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Im Anschluß an den Entwicklungsgang der Wohnungskunst ist ein Überblick über die damit zusammenhängende Formenbildung des deutschen Möbels im Barock und Rokoko geboten.

Die deutschen Möbeltischler hatten unter dem Eindruck der neuen architektonischen Ideen am Ende des 17. Jahrhunderts die kleinteiligen Gliederungen der Schränke aufgegeben. Die Überspinnung der Schrankfassaden mit plastischen Verzierungen, die in den süddeutschen Reichsstädten bis über den Dreißigjährigen Krieg üblich geblieben war, hatte einer strengeren Aufteilung Platz gemacht. Gedrehte und glatte Säulenvorlagen, kräftig profilierte Gesimse und Verdachungen geben den Nürnberger, den Hamburger und Danziger Schränken seit den 80er Jahren des alten Jahrhunderts ein zeitgemäßes Äußere. Die Türen und Schubläden werden mit heraustretenden, mannigfaltig verkröpften Umrahmungen eingefaßt. Also auch die frühbarocke Schranktischlerei kennzeichnet ein Zug architektonischer Strenge. Und diesem Handwerk war er besonders wohltätig, da die Roll- und Knorpelwerkschnitzerei des Dreißigjährigen Krieges eine ungebührliche Herrschaft in der Möbelkunst errungen und sich in den Vorlagewerken noch lange breit machte (Kupferstiche von Unteutsch).

Hat man doch geradezu diese Auswüchse der deutschen Spätrenaissance in der Baukunst als „Schreinerarchitektur“ bezeichnet. Als wenn den Schreinern daran das Hauptmaß an Schuld beizumessen sei. In der Zweigeschossigkeit der frühbarocken Schrankgattung lebt noch ein Nachklang der Spätrenaissance fort. Mit dem Durchbruch des vollen Barock — um 1700 — verlassen die Schranktischler die Zweigeschossigkeit. Nun werden die Fronten einer zusammenfassenden Ordnung unterworfen. In den Hansastädten entsteht damals der „Schapp“ genannte Dielenschrank mit drei vorgelagerten starken Halbsäulen oder Pilastern korinthischer Ordnung und weit ausladendem reichgetrepptem und gebrochenem Gesimse. Üppige Rankenschnitzerei in der Weise der vor Schlüter herrschenden Laubornamentik der hanseatischen Bildnerei wird auf die Mittelgiebel, die Kapitelle und einzelne Friese beschränkt. Hamburg, Bremen, Danzig und Lübeck waren Hauptsitze dieser Kunst; ihr Wirkungsbereich erstreckt sich aber bis tief in das Binnenland hinein. Die Schnitzer — welche innungsgemäß auch jetzt wie früher als eigentliche Holzbildhauer von den Tischlern zu trennen sind, sind die gleichen wie die der krausen Laubwerkfriese und Bekrönungen an den Gestühlen, Orgelemporen, Kapellengeländern und Altären der Hansakirchen. Den bestimmenden Charakter verleiht diesen Barockschränken indessen die wuchtige Ausladung und Verkröpfung der rahmenden Gesimse; deren weit herausspringende, ein- oder auswärts geschweifte Leibungen durch den Spiegelglanz der polierten Nuß-holzfurniere gehoben werden. Die norddeutsche Tischlerei hat damit dem Barock einen besonders lebendigen Ausdruck gegeben. Ähnliches gilt von den Tischen und Stühlen, deren mächtig angeschwollene schraubenförmige Ba-lnsterbeine im Rückblick auf die älteren holländischen Kugelbeine den eigenen Formensinn des niederdeutschen Barock auf der Höhe zeigen. Die gleichzeitigen süddeutschen Schränke geben den geschwellten Profilen und Verkröpfungen noch ausschließlicher Raum; mit Vorliebe werden die ganzen Türen und Seitenwände wellig bewegt. Vorzüglich schöne Beispiele dieser Art in geflammten Nußholzfurnieren schufen die Tischler in Frankfurt am Main (Landesmuseum in Kassel).

