Der germanische Mythenbau steht jetzt vor uns, freilich durch weit klaffende Lücken entstellt, aus verschiedenartigem, bald nordischem, bald deutschem Gestein zusammengesetzt und in den Stilen verschiedener Zeiten und Stände aufgeführt.

So lückenhaft ist die heimische heidnische Überlieferung, daß man sagen darf, sie beginne erst in dem Zeitpunkte, wo das germanische Heidentum zu bestehen aufhört. Nur landfremde Römer und glaubensfremde Mönche wissen schon früher davon zu berichten. Die heimische Überlieferung aber zerfällt in zwei große Hauptmassen, eine überwiegend skaldische nordische und eine überwiegend volkstümliche gemeingermanische. Darin spiegelt sich der scharfe Gegensatz der Stände wieder, der die germanische Staatsverfassung und Gesellschaft beherrscht. Es gab eine Bauernmythologie und eine Adelsmythologie.

Beiden zugrunde aber liegt dieselbe Entwicklung: aus den ältesten niederen Formen des Seelen-, Alp– und Dämonenglaubens erheben sich nach und nach höhere Gestalten, und Götter bilden den krönenden Abschluß. Aber die übermenschlichen Wesen des Bauernglaubens wahren sich fast alle noch den Zusammenhang mit den Naturkräften, selbst die Götter, und behaupten sich gerade dadurch sogar gegenüber dem Andrang der geistigeren Mächte des Christentums lange, lange Zeit. Der Glaube der großen Masse war in seinem Mythus, wie Kultus vorzugsweise Naturreligion, die aber schon seit unvordenklicher Zeit sich zu festumrissenen und menschlich gearteten Gestalten erhoben hatte. Dagegen huldigte der gottentstammte Adel vorzugsweise den Göttern einer geistigeren Art, wie sie namentlich die Priester und die Hofsänger veredelten. Zu dem schlichten, oft derben, aber durchweg keuschen, sinnigen und oft poetischen Bauemgeist gesellte sich ein kriegerischer, kühner, höher strebender Heldensinn, von dem wir die schönsten Proben in manchen aus der Wikingerzeit hervorgewachsenen Eddaliedern haben. So begann allmählich eine Geistesreligion sich zu entwickeln. Aber erst im Werden begriffen, erwies sie sich beim Zusammenstoß mit dem Christentum viel haltloser und erlag diesem weit schneller als jener alte robuste Volksglaube. Ihre höchste Leistung war, doch wohl nur im Norden, die Herstellung einer durch Verwandtschaft und Schicksal leidlich fest verbundenen Götterordnung, in der jeder Gott sein Amt hatte, vom König herab bis zum Hofdichter und zur Kammerfrau. Aber die Vorstellungen vom Jenseits schwankten beim Volk, wie bei den Großen hin und her und waren durchweg sinnlicher Natur, ja das Familienleben wurde in Walhall zugunsten des Kampf- und Freudelebens mit den Walküren unterdrückt. Noch viel imgenügender wurden die noch ferner liegenden Fragen nach dem Anfang, dem Verlauf und dem allerletzten Ende der Dinge und der Menschheit beantwortet. Es fehlte die Weisheit einer hochgebildeten, sinnenden Priesterschaft, sowie die anregende Fülle einer städtischen Kultur. Man brachte es zu vielen einzelnen runden Personenmythen und bildete daraus hie und da Mythengruppen. Aber man hatte nicht das Zeug zur Schaffung eines zusammenhängenden, wohlgegliederten Weltmythus.

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Mythologie der Germanen

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten.

Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert.

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Mythologie der Germanen

Die großen Entdeckungen, die an der Schwelle der Neuzeit gemacht wurden, sind nichts weniger als Zufall. Heinrich der Seefahrer arbeitete ganz planmäßig. Die Steigerung des mathematischen Wissens erzeugte in Toricelli den Gedanken einer Erdumsegelung, einen Gedanken, den er an Kolumbus weiter gab. Die Geister waren reif geworden. Sie dürsteten nach neuen Taten, nach neuen Eroberungen. Auf fünf Gebieten ging dieser Entdeckergeist erfolgreich vor. ln der Welt der Technik fand er das Pulver, den Buchdruck und das Fernrohr; jenseits der Meere fand er unbekannte Erdteile — im Luftraum neue Sterne; in der Welt der Kunst und Wissenschaft kehrte er zur Antike zurück und erzeugte im Verein mit ihr neue Farben und neue Formen; auf dem Gebiete des Glaubens erstand die Lehre der Sikh, die Reformationen Luthers, Calvins undKnox und in Tibet der Lamaismus. Die ganze Weltanschauung aber wurde durch Kopernikus umgedreht, der — gleichfalls hierin zur Antike, zu Hipparch zurückkehrend — statt der Erde die Sonne in den Mittelpunkt des Planetensystems stellte.

Daß der Drang zu Entdeckungen in der Luft lag, geht auch daraus hervor, daß zu gleicher Zeit nach drei Seiten hin die Erdkunde beträchtlich ausgedehnt wurde. Um 1480 ging Covilhab nach Abessinien und Indien, 1492 entdeckte Kolumbus, auf normännischen Berichten fußend, Amerika. Endlich, 1498 umsegelte Vasco da Gama das Kap der Guten Hoffnung und gelangte über die ostafrikanischen Plätze nach dem indischen Kalikutt. Kolumbus machte im ganzen vier Fahrten. Er ist auf den Antillen und an der Küste des südamerikanischen Kontinentes gelandet. Sehr bald bemächtigten sich die Spanier Kubas und Mexikos. Dem großen Forscher selbst aber, dem Kolumbus haben sie mit Undank gelohnt.

Im Jahre 1500 entdeckte der Portugiese Cabral Brasilien. An dessen Erschließung beteiligten sich in der Folge die Fugger und Welser von Augsburg. In den nächsten Jahren setzten sich die Portugiesen, namentlich unter der Führung des genialen Admirals Albuquerque an allen wichtigen Punkten des indischen Ozeans, von Mozambique bis Aden, und von Ormudzd am Eingänge des Persischen Golfs bis nach Singapur fest und errichteten so ein zusammenhängendes Netz starker Flottenstützpunkte.

Um die Wende des Jahrhunderts wurde durch Franzosen in englischem Dienste, die Cabots, Nordamerika angefahren, doch führte dies einstweilen zu nichts.

In den Jahren 1519—1521 vollführte Magelhaens die erste Weltumsegelung, bei der er selbst den Tod fand. Kurz darauf wird Ostasien von der Seeseite her bekannt. Einstweilen wurden jedoch nur vereinzelte Faktoreien in China angelegt.

Die Haupttätigkeit der Konquistadoren beschränkte sich fast ein Jahrhundert lang lediglich auf die Tropen. Erst von den 1570er Jahren an, als neben Spaniern und Portugiesen auch andere Nationen tatkräftig zu überseeischer Kolonisation schritten, werden auch Gebiete der gemäßigten Zone, zunächst vor allem Sibirien und Nordamerika, danach Chile und Argentinien in die Besiedlung einbezogen.

Der Gesichtskreis der Menschheit war verdoppelt.

Das wichtigste Element der neuen Zeit ist aber vorläufig der Nationalismus. Er durchbrach den Universalismus des Mittelalters, und er hemmte den aufsteigenden Absolutismus der Fürsten. Freilich hat er sich auch wieder mit dem Absolutismus verbündet, nämlich gegen die Allgewalt und die universalen Absichten der Kirche.

Der hochstrebende und hochbegabte Maximilian, den man den letzten Ritter nannte, wollte noch selbst Papst werden. Ebenso wollten Karl der Fünfte und sein Sohn Philipp der Zweite das Papsttum meistern. Im Jahre 1527 hat Karl der Fünfte Rom und den Papst in den Staub getreten. Es war eine späte Rache für Kanossa. Der Staat riß also die Gewalt der Kirche an sich. Nun aber erhielt der Staat eine nationale Färbung. Die Folge davon war, daß auch eine nationale Kirche als wünschenswert angesehen wurde. Der gescheiterte Versuch einer Ekklesia Gallicana war der erste Schritt in dieser Richtung. Jetzt wollte Heinrich der Achte die Hoheitsrechte des Papstes für England übernehmen, ohne an dem Dogma oder dem Ritus etwas Sonderliches zu ändern. Ebenso gründeten die Wasa eine skandinavische Nationalkirche. Und die mitteleuropäischen Fürsten verfochten den Satz: Cujus regio, ejus Religio, der Herr über ein Land ist auch Herr über dessen Glauben.

In das Erwachen des Volks- und Staatsgefühles spielten im Unterbewußtsein die Rassengegensätze hinein. Der germanische Norden wurde protestantisch; der kelto-romanische Süden mit Einschluß Polens blieb katholisch.

Seit 1519 war der Habsburger Karl der Fünfte der Herr der Welt. Als Enkel des „letzten Ritters“ trug auch er sich stets mit phantastischen hohen Plänen. Seinem griesgrämigen harten Gesichte, das aus den Bildern Tizians und Cranachs gut bekannt ist, hätte man dergleichen kaum zugetraut; die Nase ist nicht so kühn entwickelt, wie bei Maximilian, aber das andere Erbteil der Habsburger, die breit vorgeschobene Unterlippe war dafür besonders stark ausgeprägt. Beide Eigentümlichkeiten, die Lippe und die überhängende Nase, die bis zum heutigen Tage im Geschlecht der Habsburger andauern, gehen auf eine ganz bestimmte Ahnfrau zurück, Cimburga, die Tochter des heidnischen Herzogs von Masovien (im Littauischen Gebiete), die an den Vater Maximilians, Friedrich den Dritten „des heiligen römischen Reiches Schlafmütze“, verheiratet war.

Die Habsburger hatten sich schon damals zu einer internationalen Dynastie entwickelt. Nicht nur masovisches Blut floß in ihren Adern, sondern auch oberitalienisches (durch die Este, die freilich im Grunde welfischen Ursprungs waren) und romanisches durch Maria von Burgund, die Tochter Karls des Kühnen, die Maximilian freite, und die spanische Mutter Karls des Fünften. Gleichermaßen hatte der habsburger Staat jetzt schon eine bunte, vielvolkliche Färbung angenommen. Seitdem Rudolf von Habsburg den Tschechen Ottokar, der von der Ostsee bis an die Grenzen von Serbien und Friaul herrschte, auf dem Lechfeld geschlagen hatte (1281), waren Ungarn und Kroaten, Tschechen und Polen in den Staatsverband gekommen. Es ist heute Mode geworden, die undeutsche Gesinnung der Habsburger zu bemängeln. Man könnte aber auch den Spieß umkehren und sagen, es ist ein Wunder, daß innerhalb eines solchen Völkergemisches die Habsburger noch so deutsch geblieben sind. Jedenfalls wurde die Südostmark des Reiches von Deutschen, und zwar von dem Bayernstamme, mit Einsprengung fränkischer und einiger schwäbischer Kolonisten besiedelt und beherrscht. Die Deutschen blieben bis zu dem Ausgleich von 1867 in Österreich das ausschlaggebende Volk.

Ein deutsches Bewußtsein war allerdings in Karl dem Fünften mit nichten entwickelt. Er fühlte sich in erster Linie als König von Spanien. Er pflegte zu sagen: Spanisch rede ich mit meinen Rittern, Französisch mit den Dienern und Deutsch mit den Pferden. Trotzdem hat er einen beträchtlichen Teil seines Lebens in deutschen Landen zugebracht. In seiner Staatskunst nahm Deutschland ungefähr den gleichen Anteil wie die Südeuropäischen Besitzungen in Anspruch. Karl der Fünfte wollte das Universalreich restlos verwirklichen. Dem stellten sich zwei Hauptfeinde entgegen, die Türken und die Franzosen. Ganz naturgemäß schlossen sich denn auch diese beiden zu einem Bündnis zusammen. Die Kluft der Religion war kein Hindernis. Franz der Erste, tatendurstig, unermüdlich auf dem Schlachtfelde und im Ratssaal, eine ritterliche, feurige Erscheinung, Freund der Abenteuer und der Frauen, sah mit Verdruß und Sorge, wie Frankreich von vier Himmelsrichtungen zugleich eingekreist und umklammert wurde, von Spanien, Oberitalien, Deutschland und den Niederlanden her, auf den Befehl Karls des Fünften, der überall in jenen Gebieten herrschte, von Nordwesten her durch den englischen Heinrich den Achten, der des Kaisers Bundesgenosse war. Da meinte der bedrängte Franz: helfe was helfen kann! und näherte sich dem Großtürken, Suleiman dem Prächtigen, der denn auch zweimal, 1529 und 1532 mit seinen reisigen Scharen vor Wien zog. Seltsam ist die Verknüpfung der Dinge. Der Anprall der Feinde der Christenheit, der Türken rettete die, so das wahre Christentum aus dem Schlamm und Wüste der Zeiten wieder rein und verklärt herauszuholen trachteten, rettete die Reformation.

„Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage, weh dir, daß du ein Enkel bist!“

Alles Menschliche wird im Laufe der Jahre getrübt von Fremdstoff überwuchert, ja, nicht selten geradezu in sein Gegenteil verkehrt. Das zeigen, wie Recht und Staat und Kunst, so auch die Kirchen der Welt. Buddha hat alle Götter beseitigen wollen, und jetzt strotzt der buddhistische Himmel von Gottheiten aller Art. Christus predigte Armut und Abkehr vom Luxus, und die römische wie die griechische Kirche verkam in Üppigkeit und leitete die größten Geldgeschäfte der Welt. In Avignon, wo von 1309—1391 die Päpste hausten, und im Rom des Spaniers aus dem Hause Borgia, Alexanders des Sechsten, war eine bunte Weib erwirtschaft an der Tagesordnung. Julius der Zweite (1503—1513), der auf Alexander folgte, war ein streitbarerKriegs-mann, der sich in schimmernden Harnisch hüllte und bei Schlachten und Belagerungen selbst mitwirkte. Leo der Zehnte (1513—1523) ging völlig in der Kunst und in heiterem Lebensgenüsse auf. Raffael, Bramante, Michelangelo und der kleinere Benvenuto Cellini erfuhren von den Päpsten die höchste Förderung; allein rein geistlich betrachtet waren gerade jene Päpste nicht sehr geeignet, für das Christentum Propaganda zu machen. Sie waren im Grunde in den Geschmack und die Sitte der Antike, wenn man will, in das Heidentum zurückgefallen. Der Kunst gereichte das wildbewegte Leben, die Leidenschaft des Hasses und der tolle Sinnengenuß damaliger Päpste zum größten Vorteil. Leonardo da Vinci, das Genie der Genies, war der Artilleriekommandant des Cesare Borgia, eines natürlichen Sohnes Alexanders des Sechsten. Die Frömmigkeit des Nordens empörte sich jedoch gegen solche Lebenskunst, wie Rom sie pflegte. Schon seit über einem Jahrhundert waren Bestrebungen im Gange, um die Kirche „an Haupt und Gliedern“ zu reformieren. Kaiser und Könige liehen dem Reformierungswerke bereitwillig die Hand. Große Konzilien wurden berufen, um die schwebenden Fragen zu ordnen. Ein Konzil, das zu Konstanz, saß nicht weniger als vier Jahre (1414—1418). Schon vorher hatte Wycliffe in England eine Abkehr von den Mißbräuchen der Kirche gepredigt. Durch Schüler Wycliffes angeregt, lehnte sich der Tscheche Hus gegen die herrschende Kirche auf. Er wurde vor das Konstanzer Konzil gezogen und obwohl ihm ein deutscher Kaiser, der unruhige igismund, freies Geleit zugesichert hatte, öffentlich verbrannt.

Die Flammen des Scheiterhaufens zündeten aber ein noch größeres Feuer an, nämlich die Hussitenkriege, durch die halb Osteuropa und ein ziemlicher Teil Deutschlands verwüstet wurden. Die alte Avarenwut brach bei den Tschechen wieder hervor. Ihr hervorragendster Führer Ziszka hatte eine Trommel, deren Fell aus einer Menschenhaut bestand. Die Heere des Kaisers und die Lokalmiliz konnten gegen die Hussiten nicht bestehen. Zuletzt erlangten diese so ziemlich, was sie gefordert.

Die Sehnsucht nach einer Kirchenreform wurde weiterhin durch den Humanismus und die Renaissance verstärkt. Das war eine Bewegung, die an die geistigen und künstlerischen Errungenschaften der Antike wieder anknüpfte. Die Herrlichkeit des klassischen Altertums kam den Menschen wieder zum Bewußtsein. Das Schrifttum der Griechen und Römer wurde von Gelehrten, wie Erasmus von Rotterdam, Reuchlin, Hutten, Macchiavelli, Melanchthon wieder erweckt. Die K nstler, wie Giotto, Brunellesschi, Donatello, Sansovino, Lionardo, Michel Angelo Buonarrotti, Raffael Sanzio aus Perugia, Dürer, knüpften vorzüglich an die Baukunst, Malerei und an die Bildhauerei der Alten an. In der Folge wurden Wissenschaft und Kunst selbständig fortgebildet. Unter den Malern wurden am berühmtesten Tizian, dessen Farben kein Meister je wieder erreicht hat, ferner Correggio, Paolo Veronese und Andrea del Sarto; bei uns Holbein. Ich habe nie verstanden, warum der eckige, ungefällige Lucas Cranach bei uns so viel Beifall erringen konnte. Dagegen wird jedermann dem Lobe unserer Bildhauer, des Peter Vischer und des Adam Kraft, und unserer Schnitzer, des Veit Stoß und des Tilmann Riemenschneider (der wahrscheinlich zu den Ahnherren Bismarcks gehörte) freudig zustimmen.

Die Musik wurde durch Palestrina wiedergeboren, sowie durch Orlando di Lasso, einen Niederländer aus Mons, der in Bayern Kapellmeister wurde. Nicht minder wurde das Epos eines Ariost und Tasso durch die Antike angeregt. Den höchsten Triumph aber feierte das Drama; es hatte drei Hauptträger zu gleicher Zeit, die großen spanischen Dichter Lope de Vega und Calderon, vor allem aber Shakespeare. Deren Zeitgenosse war Cervantes, mit dessen Don Quixote der moderne Roman beginnt.

Ein tüchtiger Trunk macht froh, kann aber auch streitbar oder gar wehmütig machen.

So hatte die Renaissance gleichfalls die verschiedensten, ja entgegengesetzte Wirkungen. Die neuerwachte Liebe zum Altertum entzündete eine große Begeisterung. „Es ist eine Lust zu leben“ rief Hutten. Man fühlte sich doppelt Mensch, seitdem man die reichen Schätze der Antike entdeckt. Es war, als wenn man früher immer nur mühsam hart an der Küste entlang gesteuert hätte und jetzt erst mit geschwellten Segeln sich mutig hinauswagte in die offene See! Allein die Erweiterung unserer Kenntnis brachte auch einen Rückschlag. Er erzeugte einen Mißmut, eine heftige Unzufriedenheit über die Zustände um 1500. Dem höheren Menschen, dem die Antike die Augen geöffnet, mußten diese Zustände ein Greuel sein. Sie entsprachen so gar nicht dem Bilde, das er sich von den Schönheiten der Kunst, den Tatsachen der Wissenschaft und den Möglichkeiten staatlichen Lebens gemacht. Sie entsprachen auch nicht im mindesten der Überlieferung von dem Urchristentum, das man jetzt erst, nachdem durch den Humanismus die Kenntnis des Griechischen und Hebräischen wieder verbreitet worden, in seiner wahren Gestalt hatte erfassen lernen.

So wurde auf der einen Seite durch das Studium der Antike das Heidentum befördert, dem ein Poggio und der Hesse Mutianus Rufus offen und so manche Literaten und Künstler insgeheim huldigten. Auf der anderen Seite aber wurden die verschütteten Quellen des Christenstums wieder aufgedeckt. Renaissance und Reformation haben sich gegenseitig bedingt, aber auch ihrem innersten Wesen nach sich gegenseitig bekämpft.

Martin Luther war der Sohn eines Bergmanns aus Nordthüringen. Möglich, daß er einen Guß slavischen Blutes in seinen Adern hatte. Er begann seine Laufbahn als Magister, aber warf alle Ehren und Aussichten hin, um als Bettelmönch bei den Augustinern einzutreten. Er quälte sich darüber ab, wie der Mensch selig werden könnte, und rieb sich auf mit asketischen Übungen. Nach drei Jahren ward er jedoch Professor der Philosophie in Wittenberg (1508). Wiederum drei Jahre später reiste er in Ordensangelegenheiten nach Rom. Dort konnte er beobachten, wie stark die damalige Kirche von den Forderungen des Urchristentums abgewichen war. Einstweilen aber wirkten diese Beobachtungen im Stillen, ohne ihn zu Taten fortzureißen. Ähnlich wie manchmal Dichter erst viele Jahre später ein persönliches Erlebnis in ihrer Kunst verwerten.

Wiederum wirkte eine seltsame Verwicklung der Dinge. Leo der Zehnte wollte, von den glänzendsten Künstlern der Renaissance beraten, St. Peter und den Vatikan erbauen — das erhabenste Werk der Christenheit. An seinem Ausbau und seiner Ausschmückung arbeiteten Bramante, Michel Angelo, Perugino; ferner der Liebling der Grazien, Raffael, und später der Begründer des Barock, Bernini Um die Kosten zu der Kirche und dem daran anstoßenden Vatikan, dem ungeheuren Baue, der nicht weniger als elfhundert Zimmer faßt, zu erhalten, schickte der Papst einen Ablaß in die Welt und veranlaßte, daß von den Erzbischöfen und Bischöfen der Ablaß tüchtig vertrieben, das heißt einem gläubigen Publikum zum Kauf angeboten wurde. Zu den Verschleißern, die mit Ablässen hausieren gingen, gehörte Tetzel, der 1517 nach Wittenberg kam. Tetzel war nicht besser und nicht schlechter als viele seiner Genossen. Nun aber geriet er Luthern ins Gehege. Der streitbare Augustinermönch empörte sich darüber, daß der Kommissar des Papstes

„mehr auf Geld, denn auf Beicht’, Reu’ und Leid gesehen“.

Er schlug 95 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg an, in denen er sich gegen das Ablaßwesen wandte. Auch bot er dem Tetzel eine Disputation an. Dieser, der übrigens schon einmal in Innsbruck zum Tode verurteilt worden war, und zwar wegen Ehebruchs, klagte Luther der Ketzerei an. Nun war das Rad im Rollen. Luther nahm den Kampf gegen den Papst auf. Der Bann wurde ihm in einer päpstlichen Bulle angedroht. Luther verbrannte die Bulle am 10. Dezember 1520 unter großem Zulauf von Studenten und Bürgern vor dem Elstertore von Wittenberg. Das Jahr darauf verteidigte der Reformator seine Anschauungen vor dem Reichstag zu Worms. Danach übersetzte er die Bibel auf der Wartburg, wo er „incognito“ als Ritter Jörg hauste.

Ganz wie ein Ritter benahm sich der Schweizer Reformator, Zwingli, derauch inseiner Lehre weltlicher, nüchternerwar als sein großer Zeitgenosse. Er gürtete sich ein Schwert um und ging, um für seine neue Lehre zu fechten. Zwingli fiel 1532 in der Schlacht bei Kappel.

Auf allen Gebieten brachte die Zeit Neues: Erfindungen, Entdeckungen, Renaissance und Reformation, soziale und staatliche Umwälzungen. Auf politischem Gebiete brachte sie den Europäern überseeische Kolonien und einen Staat, den Karls V., in dem die Sonne nicht unterging. Der Gegenwurf gegen den neuen Imperialismus war die Erhebung der Massen. Durch Vorläufer in Frankreich 1358 und England 1381 vorbereitet, trat seit 1491 auch in deutschen Landen eine Gärung der Bauern hervor. Es kam zum Krieg. Die Bauern verlangten freie Wahl der Pfarrer durch die Gemeinde, Abschaffung der Leibeigenschaft, Holz-, Jagd- und Fischereirecht, Minderung von allerlei Abgaben, endlich die Einführung von Reichs steuern. Luther erklärte sich gegen die „räuberischen und mörderischen Bauern“. Nicht ohne Mühe siegten 1525 die Fürsten und Städte bei Frankenhofen in Thüringen und Königshofen an der Tauber.

Im gleichen Jahre wurde die große Schlacht von Pavia geschlagen. In ihr entschied sich die Niederlage Frankreichs. Franz I. wurde besiegt und gefangengenommen. Nun aber nahmen die Türkenkriege die Aufmerksamkeit in Anspruch.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri

Männer; Völker und Zeiten

Längst sind wir mit unseren Betrachtungen in eine Zeit vorgedrungen, wo ein neuer bedeutsamer Faktor in die Weltereignisse einzugreifen begonnen hat, das Christentum, das aus kleinen Anfängen allmählich zu einer Weltmacht emporwächst. Mit ihm war eine neuartige, an Zahl und Bedeutung stetig wachsende Menschenklasse erstanden und die Frage aufgeworfen, wie diese Neuerscheinung aufzufassen sei und wie sie sich in die alte Einteilung des Menschengeschlechts einfüge. Wie Eusebios (Praep. I 2. 1) bezeugt, bildete dies in der Tat lange Zeit eine Aporie und Streitfrage zwischen Christen und Heiden. Er gibt einem Gegner zu, man könne in Ungewißheit sein, ob die Christen Hellenen oder Barbaren oder ein Mittelding seien, desgleichen über ihre Eigenart und Lebens-weise,- denn sie dächten weder wie die Hellenen noch lebten sie wie die Barbaren. Es folgt dann die Darlegung seines Standpunktes.

Für die griechisch-römische Gesellschaft gab es von Anfang an keinen Zweifel, daß man es hier mit etwas Barbarischem zu tun hatte. Das Christentum war ja von Palästina und den Juden ausgegangen und folgte zunächst auch den Spuren der jüdischen Propaganda, und so erblickte man in der neuen Religionsgemeinschaft nichts anderes als eine jüdische Sekte. Die Juden aber, die den Götterkult ablehnten und ängstlich eine engere Berührung mit Andersgläubigen mieden, hatten sich den Vorwurf der Gottlosigkeit und Inhumanität (misanthröpia) zugezogen und zählten, obwohl von Staats wegen geduldet, bei Griechen und Römern von Jeher zu den verachtetsten Barbaren. Diesem Sprachgebrauch tragen auch jüdische Schriftsteller wie Josephos und Christen wie Justin Rechnung. Die verächtliche Bezeichnung geht dann aber auch auf die ersten Bekenner der neuen Religion über, um so mehr als anfänglich auch der Mangel an Bildung sie zu rechtfertigen schien. Denn die Apostel und die Christen der beiden ersten Jahrhunderte gehörten überwiegend den niederen Gesellschaftschichten an, und ihr ganzes, von der herrschenden Weltkultur und Staatsreligion abgewendetes Gehaben zog ihnen die Abneigung und Verachtung zu, die eben in jener Benennung zum Ausdruck kam. Der Neuplatoniker Amelios zitierte den Anfang des Evangeliums Johannis als Ausspruch eines Barbaren, und der Kirchenvater Eusebios, der uns dies berichtet, fügt hinzu, er habe den Evangelisten so genannt, da er und seine Väter Juden waren. Doch hat bei solcher Einschätzung auch die unklassische Sprache der heiligen Schriften mit ihren römischen Lehnwörtern und hebräischen Ausdrüdcen eine Rolle gespielt.

Die Christen haben sich dagegen zur Wehr gesetzt, und Tertullian begegnet offenbar einem solchen Angriff, wenn er darauf hinweist, daß der Name der Christen keineswegs barbarisch und mißtönend, sondern vielmehr gut griechisch und wohl verständlich sei. Aber es spricht für die Verbreitung und Selbstverständlichkeit des Schimpfnamens «Barbar», wenn auch die Christen sich nicht scheuten, – ihn gleichsam vom gegnerischen Standpunkt und zum Teil vielleicht ironisch anzuwenden.

Die äußere Veranlassung hierzu lag schon darin, daß die ersten Christen selbst den Zusammenhang mit dem Judentum nachdrücklich betonten und so beim Volk, das sich keine Mühe gab, den fundamentalen Unterschied zu erfassen, die äußere Verwechslung förderten. Sie betrachten sich als die wahren Israeliten und Nachfolger der Propheten, indem «das Evangelium als das vollendete Judentum, als neue Religion und als die wiederhergestellte und auf einen abschließenden Ausdrude gebrachte Urfeligion zugleich verkündet wurde».

Doch blieb das Christentum nicht lange in der jüdischen Sphäre. Bald verließ die christliche Propaganda den Boden von Palästina und erstreckte sich auch nicht mehr bloß auf die allenthalben vorhandenen jüdischen Gemeinden, sondern trug ihre werbende Kraft auch in die heidnische Welt. Jetzt macht sich auch, ebenso wie beim Judentum in der Diaspora, der Einfluß des Hellenismus geltend. Schon Paulus hat zu dieser Entwicklung den Anstoß gegeben. Von Geburt ein kleinasiatischer Jude, der Bildung nach ein Hellene, nach seiner rechtlichen Stellung aber römischer Bürger, war er hervorragend geeignet, seine Mission auf alle Völker auszudehnen, dem Christentum so eine universelle Richtung zu geben und es zur Weltreligion auszugestalten. Der Gedankeninhalt seiner Lehre ist allerdings im wesentlichen jüdisch-eschatologisch, und soweit sich griechische Denkart bei ihm nachweisen läßt, ist sie ihm wohl durch den jüdischen Hellenismus vermittelt worden, aber das sprachlich formale Moment ist durchaus hellenisch und äußert sich auch darin, daß er einmal die Formel «Hellenen und Barbaren» im landläufigen Sinne gebraucht. Gemeiniglich aber betrachtet er die Völker als geborener Jude und Pharisäer ganz vom Gesichtspunkt seines Stammvolkes.

Die Juden aber waren von jeher genau so exklusiv wie die Griechen. Auch sie fühlen sich als den Mittelpunkt der Welt, stellen ihr Volk mit Stolz allen anderen gegenüber und haben für die Nichtjuden auch einen zusammenfassenden Namen, goiim (in der LXX durch ethrie, gentes — Heiden wiedergegeben). Diese Zweiteilung ist nun auch dem Apostel Paulus geläufig, nur erscheint sie bei ihm in der Formel «Beschnittene und Unbeschnittene, Juden und Hellenen». Der Name der hervorragendsten Vertreter der Heiden, die mit. ihrer alten Kultur und hochentwickelten Philosophie die bedeutendsten Gegner zuerst des Judentums, dann der Christen waren, ist also auf die ganze Gattung übertragen. Das ist ein Sprachgebrauch, der sich offenbar schon längst eingebürgert hatte, da er sich auch sonst belegen läßt. Die Stelle des Markusevangeliums, die darüber berichtet, wie Christus in seiner Wirksamkeit ausnahmsweise den engen Kreis des jüdischen Volkes verließ und eine Fremde erhörte, erzählt von einer «Hellenin», die ihrer Abstammung nach eine Syrophönikerin war. Das Matthäusevangelium bezeichnet die Frau nur als Kanaaniterin, was ebenfalls soviel als Phönikerin bedeutet. Der scheinbare Widerspruch in der Angabe der Nationalität, den man vergebens aufzuhellen suchte, löst sich sofort, wenn man erkennt, daß hier «Hellenin» nichts anderes bedeutet als «Heidin» .

Es läßt sich aber beobachten, wie diese Zweiteilung bei Paulus unvermerkt in eine Dreiteilung übergeht, da die bekehrten Juden und Heiden eine neue Gemeinschaft bilden. Diese Kirche Christi kommt als ein Neues, Drittes hinzu und ist dazu bestimmt, die zweigeteilte Menschheit dereinst ganz in sich aufzunehmen und so alle Unterschiede aufzuheben/ denn das Gebot des Herrn lautet: «Lehret alle Völker». Daher gibt es für Paulus «keine Hellenen und Juden, keine Beschneidung und Vorhaut, keinen Barbaren, Skythen, Sklaven, Freien, sondern alles und in allen ist Christus». Alle nationalen, sozialen, ja sogar auch geschlechtlichen Unterschiede sind auF gehoben, der Kampf zwischen Judenchristentum und Heiden-Christentum ist entbrannt und führt zum Siege des letzteren. Die Kirche wird universell und kosmopolitisch (I. Tim. 2. 4). Ebenso wie im Weltstaat der Stoiker nicht die Abstammung, sondern die geistige und moralische Beschaffenheit den Ausschlag gab, so wird die Zugehörigkeit zu der neuen Gemeinschaft ausschließlich durch die religiöse Gesinnung, den Glauben an Christus bedingt. Ob Herr oder Knecht, Hellene oder Barbar, gilt dem Christen innerhalb und außerhalb der Kirche gleich.

Aber wie dieser humane Standpunkt bei den Stoikern zu keinerlei Folgerungen im praktischen Leben führte, so hatte auch die christliche Anerkennung der Menschenwürde in allen Nationen und Ständen zunächst nur theoretische Bedeutung, auf das soziale Leben, z. B. die Sklavenfrage, blieb sie ohne Einfluß, da auch die Kirche keinen Versuch machte in die äußeren Rechtsverhältnisse einzugreifen. Der große Unterschied bestand jedoch darin, daß der Stoizismus zwar die Zugehörigkeit zu einem Volke und Staate als gleichgültig hinstellte und so die nationalen Bande löste, für diesen Verlust aber nichts anderes zu bieten hatte als eine abstrakte Gemeinschaft, in der der Weise in Wirklichkeit isoliert und auf sich selbst gestellt war, während das Christentum in der Bruderliebe ein einigendes Band besaß, das seine Anhänger ohne Unterschied der Nation, der sozialen Stellung und des Bildungsgrades zu einer machtvoll gefestigten konkreten Einheit zusammenschloß.

Diese Einheit zeigte daher frühzeitig eine bunte Zusammensetzung: nicht mehr bloß Juden, sondern alle Volksstämme, insbesondere auch Griechen und Römer, waren darin vertreten. Konnte dieses Gemisch noch als Volk, als Nation bezeichnet werden, wo doch weder die Geburt noch der Besitz eines Bürgerrechtes, sondern der Empfang des Sakramentes der Taufe die Zugehörigkeit bedingte? Das eine war klar, daß die bisherige Gepflogenheit, die Christen kurzweg als Barbaren zu behandeln, dadurch unsinnig geworden war und nur Verwirrung stiftete. Denn ein gebildeter Grieche, der die hellenische Religion und Philosophie verleugnet und sich der neuen, nach der Auffassung seines Volkes barbarischen Weltanschauung zugewendet hat, ist dadurch noch kein Barbar geworden. Freilich ein Hellene ist er auch nicht mehr, da er mit der ganzen hellenischen Tradition gebrochen hat. Darin liegt, daß die alte Einteilung auf die neuen Zustände überhaupt nicht mehr anwendbar ist, Der Unterschied der Abstammung ist verwischt und bei der zunehmenden Macht des religiösen Gedankens das Glaubensbekenntnis zum Einteilungsprinzip erhoben. So kommt jene Dreiteilung empor, wie sie im wesentlichen schon bei Paulus angebahnt war. Ebenso wie die Christen von den Juden die Vorgeschichte und die Offenbarungen der heiligen Schriften, ja selbst den Namen ihrer Gemeinschaft  ist die Übertragung eines hebräischen Wortes) übernommen haben, so haben sie auch der alten jüdischen Scheidung des Menschengeschlechtes zum Siege verholfen. Nur ist in der ursprünglichen Zweiteilung «Juden —Heiden» bei ersteren eine Spaltung eingetreten und die Christen als dritter, wichtigster Teil hinzugekommen. Das früher mißachtete Judenvolk aber bildet als Vorstufe des Christentums von nun an eine gleichberechtigte eigene Menschenklasse. Was die stoische Philosophie nicht in die Wirklichkeit umzusetzen vermochte, eine Neugliederung der Menschheit nach der Gesinnung, das hat die jugendfrische Kraft der christlichen Lehre zustande gebracht: die Menschen zerfallen von nun an in Polytheisten oder Heiden einerseits, in Monotheisten d. h. Christen und Juden anderseits. Hellenen und Barbaren in nationalem Sinne sind hier wie dort vermischt.

Die Dreiteilung begegnet von nun an ständig in der altchristlichen Literatur, auch schon im vierten Evangelium. Am klarsten dargestellt und im einzelnen ausgeführt hat sie der älteste christliche Apologet Aristeides im zweiten Kapitel seiner an den Kaiser Antoninus Pius gerichteten Verteidigungsschrift: «Es ist uns klar, o Kaiser, daß es drei Geschlechter der Menschen auf dieser Welt gibt. Diese sind: die Verehrer der von euch so genannten Götter, die Juden und die Christen. Diejenigen aber, welche viele Götter anbeten, teilen sich wiederum in drei Geschlechter, Chaldäer, Hellenen und Ägypter,- denn diese sind für die übrigen Völker die Führer und Lehrer in der Verehrung und Anbetung der vielnamigen Götter». Aristeides selbst, obwohl gebürtiger Athener, rechnet sich nicht mehr zu den Hellenen, sondern er ist durch die Taufe in ein anderes « Geschlecht» übergegangen. Dagegen kann der römische Kaiser nur zu den Hellenen zählen, da die Römer unter der geistigen Führung der Griechen stehen und nach dieser Einteilung keine eigene Rasse bilden. Der Name «Hellenen» bezeichnet eben schon seit Alexander nicht mehr die Nation als solche, sondern die Kulturgemeinschaft, die auch die heidnische Religion und Weltanschauung in sich schließt.

Auf die Unterteilung der polytheistischen Religionen wurde übrigens kein besonderes Gewicht gelegt, da sich bei der Überfremdung des griechisch-römischen Kultes durch orientalische Einflüsse die Grenzen zwischen Hellenischem und Barbarischem stark verwischten und die verschiedenen Bekenntnisse der Vielgötterei für den Christen in eine einheitliche Masse Zusammenflossen. Ein merkwürdiges Beispiel dieser Anschauung bietet schon vor Aristeides die apokryphe Petruspredigt vom Anfang des 2. Jahrhunderts. Sie warnt vor der Gottesverehrung nach Art der Hellenen, die aus Unwissenheit die Stoffe, die ihnen Gott zum Gebrauche gegeben, Holz, Stein, Erz, Eisen, Gold, Silber in Form von Götzenbildern verehren und die Tiere in der Luft, im Meere und auf dem Lande, das Vieh vom Felde, dann Wiesel, Mäuse, Katzen, Hunde und Affen anbeten. Hier werden nicht bloß hellenische und ägyptische Kultbräuche in einer Gruppe vereinigt, sondern diese Gruppe wird still« schweigend a potiori unter dem Namen «Hellenen» zusammen« gefaßt. Dann folgt die Warnung vor dem Kult der Juden, und schließlich wird diesen beiden «alten » Religionen die «neue dritte Art» (triton genos) der Verehrung, nämlich die der Christen gegenübergestellt. Es liegt also eine klare Dreiteilung vor und zwar in Hellenen, Juden, Christen, der alte Name des Griechenvolkes aber erscheint hier in jener neu« artigen, von den Juden übernommenen Anwendung.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Neugruppierung des Menschengeschlechtes nach dem Glaubensbekenntnis der jüdisch-christlich haben, zumal ihnen die dadurch bewirkte strenge Abgrenzung von den beiden unsympathischen Religionen nicht unwillkommen war. Daß die Anbeter der Götter, das erste Geschlecht, bei Tertullian mit dem Sdilagwort «Römer» zusammengefaßt werden, ist in der westlichen Reichshälfte nicht verwunderlich, füllt aber auch diesen Namen mit neuem Inhalt, etwa «Bekenner der römischen Staatsreligion». Dadurch aber entsteht, ähnlich wie bei den Hellenen, eine irreführende Äquivokation mit dem gewöhnlichen Wortsinn «Römer von Geburt». Tertullian läßt sich denn auch diese Achillesferse des Schemas «Römer, Juden, Christen» nicht entgehen, sondern fährt an der oben zitierten Hauptstelle fort:

«Wo bleiben aber die Griechen? oder wenn sie zu dem Glauben der Römer gerechnet werden, da ja Rom auch die Götter Griechenlands herangezogen hat, wo wenigstens die Ägypter, die, soviel ich weiß, ebenfalls eine eigene, sorgfältig beobachtete Religion besitzen?»

Auch in seinem Nationalbewußtsein, das er sich trotz des Übertrittes zum Christentum bewahrt hat, fühlt sich Tertullian durch die Formel verletzt, da er nun als Christ aus seinem Volk ausgeschieden erscheint. Daher wehrt er sich gegen den Ausdruck «drittes Geschlecht», indem er ausdrücklich hervorhebt, daß damit nur der Glaube, nicht die Nationalität gemeint sein könne, und beklagt sich an einer anderen Stelle (Apol. 35):

«Man will uns nicht als Römer gelten lassen, sondern erblickt in uns Feinde der römischen Kaiser.»

Aber nach antiker Anschauung gehört nun einmal zur Religion auch das Substrat eines besonderen Volkes, das auch hier um so mehr vorauszusetzen war, als in der christlichen Kirche auch das einigende Band der Sprache nicht fehlte, im Osten das Griechische, das sogar in der römischen Gemeinde bis ins dritte Jahrhundert vorherrschte, in den westlichen Provinzen das Latein. Um so genauer mußten die Verächter des alten Glaubens einerseits gegen die wirklichen Griechen, anderseits gegen die echten Römer abgegrenzt werden. Dazu kam nun, daß sie sich selbst von allem Anfang an als eine Nation, als das auserwählte Volk Gottes betrachteten, was in Predigten, Apokalypsen, Briefen und Apologien in oft übertriebenem Selbstbewußtsein zum Ausdruck gebracht wurde. Hin.Ausspruch Justins sei angeführt:

«Wir sind nicht bloß ein Volk, sondern auch ein heiliges Volk, wir sind keine verächtliche Gemeinde, auch kein barbarischer Stamm, noch ein Volkshaufe wie die Karer oderPhryger, sondern Gott hat uns erwählt».

Obschon also bei der besprochenen Dreiteilung vorsichtig von «Geschlechtern» die Rede ist, werden darunter schließlich doch Völker, Nationen mit ihren verschiedenen Bekenntnissen vorgestellt. Und in diesem Sinne bürgert sich die Dreiteilung in der Kirchenschriftstellerei vollkommen ein.

Es bietet nun ein besonderes Interesse zu beobachten, was unter dem Einfluß dieser Neuerung aus der Formel «Hellenen und Barbaren» geworden ist. Ein Blick in die Literatur der damaligen Zeit genügt, um sich zu überzeugen, daß sie nicht verdrängt wurde, sondern unverändert weiterlebt, ein äußeres Kennzeichen fortdauernden hellenischen Nationalgefühls, das sich selbst nach dem endgültigen Sieg des Christentums noch lange mit Erfolg gegen dessen Übergewicht verteidigt. Nach wie vor bleibt die Welt auf den hellenischen Gesichtswinkel eingestellt, und auch das Christentum vermag den unverwüstlichen hellenischen Geist nur dadurch zu überwinden, daß es sich ihm unterwirft,- wiederum könnte ‚ein christlicher Horaz singen: Graecia capta ferum victorem cepit. Als nämlich bei zunehmender Verbreitung nicht mehr bloß die untersten Schichten des Volkes die Christengemeinden bildeten, sondern auch die Intelligenz sich der neuen Lehre zuzuwenden begann und zu dem frommen Glauben das Streben nach Verstandesmäßigem Erfassen hinzutrat, da konnte die Kirche im Kampfe gegen das Heidentum und seine vornehmsten Vertreter, die Philosophen und Rhetoren, der altbewährten geistigen Waffen der Gegner nicht entraten, ihre Propaganda mußte sich in Inhalt und Form dem geistigen Bedürfnis der Menschheit anpassen, wenn sie sich nicht dem Vorwurf der Barbarei aussetzen wollte, der schon gegen die Evangelien erhoben worden war. Man suchte die kirchliche Lehre wissenschaftlich zu begründen und begann, anfangs zaghaft, später mit voller Überzeugung aus der griechischen Literatur zu schöpfen und die Weisheit der Philosophen, soweit sie mit der christlichen Lehre vereinbar schien, namentlich Platon und die Stoa, heranzuziehen und schließlich durch Vermittlung des Neuplatonismus die gesamte Gedankenwelt der griechischen Philosophie zu umfassen- Anderseits wurde durch Nachahmung der sprachlichen Korrektheit des Attizismus und der Stilfeinheiten der Rhetorik den künstlerischen Anforderungen der gebildeten Zuhörer Rechnung getragen. Es taten dies auch Schriftsteller, die wie Tatian, Tertullian, Clemens von Alexandria, Basileios, Gregorios von Nyssa die Verachtung der schönen Form im Munde führten. Mancher brachte übrigens eine gediegene rhetorische Schulung aus seiner heidnischen Vergangenheit bereits mit. Den Weg zum Hellenismus, den schon Paulus gewiesen, haben besonders energisch Clemens von Alexandria und Origenes verfolgt und ein Basileios, Gregor von Nazianz und Johannes Chrysostomos namentlich in der künstlerischen Richtung vollendet. Der Versuch Kaiser Julians, den Christen das Studium der griechischen Klassiker zu verschließen und so die neue Religion zu einer bildungslosen und barbarischen herabzudrücken, schlug fehl. Die Überlegenheit der hellenischen Bildung war damit praktisch anerkannt und wurde nur erhärtet, wenn christliche Apologeten, namentlich Clemens von Alexandria, den Versuch wieder aufnahmen, alle griechische Weisheit, alle richtigen Lehren auf die Barbaren, in erster Linie auf die Hebräer zurückzuführen. Daß sich orientalische Einflüsse von jeher geltend machten, war allerdings unleugbar, und auch der Einwirkung christlicher Lehren, insbesondere der Ethik konnte sich die griechische Philosophie nicht entziehen. Es ergab sich eine Wechselbeziehung, die die beiden feindlichen Geistesrichtungen einander näher brachte als gemeiniglich angenommen wird. Das Resultat dieser Verschmelzung von Christentum und Hellenismus war aber ein christlicher Humanismus, der dem im Niedergang begriffenen griechische römischen vielfach überlegen war.

Mit der immer bewußter vollzogenen Assimilierung der griechischen Bildung sind nun auch viele hellenische Anschauungen in die Gedankenwelt der Christen übergegangen, und zu diesen gehörte als eine der landläufigsten eben der Gegensatz von Hellenen und Barbaren, der im Sprachgebrauch unverrückbar festsaß und in alten und neuen Schriften bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck kam. An dieser Formel konnten auch die christlichen Hellenisten nicht vorübergehen, und es wurde bereits hervorgehoben, daß sie sie tatsächlich verwendet haben.

Dies machte keinerlei Schwierigkeiten, wenn es sich nicht um die Teilung, sondern um die Zusammenfassung der Menschen handelte, weil dann eine genauere Abgrenzung beider Begriffe und eine Feststellung ihres Inhaltes nicht in Frage kam und dem Ermessen eines jeden einzelnen anheimgestellt blieb. So etwa, wenn Clemens einmal sagt: «Christi Lehre verbreitete sich über die ganze Welt und erfüllte bei Hellenen und Barbaren Volk um Volk, Dorf um Dorf, Stadt um Stadt», oder in der Äußerung des Eusebios: «Niemand hat je, kein Barbar und kein Hellene, allen Menschen die Wahrheit vermittelt, nur unser Heiland». Bis in die christliche Gegenwart ragt gleichsam die alte Einteilung bei Athanasios: «Vor alters, da sie noch Götzendienst trieben, haben sich Hellenen und Barbaren gegenseitig bekämpft . . ., jetzt, wo sie zur Lehre Christi des Friedensspenders übergegangen sind, . . . sinnen sie nicht mehr auf Krieg». Auch sonst, wenn es galt auf alt-hellenische Verhältnisse zurückzugreifen und das nationale Moment zu betonen oder anderseits auf wilde Völker hinzuweisen, war die Anwendung der alten Begriffe ganz am Platze.

Viel häufiger aber beobachtet man bei den christlichen Schriftstellern das siegreiche Vordringen der neuen Einteilung. Da der Standpunkt gewechselt hat und nicht mehr das Griechenvolk, sondern die Christenheit im Mittelpunkt der Betrachtung steht und daher auch nicht mehr die Nationalität, sondern das Religionsbekenntnis das Einteilungsprinzip bildet, sehen wir die Erweiterung des Begriffes «Hellene» zu der allgemeinen Bedeutung «Verehrer der Götter, Heiden» in stetem Kampfe mit dem älteren Sprachgebrauch, bis der Sieg des Christentums im 4. Jahrh. auch den Sieg der christlichen Umdeutung des alten Nationalbegriffes entscheidet. So ist denn die neue Verwendung bei Kirchenschriftstellern bis in die byzantinische Zeit auf Schritt und Tritt anzutreffen. Unter «Hellenen» versteht man «Heiden», hellenismös heißt «Heidentum», hellemzein «heidnisch gesinnt sein». Erleichtert wurde diese Entwicklung durch den Umstand, daß seit Alexander die fortschreitende Hellenisierung der Barbaren und der Einfluß der stoischen Lehre die griechische Nationalität ohnedies bereits zersetzt und auch den Namen «Hellenen» mit kulturellem Inhalt gefüllt hatte. Er bezeichnet ja längst nicht mehr bloß die Nation, sondern umfaßt alle «Vertreter der griechischen Kultur» und konnte also wenigstens innerhalb der Grenzen der Oekumene ohne Schwierigkeit auf den negativen Begriff «Nichtjuden und Nichtchristen» übertragen werden. So wurde es auch den Heidenchristen und selbst den Gegnern des Christentums nicht schwer, sich die neue Einteilung zu eigen zu machen.

Da jedoch der neue Sprachgebrauch den alten nicht reinlich ablöste, sondern beide nebeneinander bestanden, ging es freilich lange Zeit nicht ohne Schwanken ab, und man kann den allmählichen Übergang von der nationalen zu der neuen Bedeutung sowohl in der jüdischen wie in der christlichen Literatur noch vielfach beobachten und bei manchem Kirchenschriftsteller beide nebeneinander feststellen. Doch gibt es auch unter ihnen national gesinnte Männer wie der Neuplatoniker Synesios, der auch als christlicher Bischof an dem alten Herkommen festhält und unter «Hellenen» stets nur «Griechen» versteht.

Bei näherer Betrachtung bedeutete die neue Einteilung freilich nichts Geringeres, als daß die altehrwürdige hellenische Kultur von ihrer beherrschenden Höhe herabzugleiten und der aufstrebenden Macht der christlichen Weltanschauung die Führung zu überlassen beginnt. Bezeichnete der Name «Hellenes» einst jenes selbstbewußte Volk, das stolz auf alle Fremden herabblickte und sie als Nichtgriechen, als Barbaren verachtete, so erhält er jetzt vom Standpunkt des immer mehr an Geltung gewinnenden Christentums den Beigeschmack zumindest religiöser und moralischer Minderwertigkeit, stellt seinerseits einen negativen Begriff dar und ersetzt nun jenes hebräische Wort, das bei den Juden sogar «Barbar» bedeuten konnte. Es klingt daher zwar befremdlich, ist aber kein Widerspruch, wenn sich der Perserkönig Chosroes II. in einem Briefe im Gegensatz zu seiner christlichen Gemahlin einen’«Hellenen» nennt, oder wenn Euagrios (6. Jahrh.) einen arabischen Nomadenhäuptling als «fluchbeladenen, unflätigen Hellenen» oder ein etwas späterer Schriftsteller einen Mohammedaner gar als «sarazenischen Hellenen» bezeichnet.

Im Hellenen erblickt also der Christ nunmehr vor allem den Heiden. Kommt aber daneben auch die nationale Zugehörigkeit zum Bewußtsein, so ergibt sich die Mischvorstellung « ungetaufter, noch der alten Weltanschauung huldigender Grieche». Gelegentlich kann das religiöse Moment auch ganz zurücktreten, und dann bezieht sich der Name wie ehemals auf die Griechen als Nation, namentlich wenn die alten Griechen gemeint sind. Der Begriff ist also vieldeutig und unklar geworden, und jeder kann den ihm genehmen Sinn hineinlegen. Bei christlichen Schriftstellern ist die Bedeutung «heidnischer Grieche» die vorherrschende.

In der neuen Einteilung fehlt der Begriff «Barbar» und hat; darin auch keine Daseinsberechtigung, da weder die Nationalität noch die Kulturhöhe oder der Bildungsgrad bei der Aufnahme in die Kirche in Betracht kamen. Die alte Formel ist also in ihrer eigentlichen Bedeutung höchstens in der Weise mit der neuen zu vereinigen, wie dies etwa Gregor von Nyssa (4. Jahrh.) einmal versucht hat. Er betrachtet als Gegenpol des Christianismos allerdings den Hellenismos, fühlt aber, daß damit speziell das griechische Heidentum bezeichnet wird, neben welchem es auch noch eine «barbarische Philosophie» gab, zu der er z. B. die chaldäische rechnet. Erst diese beiden zusammen bilden die Philosophie außerhalb des Christentums. Hier ist also die alte Formel noch lebendig, umfaßt aber nicht mehr das ganze Menschengeschlecht, sondern wird als Unterteilung benutzt.

