Schlagwort: Janitscharen

Während die Kontinentalstaaten von revolutionären Zuckungen zerwühlt wurden, schritt England auf dem Wege zur Weltherrschaft weiter. Auch England blieb von den Zuckungen nicht ganz verschont. Es erlebte heftige Stürme im Hause der Gemeinen, und erlebte eine Arbeiterrevolte, die Chartistenbewegung (1840). Allein der politische Sinn, der aus Erfahrungen von Jahrhunderten schöpfte, hat es in England stets verstanden, derartige Bewegungen, meist durch Konzessionen und Kompromisse, unschädlich zu machen. Ein jeglicher Uberschuß an Tatendurst kann sich seit vier Jahrhunderten bei den Engländern nach außen hin austoben. So kommt es, daß England mehr als irgendein anderer Staat der Erde von gefährlichen inneren Umwälzungen verschont geblieben ist. Die Briten hatten zwei große Aufgaben der äußeren Politik zu lösen: die Regelung der türkischen Verhältnisse, und die Gewinnung der Buren.

In der Türkei hatte sich ein Dualismus ausgebildet. Der Süden stand gegen den Norden, das Arabertum gegen das Türkentum. An der Peripherie zeigten sich autonome Neigungen: in Mesopotamien, wo Jussuf Pascha allmächtig waltete, in Albanien, wo Ali Tepelenli unumschränkt herrschte(1822auf einer Insel des Sees von Janina getötet),ferner in Kurdistan und Arabien, endlich inÄgypten. Der Khedive von Ägypten, dessen (möglicherweise albanische) Vorfahren aus der Gegend westlich von Saloniki auswanderten, Mehemed Ali, errang in Ägypten, Nubien, Arabien, Syrien und Mesopotamien eine äußerst starke Stellung. Die Türken aber, durch zwei Kriege mit den Russen (1812 und 1826/27), ferner durch den Aufstand der Griechen geschwächt, der durch die Einmischung der Großmächte und die Niederlage des Kapudan Pascha (Admiral, wörtlich Kapitän) bei Navarino 1827 entschieden wurde, waren in der übelsten Verfassung. Die Reformen von Mahmud dem Zweiten, der sich der Janitscharen durch ein Blutbad entledigte, und der westlichen Geist in Heer und Verwaltung einführen wollte, hatten zunächst nur das Ergebnis gehabt, daß die Auflösung und Verwirrung im Osmanischen Reiche noch größer wurde. Im Jahre 1833 zog der Khedive gegen die Türken, in deren Lager sich Moltke befand, durchzog Kleinasien, und erreichte fast den Bosporus. In seltsamer Eintracht rafften sich da aber die Mächte, die noch kurz zuvor bei Navarino die Kraft der Türkei gebrochen hatten, zum Schutze derselben Türkei auf und zwangen durch Gewalt den Khedive zur Umkehr. Die Russen legten Truppen an den Bosporus, die Engländer schickten Admiral Napier nach Syrien. Die ängstliche Sorgfalt für das Wohlergehen des Sultans — jetzt war Abdul Medjid am Ruder — war lediglich eine Frucht der Eifersucht. Keine Macht gönnte der anderen den Besitz von Konstantinopel. Die Engländer hatten weiters ein großes Interesse daran, sich nicht den Weg nach Indien über die Länder des östlichen Mittelmeeres versperren zu lassen; sie wünschten daher nicht, daß ein zu starker.Mann sich in dem strategisch wichtigsten Lande der Erde, in Ägypten, festsetzte.

Die andere Aufgabe der Briten lag in Südafrika. Teils durch Rassenhaß, teils durch die gewaltsame Beraubung ihrer Selbständigkeit erbittert, wurden die Buren neuerdings durch die Aufhebung der Sklaverei gereizt. Die Engländer wollten überall die Sklaverei abschaffen. Die erste Anregung dazu gab die philanthropische Agitation des Bischofs Wilberforce; bei der Durchführung spielte wohl die Hoffnung mit, die spanischen und portugiesischen Nebenbuhler zu ruinieren. Denn ohne Sklavenarbeit konnten die Pflanzungen in den tropischen Kolonien nicht mit dem Nutzen betrieben werden wie bisher. Daher richtete sich die Maßregel auch gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, in deren südlichen Gebieten die Sklaven die Hauptträger der Wirtschaft waren. Die Engländer selbst hatten damals noch wenig mit tropischen Pflanzungen zu tun; höchstens in Westindien und Mauritius. Im übrigen dachten die Engländer durch ein schmiegsames Verwaltungssystem die Vorteile der Sklaven Wirtschaft zu retten, ohne deren Gehässigkeit auf sich zu laden. Sie führten einfach eine hohe Steuer für Farbige ein; um diese zu bezahlen, mußten die Eingeborenen monatelang arbeiten. So hatten die weißen Herren doch die Arbeit umsonst, und brauchten die freien Arbeiter noch nicht einmal zu ernähren. In Kanada, am Kap und in Australien glaubte man vollends der farbigen Hilfe ganz entraten zu können. So war die Aufhebung der Sklaverei ein Schachzug gegen die anderen Kolonialmächte. Der Schlag traf auch die Buren hart. In ihrer wirtschaftlichen Gebarung und ganzen Lebensführung waren und sind die Buren noch heute auf schwarze Hilfskräfte angewiesen. Nun wurden ihnen mit einem Male die Xosa, Fingo, Tembu, Griqua und Basuto entzogen, die für sie gefrondet hatten. Zwar wurden viele Millionen von England ausgezahlt, um die Leibeigenschaft abzulösen, aber von den großen Summen gelangte nur ein Viertel bis ein Fünftel in die Hände der Buren. Den wirtschaftlichen Ruin vor Augen entschlossen sich die Buren 1835 zu dem großen Treck über den Oranjefluß. Sie trafen es schlecht, denn die Zulu waren, durch ihren Ober Induna Tschakka militärisch organisiert, mit ihren Impi (Regimentern) auf dem Kriegspfad, und überschwemmten „das ganze nichtbritische Südafrika. Gegen eine hundertfache Übermacht wehrten sich die Buren am Vechtkopp (16. Dezember 1836), dann fielen sie in Natal ein. Dort wurden sie bei Weenen (vom Weinen, das sich erhob) von den Zulu überrascht, aber schlugen sie bei Colenso. Natal ist immer für die Buren das blühende Land der Sehnsucht gewesen, ungefähr das, was Italien für die Deutschen ist. Hierauf säuberten die Buren das Gebiet jenseits des Vaalflusses von den Matabele, einem Stamme der Zulu. In den neu gewonnenen Gebieten gründeten sie drei unabhängige Staatswesen: den Oranjefreistaat, die Transvaalrepublik und die Niederlassung in Natal. Jetzt stellten die Engländer, denen der Treck durchaus unerwünscht war, eine überraschende Lehre auf. Wie es in der römischen Kirche heißt: einmal ein Priester, immer ein Priester, so behaupteten die Kapbehörden: einmal ein Engländer, immer ein Engländer. Nirgends also auf dem ganzen Erdenrund sollte man sich der Habsucht der Briten entziehen können! Die Engländer machten Ernst, zogen Truppen zusammen und unterwarfen Natal und den Oranjefreistaat. Lediglich weil das Oranjegebiet mehr zu kosten als einzubringen drohte, gaben es später die Engländer an die Buren zurück.

Die dritte Aufgabe Großbritanniens war in Südasien zu lösen. Noch war bei weitem nicht ganz Indien unterworfen, und schon strebten die Angelsachsen über die Grenzen Indiens hinaus. Sie mischten sich 1837 in Persien ein und besetzten Buschir, den Haupthafen am Persischen Golf. Sie führten 1838—1840 Krieg mit Afghanistan. Zum Teil war diese fast krankhafte Ausdehnungssucht durch die Sorge vor russischem Vordringen veranlaßt. Durch zwei große Kriege, den einen um die Jahrhundertwende, den anderen 1827—1828, beendet durch den Frieden von Turkmantschai (zwischen Rescht und Teheran), hatten die Russen große Stücke von Persien losgerissen. Allmählich nisteten sich die Russen in den mittelasiatischen Gebieten Südsibiriens ein, und im Jahre 1839 stellte Perowski eine Riesenkarawane zusammen, um Khiwa zu überrumpeln. Die Eroberung scheiterte völlig, mehr durch Sandstürme als durch Angriffe der Turkmenen; aber ebenso mißglückte der gleichzeitige Zug der Engländer, die in Afghanistan bis auf den letzten Mann aufgerieben wurden.

Den Mißerfolg machten die Engländer weiter im Osten wett, nämlich in China, Sie machten sich ans Werk, um das bisher fast hermetisch verschlossene Ostasien dem Weltverkehr und der europäischen Bildung zu eröffnen. Im Grunde war das nicht sehr schlau von den Europäern, denn aus den gelehrigen Schülern erweckten sie sich Feinde; sie lieferten Armstrongs und Krupps den Ostasiaten, um damit Weiße niederzuschießen; sie brachten ihnen eine Kenntnis von Fabriken bei, die sie dann zum Nachteil des Westens verwerteten. Der Antrieb zu der Erschließung Chinas war gerade wiebei der Aufhebung der Sklaverei, doppelter Art, sittlich und wirtschaftlich. Die Missionare, die schon einige Jahrzehnte am Platze waren, hofften, China und Korea, wie auch die Liu Kiu für das Christentum zu gewinnen, die Kaufleute trachteten nach einer Erweiterung ihrer Kundenzahl und ihres Absatzmarktes. Für die Staatskunst Großbritanniens kam lediglich der materielle Punkt in Betracht. Es war ungefähr das Gegenteil von christlicher Menschenliebe, das die Engländer zur Einmischung in Kanton veranlaßte. Die Chinesen wollten sich nicht mehr vom Opium vergiften lassen, das von Indien kam; für die Engländer aber war der Ertrag des Opiums und der Opiumsteuer, die in manchem Jahre auf sechshundert Millionen Mark stieg-, zu wichtig, als daß sie auf sie hätten verzichten mögen. So brach denn der Opiumkrieg 1839 aus. Mit leichter Mühe vernichtete eine englische Flotte die schlechten chinesischen Schiffe und bombardierte Kanton. China wurde gezwungen, mehrere seiner Häfen für den regelmäßigen Handel mit Kaufleuten der Westmächte zu eröffnen.

Während die erdumspannende Politik der Engländer — auch in Amerika waren sie nicht müßig und kamen über die Oregongrenze beinahe mit der Union in Streit— eifrig damit beschäftigt war, die Weltkarte rot zu färben, waren die Franzosen in Algerien und Westafrika an der Arbeit. Vorläufig berührten sich die Einflußkreise nur wenig, außer in Syrien, wohin 1840 ein französisches Heer abging. Da zugleich sich die beiden Westmächte durch die gemeinsame liberale Strömung verbunden fühlten, so entstand zwischen ihnen die Entente Cordiale, die allerdings erst ein Jahrzehnt später Früchte tragen sollte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus

Männer; Völker und Zeiten

Bogumil Goltz hat das schöne Wort gefunden: die Engländerin geht mit dem Kinn, die Österreicherin mit den Augen. Ähnlich könnte man sagen: der Madjar geht mit den Sporen, der Rumäne mit dem Rücken. Sporen sind scharf und schneidig, aber sie geben keinen Halt, sie zwingen zur Vorsicht. Der Rücken ist ein unaggressiver, ein unbeholfener Körperteil, aber er trägt, er fördert, er ist, um mit Hebel zu reden, „kernfest und auf die Dauer“. In letzter Zeit hat sich vollends das Selbstbewußtsein der Rumänen dermaßen gehoben, daß sie augenblicklich geradezu als das maßgebende Volk im Balkanstreite zu gelten haben.

Die Rumänen sind die zäheste Rasse der Erde. Selbst die Kinder Israels nicht ausgenommen. Juden gab es immer, aber die Rumänen waren acht bis neun Jahrhunderte verschwunden. So völlig verschwunden wie gewisse Bäche im schwäbischen Jura und im Karst, die meilenlang unterirdisch fließen. Plötzlich aber, im dreizehnten Jahrhundert, tauchten die Rumänen wieder auf, und diesmal blieben sie. Seitdem haben sie um sich gegriffen wie eine große Wasserflut, eine schier uferlose Überschwemmung bildend. Sie leben, außer unter eigener, unter nicht weniger als vier fremden Flaggen, aber kein Herrenvolk ist imstande gewesen, sie zu Boden zu drücken. Im Gegenteil: sie drücken auf ihre Herren. Das haben vor allen Dingen die Madjaren gemerkt; dann haben es auch die Russen und die Südslaven spüren müssen. Die Rumänen haben sich lange von den Madjaren an die Wand drücken lassen, aber endlich — seit ungefähr fünf Jahren — haben sie sich aufgerafft. und haben beschlossen, selber angreifend vorzugehen. Leider sind von dem Angriffe auch wir Deutschen betroffen, denn es hat bereits eine leise Rumänisierung der Siebenbürger Sachsen begonnen. Ebensowenig sind die Russen imstande gewesen, die Rumänen in Bessarabien zu verrussen. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Volksgenossen des unabhängigen Königreiches ist so rege wie noch nie. Und der Wunsch nach einer Wiedervereinigung ist brennend geblieben.

Nicht minder haben die Bulgaren am eigenen Leibe die zähe Wühlertätigkeit der Rumänen und ihrer Vettern, der Kutzowalachen, zu spüren.

Was bisher nur einzelne Kenner wußten, haben die Verhandlungen der letzten Wochen auch größeren Kreisen offenbart, daß nämlich in des Balkans tiefsten Gründen ein Volk haust, an 400000 Köpfe stark, das eine Verwandtschaft mit den Rumänen beanspruchen darf. Es sind die Aromunen, oder Kutzowalachen, gelegentlich auch Zinzaren benannt, wiewohl diese letztere Bezeichnung auch manchmal für Zigeuner angewandt wird. Dies Völkchen der Aromunen haust an den Hängen des Pindos, in Albanien, in Thessalien, und in Südmazedonien. Es ist also recht weit von der Donau, weit von den rumänischen Vettern entfernt. Gerade in Leipzig wurde ich, als ich einen Vortrag über die Balkanfrage hielt, in heftiger Weise darüber interpelliert, wie es denn menschenmöglich sei, eine territoriale Brücke zwischen den so entfernten Verwandten herzustellen. Die Antwort darauf lieferte mir bei meiner jüngsten Balkanreise ein geborener Gegner der romanischen Rasse, ein Bulgare. Er erzählte mir, daß ganz Bulgarien schon von Aromunen sowohl als auch Rumänen, Krämern und Handwerkern, durchsetzt sei. Gleichermaßen ist der Süden Serbiens von vielen Kutzowalachen bewohnt. Das erste serbische Kavallerieregiment, das in Uesküb einritt, hat lediglich aus Kutzowalachen bestanden. Angesichts der oben geschilderten Tatsache, daß das rumänische Element wie fressend Feuer um sich greift, ist sehr wohl für die Zukunft die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß die Rumänen auch territorial noch einmal über die Südslaven die Oberhand gewinnen.

Gegenwärtig beträgt die Zahl der Rumänen im Königreiche 5,5 Millionen, in Ungarn 3 Millionen, in Österreich fast 300000, in Rußland über 1 Million, dazu rechne man vielleicht 150000 in anderen Staaten und die erwähnten Kutzowalachen. Hierdurch würde die Gesamtziffer der Rumänen auf 10,5 Millionen anschwellen. Demgegenüber stellen alle Südslaven Mazedoniens, Bulgariens, Serbiens und Montenegros nur 6,25 Millionen dar, sind also ihren Rassegegnern bedeutend unterlegen. Anders freilich würde .sich die Rechnung stellen, sobald man auch die österreichischen Südslaven mitrechnet. Allein bei dem Kampfe der Volkheiten handelt es sich niemals um absolute Zahlen, sondern ausschließlich um das örtliche Übergewicht. Wir sehen das am deutlichsten bei den 3,5 Millionen Polen, die es fertiggebracht haben, gegen 62 Millionen Deutsche anzukommen. Warum? Weil sie eben an Ort und Stelle die Mehrheit haben. Aus dem gleichen Grunde, der durch viele andere Beobachtungen bestätigt werden könnte, ist auch für die Rumänen in dem Gebiete östlich einer Linie, die von Siebenbürgen nach Adrianopel geht, ein entscheidender völkischer Sieg zu prophezeien.

Gehen wir zu den Albanern über.

An der Küste die alte Kultur Venedigs; im Hochgebirge Zustände, urtümlicher als bei den Germanen des Tacitus; der Osten von Serben und Türken beeinflußt. In einem Tagesritte kommt man aus dem Gebiet höchster neuzeitlicher Zivilisation ins Land der Blutrache und der finsteren Kulas. Dazu Gegensätze der Religion. Im Süden griechisch-uniert, im Norden römisch-katholisch, im Osten moslimisch. Freilich schlechte Mohammedaner, Anhänger des pantheistischen Ordens der Bektaschi; und auch die Christen sind zwar sehr kirchlich, tyrannisieren aber vielfach ihre Priester. In neuester Zeit werden die Klüfte überbrückt, der allalbanische Gedanke erhebt sich mit siegreicher Kraft. Zunächst sollte die Einheit des Volkstums in einem einheitlichen Alphabet zum Ausdruck kommen. Bisher gab es drei verschiedene Systeme von Schriftzeichen, dazu wollten die Jungtürken noch die arabischen Buchstaben einführen; womit sie allerdings gescheitert sind. Bei meiner jüngsten, fünften Reise in Albanien wurde ich mit einem Gedicht bekannt, das ganz so aussieht, als sollte es einmal zur Nationalhymne der Skipetaren werden. Darin ist deutlich gesagt, daß in Zukunft die Gemeinbürgschaft des Volkstums höher, heiliger, hehrer sein soll als die trennenden Gegensätze des Glaubens und der Lebensführung. Die zwei letzten Strophen lauten:

Auf, ihr Jungen, zur Ehre des Vaterlandes!
Es ist keine Zeit mehr schwach zu sein.
Unter dem Banner Skanderbegs
mögen sich Tosken und Geghen vereinen!

Gemeinsam sollen Priester und Hodschas segnen
Christen und Mohammedaner.
Kreuz und Islam trennen uns nicht mehr,
wir sind Brüder, Schkipetaren!

Auf dem Schauplatze ihrer ältesten und stolzesten Erinnerungen, in der Nähe von Dodona, wo noch jetzt Ruinen stattlicher Tempel ragen, und von Korfu, der Heimat der Phäaken, führen die Griechen Krieg zu Wasser und zu Lande. Doch das Schicksal ging gegen sie, sowohl in Santi Quaranta, dem Hafen, den Kaiser Wilhelm 1908 besucht hat, als auch bei Janina. Es gibt höchstens vier Deutsche, die Janina gesehen haben. Da ich zu diesen vieren gehöre, möchte ich hier ein Bild der Lage entwerfen. Die Stadt, die von etwa 40000 Leuten bewohnt ist, sich jedoch, da‘sehr eng gebaut, nur auf etwa zwei Kilometer erstreckt, liegt an einem großen See, ungefähr wie der Tegernsee, nur breiter. Hinter dem See erhebt sich die Zagora, ein zerklüftetes, steinernes Meer von hochalpinem Wurf. Auf drei Seiten ist Janina von einer welligen Ebene umgeben. Unmittelbar am Rande der Ebene, im Süden erheben sich andere Alpen. In der Stadt türmt sich ein sehr steiler, aber nur ganz niedriger Hügel auf; er ist von einem ausgedehnten Fort bekrönt, das zur Zeit Ali Tepelenlis gewiß sehr stark war, aber gegen moderne Kanonen keinen Schutz bietet. Die Schwierigkeit ist nun gerade, Kanonen gegen Janina in Aufstellung zu bringen; denn das beherrschende Gebirge ist recht weit entfernt, nicht unter sieben bis acht Kilometer, und außerdem ist es schier unmöglich, auf dem unwegsamen Gelände große Geschütze zu transportieren. So ist die Ebene eigentlich das einzige Angriffsfeld für einen Feind, und gerade eine Ebene ist die beste Schutzwehr für eine Festung, wie schon Moltke bemerkte; besonders eine kahle Ebene, auf der ein Heranrücken außerordentlich erschwert wird. Das wußten schon die Gegner von Macbeth, als sie beim Sturm auf dessen Burg Bäume vor sich hertrugen. Freilich handelt es sich bei Janina, wie schon erwähnt, nicht um eine tischgleiche Ebene, und ein geschickter Gegner kann die Unebenheiten des Bodens mit Vorteil ausnützen. Dabei standen den Griechen nicht weniger als drei Wege offen, Janina zu berennen. Der eine Weg führt über Metsovon durch einen äußerst schwierigen Engpaß, der für schwere Artillerie, namentlich zur jetzigen Jahreszeit, ganz ungangbar ist. Es ist die berühmte Straße, die von Thessalien nach Epirus führt und die schon vor zwei Jahrtausenden von den Soldaten Casars benutzt wurde. Ich fand sie noch Ende April von Schnee versperrt und kaum gangbar. Der zweite Weg, den auch die Hellenen einzuschlagen versuchten, geht von Santi Quaranti über Delvino. Ein dritter Weg kommt von Prevesa und vereinigt sich in ziemlicher Entfernung von der Stadt mit noch einem andern, der das Lurostal quer durch das Hochgebirge mit dem Busen von Arta verbindet.

Der Umkreis des von den Türken und Albanern bei Janina besetzt gewesenen Gebietes kann auf 220 Kilometer geschätzt werden. Weit geringer ist der Umkreis, den sie noch bei Skutari innehaben, nämlich 25—30 Kilometer; aber er bietet jedenfalls Raum genug, um den Vorteil der inneren Linie voll auszunutzen. Ich kenne Skutari von mehreren früheren Reisen gut und hatte bei der letzten — es war Anfang November 1912 — den Vorteil, vom König Nikolaus zu einer Dampferfahrt eingeladen zu werden, die es an einem strahlenden Tage und bei’ durchsichtiger Klarheit der Luft aufs beste ermöglichte, einen Einblick in die Gesamtlage zu erhalten. Auch vor Skutari dehnen sich zwei Ebenen, die eine, größere, im Süden nach der Richtung von Alessio zu; die andere, kleinere, im Osten und Nordosten der Stadt nach den Vorbergen der Malsia zu. Bei der Stadt selbst, die sehr weitläufig gebaut ist und die sich wohl auf fünf bis sechs Kilometer erstreckt, erheben sich drei massige Hügel steil über der Fläche. Der eine Hügel trägt ein altes venezianisches Fort, die andern sind in neuzeitlicher Art befestigt. Die Ebenen im Osten und Süden werden von den Hügeln aus mühelos bestrichen. Außerdem wird die Südebene von zwei großen Flüssen durchströmt, von der zwar langsamen, aber sehr breiten Bojanna, die den Skutarisee entwässert, und dem schmäleren, doch außerordentlich reissenden Drin. Auf ebenen Flächen gegen eine Festung vorzurücken, ist, wie schon ausgeführt, ungemein mißlich. Die Montenegriner, Meister des Nachtgefechts, versuchten also verschiedene nächtliche Überrumpelungen. Aber solche Überfälle werden durch die Flüsse stark gehemmt. So ist denn bisher noch kaum ein nächtlicher Überfall erfolgreich gewesen. Unmittelbar am westlichen Gegenufer der Bojanna beginnt der Tarabosch, dessen Hänge steil in die Wasser des Sees abfallen. Bis zur Höhe des Berges sind etwa vier, höchstens fünf Kilometer Luftlinie. Der Tarabosch, dessen blutiger Name in der Kriegsgeschichte sicherlich in der selben Furchtbarkeit weiterleben wird wie der düstere Name des Malakoff von Sewastopol, hat nicht weniger als neun Spitzen von nicht allzu verschiedener Höhe. Als die Montenegriner den am weitesten von Skutari entfernten Gipfel besetzt hatten, wurden sie durch das Feuer der feindlichen Kanonen von den andern Gipfeln dermaßen bestrichen, daß sie es vorzogen, in die steilen Hänge des Tarabosch hinabzugleiten und sich dort mit ihren Geschützen einzubauen. Die Türken folgten aber nach und gingen sogar noch tiefer, so daß sie nach meiner Schätzung auf nur IV2 oder höchstens 2 Kilometer Entfernung ungefähr 120 Meter in die Höhe schossen. Von den 40 oder 48 montenegrinischen Geschützen — ganz genau konnte man die Zahl begreiflicherweise nicht erfahren — sollten nur sehr wenige weiter als 4 Kilometer, nur zwei weiter als 8 Kilometer tragen.

Den Skutarisee muß man sich etwa vorstellen wie den Bodensee, nicht so lang, aber in der Nordhälfte breiter, jedenfalls unvergleichlich viel großartiger. Der kritische Punkt ist bei Gruda und Bardenjol, dort, wo die montenegrinischen und türkischen Stellungen mit dem freien Albanien Zusammenstößen. Zuerst waren die Skipetaren die Freunde Nikitas; seit November aber, und in steigendem Maße seit der Unabhängigkeitserklärung Anfang Dezember, wendeten sie sich von ihm ab und wurden aus Freunden zu Feinden. Die Ansprüche der Zrnagorzen auf halb Nordalbanien sind eben mit den Hoffnungen der Skipnia selbst unvereinbar.

Die Albaner sind wie die alten Deutschen. Der Skutariner Poet Padre Tommaso Fishta sagt: es ist leichter, einen Sack voll Flöhe zu vereinen, als zwei Albaner eines Sinnes zu machen. Es sind eben echte Indogermanen mit einer baskischen Unterschicht, die noch weiter den Zweiseelenzustand fördert. Einige Male in der Geschichte der Jahrtausende sind allerdings die Bewohner Albaniens zu stattlichen einheimischen Reichen zusammengeschmiedet worden, unter Genthius und Königin Tenta im 3. vorchristlichen Jahrhundert, unter Skanderbeg im 15. und Ali Tepelenli im 19. Jahrhundert; sonst war immer Gau gegen Gau, Sippe gegen Sippe, der gjaksor, der Mörder, gegen den Rächer, gegen die männlichen Verwandten des Ermordeten, kurz, die Hand aller gegen alle. Dazu kamen kulturelle Verschiedenheiten: an der Küste venezianische Bildung, dann eine Übergangszone, zuletzt wildeste, urtümlichste Urzustände im Hochgebirge, woran sich im Osten, nach dem Amselfelde zu, und in Djakowa (serbisch = Hochschule, von djak-Student) serbisch beeinflußte Gegenden schließen. Sodann Glaubensverschiedenheiten: Islam, Rom, griechische Orthodoxie und griechisch Unierte. Bisher verstand es die Zentralregierung in Stambul ganz prächtig, diese vielen Verschiedenheiten politisch auszunutzen: divide et impera. Aber schon 1878 entstand die albanische Liga, eine nationalistische Bewegung, deren Hauptkraft sich gegen die Übergriffe Montenegros richtete. Eine neue Epoche brach mit der Revolution an. Am 4. November 1908 tagte der panalbanische Kongreß zu Monastir. Er soll jetzt einen Nachfolger in Triest haben, in einem Kongreß den Prinz Ghika leiten will. Unter der Geißel jungtürkischer Unterdrückung wandten sich 1910 und 1911 die Malisoren an das einst, so gehaßte Montenegro um Hilfe und nahmen auch Gaben in Geld und Naturalien von ihm an. So standen die Sachen, als der Balkankrieg ausbrach. Zunächst waren da die Malisoren den Montenegrinern freundlich. Die Mirditen warteten zu. Die albanischen Moslime fochten im Westen für die Türkei, im Osten waren sie geteilt. Die einen waren osmanen-freundlich, aber Issa Boljetinatz, der käufliche Bandenführer, hielt es zeitweilig mit den Serben. Die hellenischen Albaner im Süden machten zum Teil mit den Griechen gemeinsame Sache, die Tosken in der Mitte hielten sich in der Hauptsache neutral.

Die Albaner leisten sich den Luxus, zugleich vier Erbfeinde zu hegen: Türken, Serben, Griechen, Italiener. Der Schlimmste, zum mindesten Angriffslustigste von allen ist der Serbe. Gegenwärtig trachten denn auch sowohl die Serben Serbiens, als auch ihre Volksgenossen, die Montenegriner, danach, die Nordhälfte Albaniens zwischen sich aufzuteilen, Nikola I. bis Ipek und fast Durazzo, Peter I. von Durazzo über Prizren bis zu dem von Albanern durchsetzten Sandschak. Damit ja die Lage nicht zu klar werde, wohnen aber auch Bulgaren auf albanischer Erde, nämlich bei Gostivar und am Ochridasee. Außerdem ist mit 400 000 Kutzowalachen zu rechnen, die von Süden her in das Albanergebiet hineinragen.

Die Hilfe der Malisoren ist den Montenegrinern äußerst nützlich gewesen. Sie gab den Ausschlag beim Siege Tusi. Die Malisoren trugen zur Verproviantierung der Montenegriner in den Gauen Rioli, Vraka, Renzi im Südosten des Sees bei. Die Hilfe der Minditen wäre für den ganzen Strich von Skutari bis zu dem jetzt eroberten San Giovanni di Medua von hohem Belang gewesen, wie nicht minder für die Sperrung des Weges von Skutari nach Prizren, der letzten Verbindung mit der Türkei. Um jedoch nicht abzuschweifen — die Söhne der Schwarzen Berge haben sich die Freundschaft der Albaner verscherzt. Sie wissen nicht mit ihnen umzugehen. Ein Oberst sagte einer Skipetaren-schar: „Redet doch nicht immer euer elendes Zigeuner-Kauderwelsch, lernt ein ordentliches Serbisch!“

Die Albaner leisteten im 14. und 15. Jahrhundert von allen Balkanvölkern den andringenden Türken den zähesten Widerstand. Danach waren sie die Leibwächter des Padischah. Das jungtürkische Komitee bekämpfte sie. Und wiederum wurden sie das Schicksalsvolk der Türkei, als sie das Komitee stürzten. Ich hatte das längst vorausgesehn und wurde deshalb einst verlacht. Ich schrieb (Deutschtum und Türkei, Wien 1910, S. 1) im April 1910:

Man kann das Sprichwort auch so wenden: Wen die Götter verblenden, den wollen sie verderben. Noch ist nicht aller Tage Abend, und noch ist die junge Türkei aus dem Wirbel und dem Maelstrom nicht heraus. Zehnmal mag beteuert werden: der deutsch-österreichisch-türkische Block ist der einzige Damm gegen die Sintflut, ist der Cerberus, der es allein mit der britischen Boa aufnehmen kann, ist die Rettung aus der Gefahr. Alles aber, was man sieht und hört, befestigt nur aufs neue den Eindruck, daß die Türkei wankt und stürzt. Was nützt ein noch so großer Schwimmgürtel, wenn er brüchig ist, was nützt ein noch so gutes Vollblutpferd, wenn es die Mauke und Kolik hat?

Und wieder Albanien! Wenn sich doch die Türken nicht gerade an diesem Granit die Zähne stumpf beißen wollten! Sie sind verrückt wie Märzhasen, sie sind hoffnungslos verloren.

Und diesmal soll der Aufstand in Nordalbanien mit nie gesehener Strenge niedergeschlagen werden. Nur um so schlimmer für die Türken! Etwas Törichteres, Verhängnisvolleres, schlechthin Vernichtenderes hätte kein Feind für die frisch aufstrebende Türkei ausdenken können als diese ewig nutzlosen und ewig wiederholten Expeditionen nach Albanien. Hat Dschawid Pascha nicht genug davon, daß er und seine Mannen sich schon zweimal binnen Jahresfrist blutige Köpfe holten? Will er den Todestanz wiederholen? Will er es auf Biegen oder Brechen ankommen lassen? Nun, brechen wird etwas, aber immer und wiederum die Türkei. Albanien — nicht vor der Götterdämmerung! Hat man in Konstantinopel nicht genug damit, daß die Skipetaren das tapferste Volk der Erde sind? Weiß man nicht auch, daß Ismail Kemal Bey von Valona der schlaueste aller Politiker ist, daß er und seine albanischen Freunde im Parlament das Zünglein an der Wage bilden. Schon haben sich die um Ismail Kemal mit den Arabern verbündet, haben vereint die mächtigste Fronde ins Leben gerufen. Parlamentarisch gewaltig, im Kriege stark, wer möchte dawider bestehen?

Die Worte sind stark rhetorisch; sie verfechten ohne Hörner und Zähne, ohne „einerseits — anderseits“ eine Überzeugung, die sich gegenüber der allgemeinen Ansicht der Öffentlichkeit und der Diplomaten*) als richtig bewährt hat.

Als ebenso richtig wie die vier Jahre lang von mir in Büchern, Aufsätzen, Reden verfochtene Überzeugung, daß die  Verfassung von 1908 den Zusammenbruch der Türkei nach sich ziehen werde.

*) Auch Kiderlen sah mit sehr vielen unserer Politiker und Industriellen fast alles in der Türkei rosenrot, obwohl wenigstens von einer Stadt der Balkanhalbinsel ihm vor dem Kriege Warnungen zugingen. Ich erfuhr des verstorbenen Staatssekretärs Ansichten aus seinem eigenen Munde. Vor meiner letzten Marokko-Reise im Mai 1911 besuchte ich Herrn von Kiderlen in Kissingen. Es wurden damals (kostenlose) Berichte über Marokko gewünscht. Der Staatssekretär hat sich über die Berichte, bei denen es ihm vorzüglich um das Hinterland von Mogador und Agadir zu tun war, sehr anerkennend geäußert. Er empfing mich nach der Rückkehr am 25. Juli in Berlin, und ich mußte zu meinem Leidwesen die peinliche Überzeugung gewinnen, daß der Führer der deutschen Geschäfte vor den englischen und französischen Wünschen zu weichen entschlossen war. Von Stund an habe ich- die Kiderlen’sche Politik nach Kräften bekämpft. Beide Male, in Kissingen wie in Berlin, kam das Gespräch auch auf die Türkei. Es ergab sich dabei, daß Herr von Kiderlen über den Orient ganz falsch informiert war oder sich aus den ihm zugänglichen Informationen ein falsches Bild gemacht hatte. Es kam zu einer gereizten Auseinandersetzung. „Das können Sie tun,“ meinte der Minister ironisch, „wenn Sie einmal Staatssekretär sind. Solange ich aber . . .“ Auch im Südosten war der Schwabe für eine starke Politik nicht zu haben. Nun sind Erkenntnis der Lage und Wille zur Tat verschiedene Dinge. Doch an beiden, auch an der Kenntnis und Erkenntnis gebrach es Herrn von Kiderlen.

Die Serben und Griechen müssen schon sehr ungeschickt oder sehr grausam gewesen sein, als sie die Albaner abermals zu einer Schwenkung trieben. Zuletzt ist dann die entscheidende Wendung und hoffentlich die letzte Schwenkung eingetreten: der Entschluß zum albanischen Nationalstaat.

Kulturlich sind den Skipetaren die Griechen am gefährlichsten.

Erbfeinde der Albaner sind die Serben. Sie haben die Welt durch ihre Siege überrascht. Dazu hat die angeahnte Größe ihres Aufgebots beigetragen. Unsere Kenner sagten: 90000 Gefechtsstärke, 120 000 Mann Verpflegungstärke. Die Serben brachten jedoch 300 000 Mann auf die Beine.*) Verpflegung? Die Herren Serben lösten das Problem auf die eleganteste Weise von der Welt, indem sie einfach nicht verpflegten. Hungernd und bettelnd sah man schon während der Mobilisation, also noch vor dem Kriege, die Rekruten des dritten Aufgebots durch die Mauern Belgrads schweifen. Der Gedanke der Regierung war ungefähr der, der auch die Franzosen vor 1792 Oberitalien beseelte: die zerlumpten, barfüssigen und verhungerten Rekruten der Levee en masse Carnots sollten alles Nötige aus Feindesland nehmen. Auch die Serben setzten alles auf eine Karte und spielten va banque. Auch sie hofften, daß ihre Soldaten Nahrung und Kleidung im Feindeslande finden würden, und die Hoffnung hat nicht getrogen. Dazu erbeutete man noch unermeßliche Munition, genug, um ein ganzes Armeekorps ein Vierteljahrlang auszustatten. Auch die Pferde der Serben, sowohl bei der Reiterei als auch bei der Bespannung der Batterien waren weit besser als erwartet. Tatsächlich ist die serbische Kavallerie die einzige, die während des ganzen Balkanfeldzuges etwas geleistet hat, und von ihrem schönen Geschützpark konnten die Serben mehrfach an ihre Verbündeten abgeben, die diese Hilfe sofort wohltätig empfanden. Man braucht deshalb die Errungenschaften der Serben nicht zu überschätzen, denn schließlich eroberten sie so manche Stadt, die garnicht verteidigt wurde, und hatten fast überall mit einem von vornherein weichenden Feinde zu tun.

Auch von den Staatsmännern Belgrads hatte ich keinen schlechten Eindruck. Die Ruhe eines Lazar Patschu und eines Draschkowitsch fiel angenehm auf. Am bedeutendsten ist jedenfalls Wladan Georgiewitsch, der trefflich patriarchalische Würde mit südlicher Lebendigkeit vereint.

*) Freiherr von Schlumecky spricht (Österr. Rundschau 15. II. 13.) gar von 500 000; das vermag ich nicht zu glauben.

Freilich stimmt die Rechnung in einem Punkte nicht: Georgiewitsch, den man das „Orakel Serbiens“ nennt, ist gar kein Vertreter des echten Serbentums, sondern zur Hälfte ein Zinzare, d. h. Zigeuner. Weniger Gutes kann man von Paschitsch sagen. Er ist ein Mann der schleichenden Umtriebe auf der einen Seite und plumper Offenherzigkeit auf der anderen Seite. Einst tat er sich heimlich mit Kapitalisten zusammen, um einen corner im Brot zu bilden. Als das gelungen und der Mehlpreis schon um 80 Prozent gestiegen war, ließ er sich zum Minister des Inneren machen. Und siehe da: in einer Woche war die Teuerung beseitigt, und Paschitsch war der große Mann.

Von den Eigenschaften der Türken jetzt, post festum zu reden, ist ja billig; immerhin glaube ich es mir eher als andere herausnehmen zu dürfen, da ich schon Juli 1912, ja, schon August 1908 in einer Broschüre den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches vorausgesagt habe. Über die kriegerischen Fähigkeiten der Türken waren zwei Meinungen verbreitet. Die eine, die vor dem Sturze Abdul Hamids im Schwange war, besagte: die Türken haben ein recht gutes Heer, ihre Soldaten sind so ziemlich jedem andern Soldaten der Erde gewachsen. Die zweite Meinung wurde nach dem Sturze des alten Sultans laut: die türkische Armee ist bis ins Mark verrottet und bedarf dringend der Reformen. Es liegt auf der Hand, daß eine dieser beiden Ansichten falsch sein mußte. Vor dem Thronwechsel konnte man ein Regiment sehen, das fünfundzwanzig Obersten, lauter Günstlinge des Padischah, hatte; da konnte man einen blutjungen General sehen, die Brust mit Orden geschmückt, und daneben einen Oberleutnant von 60 Jahren, der nicht avancierte, weil er es nicht verstand, sich bei den Günstlingen des Großherrn zu schustern und seine Kameraden zu denunzieren. Weder richtige Manöver noch Scharfschießübungen wurden abgehalten. .Warum kein scharfes Schießen? Weil der Padischah argwöhnte, das Scharfschießen könnte sich einmal gegen ihn selber richten. Daß der Argwohn nicht so ungerechtfertigt. war, haben die Ereignisse von 1908 und 1909 gezeigt. Von neuzeitlicher Taktik und Strategie keine Spur. Vollends im Argen lag die Marine, die mehr als andere Waffen von der Korruption angefressen war. Ein einziger Marineminister soll 32 Millionen Mark für die eigene Tasche „erspart“ haben. Sehr schlimm war ferner das Sanitätswesen. Es ist trotz der Anstrengungen hochverdienter Ausländer noch immer unter Null. Die Ausbildung der Ärzte ist höchst mangelhaft, dann fehlt es an den nötigsten Anschaffungen. Einige glänzende Ausnahmen bestätigen die Regel. Nicht minder vernachlässigt ist seit Jahrhunderten die Reiterei, was bei dem Steppen- und Reitervolke von einst besonders auffallen muß. Dagegen zeigt dieses Steppenvolk, ebenfalls schon seit Jahrhunderten, eine merkwürdige Begabung für Artillerie. Schon die Schlacht von Chaldiran, durch die Nordwestpersien an Selim den Grimmen gefallen ist, wurde allein durch die Artillerie gewonnen. Das war vor vierhundert Jahren, und auch heute ist die Artillerie die wirksamste Waffe der Osmanen.

Nach dem Sturze Abdul Hamids hat sich mancherlei gebessert. Richtige Manöver und Scharfschießübungen wurden eingeführt, das Offizierskorps wurde gereinigt und verjüngt, die Flotte wurde ganz beträchtlich gehoben. Durch starke Ankäufe bei Krupp wurde die Artillerie vermehrt. In steigendem Maße gingen osmanische Offiziere ins Ausland, fremde Instrukteure wurden eingestellt. Und trotzdem der Mißerfolg!

Wie kam das?

Die Hauptschuld trägt das jungtürkische Komitee, mit seiner unaufhörlichen Verhetzung, deren Folgen auch heute noch nachwirken; eine andere Schuld die Untätigkeit und Sorglosigkeit der Türken, die an keinen Krieg glaubten und in dieser Ansicht von befreundeten, besonders auch von deutschen Diplomaten bestärkt wurden. *) Viel Panik und Verwirrung verursachte das Überlaufen Tausender von Christen. Gerade in den ersten Kämpfen wurden vielfach Reserven verwendet, die neuzeitlichen Geistes und moderner Taktik keinen Hauch verspürt hatten.

Ein eigenes Wort ist über die vielberufenen Instrukteure am Platz. Die deutschen Instrukteure haben schon seit 1883 gewirkt. Zugute halten kann man ihnen ihre geringe Zahl und die Tatsache, daß man sie nur als Theoretiker, nicht als Praktiker verwertete. Als die Zahl unserer Instrukteure am höchsten stieg, betrug sie 28; das ist ein viel zu geringer Sauerteig, um eine ganze Armee zu durchsäuern; ein einziges Regiment hat ja mehr als sechzig Offiziere. Dann hatten unsere Offiziere gar keine Kommandogewalt, nicht zwanzig Mann durften sie über den Rinnstein führen. Ein Tschauch (Feldwebel) hatte mehr Autorität als sie. Auch unter dem neuen Regime ist es in der Hauptsache dabei geblieben. Erst in allerneuester Zeit ist es besser geworden, dergestalt, daß ganze Regimenter deutschen Offizieren anvertraut wurden.

*) Vgl. die Ausführungen von der Goltz Paschas in der deutschen Rundschau, Februar 1913.

Die Männer, die einst als Steppen- und Reitervolk in die Hallen der Weltgeschichte stürmten, sind daran, ihren letzten Kampf, den Verzweiflungskampf um Sein und Nichtsein, auszufechten. Mit den Osmanen geht es zu Ende. Nicht mit den Türken, denn die sind unverwüstlich. Eine Rasse von 27 Millionen Köpfen, die sich vom Mittelländischen Meer bis zu den Mündungen der Lena und dem Busen von Ochotzk ausdehnt, kann nicht untergehn. Aber es wird langer Zeit und großer Umwälzungen bedürfen, bis sich wieder ein starkes, unabhängiges Türkenvolk unter eigener Fahne erheben kann. Eins nur hätte den Osmanen jetzt noch, selbst im letzten Augenblicke helfen können : der kriegerische Beistand des Deutschen Reiches. Aber gerade der ist ihnen in der Stunde der Entscheidung versagt worden. Manche Nachfahren Bajazids und Ertogruls Kämpften wie die Löwen; aber zu viele Wölfe und Bären lauern auf Beute und stürzen sich auf die Ermatteten. Ob Sieger, ob besiegt, die Osmanen werden erst, nachdem das Ringen mit den Balkanvölkern aus, in die Peripetie eintreten, werden sich dann der Russen und Engländer zu erwehren haben. Und da gibt’s kein Entrinnen. Dann wird der vierte Akt des Trauerspiels beginnen.

Die Balkanstaaten hatten anfangs 1913 garnicht sonderlich günstige Aussichten. Ihre Truppen waren zwar von Siegesbewußtsein geschwellt, sind aber auch durch Tod und Krankheit, durch die Beschwerden des Feldzuges und die Unbilden des Winters gemindert und geschwächt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß Soldaten, die sehr lange im Felde liegen, wie durch ein Training leistungsfähiger werden. Das einzige, was man ihnen zubilligen kann, ist eine größere Erfahrung und dann, wenn das ein Vorzug ist, eine größere Wurschtigkeit oder meinetwegen ‘ Todesverachtung. Wer schlecht gekleidet, schlecht genährt und schlecht behaust ist, wer außerdem durch langes Warten mürbe ward und dazu einen Entscheidungskampf um seine Existenz führt, dem ist es schließlich ganz einerlei, ob eine Kugel seinen Mühsalen ein Ende macht oder nicht. Er ist abgebrüht, ist vollkommen gleichgültig. Am schlimmsten steht es mit den Finanzen der Bal-kanier. Als ich im Herbst in Belgrad wär, versicherte mir ein leitender Finanzmann, daß Serbien 124 Millionen Dinar (= 75—80 Pfg. gegenwärtig) bar zur Verfügung habe; außerdem würden in einem Vierteljahr ungefähr 20 Millionen Dinar an Monopolergebnissen und andern Steuern anfallen. Das sagte der Serbe mit Stolz. Erwägt man, daß laut peinlichen Berechnungen die Serben allermindestens vier Mark täglich für einen Soldaten im Felde aufwenden müssen und daß sie an 300 000 Mann auf die Beine gebracht haben, dazu die Hälfte im Felde, so erhellt aus dieser einfachen Berechnung ganz unweigerlich,, selbst wenn nur 3/4 Millionen täglich angewendet werden sollte, daß das Königreich Serbien seinen Kriegsschatz nebst laufenden Einnahmen bis auf den letzten Dinar aufgebracht hat. Noch schlimmer geht es den Montenegrinern und den Bulgaren. Freilich hat es damit sein Bewenden nicht. Die Schlußfolgerung ist schlechterdings unabweisbar, daß die Südslaven irgendwoher geheime Unterstützung genießen. Die Unterstützenden werden Franzosen und Engländer, vor allen Dingen Russen sein. Die Ratgeber des Zaren haben unter der Hand sogar militärische Hilfe bewilligt. Unwidersprochen gingen Nachrichten durch die Blätter, des Inhalts, daß nicht nur Kriegsmaterial, sondern auch zahlreiche russische Soldaten auf Donauschiffen nach serbischen Plätzen gesandt worden wären. Von 70 000 regulären russischen Truppen war die Rede. Das wird übertrieben sein, aber ein stattlicher Kern Wahrheit bleibt zurück, zumal die Sache nicht nur an und für sich sehr wahrscheinlich, sondern auch ein ganz ähnlicher Vorgang aus dem Jahre 1877 zu verzeichnen ist. Damals sind Dutzende von russischen Offizieren und Tausende von freiwilligen Mannschaften die Donau hinaufgegangen, um für die Serben zu kämpfen. Mit solchen illegitimen Nachschüben mögen teilweise die außerordentlich strengen Bestimmungen Zusammenhängen, durch die die Balkanier in der zweiten Phase des Krieges sämtliche Attaches und Kriegskorrespondenten fernhielten.

Die Jungtürken haben bisher der Türkei nichts als Unheil gebracht. Gerade sie hielten sich für berufen, das Os-manische Reich zu retten. Schließlich kommt es auch hier nicht auf Grundsätze und Methoden, sondern auf die Männer an, die an die Spitze treten. Die Männer des Bergs, die Jakobiner, stürzten ihr Land in unsägliches Verderben, aber die jakobinischen Generäle, die einen Kampf der Rücksichtslosigkeit und nahezu der Verzweiflung gegen das Ausland führten, waren siegreich. Und jene Generäle hatten nur die geringste Erfahrung und hatten gar kein richtig gedrilltes Heer. Von Schevket und Enver waren ebenfalls große Taten zu-erwarten. Bis jetzt sind sie indes noch flieht in die Erscheinung getreten. Die Türken haben mehr geleistet als im Anfang, aber nichts Entscheidendes.

Das Ende wird jedenfalls eine neuerliche Verwüstung und Entvölkerung des Balkans sein. Den größten Nutzen davon werden die Griechen haben, die von dem Massenmord bisher noch am wenigsten betroffen wurden, und vielleicht die Albaner, die ein ungeahnter völkischer Aufschwung noch zu lichten Höhen emporführen mag. Noch ein Volk könnte in die Wüsteneien einziehen: das deutsche. Möglicherweise wird das Deutsch-Österreichertum hier tatsächlich eingreifen. Eine Aufteilung Serbiens zwischen Österreich, Bulgarien, Rumänien ist immer noch nicht ausgeschlossen. Das Deutsche Reich hat dagegen schon vor Monaten zu Springe seinen ablehnenden Standpunkt festgelegt. Es will mit den Balkandingen nichts zu tun haben. Es verzichtet. Man kann moralisch sicher sein, daß es trotz der mannhaften Erklärung des Freiherrn von Wangenheim auch in Anatolien und Syrien verzichten wird. Das Deutsche Reich hat sich freiwillig zur Untätigkeit verurteilt; es will nur mitraten, aber nicht mittun, selbst da, wo seine „heiligsten Güter“ in Gefahr sind, wo seine Zukunft in Betracht kommt. Es hat sich selbst entmannt.

Das Osmanentum brach um die Mitte des 14. Jahrhunderts wie eine verheerende Flut in Europa ein. Zweihundert Jahre später herrschte Suleiman der Prächtige über ein europäisches Gebiet, das an die drei Millionen Geviertkilometer, nahezu ein Drittel des Erdteils umfaßte. Ein volles Jahrhundert hielten sich die Osmanen auf der Höhe, und errangen 1669 durch die Eroberung Kretas noch einen greifbaren Erfolg. Doch nagte schon, zuerst leise, dann immer merklicher, der Verfall an den Säulen des Reiches. Die innere Kraft und Gesundheit der besten Angriffsfruppe, der Janitscharen, war unterwühlt, und die Verwaltung wies schlimme Schäden auf, war einer heillosen Korruption verfallen. Seit 1683, seit der verhängnisvollen Niederlage vor Wien, sanken die Türken unaufhaltsam. Prinz Eugen und seine Waffengefährten besetzten ganz Serbien. Nun erlahmte aber, nachdem die Gefahr geringer geworden, die Angriffslust des Okzidents, und der Türkei waren weitere siebzig Jahre kaum geminderten Bestandes gesichert. Jetzt griffen die Russen ein. Seit rund 1770 ist der Stern der Osmanen im Erbleichen. Schlag folgt auf Schlag: eine erste Revolutionierung Griechenlands, russische Schiffe vor Beirut und Tschesme, Napoleons Zug nach Egypten und Syrien, russische Generäle in der Moldau, der erste Befreiungskampf der Serben. Dann kam Diebitsch-Zabalkansky, der Hattischerif von Gülhane. Die Flut ebbt ab, und die bislang von ihr überschwemmten Völker treten, zunächst als Inseln, dann als zusammenhängende Massen aus dem sie umbrandenden türkischen Meere hervor. Die Rajah werden als eigene Bevölkerungselemente anerkannt, immer neue Sonderrechte werden ihnen bewilligt, und zuletzt, seit 1832, 1856, 1878, 1880, 1885 und 1898 machen sich ausgedehnte

Gebiete auf der Balkanhalbinsel, dazu neuerdings Kreta unabhängig. Endlich entreißen die Europäer dem Großtürken Tunis und Tripolis, sowie Landfetzen in Arabien und Armenien. Was wir jetzt erleben, ist nur ein Glied in der großen Kette. Wie heldenhaft sich auch die Türken wehren mögen, nach dem Ende des Krieges wird ihnen wieder ein Stück Fleisch abgezwackt.

Im Wachsen der Serben, Bulgaren, Rumänen und Griechen ist ein elementares Naturgesetz nicht zu verkennen. Auch in diesen Kleinen ist der Geist des Nationalismus mächtig, der die Einheit Italiens, Deutschlands, Japans geschaffen hat. Auf der ganzen Welt ist seit 1848 ein bald langsames Schwelen, bald jähes Aufflammen des Volksgefühls der bedeutsamste Träger der staatlichen Entwicklung gewesen. Nach den Einheitsbestrebungen der Großreiche kamen die der kleineren Länder; auf Deutsche, Italiener und Japaner folgten die Nachzügler des Nationalismus: Polen und Tschechen, Ungarn und Kroaten, Esthen und Burjaten; und im weiteren Rahmen, fern an der Peripherie Tibeter und Tataren, Brasilier und Deutsche, Australier und Buren. Demgemäß hat sich an mancherlei Orten des Erdkreises eine Irredenta aufgetan. Am mächtigsten ist die polnische; es handelt sich da (Amerika mitgerechnet) um zwei Millionen Menschen, die alle unter fremder Flagge leben und alle unter ein eigenes, gemeinsames Regiment kommen möchten. Neben der italienischen, der polnischen, der vlämisch-holländischen Irredenta wächst seit einem Menschenalter die südslawische und griechische. Es kann niemanden wundern, wenn die türkischen Bulgaren und Serben, zumal sie seit einer Reihe von Jahren nichts als Plünderung, Mord, Raub, Brand und Schändung erlebt haben, lieber unter die verhältnismäßig zivilisierten, jedenfalls aber christlichen Regierungen von Sofia und Belgrad kommen wollen. Andrerseits beanspruchen die Griechen längst Epirus und halb Mazedonien als ein ihnen rechtmäßig zukommendes Erbteil. Wie gesagt, es ist das eine natürliche Entwicklung, der man im Grunde menschlichen Anteil nicht versagen kann.

Eins der schwierigsten Unternehmen ist es, die Kopfzahl der Volkheiten in der bisherigen europäischen Türkei festzustellen. Die Angaben weichen um 1000 Prozent und mehr voneinander ab. Das eine nur kann als sicher gelten, daß die Türken nicht ein Viertel der Gesamtbevölkerung darstellen, wenn auch die Ziffer der Mohammedaner sich auf mehr als drei Millionen erhebt. Am empfehlenswertesten ist es, Bulgaren und Serben zusammenzufassen und so wenigstens eine auch für die Statistik sehr gefährliche Klippe der Eifersucht aus dem Wege zu räumen. Die bisher türkische Balkanhalbinsel beherbergte 6 ½ Millionen Menschen. Davon hatte Mazedonien allein, das in die drei Vilajets Salonichi, Monastir und Kossowo zerfiel, 3,14 Millionen Einwohner, die in nicht weniger als 15 verschiedene Gruppen zerfallen. Nach Peucker, dessen Angaben keineswegs unangefochten geblieben sind, wäre die mazedonische Bevölkerung aus folgenden Bestandteilen zusammengesetzt:

550 000 mohammedanische Türken;
240000 orthodoxe Griechen;
1215 000 orthodoxe Slaven, Bulgaren und Serben;
140 000 mohammedanische Slaven, Bulgaren und Serben;
10 000 katholische Albanesen;
12 000 orthodoxe Albanesen;
615 000 mohammedanische Albanesen;
93 000 orthodoxe Walachen;
63000 Juden;
38000 mohammedanische Zigeuner;
24 000 orthodoxe Türken, mohammedanische Walachen, mohammedanische Griechen und Fremde.

Diese Zusammenstellung gibt einen ungefähren Begriff von der verwirrenden Buntscheckigkeit der mazedonischen Frage. Aber das mazedonische Problem ist nur ein kleiner Ausschnitt des Gesamtproblems. Um einen richtigen Überblick zu gewinnen, muß man zunächst die Völker des ganzen Balkans ins Auge fassen. Allerdings hat man bei den Summen häufig mit 2Wei, ja drei Unbekannten zu tun. So ist die Zahl der Albaner weder in Albanien selbst, noch im Sandschak, noch in Montenegro mit Sicherheit zu ermitteln. Im allgemeinen tut man besser, wenn man die größeren Ziffern annimmt. Neuere Forschungen führen mit großer Wahrscheinlichkeit zu dem Ergebnis, daß der Sultan über gut und gern die doppelte Zahl Untertanen gebot, die ihm bisher von der Statistik zugebilligt wurde. Jedenfalls sind reinliche Absonderungen so gut wie nirgends auf dem ganzen Balkan anzutreffen. Bulgarien hat eine halbe Million Türken — wie denn auch zur letzten Sitzung der Skuptschina zehn mohammedanische Abgeordnete erschienen — und beherbergt außerdem 70000 Griechen, 84 000 Rumänen, sowie über 5000 Deutsche. Von Zigeunern, Juden und andern Fremden nicht zu reden. Schätzungsweise wohnen auf der Balkanhalbinsel mit Dalmatien:

8,4 Millionen Serben und Bulgaren;
4 — 4,5 Millionen Griechen;
2 — 2,5 Millionen Albaner;
1,5 Millionen Türken;
0,4 — 0,5 Millionen Kutzowalachen;
0,25 Millionen Juden.

Dazu Zigeuner, Armenier und Tscherkessen. Aber auch damit hat man noch keineswegs ein zureichendes Bild von der Sachlage. Einzig und allein die Albaner, deren Kopfzahl von allen die umstrittenste ist, beschränken sich in der Hauptsache auf die Balkanhalbinsel; alle anderen haben noch Volksgenossen außerhalb, Genossen, auf deren moralischen, politischen, und gegebenenfalls auch militärischen Beistand sie rechnen dürfen. Es geht nicht gut an, die Serben des Balkans von den Serbo-Kroaten Österreichs zu trennen. Dadurch würde die Zahl der Serben allein auf annähernd 9,5 Millionen, die aller Südslaven (mit Slowenen) auf annähernd 16 Millionen anschwellen. Man ersieht sofort, daß einem so gewaltigen Schwarm gegenüber die europäischen Türken wenig Aussicht haben, sich volklich zu behaupten. Wohl aber konnten sie bisher ein militärisches Übergewicht erzwingen, weil eben hinter den 1 ½ Millionen Balkantürken noch 8 Millionen oder mehr asiatische Türken in Anatolien sitzen, an die sich ihrerseits türkische Stämme in Persien, in Turkestan, in Südsibirien und im chinesischen Tarim-becken anschließen. Nicht minder müssen die asiatischen Griechen in Betracht gezogen werden, sogar die afrikanischen, diel namentlich in Kairo und Alexandrien eine ansehnliche Rolle spielen. Alle Griechen des Orients zusammen (wozu noch die in Triest, Paris und Amerika kämen) wird man auf 7—8 Millionen schätzen dürfen. Sobald einmal der politische Druck von ihnen genommen, werden die Hellenen, so möchte ich glauben, einen jähen Aufschwung erleben. Es ging ihnen bisher wie Leuten, die in zu engen Stiefeln herumlaufen, dadurch in eine verzweifelte Stimmung geraten und sich zu Dummheiten fortreißen lassen. Sobald einmal der unabhängige Territorial besitz des Hellenentums eine angemessene Ausdehnung erreicht hat, wird es auch an politischer Klugheit sicherlich mit seinen höheren Zwecken wachsen.

Um die Probleme der Weltpolitik richtig einzuschätzen, müssen wir abermals den Rahmen erweitern und die Bevölkerungstatistik auf die ganze Slavenwelt ausdehnen. Denn hinter den Südslaven, das war von vornherein klar, steht hilfsbereit der große Bruder, der Russe.

Die Zahl der Slaven.

Man sollte denken, daß nichts leichter wäre, als die Kopfzahl von Völkern zu bestimmen, die im hellen historischen Lichte wandeln und die sich mehr oder weniger zu den Kulturvölkern rechnen. ,Weit gefehlt! Die Statistik hat Zahnlücken und ganze Löcher, die der Ausfüllung harren; hat dazu richtige Wolfsgruben, in die ein unerfahrener, nichtsahnender Forscher hineinstolpern kann. Über die Wichtigkeit der Aufgabe, die Gesamtziffer der Slaven halbwegs zuverlässig zu ergründen, kann kein Zweifel sein. Man nehme also die Trockenheit dieser Untersuchung freundlichst in Kauf.

Das Hauptgewicht, zugleich auch das Hauptübel ist bei den Russen zu finden. An ihrer mangelhaften Statistik kranken die Zahlen des Allslaventums. Nicht nur die rein äußerliche Kunst des Zählens liegt bei den Mannen des Zaren im Argen, sondern vor allem die Unterscheidung der Rassen und Volkheiten. Im Jahre 1897 wurde für das Zarenreich mit Finnland eine Einwohnerzahl von 129 Millionen festgestellt; im Jahre 1910 eine solche von 160 Millionen. Das ergäbe für das Jahr einen Geburtenüberschuß von mehr als 2 ⅓ Millionen. An einen solchen zu glauben, fällt schwer. Richtiger wird sein, bei dem früheren Zensus ausgiebige Fehler der Unterschätzung anzunehmen. Der bekannteste und begreiflichste Grund für Unterschätzungen liegt, wie schon zur Zeit des Augustus, in dem Bestreben der zu Schätzenden, sich den Steuern zu entziehen. Ein weiterer Grund ist im großen Russischen Reiche in der Unseßhaftigkeit vieler Altaier, besonders nomadischer Kirgisen sowie der arktischen Stämme zu suchen. Soll es doch in Sihirien eine ganze Reihe .größerer Siedlungen gegeben haben, die erst in den jüngsten Jahren von den Behörden ,,entdeckt“ wurden, die also vorher weder steuerlich, noch durch den Zensus erfaßt wurden. Genug, bei dem ersten Zensus, wurde die Menge der Großrussen und Kleinrussen auf 78 Millionen angegeben. Wollten wir im Verhältnis des soeben berührten Geburtenüberschusses vorgehn, kämen wir auf ungefähr 96 Millionen Russen. Auf dem Wege der Konfessionszählung würden wir ein wesentlich anderes Resultat erzielen. Beinahe 70 vom Hundert der Gesamtbevölkerung sollen nämlich Prawoslav, griechisch orthodox, sein, dazu nicht ganz 2 Prozent altgläubig. Das würde zu der überraschenden Ziffer von 92 Millionen führen. Nun muß man bedenken, daß auch eine runde Million Rumänen, daß verschiedene Finnenstämme zum griechischen Bekenntnis gehören, endlich einige zehntausend Burjäten. Die wären also abzuziehen, wodurch die Ziffer sicherlich nicht unter 90 Millionen herabgedrückt wird. Setzen wir dementsprechend die Verhältniszahl der Volks- (oder Zensus-)vermehrung bis 1910 ein, so kommen wir auf 104 Millionen. Gehen wir weiter bis zur Gegenwart, so hätten wir für die Jahre 1911 bis 1912 einen weiteren Zuwachs von 3 Millionen in Anrechnung zu bringen und erzielen als Schlußergebnis für alle Russen des Zarenreiches 107 Millionen. Außerdem wären noch die Ruthenen oder Kleinrussen Österreichs mit über 3V2 Millionen zu berücksichtigen, so daß die Schlußziffer auf nahezu 111 Millionen anschwölle., Das wäre eine wunderschöne, glatte Rechnung. Sie leidet jedoch unter verschiedenen Unstimmigkeiten. Ich möchte hier nun darauf aufmerksam machen, daß nach den amtlichen Angaben die Nichtrechtgläubigen oder Dissidenten im ganzen Reiche nur 2 Millionen ausmachen, während das im allgemeinen recht zuverlässige Statesman’s Yearbook allein für Großrußland 12 Millionen Dissidenten aufführt. Selbstverständlich kann bei solchen Zählungen und Schätzungen nicht die ursprüngliche Volkheit des Gezählten beachtet werden. Inwiefern ein Untertan des Zaren noch individueller Deutscher oder Pole oder Syrjäne oder schon korrekter Russe ist, entzieht sich der Kenntnis. Insofern freilich wird man sich bei den vorliegenden Zahlen beruhigen können, als in absehbarer Zeit eine Rückverwandlung wie sie bei andern Nationalitätenkämpfen möglich ist, in unserem Falle also eine Entrussung, nicht in Aussicht gestellt werden kann. Man kann im Gegenteil geltend machen, daß die errechnete Schlußziffer noch zu gering ist, weil von ihr nur das natürliche Wachstum erfaßt wird, nicht die Menge der Überläufer, die Jahr für Jahr aus Littauern, Polen, den Finnen und Deutschen, ja sogar aus den Perniaken und Tungusen in das allumfassende, allerhaltende Russentum sich flüchten. Ich glaube allerdings, daß auch die russische Flut eine heftige Ebbe erfahren wird; aber mit unbewiesenen und wahrscheinlich entfernten Möglichkeiten kann ein so nüchterner Mann wie der Statistiker nicht rechnen.

Unsicherheit herrscht an der Peripherie in Rußland und in Mazedonien. Dagegen haben wir leidlich gesicherte Zahlen für Österreich. Dort treten uns außer den schon genannten Ruthenen 5 Millionen Polen entgegen und 6 ½ Millionen Tschechen, sowie 1 ¼ Millionen Slowenen. Weniger sicher ist die ungarische Statistik. Die Madjaren behaupten bekanntlich 54% der Bevölkerung zu stellen, während nüchterne Beurteiler bloß von 47% und noch weniger reden. Wenn jemand nur erklärt, daß er gern madjarisch spreche, genügt das den Behörden, ihn zu einem Nachfahren Arpads zu stempeln. Man rechnet in Ungarn 2,1 Millionen Slowaken, 2,8 Millionen Serbokroaten, außerdem noch Huzulen und versprengte andere Slaven. Bei uns, im Reich, verzeichnen wir annähernd 4 Millionen Slaven.

In Hübners Tabellen ist lediglich die Zählung von 1900 berücksichtigt; man muß sich also die seitdem angefallenen Reichs-slaven selbst errechnen. Überhaupt hat fast jede Statistik irgend eine anmutige örtliche Eigenart. Die ungarische z. B. möchte es um Gotteswillen den Leuten nicht zu bequem machen; sie gibt daher nicht etwa die nackten nüchternen Zahlen der Volkheiten an, sondern nur ihre prozentuale Zahl innerhalb der Bevölkerung. Von der reichsdeutschen Slavenschaft machen die Polen ungefähr 3,4 Millionen aus; dazu stoßen Kassuben, Masuren und Wenden. Es wäre nicht ohne Reiz, einmal die Slaven nicht nach der Territorialzugehörigkeit, sondern nach Volkheiten zu betrachten. Wenn wir uns so die Polen vornehmen, von denen 8 Millionen in Rußland leben, betrüge die Gesamtzahl der Polen in Mittel- und Osteuropa I6V2 Millionen. Nun wohnen aber noch Mitglieder dieser zahlreichen Unterrasse in Sibirien und Turkestan, neuerdings auch in Frankreich, wo in den Zechen und Eisenhütten von Nancy und dem Minettegebiet bereits Zehntausende östlicher Arbeiter einen, wenn auch vorläufig meist vorübergehenden Aufenthalt nehmen; endlich wird die Zahl der Polen in Nordamerika, Brasilien und Argentinien auf fast 3 Millionen geschätzt, was möglicherweise übertrieben ist. Praeter propter würde sich da eine Gesamtziffer von 20 Millionen herausstellen. Sicherlich eine beachtenswerte Masse! Freundliche Patrioten haben sich sogar schon bis auf 22lf2 Millionen verstiegen, was angesichts der ungeheuerlichen Übertreibungen in Mazedonien immerhin nur als geringer Irrtum bezeichnet werden muß.

Eine sehr schwierige Aufgabe stellen uns wiederum die Serben. Sie ziehen uns in den Wirbel mazedonischer Bevölkerungsvariationen und -permutationen. Beginnen wir mit dem Sicheren. In Ungarn leben, wie oben festgestellt, 2,9 Millionen Serbokroaten, in Bosnien und der Herzegowina genau 2 Millionen. Dalmatien beherbergt beinahe 0,8 Millionen. Wenn wir nach Süden vorschreiten, so müssen wir uns daran erinnern, daß die Untertanen König Peters und auch die Nikitas nicht alle serbischen Blutes sind. Sie sind mit Bulgaren, Aromunen und Albanern untermischt. Das Königreich Serbien wird 2,8 Millionen Serben sein eigen nennen können, Montenegro bei einer Gesamteinwohnerschaft von 0,29 Millionen ungefähr 0,24 Millionen. Die Crux der Untersuchung ist Mazedonien. Ich glaube, es empfiehlt sich, da es sich einerseits doch nur um eine Fehlerquelle von wenigen Hunderttausenden handelt, andrerseits ein individueller Serbe von einem individuellen Bulgaren nur mittels Revolver und Bomben zu unterscheiden ist, hier mit ganz groben Strichen zu zeichnen. Ich würde vorschlagen, alle Südslaven in der bisherigen europäischen Türkei zusammenzufassen und einfach die Hälfte den Bulgaren, die andere Hälfte den Serben zuzuweisen und das feine Bedenken Karl Hrons (gestorben 1910) — jenes vorzüglichen Kenners, demzufolge die Mazedo-Slaven noch vor den Bulgaren und Serben eingewandert, mithin einen selbständigen Zweig der großen Rasse darstellen — einfach auszuschalten. Wie hoch beläuft sich aber die Gesamtzahl der mazedonischen und thrakischen Slaven? Begeisterte Sanguiniker sprachen von 2 ½ Millionen, amtliche osmanische Angaben von nur 1,2 Millionen. Ich kann mir nicht versagen, auch hier der Überzeugung Ausdruck zu geben, die ich anderswo des öfteren zu beweisen gesucht habe: daß die Bevölkerung des ganzen Osmanischen Reiches bisher gewaltig unterschätzt worden ist. Das ist eine Beobachtung, die sich auf alle Nationalitäten des weiten Reiches bezieht. Wahrscheinlich beträgt die Bevölkerung das Doppelte von dem, was die Behörden uns vermuten ließen. Gerade für den Westen der Balkanhalbinsel ist folgendes Erlebnis besonders bezeichnend. Als Torgut Schevket Pascha in Djakowa einzog, leistete er sich den Luxus einer Volkszählung; und siehe da, was ergab sich? Statt der amtlich nachgewiesenen 21000 Köpfe wurden 80 000 vorgefunden. Der Kaimakan hatte zwar nicht den Überschuß der Bevölkerung, wohl aber dessen Steuern in die eigene Tasche geleitet. Der Argwohn wurde wach, daß auch in andern Teilen des Balkans ähnliche Verhältnisse walten könnten was durch Erfahrungen v. d. Goltz Paschas erhärtet wurde. Eine arabische Zeitung, die doch den Slaven nicht gerade freundlich sein wird, hat vor drei Jahren allein den Serben in der Türkei 2,8 Millionen zugebilligt, oder richtiger 700 000 wehrfähige Männer, deren Menge füglich mit 4 oder doch mindestens mit 3 multipliziert werden muß. Man wird nicht allzuweit fehlen, wenn man für die Slaven der bisherigen europäischen Türkei mindestens 2 Millionen annimmt, d. h. für das Jahr 1900. Seitdem sollen durch Unruhen und Bandenkämpfe gegen 300000 umgekommen sein. Weitere 50000 oder 60 000 wird der jüngste Krieg verschlungen haben. Rechnen wir also jetzt 1600000; davon 800000 Bulgaren und 800000 Serben. Damit kämen die Serben insgesamt auf reichlich 9 ½ Millionen. Viel bequemer ist es, die Bulgaren festzunageln. In dem Zarenreiche gibt es 3,2 Millionen. Der Südsaum Serbiens wird ebenfalls mehrfach für die Bulgaren in Anspruch genommen. Außerleben Volksgenossen in Rumänien, endlich vor allem in Thrazien. Summa etwas über 4 Millionen, also noch nicht einmal die Hälfte der rasseverwandten Nebenbuhler.

Wollen wir uns noch einmal in einer Tabelle die Ergebnisse übersichtlich vergegenwärtigen, so verzeichnen wir für Mittelund Osteuropa sowie russisch Asien:

Es wurde schon darauf hingewiesen, daß sich auch in der Neuen Welt zahlreiche slavische Ansiedlungen befinden. Mit 3 ½ Millionen ist diesen Siedlungen gewiß ihr Recht geschehen. Außerdem sind Slaven in allen möglichen Ländern der Erde verstreut, wo man sie nicht erwartet. So hausen 15000 in Italien. Es gibt Polen und Russen in Südafrika, kroatische Weinbauern in Australien. In einer Quelle fand ich, daß sogar auf dem Boden der asiatischen Türkei, nämlich im Vilajet Kastamuni, von früheren Revolutionen her ein polnisches Dorf vorhanden ist. Neuerdings sind Tausende von Russen in Persien, Syrien und Indien, Zehntausende in die Mongolei und Mandschurei eingedrungen. Immerhin fallen die überseeischen Slaven außerhalb Amerikas nur wenig ins Gewicht. Summa sum-marum: rund 156 Millionen für alle Slaven der Erde.

Es kommen nahezu zwei Slaven auf einen Deutschen in der alten Welt.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans

Orient und Weltpolitik

Keinen sinnfälligeren Ausdruck für den Seelenzustand des Barock gibt es als die Art, wie er seine Feste feierte. Am Ende des 17. Jahrhunderts erreichte die Festeskultur des höfischen Europa einen vorher und nachher nie wiedergesehenen Glanz. Damals kamen die in der Renaissance entsprossenen Keime zur üppigsten Entfaltung. Der Festbetrieb des deutschen Barock steht wie selbstverständlich in engster Fühlung mit dem der italienischen Höfe; die Götterfestzüge, die Ballette, die Turniere, Ringelstechen und Karnevalsfeste, die Karussels und Tierhetzen, die Komödien und Opern, die namentlich am Hofe Leopolds I., Josephs I. und Karls VI. in Wien, Max Ema-nuels in München, der Johann George und Augusts des Starken in Dresden aufgeführt werden, sind Nachbildungen italienischer Feierlichkeiten. Italiener wie Burnacini, die Galli Bibiena und andere Festdekorateure haben dabei eine wichtige Rolle gespielt. Das italienische Fest- und Maskeradenwesen drang aber nicht nur in das geistige und künstlerische Leben der deutschen Höfe — es befruchtete auch die deutschen Gemüter, so daß deren Vorstellungs- und Gedankenwelt im Beginn des 18. Jahrhunderts daraus starke Anregungen schöpfte. Große deutsche Baumeister wie Fischer von Erlach, Hildebrand. Neumann, Schlaun usw. treten als Festarrangeure auf. Die von ihnen und ihren Zeitgenossen ausgestatteten und geleiteten Staatszeremonien, Kirchen-, Freuden- und Trauerfeiern eröffnen uns erst das volle Verständnis für den Sinn ihrer architektonischen Schöpfungen. Rufen wir uns die längst verklungenen rauschenden Feste ins Gedächtnis, erfüllen wir die Prozessionswege und das Innere der Kirchen, erfüllen wir die Straßen, die Schloßplätze und Höfe, die Gärten und Teiche, die Säle und Galerien der Schlösser, ihre Opernhäuser und Kapellen mit den farbenbunten Scharen, die sie an solchen Tagen belebten: dann erst gewinnt das Bild des Barock seine Rundung. Der Barock als Ausdruck eines hochgesteigerten Lebensgefühls wird dann erst im ganzen Umfang verständlich. Die zahlreichen kostspieligen Kupferwerke und bis ins Einzelne gehenden Beschreibungen, in denen die Plpoche die wichtigsten Ereignisse der Art festgehalten hat, beweisen überdies, daß sie darin mehr als bloß vorübergehende Vergnügungen gesehen hat. Sie hat ihre Feste mit demselben Ernst wie die monumentalen Bau- und Kunstangelegenheiten behandelt. Uns sind die Zeugnisse hierüber nicht weniger als die anderen Kunstschöpfungen unentbehrliche Quellen des Denkens und Wollens unserer Vorväter aus dem 18. Jahrhundert).

Der moderne Mensch, der nichts so sehr verlernt hat, als das wahre Festefeiern, muß sich vergegenwärtigen, daß die großen Feierlichkeiten des Barock nur auf dem Grunde des damals noch vorhandenen künstlerischen Gemeinsamkeitsgefühls von Hoch und Niedrig erwachsen konnten. In ihnen findet das freudig erregte Volksgemüt seinen höchsten Ausdruck. Bei den Kirchen-und großen Heiligenfesten und Wallfahrten selbstverständlich. Aber auch die Einzüge, Sieges- und Krönungsfeiern der Fürsten, ihre Vermählungs- und Totenfeste wurden von dem ganzen Volke als Zuschauern, ja als Mitwirkenden erlebt. Es wäre ganz töricht zu glauben, daß Kurfürst Friedrich III. von Preußen, als er aus eigener Machtvollkommenheit sich und seiner Gemahlin die Königskrone aufs Haupt setzte, dies bloß aus persönlicher Eitelkeit und Prunksucht tat: Nein, das ganze Preußenvolk fühlte sich in dieser Handlung mittätig erhoben. Die reichen freiwilligen Krönungssteuern aus dem ganzen Lande beweisen das zur Genüge. Gewiß muß man manche Übertreibung in den Schilderungen der bestallten Hofpoeten auf ihr Maß beschränken.

Auch ist nicht zu vergessen, daß eben der Barock ein mit allen Mitteln arbeitender Meister in der Inszenierung war. Dennoch ist ein Hof- und Krönungsfest von dem aufrichtigen Freudeempfinden der breiten Massen getragen gewesen. Man muß dem Hofmarschall von Besser Glauben schenken, wenn er den Volksjubel bei der Königsproklamation in Königsberg beschreibt. Unter dem Donner der Geschütze und demTrompetenschall von allen Türmen ..entstand auf dem Markte ein so lautes und allgemeines Freudengetümmel, daß es von Gasse zu Gasse, ja von einer Stadt zur anderen erschallte und die Ankommenden vom Lande zu ihrer Verwunderung mit darunter verwickelt wurden, bevor sie noch wissen konnten, was ein so unverhofftes und in den preußischen Grenzen nie erlebtes Frohlocken bedeuten sollte.“ Bei der Krönungsfeier in der Schloßkirche bewirkten die in dem Feuer der Brillanten strahlende Krone und die goldbestickten scharlachroten Ornate des königlichen Paares bei allen Anwesenden gesteigerte Begriffe von ihrer Herrlichkeit. Besonders schimmerte die Krone aus den dicken Buckeln des natürlich gekrollten kohlschwarzen Haares der Sophie Charlotte desto heller hervor, so daß alle Anwesenden von dem Anblick wie betroffen waren. Um den Jubel des Volkes zu steigern, wurde diese Königskrönung, wie stets auch die Kaiserkrönung, damit beschlossen, daß Münzen unter die Menge geworfen und ihr ein gebratener Ochse und Wein als Symbol des Überflusses und der Wohltätigkeit preisgegeben wurden. Die herzliche Teilnahme des Volkes an den Feierlichkeiten seines Kaiserhauses beleuchtet die Erzählung, die Goethe als Knabe von älteren Frankfurtern erfuhr. Als Franzi, nach der Krönung im Dom in dem seltsamen Ornat an einem Balkonfenster neben dem Römer seiner jungen Gemahlin Maria Theresia gegenübertrat und sich ihr sozusagen als ein Gespenst Karls des Großen dargestellt, habe er wie zum Scherz beide Hände erhoben und ihr den Reichsapfel, das Zepter und die wundersamen Handschuh hingewiesen. Darüber sei die junge Kaiserin in ein unendliches Lachen ausgebrochen, welches dem ganzen Volke zur größten Freude und Erbauung gedient, indem es darin das gute und natürliche Ehgattenver-hältnis des allerhöchsten Paares der Christenheit mit Augen zu sehen gewürdigt worden. Als die Kaiserin nun ihrem Gemahl ein lautes Vivat zurief, wollte das Freudengeschrei des Volkes gar kein Ende nehmen.

Die Kaiserkrönung zeichnete sich natürlich als die ehrwürdigste Feier des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch den Prunk, den die Kurfürsten und Stände des Reiches entwickelten, vor allen übrigen Festen aus. Die tagelangen Einzüge. Empfänge und Begrüßungen, die Wahlhandlung, die Krönung und Salbung im Dom, die anschließenden Festtafeln, Illuminationen und Volksbelustigungen vollzogen sich in einer genau geregelten Ordnung. Der Aufbau dieser Zeremonien, wo jeder Schritt beinahe von dem Obrist-Hofmarschall geregelt war, ihre Steigerung zum Höhepunkt der Feier, die Verknüpfung sinnvoller historischer Bedeutung mit kostbarem Wappen-, Herolds- und Livreenprunk: dies allein erhob bereits die Feier zum Kunstwerk. Es sei auf die Darstellung der römischen Königskrönung in der Reichsstadt Augsburg 1690 verwiesen. Hier ziehen nacheinander unter Kanonen- und Trompetenschall alle die Fürsten oder ihre Gesandten ein, die diese erste Epoche des deutschen Barock kennzeichnen, mit einem unabsehbaren Gefolge von Karossen, mit Domherren, Kavalieren, Ministern, davor und dahinter Trabanten, Pagen und Garden, alle in bunten Samt- und Seidengewändern: Die Kurfürsten, voraus der Erzkanzler Anselm Franz von Mainz, Johann Hugo von Trier, Joseph Clemens von Köln, Philipp Wilhelm von der Pfalz, Max Emanuel von Bayern, Johann Georg III. von Sachsen, Friedrich III. von Brandenburg usw.

Alle Künste, die bildenden, die redenden und die Musik, standen im Dienst der Sache. Die Architektur aber leitete das Ganze. Mächtige Ehrenpforten als Nachbildungen römischer Triumphbogen, Ehrensäulen und Denkmäler bildeten den Mittelpunkt des von einheitlichen Gedanken beherrschten Festschmuckes. Beim Einzug Friedrichs I. nach seiner Krönung in die Residenz Berlin waren sechs großeEhrenpforten errichtet, die auf das Schloß zuführten. Der Chronist berichtet ausdrücklich: ,,Sie standen in einer Reihe, wurden in Perspektive gesehen und erschienen dem Durchziehenden nicht anders als entweder die in einem Palast hintereinander gelegenen, reich aufgeschmückten Gemächer, oder als die bei den Karussels gewöhnlichen Schranken mit Neugierigen auf beiden Seiten.“ Den Endpunkt dieser Dekorationen bildete das eben vollendete Portal Schlüters mit den vier majestätischen Säulen am Schloßplatz (Abb. 16).

Durch dieses betrat der Festzug den gewaltigen Säulenhof Schlüters, dessen Mitteltrakt das zur Flucht der glänzenden Paradekammern hinaufführende Treppenhaus umschließt. So erst enthüllt sich uns der triumphale Gedanke in dem Schloßbau Schlüters. Fischer von Erlach, der große österreichische Zeitgenosse Schlüters, entwarf die Triumphbogen zum Einzug seines Herrn Josephs I. als römischen Königs in Wien 1690, deren einer eine Quadriga mit vier sprengenden Rossen zierte. Die Festbauten Fischers werden bezeichnenderweise von seinem Freunde Wagner von Wagenfels als Triumphe des deutschen Meisters über die Welschen gefeiert. „Dieses war ein schöner Triumpf- und Ehren-Tag, in welchem nicht allein Ihre Königliche Majestät, als wie ein, zur Frolockung des sämmtlichen Volcks vom Himmel herabgeschickter Engel in das weltbeherrschende Wien mit einer unvergleichlichen und von der Teutschen Weiss-heit wohlangeordneten Pracht Siegprangend eingeritten, sondern an welchem auch die Teutsche Kunst und Geschicklichkeit wider die Hochachtung der Ausländer in den Gemüthern aller Zuschauer einen sehr herrlichen Sieg erhalten hat.“

Die architektonische Ordnung, die den Festen des Barock zugrunde liegt, wird auch in den Balletten, Turnieren und Karussels eingehalten. Das zum Karneval 1722 im Zwinger in Dresden abgehaltene „Caroussel Comique“ ist eine von Kavalieren und Damen in Masken der italienischen Charakterkomödie aufgeführte Quadrille. Scaramuzi, Crispini, Harlequini, Pantaloni, Dottori, Bringhelli, Policinelli und Capitani ziehen in rhythmischer Ordnung von Charivarimusiken geleitet in die Arena. Es folgen allegorische Kämpfe und Turniere — acht welsche Ritter bekämpfen die Elemente, alles möglichst „egal und in gleicher Distance“, und mit derselben zeremoniösen Regelmäßigkeit vollzieht sich die anschließende Festtafel in der Bildergalerie. Wie sehr dieser ordnende Grundzug des Barock selbst das militärische Exerzieren, Lager- und Uniformenwesen beseelte, ja daß er von dem künstlerischen Empfinden mit vollen Zügen genossen wurde, beweist das von August dem Starken zu Ehren Friedrich Wilhelms I. und des Kronprinzen Friedrich im Juni 1730 bei Mühlberg an der Elbe abgehaltene, von den Zeitgenossen verherrlichte Lustlager der polnisch-sächsischen Armee. Für diese martialischen Lustbarkeiten wurde eine Ebene von drei deutschen Meilen planiert, in deren Mitte sich der königliche Pavillon erhob. Der Sinn für strenge Ordnung geht so weit, daß die abgeschlagenen Bäume „in Klaftern sehr ordentlich in zwo Linien gesetzt am Horizont stunden, und daß die geschickte Aufstellung nicht genugsam zu bewundern war“. König August hatte für sich selbst ein Palais aus Holz mit kostbar tapezierten Zimmern, mit Küche, Kellerei, Konditorei, Galanteriebutiken und Kaffeehäusern errichten lassen, wo Janitscharen und Mohren aufwarteten — alles auf grün gestimmt —, während das preußische Hauptquartier in prächtigen Zelten logierte. Die Armee kampierte in Ordre de Bataille in zwei langen Linien, an deren Ende je eine steinerne Pyramide aufragte. Jedes Regiment in seinen prächtigen Uniformen und Farben um seine Fahnen und Standarten geordnet. Der „Accuratesse und Proprete“ dieses Zeltlagers zollt der Berichterstatter Bewunderung. Den Höhepunkt der Übungen bildet der Parademarsch und das Exerzieren, das Quareesbilden, die Handgriffe nach dem Trommelschlag, das Feuer in Gliedern und dergleichen Vorführungen, worin die sächsische Armee der preußischen nacheiferte. Zum Beschluß wurde ein vierzehn Ellen langer Kuchen gebacken, wozu ein besonderer Ofen gebaut war. Unter Leitung eines Oberlandbaumeisters wurde der Kuchen von einem Zimmermann zerlegt; also auch in diesem echt barocken Scherz wird doch die architektonische Seite nicht vergessen!

Die Plastik und Malerei entfalteten im Bunde mit der Architektur ihre ganze Kraft, um den Festen Gehalt und Form zu geben. Figurenreiche allegorische Gruppen und Gemälde schmücken die Ehrenpforten und Denkmäler. Der hochgesteigerte Ruhmsinn findet hier das Feld seiner Betätigung. So sind die Triumphpforten und Ehrenpyramiden, durch die August der Starke nach seiner polnischen Königskrönung in Danzig einzieht, mit Darstellungen „der von seiner kgl. Majestät vollführten Heldentaten“ geschmückt; „der König erscheint ganz geharnischt im Purpurmantel gemalt als unüberwindlicher Monarch in freundlicher doch königlicher und heroischer Gestalt“, über ihm Fama und Virtus, gegen die zwei giftige Nattern anzischen. Ähnlich werden Max Emanuel und Therese Kunigunde bei der Rückkehr aus der Verbannung nach München im Juli 1715 durch Ehrendenkmäler gefeiert. Sie erscheinen auf einer Ehrenpforte nach dem Leben gemalt „in vollkommener Freudsvergnügung sitzend“ von Tugenden und Göttern umgeben. Auf dem Festwege werden sie begrüßt durch einen Lustberg mit Wasserfällen und grünenden Bäumen, dazwischen die Bilder ihrer Lustschlösser, ferner durch ein Bassin in Form einer wassersprühenden Galeere, sowie durch Statuen und Gruppen antiker Gottheiten, die in sinnbildliche Beziehungen zum Ruhm des Hauses Bayern gesetzt sind.

Selbst in den Trauerfestlichkeiten wird der Gedanke des Heldenruhmes betont, ja hier wirkt er im Gegensatz zur Schaustellung von Todestrauer und Schrecken und der Vergänglichkeit doppelt stark. In dem „Castrum doloris“, der feierlichen Aufbahrung des fürstlichen Leichnams in der völlig schwarz ausgeschlagenen Kirche, tritt die rauschende Inszenierung der Barockgefühle in einer Weise zutage, die uns Nachfahren besonders schwer verständlich ist. Was ist hier wirklicher Schmerz, was ein selbstgefälliges Wühlen im Schmerze? Ähnlich wie angesichts vieler religiöser Kunsterscheinungen bewegt uns die Frage : wo geht der Ausdruck wirklichen Gefühls in theatralische Schaustellung über? Der Historiker steht an einem Punkt, wo er der Vergangenheit nicht mehr ins Herz sehen kann. Gibt es einen größeren Gegensatz als eine solche Totenfeier, wie sie Fischer von Erlach seinem Herrn, Kaiser Joseph I., in der Augustiner-Hofkirche, Eosander seiner Herrin, Sophie Charlotte, im Berliner Dom und Effner dem Kurfürsten Max Emanuel in der Theatinerkirche anrichtete, mit einem modernen Leichenbegängnis? Kaiser Josephs Katafalk steht zwischen den vier Mittelpfeilern der Kirche, die, in Trajanssäulen verwandelt, die glorreichen Taten des Kaisers wie in Metall gegossen darstellen. Die Totenbahre mit schweren goldgestickten Trauer-clecken, deren vier Ecken römische Klageweiber halten, ist umgeben von Figuren in der traurigsten Stellung, Matronen, die das römische Reich und die Provinzen Österreichs darstellen. In der Höhe schwebende Engel und dahinter eine Apotheose auf Wolken, über welche der Kaiser als Imperator auf einer von zwei Adlern gezogenen Biga emporfährt. Darüber ein Baldachin mit der Kaiserkrone und Genien mit Schrifttafeln; die herabfallenden Draperien des Baldachins sind in den Seitenschiffen an Wolkenballen aufgeknüpft. Uber dem Eingang zu dem kaiserlichen Begräbnis brach aus einem Vorhänge „das Gerücht“ — der Ruhm — hervor, auf dessen Trompetenfahne der in den alten Triumphen gebräuchliche Zuruf; Jo Triumpfe!

Der Barock suchte, wo es möglich war, die Festdekorationen auch in Stein und Stuck über die Vergänglichkeit des Tages hinaus zu verewigen. Namentlich dort, wo er die Bürgschaft dauernden Ruhmes wünschte. Besonders am Berliner Schloß macht sich das Ruhmesstreben noch heute geltend; so an dem von posaunenblasenden geflügelten Genien belebten Triumphbogen Eosanders nach der Schloßfreiheit zu, ferner in der von Eosander geschaffenen Bildergalerie, wo das königliche Paar an den Decken erscheint, von Musen umgeben, während die Laster von Genien in wildem Kampfe über die Gesimse heruntergeschleudert werden; der höchste Festjubel entfaltet sich in dem Schlüterschen Rittersaal, wo aus den vier Ecken plastische Scharen, die Gesimse durchbrechend, zur Decke emporströmen und sich, gemalt, mit Wolken zum Zenith aufschwingen, den Ruhm des Erbauers dieses Schlosses, des Zeughauses und des Charlottenburger Schlosses unter Posaunengeschmetter der Ewigkeit verkündend. Das Prunkbüfett, das nach Eosanders Zeichnung von Augsburger Goldschmieden ausgeführt wurde, diente zum Schmuck des Krönungsfestes im Jahre 1703 und ist ausgesprochenermaßen eine verewigte Festdekoration. Die äußerste Verschwendung mit Prunksilber trieb August der Starke auf seinen Festen; so ließ er 1719 bei der Vermählungsfeier des Kurprinzen mit der Kaisertochter ein Riesenbüfett mit silbernen Pokalen, Schwenkkesseln, Becken und Leuchtern errichten. Diese Vermählungsfeierlichkeiten gehen über alles hinaus, was uns sonst überliefert ist. Noch halten einige der mit Federn besteckten Pferdegeschirre im Historischen Museum die Erinnerung an die abgehaltenen Schlittenfahrten fest (Abb. 21). Das Dresdener Grüne Gewölbe birgt einen Teil des von Dinglinger und anderen geschaffenen Prunksilbers des Königs. Die großartigste steingewordene Festarchitektur ist der Zwinger in Dresden (Abb. 18). Es ist nichts weiter als ein großer viereckiger Festplatz mit Galerien für die Zuschauer, umgeben mit Pavillons und Sälen, den August der Starke durch Pöp-pelmann seit dem Jahre 1709 im Anschluß an die wochenlangen Schaustellungen und Lustbarkeiten auf führen ließ, die er damals seinem Verbündeten Friedrich IV. von Dänemark gegeben hatte. Desgleichen sind die reichgeschmückten Gnadensäulen, die man in Österreich zum Dank für überstandene Türkengefahren und Pestseuchen errichtete, in Stein umgesetzte Festgerüste; die berühmteste, die Pestsäule auf dem Graben in Wien mit dem zwischen Engeln knieenden Kaiser Leopold I., von Burnacini unter Mitwirkung des jungen Fischer von Erlach und Rauchmüllers geschaffen, war ursprünglich in Holz aufgeführt worden. Vollends sind die pompösen fürstlichen Grabmäler nur zu verstehen als dauernd gewordene Trauergerüste, an blei-, bronze- und zinngegossenen Särgen entfaltet sich stellenweise ein unglaublicher Prunk. Wahrhaft tiefempfundene plastische Schöpfungen sind die Särge Friedrichs I. und der Sophie Charlotte von Schlüter in der Berliner Domgruft (Abb. 22). Der ganze Apparatus Funebris, der den Katafalk des Castrum Doloris umgab, findet sich häufig auf dem Sarkophag und dem hohen Aufbau wieder. Die klagenden Tugenden, die posaunenden Engel, die Totengerippe, die Inschrifttafeln, die Pyramiden, die Draperien, Fahnen, Standarten, Waffen, Kanonen und Pauken. So steht Prinz Ludwig von Baden, der Türkensieger, inmitten seiner Kriegstrophäen auf dem Riesen-Epitaph im Chor der Kirche in Baden-Baden. Adler und Engel stürzen sich auf die Türkenkrieger herunter. Man glaubt kriegerische Fanfaren und Paukenwirbel zu hören. Gerade die Siege über die Türken haben in den Festtriumphen und Grabmälern ihre Verherrlichung gefunden. Prinz Eugen wird von Permoser in einer rauschenden marmornen Apotheose im Belvedere gefeiert — der Held sucht dem Ruhmesgenius die Posaune zuzuhalten! —, ähnlich August der Starke im Dresdener Großen Garten.

In diesen Triumphen kommt die Freude des Barock am Lauttönenden zu Wort. Er liebt die schmetternden Posaunen, die Janitscharenmusik, Schalmeien, Trommeln, Pauken und Messingbecken, und das Dröhnen der Kanonen. So auch starke Lichteffekte, den strahlenden Blitz und dunkle Wolken. Immer und immer weisen die Festchronisten darauf hin. So heißt es von der Vermählungsfeier Friedrichs I. im Dom, die Eosander ausschmückte, die Illumination mit Wachslichtern hätte den Eindruck erweckt, als sei die ganze Kirche von der Sonne beleuchtet gewesen. Auf dem Triumphbogen beim Einzug Augusts des Starken in Danzig sieht man einen Donnerpfeil aus feuriger Wolke: einen sich auf schwingenden Adler; die Sonne über einer Landschaft strahlen; dann wieder die Sonne aufgehen und nachtvertreibend. Den Abschluß jedes großen Barockfestes bildet daher eine Riesenillumination, ein Luft- und Wasserfeuerwerk von Kanonenschlägen begleitet. „Berlin schimmerte nicht, sondern brannte gleichsam in allen Gassen von Lichtern, Lampen, Fackeln und Freudenfeuern“, berichtet der Chronist von der Illumination des Krönungsfestes und fühlt sich an den Brand Roms unter Nero erinnert. Unter einem Regen von Streitfeuern, Wasser- und Landschwärmern und Schlangen wird auf dem Wallgraben die Rückkehr der Flotte Jasons als allegorische Verherrlichung der Majestäten mit Beistimmung aller Seegötter aufgeführt. Unterdessen wird aus hundert Geschützen und Mörsern unter Leitung des Generalfeldzeugmeisters Prinz Philipp von Schwedt zwei Stunden lang kanoniert. „Die ganze Gegend geriet in Zittern und Beben, gleich als wenn Himmel und Hölle unter einander fallen.“ Zum Liboriusfest in Paderborn entwarf der Artillerieoffizier Schlaun ein Wasserfeuerwerk, dessen Zeichnung noch erhalten ist. Den Vogel schießt wiederum das Lustlager Augusts des Starken an der Elbe ab. Es wird beschlossen durch die Illumination eines prächtigen Schlosses mit einem heidnischen Göttertempel, als Allegorie in kunstvollster Perspektive von Italienern gemalt. Unter dem Donner von sechzig Kanonen, unter dem Pauken- und Trompetenschall der versammelten Armeemusiken leuchtet eine Inschrift auf „Sic fulta manebit“, während Streitfeuer, Lauffeuer, Lustkugeln und Raketen durcheinander zischen. Nun zieht die königliche Lustflotte vorüber, mit tausend Lämpchen beleuchtet, unter den Klängen der darauf stationierten königlichen Hofkapelle. Voran ein riesiger Walfisch, „Feuerfax“ genannt, von vier feuerspeienden Delphinen begleitet. An der Spitze der Fregatten, Brigadinen, Schaluppen und Gondeln der Buzentaurus, das Schiff der Kronprinzessin mit vergoldeter Schnitzarbeit bedeckt. Von ihm erklang im Vorüberziehen eine „Egloga dal Campo di Radewitz“, von einer italienischen Frauenstimme gesungen und von Virtuosen akkompagniert. Auch hier beschließt das Zusammenspiel sämtlicher Trompeten, Waldhörner, Pauken und übrigen Instrumente unter dem unaufhörlichen Krachen der Kanonen die Feier.

Architektur, Natur, rauschende Wasser, Beleuchtung und Musik kommen zu zarteren poetischen Stimmungen zusammen auf einem nächtlichen Gartenfest der Sophie Charlotte im Schloßpark von Oranienburg. Ein Sommersaal, durch den eben aus Frankreich zurückgekehrten Eosander von Laub- und Blumenwerk errichtet, dem Triumph der Liebe geweiht, öffnet sich plötzlich und die Festgesellschaft erblickt eine Springbrunnengrotte in magischer Beleuchtung. Peleus und Thetis und ein Chor von Flußgöttern, auf den Felsstufen lagernd, besingen die Götter, Menschen und Tiere bezwingende Macht Amors, von Oboen, Theorben, Flöten oder dem Orchester begleitet, „so bei der stillen Nacht und unter dem Geräusch der Kaskade die Luft nicht anders als mit einem angenehmen Widerschall erfüllen konnte.“

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK

Hier gezeigte Abbildungen:
Der große Kurfürst im Schlitten
Ein Damenfest unter August dem Starken
Einzug Josephs I. in Nürnberg 1704 – Ausschnitt
Gesamtansicht des Zwingers in Dresden
Vom Seitenflügel des Zwingers in Dresden
Südportal des Berliner Schlosses
Der Pavillion des Zwingers in Dresden
Pagodenburg im Park vin Nymphenburg
Galakutsche von der Kaiserkrönung in Frankfurt
Schlittenpferd Augusts des Starken
Metallsarkophag Friedrichs I.

Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland