische Handstreich außerordentlich peinlich, und sie gaben sich die erdenklichste Mühe, die „rothaarigen Barbaren“ zum Rückzuge zu bewegen. Den Holländern dagegen gefiel der neue Stützpunkt, zumal sie dadurch die zwischen Amoy und Manila verkehrenden spanischen und die Makao mit Nagasaki verbindenden portugiesischen Schiffe bequem abfangen konnten. Nach längerem, teils durch Fehden, teils durch Verhandlungen ausgefülltem Aufenthalt schickte Reyerß Ende 1623 vier Schiffe nach Tschin-tschau, um ein Abkommen mit den Chinesen zu treffen. Die Botschafter wurden von den Mandarinen freundlich bewirtet, aber während der Bewirtung versuchten.die verräterischen Chinesen, durch Brander und angezündete Olschiffe das holländische Geschwader zu vernichten. Ein Fahrzeug ward auch versenkt, aber die drei andern zerstörten alle Dschunken, die ihnen in den Wurf kamen, und kehrten nach den Pescadoren zurück.

Trotzdem ließen sich, namentlich der Schwierigkeiten im Beschaffen der Lebensmittel halber, die Holländer bald danach dazu bewegen, auf das Anerbieten der Chinesen einzugehen, nämlich die Pescadoren zu räumen, dafür das herrenlose Formosa zu besetzen und Handelserlaubnis in China zu erlangen. Im Spätsommer 1624 zerstörten sie wieder ihre Festungswerke und führten die Baustoffe nach Formosa. Die 217 Kuli, die von den durch Mißhandlungen und harte Arbeit zermalmten 1500 übrig geblieben, wurden nach Batavia verschifft. Von diesen 217 kamen etwas über die Hälfte, nämlich 137, an ihren Bestimmungsort, also ein besserer Prozentsatz als der, den zuweilen deutsche Auswanderer in britischen Seglern des 18. Jahrhunderts erreichten, insofern gelegentlich bloß 1/3 oder 1/5 der hunger- und krankheitgequälten Auswanderer in Philadelphia anlangten. Die Mandarine richteten sich wieder auf den Pescadoren häuslich ein, und bis März 1895 verblieb die Gruppe im Besitz der Chinesen.

Die Ostindische Gesellschaft ging gleich tüchtig ins Zeug. Steuern sollten ausgeschrieben, hohe Zölle erhoben und die Untertanen durch Kanonen und Zwingburg im Zaum gehalten und ja nicht zaghaft angefaßt werden. Auch ward sofort Anstaltgetroffen, das Evangelium unter den Wilden zu verbreiten. Die Chinesen fügten sich auf Formosa gutwillig der neuen Regierung, die nur über 900 Soldaten gewöhnlich verfügte; bloß die Japaner machten Schwierigkeiten die aber nach 1628 wegfielen, so daß von da bis 1661 die Holländer sich als alleinige Herren auf der ganzen Südhälfte Formosas fühlen konnten. Das Regiment der Holländer war im ganzen wohltuend und in Formosa, vielleicht wegen der unsicheren Stellung der holländischen Macht, besonders milde, so daß die Eingeborenen derselben noch zwei Jahrhunderte lang bis zur Gegenwart eine fast an den Mythus grenzende dankbare Erinnerung bewahren. Wie auf den Molukken die Nelkenbauer, die wegen der aus kalter Gewinnsucht hervorgegangenen Zerstörung ihrer Gewürzstücke sich erhoben, gehenkt, gepfählt und verbrannt wurden, so kamen ähnliche Strafen auch gegen formosanische Patrioten, die gegen die Fremdherrschaft sich empörten, ein oder zweimal in Anwendung, doch im allgemeinen war das Verhältnis der Gewalthaber zu den Untertanen recht erträglich, eine der Zeit und den Verhältnissen angepaßte Vereinigung von Gerechtigkeit und Härte. Wenn bei den teilweise hochgebildeten Javanern das zweite Element patriarchalischer Verwaltung, die Härte, oft starken Anstoß gab und gibt, wie denn noch in neuerer Zeit das niederländische Regiment in Inselasien durch einen Niederländer, den großen Dichter „Multatuli“, aufs schärfste verurteilt wurde, so war das Auftreten der zivilisierenden Europäer gegen die rohen Insulaner von Formosa, Sumatra und Borneo das einzig mögliche. Immerhin kann jedoch darüber kein Zweifel bleiben, daß Herrschaft und Handel den Holländern in erster Linie stand, Religion und Mission nur in zweiter.

