Über dem Beginn der griechischen Geschichte steht wie ein Morgenrot die homerische Poesie.

Hellenische und asiatische Fürsten verlassen ihre schimmernden Stadtpaläste, um zehn Jahre hindurch auf dem Gefilde zwischen dem schiffbedeckten Gestade, Priams hoher Feste und dem waldigen Idagebirge um schöne Weiber, Waffen, Schätze und Ruhm mit einander zu ringen. Dann fahren sie von Trojas rauchenden Trümmern in ihren dunklen Schiffen heim, manche von Insel zu Insel, von einem Abenteuer zum andern verschlagen, bis in die Tiefe des Hades hinab. Über alles ragt der Berg Olympos, auf dessen Gipfel unter Vater Zeus Lenkung die glanzvolle Götterfamilie wohnt, ewig und selig und doch oft von Liebe und Haß unter sich entzweit und in Liebe und Haß dem Treiben der Sterblichen dort unten zugewandt. So schwingen sie sich denn auch hilfreich oder verderblich zu ihnen herab oder empfangen droben den Fettdampf ihrer reichen Schlachtopfer oder die Gebete, die aus einfachen Tempeln zu ihnen aufsteigen. Auf einer nicht weiten und fest umrissenen Bühne, den Wogen und Inseln und Küsten des östlichen Mittelmeers, bewegen sich diese Menschen und diese Götter, nach Alter und Geschlecht, Geburt und Schicksal, Wuchs und Gemüt, Rang und Beruf scharf von einander geschieden. Ihre klare, milde, freie Schönheit, die reife und doch so frische Frucht einer langen Kultur, erquickt uns fremde Ungläubige noch heute, und ihr phantastisches Bild schwebt noch heute uns vor Augen wie eine zwar zerronnene, einst aber lebendig gewesene Wirklichkeit.

Und nach Homer verkündeten den Glauben an diese Wunderwelt und viele andere Götter und Dämonen und ihre mannigfachen Schicksale, Dienste und Feste Hunderte von hochbegabten Dichtem, Geschichtschreibern, Reiseschriftstellern und fast lauter noch zahllose Baumeister, Bildhauer und Vasenmaler durch unvergleichliche Werke, jeder in seiner, jeder aber in echt griechischer Weise. Schier unerschöpflich fließen die reinen Brunnen hellenischer Überlieferung.

Der Urkundenschatz unsrer germanischen Mythologie ist weit ärmer an alten, vollen heimischen und echt heidnischen Zeugnissen und ist untermischt mit viel fremdem Gut. Denn er ist bunt zusammengesetzt aus Berichten römischer Offiziere, Inschriften fremder Steinmetzen, Straf- und Bußparagraphen kirchlicher Synoden und Mönchsorden und aus Anekdoten christlicher Bekehrungsgeschichten, aus deutschen Zaubersprüchen, nordischen Götterliedern und isländischen Romannotizen, aus noch heute nicht verschollenen Sagen und still geduldeten Bräuchen unsrer Bauern. Es fehlt ein klares, echtes zusammenfassendes Bild, denn die altnordische Völuspa, die von der Götterdämmerung singt, ist voller Rätsel und noch dazu aus christlichen Ideen erwachsen; es fehlt auch fast völlig der Schmuck der Bildnerei. Aber überall, wo er nicht zu stark verschüttet ist, bricht auch aus germanischem Boden ein reicher Strom von Glaubenspoesie hervor, die denn doch trotz aller Renaissance und allem Humanismus uns oft tiefer ergreift als alle andre Heidenpracht, weil sie aus einem Geist geboren ist, von dem wir noch immer einen Hauch in uns selber verspüren.

Die wirre, zerstückelte Masse germanischer Glaubensurkunden ordnet sich in

1. Zeugnisse der Römerzeit von 50 v. Chr. bis 400 n. Chr.
2. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Südgermanen oder Deutschen und Angelsachsen von 400 bis 1000 n. Chr.
3. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Nordgermanen oder Skandinavier von 800—1300 n. Chr.
4. Nachklänge in der späteren Literatur und der Volksüberlieferung.


1. Die Zeugnisse der Römerzeit lehren uns sofort, daß nicht nur im schönen Hellas und im weltbeherrschenden Italien, sondern auch in den Mooren und Wäldern des armseligen germanischen Hirten- und Bauernlandes mit seinem trüben Himmel mächtige Götter verehrt wurden. Aber nicht führen uns heimische Sänger mit stolzen Heldengesängen in die deutsche Göttergesellschaft ein, sondern zwei fremde, unsem Altvordern noch dazu feindselig gesinnte Historiker gönnen ihr einige teilnahmlose kurze Worte, der ältere sogar gänzlich verständnislose. Freilich waren es zwei Römer ersten Ranges, der größte Römer aller Zeiten, Caesar, und ihr größter Geschichtsschreiber, Tacitus.

C. Julius Caesar war wohl der erste antike Mensch, dem die wesentliche Verschiedenheit der keltischen und der deutschen Nation, seiner großen auswärtigen Hauptfeinde, zum Bewußtsein kam, inmitten eines langen Kriegs, an der Völkerscheide des Rheins. Freilich ist seine Erkenntnis unselbständig und getrübt; denn seine auf die Germanen so eifersüchtigen gallischen Gewährsmänner haben ihn ungünstig beeinflußt. So übertrieb er in seinem Buch über den gallischen Krieg (IV. 1) das Nomadentum der Germanen und weiterhin VI. 21 die Rückständigkeit ihres Glaubens. „Die Germanen“, sagt er,

„haben keine Druiden (Priester), die den Gottesdienst verwalten, noch befleißigen sie sich der Opfer. Zu den Göttern rechnen sie nur diejenigen, die sie mit Augen sehen und durch deren Kräfte sie offenkundig unterstützt werden, nämlich Sol, die Sonne, Vulcanus, das Feuer, und Luna, den Mond. Von den andern haben sie nicht einmal durch die fama (d. h. die Sage, den Mythus) etwas vernommen“.

Der erste Satz ist nur insoweit richtig, als die Deutschen allerdings nicht, wie die Gallier in ihrer Druidenkaste, eine mächtige nationale Priesterhierarchie mit einem Oberpriester, Lehrpriestem und Priesterzöglingen besaßen, die auf einem alljährlichen Konzil in Chartres die Dogmen hütete und festsetzte, über ein geordnetes Schulwesen und ein blutiges Opfersystem, über Bann und Interdikt verfügte und trotz ihrer Auflösung durch die römischen Kaiser noch Jahrhunderte lang ein hohes Ansehen behauptete. Aber Priester von nicht unbedeutendem Einfluß und Opfer, wenn auch von minderem Umfang und Prunk, hatten auch die Germanen. Noch mehr führt Caesar durch seine Gegenüberstellung der Mythologie beider Völker irre. Die Gallier verehrten nach ihm als höchsten Gott den Merkur, ferner Apoll, Mars, Jupiter und Minerva d. h. menschengestaltig gedachte und dargestellte Wesen, die nach der römischen Auslegung etwa diesen römischen Gottheiten entsprachen. Aus dem Mangel irgendwie auffälliger Heiligtümer und Bilder jenseits des Rheins schloss er auf die Anbetung bloßer unpersonifizierter Naturkräfte, und zwar des Sol, der Luna und des Vulcan. Ob er gerade auf diese drei verfiel, weil ihnen in Rom, als einfacheren sabinischen Gottheiten, der Sabinerkönig Titus Tatius Altäre geweiht haben sollte? Oder ob er eigentümliche Bräuche, wie sie seine vortrefflichen germanischen Reiter im römischen Lager geübt haben mögen, auf sie deutete? Rief doch der Ampsivarier Bojocalus die Sonne als Zeugin an. Noch ums Jahr 1000 verbeugte sich der angelsächsische Bauer vor dem ersten Pfluggange neunmal gegen Osten, um dann zu beten, und noch begrüßt hie und da das deutsche Volk die Ostersonne, wenn sie in der Morgenfrühe über den Rand des Waldes oder den Kamm des Gebirgs heraufzutanzen scheint. Seine Toten bettete der deutsche Heide in die Erde mit dem Angesicht gegen Osten. Derlei alte Bräuche ließen Caesar vorschnell an einen Sonnendienst denken. Ferner weckten die verschiedenen Mondphasen: die Wiederkehr der jungen Sichel, die Pracht des vollen und das ihorgenliche Verschwinden des abnehmenden Mondes auch bei den Germanen ungleiche Empfindungen und dem Caesar auffällige. Gerade vor seinem ersten Zusammenstoß mit den Deutschen, vor der Schlacht bei Mülhausen (Besanon), vernahm er, daß die suebischen Frauen, nachdem sie das Los befragt, seinem Gegner Ariovist vom Kampfe vor dem Neumond abgeraten hätten. Die Opfer, die die auf den Neumond oder den Vollmond anberaumten großen Volksversammlungen einleiteten, konnten leicht mißverständlich auf den Mond bezogen werden.

Der Lärm und das Geschrei, womit man bei Sonnen- und Mondfinsternissen die Ungeheuer, die dann den beiden Gestirnen nachstellen sollten, von ihnen abzuwehren suchte, konnte diese im Licht geliebter Gottheiten erscheinen lassen. Endlich war urgermanischer Brauch, zu gewissen Opferzwecken die Flamme nicht an einem beliebigen Herdfeuer zu entzünden, sondern aus zwei unter feierlichem Schweigen gedrehten oder an einander geriebenen Hölzern mühsam hervorzulocken. In Rom geschah dasselbe, wenn einmal das heilige Feuer der Vesta erloschen war oder zur Zeit des Jahresanfangs, am 1. März, erneuert wurde, oder auch, wenn die Hirten der Campagna am 21. April Bohnenstroh in Brand setzen wollten, um der Reinigung halber durch die Flamme zu springen. Außerdem nannten die Römer ein feierliches Sommerfeuer, in das der Familienvater Fische als Opfer warf, nach Vulcan die Vulcanalia. Sah Caesar mm auch die Germanen mehrmals im Jahr im Freien nach jenem alten mühsamen Brauch Festfeuer anzünden, die sie gleichfalls jauchzend übersprangen und in die sie gleichfalls Opfer warfen, so mochte er auf den Einfall kommen, daß auch sie einen Feuergott, einen Vulcan, besonders hoch hielten.

Aber Caesars Charakteristik der allgemeinen Götterauffassung der Germanen geht ebenso fehl wie die ihrer einzelnen Gottheiten. Denn zahlreiche und oft sehr genaue Übereinstimmungen der deutschen und der skandinavischen Götter und Göttermythen lehren, daß die Deutschen schon vor ihrer Trennung von ihren nordischen Brüdern, also viele Jahrhunderte vor Caesars gallischem Krieg, an wesentlich dieselben menschengestaltigen, mit Mythen ausgestatteten göttlichen Wesen, nicht an bloße Naturkräfte glaubten. Auch stimmt Caesars Ansicht nicht zu einer gleich zu erwähnenden Notiz des etwas jüngeren Veile jus Paterculus und steht mit der des genau unterrichteten Tacitus in schroffstem Widerspruch. Dieser Widerspruch kann nicht etwa durch die Annahme eines inzwischen eingetretenen Fortschritts der germanischen Religion gelöst werden. Solche Revolutionen vollziehen sich nicht in der kurzen Frist von anderthalb Jahrhunderten, auch kann man weder eine tatsächliche Spur davon, noch auch nur einen in den Verhältnissen begründeten Anlaß dazu ausfindig machen. Ferner spricht kein sonstiges Zeugniß es deutlich aus, daß die Deutschen der Sonne, dem Mond und dem Feuer göttliche Verehrung erwiesen hätten. Jene Angaben Caesars sind also nur das Ergebniß flüchtiger Wahrnehmungen und falscher Schlüsse. Stammt wirklich eine Bemerkung des im 2. Jahrhundert n. Chr. lebenden Geschichtsschreibers Appian, daß Ariovists Leute auf ein anderes Leben nach dem Tode hofften, aus Caesars Zeit, so hätte dieser sogar diesen wichtigen religiösen Zug übersehen oder verschwiegen. Und wie entschieden die Germanen sich ihre Götter von glänzendem menschlichem Aussehn dachten, erweist eine Anekdote eines Offiziers des Tiberius, jenes Vellejus Paterculus, der ein halbes Jahrhundert nach Caesar mit seinem Herrn an der Elbe stand. In einem Einbaum, erzählt er, fuhr ein hoher fürstlich geschmückter Greis über den Strom nach dem römischen Lager hinüber, betrachtete lange schweigend Tiberius und brach dann in die Worte aus:

„Heute habe ich, o Caesar, die Götter gesehen, von denen ich früher nur gehört hatte.“

Unverwandten Blickes auf ihn zurückschauend fuhr er über den Strom zu den Seinen zurück. Ein paar Jahre später brach diese römische Herrlichkeit in Germanien in der Varusschlacht zusammen, und in den um die Walstatt gelegenen Hainen wurden die fast vergötterten fremden Offiziere den heimischen Göttern hingeschlachtet.

Wiederum 100 Jahre darauf, um 100 n. Chr., schrieb Tacitus seine Germania. Wie hatte sich das Verhältnis der Römer zu den Deutschen verändert! Zahlreiche deutsche Söldner dienten im römischen Heer, namentlich in der kaiserlichen Leibgarde der Hauptstadt selbst. Römische Kaufleute durchzogen besonders des Bernsteins halber die deutschen Weiler bis an die Ostsee. Von ihren rheinischen Standquartieren aus beobachteten die fremden Offiziere scharf ihre schlimmsten Feinde. Eine Traumerscheinung des in Germanien umgekommenen Drusus bat ihrer einen, den älteren Plinius, sein Andenken zu verewigen, und so schrieb dieser, der bis in die täglich zweimal überfluteten Marschen der Chauken vorgedrungen war, 20 Bücher germanischer Kriege. Aus seinem mit nüchternem, auf das Reale gerichtetem Sinn gesammelten Schatz von Beobachtungen hat Tacitus sicher manches uns erhalten. Einem andern unterrichteten Gewährsmann, der weit über die römische Einflußsphäre hinaus im fernen Nordosten wohl bewandert war, ist es zu verdanken, daß wir die ausgiebigsten und intimsten Götterkunden, die über Nerthus, den semnonischen Allwalter und die dioskurenhaften Alcis, gerade aus den von der römischen Reichsgrenze entlegensten Strichen Germaniens empfangen. Tacitus selber scheint übrigens auch einige Jahre in der rheinischen Armee gedient und unser Land mit eigenen Augen gesehen zu haben. Schon hatten die Römer viele Siege über die Germanen errungen, aber auch durch den Cherusker Armin und den Bataver Claudius Civilis blutige Niederlagen erlitten. Sie hatten ihre Feinde nicht nur gründlicher kennen, sondern auch achten, ja fürchten gelernt, und gerade tieferblickende Menschen, wie Tacitus, sahen die schlimmste Gefahr nicht so sehr in deren Leibeskraft und Tapferkeit, als in deren Freiheitsliebe, Sittenreinheit und Glaubensstärke. Denn seine Römer fand er versunken in Knechtssinn, Unzucht und Un- oder Aberglauben. Obgleich ihm die Rauheit und Roheit des germanischen Lebens nicht entging, war es ihm doch auch von einem gewissen verklärenden Schimmer umgeben, mit deiA Kulturvölker von sinkender Lebenskraft das Dasein von Naturvölkern zu idealisieren lieben.

So durchzieht seine Germania, die ursprünglich wohl nur auf eine geographische Skizze angelegt war, leise die weltgeschichtliche Ahnung, daß die idealste Richtung dieser zersplitterten armseligen Völklein, das Heldentum, noch dereinst den festgefugten reichen riesigen Soldatenstaat Roms zertrümmern werde. Schon als Jüngling sehnt sich Tacitus mit ganz modernem Naturgefühl aus der Gerichtshalle, dem Senatssaal, dem ehrerbietigen Klientengedränge hinaus in die Haine und Forste zu jenen schuldlosen Stätten und heiligen Ruhesitzen, wo das „secretum“ wohnt. Damit meint er nicht etwa einen heimlichen Musensitz, ein secretum museum, wie ihn der jüngere Plinius in seiner Villa am Meer preist. Es ist vielmehr dasselbe „grande secretum“, von dem im 4. Jahrhundert der Verteidiger der Christen, der edle Stadtpräfekt von Rom, Symmachus, vermittelnd versicherte, mehr als ein Weg führe zu diesem secretum, zu dem weltabgeschiedenen, unbekannten Gottheitsgeheimnis. Ebendieses secretum glaubt nun Tacitus in seinen Mannesjahren von den Germanen verehrt. Denn nach der Germania Kap. 9 scheine es ihnen der Erhabenheit der Himmlischen unangemessen, sie in Wände einzuschließen oder sie mit Menschenantlitz abzubüden. Nur Haine und Forste weihten sie ihnen und bezeichneten mit der Götter Namen jenes „secretum“, das sie nur in ihrer „reverentia“, ihrer frommen Phantasie, sähen. Hier glaubten sie das große Unbekannte, Undarstellbare, die Gottheit waltend. Tacitus ist nahe daran, seine eigne weltflüchtige, schwermutvolle Andacht in die Brust der derben deutschen Jäger und Bauern zu verpflanzen, weil er, wie Caesar, keine ragenden Tempel und keine Bildsäulen bei ihnen sieht. Allerdings im Sturmesrauschen des Waldes vernahmen sie den Jagdritt ihres Gottes Wodan, und ein geheimnisvoller Schauder mochte selbst sie in ihren mit blutigen Tier- und Menschenopfern behängten Hainen überkommen. Aber weder hat sich ihnen jemals die Waldesstüle in einem Gotte verkörpert, noch hielt sie die Scheu vor dessen Erhabenheit davon ab, ihn durch Tempel oder Bild zu ehren. Wir wissen leider nur zu gut, daß sie dies aus ganz anderen Gründen unterließen, nämlich aus dem Unvermögen ihrer damaligen Baukunst und Bildnerei. Sobald sie, von Fremden unterrichtet, jene Fähigkeiten gewannen, errichteten sie wie andre Völker ihren Göttern Tempel und Bilder, nicht zur Erniedrigung, sondern zur Verherrlichung. Ja sie hatten sogar schon vor Tacitus’ Zeit nach seiner eigenen Aussage damit angefangen. Denn wenn man auch den Tempel der Nerthus Germ. Kap. 40 als heiligen Hain und ihr „innerstes Heiligtum“ als ihren Wagen, auf dem Kühe im Frühling sie durch das Land ziehen, erklären will, ihr im heiligen See gebadetes „numen“ d. i. wörtlich Gottheit, kann doch wohl nur ihr Bild bedeuten. Noch sicherer ist der Tempel der marsischen Göttin Tanfana in Westfalen ein Bauwerk gewesen, denn es wurde nach Tac. Ann. 1,51 dem Erdboden gleich gemacht. Unscheinbare Götterbilder und Heiligtümer, wenn auch bloße festungsartige Ringwälle, sogenannte Burgen, wie sie noch bis heute erhalten sind, und dergleichen, müssen schon damals in Deutschland bestanden haben, und jedenfalls ist Tacitu obige Motivierung des Mangels falsch. Auch erwähnt er Symbole der Götter, wie z. B. das Schiff einer isisartigen Göttin, und Bilder ihnen heiliger Tiere, die, in den heiligen Hainen hangend, bei Kriegesanfang herabgenommen und dem Heere voran unter Schildgesang in die Schlacht getragen wurden. Denn die Gottheit wohnte dem Kriege bei und so auch deren Diener, der Priester. Im zauberischen Glanze der Mitternachtssonne aber sahen die Nordgermanen ihre Götter mit strahlenden Häuptern.

Einen gewaltigen Fortschritt hat das Verständnis der einzelnen deutschen Götter bei den Römern gemacht! Die vorgebliche Göttertrias Caesars: Sol, Vulcanus, Lima löst sich vor der besser begründeten des Tacitus in eitel Dunst auf. Der oberste Gott heißt bei ihm Mercur, die beiden andern Hercules und Mars Kap. 9, einer von diesen wird Kap. 39 von den Semnonen Allwalter genannt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß mit Mercur und Hercules die deutschen Götter Wodan und Donar gemeint seien, und wahrscheinlich soll Mars den Tiu oder Ziu, der auch wohl Saxnöt hieß, bezeichnen. Diesen Göttern fügt Tacitus einige Namen einer Göttin hinzu, den fremden der Isis und sogar zwei deutsche: Nerthus, die Mutter Erde, und Tanfana. Wahrscheinlich bedeuten alle drei eine und dieselbe Göttin der Fruchtbarkeit. So unvollkommen auch diese zweite, tadteische, Formel der römischen Auslegung deutscher Götter den Charakter derselben aussprechen mag, so ist doch darin zuerst die Hauptgruppe leibhaftiger Götter klar vor Augen gestellt, in denen die Germanen den höchsten Ausdruck ihres Glaubens gefunden haben. Die germanischen Gardereiter des Kaisers in Rom dankten bei ihrem Abschied auf ihren Votivsteinen im 2. Jahrhundert n. Chr. zunächst der kapitolinischen Trias: Jupiter, Juno und Minerva, dann aber einer anderen, wahrscheinlich auf ihre heimischen Götter zu deutenden Trias: Mars, Hercules und Mercur, die also genau mit der tadteischen übereinstimmt. Auch nach den späteren Zeugnissen haben drei große persönliche Götter und mindestens eine große persönliche Göttin von dem durch Tadtus wenigstens angedeuteten Charakter alle etwaigen andern Gottheiten, ferner die Riesen– und Zwergvölker, die Schwärme der Luft-, Wasser-, Wald- und Feldwesen und die uralten Ahnengeister in historischer Zeit hoch überragt. Auf diesen vier Ecksteinen hat immerdar der Oberbau der germanischen Mythologie, die germanische Götterwelt, geruht. Außerhalb dieses Götterkreises kennt Tadtus noch ein jugendliches Brüderpaar der Alcis oder Aid, von ihm mit Castor und Pollux verglichen, das jenseits des Riesengebirges der Stamm der Nahamavalen bildlos verehre. Einen Gott nennt er auch noch Kap. 2 den in alten Liedern gefeierten Tuisco, der selber aus der Erde hervorgekommen den Mannus d. i. Mensch zum Sohne hatte, den Vater der drei Ahnherren der drei germanischen Stammverbände der Ingwäonen, Istwäonen und Herminonen. Diese Stammsage sollte die auch von Tadtus an derselben Stelle betonte Autochthonie der Germanen, ihre Erdwüchsigkeit, beweisen, wie denn ähnliche Stammsagen von erd-, stein- und baumentsprungenen Volksstämmen namentlich auch die Griechen in zahlreichen Varianten erfunden hatten.

Und aus den Berichten des Tadtus darf man weiter entnehmen: zu bestimmter Zeit versammelten sich mehrere Stämme jener grossen Germanenverbände um ein gemeinsames Heiligtum, ingwäonische an der Ostsee im Nerthushain, istwäonische am Rhein um den Tanfanatempel und von den herminonischen die Sueben der Spreegegend im Walde des All Walters.

Tacitus widerlegt auch jenes absprechende Urteil Caesars über das Priestertum und Opferwesen der Germanen. Zwar weiß auch er nichts von einem Priesterstande oder von priesterlichen Geschlechtern, aber er umschreibt mit sicherer Hand den Kreis seiner Gewalt, wie sie neben der fürstlichen oder königlichen bestand. Dem priesterlichen Rate folgen willig Volk und Fürst, sie trauen aber auch gewissen Weibern, die aber darum nicht Priesterinnen sind, Sehergabe zu, deren Aussprüchen sie sich unterwerfen. Eine unter ihnen, Welöda, erlangte dadurch im Bataveraufstand ums Jahr 70 n. Chr. eine hohe geschichtliche Bedeutung.

Tacitus kümmert sich nur um die deutsche Götteraristokratie, nicht um das niedere Volk der Dämonen. Und doch schwärmten sie, ohne die die Götter, ihre späteren idealsten Mitglieder, undenkbar sind, schon damals vielgestaltig durch Berg und Wald und Feld und nisteten in den Hauswinkeln. Endlich ahnen wir kaum aus dem 27. Kapitel seiner Germania die Macht des deutschen Totenkultus.

Dennoch gebührt Tacitus das Verdienst, die erste umfassende Skizze von der germanischen Religion, freilich hie und da mit fremder Farbe abgetönt, doch in den großen Linien treu und fest gezeichnet zu haben, die erste und — sagen wir es gleich — auch die letzte, die aus der Heidenzeit stammt. Denn die römischen und griechischen Schriftsteller des folgenden halben Jahrtausends erwähnen wohl gelegentlich eine Seherin oder einen Priester, ein Opfer und die Umfahrt eines Götterbildes, im übrigen schweigen sie sich, allen Verständnisses fremder Eigenart und schärferer Beobachtungsgabe bar, über den germanischen Glauben aus und überlassen es den Steinen zu reden: durch die lateinischen Inschriften des Rheinlands und Britanniens. Steinmetzen römischer Schulung haben nämlich für die ihren Göttern dankbaren Soldaten oder auch für Kaufleute an den germanischen und britischen Militärstationen zahlreiche Altar- und Votivsteine ausgemeißelt und mit römischen Skulpturen und Inschriften versehen, glücklicherweise auch für deutsche Leute.

Nicht alle, wenn auch die meisten, waren römischen Gottheiten gewidmet, auf manchen Steinen aber überraschen mitten im Latein Götternamen von halb oder ganz unlateinischem, barbarischem Klange, und die Stifter mehrerer dieser Denkmäler tragen gallische oder germanische Namen oder bekennen sich als Genossen eines gallischen oder germanischen Stammes. Es sind wertvolle Zeugen der häufigeren Verschmelzung von römischem und keltischem und der seltneren von römischem und deutschem Religionswesen, die aber wegen der Schwierigkeit der Scheidung der zwei oder gar drei verschmolzenen Elemente mit Vorsicht benutzt werden müssen. So wurden früher die paar Dutzend lateinischen dem Hercules Saxänus gewidmeten Inschriften im Brohltal, aus dem die Legionäre und die Pferde der römischen Reiterei die geschätzten Tuffsteinblöcke in die Schiffe der Rheinflotte herabholten, um daraus z. B. die Mauern des Trajanlagers bei Xanten am Niederrhein zu erbauen, auf einen germanischen Donar bezogen, der mit dem Sachs d. h. mit einem Messer oder kurzen Schwert bewaffnet gewesen sei. Aber Hercules ist hier der römische Gott mühseliger Arbei tund zwar als Saxänus, das vom lateinischen saxum Stein stammt, der Gott der schweren Steinbruchsarbeit. Darum votierte man ihm im 1. Jahrhundert n. Chr. Inschriftsteine auch in Kalksteinbrüchen bei Metz und in dem Steinbruch bei Tivoli, der für die nahe Stadt Rom die ungeheuren, noch von uns angestaunten Travertinmassen des vespasianischen Kolosseums lieferte. Hier ragte auch ein Tempel des Hercules Saxanus hoch über den schäumenden Wasserfällen. Auch der am Niederrhein verehrte Hercules Magusanus ist wohl seinem Kerne nach römisch und seinem Beinamen nach eher keltisch als deutsch. Man hat auch in den (drei) Matronen oder Matres, den Müttern, denen namentlich im rheinischen Niedergermanien ein paar hundert Steine gesetzt worden sind, deutsche Schutzgöttinnen erkennen wollen, aber sie haben sich durchweg als keltische Ortsgöttinnen erwiesen, die allerdings später Germanen, insbesondere die kölnischen Ubier, in ihren Kultus hinübernahmen. — An der stürmischen Küste der seeländischen Insel Walcheren sind viele der Göttin Nehalennia gewidmete Steine durch Wind und Wellen bloßgespült worden. Sie ist als Göttin des Fruchtsegens und der Schiffahrt dargestellt, im Matronengewand aufrechtstehend oder auf einem Thronsessel sitzend, Fruchtkörbe oder Früchte im Schoße oder im Arm, ihr zur Seite ein Hund. Auf einigen Steinen stellt sie den linken Fuß auf den Steven eines Schiffs und stützt sich dabei auf ein Ruder. Auch werden ihr wohl Neptunus und Hercules beigesellt. Ein Kreidehändler dankt ihr für den Schutz einer von Britannien herübergebrachten Ware, ein andrer Händler für den Aufschwung seines Geschäfts, ein Vater für die Rettung seines Sohnes. Aber diese wie die andern Dedikanten sind Römer oder Kelten, wie denn die ganze See- und Niederrheinschiffahrt wahrscheinlich damals in keltischer Hand lag, wenn auch die Römer für ihre Rheinflotte gern germanische Bataver verwendeten. Jene Darstellung der Nehalennia ist genau nach der der römischen Isis zugeschnitten. Der dunkle Name, der nach deutschem Sprachgesetz schwerlich eine „Nachengöttin“ bedeuten kann, klingt mehr gallisch als deutsch. Dagegen ist auf vier Inschriftsteinen bei Münstereifel, bei Xanten, in Geldern und in Westfriesland eine echt deutsche Göttin Hludana entdeckt, der am letzten Orte Fischereipächter einen Altar setzten. Dann sind zwei Inschriften am Hadrianswall bei Housesteads in Nordengland gefunden, die von römischen Soldaten friesischen Stammes aus Twenthe die eine dem Mars und den beiden Alaisiagen, die andre dem Thingsus und den beiden Alaesiagen Beda und Fimmilena unter Kaiser Alexander Severus geweiht waren, d. h. wahrscheinlich dem Kriegs- und Volksversammlungsgotte und seinen beiden viktorienhaften Genossinnen. Diesen Soldatengöttinnen werden verwandt sein Hariasa die Verheererin (?), Hari-mella die Heerglänzende und Vihansa die Kriegsgöttin. Da die großen germanischen Göttinnen nie zusammengesetzte Namen führen und nach allen späteren Nachrichten ein kriegerisches Wesen an ihnen kaum hervor tritt, so sind diese wohl nur walkürenhafte Idisi oder Siegweiber gewesen, welche, wie wir bald hören werden, sich auf das Schlachtfeld herabließen und die Feinde fesselten und angriffen, die gefangenen Freunde aber von den Banden befreiten. Doch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß sie der fremden Kriegsgöttin Bellona oder Victoria, den angebeteten Lieblingen des römischen Lagers, nur nachgebildet und keine echt germanischen Wesen waren. Noch ein paar andre Namen, wie der Requalivahamus der im Dunkel Lebende oder dem Dunkel Überlassene, scheinen deutschen Ursprung zu beanspruchen. Aber auch sie halten sich meistens für uns noch im Dunkel zurück, und eine ganz andre Macht als der römische Militärstaat war dazu berufen, neues Licht über die Geheimnisse des deutschen Heidenglaubens zu verbreiten, die christliche Kirche, deren Zeugnisse wir jetzt vernehmen müssen.


2. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Deutschen und Angelsachsen. Die christliche Kirche war dazu berufen, dem deutschen Heidenglauben viel energischer zu Leibe zu gehen, als die römische Kaisermacht. Freilich beweisen ein paar hundert lateinische Lehnwörter der altgermanischen Sprache, wie viel die Germanen der rheinischen und britischen Römerkultur verdankten, Wein-, Obst- und Gemüsebau, manche neue Komart und manches neue Ackergerät. Von ihr lernten sie das Steinhaus, Maß-und Gewichtswesen, eine genauere Jahreseinteilung, selbst die Namen der Wochentage und manche römische Sitten und Bräuche. Unleugbar ging das Leben der rheinischen Germanen aus dieser Berührung mit der fremden Zivilisation verschönert und bereichert hervor. Doch dürfen alle diese wirtschaftlichen und sonstigen Anleihen und die erwähnten Versuche einer Annäherung römischen und germanischen Glaubens über die Tatsache nicht täuschen, daß die große Masse der deutschen Nation, zum schärfsten Unterschied von der gallischen, nicht nur die Herrschaft, sondern auch die Sprache und Kultur und insbesondere die Religion der Römer damals von sich abwies. Was in Gallien glückte, z. B. die Verknüpfung des neuen Gauverbandes mit der göttlichen Verehrung des Kaisers am Augustusaltar zu Lyon und die Verschmelzung der vielen Götter beider Nationen, das schlug in Germanien fehl. Der Augustusaltar in Köln, die Ara Ubiorum, gewann nie größere Bedeutung, weil er unter den unsicheren Germanen des rechten Rheinufers nie ganz sichere Sprengel gewann. Und fast möchte man einen symbolischen Akt darin erkennen, daß Segests Sohn Segimund, ein Schwager Armins, der zum Priester jenes ubischen Altars ernannt war, bei der Nachricht von der befreienden Varusniederlage seine römischen Priesterbinden vom Kopf riß und zu seinen Cheruskern zurückfloh. Denn was irgend von fremdem Glauben die Germanen angenommen haben mochten, das warfen sie wieder von sich seit dem 3. Jahrhundert, wo sie immer tiefer und verwüstender in die baufällige Römerwelt einbrachen. Langsamen Ganges schoben die Bauemstämme der Franken, Alemannen und Hermunduren ihre Siedelungen über den Rhein und die Donau vor. Zwischen ihnen hindurch und über sie hinweg stürmten die noch in beweglichen Heerlagern lebenden Wanderstämme der Burgunder, Sueven und Vandalen gewaltsamer südwest wärts. Weiter ab auf beiden Flügeln dieses unwiderstehlichen Zentrums gründeten die Goten und später die Langobarden südlich von den Alpen und den Pyrenäen, die Angelsachsen jenseits des Kanals ebenfalls auf römischem Reichsboden neue germanische Staaten. So fand sich der größte Teil unseres heidnischen rauhen Krieger- und Bauernvolkes aus unwegsamen Wäldern und Weiden des Nordens in mildere Landschaften versetzt, deren Grenzen von Türmen und Wällen beschirmt, deren Inneres mit Villen, Bädern und Grabmonumenten, mit Tempeln, Theatern und Fabriken bedeckt wrar, deren treffliche Straßen uralte Handelsstädte mit einander bequem verbanden. Aber wie ihnen Berg und Tal fremd waren, waren ihnen die ummauerten, enggassigen Städte gleich Tierkäfigen verhaßt, die sie am liebsten zerstörten, um sich außerhalb ihrer Trümmerstätten in Hof und Dorf niederzulassen. Das Unverständlichste hier in der Fremde war ihnen aber die jugendliche christliche Kirche mit ihrem Herrn und Meister, dem an einem Kreuze verblichenen und wiederauferstandenen Gott. Sollte auch dieser neurömische Glaube von ihnen scheinbar aufgenommen und alsbald wieder abgeschüttelt werden, wie der altrömische von den rheinischen Germanen? Oder wie wollte sich das germanische Heidentum mit dem Christentum abfinden? Die äußere und innere Lage dieser Germanen war doch eine ganz andere als dort am Rhein. Nicht als ob sie, wie ihnen so oft nachgerühmt wird, der christlichen Lehre ein besonders offenes und tiefes Verständnis entgegengebracht hätten. Aber erstens erleichterte gewiß die Versetzung vom heimischen Boden und Leben in ein fremdes und noch dazu meistens schon christianisiertes Land die Entwurzelung ihres Heidenglaubens. Zweitens traf die großartige christliche Gottesidee, die sich im ganzen Weltall von Ewigkeit zu Ewigkeit und wiederum in dem tief lyrischen Epos des Lebens Jesu kundtat, ob auch nur teilweise verstanden, die eigene zersplitterte, vergängliche und nicht durchweg erbauliche Götter- und Dämonenwelt mit viel wuchtigeren Stößen, als es der bunte zerfahrene römische Polytheismus vermocht hatte. Dazu trat ein drittes, mehr politisches Moment, das die Wendung entschied. Die unter den Romanen schon einflußreich gewordene christliche Geistlichkeit forderte von den Führern der Stämme auf ihrer gefahrvollen Wanderung durch das meist schon bekehrte Römerreich gebieterisch Unterwerfung oder drohte mit ihrer Feindschaft. Die germanischen Fürsten nahmen gewöhnlich unter solchem Zwange die Taufe und, indem sich ihnen ihre Getreuen anschlossen, erschien diesen auch Christus mit seinen Jüngern wie ein von Getreuen dicht umgebener Gefolgsherr. Mit Belohnungen und Drohungen lockten und schreckten die Christen wie die Heiden. Religiöse Bewegungen, die still und insgeheim das Gemüt ergreifen, entziehen sich freilich oft schon dem Auge der Gegenwart, wie viel öfter den Blicken der späten Nachwelt. Doch darf man behaupten, daß eine wachsende Sehnsucht nach der erlösenden, beseligenden Gewalt des Heilands, oder eine plötzliche Erleuchtung über die eigene Sündenschuld auf germanischem Gebiete sich selten kundgab. Selbst nach der Annahme der Taufe drang nicht einmal die Überzeugung von der völligen Nichtigkeit der Götter durch. In der Regel entschied die allmählich und kühl gewonnene Ansicht, daß denn doch Christus und der allschaffende Gott stärker sein müßten als Wodan und Donar, und das Heidentum wucherte meist noch Jahrhunderte unter dem Kreuze Christi weiter.

Indem nun die Welt- und Klostergeistlichkeit die Taten der Bekehrer der südgermanischen Stämme erzählte, in ihren Predigten den alten Göttern Christus gegenüberstellte, auf ihren Synoden und in ihren Bußbüchern den Götzendienst mit harten Strafen belegte und sogar Zaubersprüche ver-zeichnete, erschloß sie uns eine Reihe neuer, allerdings oft stark getrübter Quellen der Erkenntnis des germanischen Heidenglaubens.

Zuerst regte sich christliches Wesen bei den Westgoten an der unteren Donau. Ihr König Athanarich verfolgte im Jahre 348 die Christen seines Volkes grimmig, indem er auf einem Wagen ein Götterbild vor jede Tür fahren ließ. Weigerte sich der Bewohner, diesem zu opfern, so wurde ihm das Haus über dem Kopf angezündet. Doch Wulfila, ein Kappadocier, führte die bedrängten Christen wie ein zweiter Moses über die Donau in die schützenden Balkantäler und übertrug das Wort Gottes zum erstenmale in eine germanische Sprache. Ein anderer Gote, Radagais, der mit Hunderttausenden wilder Germanen ums Jahr 400 in Italien eingebrochen war, gelobte das Blut des ganzen römischen Volkes seinen Göttern, und schon flüchteten die Einwohner Roms, an der Macht des Christengottes verzweifelnd, aus den Kirchen zu den verlassenen Götzenaltären. Da zog die feindliche Wetterwolke vorüber. Lange bäumte sich der harte Frankenkönig Chlodovech gegen den Glauben an den milden Friedensfürsten Jesus, bis dieser ihm als der stärkste Schirmherr seines Reiches erschien oder, wie die Sage das bald ausdrückte, auf sein Gebet seiner schwankenden Schlachtreihe Halt und Sieg über die Alemannen verlieh. In seiner Taufe zu Rheims 496 vollzog sich der folgenreichste Akt der ganzen germanischen, ja abendländischen Bekehrungsgeschichte. Von hier aus drang die christliche Lehre in Deutschland ein, oft durch Wunder unterstützt, selbst durch das gewiss schwer empfundene einer plötzlichen Bierentziehung. Dem König Chlothar I, dem Sohne Chlodovechs, und seinem Gefolge veranstaltete der Franke Hozin ein Gelage mit Bierkrügen für die Christen und für die Heiden. Weil die der letzteren nach Heidenbrauch geweiht waren, wurden sie durch ein Wunder des hl. Vedastus ihres dämonischen Inhalts beraubt. Die Missionare des hl. Hilarius von Poitiers, des hl. Remigius von Rheims und am kräftigsten die des hl. Martin von Tours drangen seit der völligen Unterwerfung der Alemannen unter die Franken in den „Königsboden“, das vom Frankenkönig beanspruchte Krongut, ein. Da gab es einen Bischof neben dem Herzog, bekehrte Alemannen waren Pfarrer. Überall noch ein seltsames Gemisch desAlten-Heidnischen und des Neuen-Christlichen.

Die eigentliche Missionsarbeit auf deutschem Boden durchlief drei Stadien. Sie wurde begonnen in Süddeutschland von irischen Mönchen und fand hier wenig Widerstand, doch war sie oft ohne dauernden Erfolg, da die Glaubensboten ohne festeren Zusammenhang unter sich und ohne den Rückhalt eines stärkeren Kirchenwesens w irkten. Aber die von ihnen gegründeten Klöster blieben meist als wichtige Pflanzstätten der Bildung bestehen. Am Schluß dieser ersten Periode griffen auch wieder fränkische Bischöfe in die süddeutsche Mission bis Regensburg ein. In der zweiten Periode, dem 8. Jahrhundert, ordnet sich die Bekehrungsarbeit der geschulteren und weltklügeren Angelsachsen der fränkischen und somit der römischen Kirche unter, ihre Hauptgebiete sind Hessen, Thüringen und Friesland. Dort herrscht lange ein bedenklicher christlich-heidnischer Mischglaube, hier kommt es wiederholt zu blutigen Aufständen. In der dritten Periode stellt Karl der Große die Kräfte eines geordneten Staatswesens der Mission zur Verfügung, zumal die Militär- und die Polizeigewalt; nur diese können die Sachsen bezwingen, die nicht nur für ihr Land, sondern auch für ihren Glauben streiten. Daß der Widerstand vom Süden nach Norden wuchs, lag zum Teil im Stammcharakter, in dem bei den Sachsen die rauhe Abgeschlossenheit hervorgehoben wurde, zum größeren Teil in der geschichtlichen Lage. Im Süden hatte die römische Kultur schon viel Einheimisches zersetzt, und die beweglicheren Stämme hatten ihren Verband mit den alten Landesheiligtümem längst aufgegeben, während die Sachsen, unberührt von fremdem Wesen, auf ihrer Scholle sitzen blieben und sich zu Angriff oder Abwehr kampflustig um ihre alten Göttertempel scharten.

Der erste Missionar, der tiefer in deutsches Heidenvolk vordrang, war Columban. Er kam aus Irland, einer von der Völkerwanderung unberührten Stätte des Friedens und christlicher und antiker Wissenschaft. Als er im Frankenlande das Unheil des Goldes kennen lernte, trug er kein Bedenken, dasselbe durch lauter heidnische Mythen in Versen zu bekämpfen. Den Becher, in dem man ihm am Hofe der lasterhaften Frankenkönigin Brunhild Wein reichte, zerschlug er voll Zorns, ein furchtloser, unbequemer Bußprediger. Verjagt aus einem Vogesenkloster, führte er mit der neuen Heilslehre klösterliches Heiligkeitsleben in das entlegenere Alemannengebiet. Auf einer Wanderschaft am Züricher See traf er auf Christen und Heiden, wie sie um eine riesige Bierkufe beim Wodansopfer zechten, und sein Schüler Gallus stürzte bei Bregenz drei in eine Kirche eingemauerte Götzenbilder in den Bodensee. Der Stifter des Klosters Reichenau im Untersee, der Abt Pirmin oder vielmehr Pr im in, fand im Anfang des 8. Jahrhunderts nur getaufte Alemannen, für die er eine Art Musterpredigt, die Dicta abbatis Priminii, ausarbeitete, die dann Jahrhunderte hindurch mit mannigfachen Änderungen den germanischen Gemeinden immer wieder gehalten wurde, da sowohl ihr einer Teil, die Heilsgeschichte der Welt, gleichsam ein Mythus edelster gewaltigster Art, als auch ihr anderer, der in einer Kriegserklärung gegen den alten Glauben gipfelte, einen tiefen Eindruck auf die germanischen Gemüter nicht verfehlen konnte:

Gott schuf Himmel und Erde und im Himmel die Engel. Doch diejenigen Engel, die sich gegen ihn erhoben unter der Führung des ersten Erzengels, welcher Gott gleich sein wollte, stürzte er in den Luftraum hinab, wo sie Teufel und Dämonen wurden. Erst nach dem Engelsturz schuf Gott den Menschen, der sich vom neidischen Teufel zum Ungehorsam gegen Gott verleiten ließ. Adam und Eva taten den Sündenfall, ihre Nachkommenschaft versank immer wieder in Sünden trotz der großen Flut, der zehn Gebote und der Propheten, bis Gott Jesus schickte, der für die Menschen gekreuzigt wurde und durch das Blut und das Wasser, das aus seiner Seite floß, Sündenvergebung und Taufe verlieh. Dann fuhr er zur Hölle, um Adam, die Erzväter und Propheten ihr zu entreißen, den Teufel aber darin zu binden. Auferstanden entsandte er die zwölf Apostel und fuhr auf gen Himmel. Die Zwölf setzten das Glaubensbekenntnis fest. Nun wird die Bedeutung der Taufe und der feierlichen Abschwörung alles Teufelsglaubens in die Erinnerung gerufen, die ganze Reihe der Sünden zieht auf, zuletzt die Götzenanbetung, mag sie mm an Steinen, unter Bäumen, an Quellen, auf Kreuzwegen stattfinden. Auch an die Spruch- und Loszauberer, die Wahrsager, die Vorzeichen und bösen Geister soll man nicht glauben. Auch nicht heidnische Festzeiten, die Vulcanalien und Kalenden, beobachten, noch die Tische bereiten, Lorbeer anbringen, über einen Baumklotz Kornfrucht und Wein ausgießen und Brot ins Wasser werfen, beim Weben eine Göttin (Minerva) anrufen, bestimmte Tage für die Hochzeit und die Reise wählen, Zauberzettel und -kräuter und Bernstein anhängen, Wettermacherinnen und Leuten, die, auf das Dach gestiegen, die Zukunft aus dem Feuer, etwa einem brennenden Scheit weissagen, Glauben schenken. Endlich verbot Primin Neujahrsaufzüge in Hirsch-und Kuh Verkleidung, Aufzüge der Weiber in Männertracht und umgekehrt. Auch sollen aus Holz gemachte Glieder nicht an Kreuzwege und auf Bäume, um Heilung zu erlangen, gelegt, die Mondfinsternis nicht angeschrieen werden. Teufelsspiele und -scherze, -tänze und -lieder sind überall zu vermeiden. Aber der Kirche sind Weihrauch, Wachs und Öl zu opfern, man soll Zehnten von Frucht und Vieh bringen, ferner Almosen spenden, die Sonn- und Feiertage beobachten, eifrig Messen hören und in die Beichte gehen. So muß der alte Adam ausgezogen werden, damit die Auferstehung zum Gericht, die ein jeder in der vollen Kraft eines Dreißigjährigen erleben wird, zum Paradiese führe und nicht zum ewigen Feuer.

Der von Primin angegriffene Aberglaube ist nur teilweise echt alemannisch, wie z. B. das Steigen des Weissagers aufs Dach, meistens aber entweder ganz fremd, aus älteren kanonischen Büchern zusammengetragen, wie das Vulcanalienfest, oder wie die Kalendenfeier mit dem julianischen Kalender erst neuerdings im südwestlichen Deutschland eingebürgert.

Das mächtige Thema der Heilslehre aber, das die irischen Missionare um 700 in Schwaben und Baiern verkündeten, stellten dann auch ihre angelsächsischen Nachfolger in den Mittelpunkt ihrer Predigt, und Karl der Grosse schärfte eine ähnliche Musterpredigt seiner Geistlichkeit ein. Im Norden diente sie der Völuspa zum Vorbild.

Über die Zustände des englischen Heidentums und die Anfänge des Christentums belehrt uns am besten Beda (gestorben735) in seiner Kirchengeschichte Englands und in anderen Schriften. Nach ihm und späteren Chronisten brachten die Angelsachsen die Stammbäume und Stammsagen ihrer vornehmsten Geschlechter nach der britischen Insel aus Deutschland mit herüber. Der Gott Woden bildet darin den lebendigen Mittelpunkt, von dem in den verschiedenen 7 oder 8 angelsächsischen Reichen verschiedene Götter oder doch vergötterte Helden als Ahnen auf- und als Nachkommen bis zur Gegenwart absteigen. Die Bekehrer versuchten dann diese edlen Heidengeschlechter an Adam und Noah zu knüpfen. Diese Genealogien zerlegen oft den Inhalt eines Mythus in seine einzelnen Momente und verteilen sie auf mehrere Personen. So wird in der Reihe Skeäf, Skeldwa und Beäw, die von der Garbe, dem Schilde und dem Anbau ihren Namen haben, die Einführung des Ackerbaues, des Kriegswesens und der weiter um sich greifenden Kultur wiedergegeben. In den angelsächsischen Chroniken treibt auf einem steuerlosen Schiffe der neugeborene Skeäf, bald auf einem Strohbündel liegend, bald von Waffen umgeben, schlafend an die Küste von Angeln in Schleswig und wird von den Einwohnern freudig aufgenommen. Der Verfasser des Epos vom Beowulf, der dem Beda etwa gleichaltrig ist, schiebt diesen Mythus von Skeäf auf dessen Sohn Skyld ab, und Beowulf tritt an Beäws Stelle. Mächtig kommt dieser als Hauptheros aus dem dunklen Hintergrund seiner Ahnenwelt hervor und schlägt, ein Schutzheros seines Volkes, den Sumpfunhold Grendel samt dessen Mutter und einen Feuerdrachen. Vielleicht liefert das angelsächsische Runenlied noch eine andere Spielart jenes Kulturmythus; es weiß von einem göttlichen Helden Ing, der zuerst bei den Ostdänen war und dessen Wagen über das Meer ihm nachfuhr. Kein Zweifel, bei keinem anderen Germanenstamme zeigt sich eine so vielgestaltige, die Menschheit mit der Gottheit verbindende Heroenwelt, wie bei den Völkern der norddeutschen Halbinsel.

Doch auch diese stolzen Wodenssöhne konnten sich nicht des Gefühls der Nichtigkeit ihres Glaubens erwehren, wie uns Beda erzählt. Im Jahre 627 saß eines Abends König Edwin von Northumberland in seiner erleuchteten Halle. Ein Sperling schlüpfte zur Tür herein und flatterte scheu durch den hellen, warmen Raum hin, um durch eine andere Tür in der Winternacht wieder zu verschwinden. Bei diesem Anblick rief ein Hofmann aus:

„So rasch wie dieser Sperlingsflug durch die Halle vergeht das menschliche Leben mit seiner Lust. Was diesem aber vorangegangen sei und was ihm folgen werde, ist uns so dunkel, wie die Nacht dorten vor den beiden Türen. Darum, o König, nimm die neue Lehre der Christen an, die uns über unsere Zukunft nach dem Tode Sicherheit gibt.“

Der König befolgte den Rat, und der bereits für die neue Religion gewonnene heidnische Oberpriester schleuderte, auf des Königs Streithengst sitzend, einen Speer durch den Zaun in den großen Göttertempel bei York, um seinem Herrn die Ohnmacht der Heidengötter recht augenscheinlich zu machen, und das alte Heiligtum wurde mit allen seinen Höfen durch Feuer vernichtet.

Als die Bekehrung der Angelsachsen etwa um 650 vollendet war, zogen manche ihrer Mönche nach dem Vorbild der irischen ins Ausland, und ihre Mission erstreckte sich über den größten Teil Deutschlands von den friesischen Inseln bis zu den Alpen. Ihre Hauptführer waren Willibrord, der Apostel der Friesen, dann Winfried, den man übertreibend den Apostel der Deutschen nennt, und später Liudger. Auf seiner Rückfahrt von Dänemark ums Jahr 700, wohin Willibrord kühn vorgedrungen war, taufte dieser auf einer von den nordischen Seefahrern dem Gotte Fosete geweihten Insel, Helgoland, die Heiden in einem heiligen Quell, aus dem sie nur schweigend Wasser zu schöpfen wagten. Um diesen Frevel zu rächen, führten ihn die Ungetauften vor den wilden Friesenkönig Ratbod (fries. Redbad), aber das dreimal über ihn geworfene Los traf ihn nicht: die Götter wollten seinen Tod nicht. Denen diente man dort in schatzreichen Tempeln, deren Beraubung ein schmerzhafter Tod an der Stelle des Meeresstrandes büßte, wo ihn die Flut täglich zweimal überströmte. Willibrord entkam. Aber die Götter forderten später ein größeres Opfer. Das war jener Winfried oder Bonifacius, der Organisator der fränkisch-römischen Kirche. Er begann 716 in Friesland zu predigen, wandte sich dann namentlich Thüringen und Hessen zu, wo bereits Brittenmissionare, die Nachfolger jener irischen Mönche, und ketzerische Priester, die der Unzucht, Trunksucht und Jagdlust ergeben waren, das Evangelium in unsauberer Weise verkündet hatten, wo sie auf heidnischen Opferplätzen unter großem Zulauf des Volkes christlichen Gottesdienst hielten und Donarspriester christliche Taufen vollzogen. Auch brachten die Bekehrten nach heidnischer Sitte den Toten eifrig Opfer dar, und diese deutschen „Dummköpfe“ verwiesen noch 742 die entrüsteten Missionare trotzig auf die ebenso ausgelassene und schwelgerische Feier der Januarkalenden, die in Rom selber vor der St. Peterskirche betrieben würde. Aber Bonifacius wußte nicht nur durch die Predigt des Evangeliums das Gemüt zu ergreifen, sondern auch nach der ausführlichen Direktive des Bischofs Daniel von Win ton durch Vemunftgründe den Verstand zu gewinnen. Die Existenz der falschen Götter soll der Missionar nicht bestreiten, wohl aber deren echt göttliche Natur, da sie doch nach ihren eigenen Angaben geboren und erzeugt seien ganz nach Menschenart. Wenn also die Götter einen Anfang haben, so soll er fragen, ob auch diese Welt einen Anfang oder ohne Anfang immer bestanden habe. Im ersten Falle: wer die Welt geschaffen, da doch ohne Zweifel vor der Erschaffung für die noch nicht geborenen Götter ein Wohnort nicht gefunden werden könne. Behaupten die Heiden aber, die Welt habe immer bestanden, so forsche weiter, wer denn über die Welt vor den geborenen Göttern geherrscht und wie diese später die eigenmächtige Welt ihrer Herrschaft unterworfen hätten. Noch durch manche andere Fragen nach der Herkunft und Geburtszeit der Götter, nach dem zeitlichen oder ewigen Sinn und Nutzen der Opfer, deren die Gottheit doch nicht bedürfe, und warum denn die Götter trotz der Opfer den Christen die fruchtbaren Länder ließen, ihren heidnischen Verehrern die kalten Länder der Erde zugewiesen, möge Bonifacius sie weniger zur Erbitterung, als zur Scham über ihren törichten Glauben bringen. Der kluge Bischof hatte die wunden Stellen des Heidenglaubens wohl erkannt. Er wußte wohl, daß auch die gebildetsten Heiden auf diesem dogmatischen Gebiete sofort in die Enge getrieben werden mußten, weil ihrem lockeren Polytheismus eine Schöpfungslehre, überhaupt eine begründete und zusammenhängende Weltanschauung völlig abging. Und mit der heiligen Donarseiche, die Bonifacius bei Geismar fällte, krachte auch dieser Polytheismus zusammen, und aus ihrem Holz wurde eine christliche Kapelle gezimmert. Vom gewaltigen Werk der Reorganisation der verkommenen fränkischen Kirche, aus der Pracht seines Mainzer Erzbistums sehnte sich Bonifaz hinweg nach Friesland, um dort Willibrords und seiner eigenen Jugend Arbeit wieder aufzunehmen. Hier wurde er im Jahre 755 am Flusse Borne bei Dokkum während der Firmung Neubekehrter von den Heiden erschlagen, indem er vergeblich sein Haupt gegen das Schwert im Tode mit dem schützte, was ihm im Leben die schönste Erquickung geboten, mit dem Evangelienbuch. Aber nicht lange darauf wurde an der Stätte, wo sein Blut vergossen wurde, nach dem Beschluß der Gemeinde und eines großen Teils des friesischen Volkes ein hoher Erd wall als Schutz gegen die Einbrüche des Meeres errichtet und auf diesem eine Kirche erbaut. Und wie der Friesenfürst Abba den neuen Bau besichtigte, wurde plötzlich eine Quelle süßen Wassers entdeckt. Dennoch wucherte noch zu Karls des Großen Zeit der heidnische Glaube im Friesenvolke wieder üppig empor, doch der beliebte, alte, blinde Sänger Bemlef, der in den Dörfern des Hunsegaues die Kämpfe der Friesen-könige zum Saitenspiele sang, wußte dabei die Zuversicht zum Heiland bei seinen Zuhörern lebendig zu erhalten. Um das Jahr 786 taufte Liudger ohne Hindernis aus dem heiligen Quell auf Helgoland und ließ auf der verwüsteten Opferstätte des Gottes Fosete christliche Kapellen zurück. Doch Seeräuber verjagten bald wieder die christlichen Einwohner und fingen die christlichen Kauffahrer ab, und erst im 11. Jahrhundert wurde die Insel dauernd dem Christentum gewonnen, nicht früher als das ferne Island.

Den zähesten Widerstand in Deutschland leisteten die benachbarten Sachsen. Bei ihnen lag das heidnische Priestertum in der Hand eines hochangesehenen Adels, und so stark war der Wille der Götter über sie, daß ohne deren Befragung nichts unternommen wurde. Stimmten diese aber zu, so sammelte sich sofort ein kampflustiger Heerbann in den heiligsten Bezirken, den Grenzbezirken, in deren einem der rohe Baumstamm der Irminsäule ragte und die Eresburg, doch wohl der Sitz eines Gottes, als Ausfallstor diente. Aber den sächsischen Heiden war der gewaltigste Christ zum Zuchtmeister bestimmt, der Franke Karl der Große. Ihre Aufstände schlug er einen nach dem andern nieder — vergebens! Mehr als viertausend ihm ausgelieferte Sachsen vernichtete er durch die blutige Massenhinrichtung bei Verden a. d. Aller im Jahre 782 — vergebens! Endlich unterwarf sich 785 Widukind der Taufe auf der königlichen Pfalz zu Attigny. Karls Capitulatio de partibus Saxoniae, ein Glaubensgesetz vom Jahre 787 oder 788, bestimmte die härtesten Strafen für Hexen- und Leichenverbrennung, die nicht auf dem Kirchhof, sondern draußen auf der Heide vollzogene Hügelbestattung der Toten, die Quellen-und Baum Verehrung und die Menschenopfer. Den Königsboten, die als Aufseher durch den Gau ritten, und den Missionaren wurde ein 30 Nummern starkes Verzeichnis der abergläubischen Bräuche, ein Indiculus superstitionum etwa vom Jahre 800, mitgegeben, auf die sie im Sachsenlande ganz besonders achten sollten. Das ist nun alles echt germanisch und nicht aus fremden Bußbüchem herübergeholt, und wir sehen hier zuerst die großen Glaubensgruppen rein hervorsteigen: den Seelenglauben mit seinen Totenopfern und Totenzauberliedern (dadsisas), den Elfenglauben mit seiner Verehrung der Quellen und Wälder (nimidas), vereint mit dem Glauben an die mächtigsten Götter Jupiter und Mercurius d. i. Donar und Wodan. Das Notfeuer wird (bei Seuchen) angezündet, ein Yrias d. h. ein Umzug in zerrissenen Kleidern und Schuhen (zur Vertreibung des Winters) durch das Dorf unternommen und Unwetter durch Blasen in Hörner und Muscheln verscheucht. Nach einer dritten ungefähr gleichzeitigen Schrift, einem wahrscheinlich ostfälischen Taufgelöbnis, mußte der Täufling dem Teufel und aller Teufelsgilde und allen Teufelswerken und -Worten: Thunaer, Woden und Saxnot und allen den Unholden, die ihre Genossen sind, feierlich absagen. Diese drei Schriften zusammengefaßt bestätigen also einerseits die Meldung des Tacitus von den drei Hauptgöttem und ergänzen andererseits durch ihre Hinweise auf das mythologische Kleinleben seine in dieser Beziehung so mangelhafte Auskunft.

Trotz allen Maßregeln Karls und seiner Nachfolger dauerte der Heidenglaube in den abgelegenen Marschen noch im Beginn des 11. Jahrhunderts fort, wo Erzbischof Unwan von Bremen dort die heiligen Haine umhauen ließ, und jenseits der Elbe lebte der holsteinische Adel noch im 12. Jahrhundert in Vielweiberei und Verachtung der Fasten und des Klerus dahin, und das Volk verehrte Haine und Quellen.

Dieser mehrhundertjährige Kampf des fremden Christengottes mit den nationalen Göttern, in dem so viele plötzliche Scheinbekehrungen und noch mehr wirkliche schwere Rückfälle vorkamen, lehrt uns, wie der ReligionsWechsel des deutschen Volkes sich nicht mit der Raschheit einer jäh aufleuchtenden Damaskusvision, sondern in langsamen und oft stockenden Übergängen der Meinungeh und der Stimmungen vollzog. Im Gegensatz zu wenigen Einzelnen, die mit dem neuen Glauben ein neues Leben anfingen, brach die Mehrzahl der Getauften den Verkehr mit den verlassenen Göttern keineswegs ganz ab. Sogar die christlichen Geistlichen, in der kirchlichen Dämonenlehre aufgezogen, leugneten den Bestand dieser Götter nicht, sie galten ihnen für Teufel und böse Geister, gegen die sie mit ihren Exorcismen zu Felde zogen. Dem Volke aber blieben die Götter noch lange die altvertrauten Freunde, die im Hause und draußen in Feld und Wald über Wind und Wetter mehr Gewalt hatten, als der ferne vornehme Kirchengott in der Stadt. Der heilige Martin von Tours schlug sich mit Jupiter, Mercur, Venus und Minerva, die er für Teufel hielt, ähnlich derb wie sein großer Namensgenosse Martin Luther mit dem leibhaftigen Teufel auf der Wartburg herum. Dies geschah allerdings auf wesentlich romanischem Keltengebiet. Aber wir hörten soeben, wie in Hessen christliche Geistliche nicht vor Wuotanopfem zurückscheuten, und der heilige Liudger sah doch auch mit eignen Augen auf Helgoland die Heidengötter, wie sie vor dem emporgestreckten Kreuz gleich einem Nebel dahinfuhren. Das Volk aber blieb auch nach seiner Bekehrung dabei, daß seine Fürsten von den Göttern oder doch überirdischen Geistern abstammten. Jordanes nennt die Vorfahren des berühmten ostgotischen Königsgeschlechts der Amaler Anses d.h. Halbgötter. Die Herrscher der verschiedenen angelsächsischen Reiche leiteten sich auf ihren ausführlichen Stammtafeln von Woden ab, sogar Friedrich Barbarossas Zeitgenosse König Heinrich II. von England hielt noch im 12. Jahrhundert an dieser Herkunft fest. Nach einer Frankengeschichte aus dem 7. Jahrhundert hatte Merowech, der Ahnherr der Merowinger, einen dämonischen Ursprung; sein Vater war ein plötzlich aus der Meerflut aufgestiegener Stier des Neptunus, also ein germanisches Wasserwesen. Anmutig erzählt der Lango-barde Paulus Diaconus im 8. Jahrhundert, daß Wodan den Winilern, wie ein Vater seinem neugeborenen Sohne, den Namen „Langbärte“ und mit dem Namen auch eine Gabe, nämlich den Sieg, verlieh.

Obgleich nun auch noch das christliche Volk die Götter für die Ahnherren seiner Könige hielt und sich mancherlei Gaben von ihnen versah, war doch der Glaube an sie nicht das widerstandsfähigste Element des südgermanischen Heidentums. Denn sie zeigten sich doch zu deutlich dem neuen Gottesideal, der Christengottheit, nicht gewachsen. Und wenn die drei schwersten kanonischen Verbrechen, für die die Kirche Beichte und Buße verlangte, in früherer Zeit Mord, Unzucht und Götzendienst waren, so meinte man mit dem letzten nicht gerade vorzugsweise die Verehrung der großen Heidengötter, sondern vielmehr die der vielartigen Elfen, die täglich die Menschen umspielten, und die der Seelen, die doch noch immer mit den Hinterbliebenen verkehrten. Die einfachen, aber eifrigen Kulte dieser Wesen vermochte man nicht aus dem Leben des gemeinen Mannes herauszureißen; mit jeder neuen Jahreszeit, mit jeder neuen Weide-, Feld- und Waldarbeit erneuerten sich unausrottbar die alten feierlichen oder heiteren Festgebräuche wie die Blumen auf den Wiesen. Dem Götzendienst solcher Art trat nun die Geistlichkeit durchaus nicht immer streng strafend entgegen, sondern schlug den verhängnisvollen Weg des Kompromisses ein, der streng genommen bis auf den heutigen Tag von ihr, namentlich vom katholischen Klerus, nicht verlassen worden ist. So lebt denn noch heute gar manches Heidentum auch unter dem Schutze der Kirche fort und ist sogar in ihr Inneres eingedrungen. In den Synodalbeschlüssen der Geistlichen, in den Bußbüchern der alten irischen Mönche, wie der jüngeren angelsächsischen und fränkischen Bischöfe und in denStraf Satzungen der Könige, insbesondere Karls des Großen, überwog die Strenge, bis zu dem letzten großen Bußbuch des gelehrtesten Kanonisten seiner Zeit, des Bischofs Burchard von Worms (gestorben 1025). Mit dieser Richtung kreuzte sich aber eine andere milde, versöhnliche, die schon um 600 Papst Gregor der Große in seinem bekannten Briefe an den Abt Mellitus einschlug. Um die Angelsachsen leichter zum Christentum zu bekehren, rät er, solle man wohl ihre Götzenbilder, nicht aber ihre Tempel zerstören, diese vielmehr mit Weihwasser besprengen und mit Altären und Reliquien versehen. An den gewohnten Stätten, die nun Gott geweiht sind, werde die Menge sich gemütlicher fühlen und sich Laubhütten um diese Kirchen machen, um darin fröhlich die früher zu Opfern bestimmten Rinder zu verzehren. Das älteste heidnisch-christliche Kirchweihbild! Seitdem suchte man unabhängig viele nationale Bräuche und Vorstellungen mit den Riten und Dogmen der allumfassenden katholischen Kirche möglichst zu verschmelzen: das lehrt außer dem ganzen Festwesen namentlich der Dämonenglaube und das Segnen und Beschwören.

Ob nun gehegt, geduldet oder verfolgt und gefährdet, das Heidentum umstrickte im Frühmittelalter das ganze Leben der schon christianisierten Sueven in Gallizien, der Burgunder und Westgoten im Rhonetal und in Südfrankreich, der Franken im übrigen Frankreich, wie die im 5. und 6. Jahrhundert gehaltenen Synoden von Bracara, Arles, Auxerre und andere feststellten. Dem Heidentum dieser Völker waren aber manche nichtgermanische Elemente beigemischt, auch sprach die Hauptanklagen ein Kanon dem anderen nach, doch meist wohl nicht ohne Grund, weil der alte gleiche Aberglaube überall fest haftete. Aus den einigermaßen als echt beglaubigten Mitteilungen dieser bis zu jenem Burchard von Worms reichenden Literatur setzt sich etwa das folgende umfassende Bild zusammen, das eine freilich jüngere höchst willkommene Ergänzung zu dem älteren Glaubensbilde des Tacitus liefert.

Drei große Götter stehen, wenigstens im Sachsenlande, noch voran: Thunaer, Woden, Saxnot. Der Indiculus bekämpft die Opfer an den Tagen der beiden ersten, die er Jupiter und Mercur nennt, und Burchard noch die Donnerstagfeier. An diesen Tagen werden die Menschen geschlachtet sein, auf deren Opferung Karl der Grosse Todesstrafe setzte, und werden sich die zum Götterdienst zugehörigen Reigentänze auch noch in die christlichen Kirchen gedrängt haben. Neben jenen zwei oder drei Göttern gedenken Primin von Reichenau und Spätere einer Minerva, die man beim Weben anrief, was an den späteren Anruf der Holda oder Bertha beim Spinnen erinnern könnte. Wie man diese deutsche Göttin sausend durch die Luft fahren hörte, so ritten auch nach Burchard Weiber in der Nacht mit einer Holda oder Frigaholda durch die Luft. Aber noch beliebter scheint bei den meisten Stämmen der Dienst jener Unholde gewesen zu sein, die jenes Taufgelöbnis die Genossen der Götter nennt, die in (gute) Hulden und (böse) Unhulden geschieden werden. Auf die verschiedenartigen Elfen müssen sich auch die so oft erwähnten Opfer und Gelübde beziehen, die an alten Bäumen, frischen Quellen, mächtigen Steinen und auf Kreuzwegen dargebracht werden, wobei man Mahlzeiten hielt, Lichter anzündete und aus Holz nachgebildete Glieder aufhängte. In kleinen Laubhütten betete man um den Schutz der Flur und trug segnende Bilder über sie hin. Den brennenden Holzklotz auf dem Herde beschüttete man, um seine Asche zu befruchten, mit Früchten und Wein. Den Hof umzog man nach wohl schon indogermanischem Brauch mit einer Furche, wie es scheint, gegen Hexen, und man bereitete Schicksalsschwestem und Hausgeistern trank- und speisebesetzte Tische oder legte diesen Spielzeug und Schuhe hin. Zu Beginn des Jahres jagte man eine Hindin oder eine Kalbe unter lärmendem Unfug durchs Dorf; schon gegen Ende Februar klopfte man den Winter mit seinen Molchen, Mäusen und Motten aus den Türpfosten. Mondfinsternis verscheuchte man durch Kübel- und Kesselschlagen, Hagelschauer durch Hornblasen. Das fiebernde oder neugeborene Kind wurde auf den Herd gesetzt und mit Wasser aus siedendem Kessel begossen, Vieh gegen Krankheit durch einen hohlen Baum oder ein Erdloch gezogen. Man legte Zauberbinden und Halsamulette an und gewann für nicht genauer bezeichnete Zwecke durch Hölzerreibung das Nied- oder Nodfeuer. In der Nacht, zumal in der Neujahrsnacht stieg ein Weib, oder feierlicher ein schwertumgürteter Mann aufs Dach, die Zukunft zu erspähen, die man ebenfalls nachts auch auf dem Kreuzweg zu ergründen suchte. Man achtete auf Vogelflug, Pferdegewieher und Niesen, hörte gern Wahrsagern und Wahrsagerinnen und traute Hexen die Kraft des Wettermachens zu. Jedermann aber sprach Zauberformeln über Kräutertränke und Trinkhörner und bei zahlreichen anderen Anlässen. Den Toten zu Ehren sang man die ,dadsisas‘, lange Totenzauberlieder, und hielt Schmäuse an ihren in der Heide fern abgelegenen Grabhügeln. Leichen von Kindbetterinnen und ungetauften Kindern durchstieß man mit einem Pfahl, daß sie zu den Lebenden nicht wieder zurückkehren könnten. Aber man verehrte auch nach dem Indiculus die Ahnen wie Heilige, wie göttliche Schutzmächte.

Die Kirche nahm sich als Verwalterin und Spenderin allen Segens und aller Beschwörung gern der alten Zauberformeln und -bräuche an, die sie schwächer oder stärker umänderte. Ihr Anteil an der Ausbildung der Segensformeln ist noch keineswegs genügend beachtet: er erstreckt sich bis in die neueren noch heute gangbaren Zauberbücher, wie z. B. den Wahren Geistlichen Schild, ein Sammelsurium von Gebeten an die Heiligen und altheidnischen Formeln. Benediktionen sprach der Priester über Bräutigam und Braut, über die Wöchnerinnen bei ihrem ersten Kirchgang, über Kranke, über Haus und Brunnen, Brot und Salz. Der kirchliche Segen schützte das Kornfeld und den Obstgarten und weihte Banner und Schwert vor dem Kampf. Zu Ostern stellte man Speck und Brot, Eier und Käse auf den Altar wider Unwetter. Vom Getreide schnitt man zu Himmelfahrt einige Halme und trug sie zur Segnung um den Altar; dasselbe geschah zu Jakobi (25. Juli) mit dem Obst, zu St. Sixt mit den Trauben. Durch die Synode von Cloveshoe, die Erzbischof Cuthbert von Canterbury 747 berief, erfahren wir, daß die schon länger übliche römische Litanei der drei Tage vor Himmelfahrt, wobei die Heiligenreliquien vorangetragen wurden, mit Spielen, Pferderennen und Mahlzeiten ausgestattet war, wie sie wahrscheinlich bei der Umfahrt einer alten Flurgöttin, wie der Nerthus, gebräuchlich waren. Christliches, Römisches und Germanisches durchdringt viele der angeführten Bräuche.

Aus diesem Kreise hohen und niederen Heidenglaubens, den die lateinischen Aufzeichnungen beschreiben, schlagen nun zum erstenmale ein paar ureigene Brusttöne, echt germanische Klänge, in einem Dutzend altdeutscher und angelsächsischer Segen und Zauber Sprüche an unser Ohr.

Höchst eigenartig tragen sie zunächst ganz episch einen typischen Fall vor, in welchem sich der Spruch gleichsam zum erstenmale wirksam gezeigt hat, dann erst die eigentliche Zauberformel. Die ältesten sind die beiden nach ihrem Fundort sogenannten Merseburger Zaubersprüche, zwei in nicht immer genauem Stabreim verfaßte, im 10. Jahrhundert aufgezeichnete Gedichte, die seltsam genug einem Missale vorangestellt sind. Den einen spricht ein Kriegsgefangener, der erzählt, wie von drei Haufen zur Schlacht herabgeflogener Idisi d. h. göttlicher Weiber der eine hinter dem Heer der Landsleute die gefangenen Feinde fesselt, der zweite sich dem feindlichen Heer entgegenwirft und der dritte hinter diesem Heer ihn selber entfesselt und ihm zuruft: „Entspring den Haftbanden, entlaufe den Feinden!“ Nach dem zweiten Segen, der über ein lahmes Pferd gesprochen wurde, verrenkte auf einem Ritt Phols und Wodans zum Walde das junge Tier Balders (d. i Phols?) seinen Fuß, worauf vier offenbar göttliche Weiber Sinthgunt und Sunna, Fria und Volla und endlich der zauberkundige Wodan mit einer alten indogermanischen Formel Bein zu Beine, Blut zu Blute, Glied zu Gliede erfolgreich besprachen. Die ungefähr gleichzeitigen angelsächsischen Zauberlieder sind zum Teil von ausführlichen Anweisungen in Prosa umgeben. Das eine fleht die Siegweiber an, nicht zum Walde fortzufliegen, sondern sich zur Erde herabzulassen. Nach einem andern ritten mächtige Frauen, Hexen, über den Berg und sandten gellende Speere, Götter-, Elben- und Hexengeschosse, die in den Körper des Beschworenen gedrungen ihn (durch Milzstiche?) krank gemacht haben. Der Beschwörer hat ihnen einst, als sie ihn bedrohten, ein Messer entgegengeworfen, er fleht, das Hexengeschoß solle schmelzen, die Zauberin in die Wildnis fliehen. Der Herr möge helfen!

Auch war die Kirche bereit, heidnische Beschwörungen mit ihren christlichen Exorzismen zu verschmelzen. So bannte sie z. B. die Dämonen nach altdeutscher Weise gern in das Meer, und es ist möglich, daß sie schon im Frühmittelalter die seit dem 12. Jahrhundert bezeugten Tiermalediktionen und -exkommunikationen vorbereitete, welche, wie aus dem 2. Kapitel deutlicher werden wird, den Heidenglauben an die in gewissen schädlichen Tiergattungen wohnenden Menschenseelen oder Dämonen vorauszusetzen scheinen. Das erste umfassendere Beispiel der Verschmelzung heidnischer und christlicher, beziehungsweise antiker Vorstellungen liefert die große angelsächsische Ackerbuße ums Jahr 1000, die einen unfruchtbaren, verhexten Acker bessern soll. Die Kirche erkennt darin die heidnische Heiligung des ersten Pflugganges, die den indogermanischen Völkern gemeinsam war, dadurch gern an, daß sie diese, aber nur teilweise, verchristlicht. Gott und Maria werden neben (den Göttinnen?) Erke und Folde in einem „gealdor“ Zauberspruch angerufen. Mit dem Weihrauch und den Weiheformeln der Kirche mischt sich der Duft heiliger indogermanischer Ackerpoesie. Der Neunkräutersegen, der über jedem der neun empfohlenen Heilkräuter dreimal gesungen wird, bevor dem Kranken die daraus gefertigte Salbe aufgestrichen wird, schwelgt in echt angelsächsischer breiter Ausmalung, ohne römische Gelehrsamkeit und christlichen Einfluß zu verleugnen.

Nicht so weit ist dieser Verschmelzungsprozeß in der deutschen und englischen Poesie gediehen. Doch schlüpften nicht nur in ihre christlichen Epen einzelne heidnische Züge, sondern auch umgekehrt in die Mythen und Sagen ihrer Heldendichtung manche christliche Züge ein.

Christlichen Einfluß in dem schon angeführten angelsächsischen Epos Beowulf verraten namentlich die Reden, die eine weiche, fast unheroische Stimmung durchzieht. Umgekehrt nähern sich im etwas späteren Heliand, der altsächsischen Messiade vom Jahre 830, Christus und sein Gefolge deutscher Weise. An den Himmel und die Engel des Evangeliums setzt sich ein leiser deutscher Duft; von der grünen Gottesaue rauschen die Engel in vollen Federhemden herab. Altheidnisch heißt das Schicksal Wurd oder auch Metodo Giscapu die Beschlüsse der Messenden. Noch ums Jahr 1200 übertönt all die christlichen Hymnen und Legenden, all die innigen und sinnigen Minnelieder und all die feinen und tiefen Ritterepen das Nibelungenlied vermöge der überwältigenden heidnischen Leidenschaft einer uralten Heroensage. Zwar das einstige Hauptthema, der Drachenkampf, ist zu einem eindruckslosen Nebenmotiv eingeschrumpft, die Riesen und Zwerge sind zurückgedrängt und Brünhild hat ihren Walkürenglanz eingebüßt. Aber die heidnische Blutrache durchzuckt noch mit furchtbarem Leben das Ganze, und eine der schönsten Scenen des Gedichts atmet noch das volle frische heidnische Naturgefühl. Es sind doch noch zwei echte Idisi, die der grimme Hagen an der Donau belauscht, wie sie sich in einem stillen Waldquell kühlen, gleich Vögeln auf der Flut schwebend. Da spricht die eine listig, um ihr von ihm geraubtes Gewand wieder zu bekommen, daß die Burgunder in Etzels Land zu großen Ehren reiten; da spricht die andere wahrhaftiger und fliegt mit dem wiedergewonnenen Kleide davon —:

„Ihr habt alle den Tod an der Hand!“

Ein letztes Meisterstück deutschheidnischer Poesie mitten im Mittelalter! Doch zahlreichere und noch vollere suchen wir nun im germanischen Norden auf.


3. Zeugnisse aus der Zeit der Bekehrung der Nordgermanen von 800—1300. Gerade um das Jahr 800, als die Bekehrung der Deutschen mit der Taufe der letzten Friesen und Sachsen einen gewissen Abschluss gefunden hatte, tat sich den christlichen Glaubensboten eine neue, bis dahin kaum bekannte germanische Heidenwelt auf. Die dänischen Buchenwälder, die schwedischen Seenplatten, die tief eingeschnittenen norwegischen Felsenfjorde waren seit unvordenklicher Zeit von germanischen Bauern und Schiffern besiedelt, und ihre kühnen Fahrzeuge beherrschten früh die Ostsee und dann auch die Nordsee. Um 800 begannen die Wikinger in dichteren Geschwadern in die mitteleuropäischen Kulturstaaten einzudringen.

Damit treten sie ins historische Licht. Aus der vorangegangenen, der rein heidnischen, Zeit wissen wir fast nichts. Selbst die Inschriften der Runensteine, deren älteste bei den Norwegern wohl erst nach ihrer Berühruug mit den Briten Vorkommen, liefern nur spärlichste Nachrichten über das nordische Heidentum. Wir lesen von diesen Grabsteinen keine Hoffnung auf ein Jenseits ab, nur selten mehr als den Namen des Runenritzers und den des Begrabenen. Doch sind einige unter Thors des Donnergottes Schutz gestellt nicht nur durch ein Abbild seines Hammers, sondern auch durch den Heilsspruch:

„Thor weihe diese Runen“,

oder

„Thor weihe diesen Hügel“,

wie denn ein „Weihe, Thonar“ auch auf eine deutsche zu Nordendorf bei Augsburg gefundene goldene Spange eingeritzt ist. Kleine silberne Thorshämmer, die wie die christlichen Kreuze an einer Halskette getragen wurden, sind häufig gefunden w orden. Schon im 9. Jahrhundert aber rühmt sich der dänische König Harald Blåtand auf einem Grabstein, den er bei Jellinge in der Mitte Jütlands seinen Eltern, Gorm und Thyra, errichtet hatte, daß er sich ganz Dänemark und Norwegen unterworfen und die Dänen zu Christen gemacht habe. Und wie ein heiliger Zeuge breitet auf dem Stein das Bild des Heilands seine mit Bänderschmuck umschlungenen Arme aus. Die heidnische Skulptur hatte auch bei den Nordgermanen nur ein kurzes Leben!

Die Zeugnisse der nordischen Literatur sind erst viel später auf gezeichnet, jedoch zum Teil noch in der Heidenzeit oder in der Bekehrungszeit, also im 10. und 11. Jahrhundert, entstanden und seitdem durch mündliche Überlieferung mehr oder minder treu bewahrt. Unsere Überraschung darüber, daß wir aus ihren drei Hauptgruppen, der isländischen Saga, der norwegisch-isländischen Skaldendichtung, der dänischen Geschichtschreibung des Saxo Grammaticus, von dem untergehenden Heidenglauben keineswegs ein einheitliches Bild gewinnen, wird schwinden, wenn wir der historischen Entwicklung des Nordens gedenken.

Vor dem überwältigenden Eintritt der Nordgermanen in die Weltgeschichte war ihr Heidentum zwar in seinem Kerne dem deutschen ähnlich, doch nicht mehr gleich. Namentlich seine alten Riesenmythen verraten, daß es in einer durchweg wilderen und großartigeren Natur als das deutsche, mitten unter Felsen und auf Meeren, groß geworden ist. Die starken Gegensätze zwischen der düsteren Schroffheit und der lachenden Freundlichkeit dortiger Landschaften mögen auch den Gegensatz des unterweltlichen und des himmlischen Jenseits gesteigert haben. Auch hatten die Skandinavier fast ein halbes Jahrtausend länger als die Deutschen Zeit, ihre Götterwelt, bevor der Christenglaube zerstörend in sie hineinfuhr, feiner und personenreicher auszugestalten. Dazu gewann oder behauptete in Dänemark Odin, der deutsche Wodan, dagegen in Norwegen und Island Thor, der deutsche Thunar, und in Schweden, wie es scheint, Frey(r), ein den Deutschen unbekannter Gott, die Obergewalt. Auch war die zwar vielnamige, aber doch gleichartige Hauptgöttin der Deutschen im Norden in zwei verschiedene Göttinnen, Frigg und Freyja, gespalten. Die drei großen Ereignisse aber, welche die nordischen Stämme in die Weltgeschichte einführten, lenkten nun auch ihre Mythologie in neue Bahnen. Die Eroberung des weiten Länderringes der Nordsee machte sie namentlich in Irland und Großbritannien mit den dortigen heimischen oder fremden Mythen, Sagen und Dichtungen bekannt, von denen sie manche in ihren alten Mythenbestand herübernahmen. Das ums Jahr 900 stolz sich erhebende Reichskönigtum Harald Schönhaars, das alle die kleinen norwegischen Fürstentümer verschlang, umgab sich mit vornehmen, streng geschulten Skalden oder Hofdichtern, die den alten Volksglauben immer mehr in freie und dazu oft sehr gekünstelte Poesie verwandelten. Endlich griff schon im 9. Jahrhundert der Christenglaube das nordische Heidentum an, das denn auch ums Jahr 1000 fast überall erlag oder sich scheu in die Verborgenheit zurückzog.

Von den Sagen oder Sögur sind die wichtigsten die sogenannten Fornaldarsögur Nordrlanda die alten Sagen der Nordlande und die Aettarsögur die Geschlechtersagen, von denen jene von den nordischen Königsgeschlechtern vor Harald Schönhaar, diese meistens von den Schicksalen isländischer Familien um das Jahr 1000 erzählen. Beide sind aber erst etwa zwischen 1200 und 1500 aufgezeichnet. Die alten Nordlandssagen, die aus noch älteren Liedern entsprangen, beginnen gern mit der Rächung des Todes des Vaters durch seinen heldenhaften Sohn, fahren dann mit dessen Werbungsabenteuem fort, um mit seinem Tode als tragischem Hauptereignis zu schließen. Von übernatürlichem Wesen tritt fast nur Odin auf, um sein menschliches Lieblingsgeschlecht zu seinem Ziel zu führen. Die Völsungasaga, die wir gewöhnlich die Nibelungensage nennen, ist das großartigste Beispiel. In den späteren Nordlandssagen wird der mit dem Tode spielende Wiking das Königsideal, dessen Leben aus einer ununterbrochenen wilden Heerfahrt besteht. Nicht nur Menschen bald in der Schlacht, bald im Zweikampf erlegt der Held, sondern auch Riesen. Immer mehr wird die Sage zum Märchen, das immer mehr erstarkende Motiv der Liebe macht sie zum Roman, so die berühmte Fridthiofssage. Aber noch ragt hie und da das mythische Element hinein: der Held bringt einen Teil seiner Jugend bei Riesen zu, und sein Vertrauen auf eigne Kraft und Stärke versagt oft gegenüber den höheren Mächten. Die spätesten Heldensagen sind „Lügensagen“, die uns bis nach Indien zu allen möglichen Ungeheuern führen.

