Schlagwort: Italienischen Reise

Über den Kernpunkt der Frage nach dem Sammler Goethe sind wir uns durch die bisherigen Ausführungen schon klar geworden; denn gerade alle die zahlreichen Urteile Goethes zeigten, daß sein Verhältnis zu den graphischen Künsten, ob es nun auf einem rein künstlerischen Schauen oder auf einer ausgesprochenen kunsthistorischen Erkenntnis oder auf einer Durchdringung von beidem beruht, selbst für das achtzehnte Jahrhundert ein ganz ungewöhnlich fruchtbares, immer neu belebtes ist. So war ihm denn das Sammeln ein Bedürfnis, der dauernde Besitz eine Notwendigkeit.

Die Geschichte der Goetheschen Sammlungen ist noch nicht geschrieben. Auch hier kann nur eine allgemeine Charakteristik gegeben werden. Wann begann Goethe graphische Kunstwerke zu sammeln ? Genau feststellen läßt sich dies kaum mehr. Schon der Vater war ja ein gründlicher Sammler. Als Knabe legte sich Goethe, wie „Dichtung und Wahrheit“ berichtet, eine Wappensammlung an. Dann aber vernehmen wir sehr lange nichts mehr von irgend einer Sammelneigung. Im Jahre 1775 erbittet er sich von Reich gute Sonderabdrücke von Vignetten der „Physiognomischen Fragmente“, vielleicht schon zu Sammelzwecken. Die Freundschaft mit dem unermüdlichen Sammler Merck brachte vollends viele Anregungen nach dieser Seite. Aber die Möglichkeit grossrer Erwerbungen war doch erst in Weimar gegeben, wo Goethe einen festen Wohnsitz gewann und auch selbständig über reichere Mittel verfügen konnte. Zunächst folgte er seiner größten Liebhaberei und sammelte Handzeichnungen. Von 1776 stammt der schon zitierte Brief an die Karschin, in dem er sie um eine Handzeichnung von Chodowiecki bittet, und 1780 schreibt er an Ferdinand Kobell:

,,Ich habe für mich eine kleine Zeichensammlung angefangen“

, er erbittet sich Zeichnungen von dem Künstler und dessen Bruder (3. Dezember 1780). „In-Meiningen haben wir eine Menge Kunst und andere Sachen von Herzog Anton Ulrich in gehöriger Erbschaftskonfusion gefunden. — Ich habe bei der Gelegenheit auch einige vortreffliche Zeichnungen erwischt. Unter andern eine aber leider höchst beschädigte von Tallot nach Andreasdel Sarto ….. Drei Schafgruppen auf einem halben Foliobogen, Studium von Heinrich Roos ganz vortrefflich“ (An Merck, 11. September 1780). Aus dem gleichen Jahr haben wir die ja schon mitgeteilte Korrespondenz über die Ordnung von Lavaters Kupferstichsammlung. Gleichzeitig trägt er aber vor allem für das Kupferstichkabinett des Herzogs Sorge, der seine Sammelfreudigkeit begeistert teilte: „es ist wunderbar, wie sich sein Gefühl an diesen Sachen aufschließt“ schreibt Goethe darüber an Merck (11. Januar 1778). Merck vermittelt nicht nur, wie wir bereits ausführten, die meisten Kunsterwerbungen des Herzogs, er ist, wie für Anna Amalia, so auch für Goethe ein wertvoller Berater bei der Einrichtung der Sammlung.

„Sei doch so gut und schreib mir, wie man es am gescheutsten macht, eine Kupferstichsammlung zu rangieren. Die Anfrage ist etwas weitläufig, doch kannst Du mir mit Wenigem eine Anleitung geben. Besonders zeige die Bücher an, die man zu Rathe ziehen kann, besonders ob von einzelnen Meistern Gatalogi und wo sie zu finden sind, wie Gersaint von Rembrandt und Hüsgen von Dürern. Es ist dies ein Auftrag, den mir der Herzog gegeben hat, und an dem ihm viel gelegen ist“ (An Merck, 11. September 1780).

Und aus diesen Tagen haben wir denn auch eine bestimmte Nachricht über Goethes Kupferstichsammlung. Am 3. September 1780 schreibt er an Lavater: „Hast Du welche (Kupferstiche) doppelt, so schick mir sie, theils kann ich sie zu einer Sammlung brauchen, die ich mir selbst mache, theils kann ich sie auch an Kupferhändler vertauschen.“ Aus dem Jahre 1782 haben wir sodann in einem Brief an C. v. Knebel eine Bestellung von Kupfern nach Raffael, die offenbar für Goethes Sammlung bestimmt sind.

Ein Sammeln in weitem Umfang beginnt aber doch wohl, wie Schuchardt“ angibt, erst mit der italienischen Reise. Bestimmte Ankäufe werden zwar selten in der „Italienischen Reise“ erwähnt, aber wir sehen Goethe leidenschaftlich bemüht, sich auf jede Weise die „lebendige Gegenwart“ der gewaltigen künstlerischen Eindrücke mit in die Heimat zu nehmen; in diesem Sinne ist von Stichen nach Lionardo, Raffael und Michelangelo die Rede. Erst in den neunziger Jahren aber mehren sich die Aufträge für Auktionen und die Bestellungen bei Kunsthändlern. Wegen Kupferstichauktionen in Berlin wendet er sich Öfters an Wilhelm von Humboldt. Mit dem neuen Jahrhundert beginnt allmählich die rege Korrespondenz Goethes mit dem Leipziger Kunsthandel, aus dem vornehmlich die Bestände seiner Kupferstichsammlungen herrühren. Leipziger Freunde, wie der Sekretär Thiele, Hof rat Rochlitz u. a. übernehmen seine Aufträge bei wichtigen Auktionen. Sein Hauptlieferant war der Buchhändler und Antiquar Johann August Gottlob Weigel, zugleich ein hervorragend gebildeter Kunstkenner ebenso wie sein Sohn Rudolf, dessen Veröffentlichung altdeutscher Holzschnitte für die Kunstwissenschaft wichtig geworden ist. Auch bei G. G. Börner in Leipzig kaufte Goethe öfters; endlich bei den Kunsthändlern Artaria und Fontane in Mannheim. Und schließlich hören wir bisweilen von kostbaren Kupferstichgeschenken, die er erhält.

In den letzten zwei Jahrzehnten verfolgte Goethe bei seinen Erwerbungen, wie er ausdrücklich 1818 (28. März) an G. v. Voigt schreibt, das Ziel, seine Sammlungen „im kunsthistorischen Sinne zu vervollständigen“. Um dies zu erreichen, verzichtet er auf größere Gemäldeankäufe, um „alles, was uns an Kupfern in die Hände läuft, anzunehmen“ (An Meyer, 28. Oktober 1817). Gerade kraft seines kunsthistorisch geschulten Urteils machte er seine glücklichsten Einkäufe; denn die Preise der Kupfer und Radierungen richteten sich noch ungleich mehr als heute nach der Tagesmode, und dieser waren damals fast alle eigentlich kunsthistorischen Tendenzen fern. Goethe schreibt z. B. an Meyer in dem Bericht über einen sehr preiswerten Kauf: „Wenigstens scheint daraus hervorzugehen, daß historische Sammler selten sind“ (20. Sept. 1820). So erwarb er, namentlich in der Zeit der allgemeinen politischen Abneigung gegen Frankreich, die herrlichsten französischen Arbeiten zu unbegreiflich billigen Preisen. Solche Eroberungen bereiteten ihm eine unendliche Freude, voll Stolz trägt er sie in seine Annalen ein und teilt sie seinen Freunden, namentlich Boisseree und, wenn er in Jena weilt, Meyer mit.102 — Wenn Reproduktionsstiche in Goethes Kupferstichsammlung der Zahl nach die erste Stelle einnehmen, so kann uns dies bei dem wissenschaftlichen Ernst, mit dem er das Studium der Kunstgeschichte betrieb, keineswegs überraschen. Man höre, was er im Anhang zur Übersetzung von Cellinis Biographie über den reproduzierenden Stecher sagt: „Möge doch die Kupferstecherkunst, die so oft zu geringen Zwecken mißbraucht wird, immer mehr ihrer höchsten Pflicht gedenken und uns die würdigsten Originale, welche Zeit und Zufall unaufhaltsam zu zerstören in Bewegung sind, durch tüchtige Nachbildung einigermaßen zu erhalten suchen!“ Das ist vor allem in dankbarer Anerkennung von Morghens Stich nach Lionardos Abendmahl ausgesprochen. Im Schlußwort des berühmten Aufsatzes über Lionardos Abendmahl wendet sich Goethe gegen den Gebrauch ungenauer Reproduktionsstiche zu neuen Kopien. „Waren doch die Kupferstiche selbst schon von den Originalen verschieden, und wer sie kopierte, vervielfachte die Veränderung nach eigener und fremder Überzeugung oder Grille.“

Daß es Goethe aber bei seinem vorwiegend kunsthistorischen Sammelprogramm nicht etwa allein auf Vollzähligkeit der Arbeiten eines Meisters oder einer Schule, sondern auch auf die Qualität der Abdrücke ankam, brauchen wir kaum erst noch zu betonen: so viele Urteile gerade über die Güte der einzelnen Abdrücke haben wir schon von ihm vernommen. Wir wissen z. B., mit welchem Eifer er nach einem guten Exemplar von Schongauers Tod der Maria suchte, oder wie glücklich er sich pries, eine selten schöne Serie von Claude Lorrains zu besitzen. Hatte er doch sein Auge allein schon durch die eigene graphische Tätigkeit zur Kennerschaft herangebildet. Und daß sein Interesse für die Technik selbst immer lebendig war, haben wir ja durch Äußerungen genug erwiesen. So verzeichnete er z. B. 1821 selbst das Vorkommen einer „Kupferstichkünstelei“ in seinen Annalen, so wichtig dünkte sie ihn. Den Verfasser der Farbenlehre fesselten vor allem die frühen Farbendruckversuche, namentlich die Arbeiten des Jakob Christoph Le Blond vom Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, der nach der Newtonschen Lehre mit sieben Farbenplatten übereinander druckte und mit den drei Grundfarben das Schwarz hervorbringen wollte. Das Experiment gelang Le Blond; Goethe, als der starre Gegner Newtons, bezweifelt es aber im historischen Teil seiner Farbenlehre und meint, Le Blond habe viel retouchiert, und Gauthier, der ähnliche Versuche machte, habe ebenfalls bei seinen vollkommenen Abdrücken den Pinsel angewandt. — Wir sehen also: Goethe blieb wahrlich nicht nur bei der Betrachtung des dargestellten Gegenstandes stehen, wie so oft behauptet wird. Im Bericht der Reise „Am Rhein, Main und Neckar“ charakterisiert er den Wert der Bestrebungen einer Frankfurter Gesellschaft von Kunstfreunden, die sich besonders dem Sammeln und Betrachten von Kupferstichen widmen, in folgenden Worten: „Hierdurch wird ein so weitläufiges und schwieriges Fach, wo alles auf dem Werte des einzelnen Abdruckes beruht, nach und nach übersehbar.“ Und im Gespräch mit Kanzler v. Müller (17. Mai 1826) bekannte er: „Ich bin hinsichtlich meines sinnlichen Auffassungsvermögens so seltsam geartet, daß ich alle Umrisse und Formen aufs schärfste und bestimmteste in Erinnerung behalte, dabei aber durch Mißgestaltungen und Mängel mich aufs lebhafteste affi-ziert finde. Der schönste, kostbarste Kupferstich, wenn er einen Flecken oder Bruch bekommt, ist mir sofort unleidlich — ohne jenes scharfe Auffassungs- und Eindrucksvermögen könnte ich ja auch nicht meine Gestalten so lebendig und scharf individualisiert hervorbringen.“

Nun erlaubten es ihm seine Mittel nicht, nur erstklassige Abdrücke anzuschaffen, deren Auffinden ja auch immer vom Zufall abhängig ist. Da ist es nun wundervoll zu sehen, wie für Goethe selbst wieder aus solchen Mängeln ein positiver Gewinn erwuchs. „Die guten Abzüge sind übel gehalten und die gut gehaltenen wollen sonst nicht viel heißen. Indessen würden sie ja, wenn es anders wäre, auf diesem Wege nicht zu uns kommen. Auf alle Weise sind jedoch viel belehrende Blätter dadurch in meinen Händen und ich möchte fast verzweifeln, daß ich bey so viel vergeudetem Geld nicht früher gesucht habe, solche unschätzbaren Dinge in meinen Gewahrsam zu bringen. Dabey sollen wir uns trösten, daß das Beste uns nicht hilft, wenn wirs nicht verstehen, und wenn wirs verstehen, ein geringes von großem Wert ist“ (An Meyer, 29. August 1809). Und weiter: „Der Band italiänischer alter Kupfer ist zu mir gekommen und ich habe mich schon daran ergetzt und belehrt. Ob er gleich etwas sehr trümmerhaftes hat, so kann man doch mit einigem restaurativen Sinne daraus und aus den Trümmern, die schon in meinen Händen, ganz gute Gedanken erwecken“ (An denselben, 12. September 1809). „Zur wahren Erkenntnis braucht man eigentlich bloß Trümmer und ich suche mich von Seiten des Kupferstichwesens, das mich gerade jetzt interessiert, in den Fall zu setzen, mich angenehmer und unterrichtender Stunden mit Ihnen zu erfreuen. Die guten vortrefflichen, aber höchst beschädigten, diese schwachen ausgedruckten, diese ungeschickt aufgestochenen copierten Blätter haben gerade meine kritischen Fähigkeiten aufgeregt und mir in einsamen Stunden sehr große Freude gemacht“ (An denselben, 15. September 1809). So hatte er wohl das Recht, sich im besten Sinne des Wortes einen „Kenner“ zu nennen — und doch bekennt er bescheiden in der letzten Äußerung, die uns wohl über die graphischen Künste von ihm erhalten ist, in dem Brief an den Grafen Caspar v. Sternberg vom 15. März 1832:

„Der Katalog jener höchst bedeutenden Kupferstichsammlung gab mir Gelegenheit mich zu examinieren: was ich denn eigentlich in diesem Fache durch Anschauen selbst kennen gelernt ? da ich denn freylich noch manches Sehens- und Wünschenswerthe verzeichnet fand.“

Aber im letzten Grunde bedeutete ihm seine Sammlung auch unendlich viel mehr als die Frucht hoher Kennerschaft oder breiten kunsthistorischen Wissens. Sie war ihm vor allem lebendige Anschauung, kein toter Besitz. Den immer wechselnden starken Eindrücken, die er von seinen Blättern empfing, entsprach auch stets ein eigener, neuer Ausdruck. Wir wissen aus unzähligen Berichten, wie Goethe mit seiner Sammlung auch wirklich gelebt hat. Kaum einer seiner großen Abendempfänge ging vorüber, ohne daß seine kostbaren Mappen vor den ehrfurchtsvoll schauenden und lauschenden Gästen sich öffneten. Die besten Worte aber fielen, wenn nach aufgehobener Tafel im engen Kreis der nächsten Freunde einige erlesene Blätter aufgelegt wurden, und sich das Gespräch in eindringliche Betrachtung vertiefte, um dann schließlich in das Bereich des Allgemeingültigen, der Idee sich zu erheben. Im belebten Austausch und im stillen Nachsinnen wandelte sich so sein Schauen zu neuem Bilden und Gestalten:

Und umzuschaffen das Geschaffne,

Damit sich’s nicht zum Starren waffne,

Wirkt ewiges lebendiges Tun!

Text aus dem Buch: Goethe und die graphischen Künste (1913), Author: Brandt, Hermann.

Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.

Siehe auch:
Die altdeutsche Buchillustration
Deutsche Zeichenkunst im 19. Jahrhundert
Deutsche Exlibris
Die deutsche Graphik
Die deutsche Buchmalerei
Die altdeutsche Buchillustration

Goethe und die graphischen Künste