Darstellung einer am 24. Juli 1554 zu Schloß Waldeck bei Kemnath beobachteten, als Kampfszene gedeuteten Himmelserscheinung – als Kugelblitz oder Nordlicht oder Meteor erklärbar.

Der Inhalt der vorliegenden Studie findet sich bereits in ihrem Titel allgemein umrandet, ihr Zweck und Umfang aber in dem ersten Abschnitte der Untersuchungen selbst näher beschrieben, so daß es kaum notwendig erscheint, mehr denn noch ein die äußere Seite des Unternehmens berührendes Wort vorherzuschicken.

Bei der eingehenden Würdigung, die man gerade in unseren Tagen den geschichtlichen Zeugen einer verstorbenen Denk- und Empfindungsweise zuteil werden läßt, nimmt die Befragung eines der bemerkenswertesten unter ihnen, des mittelalterlichen und neuzeitlichen Einblattdruckes, auch Einblatt oder Fliegendes Blatt genannt, einen ziemlich breiten Raum ein: und zwar insoferne mit vollem Rechte, als seine Aussage für die verschiedenartigsten Interessenten, für den Kultur- und Naturforscher ebenso wie für den Literatur-, Kunst- und Kirchenhistoriker, gleich wichtig lautet. Die Erkenntnis der bedeutsamen Rolle, welche diese „Zeitungen“ unserer Voreltern in deren Leben spielten, und das hieraus erflossene Bestreben, sich ihrer in möglichst großer Anzahl zu versichern, haben jedoch zu einem eigenartigen Ergebnisse geführt. Das deutsche Einblatt, vor nicht allzuferner Zeit noch Gegenstand eines lebhaften buchhändlerischen Vertriebes, hat sich allmählich auf geschlossene Bereiche zurückgezogen und erscheint nur ganz selten mehr auf dem Markte. Ein erster größerer Bestand von ihm ruht in unseren öffentlichen Büchereien, Museen und Archiven. Ein zweiter ist in die Hände von Sammlern und Liebhabern übergegangen und befindet sich, nicht minder wohlverwahrt, im heimatlichen Privatbesitze. Ein dritter Teil aber ist, ausländischen Bibliothekskatalogen und Literalienverzeichnissen nach zu urteilen, in die Fremde gewandert — vornehmlich nach Amerika, England und Frankreich, nach Ländern, deren frühere geschichtliche Epochen ähnliche Früchte der vervielfältigenden Künste entweder gar nicht oder in einer Anzahl und Art aufzuweisen haben, welche mit der Menge sowie mit der Mannigfaltigkeit und Reichhaltigkeit der dem deutschen Boden entsprossenen Erzeugnisse in keiner Weise in Vergleich treten können: so daß die letzteren geradezu berufen erscheinen, in ihrer neuen Heimat eine kultur- und literaturgeschichtliche Lücke auszufüllen. Diese Flüchtlinge sind natürlich — abgesehen von dem einen oder anderen, dem das Rückverkaufsangebot einer Londoner oder Pariser Buchhandlung die Möglichkeit einer Wiederkehr eröffnet — für den größeren Kreis unseres Volkes verloren. Um so dringender dürfte sich daher das Verlangen rechtfertigen, der allgemeinen Nutzung wenigstens die im Lande verbliebenen Reste jener untergegangenen Erscheinungswelt zugänglich zu machen, einer Welt, deren Äußerungen im guten wie im schlimmen jedenfalls die hervorstechende Eigenschaft besessen haben, deutsches Fühlen und deutsche Sitte im Wechsel der Zeiten getreuestens widerzuspiegeln.

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Himmels- und Naturerscheinungen

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten.

Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert.

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Mythologie der Germanen

Wie ich einst unter dem Eindruck jahrelang fortgesetzter kulturhistorischer Wanderungen und Studien des Volklebens im nördlichen Deutschland den Versuch gemacht habe, in der Schrift »Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum« aus den noch jetzt herrschenden Sagen und Traditionen die niedere, volkstümliche Mythologie der betreffenden Stämme in der Anlehnung der mythischen Gestalten an die Natur zu entwickeln: so beabsichtige ich mit den Untersuchungen, welche ich mit diesem Buche beginne, in aufsteigender Linie bis zur indogermanischen Mythologie vorzudringen, d. h. in großen Umrissen den Glaubensstand zu zeichnen, welcher sich etwa für die Zeit der Trennung der arischen Stämme, als sie Kolonisatoren nach Ost und West wurden, zu ergeben scheint. Denn wenngleich, wie ich verschiedentlich schon ausgeführt habe, die religiöse Entwickelung derselben zu jener Zeit noch nicht zu dem Begriff des Göttlichen, selbst nicht im Homerischen Sinne, vorgedrungen war, sondern sich noch mehr oder weniger innerhalb des Stadiums einer einfachen »Naturanschauung« bewegte und die mythischen Elemente selbst noch in gewissem Sinne flüssig waren, so macht sich doch daneben schon ein gewisser homogener Hintergrund in betreff einer allgemeinen, mythisch-religiösen Weltanschauung bemerkbar, der als eine gemeinsame Entwicklungsphase in dieser Hinsicht anzusehen ist, die nur dann während und mit der Zeit der Sonderung der einzelnen Stämme zu Völkem teils zurückgedrängt, teils unterbrochen wurde, so daß eben nur aus den Niederschlägen, die sie in der Tradition gefunden hat, noch ein Bild derselben zu gewinnen ist.

Das Charakteristische aber jener Zeit und der Unterschied von der historischen, wo allmählich der Einfluß einer inzwischen erwachsenen Litteratur sich mehr oder weniger geltend zu machen anfangt, beruht vor allem darin, daß für den Menschen noch immer meist alles unmittelbare Realität unter dem individuellen Reflex des Augenblickes war. Dies gilt nicht bloß von seinem Verhältnis zu der Welt, welche er mit seinen Sinnen umfaßte und im Kampf des Daseins mit den ihm angeborenen Fähigkeiten, so gut es ging, beherrschte, sondern noch in ganz besonderer Weise von der unfaßbar und geheimnisvoll ihn umgebenden Welt, die sich daneben um ihn und an ihm geltend zu machen schien und deren Einwirkungen er zu empfinden glaubte und nach gewissen Erscheinungen und Wirkungen, in Analogie zu anderen, ihm faßbareren, allmählich sich phantasievoll zurechtzulegen anfing.

Unter diesem Reflex des Augenblicks schien z. B. in betreff der Auffassung der Himmelserscheinungen die Sonne noch nicht als die eigentliche Lichtspenderin im Mittelpunkt derselben zu stehen und wurde noch nicht als der eigentliche Ausgangspunkt in dieser Hinsicht gefaßt. Wie der Tag sich zunächst ohne sie scheinbar entwickelte, sie oft auch bei Tage wieder den Augen verschwand, so wurde, wie wir auch noch sagen »der Tag resp. der Morgen bricht an«, das Tageslicht zuerst als selbständige Erscheinung gefaßt, zu dem dann der Lichtkörper, den wir Sonne nennen, als eine Art Accidenz unter den verschiedensten Formen trat. Ebenso war der Begriff Nacht noch nicht beschränkt auf die regelmäßig wiederkehrende Zeit, welche wir so bezeichnen, — der Begriff Zeit, wie der einer Regelmäßigkeit in derselben, war dem Naturmenschen überhaupt noch fremd, und es schien ihm alles in stetem Wandel begriffen, — sondern die entsprechende Bezeichnung für Nacht umfaßte alles Dunkelwerden auf Erden wie am Himmel, das, je plötzlicher es zuzeiten und unter besonders schlimmen Umständen und namentlich am Himmel z. B. in einer Gewitternacht einzutreten schien, einen desto nachhaltigeren Eindruck auf den Menschen machte.

Wie von diesem Standpunkt aus Licht und Dunkel stets so in bunter Weise am Himmel zu wechseln schienen, so fehlte es auch an einer bestimmten Sonderung zwischen der Erde und dem, was wir Himmel nennen, zumal am Horizont beides zu verwachsen schien, höchstens die Vorstellung von einem »dort oben« und einem »hier unten« allmählich einen Unterschied in dieser Hinsicht anzubahnen anfing .

Dieselbe Auffassung der Dinge vom Standpunkt der unmittelbarsten Realität des Augenblicks reflektierte auch auf das menschliche Leben selbst und supponierte so u. a. dem Traumleben des Menschen eine eigene Welt wunderbarer Art. Denn nicht allein, daß im Schlaf gelegentlich andere Menschen, auch Tote, wie Schemen und Schattenbilder zu ihm zukommen schienen; er selbst, d. h. etwas an ihm, schien, wie es im Bewußtsein noch nachreflektierte, während der Leib wie tot zurückgeblieben war, denselben gelegentlich verlassen zu haben und in andere Gegenden gewandert zu sein. Lehnte sich hieran überhaupt die allmählich dämmernde supranaturalistische Vorstellung von Geist resp. Seele und vom Fortleben auch der Toten irgendwo, — woran sich dann mit sich weitenden Ideenkonzeptionen sogar der Begriff einer Unsterblichkeit schloß, — so vertiefte sich die von den verschiedensten Seiten, von außen und von innen, sich anbahnende Vorstellung, daß es überhaupt etwas gäbe, was anders sei und sich anders entwickle, als was der Mensch mit den Händen fassen und mit den Sinnen begreifen könne, immer mehr zu dem direkten Glauben an eine ihn umgebende, aber nur in gewissen Momenten und an gewissen Wahrzeichen ihm sichtbar werdende Wunder weit, welche bei seinem primitiven, noch unentwickelten geistigen Standpunkt die Vorstellung eines sogen. Zaubers schuf.

Der Begriff Zauber war nämlich für den Naturmenschen die reale Vermittlung des Wunderbaren auf Erden wie am Himmel, sowohl für das, was ihn berührte oder um ihn vorzugehen schien und was er nicht begriff, als für all den Wandel, den er dort oben in unbegreiflicher Weise im bunten Wechsel der Phänomene vor sich gehen sah. Denn gerade in betreff der so mannigfachen Himmelserscheinungen wirkte die Realität des Augenblicks auch wieder in besonderer Weise mit. Je nachdem die einzelne Erscheinung sich gestaltete, sie mit dieser oder jener anderen in Verbindung zu treten oder gar auf sie zu wirken schien, faßte der Naturmensch sie, wie noch heutzutage jeder Dichter es thut, in ihrer Besonderheit auf. Erst allmählich begann man, indem man etwas Gleichartiges in gewissen Bildern, z. B. in den Blitzen, herauszufinden anfing, das, was man bis dahin als verschieden sich gedacht hatte, unter gemeinsamem Namen zu umfassen oder wenigstens unter einzelne Kategorien zu subsummieren. Zunächst war alles für den Menschen auch in dieser Hinsicht, wie es sich ihm im Augenblick gab. So zeitigten und befruchteten gleichsam vor allem die Wandlungen, welche am Himmel im Wechsel von Licht und Dunkel sowie im Treiben von Wolken und Wind, vor allem in den so gewaltigen Erscheinungen des Gewitters mit seinen Kontrasten vor sich gingen, die Ausbildung der Vorstellung des Zaubers, als einer geheimnisvollen Kraft, die alles möglich mache. Dieselbe knüpft sich an Dinge, wie an Wesen, und überall sah man Übergänge zwischen beiden. Die Blitzrute — der allgemeinste und ursprünglichste Zauberfetisch bei fast allen Völkern, — weckte angeblich dort oben den Regenquell, wie unter anderem Reflex das »aufblühende Gewitter«, d. h. mythisch geredet »die Wolkengewitterblume, die auf blüht«, die Gewitternacht mit ihrer Schattenwelt heraufführt oder in dem die Wolken spaltenden Blitze den »Wolkenberg« mit seinen leuchtenden Schätzen zu erschließen schien. Im Hintergrund steht erst als ein zweites Moment ein Wesen, welches mit dem Zauberding hantiert. Zunächst wohnt in den Dingen selbst die Kraft, denen deshalb der Mensch auch nachforschte und die er sich anzueignen suchte: die Wünschelrute, wie die Wunderblume, welche solchen Zauber schafft.

So liegen dicht nebeneinander die Anfänge aller der religiösen Entwicklungsformen, welche man in der Wissenschaft bisher, weil eine vor der anderen sich bei roheren Völkern je nach ihrer Kulturstufe mehr oder minder bemerkbar machte, als Stufen und Durchgangspunkte, welche zeitlich hintereinander lägen, zu fassen geneigt gewesen, — der sogenannte Fetischismus, das Schamanentum der Glaube an eine Geister- und Totenwelt und eine mögliche Vermittlung mit derselben und der Polytheismus.

Der Mittfel- und Ausgangspunkt von allem aber ist der Mensch nicht nur mit, sondern auch in der Art seiner Aperception, insofern er alles nach sich beurteilt und allem den Stempel seines eigenen Empfindens und Betrachtens aufdrückt und darnach faßt und ihm Form verleiht. Wie er sich seiner Kraft bewußt wird, ruht auch für ihn in allem zunächst möglicher Weise (potentia) eine Kraft. So erscheint ihm alles im Licht seiner eigenen Subjektivität gewissermaßen belebt. Namentlich gilt dies von allem, was ihm besonders geheimnisvoll, wunderbar erscheint und was er phantasievoll im Anschluß an einzelne Momente, die ihm durch gewisse Analogien mit Bekanntem oder Ähnlichem naher rücken, wie wir schon oben erwähnt, zu erfassen trachtet. Wie sich dasselbe in betreff der sprachlichen Bezeichnung der Dinge geltend macht, in dem ein charakteristisches Moment immer dabei hervorgehoben wird, so dient es ihm auch als Grundlage der gläubigen Anschauung, überhaupt seines Glaubens. Das »Brüllen des Donners« ist zunächst ein sprachlicher Ausdruck, wie »das Heulen des Windes«: für den Naturmenschen aber, der noch keine andere Erklärung der Erscheinung hat, ist es zugleich das Substrat eines Glaubens, dem zufolge ein gewaltiges Wesen dort oben — tier- oder menschenartig gedacht — sich so bemerkbar macht. So »vermischte« sich auch in dieser Hinsicht ihm Himmel und Erde und seine Phantasie fand überall Ähnliches, was er mit einander verknüpfte.

Dies bekundet sich nicht nur in der Anschauung, sondern auch im eigenen Handeln, und in daran sich schließenden Gebräuchen findet es einen merkwürdigen analogen Ausdruck. Wie er glaubte, den Regen herbeizaubem zu können, ähnlich wie die »dort oben« nach seiner Meinung es machten, wenn sie mit den Blitzruten angeblich die Wolken peitschten, so glaubte er auch umgekehrt, daß, wenn schwere Wolken in der, einer Gewitternacht vorangehenden Stille — wo die ganze Natur in regungslosen Schlaf versenkt zu sein schien — heraufkämen und atembeklemmend lasteten und der Wind stöhnte und ächzte, es  ginge dort oben ein ähnlicher Prozeß vor sich wie Nachts hier unten: die Nachtgeister, welche ihn selbst im Schlafe atembeklemmend drückten und plagten (oder im Fieber schüttelten), wirtschafteten nach seinen Gedanken ebenso dort oben in den Wolken. Und die Bilder, welche mit dem Wolkenalp, der Wolkenmahrt dort oben scheinbar sich entwickelten, hafteten nicht bloß um so mehr in der Tradition, je bedeutsamer sie dem Menschen durch ihren zauberhaften Hintergrund erschienen und phantasievolle Formen (unter Hineinziehung z. B. im letztem Falle der Sonne als des leidenden Objekts fanden, sondern sie reflektierten auch wieder auf die entsprechenden irdischen Verhältnisse zurück. Ebenso wie dort oben dem »dunklen« Treiben des Unwetters die Blitzrute schließlich nach seiner Meinung ein Ende machte, so galt auch, wie u. a. in der Cama-Sage sich zeigt, das irdische Substitut der Blitzrute, der geheimnisvolle Janusstab, der Weißdorn, als ein Fetisch, der gegen den irdischen Spuk der Nachtgeister überhaupt helfe. — Oder wenn nach einem anderen Bilde die Schattengeister, welche im Traum vor des Menschen Seele traten, in der Gewitternacht dort oben vermummt in gespensterhaftem Aufzuge am Himmel heraufzuziehen schienen, zu einer ganzen Totenwelt an wachsend und mit den Bildern des Grauens die Seele erfüllend: so bildete sich im Anschluß hieran die Vorstellung von Qualen, die jene dort oben aus irgend einem Grande auszustehen hätten, von denen als die mindeste erschien, verwünscht zu sein, »immer« umgehen zu müssen, als die schlimmste, im »Feuer« (des Gewitters) irgendwie gepeinigt zu werden. Das Ganze wurde dann aber wieder in die engste Beziehung zu dem Leben hier unten gesetzt und als eine Strafe für hier ungesühnte Thaten der betr. Geister gefaßt, und wie oben der Spuk endlich wieder verschwand, so glaubte man auch durch allerhand Zauber angebliche Geister hier unten entfernen, d. h. bannen zu können.

Kann man so in betreff der Einkleidung auch derartiger mythischer Schichten den Ursprung meist immer am Himmel noch verfolgen, so gilt dies vollends dann von den eigentlichen sogenannten polytheistischen Vorstellungen, nach denen man die Himmelserscheinungen unter dem Reflex zauberhaft übermächtiger Wesen selbständig zu fassen anfing. Zunächst waren es aber nur gewissermaßen »Sagen« von den Wesen dort oben, ähnlich wie von solchen hier unten, welche sich in der Tradition in einer Art von historischem Gewände so ablagerten. Und in dieser Hinsicht fallen für die Urzeit Mythe, Sage und Märchen zusammen, ebenso wie für dieselbe das sogen. Symbol, das so viel Verwirrung in der mythologischen Wissenschaft erzeugt hat, noch gar nicht existierte1). Wie die Urzeit alles unter dem Begriff befaßte »Es war einmal«, so gab es für sie noch kein Symbol, das war erst die Erfindung einer späteren Zeit, mit der man sich das überkommene mythische Material zurecht zu legen versuchte; für die Naturmenschen war alles Realität, wenn auch eben eine Realität anderer Art als die irdische. Für sie gab es nur geheimnißvolle, tier- und menschenartige Wesen oder zauberhafte, fetischartige Dinge, sowie Übergänge namentlich zwischen den ersten, indem ihnen die Kraft sich zu verwandeln, wie sich unsichtbar zu machen und dergl. beizuwohnen schien. Erst mit der Kultur und namentlich mit der Viehzucht und vor allem dem Ackerbau gingen allmählich die Naturwesen in götterähnliche (nach unsem Begriffen) über, aber lange, sehr lange hat es gedauert, ehe sich mit ihnen die Vorstellung des »Allmächtigen«, »die Welt Beherrschenden«, sowie die des »Ewigen« verband. Die nordischen Götter sehen in dieser Hinsicht noch ihrem Untergange entgegen, ebensowie nach der Sage von der Metis und Thetis der griechische Zeus noch stets für seine Herrschaft fürchtete. In der indogermanischen Zeit giebt es nun aber vollends noch keine Götter, auch nicht im späteren heidnischen Sinne, es sind noch eben nur Natur wesen. Wie in den Sagen sie stets dem Wandel noch unterworfen sind, sie mit einander streiten und kämpfen, sind sie auöh dem Verderben unter Umständen verfallen; sie werden überwältigt oder durch Zauber irgendwie überwunden; erstehen aber wieder durch allerhand Umstände in alter Kraft oder erwachen, wenn die Zeit ihrer Verzauberung um ist, zu neuem Leben. Der indische Vrtra verschlingt den Indra, der erst, als die übrigen Himmlischen den Vrtra zum Gähnen bringen, ihm wieder entschlüpft; dem Zeus schneidet Typhon die Flechsen aus, er ist kraftlos, bis Hermes sie findet und ihm wieder einsetzt. Das Sonnenwesen, mag es in der Sage von Dornröschen oder Brunhild reflektieren, erwacht wieder, als die Zeit ihrer Verzauberung um, wie Baldur in WaJi wieder geboren wird. In weiterer Entwicklung, als die Vorstellung sich schon dahin gefestigt hatte, daß alles in der Natur trotz aller scheinbar gefährlichen Wandlungen sich schließlich doch immer wieder zum Besseren wende, erscheinen die maßgebenden Wesen dann nur meist als zeitweise, z. B. im Winter, abwesend; sie kommen wieder, wenn es Not ist, oder haben ein Mittel, zu neuer Kraft zu gelangen, sich zu veijüngen u. s. w.

Entsprechend diesen Phasen galten die betr. Wesen zunächst auch nur für relativ mächtiger als der Mensch, wie auch das Treiben, die Vorgänge am Himmel sie meist nur zunächst gegenseitig zu berühren schienen und nur einzelne in bestimmter Weise dem Menschen zunächst furchterweckend oder schädigend gegenübertraten, z. B. im nächtlichen Unwetter, dem alles niederschmetternden Sturm u. dergl, bis allmählich die Fäden der Betrachtung sich weiterspannen und speziell die im Himmel waltenden leuchtenden Wesen als diejenigen immer

mehr hinstellten, in deren Händen in einem wohlwollenden Sinne im ganzen die Herrschaft der Welt läge. Erst mit dem Augenblicke aber, wo der Mensch glaubte, es ständen ihm Wesen gegenüber, die ihm »dauernd« schaden oder nützen könnten, beginnt eine Verehrung derselben und damit eine idealere Auffassung, welche den Namen des Göttlichen verdient Der Naturmensch beugt sich eben nur der Macht1), und da geben uns nun die nachstehenden Untersuchungen merkwürdige Resultate über den Entwickelungsprozeß und den Standpunkt des indogermanischen Glaubens.

Es ist eine eigentümliche Phase der Naturanschauung, welche sich um den himmlischen Lichtbaum entwickelt, namentlich mit den im Gewitter an demselben angeblich aufblühenden feurigen Schmarotzerpflanzen oder dem im Blitz leuchtenden goldigen Zweig an demselben und der Fülle zauberhafter Accidentien, welche man aus den Erscheinungen und Wirkungen des Gewitters heraus jenen himmlischen Fetischen beilegte. Unter der größten Mannigfaltigkeit mythischer Niederschläge der verschiedensten Himmelsphänomene in tier- und menschenähnlichen Bildern treten besonders im Anschluß an jene beiden Momente Sagengruppen in den Vordergrund, in denen die Sonne, männlich oder weiblich gedacht, mit Hülfe jener oben erwähnten Zauberfetische unter den Händen der finsteren, dunklen, in Wolken gehüllten Sturmesmächte zu leiden oder bewältigt zu werden schien, so daß hierin eine gemeinsame mythische Phase eigentümlicher Art zum Durchbruch kommt, welche sich charakteristisch von der später dann überwiegend ausgebildeten unterscheidet, der zufolge die Sonne, besonders die Frühlingssonne, — der Sonnensohn oder die Sonnentochter, — umgekehrt die Mächte der Finsternis überwindet.

Scheint der hierin hervortretende Entwicklungsprozeß nach den lokalen Verhältnissen verschieden vor sich gegangen zu sein, namentlich bei den griechischen Indogermanen unter ihrem heiteren Himmel überwiegend bald alles nach der Seite des Lichts, als des dauernd Siegreicheren hin sich entwickelt zu haben, so sind in den behandelten Mythen die finsteren, düsteren Wesen noch die mächtigeren, nicht bloß gegenüber den lichten Himmelswesen, sondern auch den Menschen gegenüber. Wie sie im Gewitter vermummt drohend am Himmel heraufgezogen kommen, so haftet ihnen vor allem noch in den Mythen der böse, schädigende Blick an, der überhaupt in dieser Scenerie so seinen Ursprung findet. Wenn dieses Moment dann auch noch bei den idealsten Göttergestalten nachvibriert, sobald sie im Gewitter die zornige Seite herauskehren, so zeigt der Hintergrund, welcher sich bei Untersuchung der obigen Mythen ergiebt, überhaupt noch überwiegend die gespensterhaft düstere Seite der betr. Wesen. Unter diesem Refiex rückt dann zugleich fast das ganze übrige Gespensterwesen, der ganze nächtliche Spuk mit allen seinen grausigen Bildern im Anschluß an die erwähnten Gestalten in die Gewitternacht ein und entfaltet uns so auch bei den Indogermanen einen primitiv-religiösen Standpunkt, dessen Mittelpunkt, wie bei den rohen Naturvölkern, die Furcht und dessen Typus die Vorstellung »eines namentlich an die Gewitternacht sich anschließenden und von dorther«, wie es oben schon von dem Alpglauben dargestellt worden, »seine Formen empfangenden Gespensterglaubens« ist.

Die Gestalt des Wodan-Odhin ergiebt sich in dieser Hinsicht besonders als äußerst lehrreich für die ganze religiöse Entwicklung, indem sie sich einmal noch eng an die Natur an-sehließt, dann aber gerade in ihr noch die verschiedenartigsten Beziehungen hervortreten, welche nur eben in jenem natürlichen Hintergrund das sie einende Band finden lassen. Zeigt uns die deutsche niedere Mythologie Wodan bloß zunächst als den im Gewitter auftretenden feurigen Nachtjäger oder Wanderer, dem der Mensch aus dem Wege gehen müsse, wenn er nicht an Leib oder Seele gelähmt werden wolle, — ein deutlicher Hinweis auf die ursprünglich im Hintergrund stehende Gewitternacht, — und entwickeln die Sagen nur andeutungsweise noch sein Bild als eines den Wolkenfrauen oder der Sonnenfrau nachstellenden Dämons, so entfaltet sich in den Mythen noch dieselbe Grundlage in höchst charakteristischer Ausstattung. Mit tief in die Stirn gedrücktem Wolkenhut tritt er auf; durch die Wolken zuckt im Blitz sein »böses« Auge, welches in der ihm beigelegten »Einäugigkeit« noch einen besonderen Ausdruck gefunden. Bald erscheint er als der Wind, (»der Immergeher«) als der himmlische Wanderer, bald als ein im Sturm und im »rollenden« oder »hallenden« Donner zu »Wagen« oder »Roß« dahintosender Jäger, bald unter dem Reflex der himmlischen Schattenwelt als ein den gespenstigen Totenkahn in tiefgehender Wolke steuernder Fährmann. Bald tritt er oder sein historisches Analogon resp. Prototyp in der Gestalt des »einäugigen« Hagen dem Sonnensohn Siegfried oder der Sonnenjungfrau Brunhild feindlich gegenüber, immer ist er der düstere, finstere Gott, an dessen Fersen sich Kampf und Tod knüpfen, und durch sein ganzes Wesen geht ein Zug des Grimmen, wie er in seinem historischen Substitut, dem Hagen, noch den vollsten Ausdruck gefunden hat

