Schlagwort: Holzschnittzeichnungen

Die graphische Kunst kann man zu den deutschen Dingen rechnen. Es ist nicht sicher bekannt, woher sie ihren Ursprung genommen hat. Vielleicht sind wie der Steindruck, so auch der Kupferstich und Holzschnitt zuerst in Deutschland zu künstlerischer Vervielfältig gung benutzt worden. Die frühesten uns erhaltenen Beispiele, ja die Hauptmasse aller frühen Denkmale beider Arten sind deutsch. Aus dem Bildungstriebe, der in Deutschland in weiteren Kreisen lebendig war als anderswo, sind die vervielfältigenden Künste erwachsen, ebenso wie die deutsche Erfindung der Buchdruckerkunst, deren Werke der Holzschnitt schmückte und anschaulich machte.

Die einzelnen Kapitel:
Die deutsche Graphik – Die Technik des Bilddruckes
Die deutsche Graphik seit der Erfindung des Steindrucks
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Holzschnitts
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Kupferstichs
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 1. Dürer und sein Kreis
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 2. Die Kleinmeister
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 3. Cranach und die Graphik in Norddeutschland
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 4. Die Schwaben und die Schweizer
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 5. Die deutsche Graphik im 17. und 18. Jahrhundert

Die deutsche Graphik

2. Die Kleinmeister

Wie ein Mikrokosmos erscheint gegenüber Dürers und Baidungs genialen Explosionen die Welt der Nürnberger Kleinmeister, der eigentlichen Kupferstecher der Dürerschule, die schon der nächstfolgenden Generation angehören. Wendet sich Dürer mit einem Hauptteile seines Schaffens an gebildete, ja gelehrte Kreise, so sind die Beham, Pencz und die andren Stecher, die man wegen des kleinen Formats ihrer Werke Kleinmeister nennt, die eigentlichen Künstler des breiten Volkes.

In ihrem Werke ist wenig mehr von künstlerischem Kampf. Was Dürer in harter Lebensarbeit sich und der deutschen Kunst erkämpft hatte, was auch seine nächsten Genossen immerhin erst erwerben mußten, die Befreiung der Form von mittelalterlicher Enge, das fiel diesen Jungen in den Schoß. Es ist bezeichnend und mit der gewonnenen Formensicherheit zusammenhängend, daß die Nürnberger Kleinmeister Hans Sebald und Barthel Beham und Pencz schon in jüngsten Jahren ihr Ziel erreicht hatten. Sie waren frühreife und unruhige Köpfe. Ihre ketzerische und kommunistische Gesinnung war der Patrizierregierung der reichen und luxuriösen Stadt Nürnberg höchst fatal. 1520 mußten sie, alle wenig über 20 Jahre alt, die Vaterstadt verlassen. Hans Sebald siedelte sich nach unruhigem Hin und Her 1531 in Frankfurt a. M. an, wo er 1550 starb, sein jüngerer Bruder wurde Hofmaler des Bayernherzogs in München und starb 1540 auf einer italienischen Reise, Jörg Pencz aber kehrte später in die Heimatstadt zurück und wurde sogar Ratsmaler.

Sie waren die Künstler, die dem bildungshungrigen Volke künstlerische Nahrung boten. Was dieses interessieren mochte und in Dürers Schaffen nur eine nebensächliche Stelle eingenommen hatte, wurde das Hauptgebiet dieser Leute, die intime Stoffe auf kleinstem Raum darstellten. Sie sind die ersten deutschen Künstler, in deren Werken der Alltag vorherrscht, bei denen auch die biblische Szene, vornehmlich des alten Testamentes, zu einem volkstümlichen Vorgang wird. Mythologie, Allegorie und vor allem das Ornament spielen des Weiteren in ihrem Werk eine große Rolle, und äußerste, schon in frühen Lebensjahren vollendete Subtilität der Technik geht mit dem kleinen Format und den intimen Motiven zusammen. Hans Sebald Beham, der neben dem Kupferstich und der Radierung auch fleißig den Holzschnitt im Einzelblatt und als Buchillustration pflegte, ist in seiner Frühzeit stark von Dürer, vor allem in seinen Radierungen und der lebendigen und wirksamen Holzschnittpassion, aber auch von dem Regensburger Altdorfer beeinflußt. Er ist der weitaus fruchtbarste und geschäftigste der Kleinmeister. In den 1530 er Jahren, als er seine ganz volkstümlichen kleinen Stiche aus dem Bauern- und Soldatenleben schuf (Abb. 98) — es war die Zeit des Bauernkrieges! — stand er auf seiner Höhe. Später ist Leichtfertigkeit wahrzunehmen, die seinem liederlichen Leben entsprach.

Er scheint in Verkommenheit gestorben zu sein. Seine Stiche fanden weiteste Verbreitung, die er durch immer neue Überarbeitung seiner Platten ermöglichte. Auch die Stiche seines vor ihm verstorbenen Bruders überarbeitete und vertrieb er. Barthel Beham, wie sein Bruder und wie Pencz auch Maler, scheint als Graphiker nur in Kupfer gestochen zu haben. Er ist der edelste und künstlerisch Gewissenhafteste unter ihnen. Wie Hans Sebald ein glänzender Techniker hat er durch selbständiges Studium italienischer Kunst seinen kleinen Stichen eine edle Formenschönheit und einen monumentalen Zug gewonnen. So sehr sein wundervolles Blatt der Madonna am Fenster

Als Münchner Hofmaler zum tüchtigen Porträtisten geworden, hat er auch mehrere Bildnisse gestochen. Einige sind unbedeutend. Umso auffallender ist das ausgezeichnete kleine Porträt des Kanzlers Leonhard von Eck (Abb. 101), dessen Gesicht mit grausamem und verschlossenem Ausdruck hervorragend charakterisiert ist.

Auch seine ornamentalen und figürlichen Querfüllungen, die überhaupt im Werke der Kleinmeister als Vorlagen für Kunstgewerbler eine bedeutende Stelle einnahmen, sind glänzend durchgebildet. Seine Kämpfe nackter Männer zu Pferde und zu Fuß und die Blättchen mit Putten und Ornamenten sind kleine unerreichte Meisterwerke. Ein anderer Nürnberger dieses Kreises, den wir nur durch sein Monogramm J B, aber nicht dem Namen nach kennen, schließt sich an Barthel Beham an, kommt ihm in seinen kleinen Kampfstücken mit männlichen Akten nahe, schädigt aber bei anderen Blättern die Ruhe der Wirkung durch schwülstige Überladung mit Zierwerk, die wohl durch den Eindruck der Dekorationsarbeiten für Kaiser Max verschuldet sind. Seine Stiche sind neuerdings — nicht unwidersprochen — für Jugendwerke des Georg Pencz erklärt worden, der in Urkunden auch Jörg Bentz genannt wird. Die Signatur J B verschwindet 1530. Das Monogramm ausG undP erscheint schon vorher. Wenn beide wirklich identisch sind, so ist ein schlimmes Nachlassen in der Spätzeit festzustellen. Pencz müßte dann erst später den eigentlichen Einfluß Dürers, dem er notorisch nahestand, erfahren

haben. DieJB gezeichneten Stiche sind stilistisch nach dem Süden orientiert. Penczens späte Blätter mit ihren weichlichen, das kleine Format der Blätter peinlich überquel® lenden Akten sind saft® und kraftlos, eine Verirrung, gegen die seine schöne Planeten® folge von 1528 und 1529 um so mehr absticht. Die hier abgebildete Luna <Abb. 103) nennt ein Sachverständiger »die am schönsten bewegte Gestalt der ganzen deutschen Kleinmeisterkunst«.

Nicht eigentlich den Kleinmeistern zuzurechnen, obwohl seine graphischen Arbeiten in ihrem wertvollsten Teil kunstgewerbliche Vorlagen sind, auch kein Kupferstecher, sondern Plastiker und Holzschneider, ist der 1522 aus Ansbach nach Nürnberg ein® gewanderte und bis zu seinemTode, 1546, dort verbliebene Peter Flötner, soweit wir seine Werke kennen, ebenso wie jene der gotischen Fessel ledig gewesen . Ja, kein zweiter hat wie er, so edel wie selbständig, so frei und doch geschlossen formend, die Zierform der Renaissance ins Deutsche übersetzt. Dürers Entfesselungskampf, überhaupt Dürers Geist und Einfluß hat ihn kaum bemüht. Er war Holzplastiker und Plaketteur,- wir können annehmen, daß er seine Holzschnittzeichnungen auch selber aus dem Stock geschnitten habe. Ebenmaß von Erfindung und Ausführung sind vollendet. Der Wohllaut der Linie in seinen Vorlagen für Prunkmöbel, die räumliche Flarmonie seiner auf schwarzem Grunde stehenden Groteskornamente sind unvergleichlich. Der norditalienischen Buchillustration hat er viel zu danken. Doch treten seine eigenen Buchillustrationen, obwohl in der gleichen, vom Umriß ausgehenden Gesinnung geschaffen, gegen seine Werke der Gebrauchsgraphik zurück.

Die Kleinmeisterkunst blieb nicht auf Nürnberg beschränkt. An Dürer und an Beham hat sich derWestfale Heinrich Aldegrever (Paderborn 1502 — Soest 1555) gebildet, wird aber durch die Beeinflussung der benachbarten niederländischen Kunst zu einer veränderten, manierierten Formensprache geführt, welche die Figuren bis zur Karikatur in die Länge zieht und durch knittrige Falten, figürliche und ornamentale Überladung die Schönheit und Klarheit der Erscheinung herabsetzt. Doch ist er erfindungsreich und lebendig und hat sich einer eigenen und sorgfältigenTechnik bedient. Wie die Nürnberger, so stand auch er freidenkerischen Anschauungen nahe, und zu seinen besten Arbeiten gehören die großen gestochenen Bildnisse der Wiedertäufer (Abb. 110).

Einen breiten Raum nehmen auch in seinem fast 300 Stiche zählenden Werke kunstgewerbliche Vorlageblätter ein in etwas groben, teilweise plumpen Formen, Er ist der einzige hervorragende Graphiker der Zeit am Niederrhein. Der Kölner Jakob Binck ist zwar technisch gewandt, aber ohne eigene Erfindungskraft. Fast sein ganzes Werk besteht aus Kopien nach Autoren der verschiedensten Nationen. Beachtung verdient sein Bildnis des Königs von Dänemark (Abb. 111), dessen Hofmaler er eine Zeitlang war.

Auf Franz Brun von Straßburg, der unselbständig unter Behams und Holbeins Einfluß stand, und den Essener Johann Ladenspelder, dessen dünne Ornamentstiche von italienischer Manier sind, gehe ich nicht ein. Brosamer und Erhard Altdorfer sollen im sächsischen Schulzusammenhang bedacht werden.

Zu den süddeutschen Kleinmeistern zählt auch der Regensburger Maler, Kupferstecher und Radierer, Holzschneider .und Baumeister Albrecht Altdorfer (um 1480—1538), der Bruder des Erhard. Vielleicht ist durch seinen, des soviel Älteren, Einfluß überhaupt diese Gattung begründet worden. Verdankt er auch Dürer viel, wenn nicht unmittelbar, dann vielleicht durch den weiter oben genannten Stecher MZ, so verkörpert sich doch in diesem zarten, phantasier und geistreichen Künstler eine ganz andere und eigene Kunstrichtung, die der Donauschule. Zu fein, um damals so breit wirken zu können, wie die Kunst der Beham, ist die seine von einer natürlichen Art, die wir heute um so mehr zu schätzen wissen. Die Donaumeister bringen eine naive Naturfreude in die Kunst und auf eine so natürliche Weise, wie sie bis dahin darzustellen nicht gewagt wurde. Zum ersten Male begegnen wir der Landschaft ohne Staffage als Bildmotiv für die Radierung. Sein genaues Verhältnis zur Natur läßt ihn auch seine figürlichen Darstellungen in eine bedeutender behandelte Umgebung einbetten als die Meister des Dürerkreises, denen die menschliche Gestalt durchaus die Hauptsache war.

Die Erstlinge seiner Graphik, kleine figürliche Stiche, setzen die Kenntnis italienischer Niellen voraus, die überhaupt als eine Quelle der Kleinmeisterkunst zu beachten sind. Einen starken Einfluß auf seine Stilbildung hatte die wohl auf einer Fahrt nach Tirol und Italien kennen gelernte Kunst des Mantegna und Pacher, die noch lange in ihm nachklingt. Eine Vorliebe für die Untersicht, für kühne Verkürzungen, exaltierte Bewegungen, wirres Gefältel ist ein äußeres Merkmal. Der Holzschnitt des Kindermordes von 1511 (Abb. 115) gehört in diese Zeit.

Voll Innigkeit und leidenschaftlicher Bewegung, gesteigert durch seltsame krause Ver-schnörkelung des Linienwerkes, ist seine vierzig Blatt umfassende Holzschnittfolge des Sündenfalls und der Erlösung der Menschheit (Abb. 119 und 120).

Immer spielt die Landschaft eine große Rolle. Möglich, daß auch Cranach, dessen Jugend in irgend einem Zusammenhänge mit der Donaukunst gestanden hat, an der StiL bildung des Meisters beteiligt ist. Es ist nicht klar, wie der Einfluß zustande kam, auch nicht, ob nicht vielleicht eine Wechselwirkung stattfand. Allmählich greift eine Beruhigung in Altdorfers Formensprache Platz. Mehrere intime und feine Arbeiten — auch einen etwas überschätzten Farbenholzschnitt — hat er zu Ehren der »schönen Marie« geschaffen, welcher 1519 an Stelle der zerstörten Synagoge eine Kirche in Regensburg gebaut wurde. In diese Zeit mag auch der wundervolle Holzschnitt der heiligen Familie am Taufbecken (Abb. 121) gehören, »dessen Stimmungswerte vielleicht kein deutscher Graphiker wieder erreicht hat«. Wie das menschlich Figürliche in das krause zierliche Gewirr des Ornamentalen am Brunnen einbezogen ist, macht das Ganze wunderlich intim. Es ist der höchste Ausdruck einer dekorativen Gesinnung, die wohl durch die Arbeiten für den Kaiser Max, an denen auch Altdorfer beteiligt war, befruchtet wurde.

Eine robustere Natur als der zarte Altdorfer, aber ebenso vielseitig ist Wolf Huber, der, wahrscheinlich aus Feldkirch stammend, bis 1553 in Passau lebte. Niemand sollte sich den Genuß seiner kühnen und vielseitigen Landschaftszeichnungen entgehen lassen, wie überhaupt der mit jedem neuen Blatte sich wandelnde Reichtum seiner Persönlichkeit mehr aus seinen Handzeichnungen als aus seinen Holzschnitten sich erschließt. Der Landschaft ist mehr noch als bei Altdorfer die Hauptrolle zugeteilt. Während aber dieser eine Freude an dem einfachen Dasein der Natur hat, ist es erstaunlich zu sehen, wie Huber die Landschaft durch ihren Ausdrude den bildlichen Inhalt seiner Darstellungen stärken und verdeutlichen läßt. Ihre aufgeregte Leidenschaftlichkeit hebt den pathetischen Ton der Kreuzigung <Abb. 125) ebenso, wie ihr sinnlich flimmerndes Lichterspiel die Szene des Parisurteils <Abb.l26>. Eine ungeschlachte Landschaft umgibt den riesigen Christoph. Stimmunggebend sind auch die reich erfundenen Architekturen seiner wenigen biblischen Holzschnitte. Aus seiner Jugendzeit stammen ein paar Holzschnitte mit Landsknechten. Die derbe technische Ausführung steht ganz im Einklang mit der unbekümmerten Drastik der fröhlichen Figuren. Wie dem Schweizer Landsknecht Urs Graf, so mag auch Hubern etwas von der Art dieser heiteren Rüpel im Blut gesteckt haben. Wir kennen aus der bayerischen Schule eine stattliche Anzahl von Künstlern aus ihren Werken, ohne doch ihre Namen zu wissen. Weniger in der Graphik als in Werken der Zeichnung, Malerei und Plastik zeigt sich uns ein reiches Bild dieses Idylles in der deutschen Kunst.Außer Huber ist als Schüler Altdorfers Michael Ostendorfer in Regensburg tätig, gest. 1559) zu nennen, der Buchillustrationen und 1522 einen großen und lebendigen Holzschnitt der neuen Marienkirche in Regensburg machte.

Text aus dem Buch: Die deutsche Graphik (1922), Author: Bock, Elfried.

Siehe auch:
Die deutsche Graphik – Die Technik des Bilddruckes
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Holzschnitts
Die deutsche Graphik – Die Inkunabeln des Kupferstichs
Die deutsche Graphik – Das Jahrhundert Dürers 1. Dürer und sein Kreis

ALBRECHT DÜRER 1471-1528 Die deutsche Graphik

Zwei Werke haben Hans Holbein weiteste Volkstümlichkeit bis in unsere Tage geschaffen: eines das Bild, das die Muttergottes mit der Familie des Baseler Bürgermeisters Meyer darstellt, das andere die Folge von Holzschnitten, die unter dem Namen des Holbein-schen Totentanzes bekannt ist. Sie bezeichnen die zwei Gebiete, auf denen er in erster Linie tätig war: Malerei und Graphik. Ihre gleichmäßige Übung und Ausbildung teilt Holbein mit den meisten deutschen Malern seiner Zeit, sich allerdings in der Graphik auf den Holzschnitt beschränkend. Bei ihm, wie bei einigen anderen seiner Zeitgenossen, kommt ein Drittes hinzu; er hat eine Reihe von Zeichnungen für das Kunstgewerbe, vornehmlich für Goldschmiedearbeiten geschaffen. Wie für die Holzschnitte gilt für sie, daß der Künstler nur die Zeichnungen lieferte, die andere auszuführen hatten. Bleibt aber bei jenen die Verbindung zwischen Zeichnung und Ausführung eine so enge, daß in den meisten Fällen das vollendete Werk die Absichten des Zeichners rein wiedergibt und vollgültiges Zeugnis seiner Kunst ist, so gilt für die Goldschmiedearbeiten, daß sie eine weitgehende Umsetzung des Entwurfs in einen anderen Werkstoff und in eine andere Gegenständlichkeit bedeuten bei-ihnen wird man also, wo es möglich ist, auf die ursprüngliche Zeichnung zurückgreifen. Zudem zwingen bei Hofbein die erhaltenen Zeugnisse seiner Tätigkeit auf diesen beiden Gebieten zu einem solchen Verfahren. Von den Holzschnittzeichnungen — wenn solche überhaupt neben den unmittelbar auf den Stock gebrachten bestanden haben — ist nichts erhalten; von den Goldschmiedearbeiten, die nach seinen Entwürfen gefertigt wurden, ist keine bis auf unsere Tage gerettet worden, während die Entwürfe noch in reicher Zahl vorhanden sind. Die Arbeiten Holbeins auf diesen beiden Gebieten sollen im Folgenden besprochen werden.

Wie Italien im ersten Viertel des sechzehnten Jahrhunderts auf seinem Boden eine Blüte der Malerei und Bildhauerei erstehen sah, die einen der Höhepunkte in der Kunst aller Zeiten und Völker bedeutet, erlebte Deutschland um die gleiche Zeit auf dem bescheideneren Gebiet der graphischen Künste einen Aufschwung, dem nur noch die Niederlande etwas Ähnliches in der Kupferstichkunst des siebzehnten Jahrhunderts an die Seite zu stellen haben. Was an Stichen im Zeitalter Dürers geschaffen wurde, hat Geltung für alle Zeiten behalten. Das Beste, was damals an Holzschnitten entstand, ist schlechthin und weitaus das Bedeutendste geblieben, das in dieser Technik jemals hervorgebracht wurde. Die Gründe für diese Erscheinung sind mannigfache, die hervorstechendsten etwa folgende. Der Holzschnitt, damals etwa ein Jahrhundert in Deutschland, seinem Geburtslande, geübt, stand gerade auf dem Punkte der Entwickelung, an dem Frische und Spannkraft sich mit voller Ausbildung aller Mittel verbanden. Der zu gleicher Zeit einsetzende, umfangreiche Bedarf an gedruckten Büchern wirkte befruchtend auf die Entfaltung des Holzschnitts, der allein als buchschmückende Kunst in Betracht kam. Die von geistigen und religiösen Bedürfnissen erfüllte Zeit verlangte mit Lebhaftigkeit nach leicht zugänglichen, schaubaren Ausprägungen dessen, was sie bewegte. Entscheidend aber bleibt, daß die bedeutendsten Künstler zu Feder und Grabstichel griffen und oft das Beste, das sie zu geben hatten, der Kupferplatte oder dem Holzstock an vertrauten. So kommen einander Künstler und Betrachter lebhaft entgegen und es entsteht eine ganz volkstümliche und doch höchste Schön hei tsvverte schaffende Kunst.

Hans Holbein, im Jahre 1497 geboren, stammte aus Augsburg, in dessen Mauern die Tätigkeit Hans Burgk-mairs und seiner Schule und die Kunstbegeisterung Kaiser Maximilians seit etwa 1510 eine hohe Blüte der Holzschneidekunst zeitigten. Jedoch hat er seine Vaterstadt so früh verlassen, daß er kaum an dieser Bewegung tätigen Anteil genommen haben kann. Immerhin aber mag ihm in seiner Jugendzeit manches von den Arbeiten der Augsburger Holzschneider zu Gesicht gekommen, Art und Bedingungen dieser Übung bekannt geworden sein. Als er dann, ein Achtzehnjähriger, im Jahre 1515 auf der Gesellenwander-schaft nach Basel kam und sich nach Arbeit und Erwerb umsäh, bot sich ihm bald Gelegenheit für die dortigen Verleger Holzschnittzeichnungen zu liefern. Beschäftigung an anderen Orten, eine Reise in den Süden unterbrachen diese Tätigkeit für einige Jahre. Als er aber 1519 nach Basel zurückgekehrt war. hier Bürgerrecht und Meisterrecht erworben hatte, setzte sie um so lebhafter wieder ein. In der Zeit von 1519 bis 1526 hat Holbein in ununterbrochener Folge neben seinen großen malerischen Arbeiten eine fast unerschöpfliche Fülle von Zeichnungen für den Holzschnitt und den ihn ersetzenden Metallschnitt geliefert, keine Aufgabe verschmähend, die ihm gestellt wurde. Von verzierten Anfangsbuchstaben und Schmuckleisten bis zu Illustrationen von selbständigem Wert hat er alles entworfen, was zu einem reich ausgestatteten Buch gehört, dabei jedes Stück mit größtem Geschmack und vollem Einsatz seiner Kunst zu geschlossener Wirkung gestaltend. Dann ging er für zwei Jahre nach England. Als er zurückkehrte, war der Bedarf an solchen Arbeiten in Basel nicht mehr so stark; doch entstand auch damals, ln den Jahren 1528—1532, noch einiges von Bedeutung. Nur vereinzelte Arbeiten gehören dem letzten Jahrzehnt seines Lebens an, das er in England verbrachte (dort starb er 1543). Lebhafteste Tätigkeit als Maler, die Schwierigkeit in London Holzschneider zu finden, die fähig gewesen wären, seine Zeichnungen vollgültig auszuführen, mögen ihn der Arbeit für den Holzstock entfremdet haben. Um so eifriger hat er in dieser Zeit Entwürfe für Goldschmiedearbeiten geschaffen, zu deren Ausführung in London bedeutende Meister zur Verfügung standen.

In der Zeit, als Holbein in Basel arbeitete, hatte die Tätigkeit der dortigen Verleger sich zu höchster Lebhaftigkeit gesteigert. Schon im letzten Viertel des fünfzehnten Jahrhunderts waren illustrierte Bücher erschienen, die zu den schönsten der Zeit gerechnet werden können. Der junge Dürer hatte 1492 auf der Wanderschaft sich hier aufgehalten und fruchtbare Anregungen für die Illustration hinterlassen, ein uns dem Namen nach unbekannter Künstler, der seine Arbeiten mit den Buchstaben D S bezeichnete, hatte etwa fünfzehn Jahre später im Holzschnitt Bedeutendes geschaffen. Dann war die Führung auf Urs Graf, einen ausSolothurn stammenden, in Straßburg ausgebildeten Meister übergegangen, der eine reiche, aber recht ungleichmäßige Tätigkeit entfaltete. Von ihm gilt, daß er bereits die Forderungen der neuen Zeit in seinen, # den Renaissancestil anwendenden Arbeiten zu erfüllen strebte. Trotzdem ist zu betonen, daß eine führende Rolle Basel vor 1520 nicht zukommt. Das illustrierte Buch,vom Einzelholzschnitt ganz zu schweigen, wurde in anderen süddeutschen Städten, vor allem in Augsburg und Ulm in reicherer und fortschrittlicherer Weise gepflegt, und hinter der Bedeutung dieser Orte stand Basel weit zurück. Das wurde erst nach dem Auftreten Holbeins anders, und man kann sagen, daß seine Tätig-keit und sein künstlerischer Einfluß entscheidend dafür wurden, daß Basel auf diesem Gebiet die Führung erlangte. Tatsächlich haben die Verleger sich sehr bald mit jeder wichtigen Aufgabe an ihn gewendet, und andere Zeichner immer erst in zweiter Linie herangezogen.

Der Ruf der Baseler Druckereien gründete sich besonders auf ihre Ausgaben ‚griechischer und römischer Schriftsteller. Es war die Zeit des Humanismus, jener Bewegung, die mit einer außerordentlichen Heftigkeit alles aufgriff, was von der antiken Welt Kunde geben konnte, und eine vollständige Umwälzung des Geisteslebens auf allen Gebieten bedeutete. Damals wurden die Grundlagen für die gesamte geistige Kultur der folgenden Jahrhunderte gelegt. Und Basel spielte in dieser Bewegung eine nicht geringe Rolle. An seiner Universität lehrten fremde und einheimische Humanisten von Ruf, Erasmus von Rotterdam, der bedeutendste und einflußreichste Gelehrte der Zeit, ließ seine Werke hier drucken, kam oft selbst zu Besuch und siedelte 1521 von Löwen ganz nach Basel über. In seiner Umgebung lebten und wuchsen Freunde und Schüler, die wie er die klassischen Autoren heraus-gaben und deuteten. Und nicht die geringste Rolle bei dieser Tätigkeit spielten die Verleger. Sie waren damals zugleich Drucker. Aber sie waren dabei auch oft selbst Leute von umfassender gelehrter Bildung. Besonders gilt das von dem Verleger des Erasmus von Rotterdam Johannes Froben. Von ihm wissen wir, daß er selbst gelegentlich lateinische Vorreden zu seinen Büchern schrieb. Ihn verband Freundschaft und geistige Gemeinschaft mit den Gelehrten, deren Bücher erdrückte. Erasmus von Rotterdam wohnte bei seinen Besuchen in Basel bei ihm und blieb auch nach seiner Übersiedelung in engster Verbindung mit ihm. Mehrere andere in Basel lebende Gelehrte arbeiteten ständig an Frobens Verlagswerken als Herausgeberund wissenschaftliche Korrektoren mit, daruntersei Schwiegervater Wolfgang Lachner und Johannes Oekolampadius. Mit manchen von diesen Gelehrten muß Holbein durch seine Arbeit in Berührung gekommen sein. Denn gerade Froben war es, der in der ersten Zeit ihn fast ausschließlich beschäftigte und seine Mitarbeit am stärksten in Anspruch nahm. Von Erasmus wissen wir, daß er Holbein kannte, sich von ihm zeichnen und malen ließ und ihn mehrfach an Freunden empfahl. Vor allem dürfte Holbein mit dem Baseler Altertumsforscher Beatus Rhenanus viel zu tun gehabt haben, da dieser als ständiger Berater undMitarbeiter Frobens weitgehendsten Einfluß auf die Ausstattung seiner Verlagswerke hatte. Ermag es gewesen sein, der Holbein in die Weltder Alten einführte, ihm Anweisungen gab und Winke erteilte, was wohl bei der Illustrierung der gelehrten Bücher darzustellen wäre-Denn wir dürfen uns den Maler Holbein nicht als einen Gelehrten vorstellen, der nun, wenn er einen antiken Schriftsteller oder das lateinische Buch eines Zeitgenossen illustrieren sollte, sich hinsetzte und dieses Werk las, sich seine Gedanken darüber machte und ihnen dann Bildform gab. Er konnte deutsch lesen und schreiben; das war zu jener Zeit für einen Maler schon ein nicht geringes Maß an Fertigkeiten. Hieß es aber so schwierige Aufgaben übernehmen wie es z. B. das Titelblatt mit der sinnbildlichen Erzählung des Cebes war, so mußte er nach dem Programm eines Humanisten arbeiten. Bewundernswert ist, wie bei dieser Zusammenarbeit, zu der der Gelehrte doch schließlich nur Worte und Gedanken mitbrachte, Holbein das Gehörte zu lebendigen Bildern zu formen, alles was jener gelesen, in Schaubares umzusetzen wußte. Er hatte selbst Freude an den Büchern, die von seiner Hand geschmückt in die Welt gingen. Zeugnis davon gibt eine Reihe von Federzeichnungen, die er und sein Bruder Ambrosius meinem Exemplar des berühmten ,,Lob der Narrheit“ von Erasmus von Rotterdam ausgeführt haben. Das Buch gehörte dem Schulmeister Oswald Mykonius, mit dem Holbein in freundschaftlichen Beziehungen gestanden haben muß. UndMykonius mag den Brüdern an der Hand des lateinisch geschriebenen und somit für die Maler wohl kaum verständlichen Werkes, erzählt haben, was darin stand, während jene mit der Feder die Bilder, die ihnen dazu einfielen, bei den betreffenden Stellen an den Rand zeichneten. Es sind höchst witzige, rasch hingeworfene Einfälle, die bald diesen, bald jenen Gedanken aufgreifen und ihn in knappen Zügen umschreiben, abwandeln oder verspotten; Gelegenheitsarbeiten, die der Laune des Augenblicks entstammen, sind sie besonders geeignet zu zeigen, welche Fülle von künstlerischen Einfällen dem damals erst achtzehnjährigen Hans Holbein zuströmte.

Neben dem Humanismus wuchs eine andere nicht minder mächtige Bewegung in Deutschland heran: die Reformation der Kirche. Und sie faßte in Basel rasch und sehr entschieden Fuß. Der Boden muß gut vorbereitet gewesen sein, denn die Entwickelung ging so schnell vor sich, daß bereits im Jahre 1530 die neue Lehre offizielle Geltung hatte und die Anhänger der alten wegen ihrer abweichenden Meinung zur Rechenschaft gezogen wurden. Holbein selbst hat in diesem Jahre die Frage beantworten müssen, ob er sich zur neuen Lehre bekenne, und er hat sie nach einigem Überlegen bejaht. Wohl aus Überzeugung. Denn es finden sich schon lange vorher unter seinen Holzschnitten welche, die strenge Kritik an den Mißständen innerhalb der alten Geistlichkeit üben, wie z. B. ein Blatt mit der Darstellung des Ablaßhandels oder ein anderes, das auf der einen Seite Christus als den Tröster der Armen und Demütigen, auf der anderen Gelehrte und Priester auf den Abwegen zeigt, zu denen sie das Studium der antiken Philosophen geführt hat.

An der raschen Verbreitung der Reformation haben wieder die Baseler Verleger nicht geringen Anteil gehabt; zwar nicht Froben, aber einige andere. Viele theologische Streitschriften, Predigtsammlungen und ähnliche Bücher sind damals in Basel erschienen.

Vor allem aberdruckten seit 1522 die Verleger Thomas Wolff und Adam Petri die Bibelübersetzungen Luthers sofort bei ihrem Erscheinen nach. Dabei lagen ihnen die Wittenberger Ausgaben vor. Und sie hielten sich genau an diese, nicht nur beim Text, sondern auch bei den Abbildungen. Holbein war es wieder, der neben einigen anderen Zeichnern, die Aufträge für diese Ausgaben erhielt; und zwar scheinen sie so gelautet zu haben, daß die Wittenberger Illustrationen möglichst getreu zu wiederholen seien. Es handelte sich ja überhaupt bei diesen wie bei anderen religiösen Darstellungen um Dinge, die längst in Formen geprägt waren, an deren Gestaltung schon Jahrhunderte gearbeitet hatten. Daß bei solchen Aufgaben nicht die Wahl und Erfindung von darstellbaren Vorgängen, vielmehr allein ihre eindringlichere Fassung, ihre Ausprägung im Stil der Zeit, ihre künstlerische Umgestaltung in Frage kamen, leuchtet ein. Die Leistung des Künstlers braucht unter solcher Beschränkung nicht zu leiden, ja man kann sogar sagen, daß die Kraft zu einem ihm eigentümlichem Schaffen sich ganz besonders da offenbaren muß, wo er unter dem Zwang stebt, Altüberliefertes zu Neuem, Eigenem, Besserem umzugießen.

In der Zeit, da Holbeins Tätigkeit im Holzschnitt beginnt, war für diese Technik schon eine Arbeitsteilung fast allgemein üblich geworden. Durch sie unterscheidet sich der Holzschnitt wesentlich von dem Kupferstich. Denn während bei diesem Erfinder oder Zeichner und Stecher in einer Person vereinigt blieben, wurde die Arbeit beim Holzschnitt geteilt in die des Zeichners und die des Holzschneiders. Allerdings konn te das bei dieser graphischen Technik viel eher ohne Schaden geschehen, weil der Künstler direkt auf den Holzstock seine Zeichnung auf trug und der handwerkliche Schneider dann nur sorgfältig mit dem Messer den Linien zu folgen brauchte, während beim Kupferstich eine solche Vorzeichnung auf der Platte nicht möglich ist. Trotzdem erleidet der Holzschnitt je nach dem Grade der Geschicklichkeit und Sorgfalt des Schneiders Veränderungen der ursprünglichen Absicht des Künstlers. Von höchster Wichtigkeit ist also, daß tüchtige Handwerker dem Künstler zur Seite stehn. Mit Holbein haben in Basel sehr verschiedene Schneider zusammengearbeitet. Einige kennen wir beim Namen und wissen, aus größeren Reihen von ihnen ausgeführter Arbeiten, was sie leisten konnten. In großer Zahl hat Entwürfe Holbems ein gewisser Jakob Faber ausgeführt, der nicht immer die Absichten der Vorzeichnung voll zum Ausdruck gebracht hat; zudem arbeitete er, wie es zu jener Zeit in Basel beliebt wurde, nicht auf dem Holzstock sondern auf dem Metallblock, der nie so schöne, klare Drucke ergeben konnte, wie jener. Dasselbe etwa gilt von einem anderen Meister, den wir nur aus seinen Anfangsbuch staben C V kennen. Erfreulicher ist die Tätigkeit eines dritten Schneiders, Hans Herman, der mit seinen auf Holz ausgeführten Arbeiten den Absichten des Künstlers sehr nahe kam. Vollendete Übertragungen aber lieferte ein vierter, der zu den besten seines Faches zu zählen ist. Und gerade dieser, mit Namen Hans Lützelburger ist zu der Zeit nach Basel gekommen als Holbein seine schönsten und reifsten Holzschnittzeichnungen, wie die Folge des Totentanzes, einige der hervorragendsten Titelblätter, das Totentanzalphabet, das Bauernalphabet, den kreuztragenden Christus schuf. Es fällt ein Abglanz vom Ruhm Holbeins mit Recht auf ihn.

Aus dem Buch: Hans Holbein, der Zeichner für Holzschnitt und Kunstgewerbe (1920), Autor Zoege von Manteuffel, Kurt.

Hans Holbein der Zeichner für Holzschnitt und Kunstgewerbe