Abbildungen Hexen Ketzer und Heilige Werner Graul

Obgleich uns kaum ein anderer Satz so vernünftig und einleuchtend erscheint wie die Behauptung, daß alles was geschieht seine wohlbegründete Ursache habe, so fällt es doch in jedem einzelnen Falle außerordentlich schwer, Ursache und Wirkung voneinander zu scheiden. Das gilt für das ganze Gebiet der menschlichen Forschung, und es gilt ganz besonders für die Fragen geschichtlicher Art. Sollen wir die tiefe Religiosität des mittelalterlichen Menschen als eine Folge seiner gesamten naiven Welteinstellung ansehen, oder sollen wir umgekehrt seine begrenzte und kindliche Auffassung von den Dingen des Diesseits und des Jenseits als eine Folge seiner Religiosität betrachten? Man sieht, Ursache und Wirkung gehen ineinander verschwommen über, ja erscheinen geradezu als ein einziger Komplex.

Die abendländische Menschheit hatte vor dem Ausbruch der Reformation einen eigenartigen Zustand der Sättigung mit Religiosität erreicht, der notwendig zu einer innern Abkehr führen mußte. Am stärksten trat diese Erscheinung in Italien hervor. Dieses Land war zwar gleich den deutschen Ländern jenseits der Alpen in zahllose kleine Staaten zerfallen, aber es befand sich in einem ungleich höheren kulturellen Zustand. Mit Recht nannte Luther das päpstliche Rom ein Sündenbabel. Es mochte richtig sein, was zeitgenössische Schriftsteller melden: je näher man nach Rom kam, um so weniger fromm wurden die Leute! Italien hatte den Höhepunkt jenes großartigen und merkwürdigen Aufschwungs, der als Renaissance bezeichnet wird, um 1500 bereits hinter sich. Die Stimmung der höheren und mittleren Stände — vom Bauern wissen wir freilich nichts — gegenüber der christlichen Kirche bestand, wenn wir Jacob Burckhardt Glauben schenken dürfen, „aus einem tiefen Unwillen, gemischt mit Verachtung und einer gewissen äußern Anpassung an die Kirche“, da diese auf so vielerlei Weise mit dem äußern Leben verflochten war. Man hielt sich an Taufe und Beichte, an den sonntäglichen Gottesdienst und an die kirchliche Trauung, Aber man nahm diese Dinge nicht sehr ernst. Bekannt ist auch das oft schauerlich verbrecherische Leben der fürstlichen Stände Sn den vielen kleinen und kleinsten Residenzen des unglücklichen Landes, und man weiß, wie gänzlich ohne jeden Einfluß im Sinne einer Milderung der Sitten oder Verringerung der politischen Gegensätze in dieser ganzen Epoche die Kirche blieb. Das ist um so weniger verwunderlich, als ja viele Päpste selbst ein ausschweifendes und verbrecherisches Leben führten und die allerwenigsten von ihnen den Anspruch auf wirkliche Frömmigkeit erheben konnten.

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Galileo Galilei

Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vorfahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit eier Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, oh das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verfassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Vom Willen des Vaters hing es ab, ob das neugeborene Kind in die Familie aufgenommen oder ausgesetzt tverden sollte. Die Angaben des Tacitus (Germ. 19), daß es als Schandtat gälte, die Zahl der Kinder zu beschränken oder eins der nachgeborenen zu töten, ist nur zum Teil richtig.

Die Großmutter des heiligen Liudger wollte ihre Enkelin töten, weil ihre Tochter nur Mädchen, keine Söhne hatte. Sie befahl, daß die Tötung erfolge, bevor das Kind Milch von der Mutter genossen hätte; denn solange ein Kind noch keine irdische Speise berührt hatte, war sein Tod gestattet. Der damit beauftragte Sklave brachte das Mädchen zu einer Wanne, um es darin zu ertränken; aber durch Gottes Erbarmen hielt es sich mit seinen Ärmchen am Rande der Wanne über Wasser, bis ein aus der Nachbarschaft hinzukommendes Weib es dpn Händen des Sklaven entriß, in ihr Hans brachte und ihm Honig einflößte. Die rasende Großmutter schickte Gerichtsdiener nach dem Kinde in das Haus der mitleidigen Frau, aber sie sagte ihnen, das Kind hätte bereits Honig genossen und zeigte ihnen dessen Lippen. Nach heidnischem Brauche war es nun nicht mehr gestattet, das Kind zu toten. Aber erst nach dem Tode der wütenden Großmutter konnte die Mutter ihr Kind zu sich nehmen (V. Liudg. 6, 7).

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Rechte kam und als Person anerkannt wurde, war die Namengebung. Von der Zeit an, wo dem Kinde ein Name beigelegt war, galt Aussetzung als unerlaubt. Die Namengebung pflegte binnen neun Nächten nach der Geburt zu erfolgen und war schon in heidnischer Zeit bei allen Germanen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeid ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeid geschützt war. Der Volksscherz von den blinden Hessen oder Schwaben bewahrt noch eine Erinnerung an die alte Rechtsordnung, die den Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichstellte. Vermutlich ward das Kind bei der mit der Wasserweihe verbundenen Namengebung mit dem Hammer, dem Symbole Donars, geweiht. Die langobardische Sage, daß Wodan auf Freas Geheiß, weil er ihnen den Namen Langbärte gegeben habe, ihnen als Namensgeschenk den Sieg verliehen habe, zeigt, daß ein Geschenk der Namengebung folgen mußte. Der Hausvater verrichtete selbst die Taufe des Neugeborenen; erst durch sie ward die Körperlichkeit des jungen Menschen befestigt.

Schon Aristoteles kennt bei vielen Barbaren die Sitte, die Neugeborenen in kaltes, fließendes Wasser unterzutauchen, und der Arzt Galcnus im 2. Jhd. n. Chr. sagt ausdrücklich, daß die entsetzliche Sitte, die Neugeborenen, heiß vom Mutterleibe wie glühendes Eisen in kaltes Flußwasser zu tauchen, bei den Germanen herrsche. Aus dem 4. Jhd. stammt die griechische Fabel, daß der Rhein den nordischen Barbaren zur Kinderprobe diene, weil er die unechten sinken lasse. Der alte Name für die Wasserweihe war daupjan tauchen; Wulfila übersetzt damit die christliche Taufe.

Auch die Westgermanen behielten döpjan, toufan dafür nach ihrer Bekehrung und liessen es durch kein kirchliches Wort verdrängen, wie bei andern heiligen Handlungen. Als der getaufte Sohn des FrankeDkönigs Chlodwich stirbt, ruft dieser: „Wäre der Knabe im Namen meiner Götter getauft gewesen, gewiß lebte er noch; aber er konnte nicht leben, weil er im Namen eures Gottes getauft ist!“ (Greg. v. Tours. 229_81). Die christliche Taufe übt also nach der Ansicht des Heiden nicht die der heidnischen Weihung zustehende Kraft, des Kindes Köperlichkeit zu festigen. Die Kirche sah daher in der heidnischen Taufe einen gefährlichen Nebenbuhler und ein teuflisches Werk. Bonifatius schreibt 732, die von den Heiden Getauften müssen von neuem im Namen der heiligen Dreieinigkeit getauft werden. Wenn eine von Heiden vollzogene Taufe (d. h. die germanische Wasserbegießung) für ungültig erklärt wird, muß sie also bestanden haben.

In den Namen, der dem Kinde gegeben wurde, legte man die Fähigkeiten und Charakterzüge hinein, durch die es sich, erwachsen, nach dem frommen Wunsche des Gebers auszeichnen sollte: er sollte das ideale Vorbild sein, dem das Kind nachstreben sollte. War es der Name eines Gottes, so sollen dessen Taten und Empfindungen Muster und Beispiel werden. Zugleich sollte dadurch ein gewisses Schutzverhältnis zwischen dem Gott und dem seinen Namen tragenden Menschen erfleht werden. Mit Wodan, Donar, Balder zusammengesetzte Eigennamen finden sich wiederholt für deutsche Männer, selbst als einfache menschliche Namen kommen sie vor. In Answalt, Oswald, Ansgar, Reginbirin (Kind der ratenden Götter) sind die alten Bezeichnungen der Gottheit, in alb, hün, thurs, Mimi sind dämonische Namen enthalten; auf die den kriegerischen Gottheiten geweihten Tiere weisen am, hraban, swan, ebur und wolf. Bei den Frauen überwiegen in der ältesten Zeit Walkürennameu. Aber auch nach den Wald- und Wasserfrauen und den Elbinnen ward das Mädchen benannt. Häufig deutet der Name auf priesterliche Tätigkeit hin, auf die Heiligtümer: alah, will, die Opfer: gelt (gildi), auf Zauber und Weissagung:

Trat der Sohn aus der Gewalt des Vaters heraus, so schnitt ilim der Vater, der dabei wieder Priesterdienste verrichtete, daß Bart- oder Haupthaar ab: das Haar, das Symbol der Fruchtbarkeit, war der Gottheit des Wachstums geweiht, oder es war ein stellvertretendes Opfer für den Menschen selbst.

Die frohen Zeiten der erwachenden Natur sind auch die Feste der Liebe. Alter Brauch am 1. Mai war es, daß das Mädchen den Hut des Geliebten mit grünen Blumen schmückte, und daß der Bursch ihr einen Maien, das Zeichen der Früh-liugsgottheit, vor der Tür aufpflanzte. Durch das Oster- und Johannisfeuer sprangen die jungen Paare, um Segen für den Besitz und für sich selbst zu erlangen. Bei dem Scheibenschlagen warfen die Burschen das brennende Rad zugunsten der Erkorenen. Zur Wintersonnenwende befragte man nach uralter Sitte das Schicksal nach dem Geliebten oder schaute nach dem künftigen Gatten.

Hochzeit, höhe zit, hieß der festliche Tag der Heirat. Die Hilfe der Götter wurde für das junge Paar erfleht, heilige Gebräuche weihten ihn ein. An dem heiligen Tage des Gottes, unter dessen besondere Huld man die Ehe stellen wollte, ward die Hochzeit begangen.

Am Tage zuvor ward die Braut durch ein reinigendes Bad entsühnt, um die feindlichen Geister abzuwehren, sie gegen den Zorn der göttlichen Mächte zu schützen und ihre Gunst ihr zu sichern. Auch ein Sühnopfer ward dargebracht; der dem Donar heilige Bock ward geschlachtet und mit seinem Blute die Braut besprengt. Auch die Verhüllung der Braut weist auf alten Opferdienst für die unterirdischen, Fruchtbarkeit spendenden Mächte. Ein zwar aus älteren Quellen nicht belegter, aber uralter Brauch war, am Vorabend der Hochzeit, an dem sogen. Polterabend, allerlei Geschirr zu zertrümmern: die schädlichen Unholde sollten durch den Lärm vertrieben werden.

Als Herdgott und Schutzgott des Hauses ward der Gewittergott Donar besonders angerufen. Das junge Paar umwandelte dreimal den Herd, auf dem ein frisches Feuer angezündet war; hier brachte die Neuvermählte auch den Hausgeistern ein Opfer dar. Auf der hochzeitlichen Tafel fehlte auch des Wettergottes heiliges Tier, der Brauthahn, nicht. In feierlichem Gebete lud man die Gottheit zum Hoohzeitsmahle ein; in der ältesten Zeit genossen die Ahnen, die Hausgeister, die hauptsächlichste Verehrung bei der Ver-mählungsfeier, für sie und neben ihnen traten später die himmlischen Götter als anbetungswürdige Vorbilder der Feiernden oder als Festteilnehmer und Ehrengäste ein. Besonders dachte man sich die Schicksalsfrauen bei der Hochzeit weilend.

Tanz und Spiele gehören zu den alten religiösen Festen, auch bei der Hochzeitsfeier fehlten sie nicht. Die Festgeuossen begleiteten den Brautzug wie eine feierliche Prozession, Männer kleideten sich wie Frauen und umgekehrt, schwärzten die Gesichter uud stellen allerlei Tiergestalten dar, um die feindlichen Dämonen zu schrecken, aber auch aus ehrfurchtsvoller Scheu. Lieder erklangen, und selbst kleine dramatische Szenen fehlten nicht. Der Auszug zur Einholung der Braut ward oft als wildes Wettreiten ausgeführt. Oder die geladenen Gäste begannen nach uraltem, heiligem Brauche barfüßig den Lauf. Aber auch Braut und Bräutigam unternahmen den Wettlauf, die Braut bekam einen Vorsprung, und am Ziele der Bahn ward ihr der Kranz abgenommen. Auch Siegfried erringt für Günther im Wettlaufe die Walkürenbraut (N. L. 4354— 437a). Als der schnellste und siegreichste unter allen Göttern ward Wodan zum Beistände des Bewerbers angerufen; aber die göttliche Weihe der Vermählung erfolgte durch Donar. Selbst das sühnende Feuer fehlte bei der Hochzeit nicht. Wie beim Frühlings- und Mittsommerfeste ward nach vollzogener Vermählung ein mit Stroh umwundenes Rad angezündet, die Gä3te tanzten um das Feuer, und das juuge Paar sprang über die heilige Lohe.

Mit den neuen Pflichten und Rechten, die der junge Hausvater übernommen hatte, verband sich für ihn die selbstständige Ausführung der religiösen Gebräuche. Er vollzog fortan die Losungen und Gebete für sein Haus, brachte kleine Opferspenden und Gelübde an Bäumen, Felsen, Quellen, den Gräbern der Verstorbenen dar, beging den Wechsel der Jahreszeiten nach altem heiligem Brauche, ließ Feuer auf deu Bergen auflodem und in feierlichem Umzuge ein Götterbild um das Feld tragen, versäumte nicht die täglichen Opfer für die Hausgötter und Hausgeister und brachte abwehrende Opfer bei der Erkrankung einzelner Stücke der Herde, Bittopfer bei der Bestellung der Äcker, Dankopfer bei der Ernte. Bei den religiösen Gebräuchen des Einzelnen hat sich der Seelenkult am längsten erhalten, aber die großen Götter des Volkes wurden keineswegs vernachlässigt. Nur waren seine Opfer naturgemäß ärmlicher und dürftiger als die großen Gemeindeopfer, deren Vorstufe sie sind. Nur geringe Gabe an Brot, Körnern und Eiern konnte der einzelne den Göttern darbringen, bescheiden war das anschließende Opfermahl; Rosse, Rinder, Schweine und Böcke mußte er sich versagen, selbst Gänse und Hühner werden kaum geopfert sein. Bilder der höheren Götter waren gleichfalls nicht im einzelnen Hofe anzutreffen. Nr. 27 des Indiculus handelt von Götzenbildern, die aus Zeuglappen gemacht sind (de simulacris depannis factis). Es sind Bilder von Haus- und Herdgöttern, Geistern und ähnlichen Wesen, die sich der Einzelne zu privatem Gebrauch im Hause anfertigte. Schon der geringwertige Stoff, aus dem sie bestanden, und ihre gewiß kunstlose Form zeigen, daß ihre Herstellung und Anschaffung auch dem einfachsten und ärmsten Manne möglich war. Am Herde werden sie ihren Platz gehabt haben.

Geburt, Leben und Tod stand in der Hand der höheren Mächte. Der Tod war das Werk der Schicksalsgöttin, der Wurd, die nicht weiterhin auf dieser Welt Wonne genießen läßt. In den Schoß der mütterlichen Erde, dem alles Sein entsproßt, kehrte der Mensch zurück. Der Sterbende, der Tote ward gewaschen, die Leiche und der Sarg mit Weihwasser besprengt. Durch das Weihwasser reinigte man den Verstorbenen von schweren Sünden und versöhnte die Götter. Neun Tage währte die dem Totenkulte gewidmete Sühn- und Trauerzeit, sie schloß am neunten Tage mit einem Opfer, das den unterirdischen Gottheiten galt. Zugleich reinigten sich auch die Hinterbliebenen von der Befleckung durch den Toten. Zu dem Totenmahle lud man die Seele des Abgeschiedenen ein; was hei dem Schmause gegessen und getrunken wurde, kam dem Toten „zu gute“.

Kurz darauf erfolgte der Antritt des Erbes. Zwar wird ein feierliches Opfer für die mächtigen Gottheiten nicht gefehlt haben, die Haus und Hof, Feld und Flur, Wald und Weide schirmen, aber das Erbbier hielt man vor dem leeren Hochsitze des Verstorbenen, trank des Toten Minne, und der Haupterbe nahm den Ehrensitz ein. Die Geister der Vorfahren weilten als Schutzgeister der Familie im heiligen Herdfeuer, und der Hausvater brachte ihnen täglich und zu bestimmten Zeiten Opfer dar. Alle Jahre am Todestage erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um die Vorgesetzte Speise als Opfer hinzunehmen. Bei jedem großen Opferfeste der Gemeinde trank man ihr Gedächtnis. Von seiten der Gemeinde oder der größeren Verbände wurde den Abgeschiedenen alle Jahre an dem großen Herbstfeste ein dreitägiges Totenfest gefeiert, wenn mit dem Ersterben der Vegetation die Seelen sich, in das Innere der Erde zurückziehen. Zur Zeit der Wintersonnenwende, in den zwölf Nächten, wenn die Götter aus ihrem Schlummer erwachten, kamen auch die Seelen wieder hervor, und Speise und Trank setzte man für sie zurecht.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
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Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
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Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
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Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
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Deutsche Mythologie

Die gemeingermanische Bezeichnung Guda-„Gott“ hat man zu aind. ghoras = schrecklich, scheuein flößend, ehrfurchtgebietend gestellt und Gott als ein Wesen erklärt, dessen Hilfe der Germane in Ehrfurcht erflehte: so sagt Tacitus „die Germanen bezeichnen mit dem Namen der Götter jenes Geheimnisvolle, das sie allein durch fromme Ehrfurcht schauen“ (Germ. 9). Eine andere Erklärung bringt die ursprünglich neutrale Wortform Gott (idg. ghu-tö-m) mit der idg. Wurzel ghu, skr. hü zusammen = Götter anrufen: das anzurufende Wesen, oder mit skr. hü = opfern: das Wesen, dem geopfert wird (skr. liu-tä), oder mit der Wurzel ghau: das angerufene Wesen, richtiger was man beruft, „das Berufene, Besprechung.“ Ist die letzte Erklärung richtig, so nannte man das anfänglich Gott, was man durch Zauberkraft und insbesondere durch Zauberwort seinem Willen untertänig machte.

Außer gu-da, guda „Gott“ ist auch die Bezeichnung Äsen geineingermanisch. Die Goten nannten ihre Edlen, dei-en GlücJc sie den Sieg verdankten, nicht mehr einfach Menschen, sondern Ansen d. h. Halbgötter (Jord. 13). Als die Westgoten im Jahre 378 in Thracien den Römern schlachtbereit gegenüberstanden, priesen sic in wüstem Geschrei die Taten ihrer Ahnen d. h. der Götter, von denen das Volk und die Könige stammten (Am. Marc. 317,u). Die gotischen ansiz(sing. ans) waren also siegspendende Götter, göttliche Wesen, die in das Geschick der Menschen eingreifen. Im Friesischen begegnet dasselbe Wort als ees, und im an. als äss, plur. aesir. Der deutsche Name lautete ahd. ans, as. ags. ös (ags. pl. ese), wie zahlreiche Eigennamen beweisen: Anshelm, Ansbrant, Ansbert, Anshilt, inschriftlich Asinarius = Ansbald, Ansheri (Gottesheld), Anso, langob. Ansegranus (der mit dem Götterbarte), Ansvald (as. Oswald = der über die Äsen waltet), Ansolf, Ansgar as. Oskar (Götterspeer). Uralt ist Asleikr, ahd. Ansleieus, ags. Oslac = Leich für die Götter. Die Ansivaren, deren Wol in sitze in älterer Zeit nördlich der Sieg lagen, waren die Verehrer des Ans oder Wodan, wie die Ziuwaren «lie Verehrer des Ziu. Die langob. Sage von Alboin bei den Gepiden erwähnt ein Asfeld (Götterfeld), wo die Gebeine der Erschlagenen liegen (D. S. Nr. 394); doch kann der Name auch „Aasfeld“ bedeuten. Aber äs und ös in deutschen Namen ist nicht zusammen zu werfen: die Osenberge, Ochsenberge, Ossensteine sind nach dem Kindvieh, nicht nach den Göttern benannt, man vergleiche die Schaf-, Reh-, Geißberge. Die Bedeutung des Wortes ist noch unklar. Bei Wulfila (Luc. 641, 42). bedeutet „ans“ einen Balken, dieselbe Bedeutung hat auch an. dss: die Götter wären also die Tragbalken, die Träger und Stützer der Weltordnung. Andere vergleichen skr. äsu „Leben“, zend. anliu „Herr“: Gönner und Helfer, oder skr. anas „Hauch“, gr. äve^og „Wind“, got. anan hauchen: großer Geist, Weltgeist; noch andere erinnern an das Beiwort des idg. Himmelsgottes Dicus Asura, lat. eins, esus: Herr oder Höchster.

Gemeingermanisch endlich war die Vosteliung der Götter als der Ratenden. Im an. heißen die Götter regin, got. ragin ist der Ratschluß, ragineis der Ratgeber, raginön regieren. Im Heliand (2594, 3348) ist das Schicksal = Schöpfung der Ratenden (regano giscapu). Dasselbe meint as. metodo giscapu (Hel. 2190, 4827) und ags. meotodsceaft, metodsceaft (Beov. 1077,1180 2815), ags. meotudvang „Schlachtfeld“ erinnert an Idisiaviso. Altgerm. metodus, got. mitodus, an. mi9tudr „das ordnende, messende Wesen“ gehört zu miton ermessen, bedenken (S. 87). Rater und Richter waren also bereits die urgermanisehen Götter.

Seit der ältesten Zeit begegnen die himmlischen Wesen in der Drei zahl, das jüngere Bedürfnis nach verstärkten Mitteln hat die 3×3 erzeugt.

Cäsar kennt als die einzigen göttlichen Mächte, an die die Germanen glaubten, die Dreiheit Sol, Luna, Vulcanus (6*,). Plinius (H. N. 4„„) und Tacitus (Germ. 2) nennen die drei Verbände der Istwäonen, Ingwäonen Erminonen, die auf die drei Beinamen des Himmelsgottes Istwio, Ingwio Innino zurückgehen. Tacitus weiß von der Verehrung des Wodan, Tius und Donar (Germ. 9). Thuner, Woden und Saxnot mußten die heidnischen Sachsen abschwören, als Karl der Große sie zur Taufe zwang. Diese deutsche Trias, Mercurius, Hercules, Mars, wird außerdem für die nächsten Jahrhunderte durch Votivsteine aus einer der Kasernen der Uardereiter am Lateran in Rom aus der Zeit von 132—141 und durch andere Votivsteine aus verschiedenen Gegenden des Reiches bezeugt. Zu dreien treten die Schicksalsfrauen auf (S. 84, 87); in drei Haufen geteilt lassen sich die ldisi des Merseburger Zauberspruches auf dem Schlachtfelde nieder.

Gruppen von neun hohen Gottheiten kannten die alten Germanen nicht.

Aber neun Seeungeheuer erlegt Beowulf (V. 575; S. 139); gegen „neunerlei Elfen“ gibt es eine mecklenburgische Schutzformel. Neun Kräuter gebrauchen die Hexen zu den Zaubermitteln. Gegen die Wichte, gegen die neun Gifte und die nenn anfliegenden Krankheiten schützen nach dem alt-eng). Neunkräutersegen neun Kräuter. In demselben Zauberspruche heißt es auch von Wodan, daß er mit neun heiligen Zweigen die Natter schlug, daß sie in neun Stücke brach. Neun Jahre halten die gefangenen Schwanjungfrauen bei ihren Männern aus, dann treibt sie die Sehnsucht nach dem göttlichen Leben zur Flucht. Neun Tage dauert die dem Totenkulte gewidmete Frist, die am neunten Tage mit einem Opfer abscbließt. Neun Tage währt der Werwolfszauber, am zehnten kommen die Menschen aus der Wolfshaut wieder heraus (S. 25). Neun Klafter tief wird der wilde Schoß (Elbeuschuß) in die Erde beschworen; neun Fuß weit muß bei dem Feuerordal das glühende Eisen getragen werden, oder der Beklagte muß mit bloßen Füßen über neun glühende Pflugscharen schreiten, die je einen Fuß von einander liegen.

Die semitisch-orientalische Sieben drang als herrschende Zahl in die christliche Kirche ein, und in der christlichen Sieben erwuchs der alten deutschen Neun ein sehr gefährlicher Nebenbuhler; aber sie konnte die Neun wohl beschränken, jedoch nicht vernichten.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

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