Schlagwort: Großmächte

Die Orientkrise und ihre Folgen fur Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich

Für Deutschland ist unter Kaiser Wilhelm II. eine neue Zeit angebrochen. So viele Fehler im einzelnen begangen wurden, so war doch der Grundgedanke, der sich durchgerungen hat, der richtige. Wie man von der Eduardschen Politik sagen muß, daß sie technisch oft glänzend, in der Gesamtrichtung aber verfehlt und durch einen nervösen und hämischen Zug entstellt war, so kann man über die Politik, die Deutschland in dieser Zeit befolgt hat, urteilen: sie war in der Technik zuweilen mangelhaft, litt an Sprüngen und Widersprüchen, aber in der Gesamttendenz war sie richtig.

Das deutsche Leben hat in den letzten dreißig oder vierzig Jahren zur Großartigkeit in der praktischen Betätigung gedrängt, und diesem Zuge suchte die Politik sich anzupassen. Es ist selbstverständlich, daß sie sich dadurch auch mit neuen Lasten beschwerte und den streng geschlossenen Charakter, den ihr Bismarck nach den großen Siegen verliehen hatte, verlor. Der Österreicher ist seit jeher an komplizierte Situationen im Innern und nach außen hin gewöhnt; England ist stets bereit, mit seinen geworbenen Matrosen und Soldaten in aller Welt Krieg zu führen. Deutschland ist jetzt in die Phase getreten, in der es, mit seiner allgemeinen Wehrpflicht, seinem allgemeinen Stimmrecht, von heute auf morgen vor die Notwendigkeit gestellt sein kann, für Interessen, deren ganze Wichtigkeit nicht auf den ersten Blick jedem im Volke einleuchtet, seine volle Kraft einsetzen zu müssen. Wenn man sich bewußt ist, daß Feldzüge nicht von den Geschützen, sondern von den Menschen, ihrer zähen Ausdauer, Opferbereitschaft und Todesverachtung entschieden werden, so wird man sich darüber klar, welche Durchdringung eines Volkes mit Staatsgefühl, aber auch welche Erweckung des politischen Sinnes erforderlich ist, wenn solche Wege mit Unerschrockenheit und Selbstvertrauen betreten werden sollen. Diese Erweckung wird vielleicht am meisten dadurch gefördert, daß Deutschlands Hauptrivale das politisch vorgeschrittenste Land, England, ist. Jeder lernt, ob er will oder nicht, von seinem Gegner.

Selbst auf die innere Politik muß die Rivalität abfärben. Damit soll nicht gesagt sein, daß Deutschland Aussicht habe, zu einer, übrigens auch in England nicht mehr vollkräftigen Parlamentsherrschaft zu gelangen. Die Macht des Parlamentarismus ist überdies nur eines der Mittel zur Annäherung an das Ideal: die Führung der Demokratie durch die Aristokratie des Geistes, der Kraft und des guten Willens. Jede Nation muß zu diesem Ziel auf dem Wege finden, der für ihre Eigenart und ihre Verhältnisse der passendste ist; aber das Ziel selbst wird durch die Entwicklung Englands am deutlichsten vor Augen geführt. In der auswärtigen Politik hat Deutschland von England den weiten Blick und die sichere Schnelligkeit der Bewegung zu lernen. Diese Vorzüge können durch die Mißgriffe, die England in den letzten zehn Jahren begangen hat, nicht verdunkelt werden, besonders da es im Begriffe scheint, sich von ihnen wenigstens teilweise loszulösen.

Die Orientkrise und ihre Folgen fur Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich

Also, das echt Menschliche tritt immer wieder in den Vordergrund. Freilich, der Spielraum des einzelnen hat sich merklich verengt, der Individualismus hat einen immer schwereren Stand, während das Massentum überhand nimmt.

Noch vor einem Jahrhundert war Deutschland allein in dreihundert Staaten und Stätchen zersplittert. Nicht besser sah es in Italien aus. In Afrika vollends und Asien war die Hand aller gegen alle, und wurde heute ein Staat gegründet, wenn es auch nur eine Seeräuberrepublik war, und morgen einer zerstört. Vom Sklaven erhob sich da einer in wenigen Monaten zum Ras, zum Khan, zum Maharadscha. Und im Westen erwuchs ein korsischer Abenteurer zum Kaiser der Welt. Jetzt haben sich alle Staaten Europas konsolidiert. Afrika und Asien ist aufgeteilt, und wenige Großmächte teilen sich in die Herrschaft der Erde. Nur an wenigen Stellen, in Mazedonien, in Marokko, in Mittelarabien, an den Osthängen Tibets, züngelt noch beständig die Flamme des Aufruhrs, lodert das Feuer usurpatorischer Tat. In früheren Jahrhunderten war es die Regel, daß ein erfolgreicher Feldherr sich nicht mit seinen Siegen begnügte, sondern nach höherem Lorbeer, nach der Königstochter, nach dem Throne, die Hand ausreckte; jetzt erhält er ein paar Orden, und wird in der Army and Navy Gazette, oder im Militärwochenblatt lobend erwähnt. Ist er gar ein Engländer, so zieht er noch seinen bunten Rock aus, und spielt harmlos Tennis mit anderen Sterblichen oder vervollkommnet sich, wie Sir Evelyn Wood, der Beender des ersten Transvaalkrieges, im Radfahren. Selbst wenn früher ein Heerführer loyal bleiben wollte, so verfügte er doch über die weitgehendsten Vollmachten. Er konnte auf eigne Faust an entfernten Grenzen Feldzüge anfangen und beenden, er konnte selbst die Friedensbedingungen diktieren. Ein Gouverneur einer sibirischen Provinz war Herr über Leben und Tod; er schaltete, durch fünfzig bis hundert Tagereisen von Moskau getrennt, so gut wie unumschränkt. Jetzt ist Militär- wie Zivilbeamter genau an seine Instruktionen gebunden, jetzt kann Feldmarschall wie Statthalter stündlich durch den Draht andere Weisungen empfangen. Der Generalgobernator von Turkestan hat zwar noch das Privileg, nach eigenem Gutdünken Krieg erklären zu dürfen, aber es wird sich wohl kein Kühner finden, der von der Erlaubnis Gebrauch machte. Natürlich ist damit nicht gesagt, daß die selbständige Tätigkeit heutiger Krieger und Diplomaten ganz ausgeschaltet wäre. Namentlich in England ist die Initiative der leitenden Staatsmänner außerordentlich groß. Vor einer Reihe von Jahren kam es in Portugal vor, daß der dortige deutsche Gesandte die bevorstehende, völlig zufällige Ankunft einiger deutscher Kriegsschiffe dazu benutzen wollte, um drohend eine Forderung durchzudrücken. Der englische Kollege, der davon erfuhr, bewirkte stehenden Fußes die Sendung eines großen englischen Geschwaders, und als die Deutschen ankamen, waren alle Plätze im Hafen von Lissabon besetzt. So gab der eigenmächtige Schritt unsres Gesandten beinahe Anlaß zu einem Casus belli. Wie ferner durch die Unzulänglichkeit von Diplomaten und Generalen auch heute noch ein starkes Reich erschüttert werden kann, zeigt am besten der unvermutete Ausbruch und der noch unvermutetere Verlauf des mandschurischen Krieges. Aber auch die Könige sind in ihren Lebensäußerungen heute weit umschränkter, als in früheren Zeiten. Jetzt gibt es Gesetze und Konstitutionen, Zeitungen und Parlamente, jetzt liefert der Draht täglich von ihrem Tun und Lassen eine Kunde, die zwar äußerlich nur Lob und Preis zu enthalten scheint, die aber tatsächlich eine Kontrolle darstellt. Auch die Könige leiden unter dem Druck des Ungeheuers, der alle gleichmäßig bedrückt, unter der Herrschaft des Staates. Was hat dieser Polyp von Staat nicht alles an sich gerissen? Bahnen, Post,Telegraphen, also den ganzen Verkehr, Festungen, Heer und Flotte, also die ganze Landesverteidigung, Schulen, Polytechniken und Universitäten, also auch das ganze geistige Rüstzeug. Dazu eine Überwachung der Kirchen und ihre Verteidigung gegen Verächter, also die Religion; außerdem das ganze Tun und Gehaben des Bürgers zu Hause und in der Öffentlichkeit, in seinem Geschäft und in seiner Familie, sein Verhalten bei seinem Hausbau und auf der Straße, und das alles unter dem Vorwand, das Gemeinwohl zu schützen. Jetzt sind wir alle Angehörige eines Rechtsstaates, die das bürgerliche Gesetzbuch und der Frack gleich macht, nur der Herrscher ist geblieben, ob zwar hier und dort durch einen farblosen Präsidenten ersetzt. So geht denn auch durch die Weltpolitik ein Zug des Gleichmachens, der Nüchternheit, der allgemeinen und verallgemeinernden Nützlichkeit. Einst stand der Bauer gegen den Städter, der Ritter gegen den Herzog; einst galt es Freiheit von Unterdrückung, Freiheit gegen Tyrannei im Innern, gegen den Erbfeind nach außen; um hohe Güter der Seele, des Gewissens, der Treue, kämpfte man für oder gegen den Papst, für und gegen den Kaiser. Und jetzt? Differentialzölle, Meistbegünstigungsklausel, Politik der offenen Tür, Matrikularbeiträge, Staatsanleihenzinsherabsetzung oder, wie jüngst in Deutschland, -erhöhung; wer bei einer Fürstentafel links, wer rechts gesessen, Ordenverleihung, ob der Zar den letztjährigen Besuch bloß in einem Grenzdorf oder an Bord eines Kriegsschiffes oder aber in der Hauptstadt erwidert, ob in der versteckten Anspielung der letzten Ministerrede in Brighton Deutschland oder Amerika gemeint war.

Die durchschnittliche Nüchternheit heutiger Staatskunst hängt demnach mit zwei Dingen zusammen: mit dem größeren Hervortreten wirtschaftlicher Interessen und mit der äußeren und und inneren Konsolidierung der Staaten. Die Möglichkeit internationaler Konflikte ist ohne Zweifel geringer geworden. Daran ändert auch die koloniale Ausdehnung nichts oder nur wenig. Sobald zwei kolonisierende Mächte über ein Fleckchen afrikanischer Erde aneinander geraten, wie bei Faschoda, oder amerikanischer, wie in Neufundland und Venezuela, oder asiatischer, wie bei Koweit oder am Mekong, da einigen sie sich in den allermeisten Fällen durch Vertrag. Die wirtschaftlichen Werte, die die Gegenwart geschaffen hat, sind so ungeheuer, daß ein Staat es ungern mit der ultima ratio regum versucht. Je größer und reicher der Staat ist, je bedeutender sein Handel, je ausgedehnter seine Städte, um so mehr Abneigung wird er gegen die Zerstörungen des Krieges empfinden. Und ein kleiner Staat bindet mit einem mächtigen gar nicht mehr an. Dänemark konnte noch 1848 uns den Krieg erklären und einige Erfolge davontragen; heute wäre so etwas undenkbar. Das letzte Beispiel, das einigermaßen noch hier sich einfügt, wird wohl Spanien 1898 gegeben haben. Die Konsolidierung der Staaten hat eine bessereUbersicht ihrer Machtmittel ermöglicht und hat dadurch Kriege viel seltener gemacht. Europa hat seitfast einem Menschenalter, seit 1877, nur einen geringfügigen Zusammenstoß gesehen, den zwischen Griechenland und der Türkei. Denn von den Plänkeleien des Herzogs der Abruzzen bei Prevesa kann man absehen. Alle großen Kriege der Gegenwart sind in außereuropäischen Ländern und Meeren ausgefochten worden. Man vergleiche damit die ungeheuren Erschütterungen, denen Europa zur Zeit Wallensteins, Ludwigs XIV., Pombals, Friedrichs d. Gr., Napoleons und Bismarcks ausgesetzt war. Hieraus ergibt sich, daß die europäische Politik der Gegenwart viel friedlicher geworden war. Die notwendige Folge davon war, daß sich auch ihr ganzes Aussehen verändert hat, daß Handel und Industrie, daß Fürstenbesuche, daß innere Reformen ihre Haupttätigkeit in Anspruch nahmen.

Seit Oktober 1911 hat jedoch neuerdings ein kriegerisches Zeitalter begonnen.

Schon Caprivi sagte:

wir müssen nicht Menschen exportieren, sondern Waren.

Industrialisierung ist das Zeichen des Zeitalters. In der Tat hat nicht nur die west- und mitteleuropäische Auswanderung nach Amerika nachgelassen, sondern auf dem platten Lande ist geradezu Leutenot eingetreten. Dagegen ist überall auf der Welt, außer in den Ländern des Islams, die Bevölkerung der Städte ganz erstaunlich im Wachsen. Ludwigshafen, Lodz, Seattle, Jokohama, Bombay haben ihre Bewohnerzahl in wenigen Jahrzehnten verfünf- und verzehnfacht. Schuld daran ist die gesteigerte Intensität des Gesamtlebens der Gegenwart und in zweiter Linie die wachsende Industrie. Die Interessen der Industrie und ihrer Schwester, des Handels, stehen denn auch im Vordergründe heutiger Weltpolitik. Wenn man von „einer amerikanischen Gefahr redet, meint man das drohende Übergewicht amerikanischer Ausfuhr und Industrie, wenn man auf die glänzende Zukunft Chinas weist, so denkt man an die unbegrenzten Möglichkeiten europäischen Exportes nach dem Land der Mitte. So ist es gekommen, daß Zollkriege den Platz von Feuer und Mord einnehmen, die der wirkliche Krieg bringt, daß statt der Eroberung oder Annexion eines Landes neuerdings offene Tür daselbst verlangt wird. Das Wort geht auf einen Ausspruch Lord Salisburys zurück, der öfters malerische Vergleiche fand, so den von dem Unrechten Pferde (der Türkei), auf das er gewettet habe. In den letzten Jahren ist die Politik der offenen Tür besonders von Deutschland ausgebaut worden. Als die Briten das weite und reiche Jangtsebecken für sich beanspruchten, da forderte Bülow gleiche Handelsrechte dort für uns; zwei deutsche Bataillone gingen nach Shanghai ab, um allerdings später wieder zurückgezogen zu werden. Als die Franzosen ihr Evangelium von der penetration pacifique in Marokko verkündeten, besuchte der Kaiser Tanger und proklamierte das Recht der offenen Tür. Es ist ein pis-aller.

Man kann den Garten nicht kaufen, aber man will sich die Möglichkeit wahren, jederzeit darin spazieren gehen und Obst pflücken zu dürfen. Das scheint bequemer als der Besitz. Dann müßte man einen Gärtner halten und hätte Grundsteuer zu zahlen. So genießt man alle Vorteile und hat keine Lasten davon. Zuletzt freilich ist diese Politik doch eine Politik der Schwäche. Manchmal auch führt die offene Tür zu einer dog-in-the man-ger-policy. So in Venezuela. Der Hund springt in die Krippe und bellt die Kuh an. Die erschreckte Wiederkäuerin frißt nicht, aber dem Hund kann das Heu und der Klee auch nichts nützen. Der dog in the manger ist im venezolanischen Falle Onkel Sam, und die erschreckten Kühe sind die deutsche Diskontogesellschaft, die italienische Asbestkompanie und britische Syndikate. Wer sich allein freute, war Castro, der ungefressen blieb und seine Günstlings- und Mätressenwirtschaft ruhig weiter fortsetzen konnte. Es ist ein solcher Zustand ein schlechtes Zeichen für alle. Für Europa das zu schwach ist, sich selbst zu helfen, für Venezuela, das in seiner Barbarei, in seiner Posse von pronunciamentos fortlebt, für Roosevelt, der Mißwirtschaft und Korruption gegen die Forderungen der Zivilisation in Schutz nahm. So fließt nicht selten der Begriff der offnen Tür in den der Interessensphäre über. Ein klassisches Beispiel dafür kann Vorderasien abgeben. Obwohl die Türkei und Persien als Reiche der offenen Tür für alle Mächte gelten, hat man doch seit längerer Zeit schon den Versuch gemacht, Einflußkreise dort abzugrenzen. Südiran für England, der Norden für die Russen. Der Bahnbau im nördlichen Anatolien für das russische, im mittleren und südlichen für das deutsche Kapital; während die Franzosen für sich Syrien, und die Engländer Arabien beanspruchen. Namentlich in Mesopotamien muß die nächste Zukunft eine Entscheidung darüber bringen, ob die offne Tür dem Einflußkreise weichen soll. Deutsche und britische Interessen sind da hart aneinander geraten. Bereits haben unsre freundlichen Vettern jenseits des Kanals einen Residenten nach Koweit geschickt, uns also den geplanten Endpunkt der Bagdadbahn weggenommen, und kürzlich hat Sir William Willcox sich an den Sultan mit dem Ersuchen gewandt, einer britischen Gesellschaft, die an dreihundert Millionen Mark aufwenden will, eine Konzession zur künstlichen Bewässerung Nieder-Mesopotamiens zu erteilen. Durch die Verabredungen vom März 1911 wurde einstweilen die Sache so geregelt, daß die Linie von Bagdad bis zum Meere von der Türkei selbst gebaut wird.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
Weltkriege der Gegenwart : Blüte Nordamerikas
Weltkriege der Gegenwart : Japanisch-russischer Krieg
Weltkriege der Gegenwart : Hottentottenkrieg
Weltkriege der Gegenwart : Marokko
Weltkriege der Gegenwart : Eduard VII.
Weltkriege der Gegenwart : Bosnien
Weltkriege der Gegenwart : Persien
Weltkriege der Gegenwart : Spannung zwischen Union und Japan
Weltkriege der Gegenwart : Parlamentarismus im Orient
Weltkriege der Gegenwart : Panama
Weltkriege der Gegenwart : Tibet
Weltkriege der Gegenwart : Ein japanisches Festlandreich
Weltkriege der Gegenwart : Kiderlen
Weltkriege der Gegenwart : Mexiko
Weltkriege der Gegenwart : Agadir und Tripolis
Weltkriege der Gegenwart : Revolution in China
Deutsche Kulturbeziehungen zum Ausland
Faktoren der Gegenwart : Das monarchische Prinzip
Faktoren der Gegenwart : Kampf gegen das Papsttum
Faktoren der Gegenwart : Kriegführung

Männer; Völker und Zeiten

Der Gegensatz zwischen den Völkern des Abendlandes und jenen des fernen Ostens, der Jahrhunderte lang geruht hatte, kam 1894 plötzlich wieder der Welt zum Bewußtsein. Japan, das bisher als ein anmutiges Märchenland angesehen wurde, dessen Frauen als zierliche Puppen galten,dessenMänner als geschickte jongleure berühmt waren, zeigte auf einmal, daß sein Volk keinem anderen der Erde an kriegerischer Tapferkeit und weitblickender Staatskunst nachstehe. Es kam zum Bruch mit China Ende Juli. Ohne Kriegserklärung versenkten die Japaner ein chinesisches Transportschiff mit 1300 Mann. Sie besetzten Söul, siegten bei Ping-Yang, und eroberten das südliche Viertel der Mandschurei. Anfang März 1895 waren sie drauf und dran, die Gardedivision die in Hiroshima zur Einschiffung bereit lag, gegen Peking zu senden. Da mischten sich drei Großmächte ein; es waren Deutschland, Rußland und Frankreich. Wilhelm der Zweite hatte den Anstoß gegeben. Er glaubte, entsetzliche Gefahren vorauszusehen, die dem Abendlande von einer gelben Flut drohten. Nach seinem Entwürfe zeichnete Professor Knackfuß ein wirkungsvolles Gemälde ; es stellte den Buddha vor, wie er auf einem Wolkenthron daher schwebt, den Weißen Tod und Verderben bringend. Als Unterschrift des Gemäldes gab der Kaiser die Warnung

„Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!“

Unser politischer Zweck bei dem neuen Dreibund war der, den zwei Verbündeten, Frankreich und Rußland in die Arme zu fallen. Die beiden hatten nämlich, was Bismarck bisher so leidlich verhindert hatte, ihren Zusammenschluß vollzogen, und da Caprivi den Rückversicherungsvertrag nicht erneuerte, sich 1891 in Kronstadt verbrüdert. Mit flammenden Worten sprach man in Paris von dem nahenden Revanchekrieg, und auch in Rußland, das bei steigendem Wohlstände und fortwährender Gebietausdehnung sich in seiner Macht fühlte, war man einem Waffengang mit den verhaßten Deutschen, deren gewaltsame Verrussung in den Ostseeprovinzen begonnen hatte, nicht abgeneigt. Tatsächlich wurde dem bedrohlichen Verhalten der Verbündeten durch die Dazwischenkunft von Shimonoseki die Spitze abgebrochen. Die zwei Großstaaten die sich gegen Deutschland verbündet hatten, gingen nun auf einmal mit ihm zusammen. Nur war diese Freundschaft nicht von langer Dauer. Dafür hat die Dazwischenkunft den Deutschen, die bisher von den Japanern als ihre Lehrmeister verehrt und als Freunde betrachtet und geschätzt wurden, bis auf den heutigen Tag geschadet. Der Schade hat den vorübergehenden Nutzen überwogen. Vor der drohenden Haltung der Mächte wichen die Japaner zurück, schon allein, um die Kriegsentschädigung nicht aufs Spiel zu setzen. Diese betrug im Ganzen rund 700 Millionen Mark, und wurde in wenigen Jahren pünktlich bezahlt. Dadurch wurde China, das bisher so gut wie schuldenfrei gewesen, von den europäischen Banken abhängig. Aber auch die Staatsschuld Japans, die bislang nur geringfügig war, stieg trotz der Entschädigung von Jahr zu Jahr, da durch die steigenden Posten der Landesverteidigung die Ausgaben sich rasch verdoppelten und vervierfachten. So endete das erste Auftauchen der gelben Gefahr mit einem gewaltigen Risse zwischen den beiden Hauptstaaten der Gelben, — auch hierin kam der Nationalismus zum Wort — und mit einer gemeinsamen Verschuldung der Ostasiaten, die in der Hauptsache Londoner, Berliner und Pariser Kapitalisten zu Gute kam.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

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Perserkriege
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Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
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Die Condottieri
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Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
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Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
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Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
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Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen

Männer; Völker und Zeiten

Am 13. Juni 1878 traten die Vertreter der europäischen Großmächte in Berlin zusammen, um den am 3. März 1878 zu San Stefano abgeschlossenen Präliminarfrieden zwischen Rußland und der Türkei einer Revision zu unterziehen. Auf der Grundlage dieses Kongresses baut sich seit drei Jahrzehnten der europäische Friede auf.

In bewegter Stimmung eröffnete Fürst Bismarck die Verhandlungen. Wenige Tage vorher, am 2. Juni, hatte Nobiling auf Kaiser Wilhelm I. geschossen; schwer verwundet hatte der 81 jährige Herrscher die stellvertretende Regierung seinem Sohne, dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, übertragen müssen, und die Sorge, ob der Stellvertretung nicht bald schon ein Regierungswechsel folgen werde, bedrückte die Seele des Kanzlers mit schwerer Kümmernis. Ernsthaft war in diplomatischen Kreisen der Gedanke einer Vertagung des Kongresses erwogen worden, aber schließlich entschied der Wunsch des Kaisers, und die Verhandlungen nahmen an dem festgesetzten Tage ihren Anfang.

Es ist sicher, daß der Vorstoß Rußlands in erster Linie gegen Österreich, nicht gegen die Türkei gerichtet sein sollte, und nur die Erklärung Bismarcks, nicht zulassen zu können, daß in einem Kriege zwischen Österreich und Rußland „einer von beiden so schwer verwundet und geschädigt werde, daß seine Stellung als unabhängige und in Europa mitredende Großmacht gefährdet würde“, hatte zur Folge,

„daß sich das russische Gewitter von Ostgalizien nach dem Balkan hin verzog“.

Der Ausgang des Russisch-Türkischen Krieges entsprach den Wünschen Rußlands, aber die Friedensbedingungen, die der Zar dem Sultan auferlegte, erregten die Eifersucht Englands, und Österreich stellte sich mit seinen Einsprüchen an die Seite des britischen Kabinetts.

Dem Gedanken eines europäischen Kongresses, der von russischer Seite angeregt wurde, trat Bismarck nur zögernd näher. Im Gegensatz zu dem russischen Staatskanzler, dem Fürsten Gortschakow, war er niemals ein Freund von Diplomatenzusammenkünften gewesen, und persönliche Sympathien für Alexander II. waren es in erster Linie, die ihn veranlaßten, den Wunsch des russischen Kaisers nach einem allgemeinen europäischen Kongreß zu erfüllen, der in Berlin abgehalten werden sollte. In jenen Tagen trat Bismarck das Bild des letzten in Paris 1856 versammelt gewesenen Kongresses vor die Seele. Wenn er mit der Zurücksetzung, die Preußen damals erfuhr, das große Ansehen und die Machtstellung verglich, die Deutschland 1878 einnahm, so konnte er sich mit berechtigtem Stolze sagen, daß er Deutschland zu dieser Höhe geführt hatte; die Entscheidung schwieriger Fragen lag in seiner Hand, und er ermaß daran das Vertrauen, welches die Welt der deutschen Politik entgegenbrachte, die vor zwanzig Jahren noch, bescheiden und mißachtet, an der Schwelle des Kongreßsaales gestanden hatte.

Die Leitung des Berliner Kongresses war für den alternden Kanzler schwere Arbeit in hartem Holz. Es war für ihn eine unendliche Mühe, die widerstreitenden Interessen der einzelnen Mächte in Einklang zu bringen; mit düsteren Gedanken traten sich die Vertreter Englands und Rußlands entgegen, und von der Türkei, deren Selbstgefühl gewachsen war, seit sich die Großmächte Europas einer gar zu großen Verminderung ihres Besitzes und ihres Ansehens widersetzten, befürchtete man Störungen, die zu einer Sprengung des Kongresses und zur Wiederaufnahme der Feindseligkeiten führen konnten. Ihre Sprache wurde entschiedener als sie lange zuvor geklungen hatte, und in dem Gegensatz Englands zu Rußland fand sie stets erneut eine Stärkung ihrer Stellung.

Die bulgarische Frage erregte die heftigsten Gegensätze. Der Vorfriede von San Stefano hatte die Grenzen des neu zu gründenden Fürstentums Bulgarien, das der geplanten Verfassung nach lediglich eine Satrapie Rußlands war, bis an das Agäische Meer und über fast ganz Mazedonien ausgebreitet; es war dies einUmfang, betont Bismarck ausdrücklich, der selbst dann eine Unmöglichkeit gewesen wäre, wenn der Vertrag von San Stefano ungekürzt zur Durchführung gelangt sein würde. Gegen diese Bestimmungen des Präliminarfriedens von San Stefano erhob England am nachdrücklichsten Einsprache und erreichte dadurch, daß die Grenzen des Fürstentums Bulgarien nur bis an den Balkan reichen sollten, mit Einschluß von Sofia, das südlich vom Balkan gelegene Land aber eine autonome türkische Provinz unter dem Namen Ostrumelien bleiben solle. Unwillig nur verzichtete Rußland auf seine bulgarischen Pläne, die es unter dem Widerspruch aller Großmächte, die sich England angeschlossen hatten, nicht aufrechterhalten konnte; daß es aber nach wie vor das von ihm geschaffene Fürstentum als zu seiner Interessensphäre gehörig und als vorgeschobenen Posten gegen die Türkei betrachtete, hat die Geschichte des Fürsten Alexander zur Genüge bewiesen. Wenn sich auch die europäischen Kabinette gegen jede gewaltsame Änderung der Balkanverhältnisse mit allem Nachdruck erklären, so machen die bulgarischen Offiziere doch kein Hehl daraus, daß sie gleichsam mit der Hand am Schwertknauf leben und ungeduldig das Zeichen zum letzten entscheidenden Freiheitskampf an russischer Seite gegen die Türken erwarten.

Gegen die ausgedehnten Verhandlungen über die bulgarische Frage regte sich besonders der Widerspruch des französischen Botschafters Waddington. Ihm, dem klassisch gebildeten Diplomaten alter Schule, lagen vor allem die Interessen Griechenlands am Herzen, und die Zulassung des griechischen Gesandten zum Kongreß ist vor“ allem auf ihn zurückzuführen. Aber Berücksichtigung fanden ihre Wünsche trotzdem nicht. Die Grenzberichtigungen in Epirus und Thessalien, die Griechenland vergebens forderte, wurden einem späteren Zeitpunkt Vorbehalten; erst 1881 erkannten die Mächte ihm den südlichen Teil von Epirus und fast ganz Thessalien zu.

Die serbischen und montenegrinischen Fragen waren, nachdem die Unabhängigkeit beider Staaten von der Türkei ausgesprochen war, schneller erledigt; größere Differenzen und Verhandlungen knüpften sich dagegen an die rumänische Frage. Fürst und Volk in Rumänien hatten nicht vergessen, daß ein großer Teil des Krieges auf ihren Schultern gelastet hatte, und daß die Entscheidung vor Plewna ohne die rumänische Hilfe sehr zweifelhaft gewesen war — nun forderten sie ihren Lohn, und es erregte einen Aufstand in Rumänien, als dem Fürstentum zwar die Unabhängigkeit zuerkannt, aber die Abtrennung Bes-sarabiens von ihm gefordert wurde. Vergebens sprach der rumänische Vertreter von einer allgemeinen Erhebung des Volkes, Rußland hatte seine Forderung gestellt und würde gegen den Bundesgenossen von Plewna eher die Waffen ergriffen haben, ehe es sich die Gelegenheit hätte entgehenlassen, wieder ein Donauuferstaat zu werden, wie es bis zum Pariser Kongreß gewesen war. Mochten die Russen dem Fürstentum Rumänien auch die Inseln der Donaumündung zugestehen, das Gefühl, den Preis des Krieges und Sieges verloren zu haben, von der Türkei zwar unabhängig, dafür aber zur russischen Enklave geworden zu sein, blieb in Rumänien vorherrschend, und die Empörung des Volkes forderte als Opfer für die so ungünstigen Friedensbedingungen die Abberufung der rumänischen Vertreter, die es als die einzig Schuldigen betrachtete, vom Berliner Kongreß.

Nur Österreich konnte mit den Ergebnissen des Kongresses zufrieden sein. In der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina war ihm ein Preis zugefallen, dessen Berechtigung in Österreich selbst scharf bestritten wurde. Vergebens hatten sich die türkischen Vertreter dagegen gesträubt, sie erblickten keine Notwendigkeit, die beiden Landesteile Österreich zur provisorischen Verwaltung zu übergeben, und als sie ihren Widerspruch dem einmütigen Willen der Kongreßmächte gegenüber nicht aufrechtzuerhalten vermochten, klammerten sie sich an die sophistische Auslegung der Vertragsbestimmung, daß Okkupation nicht Annexion sei und daß die Zeiten der Roßschweife und des Halbmondes wiederkehren würden.

Der Erfolg Österreichs war auf Andraszy zurückzuführen, aber die größten Gegner erwuchsen ihm im eigenen Lande, da man ihm vorwarf, um den Preis der Okkupation seine Zustimmung zu der überwiegenden Machtstellung Rußlands in den Donauländern und im Osten der Balkanhalbinsel gegeben zu haben. Man sah darin einen Triumph des Dreikaiserbündnisses und die Blätter der verschiedensten Parteien und Länder erblickten in dem Ergebnis des Kongresses eine Wandlung der Verhältnisse, die Rußland für immer zum Dankesschuldner Bismarcks machen müsse. Dieses Empfinden hatte Bismarck selbst: in der schon erwähnten Reichstagsrede betonte er, nach seinem Gefühle sich ein Verdienst für eine fremde Macht erworben zu haben, wie es selten einem fremden Minister vergönnt gewesen ist. Dem „ehrlichen Makler“, wie er sich in jener Zeit bezeichnete, hat Rußland die Dankesschuld freilich nicht entrichtet, und eine bittere Stimmung der Enttäuschung über diese Haltung der russischen Politik und des russischen Kaisers hat der Kanzler bis an sein Ende nicht verloren.

Geschädigt durch die Festsetzungen des „Berliner Friedens“ war die Türkei; eine Teilung freilich war hintangehalten worden, aber sie schien in den Augen der Welt „geschält wie eine Artischoke“. Sie behielt nur noch einen Schatten von Gebiet und, wie man damals glaubte, auch von Ansehen und Einfluß, man verglich die Reste ihres Besitzes mit dem einstigen Patrimonium Petri des Papstes.

Gortschakow war nicht der einzige der Diplomaten, der am Schluß der Kongreßverhandlungen, am 13. Juli, mit dem Empfinden Berlin verließ, daß die Kongreßakten nur ein Werk des Augenblickes seien und daß in nicht ferner Zeit ein neu ausbrechender Krieg die Schöpfung der Diplomaten zerstören werde. Diese Befürchtung hat sich nicht erfüllt. Alle ehrgeizigen Aspirationen kleiner Despoten bannte der Wille der Großmächte, und ängstlich wachten sie, daß kein lokaler Brand entstehe, der über die Felswände des Balkans oder die Fluten der Donau nach Europa übergreifen könne. Friedlichen Zwecken sollten die Bahnbauten dienen, die bisher unwegsame Gebiete dem Weltverkehr angliedern,undin ruhigen Verhandlungen wurden die mazedonischen Wirren von den Diplomaten Europas geordnet besprechen.

Auch das kleine Montenegro erlangte eine Vergrößerung nach Süden hin undbesetzte nicht ohne harten Kampf mit Türken und Albanern die Städte an der See, Antivari und Dulcigno. Vor allem aber zogen die Engländer Nutzen aus der Not der Türkei, die finanziell und militärisch geschwächt aus dem Kriege hervorging. Sie sicherten sieh zunächst die Insel Cypern. Nicht minder war ihre Fußfassung in Ägypten eine Folge der türkischen Wirren.

Mittlerweile ging inMittelasien das große Duell zwischen England und Rußland weiter seinen Gang. Lediglich, damit Afghanistan nicht von den Kosaken besetzt würde, wollten die Engländer zuvorkommen und fielen, unter Lord Roberts, in Afghanistan ein. Von 1878 bis 1880 blieben sie im Lande, blieben in den beiden Hauptstädten Kabul und Kandahar. Schließlich jedoch wurden sie der Ansicht, daß eine dauernde Besetzung nicht in britischem Interesse liege, zumal die Verpflegung in dem armen, sehr gebirgigen und wenig fruchtbarem Lande außerordentlich schwierig war. Zum Teil ausgehungert, zum Teil durch die Afghanen, die zu den tapfersten Völkern Asiens gehören, unaufhörlich bedroht, räumten die Engländer wieder das Land. Dafür drangen die Russen in Turkestan vor. Sie brachen unter Skobelew 1881 die Kraft der Turkmenen und erorberten 1883 Merv. Hierauf kam es abermals zu Reibereien in Afghanistan und am Pamir.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
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Peloponnesischer Krieg
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Politischer Niedergang Athens
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Römischer Imperialismus
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Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
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Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
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Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
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Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
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Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
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Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
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Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg

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