Schlagwort: Iwan der Schreckliche

»Der oberste Feldherr dieses Zuges nennt sich einen tatarischen Kaiser, Zerzigalei, welcher gar tyrannisch in demselben Zug gewütet und getobt. Denn er hat schwangere Frauen voneinander gehauen und junge Kindlein an die Zaunstecken gespießt, alte und junge Leute niedergeworfen, sie in den Seiten aufgeschnitten, Büchsenpulver darein gestreut und die armen Leute ohne einig Erbarmen auseinander gesprengt. Item Unzähligen die Halsknochen an der Gurgel entzwei gehauen, und sie so mit halb abgehauenen Halfen liegen lassen, bis sie mit großer Angst und Schmerzen in ihrem Blut ersticket. Sie haben ihrer auch viele mit fettem Kienholz gespickt, gebunden und zu Tode verbrennen lassen. Summa, wer kann von Herzeleid all Grausamkeiten desselben tatarischen Wüterichs erzählen.«

So schildert ein Zeitgenosse, Salomon Henning, den Raubzug Iwans des Schrecklichen gegen Livland.

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Baltikum


Ums Jahr 1160 nach Christus durchsegelten zum ersten Male Deutsche, Lübecker Kaufleute, von Wisby auf der Insel Gotland aus den heutigen Rigaischen Meerbusen, fuhren in die Mündung der Düna ein und landeten einige Stunden flussaufwärts auf dem rechten Ufer des Stromes, um mit den Eingeborenen, heidnischen Liven, Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Vierzig Jahre später gründete Albert, der zweite Bischof von Livland, die Stadt Riga und den Orden der Schwertbrüder, um die Eroberung und Kolonisation des Landes auf einen festen Grund zu stellen. Bald danach, 1207, erklärte Barbarossas Sohn, König Philipp von Schwaben, Livland für ein Lehen und einen Bestandteil des Deutschen Reichs, was es dann dreieinhalb Jahrhunderte hindurch geblieben ist. Eine Zeitlang schien es sogar, als ob von dieser ersten überseeischen Kolonie Deutschlands eine weltgeschichtliche Wendung im Sinne der Vorherrschaft des Deutschtums in ganz Nordeuropa östlich des Baltischen Meeres ausgehen würde. Der livländische Orden dehnte seine Machtstellung bis tief nach Russland hinein aus, eroberte Pskow und schob einen festen Platz bis in die Nähe der Newamündung vor. 1242 aber besiegte Alexander Jaroslawitsch Newskij, Grossfürst von Nowgorod, die Ritter in einer blutigen Schlacht auf dem Eise des gefrorenen Peipussees in der Nähe von Pskow, und seitdem blieb die deutsche Herrschaft auf „Livland“, d h. das Gebiet der heutigen drei russischen Ostseegouvernements Livland, Estland und Kurland, beschränkt. Das alte Livland war im kleinen ein getreues Abbild des  deutschen Mutterlandes, ein lockerer Bundesstaat, in dem die verschiedenen Landesherren, der deutsche Orden, die Erzbischöfe von Riga, die übrigen Bischöfe und die Städte, in steter Uneinigkeit mit einander rivalisierten und sich bekämpften, bis um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ein übermächtiger Feind von Osten, Iwan der Schreckliche, heranzog, und das Land im Kampf der nordischen Mächte, Moskau, Polen, Schweden, auseinanderfiel. Es wurde dabei eine Beute der stärksten Partei; Russland ging vorläufig leer aus, Schweden nahm den grösseren Teil, Estland und das eigentliche Livland, für sich; Kurland wurde polnisches Lehnsherzogtum und hielt sich als solches bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts, nachdem Peter der Grosse den schwedischen Anteil schon im nordischen Kriege für sich genommen hatte.

Kolonie und Heimat

Es waren keineswegs besondere Zustände und Vorbedingungen am Werke, daß auch Preußen — seit rund 1650 — in die Höhe kam. Es war vielmehr ein elementares Gesetz, das hier tätig war. Das Schwergewicht Deutschlands und Rußlands wandelte nach Nordosten, nach dem Kolonialgebiete, und von da aus wurde der Rest des Reiches bezwungen, ebenso wie Schweden von Dalekarlien aus durch Gustav Wasa gewonnen wurde, und auch Italien, auch das Griechenland des Demosthenes, auch das Indien des Panini und Kalidasa von Norden her erobert wurde. Welche Schlußfolgerungen sind hieraus zu ziehen?

Wenn man genauer zusieht, so wird man finden, daß überall in den genannten Ländern der Süden die alte Kultur darstellt, während der Norden halb barbarisches Kolonialland war. Die Leute des Nordens warfen sich mit ihrer frischen Kraft auf die alten Kulturländerund zwangen sie unter ihr Joch, übernahmen aber von den Besiegten die Kultur. Vielfach freilich erhoben sie das Vorgefundene auf einehöhere Stufe. So ging vom Norden die Bauernbefreiung aus. Das erste Beispiel dazu gab Friedrich Wilhelm I. Auch leuchtete sein Staat durch Ordnung, seine Beamten durch Zuverlässigkeit voran.

Die Emanzipation der unteren Stände griff hiernach auch in den anderen Staaten Platz. Überhaupt wurden die schroffen Klüfte der Gesellschaft allmählich ausgefüllt, und die Sitten wurden milder. Die Unduldsamkeit nahm ab; die Hexenprozesse, die wesentlich im 17. Jahrhundert gewütet hatten, hörten auf. Gleichermaßen wurden die Kriege menschlicher. Bisher war ja in der ganzen Weltgeschichte Plündern und Frauenschändung bei Kriegen gang und gäbe gewesen; das Schänden kommt seit rund 1650 ab, außer bei Russen und Orientalen, das erlaubte Plündern etwa seit 1730. Auch hier wirkte das Beispiel Preußens erheblich ein.

Die Eroberung Chinas durch die Mandschu erforderte nicht weniger als siebzig Jahre. Sie dauerte von 1616 bis 1683. Amtlich wird die Thronbesteigung der Mandschu in das Jahr 1644 verlegt, in das Jahr, da sie von Peking Besitz ergriffen. Der Aufstieg Rußlands zur Weltmacht, der schon durch Iwan den Schrecklichen vorbereitet war, wurde durch Peter den Großen vollendet. Als Epochenjahr wird man 1703 annehmen dürfen, da Petersburg gegründet wurde. In manchen Strichen gingen die Pläne Peters sogar über das hinaus, was jetzt erst, zwei Jahrhunderte später, seine Nachfahren erreicht haben. Peter träumte von einerBesetzungHawais und der Kolonisation Madagaskars. DerAufschwung Preußens wurdedurch Erwerbungen des Großen Kurfürsten (1640—1686) und durch die soldatisch straffe und sparsame Verwaltung Friedrich Wilhelms I. (1716—1740) auf einer festen Grundlage, dem „rocher de bronce“ stabiliert, wie der König selbst seine Souveränität umschrieb, und von Friedrich dem Großen weiter gefördert. Die jetzige Machtstellung Österreichs beruht auf den Siegen Prinz Eugens und der Ausbreitung an der adriatischen Küste.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
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Römischer Imperialismus
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Christentum
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Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große

Männer; Völker und Zeiten

Wiederum, wie zur Zeit der großen Staufer, als der Mongolensturm an die germanische Ritterschaft anprallte, waren beide, Morgenland wie Abendland, auf der höchsten Höhe der Macht. Dem zwar ausgedehnteren, aber innerlich weniger festzusammenhängenden Reiche Karls V. war das Reich Soleimans des Prächtigen mehr als gewachsen. Wenn der Kaiser Algier eroberte und Tunis bombardierte, so setzten die Flotten des Sultans nach Otranto in Italien über und vereinigten sich mit der französichen Flotte vor Korsika. Wenn König Ferdinand, der Sohn des Kaisers, die Türken von Wien zurückschlug, so eroberten und behielten diese doch Ungarn, seit der Schlacht von Mohacz 1526.

Wodurch aber das christliche Europa über die Türken hinauswuchs, das war durch die überseeischen Kolonien. Freilich war es nicht das mächtige Spanien, sondern das kleine Portugal, das hier das größte Werk leistete. Die Portugiesen umgingen die Stellung der Türken von Süden her und setzten sich am Ausgang des Roten und Persischen Meeres sowie in Ceylon und Indien fest. Portugiesische Admiräle siegten über die Schiffe der Mamelukken und im Jahre 1537 über ein vereinigtes osmanisch-mogulisches Geschwader, das vor der Insel Diu (nördlich von Bombay) den Kampf anbot. Ganz aber ließen sich die Türken vom indischen Ozean nicht verdrängen. Ein Seeräuber, der um 1560 Mombasa nahm und die Gewässer von Sansibar unsicher machte, stellte sich unter den Schutz des Padischah. Auch hatte ein türkischer Admiral kurz vorher alle Häfen Südasiens besucht und in einer eigenen Schrift beschrieben. In einer anderen Schrift, dem Katai Nameh, wurde damals der Sultan zur Eroberung Chinas aufgefordert. Daraus wurde nichts. Erst in der Gegenwart ist der Gedanke einer türkisch – chinesischen Vereinigung wieder aufgetaucht, insofern panasiatische Kreise ein gemeinsames Zusammengehen gegenüber der christlichen Welt empfehlen. Um sich die Rolle so recht zu vergegenwärtigen, die das Türkentum auf der Erde spielt, muß man sich daran erinnern, daß schon im sechsten nachchristlichen Jahrhundert erobernde Türkenscharen bis nach Schantung gelangten, daß die türkischen Jakuten, die wahrscheinlich im dreizehnten Jahrhundert von den Ufern des Baikalsees auswanderten, sich bis zum Eismeer und bis zum Behringsmeer erstrecken. Eine Eroberung Chinas unternahm außerdem der türkische Beherrscher Hindostans, Mohammed Tughlak um 1350. Jedoch sein gewaltiges Heer ging schon in den Himalajapässen zugrunde.

Man muß sich ferner klar machen, daß die Mogule, die seit 1526 Indien beherrschen, nur dem Namen nach Mongolen, tatsächlich aber Türken sind. Nun war Indien und ist noch bis zum heutigen Tage das Hauptland europäischer Ausdehnung über See. Indien hat, wenn man die hinterindischen Länder und Ceylon mitrechnet, noch heute so viel Einwohner (315 Millionen), als ganz Amerika und Afrika zusammengenommen. Hieraus ergibt sich, daß sowohl in Europa als auch in Südasien die Türken die Hauptmacht darstellten, mit der sich die Westarier herum schlagen mußten. Ja, auch in Sibirien, denn dorthin waren schon längst Türken gedrungen, der Islam aber war ihnen seit dem sechzehnten Jahrhundert nachgefolgt.

Sehr merkwürdig ist, daß noch vor den Russen die Engländer in Sibirien erschienen. Allerdings ist die Reise von den britischen Inseln nach Sibirien kaum länger als von Westrußland, und zur See vor sich gehend ist sie auch bedeutend leichter gewesen, wofern nicht Treibeis den Schiffern den Weg verlegte. Alles was östlich der Kama, geschweige denn des Urals liegt, war den Russen, die jetzt von Iwan dem Schrecklichen regiert wurden, unbekannte Einöde. Von Zeit zu Zeit scheinen freilich Pioniere von Nowgorod nach Jugorien gelangt zu sein, aber es ist nicht sicher, ob dies Land diesseits oder jenseits des Urals lag. Im Jahre 1550 wird ein Vorgänger Iwans des Schrecklichen von seinem englischen Standesgenossen, Eduard dem Sechsten, als Zar of all Siberia begrüßt. Vermutlich beruhte dieser Titel aber nur auf einer Huldigungsgesandtschaft sibirischer Horden. So schickte ein Emir Darfors einen Abgeordneten mit zweitausend Negersklaven als Geschenk an den in Ägypten weilenden Bonaparte und entboten früher die Karthager ihre Unterwerfung den Persern. Der erste Europäer in Nordasien, von dem wir unzweifelhafte Kunde haben, war, wie schon berührt, ein Münchener, der 1406. nach Sibirien kam; es folgten vielleicht Portugiesen, wenigstens finden wir in den Erinnerungen von Mendez Pinto Nachrichten über die Gegend am Amur. (Marco Polo war über Mittelasien nicht hinausgekommen.) Und jetzt, 1553, landete Willoughby an der Mündung des Jenissei. Zwei Jahre darauf kam ein anderer Engländer, Jenkinson, in Archangelsk an. Von da reiste er nach Moskau und Persien. Hierauf machten sogar die Isländer einen Versuch, um die nordöstliche Durchfahrt nach China zu finden; sie kamen 1564 bis in die Straße von Waigatsch. Wiederum drei Jahre später regten sich endlich die Russen, aber sie übertrafen sofort ihre Nebenbuhler. Zwei Kosaken-Atamane legten den weiten Weg bis Peking glücklich zurück, jedoch ohne etwas zu erreichen. Ein Handelsvertrag wurde ihnen abgeschlagen.

Inzwischen machten Portugiesen und Spanier noch weitere Entdeckungen in den Tropen. Cortez hatte Mexiko, Pizzaro Peru erobert. Nun drangen einzelne Spanier von Mexiko bis zum Coloradofluß nach Norden. Südamerika wurde durchquert. Im Jahre 1560 unternahmen die Portugiesen einen Zug nach Ma-schonaland, 1576 besiedelten sie Angola von Brasilien aus, und 1578 wollten sie sogar Marokko erobern, aber ihr König Sebastian, dem Tausende von deutschen Rittern und Soldaten halfen, unterlag bei Ksar el Kebir, zwischen Tanger und Fes.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

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Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
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Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
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