Weit wichtiger und noch weit weniger von fremdem Einfluß berührt ist die isländische Familiensage. Sie entstand aus den Ahnengeschichten, mit denen man sich auf den einsamen Höfen die langen Winterabende vertrieb. Sie reifte zur Kunst heran, wenn sie bei Hochzeiten, Erbmählem und in den hellen Mittsommernächten auf dem Althing, in der großen Volksversammlung, die Menge ergötzte. Diese aus der isländischen Gesamtsaga hervorgehobene Geschlechtersaga drehte sich um das Jahr 1000, das Jahr der Bekehrung, als Angelpunkt, um die Schicksale der ersten Ansiedler und ihrer Familien. Das Sterbemotiv der alten Heldendichtung kehrt in ihr oft als Grundzug wieder. Von einem Geschlecht dem andern mündlich überliefert, wurden die Sögur, wenigstens die meisten, wahrscheinlich von christlichen Geistlichen bearbeitet und niedergeschrieben, aber nicht von fremden, sondern aus dem heimischen Adel entsprossenen Geistlichen. Daher die staunenswerte Unparteilichkeit, mit der der heidnische Glaube und Brauch behandelt wird, daher das tiefe Verständnis der vielen so eigenartigen Charaktere der Saga, und endlich die nur aus langer Schulung erklärbare Darstellungskunst. So entwerfen diese ausführlichen historischen Prosaromane ein Bild jener leidenschaftlichen, gewalttätigen Ahnenzeit auf dem Hintergründe des sinkenden Götterglaubens. Es wird gleichsam von den Seiten her beleuchtet, namentlich durch zwei große Geschichtswerke, die Landnamabok, das Buch von der Besitznahme Islands, und durch die Heimskringla, den Weltkreis Snorre Sturlusons im 13. Jahrhundert, die einen Cyklus meist älterer norwegischer Königssagen enthält.

Im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts suchten viele Nordleute, meist vornehmen Geschlechts, die entweder durch Harald Schönhaars Druck aus Norwegen oder durch die Übermacht der Kelten aus Irland vertrieben waren, das ferne Island auf. Beim Abschied von der Heimat brach der Häuptling aus seinem „Hof“, dem Tempel seines stärksten Gottes, des Donnergottes Thor, die heiligsten Balken heraus und trug sie samt einiger Tempelerde und dem Hochsitz, dem Ehrenstuhl des Hausherrn, in sein Schiff. Kam dann nach etwa achttägiger Fahrt die isländische Küste in Sicht, so warf er die mit Thors Schnitzbild verzierten Stuhlpfeiler über Bord. Wo sie antrieben, wies ihnen der Gott die neue Heimstätte an. Mit einem Feuerbrand umlief der Hausherr möglichst viel Weideland für Pferd, Rind und Schaf. Das war nun sein Eigen. Neben den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden zimmerte er einen neuen „Hof“, in , dem er als Gode d. h. Priester, Richter und Gesetzgeber in einer Person den Dienst besorgte, und für dessen Benutzung er von seinen Freunden und Nachbarn einen Zoll erhob. Aus 39 solcher Godengemeinden bildete sich ums Jahr 930 der isländische Freistaat. Diese heidnische Grundlage des Staats wurde aber bald bedroht. Schon unter den Landnahmemännem gab es einige Freidenker, die nicht auf die Götter, sondern nur auf ihre eigene Kraft vertrauten. Hjörleif, der Pflegebruder Ingolfs, des Entdeckers der Insel, wurde von seinen eigenen Knechten erschlagen, wobei Ingolf ausrief:

„So mag es jedem ergehen, der den Göttern nicht opfern will!“

Aber auch Christen begegnen schon in dieser ersten Landnahmezeit, Christen oft sonderbarer Art. Helgi, der Magre, ein Enkel des Irenkönigs Kjarval, glaubte an Christus, aber vor dem Kampf oder der Seereise rief er Thor an. Die reiche Christin Audr wurde später von ihren Nachkommen, die wieder ins Heidentum zurückgefallen waren, wie eine Göttin durch Opfer geehrt. Der blutbefleckte Vigastyrr ließ, ohne seine Gesinnung zu ändern, eine Kirche bauen: so viele darin Platz fanden, so viele konnte ein Kirchenstifter zum Himmelreich kiesen. Erst im Jahre 1000 vollzog sich das allgemeine ,sidaskipti‘, der Sitten- oder Glaubenswechsel, auf Island. Auf dem Althing dieses Jahres ging der Gesetzsprecher Thorgeir, der höchste Beamte des Freistaats, dem die Entscheidung über diesen Wechsel übertragen war, in sein Zelt, legte sich auf den Boden nieder und verharrte so, ein großes Tuch über sein Haupt gebreitet, schweigend darin einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Dann aber sprach er vom Gesetzberg des Thingfeldes herab:

„Mir scheint es ein Unglück, wenn die Männer hier im Lande nicht ein und dasselbe Gesetz haben, denn wenn wir das zerreißen, so zerreißen wir den Frieden.“

Darum schlug er den Vergleich vor: Alle Isländer empfangen die Taufe. Aber nach wie vor ist erlaubt die Kinderaussetzung — die in der Not ahgewendet wurde —, ferner der zumal beim Götteropfer übliche Genuß des Pferdefleisches und drittens sogar das Götteropfer selber, falls es insgeheim geschieht. Die Annahme dieses seltsamen Vergleichs rettete das Land vor dem Bürgerkrieg. Im Dom zu Bremen weihte ein halbes Jahrhundert später, 1056, der gewaltige Erzbischof Adalbert den Isländer Isleif zum ersten Bischof der Insel.

In diesen bewegten Zeiten spielen die meisten wichtigsten isländischen Sögur oder Sagen. Sie haben durchweg keinen streng geschichtlichen Charakter. Aber indem sie die Schicksale von Königen, Häuptlingen, Goden, Skalden und hervorragenden Bauern, deren Rechtshändel, Fehden und Liebschaften, Gilden- und Thingränke, Blutsbrüderschaften, Blutrachen und Brandlegungen, Bekehrungen und Treubrüche mit oft überraschender Seelenkunde und Realistik und einem über dem oft so dunklen Grunde schwebenden grausamen Humor erzählen, geben sie uns ein unvergleichlich wahres Kulturbild. Sie stellen uns mitten in die scharfe Luft des Nordens, auf seinen harten Boden, mitten in das rauhe Treiben und Glauben seines Volkes. Die durch heiligen Frieden geschirmten Tempelhöfe stehen jetzt in klarem Umriß vor uns mit ihren Götterbildern, eisenbeschlagenen Altären, Eidringen, Kesseln, um die sich zu mancherlei Opfern die Gemeinde unter ihrem Goden in der hohen Holzhalle versammelt. Vor dem Tempel lag wohl auch ein blutbesudelter Stein des Gottes Thor, der Thorstein, auf dessen Kante dem zum Opfer bestimmten Verbrecher das Rückgrat zerbrochen wurde. Von Heiligtümern Odins, den wir doch als Wodan an der Spitze der deutschen Götter fanden, ist kaum die Rede, aber überall von Thorshöfen, Thorsbildern, Thorsfesten und nach Thor genannten Örtern und Personen. Ein Thorshof war der berühmteste norwegische Tempel zu Maeri in Throndheim, wie denn auch in Norwegen von allen Heidengöttem der Bauerngott Thor am stärksten den Bekehrern widerstand; auf Island war der Thorshof der Mittelpunkt fast aller Godengemeinden. Thor heißt der ,Meist-Ausgezeichnete‘, auch kurzweg der As d. i. Gott oder der Landesgott, der allmächtige Gott, der Asenfürst. In den Götteranrufen bei Schwüren, Flüchen und Minnetrinksprüchen fehlt Thor am seltensten. In Not und Gefahr wendete man sich am liebsten an seinen starken und raschen Beistand, in Ungewißheit über die Zukunft an sein Orakel. Ein Thorsbild trug man gern bei sich in der Tasche oder umging mit diesem das Land, um Widerwärtigkeiten davon wegzuscheuchen. Nicht einmal die zweite Stelle wurde Odin zuteil, sondern jenem, den Deutschen unbekannten Gotte Frey(r). Dieser galt für den Ahnherrn des berühmten nordischen Königshauses der Ynglinger. Namentlich auf der Wintergilde wurde er begrüßt; ihm fielen Stieropfer. Auf Island war sein leidenschaftlichster Verehrer der Gode Hrafnkel, der ihm all sein Bestes, seine Waffen und seinen stolzen Schecken, den Freysfaxi, weihte. Da er aber trotzdem in Unglück gestürzt wurde, verzweifelte er an allen Göttern. Auch Freys Vater Njörd(r) wurde gefeiert; auch Freys Bildchen hatte man gern bei sich.

Höchstens in der Heimskringla tritt neben Thor und Frey Odin bedeutender hervor. Nach volkstümlicher Art findet er sich hier als ein einäugiger Greis zu nächtlichem Gespräch beim christlichen König Olaf Tryggvason ein, um im Morgengrauen, ein Bild hinschwindenden Heidentums, plötzlich spurlos zu entweichen. Daneben wird er von Snorre nach der damals beliebten euhemeristischen Auffassung, die in den alten Göttern bloße ungewöhnlich begabte Menschen der Vorzeit sah, in das falsche Licht eines großen Zauberers und Oberkönigs gerückt, der die andern Götter zu seinen Hofpriestern einsetzt. Älter ist wieder, wenn er in einigen Sagen den todweihenden Speer oder Rohrstengel über die Feinde wirft. Vom Gotte Balder, der in der Skaldenpoesie eine so wichtige Rolle spielt, weiß diese ganze reiche Sagenliteratur nichts, ausgenommen die junge und willkürlich erfundene Fridthiofssage des 13. oder 14. Jahrhunderts, die auch zum erstenmal die Liebe in den Mittelpunkt stellt. Sie weiß somit auch nichts von dem geheimnisvollen Bunde des Vaters Odin und seines Sohnes Balder, um den sich in der Skaldenpoesie das Schicksal der Götter, ja der ganzen Welt dreht. Die Odinsbrüder Hoenir und Lodur und vollends Vili und Vé, sowie die Balderbrüder Höd(r), Väli und Vidar sind unbekannt, aber auch Heimdall und Loki.

Von Göttinnen verlautet auch nicht viel, doch speisen nach der Egilssage die verstorbenen Weiber bei der Göttin Freyja, die auch öfter in Schwurformeln vorkommt. Dafür ist der Glaube an halbgöttliche Weiber, die Disir, deren Opfer mehrfach erwähnt wird, stark entwickelt. In der Njalssage weben die Walküren unter grausigem Gesang das bluttriefende Gewebe des Schicksals. Thorgerd und Irpa, zwei Begleiterinnen Thors, schleudern walkürenhaft aus jedem Finger Hagel, Sturm und Pfeile den Feinden ihres Schützlings entgegen. Luft und Erde wimmeln von Geistern oder Wichtem, die dem Menschen viel Böses zufügen, aber auch als Landwichter die Heimat schützen, sowie von mannigfachen Alfen Elfen, denen man gern opfert, denn sie haben auch hilfreiche Gemütsart. Unholdinnen und Hexen, Abendreiterinnen (Kveldridur) genannt, fahren im Dunkel daher. Zauberer bewirken durch Schwingen eines Ziegenfells schweres Unwetter, umziehende Wahrsagerinnen (Völur) künden die Zukunft, die sie draußen sitzend auf Kreuzwegen erfahren haben. Tiefer noch greifen ins persönliche Dasein die Fylgjur oder Hamingjur, die weiblichen Folge- oder Schutzgeister, ein und die schwarzen und weißen Traumweiber.

Mehrere Helden sind Halbtrolle oder Halbriesen oder deren Nachkommen, manche Männer können Tiergestalt annehmen oder sind Berserker. Zu betonen ist, daß die Toten nicht nach Walhall, sondern in die Berge fahren und in deren Schoße Gelage halten. Leidenschaftliche oder während ihres Lebens zu kurz gekommene oder ermordete Menschen stehen aus ihrem Grabe auf, um sich als unheilstiftende Wiedergänger zu rächen, von denen namentlich die Eyrbyggjasaga und die Grettissaga grausige Beispiele zu erzählen wissen.

Dieser Gesamtglaube der Saga stimmt genau zu dem der historischen Nachrichten des Nordens, weil er aus dem echt nationalen Seelenleben der Ostskandinavier quillt, und deshalb klingt er auch in mehreren Hauptzügen mit dem von Tacitus und den karolingischen Kirchenmännem geschilderten Glauben der Südgermanen zusammen. Freundlichere Züge sind mit schrecklicheren untermischt, und das dumpfe Grausen aller älteren Dämonenverehrung scheint im Volke noch der hingebungsvollen Andacht des Götterdienstes die Wage zu halten. Nur hin und wieder ist ein Zug des christlichen Glaubens eingeschlüpft, und vielleicht ist der Brauch, an gehobenen oder dramatischen Stellen den Fluß der Prosa durch metrische Monologe oder Dialoge zu unterbrechen, der Fremde entlehnt, da die gesamte Literatur der übrigen Germanen kein derartiges Beispiel darbietet, wohl aber die irische Sagenerzählung denselben eigentümlichen Wechsel kennt.

Weit stärkere Einflüsse der irischen und der angelsächsischen Kultur zeigt die Skaldendichtung. Schon im 7. Jahrhundert wurde eine Wikingerflotte nach Irland verschlagen, schon um 725 zogen sich die irischen Einsiedler vor den nordischen Seeräubern von den Färöern zurück. Seit dem Ende des 8. Jahrhunderts, dem Beginn der eigentlichen Wikingerzeit, standen namentlich Norweger in bald friedlichem, bald feindlichem Verkehr mit dem irischen Volk, dessen leicht entzündlicher Geist schon im 5. Jahrhundert den christlichen Glauben feurig ergriffen hatte. Die gelehrten Sänger an den Höfen seiner Teilkönige und die Mönche seiner überaus zahlreichen Klöster hatten bereits in der vor 800 liegenden 200 jährigen Periode eine nationale und daneben eine christliche-klassische Literatur unter Virgils und Ovids Einfluß zur Blüte gebracht. Irland war damals der Zentralherd des abendländischen Geisteslebens, dessen Flamme auch die Nordleute erwärmte. Denn da diese die grüne Insel nicht bloß verheerten, sondern auch besiedelten und Reiche auf ihr gründeten, mit der einen irischen Partei sich gegen die andere oder auch gegen ihre dänischen Stammverwandten verbrüderten und häufig Ehen mit irischen Weibern schlossen, so daß schon um 850 zahlreiche Mischlinge, die Gall-Gaedil d. h. Wikingeriren, dort lebten, so mußten sie mit der damals aller andern abendländischen weit überlegenen Kultur Irlands genau vertraut werden. Gewiß bereicherten auch die Skandinavier des 9. und 10. Jahrhunderts den irischen Heldencyklus mit einzelnen heroischen Zügen, die irische Sprache mit manchen Ausdrücken der Bewaffnung, der Schiffahrt und des Gelages. Aber deutlicher und bedeutender war jedenfalls der entgegengesetzte Einfluß, den die Kelten auf ihre normannischen Mitbewohner übten. Die normannische Kleidertracht wurde nach der irischen umgewandelt, der ältere Stil der Ornamentik der trefflichen irischen Metallarbeiten drang bis nach der Insel Gotland vor, und der jüngere beherrschte den ganzen Norden. Auch der Aufschwung der altnordischen Holzbaukunst wurde durch irische Muster geweckt. Olaf der Pfau ließ um 1000 durch irische Handwerker einen Palast aufführen, dessen bunt bemalte Schnitzereien u. a. den Fischzug des Thor und den Leichenbrand Balders darstellten. Konnte es da ausbleiben, daß Sprache, Dichtung, überhaupt die innere Welt der Skandinavier ebenfalls die Gewalt dieser überlegenen Bildung verspürte? Neben manchen angelsächsischen Wörtern finden wir einzelne kulturbedeutsame irische nicht nur in der alten nordischen Kunstpoesie, sondern auch noch in den heutigen norwegischen Mundarten. Irische Namen bürgerten sich bei Nordleuten ein, und Kormak z. B. ist ein berühmter irischer Sänger, ein File, und zugleich ein berühmter isländischer Skalde. Eine der südländischen Schwanjungfrauen im eddischen Wielandslied heißt Tochter König Kjars von Walland d. i. des 887 verstorbenen südirischen Königs Kjarvals, der die Wikinger bald heranrief, bald bekämpfte. Aber was wichtiger ist: an den irischen Höfen hatten vor Alters sorgfältig geschulte und besoldete Dichter eine künstliche Lob- und Preispoesie auf ihre Fürsten ausgeklügelt. Das Emporkommen solcher höfischen Dichtung wurde gewiß auch in Norwegen durch des Einwaldi oder Monarchen Harald Schönhaar prunkenden Hofstaat befördert. Die nordische Skaldenpoesie wäre an sich auch ohne fremden Einfluß begreiflich. Aber wenn nun diese Skalden, auch die ältesten, nicht in schlichten germanischen Volksweisen die Helden der Vorzeit besingen, sondern wie die irischen gelehrten Dichter, die File, in gekünstelten, nicht nur mit dem Stab-, sondern auch dem End- und Binnenreim geschmückten Versmaßen den lebenden Fürsten, von dessen Freigebigkeit auch sie lebten, und wenn sie diesen Fürsten auch wie die irischen den Mäster der Wölfe nennen und ihn mit dem wohl in Irland, nicht aber im Norden heimischen Eber vergleichen, so fällt es schwer, die Annahme einer starken Einwirkung der älteren irischen Hofpoesie auf die jüngere ihrer Landesfreunde und Landesgenossen abzuweisen. Kühne Bilder und Umschreibungen liebte auch der altgermanische, namentlich der angelsächsische Dichter. Aber die Gewaltsamkeit und Übertriebenheit des Ausdrucks, zu der allerdings alle Hofpoesie drängt, mochten die Skalden wohl von den in Schwulst schwelgenden irischen File gelernt haben, vielleicht auch die Sucht, auf bekannte oder entlegene Mythen anzuspielen. Unleugbar: die Technik, der Stil, die Tendenz der skandinavischen Skaldendichtung ist keiner andern, auch keiner germanischen Dichtart so nahe verwandt wie der Kirnst der irischen File.

„Irische Gedichte aus dem 10. Jahrhundert und noch früherer Zeit stimmen nach Form und Inhalt so genau mit einem der ältesten skaldischen Gedichte, dem Ynglingatäl, daß sie geradezu als Vorbilder desselben betrachtet werden müssen.“

Schon die ältesten Skalden des 9., geschweige denn die weitumgetriebenen und in der Fremde geehrten Skalden des 10. Jahrhunderts, konnten nicht ohne alle Kunde von der neuen Religion Christi bleiben, der die von ihnen gefeierten Könige ergeben waren. Im 9. Jahrhundert näherte sich aber auch schon Harald Schönhaar dem Christentum, als dessen gewaltigste Vorkämpfer dann die beiden norwegischen Könige Olaf Tryggvason und Olaf der Heilige auftraten. Alle drei waren von den berühmtesten Skalden umgeben. Die Haraldsskalden waren noch ausnahmsweise Norweger, nicht Isländer. Sie zehrten noch ausschließlich vom alten Mythus und stellten die Taten ihrer Fürsten auf den Hintergrund der Drachen- und Riesenkämpfe Thors, und das Königshaus der Ynglinger leiteten sie vom Gotte Freyfr ab. Also beherrschte sie noch der volkstümliche Sagaglaube. Das änderte sich alsbald mit dem Übergang der Skaldenkunst auf die isländischen, in der Fremde bewanderten Sänger. Diesen wurde im Gegensatz zum heimischen Volksglauben Odin der höchste Gott, wie er es schon länger den Angelsachsen gewesen, den in England angesiedelten Dänen noch war. Er wurde das Skaldenideal, ein Gott der Dichtkunst, und ein Wikingerideal, ein Gott des Kriegs. Aber zugleich begann der Glaube an den Gekreuzigten das Verhältnis zu den heimischen Göttern erst leise ins Wanken zu bringen, um es dann im Innersten zu erschüttern. Egil, der Sohn Skallagrims, geboren auf Island ums Jahr 900, eine volle Dichternatur, ist der erste germanische Heide, der uns in sein haß- und liebeheißes Gemüt einen tieferen Einblick vergönnt. Am Hofe des angelsächsischen Königs Äthelstan empfing er zwar nicht die Taufe, doch die Kreuzbezeichnung (prfmsigning), die ihm eine bequeme Mittelstellung zwischen Christen und Heiden verschaffte. Aber seine barbarische Wildheit blieb. Wie ein Tier biß er einem niedergeworfenen Berserker die Kehle durch, erschlug erbarmungslos in einer Fehde mit dem norwegischen König Erich Blutaxt dessen blutjungen Sohn und pflanzte darnach auf einer Felsklippe eine Haselstange mit einem Pferdehaupt als Neid-oder Schimpfstange auf, indem er sprach:

„Ich schneide diese Neidrunen gegen die Landgeister, daß sie alle fahren wilde Wege und keiner sein Heim finde, bevor sie nicht König Erich und seine Gemahlin aus dem Land vertreiben“.

Sein Fluch erfüllte sich; aber auch ihn traf das furchtbare Geschick, dem verjagten, aber in Northumberland zum König erhobenen Erich in die Hände zu fallen. Hier feierte die Dichtkunst einen ihrer höchsten Triumphe, indem Egil durch ein Loblied auf Erich, „die Hauptlösung“, sein wolfsgraues Haupt aus der Todesnot löste. Er durfte nach Island entweichen. Da traf den Sechzigjährigen der Verlust zweier Söhne; der zweite war ein Raub der Meereswellen. Im Lied vom „Verlust der Söhne“ (Sonatorrek) stimmt er eine ergreifende Klage an: sein Geschlecht ist wie ein vom Sturm zerschlagener Wald. Er wütet, daß er nicht mit dem Schwert am Meerriesen sich rächen kann, ja er kündigt Odin die Freundschaft auf. Da gedenkt er reumütig der „Hauptlösung“, der Odinsgabe des Gesanges, des Balsams allen Leides, und ruhig sieht er der Hel, der Herrin der Unterwelt, entgegen, die draußen auf einem Eiland, wo er seinen Vater und seinen Sohn begraben hat, auf ihn wartet.

Schon mehr Gewalt gewann der neue Glaube über den etwas jüngeren im Jahre 1014 verstorbenen Isländer Hallfred Vandraedaskald. Als dieser an der Küste Norwegens vernahm, der glaubenseifrige Christ Olaf Tryggvason sei hier König geworden, gelobte er Geld und drei Eimer Bier dem Frey, falls ihn günstige Winde nach Schweden, und dem Thor und Odin, falls sie ihn nach Island dem verhaßten Christentum entführten. Aber durch Gegenwind zurück-gehalten, empfing er bald darauf aus des Königs eigner Hand die Taufe, behielt indes für den Notfall ein kleines Thorsbild in der Tasche. Denn er gestand, nur widerwillig die lieben Götter zu verlassen und zu Christus, dem einen Vater und Gott, zu beten. Später dichtete er sein berühmtestes Lied auf Christi Auferstehung. Bis an sein Ende dauerten diese religiösen Schwankungen fort. Sterbenskrank sah er ein hohes gepanzertes Weib über die Wogen hinter seinem Schiffe herschreiten, seine Fylgja, den weiblichen Folgeoder Schutzgeist, der den nordischen Heiden unsichtbar durchs Leben begleitet, um ihm in der Todesstunde plötzlich sichtbar zu werden. Und doch war, unter dem Schatten dieser tiefheidnischen Vorstellung, sein letztes Gedicht ein christliches Sterbegebet.

Die Hallfredssaga erkennt noch, der Wirklichkeit des Lebens entsprechend, neben oder über Odin die Götter Thor und Frey(r) an; in der Hallfredsdichtung aber, wie überhaupt in der Skaldenpoesie des 10. Jahrhunderts, steigt das Ansehen Odins über das Thors immer höher hinauf und zugleich mit ihm der Einfluß des Christentums. Zwei schöne Gedichte zeigen damals besonders klar, wie Odins Machtkreis immer prächtiger ausgebildet wird. In den von unbekannter Hand um 950 verfaßten Eireksmál empfangen Odin und bereits ein zweiter Gott der Dichtkunst, Bragi, und die Helden Sigmund und Sinfiötli feierlich jenen Gegner Egils, den in der Schlacht gefallenen König Erich Blutaxt, in Walhall, einen christlichen König. In einer Nachbildung, den Hakonarmäl des Skalden Eyvind, holen auf Odins Befehl zwei Walküren den verstorbenen frommen Christen Hakon zu den grünen Welten der Götter ein, aus deren Tor ihm Bragi und Hermod höflich entgegenschreiten. Wie König Erich sich Walhall nähert, krachen darin die Bänke, als ob Gott Balder zu Odins Saal zurückkehrte. Zum erstenmal tritt hier Balder hervor und zwar in der höchst auffälligen Eigenschaft eines machtvoll zum Himmel heimkehrenden Gottes. Zum erstenmal wird außerdem in beiden Gedichten die Furcht vor einem gräulichen Wolfe laut, der, noch in der Hölle gefesselt, dereinst losgebunden über Himmel und Hölle herfallen wird. Woher diese Neuerungen, diese unerhörten Gedanken? Wie man sich nicht scheute, jene Christenkönige als freudig erwartete Freunde Odins in das heidnische Heldenparadies einziehen zu lassen, scheute man sich auch nicht andererseits, christliche Vorstellungen z. B. von Christi Himmelfahrt und dem Weltuntergang mit heidnischen Figuren zu verquicken. Eilif Gudrunssohn nennt ums Jahr 1000 in einem Gedicht auf Christus den Heiland den starken Besieger der Bergriesen, als ob er Gott Thor selber wäre, und weist ihm einen Wohnsitz am Urdarbrunnen an, also am Brunnen der heidnischen Schicksalsgöttinnen, der Nornen, deren vornehmste Urd hieß.

Ums Jahr 1000 etwa gabelte sich die Skaldenpoesie in zwei Hauptäste. Der eine trieb wie der alte Stamm auch noch fernerhin höfische Preislieder hervor, die sich jedoch aus Rücksicht auf die immer strengere christliche Richtung der Fürsten immer mehr der Mythenerzählung, wenn auch nicht völlig der Mythenanspielung entäußerten. Schönere Früchte trug nun der zweite neue Ast, zum Teil erhalten in der sogenannten Älteren Edda, die mit Unrecht Edda d. h. Poetik heißt. Sie ist keine Poetik, sondern eine Liedersammlung, welche Gedichte dreier Jahrhunderte, des 10., 11. und 12. enthält. Sie liegt uns in zwei ums Jahr 1300 aufgezeichneten Pergamenthandschriften vor. Die Verfasser sind unbekannt, die Heimat der meisten wird auf Island und in Norwegen zu suchen sein, ein paar stammen nachweisbar aus Grönland und vielleicht von den Orkneys. Da es ihnen nicht um Fürstenruhm zu tun war, konnten sie den aller Hofpoesie anhaftenden Schwulst mäßigen, anspruchslosere Versmaße wählen und sich ihrer Hauptaufgabe, der Mythen- und Sagenerzählung, die von den Hofdichtem bereits fallen gelassen wurde, um so freier hingeben. Es wuchs in ihnen noch die Liebhaberei der Hofskalden des 10. Jahrhunderts, die alten Stoffe durch freie Erfindungen oder fremde erst seit dem 10. Jahrhundert eingewanderte novellistische und Märchenmotive zu verschönern und zu vertiefen, oder auch wohl mal zu verderben. Auch christliche Gedanken werden reichlicher aufgenommen, ja ein ganzes christliches Ideensystem, wie die von der Kirche ausgebildete Heilsgeschichte, wird in die mythologische Sprache der nordischen Dichtkunst umstilisiert. Überhaupt wissen diese Dichter auch dem Fremdesten vermöge ihrer alten nationalen Kunstübung einen echt nordischen Charakter aufzuprägen. Die Mythen flößen ihnen nicht mehr reine, gläubige Andacht ein, sie sind ihnen überwiegend interessante Kunstobjekte poetischer Natur. Doch macht sich hie und da noch wirkliche Nordlandsreligiösität Luft. Durchweg werden die Götter wie schöne, mit Kraft und Geist reich ausgestattete Menschen aufgefaßt, oft sogar mit Humor behandelt. Das mag auch noch Heiden anstehen. Aber man kritisiert sie auch, und in einzelnen Gedichten verachtet man sie mit fast lukianischer Keckheit, wie nur Leute es vermögen, die sich bereits anderen Glaubensidealen zugewandt haben. Eifrig ist man bemüht, die überlieferte Mythenweisheit in katechismusartigen Dialogen, die ein Gott mit einem Riesen, Zwerg oder König führt, darzutun. Und selbst diesen lehrhaften Gedichten gibt man eine lebensvolle Einfassung und kunstvolle dramatische Steigerung. Die Verschmelzung verschiedener Mythen ist nicht immer gelungen, wie z. B. in der Hymiskvida nicht. Aber wie manche Gedichte stehen einzig in ihrer Art da, so die Hammerholung Thors, und welche weihevolle Stimmung ist über die Völuspa gebreitet!

Die Gedichte der älteren Edda zerfallen in Götter- und Heldenlieder. Durch die Götterliedergruppe geht ein tiefer Riß, auf der einen Seite preisen sie die Körperkraft in ihrem Hauptträger, dem Gotte Thor, auf der anderen die Geisteskraft in ihrem Hauptträger Odin.

Der starke Hauptgott der isländischen Sagendichtung, der in den eddischen Heldenliedern gar keine, in den Götter-liedem eine nicht immer würdige Rolle spielt, holt in seinem vielleicht ältesten Lied, der einfach epischen, plastisch schönen Thrymskvida, seinen Hammer von Thrym heim und zwar als Freyja verkleidet. So ist er mehr eine lustige, groteske, als eine gewaltige Figur, und schon erscheint hier in Loki ein tückischer Gott der Lüge. Im skaldisch überladenen Hymislied, in dem der Donnergott mit dem aus

dem Meer grausig auftauchenden Midgardswurm streitet und dem Riesen Hymir, den durstigen Göttern zur Labe, einen Braukessel entführt, schwankt er zwischen Majestät und Komik. Im Alvislied fällt er aus seiner Rolle; er wird hier nach Odins Muster als ein überlegener Geist in einem Gespräche mit dem Zwerge Alvis über die Geheimnamen, die die Weltdinge bei Göttern, Riesen, Wanen, Alfen und Zwergen führen, dargestellt. In der Lokasenna d. h. Loki’s Lästerrede stößt er mit Loki, im Harbardslied mit Odin zusammen. Dort erwirbt sich Thor das Verdienst, dem Loki, der die um jenen Hymirkessel zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen mit den ehrenrührigsten Schmähungen überhäuft, durch Androhung körperlicher Strafe das Maul zu stopfen. Hier wird er von Odin, dem blasierten Frauenbesieger, wie ein dummer Junge mit dem schlimmsten Spott heimgeschickt. — Von Odin werden hier und im Havamal zwar auch einige leichtfertige Liebesabenteuer, ein mißlungenes und ein frivol geglücktes, erzählt, aber durchweg ist er ein erhabenes weises Wesen. Im Havamal, dem Lied des Hohen, gibt er eine lange Reihe von Reise- und Umgangsregeln, die noch die verständige heidnische Moral atmen und das Lebensglück im guten Wissen suchen. Jedoch in einem Teil dieser Dichtung, im Runatal d. h. Runenverzeichnis, scheint er sich selber als ein Abbild des am Kreuzgalgen gemarterten, dann sich selber opfernden und zu neuem Leben mit Gott erwachten Gottessohns darzustellen. Auch in den übrigen, didaktischen Odinsliedern, die die alte Rätselfreude verraten, sind mehrfach heidnische Motive mit christlichen Vorstellungen von Schöpfung, Verschuldung, Tod eines lichten Gottessohns, Erlösung und Weltuntergang frei verschmolzen. In Vafthrud-nismal und in Grimnismal überschaut der höchste Gott alle Wesen Himmels und der Erden, alle Räume und Zeiten, das ganze Schicksal der Welt, von ihrem Anbeginn bis zu ihrem Untergang. In den Baldrsdraum, den Baldersträumen, holt sich Odin, von seines Sohnes Balder schweren Träumen beunruhigt, aus der Hel, der Hölle selber, Auskunft über dessen nahen Tod und den fernen Weltuntergang. Weit großartiger faßt die Völuspa, der Seherin Weissagung, die gesamte christliche Heilslehre, von der Schöpfung an durch die Leidens- und Todesgeschichte des Herrn hin bis zum jüngsten Gericht, in eine Prophezeihung heidnischen Stils zusammen. Das kühnste Rätselgebilde der so rätselreichen Skaldenkunst! In zwei Gedichten ist weder Thor, noch Odin, sondern Frey und Heimdall die Hauptperson. In das schon einen sentimental-romantischen Ton anschlägt, wirbt Frey, oder vielmehr dessen Diener Skirnir für seinen Herrn, erfolgreich um die schöne Riesentochter Gerd und gewinnt sie durch seine Runenkunde. Nach der gründete Heimdall, der sich mit dem keltischen Titel „Rigr“ König nennt, auf seiner Erdenwanderschaft die drei Stände der Knechte, Bauern und Adligen, aus denen dann der König hervorgeht. Im Hyndlulied gibt die Riesin Hyndla der Freyja und deren Günstling Ottar Auskunft über seine Vorfahren.

Die eddischen Heldenlieder, namentlich die wichtigsten und zahlreichsten, die Nibelungenlieder, haben einen viel reicheren mythologischen Hintergrund als das deutsche Epos. Aber ihre Sage stammt zum größten Teil aus der Fremde, und der Mythus ist später hinzugefügt. Die Hauptpersonen des ältesten Heldenliedes, der kvida des Wielandliedes, der zauberkundige Schmied und die Schwanjungfrau sind echt mythisch, jedoch aus angelsächsischer oder norddeutscher Sage herübergenommen. In den Nibelungenliedern und noch mehr in deren vollständigerer Prosadarstellung, der Völsungasaga, greift Odin als Schicksalsmeister mehrmals in die Handlung ein; die Heldinnen Svava, Sigrun, Sigrdrifa-Brunhild haben ganz walktirisches Wesen. Wie ein alter Mythus wirkt die Versenkung der letzten in todesartigen Schlaf durch einen Domstich und ihre Umwallung durch die Waberlohe. Aber der Leichenbrand, der Sigurd und seine Geliebte verzehrt, und der Höllenritt Brunhilds scheinen Scenen des späten Baldermythus nachgebildet zu sein. Noch sicherer ist, daß erst die Eddaskalden die Vorgeschichte des verfluchten Nibelungenhorts in die Götterwelt hintibergespielt und Sigurd und Brunhild verwandtschaftlich mit Odin verbunden haben. In den Hclgiliedern, die der heimischen Sage angehören, gibt die herrlichste von den neun daherreitenden Walküren dem stummen, namenlosen Helden seinen Namen. Er erschlägt den Riesen Hati, seine Flotte wird von dessen Tochter bedroht. Nomen knüpfen die Schicksalsfäden, Walküren sprengen über das Schlachtfeld, das Götterpaar Aegir und Ran haust im Meer, Odin, der Walter des Verderbens, bringt Streitrunen zwischen die Verwandten und bietet seltsamer Weise dem Helgi an, mit ihm in Walhall über alles zu herrschen. Reiten die Einherier von dort herab, so glaubt man die Götterdämmerung hereinbrechen zu sehen. So unbekümmert tasten die Dichter dieser eddischen Heldenlieder den alten deutschen oder heimischen Sagengehalt an oder setzen sich in Widerspruch mit dem neuen Glauben, nur um ihr skaldisches Gelüste nach mythologischem Ausputz zu befriedigen.

So hat denn auf Kunst, Sage, Mythus und Glauben der Eddaskalden in der letzten Zeit des Heidentums und in der ersten Zeit des Christentums die Fremde bald schwächer, bald stärker eingewirkt, und eine gedanken-und sinnreichere, von tieferen ethischen Gegensätzen bewegte, aber künstliche, widerspruchsvolle Mythenwelt geschaffen. Ihren Elementen nach zum Teil unnordisch, ist sie ihrer Gesamtkomposition nach völlig nordisch. Mehr Poesie als Mythologie, schwebt sie über der volkstümlichen Mythenwelt des Sagaglaubens wie eine schöne, aber flüchtige Fata Morgana, der freie Dichtertraum einer religiösen Übergangszeit, die das Alte noch nicht abgeschüttelt hat und das Neue nicht abzuwehren vermag.

Vorzugsweise aus diesen eddischen und vielen andern skaldischen Gedichten stellte dann später Snorre Sturluson , gestorben 1241, selber Skalde und Verfasser jener norwegischen Königsgeschichte Heimskringla, die eigentliche und einzige Edda, die sogenannte jüngere Edda d. h. eine Poetik, ein Handbuch für angehende Skalden, zusammen. Es enthält unter anderm einen Überblick über den gesamten nordischen Skaldenmythus in Prosa. Dieser größte Isländer, in dem die wissenschaftlichen, dichterischen und politischen Bestrebungen seiner Insel gipfelten, wußte der Vergangenheit ebenso energisch zu leben wie seiner Gegenwart. Unablässig auf Ehre, Macht und Reichtum mit mehr Klugheit, als Tapferkeit bedacht, fühlte er doch die Mächte der Vorzeit, seine norwegischen königlichen Ahnen und selbst noch die alten Götter über und um sich. War er als Gesetzsprecher mit tausend Mann im Gefolge von seinem burgartigen Haus Reykjaholt zum Althing hinübergeritten, so ließ er hier eine Bude für sich und die Seinigen aufschlagen, der er den stolzen Namen Walhall gab. Auch er hielt die Götter für einst wirkliche Persönlichkeiten, zu deren Ehren denn auch er nach herkömmlicher Skaldenmanier die nordischen Mythen mit allerlei fremder Weisheit vermischte.

Gleich im Eingang der Edda erteilen im Götterheim Asgard von einem dreistufigen Hochsitz herab der Hohe, der Gleichhohe und der Dritte, mit welchen Namen in der mittelalterlichen Theologie auch die drei Personen der heiligen Dreieinigkeit benannt wurden, dem wißbegierigen Schwedenkönig Gylfi ihren mythologischen Unterricht. Darin ist das oben angedeutete geschlossene Ideensystem der Völuspa zu einem weitsperrigen Gerüst auseinander gedehnt und in dessen Fächer und Lücken der nordische Göttermythus, so gut es gehen wollte, hineingebaut. Bei solcher Anlage wäre die Edda nie ein fertiger, harmonischer Bau geworden, auch wenn Snorre nicht mitten in seiner Arbeit ermordet worden wäre. Die Konsequenzen der skaldischen Mythenbehandlung treten nun ins grellste Licht. Nur Thor und Frey haben einen älteren Mythenkranz bewahrt, die Odinsgeschichten tragen einen stark gemischten Charakter, und gar der Mythus von Balder und Loki ist bis in die Wurzel hinein christianisiert. Ein anderes fremdes Element, das märchenhafte Beiwerk, das schon in der Liederedda benutzt wird, drängt sich viel stärker vor. Von dem Kultus der Götter, von dem das Volk so tief bewegenden Seelen-und Geisterglauben, von den zahlreichen reizvollen Elfensagen berichtet der letzte große Skalde, wie Hunderte seiner Vorgänger, nichts oder fast nichts. Dennoch birgt diese Edda manches kostbare, auch ältere Schatzsttick, das wir in der sogenannten Liederedda vermissen.

Snorres älterer Zeitgenosse war Saxo Grammaticus, der um 1200 in seiner Dänischen Geschichte, wie vor ihm Galfrid von Monmouth in seiner brittischen Chronik, ein nationales Werk in lateinischer Sprache schuf, das zugleich Chronik und Roman, ein Lehrbuch und ein Ritterepos sein sollte. Er ist ruhmrediger Patriot, kühler Rationalist und dabei in schwärmerischer, fast sentimentaler Romantik befangen. Seine lateinische Prosa sucht die seines römischen Vorbildes Justin an Redeschmuck zu überbieten, und seine antiken Strophen, aus denen noch deutlich die altnordische Skaldenpoesie zu uns herüberklingt, wollen es den horazischen Versen gleich tun. Den Sagenreichtum der Isländer, den er ausdrücklich bewundert, verbindet er mit den norwegischen Schiffermären, den einfacheren dänischen Lokalsagen und allerlei weitgewanderten Märchen. Er mischt antike und moderne Motive ein, aber er vermeidet die Verschmelzung heidnischer und christlicher Mythen. Dem alten Götterglauben steht er ferner als Snorre. Wie dieser faßt er die Götter und auch die von ihnen verdrängten Riesen und die Zwerge als Menschen der Vorzeit und zwar als sogenannte Mathematiker d. h. Zauberer auf. Aber er geht weiter: sie haben Liebschaften mit sterblichen Weibern und kämpfen auf Erden mitten unter Menschen und werden von diesen sogar in die Flucht getrieben. Ja Odin, der oft in altsagenhafter Verkleidung und unter einem Beinamen auftritt, erkennt er durchaus nicht immer als solchen, und den nächtlichen Besuch, den die Walküren ihren bedrohten Helden machen, findet er dreist. Dennoch ist ihm, dem Dänen, Odin der Hauptgott. Freilich erscheint er nur einmal seinem Schützling, dem Helden der Sage, mit seinem eignen Namen und mit „göttlicher Kraft“. Aber oft steht er wie ein stets wacher Heldenschutzgeist unter anderen Namen, als bloßer unermüdlicher Wanderer in Hut und Mantel, als einäugiger, bärtiger Alter im entscheidenden Augenblick plötzlich da, seltener fliegt er als Reiter durch die Luft, obgleich ihn so die dänische Volkssage kennt. Seine Gattin und er wahren sich gegenseitig ihre Treue nicht. Die Walküren stehen zu ihm in keiner Beziehung.

Vollends von seiner Himmelsburg Walhalla finden wir keine Spur. Dagegen liegt jenseits des Ozeans ein gartenartiges Paradies mit herrlichen Speisen und verlockenden Mädchen, die dem eingedrungenen Sterblichen verderblich werden, und dicht daneben eine von Schmutz starrende Hölle, beide von je einem Riesen beherrscht. Auch in Saxos Haddingssage stoßen diese beiden Welten, ein finstres Nebelreich und ein sonniges Gefilde, unter der Erde an einander, und jenseits eines Speere wälzenden Flusses setzen zwei Kämpferscharen ihr irdisches Kriegerleben fort. Hier scheinen germanische und antike Vorstellungen in einander zu spielen, wie denn Saxo an einer anderen Stelle das Elysium, den Phlegethon, Pluto’s Reich das Ziel der Helden nennt, die trotz ihrer Todeswunde lachend fallen. Auch von Odins Dichtungstranke, seiner kosmischen Allweisheit, einem durch ihn und seinen Sohn Balder bedingten Götterschicksal, vom Weltuntergang hören wir nichts, obgleich die Gelegenheit, davon zu reden, sich wiederholt darbot. Allerdings ist Balder auch bei Saxo ein Sohn Odins, aber im Gegensatz zu dem schuldlosen, reinen und durch seinen Tod die Weltkatastrophe herbeiführenden Gotte der Skalden ein liebeskranker, wollüstiger Jüngling, dessen Tod nichts bedeutet. Thor kommt selten zur Geltung und nicht immer günstig. Außer Walküren und Waldmädchen, dem Waldschrätel Miming und dem heilkundigen Witolf spielen Riesen und Riesinnen eine wichtigere Rolle. Im Krachen der an die isländische Felsküste anprallenden Eisschollen glaubt man den Jammer verstorbener Verbrecher zu vernehmen. Ein Toter kann durch Zauber zum Reden und, falls er sich zu Untaten aus dem Grabe erhebt, durch Köpfen und Pfählen seines Körpers zur Ruhe gebracht werden.

Der mythologische Gesichtskreis ist in der isländischen Familiensage ein wesentlich andrer als in der Skaldendichtung und der alten Heldensage und wiederum als in Saxo’s Geschichte. Nicht so sehr die Verschiedenheit der Darstellungsform, als der Unterschied der Stände und Stämme, denen die Verfasser angehörten, hat dies verursacht. Die Erzähler der einfachen Familiensaga hielten an der altvaterischen volkstümlichen Tradition ihrer abgelegenen Insel fest, die meistens an christlichen Höfen verkehrenden Skalden und die gelehrten eddischen Dichter hatten andere Ideale, die Helden und ihren Heldengott Odin, und wurden stärker von der christlichen Bilder- und Ideenwelt Mitteleuropas ergriffen. Der dänische Geistliche benützt die Mythologie mehr zur bloßen Verzierung.

Nur wer eine allmähliche Verschmelzung christlicher und heidnischer Gedanken bis etwa zum Jahre 1000 und eine darauf folgende durchgreifendere Verarbeitung der-delben vermittelst des altmythologischen Skaldenstils anerkennt, wird begreifen, wie sich ein ganz neuer Ideenstaat in dem älteren Mythenorganismus einnisten konnte, neu und christlich seinem Wesen, alt und heidnisch der Form nach. Da in Deutschland und England einerseits die Bekehrung zum neuen Glauben von vornherein planmäßiger, direkter und priesterlicher war, andererseits die Dichtkunst den hohen Grad der Technik, insbesondere auch die Widerstandsfähigkeit der mythologischen Darstellungsform, der nordischen Skaldenpoesie nicht erreicht hatte, so konnte hier ein so merkwürdiges Mischprodukt, wie z. B. die Völuspa, nicht zustande kommen. Begreiflich wird erst dadurch auch die andre merkwürdige Erscheinung, daß der nordische Volksmythus trotz seiner verschiedenen skandinavischen Eigenheiten dem fernen deutschen Mythus näher steht als dem Kunstmythus seines eigenen Landes, und daß er mit jenem alle wesentlichen Züge des Götter-, Geister- und Seelenglaubens teilt und wie jener auch der leisesten Anklänge an die durch den Kunstmythus pulsierenden sittlichen und metaphysischen Hauptideen bar ist, die dieser wieder mit der mittelalterlichen Kirchenlehre gemein hat. Auch in ihrem Schicksal weichen jene beiden Überlieferungsarten übereinstimmend vom Kunstmythus ab: während dieser nach einigen Jahrhunderten seines Bestandes in der gebildeten Welt, auf die er beschränkt bleibt, abgestorben ist, lebt der Volksglaube ununterbrochen, wenn auch immer zerrissener und gedrückter, bis auf den heutigen Teig weiter. So treten wir denn jetzt an diese vierte, noch heute fließende Quelle unserer germanischen Mythologie heran.


4. Die Volksüberlieferung der Germanen vom Jahre 1200 bis zur Gegenwart. Im Hochsommer des Mittelalters leuchtete noch – einmal ein Abglanz des alten Heidentums auf: in Saxos dänischer Geschichte, in Snorres isländischer Edda, sowie in gewissem Sinne im deutschen Nibelungenliede. Noch einmal wurde der heimische Mythen-und Sagenschatz um das Jahr 1200 im Mittelpunkt der germanischen großen Literatur weithin sichtbar. Seitdem sank er langsam in die Tiefe, die hohen Götter- und Heldengestalten wichen nun überall den Rittern und Klosterleuten mit ihren neuen, streng kirchlichen oder ketzerischen Idealen, und in den neugegründeten Städten kam bürgerliche, freiere gelehrte Bildung auf. Schon mit dem Ende des 11. Jahrhunderts wurde die Lust an Märchen, Fabeln und Erzählungen, die schon vor der Kreuzzugszeit immer massenhafter aus dem Morgenland ins Abendland, bis in den hohen Norden drangen, unstillbar, ihre bunten Fäden wurden vielfach in das einfachere Gewebe der heimischen Mythen geschlungen. Aber viel stärker und bedenklicher als früher wurde nun die Vermischung des altgermanischen Aberglaubens mit orientalischem, griechischem und römischem. Er bemächtigte sich auch der christlichen Vorstellungen und Bräuche, er mißbrauchte selbst die Sakramente der Taufe und der Kommunion zur Zauberei, er ahmte die kirchlichen Benediktionen und Beschwörungen frevelhaft nach. Die sogenannten Mordbeter, die noch heute Vorkommen, konnten durch ein Gebet jemandem Schaden zufügen. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts war der Aberglaube, wie Bertholds von Regensburg Predigten zeigen, mitten auf dieser verhängnisvollen Bahn, die später zu dem furchtbaren Akt der Kirche, zum „Hexenhammer“ vom Jahre 1489, führte. Das quälende Schauspiel, wie die Kirche seit der Bekehrung der Germanen zum Christentum immer wieder den heidnischen Aberglauben mit strengen Strafen verbietet und ihm in der Beichte eifrigst nachstellt und ihm doch wieder durch ihre eigene Dämonenlehrer und ihre Benediktionen und Exorzismen stärkt, setzt sich in großem, oft grausigem Stile fort. Gar mancher Geistliche machte selber das Volk mit abergläubischen Formeln und Bräuchen bekannt, und der Pariser Kanzler Gerson fand mit seinen Versuchen, abergläubische Übungen aus den Kirchen zu verdrängen, gerade beim Klerus den hartnäckigsten Widerstand und wurde von ihm ausgezischt. Nach Hartliebs Buch aller verbotenen Kunst 1456 waren selbst Könige und Erzbischöfe solchem Wahn ergeben. Es mußte zu einer Katastrophe kommen.

Ein noch ziemlich harmloses, aber doch dumpfiges Buch ist Cäsarius’ von Heist er bach Dialogus miraculorum, ein „geistlicher Novellenschatz“ aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts, der auch für weibliche Leser bestimmt war. Was für geschmacklose Spukgebilde gingen aus der schönen buchenumrauschten Abtei im Siebengebirge hervor! Man erkennt in manchen Teufelsgestalten den alten Wodan und die Riesen, in den abgefallenen Engeln die Elfen wieder. Und noch bis ins 15. Jahrhundert werden diese Geistergeschichten zu ergötzlicher Erbauung der Cisterzienser-mönche bei der Mahlzeit vorgelesen. Um dieselbe Zeit verfaßte Gervasius von Tilbury seine „Kaiserlichen Mußestunden“ (Otia imperialia), die Kaiser Otto IV in seiner Harzburger Verborgenheit mit allerlei Anekdoten und Kuriositäten, darunter manchen Zwerg- und Wichtelsagen, unterhalten sollten. Seit der Mitte des Jahrhunderts aber wettert der gewaltige Franziskaner Landprediger, Bruder Berthold von Regensburg (gestorben 1272), oft von einer Linde herab gegen all das Götzentum. Zwar glaubt er selber an Werwölfe, und die alten Götter hält er für einst wirkliche heroische Menschen oder für noch wirkliche Dämonen. Zu den alten bayrischen Götzen rechnet er eine Astaroth, als ob er mit diesem hebräischen Namen eine deutsche Ostara meinte. Bei seiner Deutung der Wochentagsnamen ahnt er aber nichts mehr von einem Zusammenhang eines Teils derselben mit deutschheidnischen Götternamen. Den Glauben an die Nachtfahren,

Truten und Maren und an die „felices dominae“, die seligen Fräulein, an den Angang, an Vorzeichen u. dgl. verdammt er, und schrill ertönt sein Pfi! über die vielartigsten Zauberer und Zauberinnen. Dann plaudert er wieder kindlich vom Spiegelberg, dem Glasberg des Märchens, und denkt sich, daß die kleinen Kindlein im Sternbild des Wagens auf gen Himmel fahren.

Der Volksaberglaube war nur ein Gebiet, das der Reform bedurfte, die anderen waren besonders seit dem Schisma das päpstliche Regiment und die geistige und die sittliche Verkommenheit des Klerus. Nicht so sehr die amtierende Geistlichkeit, als die wissenschaftliche Theologie ergriff nun die Waffen gegen Mißstände aller Art. Namentlich aus den ersten deutschen Universitäten: Prag (1348), Wien (1365) und Heidelberg (1386) ging eine Reihe streitbarer Magister hervor, die bald das Sündenleben im eigenen Lager beleuchteten, bald gegen die Wiclefiten und Hussiten, die Juden und die Vehmrichter und vor allem auch gegen den im ganzen Volk verbreiteten Aberglauben kämpften. Der älteste dieser Widersacher des deutschen Aberglaubens war wohl Nicolaus von Jauer (1355—1435), der kein Bedenken trug, die Verbrennung eines Ketzers mitzubewirken, der aber auch 1417 vor den Konzilsvätern in Konstanz Besserung der Sitten des Klerus forderte. An den Prozeß, der im Jahre 1405 dem Klosterlektor Werner von Freiburg in Heidelberg wegen seiner Predigten und imerlaubten Besegnungen gemacht wurde, schloß Nicolaus seine Schrift de superstitionibus 1405. Aber diese wie die verwandten Schriften seiner Zeitgenossen Matthäus von Krakau, Johannes von Frankfurt, Nicolaus von Dinkelspühel und Thomas von Haselbach sind mit Vorsicht für die Beurteilung des heimischen Glaubens zu benutzen, denn sie stehen alle unter dem Einfluß eines fremden Dämonologen, des Pariser Bischofs Wilhelm von Auvergne (gestorben 1249), dessen Schriften „de uni verso“ und „de fide et legibus“ alle möglichen abergläubischen Bräuche besprechen. Wilhelm ist sogar noch eine Hauptautorität für die Verfasser des Hexenhammers. So tief fand auch Nicolaus den Aberglauben in der Kirche eingenistet, daß er fast mehr auf dessen Ausrottung in den Gotteshäusern als im Volke drang. Denn dort wurden die alten Segen und Beschwörungen immer mehr christianisiert, die Götter nicht allein durch Christus, die Dreieinigkeit, Maria, die vier Evangelisten und die Apostel, sondern nun auch durch die hl. drei Könige, die vier Patriarchen, den ersten Blutzeugen Stephan und die späteren Heiligen ersetzt. Im Norden schweißte man noch in neuerer Zeit noch naiver heidnische und christliche Namen der Gottheit aneinander. In einem jütischen Segen wirken Frau Frey und Maria mit Christus und in einem neuisländischen Christus und Thor zusammen. Aus dem ekelhaften Gemenge des heidnischen Alpdruck- und Zauberglaubens mit dem kirchlichen Glauben an einen persönlichen Verkehr des Teufels mit Ketzern und aus den herabwürdigenden mönchischen Vorstellungen vom weiblichen Geschlecht schoß immer üppiger der Hexenwahn empor. Einst von den langobardischen Königen und den Karolingern als Vernunft- und gottwidrig geächtet, wurde er durch die Bulle Innocenz’ VIII1484 und den Hexenhammer (Malleus maleficarum) 1489 kirchlich anerkannt, um wie kaum eine andre Geistesverwirrung Leib und Seele der germanischen Völker zu verwüsten, bis weit über die Reformation hinaus, ja bis in unsre Tage hinein.

Der heidnische Mythus hinterließ aber auch freundlichere Spuren, namentlich in der Poesie, in den Fastnachtsspielen und den Volksliedern, die in Deutschland ungefähr gleichzeitig im 14. Jahrhundert aufkamen. Die 40 tägige Fastenzeit vor der Passion des Herrn hatte die altgermanische Lenzfeier in zwei Feiern weit auseinander gesprengt. Die eine fiel nun schon in den Schluß des Februars, die andre auf Ostern oder den ersten Mai oder gar erst auf Pfingsten. Zu der frühen Lenzfeier gehörte der heidnische Mummenschanz, das Bärenumführen, das Hahnschlagen, der Schwerttanz, das Pflugumführen durch eingespannte Mädchen und vor allem der unter Spruch und Lied ausgefochtene Kampf des Winters und des Sommers, aus dem sich das Fastnachtsspiel entwickelt hat. Holzmänner und -weiber kommen aus ihrer Waldeinsamkeit auf die Bühne, böse Weiber rauben dem Teufel das Vieh, das der Hirt Gumprecht vor der Hölle hüten muß, der aber lieber mit dem Teufel Pinkepank in dessen Taverne zecht und würfelt. Hinter der Hölle liegt ein Stein, der von keinem Sonnen- oder Mondstrahl, keinem Wind, keinem Glockenklang erreicht wird. Hört man, daß sich junge Paare, eng umfaßt, vom Heuboden bis zur Tenne hinabwälzen, so gedenkt man des Rollens junger Paare von einem Hügel herab, wie es in England und Deutschland im Frühjahr, später auch zur Erntezeit stattfand.

In der Balladengruppe des deutschen Volkslieds tauchen der wilde Mann und der Wassermann aus Wald und Fluß plötzlich schreckhaft auf, im englischen das Meermädchen. Möglicherweise steckt auch in dem englischen Wilderer Robin Hood einer der vielen Hood oder Hoody genannten neckischen Waldgeister und im zauberisch singenden Ritter Ulinger ein alter Elf, wie er denn in den Niederlanden Halewyn (Elfenfreund!) und in England Elfknight Elfenritter hieß. Frau Venus, eine latinisierte Elfin, lockt den Tanhäuser in den Berg. Den Deutschen, wie den Engländern ist der Wiedergänger, der seine Geliebte ins Grab holt, bekannt, den Bürgers Lenore später verklärt hat. Noch frischeres Heidentum atmet der nordische Volksgesang, der in Dänemark schon in Saxos Zeit, um 1200, sich regt. Die „Trollenweisen“ zeigen uns das ganze alte Dämonenpersonal: Trolle, Riesen, Zwerge, Necke und Nixen, Meermänner und -frauen, auch Werwölfe, am häufigsten aber Elfen, deren Freundschaft verlockend, aber gefährlich ist, deren Geschoß tötet und deren Sang bezaubert. Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts tanzten schwedische Bauern nach dem „Elfenleich“, einer sommernächtlichen Elfenreigenmelodie. Im Norden sind der hammerholende Gott Thor und der Held Fjölsvinn als Tord und Jung Svendal aus der eddischen Kunstpoesie ins Volkslied geraten, noch in den färöischen Liedern erscheinen die Götter hie und da auf Erden, und die Riesen haben, wie in den isländischen und norwegischen Volksweisen, abenteuerliche Verhältnisse zu den Menschen.

Einige sinnvollere deutsche Sagen wurden um das Ende des Mittelalters abgerundet, so die nationale vom Kyffhäuser, die die byzantinische Legende vom Kampf eines Kaisers gegen den Antichrist am Ölberg mit dem Mythus von Wodan, der aus Bergesschoß mit seinem Heere herausstürmt, wirkungsvoll verknüpft. Auch die Sage vom Faust und die fremde vom ewigen Juden raffen einige altdeutsche Mythenelemente an sich, jene die Mantelfahrt durch die Luft, diese den Sturm der wilden Jagd. Überhaupt werden viele alte Rollen mit modernen Figuren besetzt: die Zwerge verwandeln sich in Bergmönche und Venediger, Götter und Dämonen in Jesuiten und Freimaurer, der alte Fritz, Napoleon und selbst Bismarck schreiten durch unsere heidnische Sagenwelt.

Das Mittelalter wird abgeschlossen durch die Reformation, die Entdeckung einer neuen Welt, neuer Länder und Völker und durch den Humanismus. Alle diese Ereignisse wirken auf den Aberglauben und dessen Auffassung ein, aber keines durchgreifend. Namentlich wird der Hexenwahn und die ganze Wut der Hexenverfolgung von der alten Kirche auch der neuen eingeimpft, auch die Protestantenwelt wird von den Hexenbränden überall unheimlich beleuchtet. Der Reformator selber, Martin Luther, der doch heißer als alle anderen nach einem reinen Christentum rang, konnte sich nicht von diesem in seiner Kindheit eingesogenen kirchlichen Heidentum frei machen. Seine Mutter hatte dem Knaben viel Schreckliches von Hexen und Alben erzählt, und vom Teufel meinte er, voll alten Nixenglaubens, er zöge Mädchen ins Wasser und zeugte mit ihnen Wechselkinder oder Kielkröpfe, die er dann zur Plage der Leute an der rechten Kinder Statt legte. Und wenn er dem Fürsten von Anhalt rät, Kinder solcher Zucht zu ersäufen, so brach die heidnische Härte des altnorwegischen Frostathingsgesetzes, das das mißgeformte Kind an der Teufelsbucht, wo weder Mann, noch Vieh geht, einzugraben empfiehlt, mitleidslos aus dem großen Reformator hervor. So nistete neben Gott, seiner festen Burg, das häßlichste Dämonengezücht. Aber er glaubte auch noch ganz altkirchlich und im Gegensatz zur späteren protestantischen Lehre an Schutzengel. Jeder besäße je nach seinem großen oder geringen Stande oder Geschäfte einen demgemäß starken Engel, der dem Teufel wehre. Und wie innig empfindet er auch wieder den liebreichen Zauber der alten Märchen:

„Ich möcht mich der wundersamen Historien, so ich aus zarter Kindheit herübergenommen, oder auch wie sie mir vorgekommen sind in meinem Leben, nicht entschlagen, um kein Gold!“

Im Gottesdienst aber räumten die ernsten lutherischen Kirchenordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts ziemlich gründlich mit den zahlreichen Bräuchen des Festjahres auf, so mit den „heiligen Gottestrachten“, den Hagelfeuem, den kirchlichen Weihen von Wasser, Salz, Fleisch, Eiern, Käse u. s. w. und mit den Totengedächtnisfesten. Nur Erntepredigten, Emtebitt- und -dankfeste blieben übrig und einzelne Totensonntage, und die Kirchweihfeste überdauerten alle Konfessionsstreitigkeiten und kriege, obgleich Luther sie ganz austilgen wollte. Noch härter traf das ausschließliche strenge Luthertum der skandinavischen Lande die alte kirchliche Festherrlichkeit und am härtesten der kunst-und schmuckscheue Kalvinismus in Holland, in England und in der Schweiz. Die wechselvolle britische Reformationsgeschichte spiegelt sich im wechselvollen Schicksal des Maifestes wider. Schon 1566 verbot das schottische Parlament die Maispiele, und unter der Regierung der Königin Elisabeth verfolgten die englischen Puritaner die Maikönigin, die Maid Marian, als die leibhaftige babylonische Buhlerin. Das von ihnen gestürzte Sinnbild des Old merry England, den Maibaum, richteten die Stuarts wieder auf; aber eine Ordonnanz des langen Parlaments 1864 warf ihn wieder überall nieder. Cromwells „Hexenfindergeneräle“ verbrannten Hexen und Maibäume mit einander. Nach der Restauration der Stuarts aber standen sie fröhlich wieder auf und prangten mit ihren bunten Bändern und Laubgewinden bis ins 19. Jahrhundert, wo ihrer einen Washington Irving bei Chester freudig begrüßte.

Durch die geo- und ethnographischen Entdeckungen der Reformationszeit wurde das Interesse an fremden Völkern lebendig, und man wandte sogar dem Leben des eigenen Volkes seine Aufmerksamkeit zu, nicht ohne kirchliche oder humanistische Tendenzen. So Joannes Boemus Aubanus (von Aub im Würzburgischen), ein Deutschordenspriester, in seinem Buch ,Omnium gentium mores, leges et ritus‘ 1520, das im 16. Jahrhundert eine Lieblingslektüre in fast ganz Europa war. Ihn schrieben aus der Wiedertäufer Sebastian Frank in seinem Weltbuch 1534 und vor allen der lutherische Pfarrer Naogeorgus oder Kirchmaier in seinem Regnum papisticum 1553. Alle drei fühlten wohl das Heidnische aus vielen beliebten Festbräuchen heraus, alle drei verglichen z. B. den Tanz, den man in Franken um das auf den Altar gebettete hölzerne Christkindlein zu Weihnachten aufführte, mit dem wilden Reigen der Korybanten um den neugeborenen Jupiter auf dem Ida, freilich ohne zu ahnen, daß darin germanische, nicht antike Festfreude sich Luft machte.

Eine vom Aberglauben ungetrübte wissenschaftliche Auffassung war im 16. Jahrhundert den Germanen noch schwer. Im Reformator der Naturwissenschaft, Theophrastus Paracelsus, wogte wie in Luther altes und neues durcheinander. Er entriß die Naturforschung den Scholastikern und legte sie den Medizinern in die Hände. Aber in seiner »Verborgenen Philosophia4 begegnen Berggeister im Schoß der Erde dem Bergmann freundlich oder übel, oder sie verkünden ihm den Tod. Er erzählt auch das liebliche Undinenmärchen. Auch die Geschichtsschreibung konnte sich oft noch immer nicht des alten Heidenglaubens erwehren, die Zimmernsche Chronik von 1566 ist voll davon. Das Geschlecht der Freiherren von Zimmern selber hatte unter seinen Ahnfrauen eine „Meerfai“. Vielerorts spuken Erdwichtelmännchen und Schutz- und Hausgeister, wie der geheimnisvolle Zwergkönig Goldemar auf dem Hardenstein an der Ruhr, und das Nebelmännchen der Bodmans am Bodensee. Das Wutesheer braust durch die Luft, und der Glaube an Zauberwesen und Zauberschlösser und allerhand altheidnischer Brauch ist auch bei Gebildeten an der Tagesordnung. Wie es aber erst in den dumpfen Spinnstuben dieser Zeit aussah, das läßt „Der Alten Weiber Philosoph ey“ 1612 und (I. G. Schmidts) Gestriegelte Rockenphilosophie 1705, 1709 ahnen. Jetzt wurden aber auch die Regierungen, protestantische wie katholische, besorgt. Zahlreiche Verordnungen wurden gegen den gelehrten, wie gegen den volkstümlichen Aberglauben erlassen, die umfassendste war wohl das Landgebot des Herzogs Maximilian in Bayern 1611. Der dreißigjährige Krieg schreckte aber unser unglückliches Volk nur immer tiefer in den wüsten Aberglauben hinein. Das beweisen uns die satirischen Schriften des Altmärkers Johannes Praetorius 1630—1680, insbesondere seine »Neue Weltbeschreibung von Alpmännern, Schröteln, Nachtmähren« u. s. w. 1666, 1667. Seinen Aussagen ist aber nicht immer zu trauen, da er selber ganz offen gesteht, daß er vieles darunter »erdichtet und fingieret* habe. Auch werden von ihm bereits und dann von jener Gestriegelten Rockenphilosophie die Vorstellungen und Bräuche der verschiedenen deutschen Landschaften durch einander gemischt, so daß man nicht mehr ein reines Bild eines landschaftlich begrenzten Glaubenszustandes gewinnen kann.

Da nahte die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, und gleich ihr erster großer Wortführer Thomasius drang auf Abschaffung der Hexenprozesse, so daß seitdem, wie Friedrich der Grosse rühmte, das weibliche Geschlecht in Frieden alt werden und sterben konnte. Doch nicht überall! Noch 1775 wurde im Stift Kempten eine Taglöhnerin als Hexe verbrannt, 1783 in Glarus der letzte Hexenprozeß geführt. Aus den Kreisen der Gebildeten wich der alte Glaube mehr und mehr, das Volk aber hielt dessen Grundzüge noch weiter fest, und unsre Dichter erweckten die alten Gestalten in der Lenore, dem wilden Jäger, dem Erlkönig, dem Fischer, dem getreuen Eckart zu neuem, wenn auch nur poetischem Scheinleben. Jedoch erst mit dem 19. Jahrhundert retteten die beiden edelsten Romantiker, die Brüder Grimm, durch ihre Märchen- und Sagensammlung unsem nationalen Glauben aus der Vergessenheit, dessen ganzen Reichtum dann der ältere, Jakob, in seiner Deutschen Mythologie 1835 (*1844, *1854, *1875—78) den erstaunten Blicken erschloß. In jeder Landschaft rührten sich nun zahlreiche Hände, kundige wie unkundige, um bei der Ernte der Volkstüberlieferungen zu helfen und der Nachwelt die letzten Urkunden des versinkenden germanischen Heidentums zu übergeben. Die sich anschließende Volkskunde der Gegenwart zeigte, daß die Spannkraft des alten Glaubens noch immer nicht ganz erlahmt war, und enthüllte die alte Gliederung der heidnischen Glaubenswelt in bestimmte Vorstellungsgruppen, in vielen Stücken vollständiger und sicherer als die altnordische Literatur. Von dieser gleichsam doppelt bezeugten Gliederung habe ich mich bei der Anordnung dieses Buches leiten lassen, nicht von einer Systemsucht.

Endlich tat sich noch ein neues weites Quellgebiet außerhalb der Grenzen unsere Nationalität auf, die Mythologie der stammverwandten Indogermanen, d. h. der Inder, Perser, Griechen, Römer, Kelten, Letten und Slaven. Der vergleichenden Mythologie gebührt trotz mancher Verirrungen und Fehlgriffe das bleibende Verdienst, dargetan zu haben, daß das mythische Wurzelwerk, der Glaube an die niederen Dämonen, in wesentlich denselben Formen allen jenen Völkern gemeinsam war und daß selbst der daraus aufgestiegene Stamm, der Göttermythus, dieselben oder ähnliche Hauptäste über sie ausbreitete. Erst dieser große Zusammenhang weist unsrer oft so lückenhaften und imverständlichen Überlieferung die richtige Stelle an.

Text aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Verfasser Meyer, Elard Hugo.

Siehe auch Deutsche Mythologie:

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

die Quellen der germanischen Mythologie Mythologie der Germanen

Um den häuslichen Herd versammelte sich die Familie zum Opfer und Gebet, Der Hausvater war der Priester, der Herd der Altar, das Haus der Tempel. Aber auch außerhalb der Behausung, in der freien Natur nahte sich die Gottheit dem Menschen und nahm Verehrung, Spende und Gelübde an. Für den einzelnen, wie besonders für die größeren Verbände lagen Opferstätten im Walde, unter Bäumen, auf Auen und Wiesen, an Brunnen, Quellen, Teichen und Flüssen, auf Bergen und Hügeln, bei großen Steinen und Felsen. Je zahlreicher die Versammlung besucht wurde, und je länger die Beratung dauerte, um so mehr machte sich das Bedürfnis nach einem festen Gebäude geltend, das die Menge vor der Unbill des Wetters schützte. Und wie im Laufe der Zeiten eine bestimmte Person mit der Leitung des Thinges und des damit verbundenen Götterdienstes betraut wurde, so gestaltete sich das Thinggebäude zum Tempel um. Der Gott des in Thing und Heer versammelten Volkes war Tius Thingsus; ihm waren vermutlich die ältesten Tempel geweiht. Aber auch bei den Kultzentren werden sich bald Tempel erhoben haben. Ursprünglich waren die Tempel ganz einfach angelegt, vielleicht aus Holz und Zweigen zusammengefügt, dann aber auch aus Steinen errichtet. Die Worte Gregors „sind die ags. Tempel gut gebaut, so weihe man sie zu christlichen Tempeln um“ (S. 329), lassen an einen festen Bau denken. Die kleineren Tempel, die zum Privatgebrauche Einzelner, wie für die kleineren Dörfer dienten, waren natürlich kunstloser angelegt; in einem hüttenartigen Häuschen stand das Götzenbild oder hingen die Symbole und wurden die Opfergeräte auf bewahrt. Ahd. plöstarhüs, plözhüs bezeichnet ein solches Opfergebäude, und mancher, der den Christenglauben nur äußerlich angenommen hatte, suchte es noch heimlich auf. Darum verbietet der Indiculus solche kleine Tempel* chen (No. 4: de casulis id est fanis). In jedem Dorfe, als dem Zentrum der Dorfmark, war der zur „Sprache“ der Gemeindeangelegenheiten geeignete Platz (Mal = Sprache, Beredung; Malstätte) zugleich die Kultusstatt oder der Tempel des Ortes, der mit Bäumen, meistens mit Linden umsäumt war. In diesem heiligen Baume des Dorfes wohnte die schützende Gottheit; darum ward er bei festlichen Gelegenheiten feierlich geschmückt und umtanzt. Noch heute finden sich solche heiligen Bäume in der Nähe von Kirchen, und Wirtshäuser daneben tragen noch oft den Namen „Zur Linde“, „Zur Tanne“ usw. Opferquellen erwähnt der Indiculus (Nr. 11: de fort-Uhus sacrificimum).

Die gallischen nnd spanischen Konzile verboten im 6., 7. und 8. Jhd. in formelhaften Erlassen den heidnischen Götzendienst in Wäldern und an den Wassern, und für Deutschland werden sie dann wiederholt. Rückfall ins Heidentum ist es, wenn jemand an einer Quelle betet (Homil. de eaeril.) und bei Burchard von Worms fehlt die Beichtfrage nicht, ob jemand an Quellen, Bäumen, Steinen oder Kreuzwegen gebetet, Brot oder irgend ein Opfer zu den Quellen gebracht, ein Licht oder eine Fackel angezündet, oder dort gegessen habe. — Die Alemannen verehrten Bäume, Flüsse, Hügel und Schluchten, denen sie Pferde, Stiere und unzählige andere Tiere opferten (Agathias 17; für die Franken vgl. S. 358). Die Sachsen widmeten den Laubbäumen und Quellen Verehrung (Rud. v. Fulda), und die Bewohner des Gau Faidara in Holstein, die nur dem Namen nach Christen waren, erwiesen den Wäldern und Quellen abergläubischen Dienst (Helmold, Chron. Slav. 1*7). Nur schweigend schöpften die Friesen das Wasser aus der Herrmann, Deutsche Mythologie. 2. Aufl. 26 dem Foseti geheiligten Quelle, sie war zugleich das AmphiIctyonenheilig-tum, und ein Tempel erhob sich neben ihr.

Heilig, geweiht und heilbringend waren alle Quellen, besonders die nie versiegenden, wasserreichen, die auch im Winter nicht zufroren und als heilsam für Gesunde und Kranke galten. Manche Brunnen heißen noch heute Heiligenbrunn, Wihborn. Eine Quelle gehörte zu der Stätte des Gottesdienstes, die gewöhnlich unter Bäumen oder ganz im Walde lag, oft genug mag sie der Ausgang der heiligen Anlage gewesen sein. Oft wird auch ein kleiner Holzbau, zur Reinhaltung der Quellen und Brunnen, über dem Wasserspiegel errichtet sein. Bei den großen Jahresfesten warf man mit Blumen geschmücktes Gebäck in die Quelle, schrieb ihr sühnende, heilende und weissagende Kraft zu und trank schweigend von dem heilawäc, d. h. dem zu bestimmten heiligen Zeiten geschöpften Wasser. An den Ufern des Flusses, am Rande der Quelle stellte man Opfergaben hin und zündete hauptsächlich abends und nachts Lichter an, nicht nur um durch die in der Flut scheinende Flamme den Schauer der Anbetung zu erhöhen, sondern die Fackeln und Kerzen an Bäumen und Quellen sollten die himmlische Szenerie nachahmen, die von Blitzen durchleuchteten Wolken.

Auf den Bergen lassen sich die Wolken nieder, aus ihnen bricht der Wind hervor, mit ihnen vermählt sich der Donnergott im Gewitter. Die Wolkengöttiu, der Wiudgott Wodan und Donar genossen hier besondere Verehrung (z. B. Wodenes-berg, Donnersberg usw.; S. 241, 262). Berge sind von alters her bei allen Völkern beliebte Opferstätten; auf ihnen glaubt die kindliche Vorstellung der im Himmel thronenden Gottheit näher zu sein. Unter den Felsen wohnen die Elbe und ZwTerge, hausen die Seelen der Verstorbenen. Das Verbot des Eligius und Martin von Bracara, die Opfer betreffend, wiederholt der I ndi cu 1 u s (Nr. 7: de sacris quae jaciunt super pe(ras), und noch im 11. Jhd. eifert Burchard gegen die Gelübde an Steinen.

Aber als die wichtigsten Kultstätten galten die heiligen Haine. Bei Griechen, Römern und Germanen findet sich der Glaube an das Leben des Baumes, die Baumseele (S. 20). Der Baum wächst, trägt Früchte, verwelkt, stirbt wie der Mensch. Darum vergleicht ihn kindlicher Glaube den lebenden Wesen. Viele Bäume bluten wie die Menschen, wenn sie der Schlag der Axt trifft. Wald und Hain beleben sich mit Waldgeistern und Wildfrauen. Darum suchte man auch den Sitz der unsterblichen Götter in den Bäumen. Wälder und Haine sind die Tempel, die die Natur selbst den Göttern errichtet hat. „Hätf es nie in deinen Zweigen, heil’ge Eiche, mir gerauscht0, ruft Johanna aus, deren empfänglichem Gemüte „in der Eiche Schatten“ die Mutter Gottes erschienen war. Scheffel singt: „Ehre und Preis sei dem Bauherrn der Welt, der sich als Tempel den Wald hat bestellt!“ Auch die Sprache lehrt, daß Tempel zugleich Wald ist; die ältesten Bezeichnungen dafür können sich von dem Begriffe des heiligen Haines noch nicht loslösen und schwanken zwischen lucus und fanum. Ahd. paro, ags. bearo Hain gehört zu altslav. bora Fichte; der Bedeutuugsübergang ist derselbe wie bei „der Tann“ und „die Tanne“, der Wald aus der betreffenden Holzart erweitert sich dann zum Walde überhaupt. Ahd. loh (lichte Stelle im Hain, lat. lucus) und forst bedeuten Wald und Heiligtum zugleich; ahd. haruc wird in Glossen mit nemus, fanum, ara wiedergegeben (doch s. u. Tempel, Altar, S. 407). Im Hoyaschen lag ein Heiligenloh, ein Heiligelo bei Alkmaar in Holland, ein Heiligenforst bei Hagenau, Heiligen-holtz bei Zwiefalten. Mit „Forst“ bezeichnete man in christlicher Zeit zunächst die königlichen Bannwälder; diese hängen, wohl auch sachlich mit den alten heiligen Wäldern zusammen und leiten von ihnen ihren ersten Ursprung ab. Einzelne kleine isolierte Waldstücke haben sich bis auf die Gegenwart unter dem Namen Loh erhalten. Ahd. wih, ive, as. iüih, ags. vih, veoh, an. vö bezeichnet einen geheiligten Platz, speziell die Kultusstätte uud als solche ursprünglich den Hain, was noch die Gleichung „forst edo Imme edo wih“ einer ahd. Glosse wiederspiegelt (S. 330). Dann bezeichnet wih auch einzelne Gegenstände und Symbole, die unter dem Schutze der Gottheit standen oder zur Ausübung heiliger Handlungen dienten, die Banner und Feldzeichen. Denn als Standarten dienten die Bilder und Abzeichen, die in den Hainen aufbewahrt und bei Kriegszügen oder Prozessionen als die Symbole der anwesend gedachten Götter der Menge vorangetragen wurden. Daher stammen die ahd. Eigennamen Oswig, Eberwih, Beranwib, Hundwig, Wolfwig, Arnwig.

Die Zeugnisse des Tacitus für den Waldkultus der Germanen sind die ältesten und die zahlreichsten. Das Werfen mit Baumlosen wird unter den Baumorakeln als eine der ältesten Formen anzusehen sein (Germ. 10). Romanhafte Träumerei ist freilich die idealisierte Schilderung in Germ. 9: „Die Götter in geschlossene Bäume zu engen oder einem menschlichen Antlitz ähnlich nachzuhüden, halten sie nicht der Größe der Himmlischen fiir angemessen. Haine und Wälder weihen sie ihnen und bezeichnen mit dem Namen de)’ Götter jenes Geheimnisvolle, das sie allein durch fromme Anbetung schauen Dieselbe Stimmung flößen ihm in Italien die Haine und Wälder und die Abgeschiedenheit ein: der Geist zieht sich zurück in seine unbefleckten Räume und erfreut sich eines geweihten Aufenthaltes (de orat. 12). Dasselbe sentimentale Gefühl kehrt bei seinen röm. Zeitgenossen wieder. Seneca schreibt: „Betrittst du einen Wald von alten, ungewöhnlich hohen Bäumen, in dem dir das Durcheinander von Ästen und Zweigen den Anblick des Himmels entzieht: weckt nicht die Erhabenheit eines solchen Haines, die Stille des Ortes, der wunderbare Schatten dieses freien und doch so dichten Gewölbes in dir den Glauben an ein höheres Wesen(Ep. 41). Bei Plinius heißt es: „Die Bäume waren der Gottheit Tempel, und die ländliche Einfalt weiht nach altem Brauch einen stattlichen Baum noch heute einem Gotte, und nicht größer ist die Andacht, mit der wir zu Götterbildern flehen, die von Gold und Edelsteinen strahlen, als die, mit der wir die Haine und in ihnen das tiefe Schweigen selbst anbeten“ (H. N. 12J. In den Gewölben gotischer Dome hat man die Laubdächer des alten Kultus wiederfinden wollen.

Aus den Hainen werden die Tierbilder und Götterzeichen von den Priestern hervorgeholt und dem Heere in der Schlacht vorangetragen. In einem Walde, der durch den Weihedienst der Vorfahren und durch uralte Gottesfurcht geheiligt ist, versammeln sich die Abgeordneten der Sueben (Germ. 39); niemand geht anders denn gebunden in den Tiushain. Auch in der Edda wird ein „Fesselbain* erwähnt, und noch aus den Verboten der Kirche im II. Jhd. geht hervor, daß man einen heiligen Wald ohne vorherige Weihung nicht betreten durfte; ein geweihter Baum durfte nach heidnischem Glauben seines Laubes oder seiner Zweige nicht beraubt noch umgehauen werden (Konzil von Nantes 895; Burcb. v. Worms). Auf der Nerthusinsel befindet sich ein unentwegter Hain (Germ. 40), aber auch ein Tempel, bei den Nabanarvalen wird ein Hain mit altem Gottesdienst gezeigt (Germ. 43). Vor der Schlacht bei Idisiaviso kommen die verbündeten Stämme in Donars heiligem Walde zusammen (Ann. 2,a), 900 Römer werden im Haine der Baduhenna, der Gattin des Tius, von den Friesen niedergemacht (Ann. 47J). Nach der Schlacht im Teutoburger Walde wurden die röm. Offiziere an den Altären in den nahen Hainen hingeschlachtet, an den Baumstämmen bleichten die Schädel der geopferten Rosse (Ann. 1Q1), in einem nahen Haine war auch der Adler einer der Legionen des Varus vergraben (Ann. 2a). In einem heiligen Haine ruft Civilis die Großen des Volkes und die Entschlossensten der Menge zusammen (Hist. 4i4). Die Alemannen und Sueven verehren Bäume (Agathias 17; Mart. v. Brac. 7; S. 401), und die Franken machten sich Bildnisse an Wäldern und Quellen, aus Vögeln und wilden Tieren und anderen Elementen, verehrten sie göttlich und brachten ihnen Opfer dar (Greg. v. Tonrs 210).

Lange Jahrhunderte hindurch, auch nach der Einführung des Christentums, hielt der Gebrauch an, die Gottheit in heiligen Bäumen und Wäldern zu verehren. Bonifatius fällte die ungeheuere Eiche, den Donarsbaum, bei Geismar. Die Bestimmungen zahlreicher Konzilien, Kapitularien und Bußbücher verbieten, an Quellen, auf Bergen, in Wäldern Opfer darzubringen, besonders Tiere und Früchte, Opfermahlzeiten zu halten, Lichter anzuzünden, Gelübde zu tun oder durch Aufhängen von künstlich nachgebildeten erkrankten Gliedmassen Heilung zu suchen. Von Waldheiligtümern handelt der Indiculus (Nr. 6: de sacris silvarum quae nimidas vocant). Ein von den Franken schwer verwundeter Sachse ließ sich nach dem Treffen bei Nottein 779 heimlich aus seiner Burg in einen heiligen Wald tragen, der dem höchsten Gotte geweiht war, um hier sein Leben auszuhauchen. Der Landtag zu Paderborn 785 bedroht den mit Strafen, der an Quellen, Bäumen oder in Hainen Gelübde täte oder nach heidnischer

Sitte opferte. Erzbischof Unwan von Bremen ließ die Haine, die die Marschbewohner seines Sprengels in törichter Verblendung besuchten, niederhaueu und davon die Kirche neu bauen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft

Auch interessant:
Nordische Göttersage – Sammelkarten
Kunstwerke aus der altnordischen Mythologie
Germanische Schöpfungsgeschichte
Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

Deutsche Mythologie

Religiöse Gebräuche begleiteten das Leben unserer Vorfahren vom Augenblicke der Geburt an bis zur Todesstunde. Fühlte die junge Mutter die schwere Stunde herannahen, so rief sie die Schicksalsfrauen um gnädigen Beistand an. Das kaum geborene, schwache und hilflose Kind war mit eier Mutter vor allem den Angriffen der nächtlichen Unholde ausgesetzt. Gegen die Hexen, Druden, Maren und Elbe, die das Kind zu rauben oder gegen einen Wechselbalg zu vertauschen suchen, brannte nachts das abwehrende Feuer. In die Wiege ward zum Schutze gegen Unheil ein Runenzauber eingeritzt; in Süddeutschland malt man noch heute den Drudenfuß gegen die Hexen daran. Um das kleine Wesen vor dem Alp zu sichern, forderte man ihn in Beschwörungsformeln auf, den Sand, die Sterne, alle Wege zu zählen, oder man stellte einen Kessel siedenden Wassers neben das Lager. In der Hand der geheimnisvollen Schicksalsfrauen lag es, oh das Kind wirklich ein Mensch werden oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Belieben zu verfassen und zu wandeln. Darum stellte man Speise und Trank für sie auf den Tisch, um sie gastlich zu bewirten.

Vom Willen des Vaters hing es ab, ob das neugeborene Kind in die Familie aufgenommen oder ausgesetzt tverden sollte. Die Angaben des Tacitus (Germ. 19), daß es als Schandtat gälte, die Zahl der Kinder zu beschränken oder eins der nachgeborenen zu töten, ist nur zum Teil richtig.

Die Großmutter des heiligen Liudger wollte ihre Enkelin töten, weil ihre Tochter nur Mädchen, keine Söhne hatte. Sie befahl, daß die Tötung erfolge, bevor das Kind Milch von der Mutter genossen hätte; denn solange ein Kind noch keine irdische Speise berührt hatte, war sein Tod gestattet. Der damit beauftragte Sklave brachte das Mädchen zu einer Wanne, um es darin zu ertränken; aber durch Gottes Erbarmen hielt es sich mit seinen Ärmchen am Rande der Wanne über Wasser, bis ein aus der Nachbarschaft hinzukommendes Weib es dpn Händen des Sklaven entriß, in ihr Hans brachte und ihm Honig einflößte. Die rasende Großmutter schickte Gerichtsdiener nach dem Kinde in das Haus der mitleidigen Frau, aber sie sagte ihnen, das Kind hätte bereits Honig genossen und zeigte ihnen dessen Lippen. Nach heidnischem Brauche war es nun nicht mehr gestattet, das Kind zu toten. Aber erst nach dem Tode der wütenden Großmutter konnte die Mutter ihr Kind zu sich nehmen (V. Liudg. 6, 7).

Der entscheidende Akt, durch den ein Kind völlig zu seinem Rechte kam und als Person anerkannt wurde, war die Namengebung. Von der Zeit an, wo dem Kinde ein Name beigelegt war, galt Aussetzung als unerlaubt. Die Namengebung pflegte binnen neun Nächten nach der Geburt zu erfolgen und war schon in heidnischer Zeit bei allen Germanen mit Wassertauche oder Wasserbegießung verbunden. Von da an trat das Kind in sein volles Wergeid ein, während es vorher nur durch ein halbes Wergeid geschützt war. Der Volksscherz von den blinden Hessen oder Schwaben bewahrt noch eine Erinnerung an die alte Rechtsordnung, die den Neugeborenen bis zu dieser Frist dem Ungeborenen gleichstellte. Vermutlich ward das Kind bei der mit der Wasserweihe verbundenen Namengebung mit dem Hammer, dem Symbole Donars, geweiht. Die langobardische Sage, daß Wodan auf Freas Geheiß, weil er ihnen den Namen Langbärte gegeben habe, ihnen als Namensgeschenk den Sieg verliehen habe, zeigt, daß ein Geschenk der Namengebung folgen mußte. Der Hausvater verrichtete selbst die Taufe des Neugeborenen; erst durch sie ward die Körperlichkeit des jungen Menschen befestigt.

Schon Aristoteles kennt bei vielen Barbaren die Sitte, die Neugeborenen in kaltes, fließendes Wasser unterzutauchen, und der Arzt Galcnus im 2. Jhd. n. Chr. sagt ausdrücklich, daß die entsetzliche Sitte, die Neugeborenen, heiß vom Mutterleibe wie glühendes Eisen in kaltes Flußwasser zu tauchen, bei den Germanen herrsche. Aus dem 4. Jhd. stammt die griechische Fabel, daß der Rhein den nordischen Barbaren zur Kinderprobe diene, weil er die unechten sinken lasse. Der alte Name für die Wasserweihe war daupjan tauchen; Wulfila übersetzt damit die christliche Taufe.

Auch die Westgermanen behielten döpjan, toufan dafür nach ihrer Bekehrung und liessen es durch kein kirchliches Wort verdrängen, wie bei andern heiligen Handlungen. Als der getaufte Sohn des FrankeDkönigs Chlodwich stirbt, ruft dieser: „Wäre der Knabe im Namen meiner Götter getauft gewesen, gewiß lebte er noch; aber er konnte nicht leben, weil er im Namen eures Gottes getauft ist!“ (Greg. v. Tours. 229_81). Die christliche Taufe übt also nach der Ansicht des Heiden nicht die der heidnischen Weihung zustehende Kraft, des Kindes Köperlichkeit zu festigen. Die Kirche sah daher in der heidnischen Taufe einen gefährlichen Nebenbuhler und ein teuflisches Werk. Bonifatius schreibt 732, die von den Heiden Getauften müssen von neuem im Namen der heiligen Dreieinigkeit getauft werden. Wenn eine von Heiden vollzogene Taufe (d. h. die germanische Wasserbegießung) für ungültig erklärt wird, muß sie also bestanden haben.

In den Namen, der dem Kinde gegeben wurde, legte man die Fähigkeiten und Charakterzüge hinein, durch die es sich, erwachsen, nach dem frommen Wunsche des Gebers auszeichnen sollte: er sollte das ideale Vorbild sein, dem das Kind nachstreben sollte. War es der Name eines Gottes, so sollen dessen Taten und Empfindungen Muster und Beispiel werden. Zugleich sollte dadurch ein gewisses Schutzverhältnis zwischen dem Gott und dem seinen Namen tragenden Menschen erfleht werden. Mit Wodan, Donar, Balder zusammengesetzte Eigennamen finden sich wiederholt für deutsche Männer, selbst als einfache menschliche Namen kommen sie vor. In Answalt, Oswald, Ansgar, Reginbirin (Kind der ratenden Götter) sind die alten Bezeichnungen der Gottheit, in alb, hün, thurs, Mimi sind dämonische Namen enthalten; auf die den kriegerischen Gottheiten geweihten Tiere weisen am, hraban, swan, ebur und wolf. Bei den Frauen überwiegen in der ältesten Zeit Walkürennameu. Aber auch nach den Wald- und Wasserfrauen und den Elbinnen ward das Mädchen benannt. Häufig deutet der Name auf priesterliche Tätigkeit hin, auf die Heiligtümer: alah, will, die Opfer: gelt (gildi), auf Zauber und Weissagung:

Trat der Sohn aus der Gewalt des Vaters heraus, so schnitt ilim der Vater, der dabei wieder Priesterdienste verrichtete, daß Bart- oder Haupthaar ab: das Haar, das Symbol der Fruchtbarkeit, war der Gottheit des Wachstums geweiht, oder es war ein stellvertretendes Opfer für den Menschen selbst.

Die frohen Zeiten der erwachenden Natur sind auch die Feste der Liebe. Alter Brauch am 1. Mai war es, daß das Mädchen den Hut des Geliebten mit grünen Blumen schmückte, und daß der Bursch ihr einen Maien, das Zeichen der Früh-liugsgottheit, vor der Tür aufpflanzte. Durch das Oster- und Johannisfeuer sprangen die jungen Paare, um Segen für den Besitz und für sich selbst zu erlangen. Bei dem Scheibenschlagen warfen die Burschen das brennende Rad zugunsten der Erkorenen. Zur Wintersonnenwende befragte man nach uralter Sitte das Schicksal nach dem Geliebten oder schaute nach dem künftigen Gatten.

Hochzeit, höhe zit, hieß der festliche Tag der Heirat. Die Hilfe der Götter wurde für das junge Paar erfleht, heilige Gebräuche weihten ihn ein. An dem heiligen Tage des Gottes, unter dessen besondere Huld man die Ehe stellen wollte, ward die Hochzeit begangen.

Am Tage zuvor ward die Braut durch ein reinigendes Bad entsühnt, um die feindlichen Geister abzuwehren, sie gegen den Zorn der göttlichen Mächte zu schützen und ihre Gunst ihr zu sichern. Auch ein Sühnopfer ward dargebracht; der dem Donar heilige Bock ward geschlachtet und mit seinem Blute die Braut besprengt. Auch die Verhüllung der Braut weist auf alten Opferdienst für die unterirdischen, Fruchtbarkeit spendenden Mächte. Ein zwar aus älteren Quellen nicht belegter, aber uralter Brauch war, am Vorabend der Hochzeit, an dem sogen. Polterabend, allerlei Geschirr zu zertrümmern: die schädlichen Unholde sollten durch den Lärm vertrieben werden.

Als Herdgott und Schutzgott des Hauses ward der Gewittergott Donar besonders angerufen. Das junge Paar umwandelte dreimal den Herd, auf dem ein frisches Feuer angezündet war; hier brachte die Neuvermählte auch den Hausgeistern ein Opfer dar. Auf der hochzeitlichen Tafel fehlte auch des Wettergottes heiliges Tier, der Brauthahn, nicht. In feierlichem Gebete lud man die Gottheit zum Hoohzeitsmahle ein; in der ältesten Zeit genossen die Ahnen, die Hausgeister, die hauptsächlichste Verehrung bei der Ver-mählungsfeier, für sie und neben ihnen traten später die himmlischen Götter als anbetungswürdige Vorbilder der Feiernden oder als Festteilnehmer und Ehrengäste ein. Besonders dachte man sich die Schicksalsfrauen bei der Hochzeit weilend.

Tanz und Spiele gehören zu den alten religiösen Festen, auch bei der Hochzeitsfeier fehlten sie nicht. Die Festgeuossen begleiteten den Brautzug wie eine feierliche Prozession, Männer kleideten sich wie Frauen und umgekehrt, schwärzten die Gesichter uud stellen allerlei Tiergestalten dar, um die feindlichen Dämonen zu schrecken, aber auch aus ehrfurchtsvoller Scheu. Lieder erklangen, und selbst kleine dramatische Szenen fehlten nicht. Der Auszug zur Einholung der Braut ward oft als wildes Wettreiten ausgeführt. Oder die geladenen Gäste begannen nach uraltem, heiligem Brauche barfüßig den Lauf. Aber auch Braut und Bräutigam unternahmen den Wettlauf, die Braut bekam einen Vorsprung, und am Ziele der Bahn ward ihr der Kranz abgenommen. Auch Siegfried erringt für Günther im Wettlaufe die Walkürenbraut (N. L. 4354— 437a). Als der schnellste und siegreichste unter allen Göttern ward Wodan zum Beistände des Bewerbers angerufen; aber die göttliche Weihe der Vermählung erfolgte durch Donar. Selbst das sühnende Feuer fehlte bei der Hochzeit nicht. Wie beim Frühlings- und Mittsommerfeste ward nach vollzogener Vermählung ein mit Stroh umwundenes Rad angezündet, die Gä3te tanzten um das Feuer, und das juuge Paar sprang über die heilige Lohe.

Mit den neuen Pflichten und Rechten, die der junge Hausvater übernommen hatte, verband sich für ihn die selbstständige Ausführung der religiösen Gebräuche. Er vollzog fortan die Losungen und Gebete für sein Haus, brachte kleine Opferspenden und Gelübde an Bäumen, Felsen, Quellen, den Gräbern der Verstorbenen dar, beging den Wechsel der Jahreszeiten nach altem heiligem Brauche, ließ Feuer auf deu Bergen auflodem und in feierlichem Umzuge ein Götterbild um das Feld tragen, versäumte nicht die täglichen Opfer für die Hausgötter und Hausgeister und brachte abwehrende Opfer bei der Erkrankung einzelner Stücke der Herde, Bittopfer bei der Bestellung der Äcker, Dankopfer bei der Ernte. Bei den religiösen Gebräuchen des Einzelnen hat sich der Seelenkult am längsten erhalten, aber die großen Götter des Volkes wurden keineswegs vernachlässigt. Nur waren seine Opfer naturgemäß ärmlicher und dürftiger als die großen Gemeindeopfer, deren Vorstufe sie sind. Nur geringe Gabe an Brot, Körnern und Eiern konnte der einzelne den Göttern darbringen, bescheiden war das anschließende Opfermahl; Rosse, Rinder, Schweine und Böcke mußte er sich versagen, selbst Gänse und Hühner werden kaum geopfert sein. Bilder der höheren Götter waren gleichfalls nicht im einzelnen Hofe anzutreffen. Nr. 27 des Indiculus handelt von Götzenbildern, die aus Zeuglappen gemacht sind (de simulacris depannis factis). Es sind Bilder von Haus- und Herdgöttern, Geistern und ähnlichen Wesen, die sich der Einzelne zu privatem Gebrauch im Hause anfertigte. Schon der geringwertige Stoff, aus dem sie bestanden, und ihre gewiß kunstlose Form zeigen, daß ihre Herstellung und Anschaffung auch dem einfachsten und ärmsten Manne möglich war. Am Herde werden sie ihren Platz gehabt haben.

Geburt, Leben und Tod stand in der Hand der höheren Mächte. Der Tod war das Werk der Schicksalsgöttin, der Wurd, die nicht weiterhin auf dieser Welt Wonne genießen läßt. In den Schoß der mütterlichen Erde, dem alles Sein entsproßt, kehrte der Mensch zurück. Der Sterbende, der Tote ward gewaschen, die Leiche und der Sarg mit Weihwasser besprengt. Durch das Weihwasser reinigte man den Verstorbenen von schweren Sünden und versöhnte die Götter. Neun Tage währte die dem Totenkulte gewidmete Sühn- und Trauerzeit, sie schloß am neunten Tage mit einem Opfer, das den unterirdischen Gottheiten galt. Zugleich reinigten sich auch die Hinterbliebenen von der Befleckung durch den Toten. Zu dem Totenmahle lud man die Seele des Abgeschiedenen ein; was hei dem Schmause gegessen und getrunken wurde, kam dem Toten „zu gute“.

Kurz darauf erfolgte der Antritt des Erbes. Zwar wird ein feierliches Opfer für die mächtigen Gottheiten nicht gefehlt haben, die Haus und Hof, Feld und Flur, Wald und Weide schirmen, aber das Erbbier hielt man vor dem leeren Hochsitze des Verstorbenen, trank des Toten Minne, und der Haupterbe nahm den Ehrensitz ein. Die Geister der Vorfahren weilten als Schutzgeister der Familie im heiligen Herdfeuer, und der Hausvater brachte ihnen täglich und zu bestimmten Zeiten Opfer dar. Alle Jahre am Todestage erschien die Seele wieder an der Grabstätte, um die Vorgesetzte Speise als Opfer hinzunehmen. Bei jedem großen Opferfeste der Gemeinde trank man ihr Gedächtnis. Von seiten der Gemeinde oder der größeren Verbände wurde den Abgeschiedenen alle Jahre an dem großen Herbstfeste ein dreitägiges Totenfest gefeiert, wenn mit dem Ersterben der Vegetation die Seelen sich, in das Innere der Erde zurückziehen. Zur Zeit der Wintersonnenwende, in den zwölf Nächten, wenn die Götter aus ihrem Schlummer erwachten, kamen auch die Seelen wieder hervor, und Speise und Trank setzte man für sie zurecht.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
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Deutsche Mythologie

Die alten Deutschen kannten Zauber mit Tat und Wort; den ersteren verbietet Nr. 10 des Indiculus (de phy-lacteriis et Ugaturis), den zweiten Nr. 12 (de incantationibus). Das Wort Zauber (ahd. zoubar) selbst bedeutet eigentlich „Mennig“, die rote Farbe, mit der die Runen in die Lostäfelchen eingetragen wurden. Das Zauberlied ist die älteste nachweisbare Dichtungsart der Germanen wie der Indogermanen überhaupt, und die Sprache lehrt, daß Zauberei mit dem Wort und der Dichtkunst eng zusammengehört. „Lied“ ist ursprünglich das Zauberlied, ebenso hat ahd., as. galdar oder galstar von Hause aus die Bedeutung „Zaubergesang“, „Zauberlied“: es wurde in halbsingendem Tone langsam und feierlich gesprochen; auch „schwören“ bedeutet ursprünglich „mit lauter, halbsingender Stimme etwas äußern“. Neben dem Liede geht das Wort her, neben der gesungenen Zauber weise die gesprochene Segensformel. Dahin gehört engl, spell „Zauberspruch, Zauber“, verglichen mit ags. spell „Erzählung, Geschichte“ von einer Wurzel „sprechen, singen“. Als die Langobarden viele ihrer Sklaven zu Freien machten, um die Zahl ihrer Streiter zu vergrössern, bekräftigten sie ihnen vermittelst eines Pfeiles die Weihe und murmelten dabei noch einige Worte in ihrer Sprache, um der Sache Festigkeit zu verleihen (Pis. Diac. 1, 3); gemeint ist ein Zauberspruch, der die ungewöhnliche Handlung zum Heile wenden sollte.

Das deutsche Heidentum kannte eine erlaubte und eine verbotene Zauberei, eine weiße und eine schwarze Magie, nach mittelalterlichem Ausdrucke Gotteswerk und Teufelskunst.

Da der Tod das Werk schadenfroher, feindlicher Geister ist, muß der Priester zugleich Arzt, Medizinmann sein und einmal den Verkehr mit diesen Mächten vermitteln, dann auch eben dadurch über Leben und Gesundheit der Stammesgenossen wachen. Wenn eine Seuche das Land verheert, der gewohnte Regen oder Sonnenschein ausbleibt, ein Verwandter oder ein Tier plötzlich krank wird, ist der böse Geist die Veranlassung, und nur der Zauberer vermag den Schaden abzuwehren. Er kann umgekehrt die bösen Geister beschwören und bannen, die Zukunft Voraussagen und Verstorbene heraufrufen, kurz das Leben und den Besitz durch Wundertaten schützen und sichern. Seine Tätigkeit besteht also in dem Abwehren des Schädlichen und in dem Zuwenden des Heilsamen, für sich wie für seine Umgebung. Männer und Frauen können den Zauber ausführen, doch überwiegen die männlichen Priester.

Die Seele ist nicht unabänderlich an den Körper gebunden; in dem Augenblicke, wo sie den Leib verlassen hat, kann ein feindseliger Geist in den Körper einfahren und den betreffenden Menschen zum Werkzeuge seiner Bosheit machen. Er ist dann mit übernatürlichen Kräften ausgestattet und imstande, Besitz, Gesundheit und Leben anderer Menschen zu schädigen, Enthüllungen über die Zukunft zu geben und staunen-erregende Taten auszuführen, aber gewissermaßen auf unrechtmäßige Weise. Der Zauberer sieht in ihm natürlich einen Nebenbuhler, und seine Bekämpfung wird ihm um so leichter, als die Tätigkeit des Gegners vorwiegend vernichtend, schädigend ist. So entbrennt der Kampf zwischen weißer und schwarzer Kunst. Besonders das weibliche Geschlecht mit seiner zarteren, nervöseren Veranlagung und seinem Hange zum Übersinnlichen, Mystischen ist solchen Einflüssen und Verzückungen ausgesetzt. Derartige Zustände bezeich-nete das deutsche Heidentum als „Ausfahren mit der Nachtfrau“. Darum heißt im Münchener Nachtsegen „du sollst mich nicht entführen“, soviel wie du sollst meinen Geist nicht hinwegführen“. Bedenkt man, daß die Wesen, die Feld und Flur, Menschen und Vieh schädigen, überwiegend Weiber sind, und daß sie ihre Gestalt tauschen und besonders zur Nachtzeit ausfahren können, so hat man die Grundlage des deutschen Hexenglaubens. Der Hexenglaube zeigt deutlich noch die ganze ungebrochene Kraft des Seelenglaubens und darf als ein allgemein menschlicher Wahn angesehen werden.

In heidnischer Zeit bestand also bereits ein scharfer Unterschied zwischen Zauberei und Hexerei, der sich noch bis in die Anfänge des Christentums verfolgen läßt. Aber die einzelnen Merkmale sind auch schon zuweilen ineinander übergegangen. Seitdem Könige und Häuptlinge selbst den Kult der allmächtigen Götter versehen, dauert die Macht der alten Zauberpriester nur im Geheimen fort. Niemals wird ihre Tätigkeit vom Staate beansprucht. Nur der Einzelne, der sich nicht über den engen Kreis des Gespensterglaubens zu erheben vermag, wendet sich an sie und hofft von ihnen Rat und Hilfe in Fällen, die das helle Sonnenlicht scheuen. So wird die Zauberei bereits im Heidentume zur Hexerei.

Zauber und Götterkultus verhalten sich zueinander etwa wie Aberglaube und Glaube. Denn Aberglaube ist nicht nur nach einem bekannten Worte Friedrichs des Großen „ein Kind der Furcht, der Schwachheit und der Unwissenheit“, sondern etymologisch „nachgebliebener Glaube“ und dann eine verächtliche Bezeichnung für Reste einer überwundenen Weltanschauung, die aber noch weiter auf das Handeln und Denken der Menschen ein wirkt und dementsprechend Gebräuche Jiervorruft. Aus der Beseelung der Natur folgt, daß das höhere Wissen des Zauberers die schädliche Einwirkung der Seelen verhindern, ihren freundlichen Einfluß zu sich oder andern hinleiten kann. Wie noch heute die Naturvölker, glaubten auch die alten Deutschen, ein Seelenwesen an einen bestimmten Platz oder Gegenstand bannen zu können, von dem dann die heilsame Wirkung ausging. Großer Segen war dem beschieden, der einen solchen zauberkräftigen Schatz immer bei sich trug. Schmuck, Steine, Kräuter und Knochen gelten noch heute als Amulett, als der Sitz eines schützenden Geistes- oder Seelenwesens.

„Das Beschwören der Kräuter zu schändlichen Taten und das Anrufen der Dämonen beim Beschwören, was ist es anders wie Teufelsdienst ?“ (Mart. v. Brac.; de corr. rust. 16). Prim in, der Stifter des Klosters Reichenau, Zeitgenosse des Bonifatius, der schon bei seiner Ankunft durch die Kraft des hl. Kreuzes alle Schlangen und sonstiges schädliches Gewürm vertilgt hatte, verbietet in seiner alemannischen Musterpredigt, an Spruch-und Loszauberer, Wahrsager, Wettermacherinnen und Vorzeichen zu glauben, Zauberzettel, Zauberkräuter und Bernstein anzuhängen (Dicta abbatis Pri-minii K. 22). Regino von Prüm eifert gegen Hirtensegen über Brot und Kräuter und Binden, die, in den Bäumen verborgen oder auf Kreuzwege gelegt, die eigenen Tiere von Krankheit befreien und diese anderen zuführen sollen.

Der Indiculus (Nr. 10) verbietet solche Schutz- und Hilfsmittel vor und in allerhand Not (phylacteria), aus den verschiedensten Stoffen hergestellt, und solche, die angehängt oder angebunden werden (ligaturae). Solche Amulette waren, wie die Erlasse der Kirche zeigen, aus Knochen oder Bernstein hergestellt, aus Pflanzen, Schriftzeichen usw. Um die zauberhafte Wirkung zu erhöhen, wurden Zauberlieder gemurmelt. Bei Burchard von Worms lautet eine Beichtfrage: .Hast du dich befaßt mit Angebinden (ligaturae) und Zauberliedern und den mannigfachen Hexereien, wie sie nichtswürdige Leute, Sau- und Kuhhirten und bisweilen Jäger treiben, indem sie Teufelslieder sagen auf Brot oder auf Kräuter und auf gewisse nichtsnutzige Binden und diese dann in einem Baume verbergen oder an einem Kreuzwege hinwerfen, um von Krankheit und Verlust ihre Herden und Hunde zu befreien und diejenigen anderer zu schädigen?“ Noch heute sind geschriebene Amulette Zauberschutzmittel gegen Krankheiten, Gefahren, Verwundung, Behexung usw.; meist werden sie auf bloßem Leibe getragen, bisweilen muß man sie auch verschlucken.

Der Zauberer vermag auch auf die Seelen einzuwirken, indem er ihnen symbolisch an einer bildlichen Handlung zeigt, was er von ihnen begehrt. Wenn man des Morgens das heilige Feuer entflammte, so förderte dieser Zauber den Aufgang der Sonne. In dieser ovi-ind&eia, dem Parallelismus zweier Ereignisse, haben noch heute viele Gebräuche ihren Ursprung. Die Sympathie lehrt solchen Zauber vermittelst des Abbildes: man kann eine Wirkung durch eine Handlung erzielen, die dem Vorgänge selbst ähnlich ist. Man legt einen Teil eines Tieres oder ein Kraut auf die kranke Stelle und hängt es dann in den Herdrauch oder vergräbt es; wie es verdorrt, so nimmt auch die Krankheit ab. Was in der Landwirtschaft wachsen und gedeihen soll, muß bei zunehmendem Monde, was schwinden und vergehen soll, bei abnehmendem Monde vorgenommen werden. Alte Weiber im Saalfeldischen schneiden den Rasen aus, den ihr Feind betreten hat, und hängen ihn in den Schornstein oder legen ihn hinter den Herd, damit auch der Mensch sich abzehrt; schon Bur-chard von Worms kennt diesen Wahn.

Der höhere Kultus ist reich an solchen Gebräuchen, die ursprünglich zauberhafte Bedeutung haben und das gewünschte Ereignis herbeiführen, indem dabei ein Bild dieses Ereignisses dargestellt wird. Der Regen- und Sonnenzauber ist erst später zu den heiligen Riten bei der Verehrung der mächtigen Götter hinzugetreten. Burchard von Worms meldet, daß die Mädchen in Hessen und am Rheine die kleinste aus ihrer Mitte entkleideten, mit Laub umhüllten und an die Stelle führten, wo Binsen wuchsen, ihr diese an die rechte Fußzehe banden und sie mit Laubzweigen in den Händen an den nächsten Bach geleiteten, mit ihren Büscheln Wasser über sie sprengten und schließlich im Krebsgänge heimzogen: alsbald ergoß sich Regen. Indische, griechische, römische, sla-vische und deutsche Bräuche stimmen darin überein, daß man bei Dürre Wasser ausgoß, um für das nächste Jahr hinreichenden Regen herabzulocken. Gleichfalls uralt ist die Sitte, einen in Laub gekleideten Mann oder eine nackte Jungfrau mit Wasser zu begießen, um durch das Begießen das himmlische Naß herabzuzaubern. Wie man sich die Wolken als Tiere vorstellte, so faßte man auch das ganze Himmelsgewölbe als ein Fell auf. Im Indischen schoß man bei der Sonnwendfeier Pfeile auf ein Kuhfell: die Schüsse sollten den Verschluß des Himmels öffnen und dem ersehnten Regen durch die entstandenen Öffnungen Durchgang verschaffen. Im Hochsommer bei anhaltender Dürre zogen die magnesi-schen Jünglinge, in Schafsfelle gekleidet, auf den Pelion zu Zeus; in Athen diente das Fell eines bei den Diasien geopferten Widders zu Sühnezeremonien. Die Langobarden verehrten einen Baum, der nicht weit von den Mauern von Benevent stand, als heilig; sie hängten ein Fell daran auf, ritten dann alle zusammen um die Wette, so daß die Pferde von den Sporen bluteten, hinweg, warfen mitten im Laufe mit Wurfspießen rückwärts nach dem Fell und erhielten dann jeder einen kleinen Teil davon zum Verzehren. Dieser Ort hieß noch im 9. Jhd. Votum (V. Barbati). — Die wichtigsten Formen des Sonnenzaubers sind das Scheibenschlagen oder Radwälzen, der Fackellauf zur Befruchtung der Felder und Obstgärten, und das Hindurchspringen und Hindurchtreiben von Menschen und Tieren durch das Feuer, um Gesundheit zu erlangen. Das Feuer wurde durch Drehung eines die Sonne darstellenden Rades oder einer Scheibe erzeugt: der Sonnenzauber soll der Vegetation Licht und Wärme sichern.

Eine besondere magische Kraft wohnt dem Wort inne; Gebet und Zauber gehören naturgemäß zusammen. Manche Zauberformeln reichen in ihrer Anlage in die indogermanische Urzeit zurück; der Merseburger Spruch gegen Verrenkung findet sich z. T. wörtlich im Indischen wieder. Der höhere Kultus hat sich ihrer bemächtigt, sie auf die grossen Götter übertragen, vertieft und dichterisch ausgestattet. Die Kraft des Zaubers wird erhöht, wenn die zu erreichende Wirkung mit Vorgängen aus der Götterwelt verglichen wird: die zauberische Macht, die den Göttern den erwünschten Erfolg brachte, wird in jedem ähnlichen Falle von neuem sich betätigen. Zaubersprüche gegen Krankheiten sind in England um 670 bezeugt; sie sind gewiß vom Festlande mit hinüber genommen. Im 7. oder 8. Jhd. werden in den nördlichen Teilen des fränkischen Reiches Zauberlieder erwähnt gegen Schlangenbiß, Krampf, allerlei Geschwüre, Durchfall, Bienenstich, Bandwurm und andere Eingeweidewürmer, Kopfweh, Hühneraugen, Rose, Stich des Skorpions, Nasenbluten, gegen Räude des Viehes, gegen Ungeziefer im Garten und Feld und gegen Behexung. Ein altsächsischer Spruch gegen Lähme des Pferdes lautet: „Ein Fisch schwamm das Wasser entlang, da wurden seine Federn (Flossen) verletzt, da heilte ihn unser Herr. Derselbe Herr, der den Fisch heilte, heile das Boß von dem Hinken Sächsisch und hochdeutsch ist ein Zauberspruch „gegen die Wurmsucht“; stechende Schmerzen schrieb man bohrenden Würmern zu. Die Krankheit soll in einen Pfeil gebannt werden, und wrenn der Wurm in ihn hineingekrochen ist, wird der Pfeil in den Wald geschossen:

„Geh aus, Wurm, mit neun Würmlein;

Heraus von dem Mark in die Adern,

Von den Adern in das Fleisch,

Von dem Fleische in die Haut,

Von der Haut in diesen Pfeil.“

Den altertümlichen epischen Eingang hat der Spruch gegen Pferdekrankheit aus dem 9. Jhd. bewahrt:

Ein Mann ging seinem Wege nach, zog sein lloß hinter sich drein;

Da begegnete ihm mein Herr mit seinem himmlischen Gefolge.

„Warum, Mann, gehst duf warum reitest du nicht?“

„Wie kann ich reiten! Mein Roß ist steif geworden.“

Dann zieh es hier bei Seite und raune ihm in das Ohr,

Tritt es an den rechten Fuß, so wird es von der Steifheit geheilt.“

In dem Münchener Nachtsegen zitiert der von den Geistern des wilden Heeres und des Alptraumes heimgesuchte Schläfer verschiedene Bibelstellen, die ihn vor den „klingenden Zaubergesängen“ der Unholde schützen sollen (vor den klingenden golden). Also auch feindlichen, Unheil bringenden Zauber kannten unsere Vorfahren und schrieben ihn tückischen Menschen und Mächten zu. Hier ist, wie schon bemerkt (S. 46), die Wurzel des heidnischen Hexenwahns zu suchen. Mit der Auffassung der Hexe als eines Geistes oder einer Mare sind Vorstellungen von irdischen, feindlichen Zauber treibenden Frauen vermischt.

Schon bei Bischof Burchard von Worms heißt es:

»Wer wird nicht in Träumen und nächtlichen Gesichten aus sich selbst herausgeführt, und wer sieht nicht vieles im Schlafe? Wer wäre aber so töricht und stumpfsinnig zu glauben, daß das alles, was bloß im Geiste geschieht, auch mit dem Leibe vorgehe?“ »Hast du getan, was gewisse Weiber zu tun pflegen und fest glauben, ich meine, daß, wenn ein Nachbar an Milch und Bienen Überfluß hat, sie den ganzen Überfluß an Milch und Honig sich und ihren Tieren oder wem sie wollen, mit Hilfe des Teufels, durch ihre Blendwerke und Zaubereien zuzuwenden glauben?“

Die Kirche hat keineswegs von Anfang an den Hexenwahn genährt, sondern den ganzen Glauben an Unholden, Hexen auf die Dummheit des Volkes zurückgeführt. »Hast du geglaubt“, heißt es weiter bei Burchard, »daß es ein Weib gebe, das zu tun vermag, was einige, vom Teufel getäuscht, tun zu müssen versichern: nämlich, daß sie mit einer Schar Teufel, die in die Gestalt von Weibern verwandelt sind, die die Dummheit des Volkes Unholden nennt, in gewissen Nächten auf Tieren reiten müssen und zu deren Gesellschaft gezählt werden?“ Burchard bedroht geradezu den Glauben an die Wirklichkeit der Hexerei mit Kirchenstrafen: »Hast du je geglaubt oder Teil gehabt an jenen, die sagen, sie könnten durch Verzauberung Wetter machen oder die Gesinnung derMenschen bewegen (ebenso Pr im in). Hast du geglaubt oder teilgehabt an jenem Wahn, daß ein Weib sei, das vermittelst gewisser Zaubereien und Beschwörungen die Gesinnungen der Menschen, so Haß in Liebe oder Liebe in Haß zu verwandeln oder die Güter derMenschen durch ihre Blendwerke zu rauben vermöge? Wenn du dies geglaubt oder daran teil genommen hast, hast du ein Jahr Buße zu tun.“

In diesen Zeugnissen des ll.Jhd. sind die drei charakteristischen Hexenmerkmale enthalten: sie fahren zur Nachtzeit aus und reiten durch die Lüfte, in verwandelter Gestalt, sie schädigen den Menschen und seine Habe, Feld und Flur, sie machen das Wetter. Der Hexenausritt, die Nachtfahrt der Unholden, verrät deutlich Ursprung aus dem Seelenglauben. Schon die Kirchenversammlung von Ancyra (um 900) erwähnt den Glauben an Hexenritte: „Verbrecherische Weiber glauben durch Verblendung des Teufels, daß sie nächtlicher Weile mit Diana oder Herodias und vielen Frauen auf Tieren reitend über weite Länder flögen und in gewissen Nächten zum Dienste jener heidnischen Dämonen berufen würden.“ Im Münchener Nachtsegen heißen die Hexen darum „die nahtvarn“, „die zünriten“ d. i. die auf dem Zaune Reitenden, und „die wege-schriten“, d. i. die einen Weg Schreitenden, die Umherschweifenden, oder die plötzlich auf den Wegsschreitenden, oder schrittlings auf dem Wege stehenden Gespenster. Die beiden ersten Namen müssen sehr alt sein, da sie auch im Nordischen begegnen (kveldridur, tünridur). Sie heißen auch Taustreicherinnen, weil sie in der Johannisnacht den Tau von den Wiesen sammeln. Die Hexe weicht vor dem Besen — denn vor dem fegenden Besen verläßt die Seele das Haus; aber die Hexe reitet auch auf dem Besen, denn die Seele hat hinter dem Herde ihren Wohnsitz, wo der Besen aufbewahrt wird. Als Seelen fahren die Hexen mit dem wilden Heere; ihre Schar, wie schwarze Wolken erscheinend, verdunkelt die Luft. Ein Jäger schoß hinein, und sogleich stürzte ein nacktes Weib tot herunter: das war die Hexe, die immer im Wetter ist. Nach Hexeuakten des 16. und 17. Jhds. versammeln sich die Hexen an Wasserbächen und Seen und schlagen solange hinein, bis Nebel aufsteigen, die sich allmählich in finstere Wolken verdichten: auf diesen Wolken fahren sie dann in die Höhe. Als seelisches Wesen verwandelt sich die Hexe in allerlei Tiere, die oft als dreibeinig bezeichnet werden. Unsichtbar schleicht sie als Alp durch ein Astloch aus und ein, drückt und quält den Schläfer, d. h. sie reitet auf ihm oder saugt ihm das Blut aus. Eine Bürgermeisterin zu Magdeburg litt 1592 an dem Alpdrücken: die Zauberin, die ihr den Alp angehext, wurde entdeckt und verbrannt.

Zu einem Knechte kam die Hausfrau in die Kammer, einen Zaum und eine Peitsche in der Hand, und warf ihm diesen über die Ohren. Da ward er plötzlich in einen schwarzen Hengst verwandelt, auf dem sie nach dem Blocksberge ritt. Schlag Zwölf kamen von allen Seiten die Hexen, auf Besenstielen, Ofengabeln, Feuerzangen, Dreschflegeln, Ziegen und Böcken reitend. Sie aßen und tranken und sangen. Beim ersten Hahnenschrei brach alles auf, die Hausfrau des Knechtes bestieg wieder ihr Pferd. An einem Wasser unterwegs hielten die Hexen an, um ihr Vieh zu tränken. Da warf der Hengst seine Reiterin in das Wasser, stand wieder als Mensch vor ihr, warf nun selbst den Zaum über den Kopf der Hexe, wodurch sie in eine schwarze Stute verwandelt wurde, und ritt weiter. Dabei kam ihm der Gedanke, sein Pferd beschlagen zu lassen; vier tüchtige Eisen wurden auf ihre Hufe genagelt, wobei sie sich gar jämmerlich anstellte. Am andern Morgen lag die Hausfrau krank zu Bette, und man fand an ihren Händen und Füßen vier blanke Hufeisen.

Lähmung und Geschwulst bei Mensch und Tier, Gelenkrheumatismus und Tobsucht schrieb man der Tätigkeit der Hexen zu. Das älteste Beispiel für den letzten Fall steht schon bei Dio Cassius (1715): Alemannen erzählten, Zauber-mittel angewendet zu haben, um den Kaiser Caracalla wahnsinnig zu machen. Hexenschuß, Alpschuß oder rnarg-schoß (Mahrschuß) heißen noch heute solche rheumatische Schmerzen, die man sich durch -eine Erkältung während des Schlafes zuzieht; der Name zeigt, daß sie der Volksglaube demselben Wesen zuschreibt, das im Alptraum erscheint.

Aus dem Alptraume stammt auch der Glaube, daß die Hexen Menschen aufzehren. Nach der lex Salica (etwa 500) steht Geldstrafe darauf, wenn eine Hexe einen Menschen aufgegessen hat: „Wenn eine Hexe einen Menschen aufißt, und es ihr bewiesen wird, so ist sie für schuldig zu erkennen, 8000 Pfennige oder 200 Schillinge zu zahlen“. Die Hexen bei den Franken im 6. Jhd. hantierten schon mit Hexenküche und Hexenkessel und kochten Menschenfleisch. Bei den heidnischen Sachsen war die übliche Strafe der Hexen der Feuertod. „Wenn jemand“, heißt es in einem Kapitulare Karls d. Gr., „vom Teufel verblendet, nach Art der Heiden glaubt, daß ein Mann oder eine Frau eine Hexe sei und Menschen verzehre, und wenn er deshalb sie verbrennt oder ihr Fleisch zum Aufessen hingibt oder es aufißt, so soll er mit dem Tode bestraft werden.“ Zauberer und Wahrsager aber sollen nur an die Kirchen und Priester ausgeliefert werden. Der Indi-culus verbietet, nach Heidenart zu glauben, daß Frauen, weil sie dem Monde befehlen, die Herzen der Menschen aus deren Körper herausnehmen könnten, um sie zu essen (Nr. 30: de eo, qttod credunt, qiiia feminae lunam comendent, quod possint corda hominum tollere iuxta paganos). Burchard von Worms eifert gegen den Glauben, daß man bei verschlossenen Türen auszugehen vermöge, die Menschen töten, ihre ge* kochten Herzen verzehren, an Stelle des Herzens einen Strohwisch oder ein Stück Holz einsetzen und sie wieder lebendig machen könne. Mit ihm fast gleichzeitig weiß auch Notker Teutonicus, daß hier zu Lande die Hexen wie die Menschenfresser tun sollen, und der Münchener Nachtsegen nennt neben den auf dem Zaune reitenden Hexen (zünrite) die manezzen, die Menschenfresser. „Pfi, ruft Bert hold von Regensburg, geloubestü, daz dü einem man sin herze üz sinem libe nemest und im ein strö hin wider stözest?“ Deutlich erhellt aus alle dem der altgermanische Hexenwahn, seine Bekämpfung durch das Christentum und die Unterscheidung zwischen Zauberern und Hexen. Der Bozener Dichter Hans Vintler sagt in seiner „Blume der Tugend“ zu Anfang des 15. Jhds.:

Mancher Dumme spricht,

Die Trude sei ein altes Weib

Und könne die Leute saugen.

Nach allgemeinem Volksglauben kann den Hexen nichts Entsetzlicheres nachgesagt werden, als daß sie auf Bergeshöhen in der Frühlingsnacht Menschen schlachten und ihr Fleisch, namentlich die Herzen, verzehren. Den Hexenwahn auf dem Standpunkte, wo man annimmt, daß die Seele eines Menschen aus dem Leibe wandern und andere Seelen aus gesunden Körpern in ihrem Blute verzehren könne (Vampyrismus), erwähnt noch Luther in den Tischreden: „Es schrieb ein Pfarrherr Georg Röser zu Wittenberg, wie ein Weib auf einem Dorfe gestorben wäre und nun, wie sie begraben wäre, fresse sie sich selbst im Grabe; darum wären schier alle Menschen im selben Dorfe gestorben“. Denn der erste, der an einer herrschenden Seuche stirbt, ist ein Nachzehrer; er sitzt im Grabe aufrecht und zehrt an seinem Laken, und das Sterben dauert so lange, bis er damit fertig ist, wenu mau ihn nicht vorher ausgräbt und ihm mit dem Spaten den Hals absticht. Schon im 11. Jhd. erwähnt Burchard von Worms, daß man die Leiche einer Frau im Grabe mit einem Pfahle durchstach, ohne Zweifel, weil man sie für eine Nach-zehrerin hielt (vgl. S. 38).

Etliche Hexen, heißt es weiter bei Vintler, fahren „mit der Var“ auf Kälbern und auf Böcken durch Stein und durch Stöcken:

Etliche bind so behend,

Daß sie fahren hundert Meilen,

In einer kleinen Weilen;

Sie brechen den Leuten ab Die Beine, wie ich gehöret hab’.

Auch der Münchener Nachtsegen erwähnt, daß die Hexen den Fuß abschneiden, die Sinne rauben, Fieber bringen und durch ihren unsichtbaren Tritt schmerzenden Krampf verursachen, wie der Hexenschuß die Wirkung eines unsichtbaren Geschosses ist. Ob der Glaube an die Buhlschaft der Hexe mit dem Teufel im deutschen Heidenturae wurzelt, ist noch nicht entschieden. Dafür spricht, daß auch der Alp sich mit Menschen verbindet. Die gotische Sage vom Ursprünge der Hunnen schreibt den Zauberweibern oder Hexen Verkehr mit Geistern zu (Jord. 121; D. S. Nr. 377): Filimer, der König der Goten, erfuhr von dem Aufenthalte gewisser Zauberweiber in seinem Volke, die er selbst in seiner Muttersprache Haliurunnen nannte. Da er sie für verdächtig hielt, vertrieb er sie und nötigte sie, fern von seinem Heere in Einöden umherzuirren. Dort wurden sie von unreinen Geistern, den Waldleuten, als sie in der Wüste umherschweifteu, erblickt; diese begatteten sich mit ihnen, und so entstand das wilde Volk der Hunnen. [Got. haljarüna = ags. helrün ist die mit höllischer Kunst begabte Zauberin, eigentlich die Totenbeschwörerin (S. 28)]. So sagt auch Vintler in seiner Aufzählung der Bestandteile des Hexenwahns: „Etliche glauben, der Alp minne die Leute“. — Die Hexen wechseln des Nachts die Kinder aus, sehen sie mit ihrem bösen Blick an, bewirken Verkrüppelungen und Verstümmelungen und schaden auch den Tieren. Sie stehleu der Kuh die Milch aus der Wammen oder das Schmalz aus dem Kübel, derweil man es rührt.

Sie trinken den Wein aus den Kellern verstohlen,

Dieselben heißet man Unhollen.

Wie Menschen und Tiere vom Alpdrücke gequält werden, so verfilzt die Hexe dem Pferde die Mähne, flicht unentwirrbare Zöpfe daraus und treibt es in Schweiß, so daß es morgens matt und abgeschlagen dasteht, wie wenn es die ganze Nacht abgehetzt wäre. Weil die Hexen den kalbenden und milchenden Kühen nachstellen, heißen sie auch Molkentöwersche, Molkenzauberinnen, die untreuen Molken Stehlerinnen: sie färben die Milch rot oder vertreiben sie völlig. Als Taustreicherin streift die Hexe in der Mainacht den Tau von der Wiese, um der Herde den ersten Weidegang zu verderben. Sie bringt Scharen von Ungeziefer über ein Gehöft oder über eine ganze Gegend, verbreitet Seuchen unter Menschen und Vieh, und schädigt die Ernte. Wenn nächtlicher Frost die Blüten des Weines und des Obstes versengt, ein Hagelwetter die Ernte niederwirft, so hat die Hexe das Unheil angerichtet. Nach bayerischem Volksrechte wird die aranscarti, Erntescharte, d. i. niedergelegte Streifen im Getreidefeld, durch Hexerei verursacht und mit 12 Solidi bestraft. Außerdem hat der Urheber für jeden Schaden zu haften, der Haus, Gut oder Vieh des Eigentümers binnen Jahresfrist trifft. Eine Buße von 40 Schillingen wird dem angedroht, der gestohlenes Gut, besonders Pferde und Vieh, durch Zauberkünste außer Landes entführt oder verbirgt. Die Hexen kochen Hagel, sagt man noch heute in der Schweiz. Zauberer, Wettermacher und Feldbehexer stehen in den Verordnungen der Kirche neben einander. Nach westgotischem Rechte werden Wettermacher zu Haut und Haar bestraft und entweder vom Richter durch Einkerkerung oder nach dem Ermessen des Königs unschädlich gemacht. Die bayerische Synode von Reisbach (799) bestimmt: Der Presbyter hat gegen solche, die wahrsagen, zaubern und Wetter machen, vorzugehen und soll sehen, sie durch sorgfältigste Untersuchung zu einem Bekenntnis zu zwingen. Bei Vintler heißt es: „Viele sagen, die Hexen können Ungewitter machen, auch wohl Regen hin und her wenden“. Um Regen hervorzurufen, bedient sich die Hexe eines Zweiges oder Stabes.

Daß man sich die Hexen in der Urzeit nackt vorstellte, und daß die Nacktheit bei dem Wetterzauber erforderlich war, geht daraus hervor, daß die Hexen splitternackt aus den Wolken herunterstürzen, wenn der von ihnen erregte Zauber zerstört wird. Wiederholt begegnet die Neunzahl bei der Ausübung der Hexerei. Die Hexen brauchen neun Kräuter zu ihren Zaubermitteln, neun Steine zur Beschwörung des Unwetters. Wenn man in der Christnacht auf einem Schemel von neunerlei Holze knieet, kann man die Weiber erkennen, die Truden oder Hexen sind. Die Katzen verwandeln sich in Hexen, wenn sie neun Jahre alt sind. Ein altes Weib, das ein junges Mädchen zur Hexerei verführen wollte, bestellte dieses in die neuute Nacht.

Wie die Seelen und Maren erkennt man die Hexen an zusammengewachsenen Augenbrauen, roten, triefenden Augen, dem watschelndem Gange, denn sie haben Plattfüße, Drudenfüße, und daran, daß sie einem nicht ins Gesicht sehen und über keinen Besen hinwegschreiten können. Sie können nicht weinen, ihre Gesichtsfarbe ist fahl, ihr Haar verwirrt und struppig, ihr ganzer Leib mager, doch gibt es auch junge und schöne Hexen. Die Hexe im Märchen von Schneewittchen (K. H. M. Nr. 53) nimmt die Gestalt eines alten Weibes an und bereitet den Giftkamm.

Auf abgebrochenen, starr emporragenden Felsen halten die Hexen ihre Zusammenkunft mit Tanz und Schmaus. Ein solches abgebrochenes Felsstück hieß urgerm. *bruklaz, daher sind die Brockelsberge = Blocksberge die Versammlungsorte der Hexen. Der Brocken im Harz ist schon 1438 Hexentanzplatz. Andere Blocksberge sind in Mecklenburg, Preußen und Holstein. In Thüringen versammeln sich die Hexen auf dem Hörselberg und auf dem Inselsberg, in Hessen auf dem Bechelberg, in Franken auf dem Staffelstein; an den Jaberg und den Fuchsberg bei Hilden am Rhein heftet sich noch jetzt der Hexenglaube. Sicher waren die alten Blocksberge auch ehemalige Kultstätten, wo den seelischen Geistern geopfert wurde. Schon die Hauptzeiten der Hexenversammlungen: die Nacht vom letzten April zum 1. Mai, die Walpurgisnacht, die zwölf Nächte und die Johannisnacht zeigen, daß wir es mit alten Opferfesten zu tun haben. Überhaupt bewahrt die Beschreibung des Hexensabbats deutlich die Erinnerung an heidnische Opferfeiern, die auf Bergeshöhen gehalten werden, besonders an die Opferfeste der Weiber. Wenn die Hexen den nackten Körper gesalbt haben, fahren sie in Weibsgestalt oder in Tiere verwandelt durch die Luft nach dein bestimmten Festplatze, einem Berge oder auch einer Wiese. Dort schlingen sie den Reigen, den Hexentanz, und führen wilde Tänze auf, schlachten das Opfer und schmausen in toller Gier; namentlich ist es ein Pferde- und ein Menschenopfer, und die Herzen gelten als besonderer Leckerbissen. Schon die Lex Salica deutet auf ein gemeinsames Kochen der Hexen. Strafen werden über den verhängt, der einen Mann Hexenkesselträger, einen, der sich dazu hergibt, den Hexen ihr Gerät zu tragen, schimpft (hereburgius hoc est strioporcio). Die volkstümlichen Schilderungen haben den zum Opferfest gehörenden Reigen und die Opfermahlzeit bis heute festgehalten.

Die Germanen kannten männliche und weibliche unheimliche Geister. Der Münchener Nachtsegen begreift unter den nahtvarn auch die um Wütan und den Alp gescharten Gespenster, kennt also wohl auch das Masculinum „der naht-vare“ neben dem Femininum „diu nahtvare“. Die Gesamtheit der das Gebild von Menschenhand hassenden Wesen nannte man „Unhold“, das Bösgesinnte, Feindliche. Aber schon bei den Goten muß der Glaube an weibliche Wesen überwogen haben; denn Wulff  übersetzt das griechische daipiov, daipoviov mit dem fern, unhol^ö, seltener gebraucht er das Masc. unhul£>a. Ein anderes Collectivum zur Bezeichnung der unheimlichen Mächte scheint mhd.: „daz getwas“ gewesen zu sein (Betörung, das Betörung wirkende): der Zustand ist in ein mythologisches Wesen verwandelt, das diesen Zustand herbeiführt. Der München er Segen bezeichnet das gesamte Hexengesindel als „unreiniz getw&z“. Aus einem Gedichte des 14. Jhds. „Irregang und Girregar“ geht der Zusammenhang des Hexenwahnes mit dem Alptraume hervor. Als ein Vater tobt, daß ein Fremder bei seiner Tochter gewesen sei, beruhigt ihn seine Frau damit, daß ein böser Traum ihn gequält habe:

Dich hät geriten der mar,

Kin elbischez äs.

Du solt daz ttbele getwäs Mit dem kriuze vertriben.

Der Mann meint freilich: die Weiber sagten immer, wenn den Männern etwas begegne, ein Alp betrüge sie, aber endlich glaubt er doch, daß er von Übeln Ungeheuern genarrt sei. Der heute fast ausschließlich noch bekannte Name Hexe heißt ahd. hagzissa, hagazussa, hagzus, ags. haegtesse, mndl. haghetisse, mhd. hecse oder ahd. häzus, häzissa. Das Wort wird meist als ein Compositum aufgefaßt, aber seine Bedeutung ist noch nicht völlig aufgeklärt. Man hat an das Ad-ject. haga* gedacht: das kluge, verschmitzte Weib, oder an hac Wald, Hain: Hage Dise= Waldweib, oder bei dem zweiten Teile an altengl. tesu, Schade, Frevel, tesvian verderben = Waldfrevlerin, Feldschade. Neuerdings geht man umgekehrt von der kürzeren Form aus: hazusa ist eine alle Partizipialbildung zu ahd. hazzen, got. hatan, d. i. hassen; *haga—hazusa ist also die Hassende im Hag, im Walde = die hassende, feindselige Waldfrau. Aber ein Zusammenhang der Hexen mit dem Walde ist nur schwach bezeugt. In der Kaiserchronik (12. Jhd.) wird eine Frau Hexe gescholten und ihr zugerufen: Dü soltest pilltcher dä ze holze varn,

Danne di mägede hie bewarn;

Dü bist ain unholde, —

und im Märchen von Hansel und Gretel (K. H. M. Nr. 15) haust die böse Hexe im wilden Walde und lauert den Kindern auf, tötet sie, kocht sie und ißt sie auf. Selbst wenn man für Hag die ursprüngliche Bedeutung annimmt, „umhegte Flur“, die Hexe also als die Feld und Flur Anfeindende,
Schädigende erklärt, bleibt immer ein grammatisches Bedenken: der Stammvokal von häzus ist lang, wie sich schon aus dem Fehlen des Umlautes ergibt. Daran scheitert auch die Deutung: hagazessa = Schlagwetter, Unwetter, die Personifikation des aufziehenden Sturmes und Wetters (hag gehört zu einem verschollenen Verbum = schlagen; ahd. zessa, mhd. zcsse = Sturm). Geiler von Kaisersberg nennt die Hexe eine „Zessenmacherin“ == Sturmerregerin; aber dies Wort hat mit der ahd. Form nichts zu tun. Somit bleibt für den ersten Teil des Compositums nur das Adjectivum haga übrig = schattenhaft, gespeusterhaft und für den zweiten Teil die idg. Wurzel „des“ anfeinden (skr. däsyus, ags. tesu Schaden), die Hexe ist also die gespenstische Schädigerin. Diese Erklärung ist außerordentlich ansprechend, aber leider ist diese Bedeutuug nur erschlossen, nicht tatsächlich bewiesen. Neuerdings unterscheidet man zwischen der Hexe der heidnischen Zeit, die wirklich ein dämonisches Wesen war, ein „spottendes, höhnendes“ Gespenst, die „Gauklerin“, (*hagat zu xjjpafo) „schmähe“, skr. käkkati „lacht“) und zwischen der Hexe der jüngeren Zeit, die ein Zauberei treibender Mensch war: die meisten Bestandteile von dem, was wir volkstümlichen Hexenglauben nennen, scheinen romanischen oder durch die romanische Welt vermittelten orientalischen Ursprunges zu sein.

Die Bezeichnung Truden für Hexen ist bis heute in Oberdeutschland üblich. In Österreich sagt man: „Es hat mi die Trud druckt“. Sie kann ungeheure Größe annehmen, aber sich auch ganz klein machen, kommt des Nachts in die Häuser und drückt die Leute oder quält das Vieh im Stalle. In Tirol, an einem Bergabhange des Matscher Tales, am „Trudenfuß“, ist die Stapfe eines rechten Fußes einer Steinplatte eingedrückt, und an der jenseitigen Talwand befindet sich ein linker Fußtritt. Diese Spuren rühren von der „großen Trude“ her, die hier saß, aufstand und übers Tal wegschritt. Der Drudenfuß, d. h. der Abdruck der ineinander geschränkten Füße einer Drude, gilt noch heute als Abwehrmittel gegen böse Geister, besonders gegen den Alp. Er wird an der Wiege und an der Tischplatte angebracht, auch an der Schwelle, und hat die Gestalt des sogenannten Pentagramma.

Der Drudenfuß auf Faustens Schwelle verwehrt Mephistopheles das Entweichen. Die „große Trude“ kennt vielleicht auch der Münchener Nachtsegen, wo sie als Trutan (trut-an Stammmutter der Truden) neben Wütan erscheint, wenn der Name nicht slavisch ist. Truden sind also Hexen, bei denen die Tätigkeit des Alps besonders hervortritt. In Oberdeutschland ist dann der Name auf den Alp übergegangen.

Neben der Hexe erscheint in Beichtbüchern des 14. und 15. Jhds. der Bilwis; der, wie es scheint, slavische Name ist auf ein deutsches männliches Seelen wesen übertragen. In ganz Süddeutschland gilt der Bilwisschneider noch heute für einen Hexenmann. Unter denen, die keinen Zutritt zum Abendmahl haben, werden auch die genannt, „die da sagen, daß sie mit der Perchta, den Bilbissen oder Truden auf den Blocksberg fahren“; der Bilwis befindet sich also in der Gesellschaft nächtlich ausfahrender Hexen. Wie man die langen Streifen, die sich der Hase im hohen Getreide durchbeißt, noch heutzutage für Hexenwerk ansieht und mit dem Namen Hexenstiege belegt, so holt sich der Bilwis seinen Zehnten von Korn und Roggen und schneidet lange Streifen durchs Getreide, den sogen. Bilmesschnitt. Wie von der Hexe, so weiß man in Thüringen von dem tödlichen Blicke des Bilmesschnitters: will ihm einer aufpassen, so muß ersterben, wenn der Schnitter ihn früher, als er jenen, erblickt; so mörderisch ist sein Blick, daß man ihn selbst damit töten kann, indem man einen Spiegel vor die Brust nimmt: erblickt sich der andere darin, so verliert er sein Leben; bei Wolfram von Eschenbach schießt er wie ein elfischer Geist, wie eine Hexe durch die Kniee und lähmt Fliehende (Willehalm 324, 6). Er entzieht gleichfalls den Kühen die Milch, hat seinen Sitz im Baume, besorgt im Stalle die Pferde und flicht ihnen die Mähnen, verfilzt sie aber auch. Wo der gespenstische Schnitter durch die Felder geht, werden die Halme braun und die Ähren ohne Körner. Wenn er mit ausgebreiteten Armen durch die Äcker wandert, steigt Rauch hinter ihm auf, und
alle Ähren, die er berührt, tragen statt Mehl Asche. Er reitet wie die Hexe auf einem Geisbocke mit drei Füßen und legt breite verwüstete Streifen durch das Getreide, oder er schwebt über den Äckern, die Schnittsichel am Geißfüße, und wo der Fuß das Korn berührt, verschwindeu die Ähren und der gestutzte Halm wird schwarz; von einem solchen Felde sagt man, es sei verhext. Alle Körner fliegen beim Dreschen durch die Luft in die Scheuer des Zauberers, oder in die des Bauern, dem er als Hausgeist dient. „Für dy Pilbis“ soll man den Kindern Zettel um den Hals binden mit der Aufschrift: „von dannen weicht, ihr Träume, ihr schädlichen Gespenster“. Der Zusammenhang mit dem Seelen- und Alpglauben ist offenbar. Darum kann man auch Menschen erkennen, die diesen unheilvollen Zauber treiben: sie haben vorne auf dem Kopfe keine Haare und eine hohe, spitze Stirn. Wenn man einen Keil von geweihtem Wacholderholz in die Tenne einschlägt, so muß der Bilwisschnitter kommen: es ist gewöhnlich ein Nachbar. Ruft man ihn beim Erkennen mit Namen an, so muß er wie alle Nachtgeister sterben. Aber durch Opfer kann man ihn günstig stimmen. Man wirft beim Dreschen Wacholder nach links und ruft: „nimm, was dein ist“, sonst laufen die Körner dem Bilwis zu. Wenn man in der Christnacht das Getreide drischt, so trifft jeder Schlag des Flegels den Bilwisschnitter auf den Kopf.

Auch hier ist der Glaube an die zauberische Kraft mancher Menschen und an ihre Fähigkeit, die Gestalt zu tauschen, sowie die Überzeugung vom Fortwirken der Seele wie beim Hexenwahne die Grundlage. Der Bilwis ist, wenn man den Namen aus dem Deutschen herleiten darf, der, „der das Wissen liebt, der dem Wissen holde“ (ahd. bili = gp/Aos lieb), eine passende Bezeichnung eines mit bevorzugten Geisteskräften Ausgestatteten, eines Zauberers; bei einseitiger Hervorhebung des zum Schaden der Menschen angewandten Wissens ergab sich die Bedeutung eines feindlichen Wesens von selbst. Noch im Mittelalter wird der Bilwis den Zauberern und Schwarzkünstlern gleichgestellt.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus

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