Bevor der weitere Verlauf der Möbelgeschichte in dem späteren Barock verfolgt wird, ist ein kurzer Blick auf die Prunktischlerei zu werfen, die sich mit der Ausstattung der fürstlichen Repräsentationsräume befaßte. Als Erbschaft der Spätrenaissance spielten bis in die ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts die aufs reichste geschmückten „Kunstschränke“ und Prunkkabinette eine wichtige Rolle in den fürstlichen Prachträumen und Kunstkammern. Alle in Augsburg und Nürnberg während des 17. Jahrhunderts blühenden Kunstzweige hatten sich an den hier geschaffenen Werken der Art mit den Tischlern vereinigt: die Silberschmiede, die Emailmaler, Bernstein-und Elfenbeinschnitzer, Glas- und Steinschneider, Maler, Graveure und viele andere.

Es scheint hier eine wichtige Quelle zu liegen für die überreiche, mit den mannigfaltigsten Stoffen arbeitende Raumausstattungskunst des deutschen Barock um 1700, Für diese Prunkeinrichtungen kommen die durch verschwenderische Schnitzerei, Vergoldung und Bemalung gekennzeichneten Prachtmöbel auf, die in Berlin unter Schlüters Ägide eine glückliche Gestaltung erfahren (Abb. 98). Mit dem übermächtigen Einfluß des französischen Hofes finden in den zwanziger Jahren die Kommoden, Tische, Dielenuhren und Kabinette Andre Boulles und seiner Richtung Eingang in die deutschen Schlösser. Die Bekleidung dieser schweren Möbel mit ausgeschnittener vergoldeter Bronze und Schildpatt in reicher Berainornamentik und mit plastischem Goldbronzedekor kam dem Hang der deutschen Fürsten nach schimmernder Pracht entgegen. Vor allen hat Max Emanuel von Bayern dieser Möbelkunst wie dem französischen Bronzeguß seine Neigung geschenkt. Er hat selbst in München eine Hoftischlerei durch Franzosen für die Herstellung von Boullemöbeln ins Leben gerufen. Auch in Augsburg sind die Boullemöbel nachgebildet worden, wofür die 1711 hier gefertigte, reich mit Silber geschmückte Landschaftsuhr im Schlosse in Altenburg ein Beweis ist.

Die bürgerliche Möbelkunst wird seit den zwanziger Jahren des Jahrhunderts durch eine Reihe neuer Schrankformen bereichert, die nur teilweise auf französische Einwirkungen zurückgehen. In erster Linie sind die Augsburger Kupferstecher an der Verbreitung dieser zugleich mit dem Bandelwerk übernommenen Regenceformen beteiligt. Es kommen jetzt die Schreibkabinette und Sekretäre, die Spiegel- und Eckkommoden, geschweifte Tisch-und Sitzmöbel auf. Die ausgeführten Arbeiten zeigen in höherem Grade noch wie die Stiche, etwa die des Silberkistlers Rumpp in Augsburg, eine völlige Umsetzung in den heimischen Tischlerstil. In Österreich und in Süddeutschland über den Main hinaus wird mit den schöngemaserten Nußfurnieren die altüberlieferte Einlegearbeit in verschiedenfarbigen und gebeizten Hölzern wieder zu Ehren gebracht (Abb. 97). Das Laub- und Bandelwerk, Blumenmuster und geometrische Rauten bedecken die Schrank- und Kommodentüren.

Ferner werden Messing-, Zinn- und Elfenbeinintarsien als Ersatz für die Boulleein-lagen verwendet. Die reichere Einlegearbeit herrscht in Verbindung mit vergoldeten Schnitzereien namentlich in den österreichischen und bayerischen Klostermöbeln. Diese sind aus den gleichen Werkstätten hervorgegangen, die so Großartiges in eingelegten Vertäfelungen und Gestühlen geleistet haben, wie es noch jetzt in den Kirchen, Abtswohnungen, Kapitelsälen und Bibliotheken der österreichischen, der bayerisch-schwäbischen und der Mainklöster zu bewundern ist. Die schweren Verkröpfungen, die vorspringenden Gesimse der Schränke treten in dem späteren Barock zurück. Die Flächen werden möglichst geglättet, dafür beginnen die Fronten und Seiten in Schwingung zu geraten. Auch die Giebel werfen sich. Und so schreitet — unmerklicher als in der großen Architektur, wenngleich unter deren Führung — die deutsche Möbelkunst mit den vierziger Jahren in das Rokoko hinüber.

Wieder sind es die Augsburger Stecher, die die im Westen erfolgte Stilwandlung den Handwerkern Deutschlands bekannt machen, aber zugleich zur Umbildung in die heimische Formengebung anleiten. Die behaglich gebauchten, in lustigen Bekrönungen ausgeschweiften Schränke und Kommoden des süddeutschen Rokoko stellen die selbständige Kraft der deutschen Rokokotischlerei vor Augen (Abb. 96). Bezeichnenderweise haben die altbayerischen, die südschwäbischen und allen voraus die Mainlandschaften dem Rokokostil in ihren Möbeln den schönsten Ausdruck gegeben. Den Höhepunkt bilden die Würzburger und die Mainzer Schränke, in der Formenbildung wie in der trefflichen Furnierung. Der Höhepunkt der plastischen Bewegung der Körper und Gesimse und der Lockerung der geschnitzten Bekrönungen stellt sich in den von der Mitte des Jahrhunderts bis gegen 1770 geschaffenen Stücken dar (Abb. 99). An den Zeichnungen der Mainzer Möbeltischlerinnung der Bibliothek des Berliner Kunstgewerbemuseums, jedes Blatt ein Schrank in maßstäblicher Zeichnung zur Gesellenprüfung, ist die Entwicklung Jahr für Jahr festgelegt. Die Rocaillen der Intarsien und geschnitzten Bekrönungen sind in den gleichen zackigen Formen gehalten, die der main-und rheinfränkische Barock, namentlich seit dem Eingreifen der bayerischen Stukkateure und Holzschnitzer, ausgebildet hatte. Die Entwicklung der Verhältnisse des Schrankes aus den nebengestellten Säulenordnungen ist ein Beleg dafür, wie streng das Rokoko selbst hier die mathematischen Grundlagen beibehalten hat, die als eine wesentliche Eigenschaft in dem baukünstlerischen Schaffen des 18. Jahrhunderts in dem fünften Kapitel gekennzeichnet worden ist.

Während die furnierten und eingelegten Möbel über den Main hinaus auch in Sachsen und Brandenburg hergestellt wurden, pflegte der Niederrhein, unter Einwirkung vom nahen Lüttich her, das eichengeschnitzte Mobiliar (Abb. 101). Aachen war ein Sitz dieser Kunst. Die Vertäfelungen aus dem Wespienschen Hause und eine Reihe von Schränken, Kleiderschränken, Aufsatzschränken mit verglastem Oberbau, halbrunden Eckschränken, Dielenuhren und Sitzmöbeln zeugen von der Vollendung in der Rocailleschnitzerei, die unter Couvens Ägide in der alten Reichsstadt für die Häuser der reichen Kaufmanns- und Fabrikantenfamilien erreicht wurde. Die Gattung fand auch am rechten Ufer des Niederrheins, in den Industriestädten des Bergischen Landes bis ins Westfälische hinein Verbreitung; doch ist der Charakter dieser Eichenmöbel mehr bürgerlich und derb, ähnlich wie in den sparsamen Flachschnitzereien der bergischen Schieferhäuser. In den Hansastädten konnte sich das Rokoko an den Möbeln natürlich weniger frei entfalten. Der im Mittelpunkt des Handwerks bleibende große, von Pilastern gegliederte Kleiderschrank, der Schapp, behält seinen barocken Grundzug bis in die Spätzeit des Jahrhunderts. Eigentümlich ist die frühe Einwirkung der englischen Möbel, die sich z. B. in den Chippendaleformen der Hamburger Stühle kundtut. Die Möbel Altonas und Schleswig-Holsteins erinnern in der schmucklosen und klaren Flächen- und Linienführung an die dänischen. Es gilt hier das Gleiche wie in der Baukunst: Die freie Entfaltung des Rokoko, dessen Schauplatz das südliche Deutschland ist, ist von dem Norden, insbesondere von den Küstenländern nur in gewissen Grenzen mitgemacht worden.

Viel unmittelbarer als die vornehme bürgerliche Möbelkunst, die im Vorstehenden überblickt worden ist, spiegelt sich naturgemäß die Stilwandlung vom Barock zum Rokoko in den Prunkmöbeln der Schlösser. Waren doch zumal die reichen Konsoltische mit den Spiegeln darüber, die Kanapees, die Sessel und Schemel Teile der reichen Zimmerausstattungen. Von Schüblers und Deckers Vorlagewerken bis zu den gestochenen Wandentwürfen Hop-penhaupts sehen wir ihren Stil in Verbindung mit der Wandornamentik fortschreiten. In den Formen der Schnitzereien zeigen die Prachtstücke in den „Reichen Zimmern“ der Münchner Residenz und den anderen Zimmereinrichtungen des Kurfürsten Karl Albert den üppigen Reichtum Cuvillies; die Garnituren der Würzburger Residenz aus der Mitte des Jahrhunderts den freien Zug der spätesten Weise Balthasar Neumanns (Abb. 102); diejenigen in den Schlössern Friedrichs des Großen Nahls Geist und den des Hoppenhaupt (Abb. 103), während solche aus der Mannheimer Residenz und vom Rhein das gemäßigte Rokoko in der Art des Pigage durchblicken lassen. Für die Münchner Schloßeinrichtungen sind weißlakierte, durch vergoldete Rocailleschnitzerei gehobene Kommoden usw. bezeichnend. Die Schrankmöbel, die Schreibtische, die Kabinette, die Bücher- und Medaillenschränke der Schlösser unterscheiden sich sonst gemeinhin nur durch den reicheren Aufbau, die feinere Einlegearbeit und sorgfältigere Schnitzerei von den bürgerlichen Schrankmöbeln. Schöne Beispiele bergen die Gemächer der geistlichen Fürsten im Süden. Nur Friedrich der Große hat die in Paris durch Caffieri und andere zur höchsten Meisterschaft entwickelte Bronzedekoration der Prachtmöbel für seine Schlösser eingeführt. Die von dem 1748 berufenen Melchior Kambly garnierten Möbel mit Bronze in den Potsdamer Schlössern kommen in der Blumenintarsia wie im Aufbau den besten Pariser Möbeln des Louisquinze nahe. Doch äußert sich trotz gelegentlicher genauer Anlehnung in den Bronzen Kamblys die Neigung zur Lockerung der Rocaillen, zur stärkeren Durchsetzung der Schnörkel und Gitter mit Blumengehängen und Ranken. Die breitere Form seiner Beschläge und ihre Führung quer über das Möbel fort sind unterscheidende Kennzeichen im Vergleich mit den Caffierimöbeln. Ein wieviel günstigeres Feld für die Luxusmöbelkunst muß Paris unter Ludwig XV. und XVI. dargeboten haben als die deutschen Fürstensitze, da doch die besten Möbelkünstler hier Deutsche, und zwar meistens Rheinländer gewesen sind. Unter ihnen haben Schwertfeger, Oeben und Riesener den größten Ruf erworben.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE BAUMEISTER, DIE BAUHERREN UND DER BAUBETRIEB. STADTBAUKUNST
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DAS GEISTIGE WESEN DES KATHOLIZISMUS IM DEUTSCHEN BAROCK UND ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER KATHOLISCHE KIRCHENBAU DES ROKOKO
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISMUS DES 18. JAHRHUNDERTS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DER PROTESTANTISCHE KIRCHENBAU
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE WELTLICHE ARCHITEKTUR DES BAROCK DIE SCHLÖSSER, ABTEIEN, BÜRGERHÄUSER USW.
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE SCHLOSS- UND HAUSARCHITEKTUR IM ROKOKOZEITALTER
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE DECKENMALEREI
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – INNENAUSSTATTUNG DER SCHLÖSSER DAS ORNAMENT DES BAROCK UND ROKOKO

Im Text gezeigte Abbildungen:
Aufsatzschränkchen – Bayerisch
Süddeutscher eingelegter Schrank – um 1730
Tisch für einen Kunstschrank
Geschnitzte Tür – Süddeutschland Mitte 18. Jahrhundert
Würzburger Schrank – Mitte 18. Jahrhundert
Aachener verglaster Eckschrank – Mitte 18. Jahrhundert
Ecksofa – Mitte 18. Jahrhunderts im Würzburger Schloß
Kommode

Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland