Große Volksfeste waren die im Mittelalter von den Handwerkern getragenen, mit dem Jahreslauf eng verbundenen Zunftfeiem: Fasnacht, Maitag, Pfingsten, Mittsommer, Weihnachten. Die Handwerker waren die aktiven Träger der Feste, die Gesamtheit der Stadtbevölkerung aber nahm an ihnen teil. Zunftfest und städtisches Volksfest sind weitgehend dasselbe; die Handwerker sind zum großen Teil die Träger der volkhaften Überlieferung in der Stadt.

Ein Beispiel bietet das Fest der Schuhmachergesellen in der Windelbahn zu Stolp in Pommern (1). Die Schustergesellen veranstalteten bis in die jüngste Zeit und jetzt wieder zu Pfingsten einen Tanz in der dortigen »Trojaburg«. Bei dem Fest trat ein Maigraf auf, der nach dem Windelbahntanz und dem Umzug den festlichen Ball mit der ältesten Meistertochter eröffnete. Hier — wie auch sonst vielfach — haben die jungen unverheirateten Gesellen das Recht, das Maigrafenfest zu veranstalten. Sieber hat auf den wichtigen Zusammenhang dieses Maigrafenfestes mit der alten Trojaburg hingewiesen.

Die Nürnberger Schreiner veranstalteten am Aschermittwoch einen militärischen Umzug mit Hauptmann und Fähnrich. Letzterer führte eine Fahne aus bemalten Hobelspänen mit. Auch sah man aus Hobelspänen angefertigte Kleidungsstücke. Die verschiedensten altertümlichen Waffen wurden von ihnen mitgeführt: Schlachtschwerter, Streitkolben, Äxte, Säbel, lange Federspieße, Hellebarden, Hollerbüchsen, alles aus Holz gefertigt, auch hölzernes Werkzeug, Säge, Hobel, Beil und Winkelhaken. Im Zuge gingen ein Bauer und eine Bäuerin mit, »welche Kurzweil trieben«. »Vor den Häusern der Herren Älteren führten sie eine Komödie auf, wobei der Bauer gehobelt wurde«. Das Fest wurde mit Mahlzeiten und Tänzen, die sie auf ihrer Herberge veranstalteten, abgeschlossen.

Gegen die Annahme, die Handwerksfeste seien ganz willkürliche Belustigungen, spricht eine wichtige Tatsache: Die Feste sind zeitlich gebunden und hängen meist mit den bekannten uralten Kultzeiten des Volksbrauchs zusammen. Den ersten Platz nimmt — mit weitem Vorrang vor anderen Festen — die Fasnacht ein. Daß es sich hierbei wesentlich um ein Frühlingsfest handelt, geht u. a. auch aus dem Umstand hervor, daß das »Sechseläuten« der Züricher Zünfte, ein Einläuten des kommenden Frühlings, wechselnd zu Fasnacht oder zur Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche stattfand.

Höfler hat die Bräuche zu Fasnacht und in den Zwölften mit den Darstellungen des Totenheeres durch maskierte Männerbünde zusammengestellt. Die in den heiligen Zeiten des Jahres zahlreich stattfindenden Umzüge grotesk verkleideter Burschenschaften vermag er in Zusammenhang mit den Sagen vom Wilden Heer zu setzen. In Einzeluntersuchungen erweist er die Parallelität zwischen den Motiven dieser Sagen und den Erscheinungen der Burschenschaftsumzüge und kommt zu dem Schluß, daß die lebendigen Volksbräuche (wie etwa das Perchtenlaufen) die Veranlassung zur Bildung der Sagen gewesen sind. Der Führer des Wilden Heeres, Wodan, der germanische Obergott, ist auch der göttliche Herr der Bünde. Sein Charakter als Kriegs- und Totengott, den Höfler besonders betont, entspricht auch dem kriegerischen Wesen der Burschenschaften, die sich in ihren Maskenumzügen (kultischen Feiern) nach ihrem religiösen Glauben in ihre eigenen Ahnen und Toten verwandeln und diese verkörpern.

Zahlreiche Zunftfeste gleichen solchen Burschenschaftsumzügen, so etwa das süddeutsche Schembartlaufen und seine norddeutsche Parallele, das Schodüvellopen. Unsere Frage, die wir im Fortgange der Untersuchung in bezug auf diese Bräuche stellen, ist, ob sie in ihrer Gesamtheit und in ihren Einzelzügen an jene Kulte erinnern und dementsprechend in die von Höfler eröffneten Zusammenhänge gestellt werden dürfen. Im deutschen Zunftbrauchtum tritt die Weihnachtszeit gegenüber Fasnacht stark in den Hintergrund. Die Fasnacht ist allgemein mehr im deutschen Brauch bekannt, während der Norden die Julzeit bevorzugt.

Die Fasnachtsbräuche der Handwerker sind in ganz Deutschland verbreitet. Landschaftliche Besonderheiten sind wohl hier und da vorhanden, haben aber gegenüber der großen Einheit kaum grundsätzliche Bedeutung. Die Einheit des Handwerksbrauchtums ist eine ursprüngliche und innere und nicht das Ergebnis einer »Nivellierung« als Folge des Wanderzwanges der Gesellen, wie Grobne mit »Resignation« feststellt. Jedoch sind gegenüber dem Ausbleiben einer landschaftlichen Sonderung vielfach Beispiele einer berufsmäßigen Färbung und Ausschmückung der Bräuche festzustellen, auf die später eingegangen wird.

Obrigkeitliche Verbote können Veranlassung zu gewissen zeitlichen Schwankungen der Feste in den einzelnen Jahren gewesen sein. Häufig sind der 1. Mai, Pfingsten und der Mittsommertag Festtage der Zünfte. Andere Daten gehen meist auf den Jahrestag des betreffenden Zunftpatrons zurück. Auch die Teilnahme an kirchlichen Feiern, z. B. an der Fronleichnamsprozession, ist häufig belegt. Allerdings bringen die Zünfte dann meist ihre »heidnischen« Bräuche mit in die kirchliche Welt hinein. Verschiedentlich ist ein Herbstfest bezeugt: der Beginn der winterlichen Arbeit bei Licht wurde mit Schmaus und Gelage, der sogenannten «Lichtgans», eingeleitet. Wir wollen später sehen, ob auch dieser Brauch noch alte Züge aufweist. Regelmäßig sind die Zunftfeste mit großen gemeinsameh Gelagen und Mahlzeiten verbunden. Für die Mittwinterzeit, die Zwölften, sind einige Bräuche bekannt, die ebenfalls für unsere Zusammenhänge bedeutungsvoll sind.

Siehe auch:
Germanengut im Zunftbrauch
Germanengut: das Zunftbrauchtum

Germanengut im Zunftbrauch

Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit wurden oft in ihrer Bedeutung für Wesen und Geschichte der deutschen Zunft nicht erkannt und genügend gewürdigt, da die Wirtschaftshistoriker, denen wir eine reiche Zunftliteratur verdanken, den Handwerksbrauch nur in den allerwenigsten Fällen in den Kreis ihrer Betrachtungen zogen. Der Volkskundler jedoch, der sich dem Zunftwesen widmete, bevorzugte vielfach das dem späten Handwerk eigentümliche barocke Formelwesen und vernachlässigte die reiche Fülle festlicher Bräuche der alten Handwerker. Erst heute ist es möglich, die inzwischen gewonnene Übersicht über die Zunftfeste in ihren großen Zügen und allgemeinen Linien zu schildern und zu Ursprung und Entwicklung des deutschen Zunftwesens in Beziehung zu setzen. Eine solche volkskundliche Untersuchung des alten Handwerks vermag wesentliche Beiträge zur Geschichte seiner Gemeinschaftsformen zu liefern. Wir wollen uns hier mit der Gesamtheit der großen Handwerkerfeste, den Umzügen, den zünftigen Jahreslauffeiern und den Bräuchen beim Gesellenmachen beschäftigen, in denen es bei aller Vielfalt die durchgehenden gemeinsamen Züge zu erkennen gilt. Es ist notwendig, daß wir durch die erdrückende Fülle und Mannigfaltigkeit des Handwerksbrauchtums einmal zu der Erkenntnis Vordringen, daß diese Vielfalt durch eine einzige große innere Einheit geordnet wird, die in jeder Beziehung vorhanden ist: Geographisch sind über das ganze deutsche Volksgebiet hin in jedem Handwerk grundsätzlich dieselben Brauchtumsformen zu erkennen. Die Bräuche sind, soweit wir aus den vorhandenen Quellen schließen können, in der Geschichte des deutschen Handwerks über Jahrhunderte hinweg sich gleichgeblieben. Die Bräuche sind aber auch für alle Handwerke in großen Zügen gleich oder sinnentsprechend, so daß wir sie alle in einer Ordnung unterbringen können. Die Untersuchung des Zunftbrauchs wird zeigen, daß er mit den Bräuchen vieler anderer historischer Verbandsformen übereinstimmt. Parallelen zum germanischen Altertum sollen schließlich den einheimischen Ursprung des Brauchtums erweisen und von hier aus Rückschlüsse auf das germanische Erbe der das Brauchtum tragenden Verbände, der Zünfte also, erlauben (2).

Im Vordergrund der Betrachtung stehen diejenigen Feste und Bräuche, bei denen die Zünfte geschlossen als Brauchtum tragende Verbände auftreten. Uns geht es also darum, das Brauchtum der Verbände als solches von Gemeinsdhaften zu erkennen und die Frage zu prüfen, ob wir aus ihm neue Erkenntnisse über Wesen und Eigentümlichkeit dieser Gemeinschaften gewinnen können.

Die Zunftliteratur rein nationalökonomischer Prägung hat es infolge ihrer mangelnden weltanschaulichen Einstellung versäumt, den Zunftbräuchen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. Schon Sieber hat über diese Tatsache Klage geführt und die Vermutung ausgesprochen, daß aus der Betrachtung des Brauchtums — neben dem rein volkskundlichen Interesse — vielleicht sogar einzelne Aufschlüsse für die Zunftgeschichte zu erwarten seien. Auf Grund der neueren Forschungen auf dem Gebiet der Religionswissenschaft darf man heute wohl sagen, daß das Wesen der Zunft und die Bedeutung ihrer Geschichte erst aus dem Brauchtum heraus in vollem Umfang erkannt werden können. Das eigentliche Gewerbeschrifttum befaßte sich nicht mit dem Handwerksbrauchtum, und auf dem Gebiete der Volkskunde wurde wohl Material gesammelt, jedoch wurde oft das Wagnis einer Gesamtbetrachtung der von den Zünften getragenen Bräuche und einer Anwendung dieser Erkenntnisse auf die Zunftgeschichte unterlassen. Verschiedene angreifbare Ansichten über die Feste der Handwerker entstanden, von denen wohl die, man werde der Bedeutung der Bräuche mit dem Wort»Saure Wodhen — frohe Teste« gerecht, vorherrschend ist. Die im Mittelalter übliche Arbeitszeit von täglich 13 bis 14 Stunden habe — so meint man — zu großem Verdruß geführt, der in den Feiern und Festen sich einen Ausgleich zu schaffen bestrebt war. Das einförmige Leben in den sauren Wochen der Arbeit erfordert eine »heitere Abwechslung«. Die Gesellen, »heiter und lustig«, »durch das Wandern etwas verfeinert, wußten in ihrer Blütezeit ihre Feste zu den beliebtesten in den Städten zu machen und in die Eintönigkeit des mittelalterlichen Lebens ein angenehmes Intermezzo einzuschieben«. Man vermag in den Handwerksfesten nur Sonntagsbelustigungen zu sehen, die als ausgelassenes, etwas barbarisches, »unfeines« und vor allen Dingen »ungebildetes« Toben, als Ausgleich zu der harten Fron des Werktags entstanden.

Auch eine neuere Arbeit, die sich Mühe gibt, die heutigen Erkenntnisse über das Wesen der Gemeinschaft zu verwerten, vermag sich dennoch nicht aus der alten Bahn zu lösen. Wrede schreibt:

»In der Vergangenheit boten Zünfte und das stark ausgeprägte Nachbarschaftswesen, sodann Kirchenfeste dem einzelnen Volksgenossen gute Gelegenheit, sich mit anderen zu freuen und den Gemeinsinn zu pflegen.«

Read More Germanengut: das Zunftbrauchtum

Germanengut im Zunftbrauch