Da der Hunger beim Essen kommt, so trachteten die mit ihrem schönen Java und Südformosa ungemein zufriedenen Holländer nach mehr. Es gelüstete sie nach Zeilon und den nordformosanischen Besitzungen der Spanier, deren sinkende Macht zum Angriff einlud.

1642 forderte der Statthalter von Taiwan, Traudenius, in höflichem, ja freundschaftlichem Schreiben den spanischen Befehlshaber von Kilung zur Übergabe seiner Forts auf. Portilio antwortete als stolzer Spanier: Manche Schlachten habe ich gesehen in Flandern und sonst; nicht ist es kastilianische Sitte, sich feig zu übergeben. Versucht uns zu werfen, wenn ihr könnt. Ich empfehle Euch Gottes Schutze. — In rauher, leidenschaftverworrener Zeit ist dieser ritterliche Briefwechsel ein schönes Denkmal edlen Hochsinns, der für beide beteiligte Nationen ehrenvoll Zeugnis ablegt. Portilio aber erlag.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Zuletzt schwoll die Flut der fremden Völker immer mehr an. Es gesellten sich nun zu den Kas neue reisige Völker, nämlich die Arier. Um rund 1200 vor Christi kam eine neue Sturmflut, die sich über die Gestade des ganzen Mittelmeeres ergoß. Auch Ägypten wurde von der Flut überschwemmt. Mit äußerster Anstrengung gelang es jedoch noch einmal dem Pharaonen Mernephta, Deiche gegen die verheerende Flut aufzurichten, und die „Barbaren des Nordens“ zurückzuschlagen.

Die Arier treten um 1400 in die Hallen der Geschichte ein. Sie erscheinen zuerst im Herzen von Kleinasien. Dort sind bei Bogasköi Ruinen erhalten, deren Inschriften von indischen Göttern aus damaliger Zeit Kunde bringen. Die Arier kamen vom Westen; vielleicht aus Frankreich. Ihre Hauptvölker waren die Italer, die Kelten, die Griechen, die Perser oder Iranier und die Hindu. Außerdem wären Illyrier, Thraker, Armenier, Skythen oder Saken und eine Anzahl von kleineren Stämmen in der Nähe des Pamir zu erwähnen. In der Folgezeit sind dann noch nördlichere Arier aufgetaucht, nämlich die Germanen und Slaven. Man darf sich nun nicht etwa vorstellen, daß die Horden, die seit der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends zum Vorschein kommen, nur reinrassige Staaten begründet hätten. Im Gegenteil! Sie bedeuteten offenbar nur eine kleine Minderheit, die Herrenkaste. Sie hatten sich mit den Überwundenen, deren Zahl vielleicht zehn-bis zwanzigmal größer war, auseinanderzusetzen. Beiden Skythen und Indern muß die Kopfzahl der unterworfenen Völker sogar um mehr als das zwanzigfache die Zahl der Sieger, der eindringenden Eroberer übertroffen haben; denn die Masse der Skythen wird von einem so guten Beobachter, wie dem Arzte Hippokrates, als mongolisch geschildert, und Indien bietet heute noch überwiegend Dravidazüge.

Zugleich mit den Indogermanen treten die Chinesen auf die Bühne.

Bis in unsere Tage hat man geglaubt, daß die Anfänge der Chinesen weit früher seien als die arischen. Das war einfach ein Schwindel. Das mindeste, was wir annehmen können, ist doch, daß unsere Kultur mit den Griechen beginnt, aber richtiger ist es zu sagen, daß sie schon mit Sumir und den Pyramiden anhebt. Jedoch gleichviel: Die Chinesen sind nicht älter als die Griechen, und haben ganz gewiß keine einzige Tatsache aus ihrer Geschichte aufzuweisen, die vor 1200 zurückginge. Das erste, wirklich echte Datum der chinesischen Geschichte ist das Jahr 842 vor Christi. Alles frühere ist höchstens Wahrscheinlichkeit, nur Vermutung und nur zu oft Nebel und Hirngespinst. Wir können daher über die Anfänge Ostasiens nur mit Vorbehalt sprechen, denn sie sind in tiefstes Dunkel gehüllt. Das älteste Gebiet, in dem die Chinesen auftauchen, scheint das Hoangho-Knie zu sein. Von hier aus ergossen sich die „Die Schwarzhaarigen“ oder wie sie sich auch gerne selbst nennen „Die hundert Familien“ nach Osten und Süden. Demgemäß ist selbst Schantung, die Heimat des Konfuzius, die heilige Provinz der Ostasiaten, lediglich Kolonialland gewesen. Und vor der See haben alle rechten Chinesen noch heutigenTages einen unausgesprochenen Abscheu. Alles, was an der See liegt und was mit der See zusammenhängt, gehört zur Barbarei; das Richtige, das Menschenwürdige ist das Binnenland.

Die Indogermanen traten nicht überall gleich als Herren auf. Gelegentlich waren sie die Bundesgenossen oder gar nur die Söldner anderer Völker. In Italien wurden sie sogar von einem Kasstamm, von den Etruskern, lange Zeit unterjocht und blieben in dienendem Zustande einige Jahrhunderte hindurch. Zuletzt aber sind überall die Arier herrschend geworden. Infolgedessen haben sie den Besiegten überall ihre eigene Sprache, die Sprache der Sieger aufgezwungen. Dagegen erlitten sie starke Beeinflussung durch die Unterworfenen in Leibesart und geistiger Bildung. In der Himalajahalbinsel wurden die Arier durch die Dra-vida dravidisiert. In Iran wurden sie durch die Elamer,Verwandte der heutigen südkaukasischen Stämme, elamisiert. Die Hellenen wurden durch die Pelasger — einen nordbalkanischen Stamm, von dem man gewöhnlich den Namen für alleUrstämme der Balkanhalbinsel entlehnt hat — pelasgisiert; endlich unterlagen die Italer der weitgehenden Einwirkung der Veneter, Ligurer, Sikuler, Casci und Etrusker. Allerorten wurden mithin die Arier durch die vor-arische Schicht ganz erheblich umgestaltet. Kein Wunder, wenn wir infolgedessen heute einen so großen Abstand zwischen Südeuropäern und Mittel- und Nordeuropäern spüren und nicht minder gewaltigen Abstand zwischen den Ost- und Westariern beobachten. Zwar werden die einzelnen Zweige des großen indogermanischen Baumes schon vorher einigermaßen gesondert und eigenartig gewesen sein; jedoch durch die Mischung mit den verschiedensten fremden Völkern wurdedie schon vorhandene Eigenart noch weiter gesteigert und wurde die Kluft zwischen den einzelnen Gruppen der großen ausgedehnten indogermanischen Familie schärfer und ausgesprochener.

Ehedem haben unsere Gelehrten geglaubt, daß die Griechen ihre Bildung ganz selbständig zuwege gebracht hätten. Gewissermaßen eine Urzeugung! Wir wissen jetzt ganz bestimmt, daß auch die griechische Bildung nicht ohne Vorläuferinnen gewesen ist. Es wiederholte sich hier nur, was schon zu mehreren Malen früher in der Weltgeschichte Platz gegriffen hatte, nämlich, daß die Sieger von den Besiegten lernen. Die Babylonier hatten die Schrift von Sumir aufgenommen, und die Kasstämme waren von der mesopotamischen und ägyptischen Kultur vollkommen überwältigt worden. Auch die Griechen, auch die übrigen Indogermanen haben sich der Kraft der älteren Bildung beugen müssen. Vor allem haben sämtliche Arier ihre Alphabete von den Semiten bekommen. Es ist sicher, daß viele Gottheiten der Hindu solchen der Dravida entstammen. Der Verdacht ist begründet, daß die Griechen ihre meisten Götter von den Kas entlehnt haben. Und es ist möglich, daß auch Perser und Slaven nicht nur zu den einheimischen Göttern beteten.

Nicht minder ist auf allen Gebieten der bildenden Kunst das Muster des vorarischen Orients entweder maßgebend oder zum mindesten anregend gewesen. Es bedeutet nur ein Glied in dieser großen Kette, daß auch die staatlichen Einrichtungen vielfach den vorarischen Staaten nachgeahmt oder mittelbar entnommen wurden. Der persische König der Könige setzte in seinem Hofstaate und in der Verwaltung der Provinzen, in dem Postwesen und in der Regelung von Handel und Wandel lediglich das fort, was die großen Könige der Assyrer, Babylonier und Ägypter schon seit Jahrhunderten getan hatten. Eigene Herrschaften der Arier erhoben sich, wie berührt, seit 1400. Die erste ist die der Charri im oberen Euphratgebiete; dieTräger dieser Herrschaft waren Hindu. Es folgten die Hellenen. Sie beteiligten sich andenWikingerzügen nach Ägypten und sie fochten auf eigene Faust an den Gestaden des nordöstlichen Mittelmeeres. Der Kampf der Hellenen gegen die Kasvölker Kleinasiens ist später als trojanischer Krieg von den Dichtern verherrlicht worden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland

Männer; Völker und Zeiten