Ist er so der Hauptgott der Germanen geblieben, wenn er gleich mit der Zeit in den nordischen Liedern einzelne lichtere Farben erhalten, so finden wir bei den anderen Indogermanen in einzelnen mythischen Gestaltungen noch die verschiedensten Anknüpfungen der bei ihm sich ergebenden Eigentümlichkeiten und Formen wieder, so daß seine Gestalt auch für den ur-zeitlichen Hintergrund dieser maßgebend wird. Nicht bloß daß den höchsten griechischen und römischen Göttern noch der grimme und zornige Blick zuzeiten verblieben, ihrem Charakter selbst das auch in jenem Blick dem Aberglauben nahe liegende »Neidische« noch lange angehaftet hat1); auch in einzelnen Momenten, vibriert noch die historische Beziehung in der eigentümlichsten Weise deutlich nach. Auf der einen Seite berührt z. B. Odhin sich in seiner Vermummung und gelegentlichen Schlangengestalt mit Yrtra, dem indischen Gewitterspuk, der auch dem lichten Indra dann entgegentritt, wie Odhin der Sonnenjungfrau Brunhild, oder seine Substitute Hödur, Hagen, dem Baldur und Siegfried, dann stellen sich nach anderer Seite zu dem Brunhild-Mythos nicht bloß Varianten, in denen Hermes, Dionysos und Janus mit dem dem »Schlafdorn« im Ursprung analogen »Zauberstab« ein der Brunhild entsprechendes Wesen bewältigen oder gewinnen, sondern Hermes sowie Hades und Charon sind überhaupt nur, namentlich in ihrem Verhältnis zur Totenwelt, dann Differenzierungen der Urgestalt, welche in Odhin-Wodan noch in einer gewissen Totalität uns entgegentritt Steht ihm Hermes als Totenführer nahe, und erklärt sich gleichfalls so, daß er auch der Götterbote geworden in Analogie zu dem Odhin als »Wanderer«, so ist Charon-Hades auch nur ein anderes Gegenbild, wenn er, wie jener bald im Wolkenkahn als »Fährmann«, bald hoch auf dem Donnerroß als Führer der im Gewitter dahinziehenden Totenwelt auftritt. Wenn bei den betr. Untersuchungen weiter dann eine Menge Einzelheiten, die z. T. sonst unverständlich sind, ihre Erklärung finden, z. B. des Hermes wie des Hades Stab ebenso wie die mit Odhin zusammenhängende Wünschelrute sich nur als verschiedene Nuancierungen der himmlischen Blitzrute je nach der Scenerie, in der sie angeblich auftritt, ergeben, weiter dann die blitzenden Augen des Charon, die ihm den Namen verliehen, endlich der Beiname des Hades, xkvtoxokos, u. dergL sich erklären: so ist besonders charakteristisch der Wolkenhut oder die Kappe des nordischen Bauemgottes, den auch Hermes und selbst Hades in etwas eleganterer Form, — der letztere als unsichtbar machenden Helm — beibehalten haben1), ein Moment, das um so charakteristischer ist, als es am Hades gleichsam nur lokaliter ohne besondere Bedeutung für seine weitere Gestalt haften geblieben ist, gleichwie der Donnerwagen, mit dem der  beim Raube der Persephone noch erscheint.

Ich habe hier nur einzelnes angedeutet, ebensowie es die Aufgabe weiterer Untersuchungen sein wird, ähnlichen Gestaltungen und Entwicklungen nachzugehen und namentlich die Übergänge dieser finsteren Welt der Gespenster, durch Aus-Scheidung der Gegensätze von Dunkel und Licht, in die himmlischen segenspendenden Wasser- und Luftgeister zu verfolgen; daß aber die ältere Basis der Gewittergeister überhaupt jenen finsteren, ins Böse überschlagenden Charakter gehabt, bekräftigen noch verschiedene andere Erwägungen. Zunächst zieht der böse Blick noch ganze Klassen böser Geister, wie Hexen, Dökalfr, Teichinen u. s. w. in den betr. Kreis hinein und giebt dem betr. Glauben damit eine breite Grundlage, welche in allerhand Analogien fast über die ganze Welt sich noch verfolgen läßt1). Und wenn so schon der sensus communis, wie die Alten in solcher Hinsicht sagten, meine Behauptung bestätigt, so haben wir an dem Gott des A. T. auch eine entsprechende Phase und zwar als die ältere des jüdisch-christlichen Gottesbegriffe zu verzeichnen, indem bei dem »zornigen« Gott meist stets noch das grollende Gewitter mit seinen Schrecknissen bildlich hineingezogen wird.

Auch die Sprache der Indogermanen bestätigt in dem Worte devas noch, wie ich meine, jene unsere Auffassung der mythologischen Verhältnisse. Allerdings ist dies Wort in der Ausbildung des ihm zu Grunde liegenden Begriffs des »Glänzenden«, »Leuchtenden« bei den meisten Indogermanen die Bezeichnung für den später entwickelten Begriff »göttlicher« Wesen geworden, aber bei einem Hauptzweige, den Iraniem, bezeichnet es gerade umgekehrt die »bösen« Geister, welches Auseinandergehen im Begriff doch auch wieder ganz zu dem gezeichneten Entwicklungsprozeß paßt, indem die Iranier also die finstere Seite der Gewitterwesen mit dem Worte festgehalten haben, während es den übrigen Völkern zur Bezeichnung der »leuchtenden« wurde, an die, als an die siegreichen, sich mit der Zeit die Vorstellung des Göttlichen anschloß.

Es stimmen auch die obigen Resultate ganz zu dem der menschlichen Natur, namentlich auf dem Standpunkt intellektueller wie ethischer Rohheit, eigentümlichen, naturwüchsigen Denken im Geiste des krassesten Egoismus. Wie der Mensch auf diesem Standpunkt meist nur aus Interesse handelt, so erschienen ihm auch die Wesen, die Mächte, an die er glaubte, zunächst in demselben Lichte. Erst ein ethisch-menschlicheres Leben ließ allmählich andere Empfindungen keimen und verlieh damit dem religiösen Denken auch ein anderes Kolorit Zu dieser Auffassung stimmen auch die Berichte aller Reisenden, welche unbefangener und tiefer in das Volksleben roher Naturvölker eingedrungen sind und sie objektiv, nicht unter dem Reflex sogen, allgemein angeborener, menschlicher Ideen schildern, und nicht ohne Grund stellt die christliche Moral auch die Gottesfurcht noch als Ausgangspunkt »der Liebe zu Gott«, in Erwägung der menschlichen Natur oder, wie die Kirche sich ausdrückt, »des alten Adams«, voran.

Schuf so die Phantasie dem Glauben in den verschiedenen sich bildenden Volkskreisen seine Formen, die dann die spätere Zeit in allgemeinerer nationaler Entwicklung zu gemeinsamen Bildern einte und dem eigenen fortgeschrittenen Leben homogen menschlich idealer gestaltete, so entwickelten sich analog aus dem dem Menschen angeborenen Nachahmungstrieb auch die ersten Formen für sein Handeln. Der Aberglaube wurde das erste seine Willkür innerlich beschränkende Gesetz.

Die eigenenVerhältnisse, welche man in Parallele zu ähnlichen natürlichen, namentlich himmlischen Vorgängen brachte, schienen mit denselben Accidentien wie dort vollzogen werden zu müssen, gerade wie Kinder das nachahmen, was sie von ihren Eltern sehen. Halb war es eben angeborener Instinkt, halb knüpfte sich daran der Glaube, es sei so zu best Den Vorgängen beim Wolkentreiben als dem Treiben himmlischer Herden, der angeblich am Himmel stattfindenden Bereitung neuen Feuers im Gewitter, wenn vorher alles in Dunkelheit erloschen, schlossen sich entsprechende Gebräuche in analogen Verhältnissen bei den Indogermanen an, ebenso wie beim sogen. Windmachen, dem Regenzauber oder in Einwirkung auf menschliche Verhältnisse im sogen. Nestelknüpfen, Kurieren des Fiebers u. dergl. mehr.

So tritt uns nach allen Seiten an der Hand einer auf das allgemein Volkstümliche zurückgreifenden Betrachtungsweise, — welches in seiner Naturwüchsigkeit zu allen Zeiten und überall mehr oder minder Repräsentant des allgemein Menschlichen ist, — eine psychologische Grundlage entgegen, welche die Anfänge der Religion, Mythologie und Sittlichkeit denen der Sprachbildung anreiht Und in dem Umstand, daß sich überall die Verhältnisse ähnlich entfalten, liegt nicht bloß‘ die Bestätigung der Richtigkeit des geschilderten Prozesses, sondern auch die wissenschaftliche Bedeutung desselben überhaupt, als eine allgemeine, in der menschlichen Natur liegende Entwicklungsform, welche von Geschlecht zu Geschlecht sich weitete und vertiefte und so immer mehr die Grundlage idealer Phasen wurde.

Wenn bisher die Mythologie erst in den Anfängen der Erfüllung dieser Aufgabe steht, so liegt es daran, daß die Vorbedingungen bisher für eine derartige Behandlung fehlten. Erst die neuere Zeit hat solche Untersuchungen überhaupt in den Horizont der Wissenschaft gerückt, so daß sie noch immer für  eine große Zahl Männer, die auf anderen Gebieten selbst Hervorragendes leisten, aber vorher mit ihrem wissenschaftlichen System in dieser Hinsicht abgeschlossen haben, eine terra incognitasind. Erst mußte nämlich J. Grimm die Sage in ihre wissenschaftliche Bedeutung einsetzen, erst Kuhn und M. Müller auch für die Mythologie innerhalb der indogermanischen Völker den Standpunkt der Vergleichung durchfechten, welcher für das Sprachgebiet derselben schon längst gewonnen war. Aber nur die allmählich fortschreitende Ausdehnung des gewonnenen Standpunkts auf alle Völker im anthropologischen Sinne und die Betonung des volkstümlichen Hintergrundes als der Quelle der gesamten geistigen Thätigkeit eines Volkes auch auf diesem Gebiet, (insofern nicht direkte Übertragung einer fremden Beligion nachweisbar ist), kann Gesamtresultate im obigen Sinne liefern.1) Freilich ist noch ein Moment für die volle Wissenschaftlichkeit nötig, ohne welches zwar sehr schöne Ideen im Anschluß an mythologische Betrachtungen gemacht, aber nie die fundamentale Entwicklung der Wissenschaft unter psychologischer Begründung voll gefördert werden kann. Wenn nämlich schon das Erkennen und Verstehen des volkstümlichen oder, allgemeiner gesagt, menschlichnatürlichen Standpunkts in seiner Primitivität eine Hauptforderung ist, so ist es noch in höherem Grade eine in dieser Wissenschaft mehr als in jeder andern nötige Verleugnung jeder Subjektivität und unbedingte Voraussetzungslosigkeit. Dies ist aber gerade in religiösen Dingen doppelt schwer und gilt z. B.. selbst nicht in vollstem. Maße von dem Schöpfer der neueren Mythologie J. Grimm.

Während man auf allen Seiten seiner Mythologie an das Werden der Gestalten, welche er aus den Sagen hervorzaubert, gemahnt wird und ihm selbst oft ein dahin zielendes bedeutsames Wort entfällt, so sperrt sich sein sonst so unbefangener Geist gegen die principielle Anerkenntnis des Werdens der Götter im fortschreitenden Leben der Menschheit. Wie andere den katholischen Standpunkt in die Wissenschaft vom Menschen hineintragen, so übertrug er neben seinem Idealismus den evangelischen Christen-, d. h. den evangelischen Kirchenglauben unbewußt in die Mythologie in jener Hinsicht. Es erschien ihm in betreff der letzten Gründe alles mehr oder weniger unter diesem Reflex. Der Gedanke an rohere Entwicklungsphasen auch für das ideale Leben, wie ihn so charakteristisch einmal W. v. Humboldt ausgeführt1), lag ihm überhaupt fern. So sagt er z. B. :

»Unter allen Formen ist monotheistische, wie der Vernunft die angemessenste, der Gottheit die würdigste. Auch scheint sie die ursprüngliche, aus deren Schoß dem kindlichen Altertum leicht sich die Vielgötterei entwand (?), indem des einen Gottes erhabenste Eigenschaften erst trilogisch, hernach zur Dodekalogte gefaßt wurden (?). Dies Verhältnis ergeben alle Mythologien (?), die unsrige, dünkt mich, vorzüglich klar (?): fast alle Götter erscheinen an Rang und Macht einander ungleich, bald überlegen, bald untergeordnet, so daß sie wechselweise von sich abhängig zuletzt insgesamt für Ausflüsse einer höchsten einzigen gelten müssen (?). Was der Polytheismus Anstößiges hat, wird dadurch gemildert, denn auch in der Heiden Brust war ein Bewußtsein jener Unterordnung schwerlich (?) völlig erloschen und der schlummernde Glaube an den höchsten Gott konnte stets erwachen.«

Dies klingt sehr schön; enthält aber zunächst meist mehr subjektive Voraussetzungen, die dem christlichen Gemüt wohlthun, aber vor der Wissenschaft mindestens erst im Einzelnen bewiesen sein wollen. Und von solchen oder ähnlichen Voraussetzungen sind die meisten derartigen Studien bis jetzt in praxi ausgegangen , ganz abgesehen davon, daß auch die volkstümlichen Grundlagen namentlich klassischerseits, wie schon oben angedeutet, meist vornehm ignoriert wurden, weil man sie nicht in ihrer Bedeutung erkannte und nur einseitig vom Studierzimmer aus und aus Büchern das Leben und die Entwicklung der Menschheit selbst für die Zeiten und Verhältnisse zu konstruieren versuchte, wo es entweder noch keine Litteratur gab oder sie einen verschwindenden Einfluß auf die Massen übte.

Will aber die Mythologie sich den anderen Wissenschaften voll anreihen und namentlich die ihr in bedeutsamer Weise neben der Sprachwissenschaft zufallende anthropologische Aufgabe erfüllen, d. h. vor allem mit dazu beitragen, den Schleier von der ersten geistigen Entwicklung der Menschheit zu lüften, so muß sie darnach trachten, ohne anderswoher entlehnte Voraussetzungen die Wissenschaft eines psychologischen Prozesses zu werden, der selbständig sich aus der Natur des Menschen entwickelt, bis dem heidnischen Glauben eine Lehre als Offenbarung gegenübertritt und ein neues Prinzip so in die Welt bringt.

Berlin, Ende November 1884.

W. Schwartz.

Text aus dem Buch: Indogermanischer Volksglaube: Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der Urzeit (1885), Author: Friedrich Leberecht Wilhelm Schwartz.

Siehe auch Deutsche Mythologie:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Indogermanischer Volksglaube