Schlagwort: Hermann Geibel

Nachdem die Sintflut des Krieges sich zu verlaufen beginnt, tauchen hier und da aus dem aufgehäuften Schlamm einige Gipfel hervor, der Zukunft entgegenwinkend. Ein solcher Gipfel ist die Kunst des Bildhauers Hermann Geibel, dem der Kampf fast die rechte Hand genommen hätte. Wir konnten unlängst froh sein Schaffen in der Thannhauser-Ausstellung in München überschauen.

Geibel ist urdeutsch: träumerisch — weich, innig — zart in jeder Regung seiner Kunst. Und doch weht auch ein Hauch südlicher Schönheit in seinen Werken. Mütterliche Hingabe an das Kleine offenbaren seine Tiere: der Fuchs und der Panther und der Löwe. Und doch ist in dem schreitenden Bronzelöwen männliche Kraft, männlicher Trotz; zumal in der zaudernd, lauernd gekrümmten linken Vorderpranke des Grimmigen wird sein inneres Wesen offenbar.

Aber Geibels Arbeiten kopieren niemals das Leben, die Natur. Der Porträtkopf, so lebendig er schon ist, ist ihm nicht genug, ist ihm Übergang, wertvolles Merkzeichen innerer Ausbildung. Er sucht das tiefste Wesen eines Menschen (auch des Tieres) in sich aufzunehmen, gestaltet dann der Seele einen neuen Körper. So schafft er nach einer Porträtbüste seine Sappho („Träumende brau“), in die sein Weib, die Dichterin Elfriede Geibel — der Sappho verwandt in der warmen, teils leidenschaftlichen Sinnlichkeit ihrer Verse — völlig eingegangen ist.

Geibel ist Lyriker — noch Lyriker. Die Haltung, die Gebärde, aber auch die Form seiner Körper (und hier beginnt das Problematische seiner Kunst) wird zum restlosen Ausdruck einer tiefen Empfindung, Stimmung. Der Kopf wird blumenhaft schmal bei der „Flora“ (aus Bronze), damit er die Neigung, die Biegung der Linien ganz wiedergebe, die Schenkel werden voll überdas normale Maß, um säulengleich wuchtig zu wirken.

Hier wird das Expressionistische der Kunst am deutlichsten. Aber Geibel ist nicht nur Expressionist, oder kein gewöhnlicher Expressionist. Seine weiblichen Körper sind schön, fast klassischschön. Die Natur scheint in den höchsten Werken, beispielsweise in einer „Erwachenden“, die in keuscher Nacktheit gelagert ruht, ihre Augen aufzuschlagen. Es ist zu hoffen, daß Geibel, rein sein Innerstes aussprechend, auf den Punkt gelangt, wo Subjektives und Objektives unbedingt zusammenfallen und eine neue große zukünftige Natur entsteht, allgemeingültig wie jene alte andere Natur. Dann wäre der Weg zum Dramatischen zurückgelegt.

Und Geibel ist Plastiker durchaus — auch seine Zeichnungen sind unerhört körperlich — wie denn alle seine Werke Rundplastik sind, oft von der Seite und vom Rücken besonders bedeutsam. Der Plastiker aber wird sich nicht mehr begnügen mit der Wiedergabe einer vorüberhuschenden Stimmung. So dringt denn Geibel vor von der ganz augenblicklichen Bewegung einer liegenden Frau, einer umarmenden Geste, über den Tanz der höchst einheitlichen „Tänzerin“ (ausBronze) hinaus, die gedreht fast die Illusion des Tanzes erweckt (zum Ruhme des Werkes?) — die Vorstudien liegen in den Zeichnungen vor — zu der Bewegung überhaupt, dem Durst und Drang und Trieb dem Aufschrei in seinem mächtigen Frauen – Torso.

Wenn hier zwar die Gewähr gegeben ist für Geibels fortstürmende Kraft, die ihre Grenzen immer zerbricht, um sie weiter zu setzen, ist doch sein vollkommenstes Werk eben jene „Sappho“, in Kalkstein gebildet , bei der alle Bewegung wieder gebunden ist, alle Kräfte harmonisch in einander fließen, um so eng begrenzt doch auszustrahlen in das Unendliche. Diese Figur schafft eine Atmosphäre um sich, eine rechteckige Halle, vor deren einer Schmalseite sie stehend den Raum vor ihr mit Leben erfüllt, indem sie uns gleichsam entgegenschreitet. — Was für ein Gedanke, daß so derBaumeister fortbildete des Bildhauers Werk! Ist doch die höchste Wirkung der Kunst, fortzuzeugen in dem andern Künstler. Wunderbare Gemeinschaft, in der Musiker, Maler und Bildhauer sich in das Erbe des Dichters teilten! Glücklicher Staat, in dem die Kette der Schaffenden geschlossen ist!

Kunstartikel

Bildverzeichnis der 79 Abbildungen unten.

1943

STATT EINER VORREDE

Der Künstler kann kein einziges Element aus der Wirklichkeit brauchen, wie er es findet. Sein Werk muß in allen Teilen ideell sein, wenn es als ein Ganzes Realität haben und mit der Natur übereinstimmen soll.

Schiller

Der Laie sagt, etwas wäre ausgeführt, wenn er es von nah ansehen kann. Nach seiner Meinung müßte ein Bild möglichst glatt zusammengestrichen sein, und wenn dann feine Striche für Fingernägel oder Augenbrauen zu sehen sind und gar irgend ein Schönheitsfleck genau Umrissen — für Spitzen weiße feine Linien wie abgedrückt zu erkennen sind, findet er ein derartiges Bild entzückend. Was ihm nicht aus der Nähe klar und verständlich erscheint, urteilt er als etwas Unfertiges unbarmherzig ab. Es liegt daran, daß das Publikum nicht das Ganze zu sehen versteht, sondern eben nur auf das Einzelne seinen Blick richtet.

Lovis Corinth

 

Jede Natur, die im Kunstwerk zur Erscheinung kommt, muß das Gepräge einer individuellen Künstleranschauung, einer originellen Auffassung in sich tragen. Der Künstler muß von der zu arbeitenden Natur eine bestimmte, ihm eigentümliche klare Anschauung bekommen und imstande sein, dem empfänglichen Beschauer gerade jene individuelle, eng begrenzte Stimmung wieder zu erwecken, so daß er das ganze Bild, wie es durch das Gemüt des Künstlers gezogen und dadurch uns menschlich nahe gerückt ist, mit gleicher Lebhaftigkeit nachempfinden kann.

Adolf Bayersdorfer

Es gibt Schönmaler, wie es Schönschreiber gibt. Den Wert dieser beurteilt man nach dem sauber geschriebenen Buchstaben, unbekümmert um den Sinn desselben. Aber der Wert jener ist sehr gering, wenn er nicht Höheres umfaßt als eben schön zu malen.

Caspar David Friedrich

Es kann jemand ein vollkommen gut gebautes und organisch gesundes, ja ausgezeichnet scharfes Auge oder feines Gehör haben, ohne daß damit irgend eine Wahrnehmung des Schönen oder der eigentliche Sinn für die Kunst verbunden wäre.

Friedrich Schlegel

Es ist nicht der Gegenstand, der dem Bilde künstlerischen Wert gibt, sondern die Anschauung ist es, die Summe von anschaulicher Erkenntnis, die sich im Werke ausspricht. So ist eines der bedeutendsten Bilder, die es überhaupt gibt, der im Schlachthaus aufgehängte Ochse von Rembrandt. Die ganze Poesie des Sehens ist in diesem Bilde enthalten, — es ist ein Bild voll Schönheit, voll geheimnisvoller Schönheit, die allen denen verschlossen ist, die darin nichts anderes sehen als ein Stück Ochsenfleisch.

Hans Thoma

Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.

Goethe

Was der Laie von der Malerei will, sind Bilderbogen für große Kinder.

Karl Schuch

Von Velazquez gibt es Hündchen-Porträts, welche eine gleich vornehme und innerliche Charakteristik bieten, wie die eines spanischen Granden; es kommt in der Kunst alles auf die Auffassung an; das Wie ist weit wichtiger als das Was; ein geistvolles Hundeporträt ist besser als ein geistloses Goetheporträt.

Julius Langbehn

Nur wer die Kunst weder einem ästhetischen noch einem symbolischen Zwecke dienstbar macht, wird ihr ganz gerecht werden können; denn sie ist mehr als ästhetisches Reizmittel und mehr als eine Illustration, sie ist eine der Erkenntnis dienende Sprache.

Konrad Fiedler

Um nationale Kunst braucht man nicht besonders besorgt zu sein; wo eben die Fähigkeit zur Kunst aus einer deutschen Seele wächst, da trägt die Kunst auch den Stempel des deutschen Wesens — der Künstler mag behandeln, was er will.

Hans Thoma

Daß der Künstler Eigenes geben soll, dem stimmen gar viele zu, die dann verlangen, daß die Eigene ganz so aussehen solle, wie sie es sich denken.

Hans Thoma

Wer ein Kunstwerk verstehen und genießen will, der gehe womöglich ohne Begleitung und kaufe sich einen Stuhl, wenn solcher zu haben ist, setze sich in richtiger Distanz und suche, in Schweigen verharrend, wenigstens für eine Viertelstunde sein verehrliches Ich zu vergessen. Geht ihm nichts auf, dann komme er wieder, und ist ihm nach acht Tagen nichts aufgegangen, dann beruhige er sich mit dem Bewußtsein, das Seinige getan zu haben. Fängt aber innerhalb dieser Frist der magnetische Rapport an zu wirken, wird es ihm warm um das Herz und fühlt er, daß seine Seele anfängt, sich über gewisse Alltagsvorstellungen und gewohnte Gedankenreihen zu erheben, dann ist er auf gutem Wege, begreifen zu lernen, was die Kunst ist, und was sie vermag.

Anselm Feuerbach

Die Form will so gut verdaut sein als der Stoff, ja, sie verdaut sich viel schwerer.

Goethe

Persönlichkeit findet Persönlichkeit: dieser Glaube ist mir geworden und bleibt mir, und ich spreche es aus, daß die Kunst von Vereinigungen, von sogenannter öffentlicher Meinung nie Gutes zu erwarten hat. Sie wird von oben gesetzt von der Persönlichkeit, deren Ausdruck sie ist.

Hans Thoma

Wo der Kunst der Gegenstand gleichgültig, sie rein absolut wird, der Gegenstand nur der Träger ist, da ist die höchste Höhe.

Goethe



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