Doch hat der sonstige Sprachgebrauch der christlichen Schriftsteller einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Im nationalen und politischen Gegensatz zu den Barbaren stehen ja nicht mehr die Griechen, die im römischen Staate aufgegangen sind, sondern die Römer und ihr Reich, so daß jetzt der schon von dem Sophisten Aristeides vorgeahnte Gegensatz «Römer — Barbaren» allein praktisch in Betracht kommt. In dieser Verbindung hat der zweite Bestandteil seinen alten Begriffsinhalt so ziemlich bewahrt und nur im Umfang die durch den Lauf der Geschichte bedingte Verschiebung erfahren. Eben deshalb aber bildet er kein geeignetes Korrelat zu dem neuen christlichen Begriff «Hellenen», sondern muß, um die Formel auch für christlichen Gebrauch verwendbar zu machen, ebenfalls eine Umbiegung erfahren. Es sind dann diejenigen Barbaren damit gemeint, die im Gegensatz zu den heidnischen Griechen an einen Gott glauben, d. h. die Juden und dann auch die Christen. Bei den Apologeten bedeutet also «Hellenen und Barbaren» vielfach «heidnische Griechen (Heiden) und Juden oder Christen». Tatian z. B., ein gebürtiger Syrer, schließt seine an «Hellenen» gehaltene Ansprache folgendermaßen: «Diese Rede, o Hellenen, habe ich Tatianus zusammengestellt, der ich mich der Philosophie der Barbaren angeschlossen habe, geboren im Lande der Assyrier, erzogen zuerst in euerem Glauben, dann aber in dem, den ich jetzt bekenne und verkünde». Diese «barbarische Philosophie» ist eben der aus dem Judentum hervorgegangene christliche Glaube. Justinus Martyr stellt dem Hellenen Sokrates unter den Barbaren Jesus Christus oder an einer anderen Stelle Abraham und andere Juden gegenüber. Kam es auf die zahlreichen Völker wie die Ägypter, Inder, Babylonier, Skythen usw. an, die bei solcher Begriffsverengerung ausgeschlossen blieben, so konnte durch einen Zusatz auf sie hingewiesen werden: für die Hellenen waren es «die übrigen Barbaren» (nämlich abgesehen von Juden und Christen), für die Christen wiederum «die übrigen heidnischen Völker» (abgesehen von den Hellenen). Ja selbst eine Vermischung beider Standpunkte ist möglich, wenn z. B. Clemens aufzählt: «Unsere Propheten, die alten Hellenen und die übrigen (d. h. die heidnischen) Barbaren».

Die alte Formel lebt also noch und wird von dem hellenisierten Christentum für die Einteilung der Menschheit verwendet.

Aber wieder hat durch eine mächtige geistige Bewegung eine Umwertung platzgegriffen und die Begriffsverwirrung abermals Fortschritte gemacht. Denn unter den «Barbaren» verbergen sich jetzt auch getaufte Griechen und Römer, der Titel «Hellenen» aber kann von Christen auch heidnischen Barbaren verliehen werden. Vor Alexander war mit der Formel «Hellenen und Barbaren» eine nationale Scheidung gemeint, nach ihm bedeutete sie auch die Trennung nach dem Kulturgrade in Gebildete und Ungebildete, jetzt teilt sich die Menschheit nach der Weltanschauung in Bekenner des Heidentums und des jüdisch-christlich.

Der Umstand nun, daß sich diese drei Anschauungen nicht einfach ablösten, sondern nebeneinander fortbestehen und sich gegenseitig durchdringen, hat jenes Schwanken der Wortbedeutung zur Folge gehabt, das fast in jedem Einzelfall eine genauere Untersuchung notwendig macht. So ist, um nur dieses eine Beispiel anzuführen, Tatian, der ja unter «Hellenen» an zahlreichen Stellen «Heiden» versteht, zu Beginn seiner Rede in Verlegenheit, wen er als Hellenen bezeichnen soll, da die Dorer, Attiker, Aioler und Ionier in der Sprache nicht übereinstimmen. Ist er also hier in die nationale Auffassung zurückverfallen, so nennt er an einer anderen Stelle seine Zuhörer die «Gebildeten» im Gegensatz zu der vermeintlichen Unkultur der barbarischen Christen. Von diesem Schwanken hat sich der Sprachgebrauch nie mehr befreit, im Gegenteil, die Verwirrung ist später noch größer geworden.

Wenn nun die Christen sich als eigenes Volk betrachteten und auch so angesehen wurden, so ergab sich von selbst die Frage nach ihrem Verhältnis zum römischen Reich . Ihre Religion war nicht die erste, die, die nationalen Grenzen überschreitend, der Universalität und dem religiösen Individualismus zustrebte. Im Orient war dieser Prozeß längst angebahnt und der Weg in die Welt von der ägyptischen Religion, dem Kult der Magna Mater, der Sonnenanbetung, dem Judentum eingeschlagen, Aber diese Religionen drangen auch in der Fremde entweder nicht weit über die Grenzen ihres Volkstums vor, oder sie standen nicht im Gegensatz zum Kaiserkult und wurden daher von der Staatsreligion aufgesogen und assimiliert. Das Christentum allein besaß die Fähigkeit, selbständig die Welt zu erobern und sich mit eiserner Konsequenz der Staatsreligion als unabhängiger Faktor entgegenzustellen. Da die Gläubigen infolge religiöser Bedenken auch keine Ämter bekleiden, keinen Militärdienst leisten wollten und sich außerdem durch ihre geheimen Zusammenkünfte verdächtig machten, wurden sie als Feinde des Staates angesehen und grausam verfolgt. In Wahrheit aber haben sie die staatlichen Einrichtungen nie bekämpft, im Gegenteil Gehorsam gegen die von Gott eingesetzte Obrigkeit gefordert, so daß die Apologeten nicht ohne Berechtigung die Loyalität der Christen betonen können,- denn den haßerfüllten Ergüssen der Jüdisch-christlichen apokalyptischen Literatur stand die Kirche als solche fern. Als Akt nationaler Notwehr war die Christenverfolgung also nicht am Platze, da ein nationaler Gegensatz eigentlich nicht bestand.

Das Wachstum des Reiches hatte es mit sich gebracht, daß es den Namen eines Nationalstaates nur noch in uneigentlichem Sinne verdiente, da es alle Völker der bewohnten Erde zu vereinigen sucht, also einen Weltstaat darstellt, der durch Ausbreitung des römischen Bürgerrechtes nur äußerlich die Form eines Nationalstaates angenommen hat. Wohl aber wird in diesem Weltreich die durch die griechische Philosophie erzeugte Vorstellung von der wesentlichen Einheit des Menschengeschlechts in gewissem Sinne in die Wirklichkeit umgesetzt. Da nun das Ziel der Kirche ein ähnlich weltumspannendes ist, tritt die Wahlverwandtschaft zwischen beiden immer mehr hervor, nur daß das christliche Ideal das Reich Gottes ist und jeder Erdbewohner, wes Stammes er auch sei, als Bruder angesehen wird, dem die Pforten der Kirche offen stehen. Denn «für Gott ist diese Welt ein Haus». Es handelt sich somit das eine Mal um materielle, das andere Mal um geistige Interessen, und diese Bestrebungen sind einander daher nicht entgegen gesetzt, sondern laufen parallel, ja sie könnten sich, miteinander versöhnt, ganz gewaltig unterstützen. Dies beweist die Kirche gerade auf nationalem Gebiete, das ihr im Grunde gleichgültig ist. Bei ihrer Weltmission war sie von vornherein auf eine Weltsprache angewiesen und hat sich seit Paulus unter dem Zeichen des Hellenismus verbreitet, um später im Westen den Pfaden der römischen Kultur zu folgen. So hat das Christentum einerseits die nationale Vorarbeit für sich genutzt, anderseits aber auch, insbesondere an den Reichsgrenzen, gewiß nicht unbeträchtlich zur Hellenisierung und Romanisierung beigetragen und so, freilich ohne Absicht, im Sinne des Staates und der Nation gewirkt. In einer Zeit, wo der Staat selbst immer unfähiger wurde, diese nationale’und kulturelle Arbeit aus eigenem zu leisten, bedeutete die Verfolgung des Christentums insofern auch eine Schädigung der nationalen Idee.

Dazu kam nun, daß auf religiösem wie auf philosophischem Gebiete der Monotheismus die Geister immer mehr gefangen nahm und keine Religion diesen Vorstellungen bei der Intelligenz wie bei dem einfachen Manne besser entgegenkam als die christliche, der Kampf des Staates gegen sie also immer aussichtsloser wurde. So war es ein erlösender und genialer Gedanke Kaiser Konstantins, den Christenglauben zur Staatsreligion zu erheben und die beiden ebenbürtigen Mächte, Weltstaat und Weltreligion, in eine Einheit zu verschmelzen. Dies und die Verlegung der Residenz nach Byzanz, das nach seinem zweiten Gründer den Namen Konstantinopel erhielt, bedeutet einen Wendepunkt nicht nur in der Geschichte des römischen Reiches, sondern auch in der Entwicklung des Hellenentums.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VII. Die Römer.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins