Nach dem vernichtenden Sieg über die Schwertbrüder gelang es dem litauischen Fürsten Mindaugas Mitte des 13. Jahrhunderts, die zersplitterten Stämme zusammenzufassen. Dies war notwendig nicht zuletzt wegen der »Litauerreisen«, die die Ordensritter in den nachfolgenden Jahren immer wieder unternahmen – angeblich zum Zwecke der Missionierung und zur Eroberung Sche-maitens (nördlich von Kaunas) als Landbrücke von Livland ins spätere Ostpreußen, tatsächlich aber entartet zu blutigen »Vergnügungsreisen« für Ritter und Fürsten, bei denen die »Heiden« regelrecht abgeschlachtet wurden.

Zäh verteidigten die Litauer dennoch ihre Position und dehnten sogar ihr Territorium aus. Unter Gediminas (1316-1341) begann der endgültige Aufstieg zu einer Großmacht. Schemaiten, das der Orden vorübergehend erobert hatte, wurde zurückgewonnen, Kiew und das Fürstentum Smolensk litauischer Herrschaft unterstellt. Gediminas Söhne Algirdas und Keistutis, die bis 1380 nebeneinander residierten, vergrößerten den Mächtebercich noch weiter: Im Süden entlang des Dnjepr bis über Kiew hinaus, im Osten an der Oka bis auf 150 km vor Moskau und im Norden bis an die obere Lowat.

Schicksalhaft wurde der 18. Februar 1386 für Litauen und für den Fortgang der ostmitteleuropäischen Geschichte insgesamt. Jogaila, ältester Sohn aus der zweiten Ehe des 1377 verstorbenen Olgerd und Alleinherrscher seit 1382, heiratete die polnische Königin Hedwig, jüngste Tochter des 1370 verstorbenen Königs Ludwig von Ungarn, der auch die polnische Krone getragen hatte. Hedwig,damalsein 12jährigcs Kind, leistete der Eheschließung mit dem über 20 Jahre älteren Großfürsten aus Litauen verständlicherweise Widerstand. Doch die politischen Motive standen für jene polnischen Adligen, litauischen Diplomaten und den einflußreichen deutschen Kaufmann und Berater Jogailas, Stadthauptmann Hanulo von Wilna, im Vordergrund: Der litauische Herrscher hatte drei Tage vor der Trauung das römische Christentum angenommen und sich darüber hinaus verpflichtet, sein Land der Krone Polens »auf ewig« anzugliedern, auch sein Volk taufen zu lassen und »verlorene polnische Gebiete« wiederzuerobern. Derartige Gelüste sollten in der weiteren Geschichte Polens immer wieder auftauchen. Zur Zeit Jogailas ging es vor allem um die (keineswegs ursprünglich polnische) Region Pommerellen sowie das an Ungarn gefallene Rotreußen (später Ostgalizien) und um die Zurückdrängung der Ordensmacht insgesamt.

Als König Wladyslaw II. von Polen nahm Jogaila die versprochene Christianisierung seiner Untertanen in Form von Massentaufen vor. Gleichzeitig regierte sein Vetter Vytautas von Traken (Trakai) Litauen. Die dort von Keistutis 1382 errichtete Wasserburg war eine der modernsten europäischen Festungen ihrer Zeit und ist, nahe der Straße von W’ilna nach Kaunas, heute eine touristische Attraktion.

Litauen erreichte unter Vytautas die größte Ausdehnung: als ein mächtiges Imperium von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, insgesamt rund 520 000 Quadratkilometer. Außerdem gelang es Vytautas, die weitestgehende Unabhängigkeit seines Großfürstentums von Polen sichcrzustellen.

Die permanente Rivalität Litauens und Polens mit dem Deutschen Orden eskalierte durch den Streit um Schcmaiten. Am 15. Juli 1410 kam es zu einer der folgenreichsten Schlachten des Mittelalters. Bei Tannenberg in Ostpreußen wurde das Ordensheer von der polnisch-litauischen Union vernichtend geschlagen und der Hochmeister Ulrich von Jungingen getötet. Sein Nachfolger Heinrich von Plauen mußte im Ersten Thomer Frieden 1411 auf Schemaiten verzichten, das er ohnehin nie hatte erobern können, und umfangreiche Zahlungen an die Sieger leisten.

Mit Vytautas (1430) und Jogailas (1434) Tod war die glorreiche Zeit litauischer Herrscher vorüber. Die Union mit Polen, obgleich »auf ewig« geschlossen, zerbrach und wurde 1446 im Unionsvertrag von Brest als Personalunion, die beiden Staaten ihre Unabhängigkeit auch formal beließ, nur halbwegs wiederhergestellt.

Doch im Osten wuchs zugleich eine neue Gefahr heran, die über die nächsten Jahrhunderte hinweg das Schicksal des Baltikums bestimmen sollte. Iwan III. begann von Moskau aus eine neue Etappe des »Sammelns der russischen Erde«. Schritt um Schritt verschob sich das einstige Mächlcgleichgewicht zwischen dem römisch-katholischen Litauen und dem orthodoxen Rußland zugunsten der Russen.

Das ehemalige Erzbistum Riga und das Ordensland nördlich der Düna wurden 1566 als Herzogtum Livland Litauen angegliedert. Doch die Bedrohung aus Moskau, wo inzwischen Iwan IV., der Schreckliche, regierte, wuchs. In dieser Situation folgten die Litauer dem jahrzehntelangen Drängen der Polen und Unterzeichneten am 1. Juni 1569 den Vertrag zur »Union von Lublin«, der einen gemeinsam zu wählenden Herrscher vorsah, der zugleich automatisch Großfürst von Litauen war. Die Souveränität Litauens schwand damit weitgehend. Deutliches Zeichen dafür ist die nur in polnischer Sprache abgefaßte Unions-Urkunde. Litauen mußte außerdem seine ukrainischen Gebiete an Polen abtreten und einem Kondominium mit Polen über Livland zustimmen. Am 7. Juli 1572 verstarb mit dem litauischen Großfürsten und gleichzeitigen polnischen König Sigismund II. August der letzte männliche Sproß des litauischen Jogaila-Hauses.

Siehe auch:
Ukrainer
Donkosaken
Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Litauen-Lettland-Estland
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
Nordkaukasier
Aserbeidschaner
Turkestaner
Armenier
Georgier
Ostfinnen
Westfinnen
Das Balten-Gebet
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
Sowjetunion-Technisierung
Sowjetunion-Landwirtschaft
Sowjetunion-Das Land
Sowjetunion-Schlußwort
Goten-Waräger-Deutsche
Sowjetunion-Russen
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Baltikum

Nach dem Zusammenbruch des Gotenreiches im Jahre 375 breiteten sich die slawischen Stämme nach Nordosten aus und erreichten die finno-ugrischen Gebiete. Gehörte die dortige Bevölkerung im Westen zur ostbaltischen Rasse, so zeigte sie weiter östlich einen anderen, zum Teil mongoloiden Einschlag. Dieser ganze Raum stand vom 9. Jahrhundert an unter warädischer Führung. Erst von Holmgardr (Naugard) und dann von Koenugardr (Kiew) strömten slawische Siedler an die Oberwolga nach. So wurde das Land christianisiert und sprachlich überschichtet.

Ein neues Volk, das man heute als russisches bezeichnet, ging aus diesem Slawisierungsprozeß hervor.

Jedoch begann die politische Geschichte des Russentums erst mit Iwan Kalita (1328—1340), der seine Großfürstenwürde dem Mongolenkhan zu verdanken hatte. Von der „Goldenen Horde“ völlig abhängig, übernahm Moskowien gleichfalls in seiner Kultur, Sille und Tracht mongolische Wesenszüge, Die Oberschicht, „Bojaren“ genannt, verschmolz größtenteils mit regierenden Tatarengeschlechtern zu einem neuen, dem Kremlherrscher gefügigen Dienstadel. Auf diese Weise erlosch auch hier das warägische Bluterbe, und Moskau wurde zum Träger desselben Gedankens, der in vielem das Eroberungswerk von Dschingis-Khan geprägt hatte.

Diesem moskowitischen „Drang nach Westen“ erlag zunächst unter Iwan III. (1462—1505) der Volksstaat von Großnaugard, und dann erzwang Iwan IV. „Grosnyj“ genannt (1533—1584), die Auflösung des Livländischen Ordensstaates. Zu gleicher Zeit öffnete sich dem mongolischen Blut durch die Eroberung der Chanate von Kasan (1552) und Astrachan (1556) ein weites Tor zum russischen Volkskörper.

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Die Sowjet-Union

Noch einmal warfen sich die Germanen mit aller Macht auf Osteuropa. In Österreichs Diensten entriß Prinz Eugen Serbien der Türkei. Der schwedische Karl XII. brauste wie ein Wirbelsturm bis hinunter nach der Ukraine durch die Grenzländer des Zarenreichs, und August der Starke ward König von Polen. Am Njemen und an der Weichsel wurde Preußen immer mächtiger. Da erstand den Ostslawen ein Genie in Peter dem Großen. Er dämmte die Germanen zurück und gab den Slawen ihre unabhängige Stellung. Hatte Rurik den russischen Staat geschaffen, Iwan III. Wassiljewitsch ihn neu begründet, Iwan der Schreckliche die Grundlagen der russischen Großmacht gegeben — Peter der Große führte den Plan dieses Weltgebäudes aus. Er verband sich, da zu Anfang sein Reich noch schwach war, mit Sachsen, Polen und Dänemark gegen Karl XII. und warf die Schweden zum Lande hinaus. Karl XII. brachte jedoch nach seiner Niederlage von Poltawa die Osmanen auf die Beine. Peter mußte 1711 gegen sie zu Felde ziehen, und geriet am Pruth in die mißlichste Lage, aus der nur Geld ihn befreite. Von jetzt an aber ist der Stern Rußlands im Aufsteigen. Das Reich gewann die Ostseeprovinzen und in Petersburg seine neue Hauptstadt. Derbent, Baku, Astrabad und die südkaspischen Länder Gilan und Mazenderan wurden 1723 an Rußland von Persien abgetreten, das durch Bürgerkriege zerrüttet war.

Sehr gegen den Willen seiner Untertanen versuchte Peter eine Verwestlichung des heiligen Rußlands. Er berief Holländer, Deutsche und Schweden als Handwerker und Lehrmeister. Er gilt daher noch heute den Altrussen nicht als ein richtiger Vertreter seiner Nation. Der Zar, der lange Zeit als junger Mann in Holland das Schiffsbau werk gelernt hatte, behielt zeitlebens eine große Vorliebe für das Meer, für Flotten und überseeische Unternehmungen. Das Meer, an dem er ja auch seine Hauptstadt erbaute, sollte gewissermaßen das Fenster sein, durch das vom übrigen Europa her Licht nach dem Moskowiterreich einstrahlte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens

Männer; Völker und Zeiten