Schlagwort: Keuschheit

Zum Begriff des Menschlichen gehört als dritter Bestandteil das Kindliche. Das deutsche Wort Kind ist, wie ich schon früher erwähnte, von der Wurzel gen, ken abgeleitet; es betont also das Entstehen und die Abstammung, führt nicht zu Merkmalen, die für uns wesentlich sein könnten. Ebenso bezeichnet das griechische Wort teknon (Zusammenhang mit Degen?) nur das Erzeugen, Erzeugt- und Geborenwerden (tikto = gebären, erzeugen). Im Lateinischen gehört in diese Zusammenhänge ein Plural liberi = die Kinder, ein Wort, das als die „Heranwachsenden“ zu der indogermanischen Wurzel leudh- hervorkommen, wachsen gehört (got. liudan, ahd. liotan, nhd. Leute, ab. ljud = Volk, lat. über, gr. eleutheros = frei, auch der lateinische Gottesname Liber als Gott der Zeugung). Schon eher gibt das englische Wort child eine Beziehung zu dem Menschlichen, da es möglicherweise mit got. kilthei = Gebärmutter zusammenhängt. Dagegen führt das französische enfant mitten in die unterscheidenden Merkmale hinein, die das tägliche Leben für die Begriffe kindlich und erwachsen aufstellt. Enfant ist spätlateinisch infans (in = Verneinung, fari = sprechen), das Wesen, das nicht spricht (unmündig). Damit ist eine bestimmte zeitliche Grenze, zwar nicht für den Gebrauch, aber für den Begriff gegeben.

Infans: ein Wesen, das nicht sprechen kann, so eine Art Tier, ein Wurm, eine nette Pflanze oder gar ein Püppchen, jedenfalls ein Wesen, das nicht Recht noch Unrecht (fas und nefas von fari) kennt, dessen persönlichen Wert noch keine fama (Gerücht, Ruhm) in die Welt posaunt, das keine confessio (fateor = bekennen), kein Glaubensbekenntnis, ja nicht einmal einen Glauben hat, das ebensowenig von dem fatum (fari), dem allmächtigen Schicksal etwas weiß wie von dem allmächtigen Gott, das keine fabula mit unvermeidlicher Moral ersinnt, sondern nur babbelt (schwed. babbla, nhd. babbeln, engl, baby, allgemein baba, Urwurzel von fari und infans bha- sprechen) und bampft und pampft = essen (dieselbe Wurzel bha-), ein infans, ein Wesen, das nicht spricht, das heißt das nicht denkt; denn denken, so höre ich, tut man in Worten (en arche en ho logos = Im Anfang war das Wort, Theos en ho logos = Gott war das Wort, Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht).

Der Mensch als Symbol Kunstartikel

Natürlich wird auch in Germanien Keuschheit gefordert; aber erstens hat diese Forderung für beide Geschlechter Geltung, und zweitens ist ihre Begründung eine wesensandere als die der orientalischen Lebensgebote.

„Vor Ablauf des zwanzigsten Jahres mit einer Frau Verkehr gehabt zu haben, halten sie für äußerst schimpflich.“ Diejenigen, die am längsten keusch geblieben sind, ernten bei den Ihrigen das höchste Lob; sie meinen, daß hierdurch die Leibesgröße gefördert und Kräfte und Sehnen gefestigt würden.“

Aus Cäsars Worten geht hervor, daß nicht etwa uns einer seltsamen Wertung des Natürlichen als Sünde, nicht uns Ängstlichkeit vor Verstrickung sexuelle Ausschweifungen deren Gefahr für die orientalische Mentalität um ein Bedeutendes größer ist als für das kühlere Blut des Nordens — der Norden in der Keuschheit sich einen Lobenswert gesetzt hat: und ferner geht daraus hervor, daß er sie nicht mit der Idee der Ehre verwechselt. Die Verletzung der Keuschheit bis zu einem bestimmten Alter oder, noch deutlicher gesagt, der geschlechtliche Verkehr in zu früher Jugend gilt in Germanien als leibliche und seelische Gefährdung des Menschen. Sie bedeutet eine Trübung des Vollkommenheitsideals vom Menschen und eine Bedrohung anderer germanischer Lebensgrundsätze. Hinter der Forderung der geschlechtlichen Unberührtheit des körperlich und geistig unreifen jungen Menschen steht der Wille, Reinheit und Kraft des Blutes nicht zu gefährden einerseits, andererseits der allgemeine sittliche Grundsatz der Selbstzucht, der für das ganze Leben des Germanen gilt.

Aus Verantwortung dem Blute gegenüber, das man in gleichwertiger Kraft dem Nachfahren zu geben hat, und aus Verantwortung vor dem eigenen Ich, dem Persönlichkeitswert, der von persönlicher Würde und Selbstachtung getragen wird, wird in Germanien Keuschheit vom unreifen Menschen verlangt. Ist dagegen der germanische Mensch an Leib und Seele zum vollen Menschen gereift, so ist es für ihn selbst verständlich, nicht dem Gesetz der Schöpfung und den Anlagen, die die Natur ihm gab, durch eigene krankhaft verzerrte Sinnsetzung zuwiderzuhandeln, indem er ihre Fruchtbarkeit und ihren ewigen Erneuerungswillen durch eine noch länger behauptete Keuschheit unterbindet. Nicht gegen die Natur und gegen ihre Gesetze lebt der Germane, sondern mit ihr.

Er läßt die Gaben, mit denen sie ihn bedachte, nicht aus einer menschlich vermessenen Entwertung heruas verkümmern, sondern er erblickt in ihrer Entfaltung erst die volle Erfüllung den Menschen, den die Natur zum Manu oder zum Weibe bestimmte, nicht aber zum geschlechtslosen Neutrum. Daher muß die Forderung einer übertrieben ausgedehnten Keuschheit, die Erklärung des enthaltsamen und zölibatären Lebens als dem eines höheren Menschentums in Germanien zunächst vollkommener Verständnislosigkeit begegnen, ja. muß sogar als Widerstand und Versündigung am ewigen Lebensgesetz  selbst empfunden werden. Keuscheit ist also nur eine bedingte Forderung der Lebenshaltung für germanischen Menschen kein absoluter sittlicher Wert, der uneingeschränkt über der ganzen Lebensführung des Menschen steht. Jungfrau und Mönch sind nicht germanische Vorbilder, sind nicht höherwertige Menschen, sondern, da sie die ihnen gegebenen Kräfte nicht voll entwickelt haben, eher das Gegenteil.

Diese Auffassung von dem bedingten, nur dem unreifen Menschen verpflichtenden Wert der Keuscheheit gilt in Germanien für den Mann und für die Frau. Daß die Jungfräulichkeit die Unberührtheit der Frau durchaus nicht bestimmend ist, ja, gar nicht in Erwägung gezogen wird bei der Wertung der freien Germanin beweisen am schlagendsten die Bestimmungen über Beischlaf- und Totschlagsbußen für Frauen Das schwäbische Volksrecht bestimmt, daß der Beischlaf mit einer verheirateten (muher) doppelt so hoch zu büßen ist wie der mit einer Jungfrau (virgo), also nicht die Jungfräulichkeit, Keuschheit und Unberührtheit setzen den Wert bzw. die Wertverletzung fest. Die salischen, ripwarischen und thüringschen Rechtsbücher bestimmen als Totschlagsbuße einer gebärfähigen Frau oder einer, die bereits zu gebären begonnen hat, das Dreifache von der einer noch nicht gebärfähigen Jungfrau.

Gerade diese Rechtsätze, bei denen ja der Unterschied zwischen der Jungfrau und dem Weibe (virgo und mulier) zur Sprache kommt, machen so recht deutlich, daß der Begriff der Keuschheit bei der Wertsetzung der Frau auch nicht im geringsten ausschlaggebend ist, daß man an ihn überhaupt nicht einmal denkt, denn die Tötung einer Frau wird als dreimal so schwerer Verlust gewertet wie die einer Jungfrau! Nicht die Keuschheit, sondern der biologische Wert der Frau, der im Gegenteil von der Aufgabe der Jungfräulichkeit zur Erfüllung der Mutterschaft abhängig gemacht ist, sind entscheidend für die Bewertung der Frau. Deutlicher kann die germanische Anschauung über den nur bedingten Wert der Keuschheit nicht gemacht werden als hier. Der gebärenden Frau, der Mutter, deren Empfängnis niemals eine Befleckung sein kann, kommt zunächst der höhere Wert in Germanien zu. du sie das Lebensgesetz für sich und ihr Volk erfüllt. Der persönliche Wert der Frau aber hängt, wie betont wurde, von ihren Anlagen, Leistungen und ihrem Charakter ab, von Seele und Herz, Geist und Gemüt.

Woher kommt nun diese Wertung der Keuschheit als sittlicher Begriff? Wie konnte die Unberührtheit in der Moralauffassung sogar eine Gleichsetzung mit „Frauenehre“ erlangen?

Wir erinnern uns, daß germanische Frauenideale, „germanische Heilige“ immer Mütter, Urmütter waren (Frigg, Frau Holle), daß nach germanischem Empfinden die Empfängnis kein Makel, keine Befleckung und Entwertung war, eher hingegen eine solche Deutung als Beleidigung der germanischen Mütter empfunden worden wäre. Wir erleben in den Sagas hundertfach, daß Witwen ebenso begehrt wie junge Mädchen sind und daß kein Germane je auf den Gedanken kommt, eine Witwe habe geringeren Wert, da sie nicht mehr unberührt ist.

Jüdisch-orientalischem Geist dagegen scheint die Jungfrau begehrenswerter als die Frau; mit Absicht ist hier das Wort „begehrenswert“ gewählt, denn es handelt sich bei der höheren Bewertung der Jungfrau nach orientalischem Empfinden ursprünglich wohl kaum um eine sittliche Wertung der Keuschheit. Wenn das heilige Buch des Islams, der Koran, den rechtgläubigen Muselmännern immer wieder als Belohnung in den paradiesischen Gärten „Jungfrauen, die noch kein Mensch und kein Geist vor ihnen berührt hat“ zu ihrem Genuß verspricht, so geht daraus hervor, daß die Keuschheit der Frauen für den Orientalen tatsächlich einen besonderen Wert haben muß. da sie ihm gewissermaßen ja als Belohnung und Freude des Paradieses vorgehalten wird.

Nur kann die Jungfräulichkeit, die Unberührtheit unmöglich ein sittlicher Wert, sondern muß ein sinnlicher in den „Wonnegärten Edens“ gewesen sein; denn die Keuschheit der Frau hat ja nur den einen Sinn, daß sie dem Manne versprochen wird, der sie in jenem höchsten Freudeleben des Jenseits zerstört. Der Besitz der „schwarzäugigen Jungfrauen, wie Perlen in der Muschel“, der Gotteslohn der Gläubigen im Paradies, spricht ganz eindeutig davon, daß die Keuschheit der orientalischen Frau nur für einen größeren Genuß des Mannes gefordert wird.

Damit haben wir gefunden, bei weither Rasse die Unberührtheit der Frau eine so augenfällige Rolle spielt und was hinter der Forderung der Keuschheit eigentlich steckt. Der Germane allerdings wäre kaum auf die Vorstellung einer jungfräulichen Mutter gekommen und hätte in ihr auch keinen höheren Wert erkennen können. Seine Göttinnen und die ihm lieben und hoben Frauen tragen mütterliche Züge und sind Mütter, Mütterlichkeit gerade erhöht sie. Wenn nun im Zuge einer eindringenden fremden Wertung die jungfräuliche Gottesmutter die mütterlichen Gottheiten Germaniens verdrängte, die Nonne über die germanische Sippenmutter gestellt und die Höherbewertung der Jungfräulichkeit als der Mütterlichkeit und Mutterschaft so lange dem germanischen Menschen eingehämmert wird, bis er sie in sein Gesittungsbild aufnimmt, so dürfen wir daran die ganze Tiefe des gewaltsamen Umbruchs germanischer Weltanschauung und die gewaltige Erschütterung des sicheren germanischen Lebensgefühls ermessen. Welchen Bruch im germanischen Menschen muß diese fremde Anschauung bewirkt haben, ehe sie germanische Bauerntöchter so weit aus der Sicherheit ihrer gesunden, lebensfrommen Weltanschauung heransriß, daß sie den Schleier nahmen, wie uns das von den Mädchen eines ganzen Dorfes berichtet wird!

Themenverwandt:
Die Ehre der germanischen Frau
Ehre ist das gemeinsame Ideal von Frau und Mann
Ebenbürtigkeit in der germanischen Ehe
Leitgedanken

Siehe auch, die deutsche Wehrmacht:
Die Deutsche Wehrmacht-Gedenktage der Luftwaffe
Die Deutsche Wehrmacht-Luftnachrichtentruppe
Die Deutsche Wehrmacht-Flakartillerie
Die Deutsche Wehrmacht-Luftwaffe-Seeflieger
Die Deutsche Wehrmacht-Luftwaffe-Jagdflieger
Die Deutsche Wehrmacht-Luftwaffe-Kampfflieger
Die Deutsche Wehrmacht-Luftwaffe-Aufklärungsflieger
Die Deutsche Wehrmacht-Luftwaffe-Bodentruppen
Die Deutsche Wehrmacht-Sonderausbildung
Die Deutsche Wehrmacht-Torpedo u. Torpedoboot
Die Deutsche Wehrmacht-Schiffsartillerie
Die Deutsche Wehrmacht-Seemansdienst und Leben
Die Deutsche Wehrmacht-Seemansdienst und Leben II
Die Deutsche Wehrmacht-Seemansdienst und Leben III
Die Deutsche Wehrmacht-Seemansdienst und Leben IV
Die Deutsche Wehrmacht-Kriegsschiffe
Die Deutsche Wehrmacht-Kriegsschiffe II
Die Deutsche Wehrmacht-Führung-Tradition-Parade
Die Deutsche Wehrmacht-Kasernenleben
Die Deutsche Wehrmacht-Kasernenleben II
Die Deutsche Wehrmacht-Ausbildung
Die Deutsche Wehrmacht-Ausbildung II
Die Deutsche Wehrmacht-Ausbildung III
Die Deutsche Wehrmacht-Infanterie
Die Deutsche Wehrmacht-Infanterie II
Die Deutsche Wehrmacht-Infanterie III
Die Deutsche Wehrmacht-Kavallerie
Die Deutsche Wehrmacht-Kavallerie II
Die Deutsche Wehrmacht-Artillerie
Die Deutsche Wehrmacht-Artillerie II
Die Deutsche Wehrmacht-Pionierdienst
Die Deutsche Wehrmacht-Pionierdienst II
Die Deutsche Wehrmacht-Nachrichtendienst
Die Deutsche Wehrmacht-Nachrichtendienst II
Die Deutsche Wehrmacht-Gebirgstruppen
Die Deutsche Wehrmacht-Kraftfahrtruppen-Motorisierung
Die Deutsche Wehrmacht-Kraftfahrtruppen-Motorisierung II
Die Deutsche Wehrmacht-Kraftfahrtruppen-Motorisierung III
Die Deutsche Wehrmacht-Übung und Manöver
Die Deutsche Wehrmacht-Übung und Manöver II
Die Deutsche Wehrmacht-Übung und Manöver III
Die Deutsche Wehrmacht-Übung und Manöver IV
Die Deutsche Wehrmacht-Ehrung der Fahnen der alten Armee
Die Deutsche Wehrmacht-Kesselpauker
Die Deutsche Wehrmacht-Fahnenkompanie
Die Deutsche Wehrmacht-Posten am Ehrenmal
Die Deutsche Wehrmacht-Parademarsch der Artillerie
Die Deutsche Wehrmacht-Parade der Panzertruppen
Die Deutsche Wehrmacht-Wachablösung am Brandenburger Tor
Die Deutsche Wehrmacht-Feierlicher Zapfenstreich
Die Deutsche Wehrmacht-Einzug der Rekruten
Die Deutsche Wehrmacht-Empfang von Bettwäsche und Eßgeschirr
Die Deutsche Wehrmacht-Zum ersten Essen in der Kaserne
Die Deutsche Wehrmacht-Bettenbauen
Die Deutsche Wehrmacht-Einkleidung auf Kammer
Die Deutsche Wehrmacht-Fahneneid

3. Reich Die Ehre der germanischen Frau

Das jeweilige sittliche Gebaren und die jeweiligen sittlichen Anschauungen und Satzungen, die die geschlechtlichen Betätigungsformen der Menschen innerhalb einer bestimmten Epoche regeln oder sanktionieren, sind die bedeutsamsten und bezeichnendsten Erscheinungen dieser Entwicklungsepoche. Die Wesensart jeder Zeit, jedes Volks und jeder einzelnen Klasse offenbart sich gerade darin am ausgesprochensten. Denn das Geschlechtsleben zeigt uns in seinen tausenderlei Ausstrahlungen nicht nur ein wichtiges Gesetz, sondern das Gesetz des Lebens überhaupt; die Ur« funktion des Lebens ist in dem sittlichen Gebaren, den sittlichen Anschauungen und den sittlichen Satzungen einer Zeit Form geworden. Es gibt keine einzige Form und keinen einzigen Bestandteil der Lebensbetätigung, die nicht durch die geschlechtliche Basis des Lebens ihren bestimmenden, zum mindesten einen charakterisierenden Einschlag bekommen hätten; das gesamte öffentliche und private Leben der Völker ist von geschlechtlichen Interessen und Tendenzen durchtränkt und gesättigt. Es ist das ewige und unerschöpfliche Problem und Programm, das keinen Tag von der Tagesordnung weder des einzelnen noch der Gesamtheit kommt.

Aber jede Zeit — und das ist das Entscheidende — hat dieses Geschehen anders geformt und seine Satzungen stets von neuem revidiert und korrigiert. Tausendfach und immer neu sind die Abstufungen innerhalb der Grenzen, in denen es sich bewegt: von der einen, wo es als kaum begriffene Naturkraft nicht viel mehr als ein bloßes animalisches Erfüllen war, zu deren Gegenpol, wo es sich zum köstlichsten Geheimnis des Daseins und zum Endpunkt alles Schöpferischen erhob, und wiederum zu jener Grenze, wo es der Stoff zu einer einzigen fortgesetzten Zote war und jedes Wort und alles Tun im Dienste eines orgienhaften Austobens der Sinne stand.

Auf Grund von alledem ist die Geschichte des sinnlichen Gebarens in den verschiedenen Entwicklungsstadien der Kultur nichts Geringeres als einer der Hauptbestandteile der gesamten Menschheitsgeschichte. In bestimmt umgrenzte Begriffe gefaßt, heißt das: Die Geschichte der geschlechtlichen Sittlichkeit umfaßt die wichtigsten Gebiete des gesellschaftlichen Seins der Menschen, also die Gesamtgeschichte der legitimen und der illegitimen Liebe (Ehe, eheliche Treue, Keuschheit, Ehebruch, Prostitution), der unerschöpflichen Arten des gegenseitigen Werbens im Dienste und Interesse der Geschlechtsbetätigung, der Sitten und Gebräuche, zu denen sich dieses verdichtet hat, der Begriffe über Schönheit, Freude und Genuß, der Ausdrucksformen im Geistigen (Sprache, Philosophie, Anschauung, Recht usw.) und nicht zuletzt der ideologischen Verklarungen durch alle Künste, zu denen der Geschlechtstrieb immer von neuem hinführt.

Weil die Geschichte des sinnlichen Gebarens der Hauptbestandteil der gesamten Menschheitsgeschichte ist, darum ist auch der Reichtum an Dokumenten, die in jedem Lande von ihm künden, nicht nur unerschöpflich, sondern es sammelt sich in ihnen auch das Größte und Bedeutsamste, das Raffinierteste und Ungeheuerlichste, aber auch das Blödeste und Trivialste, was der Menschengeist ausgesonnen und geschaffen hat. Die Resultate seines kühnsten Denkens, seiner göttlichsten Inspirationen und seiner peinlichsten Verirrungen vereinigen sich hier.

Aber von so fundamentaler Wichtigkeit eine Sittengeschichte, die sich speziell mit der geschlechtlichen Moral befaßt, für den nach historischer Erkenntnis der Vergangenheit ringenden Geist auch ist, und so reich die Quellen hier jedem Forschenden sprudeln, so ist die Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral in der modernen Geschichtswissenschaft doch ein überaus vernachlässigtes Gebiet. Wir besitzen in der deutschen Literatur beachtenswerte Arbeiten auf diesem Gebiete höchstens über das alte Rom. Dagegen existiert bis heute keine Sittengeschichte der Zeit seit dem ausgehenden Mittelalter, in der die verschiedenen Wandlungen in den Anschauungen und Forderungen der geschlechtlichen Moral innerhalb dieser Geschichtsperiode historisch dargcstellt und begründet wären. Wir haben eine Reihe Materialsammlungen und einige kleinere summarische Monographien über einzelne, enger begrenzte Fragen, Linder oder Zeitabschnitte. Das ist alles. Aber selbst dieses Wenige ist ganz unzulänglich, denn es befindet sich darunter kaum eine einzige Arbeit, die auf modernen wissenschaftlichen Gesichtspunkten aufgebaut wäre.

Von dieser Lücke möchte ich mit meiner Arbeit einen Teil austüllen. Aber trotzdem sic auf drei Bände angelegt ist, weiß ich, daß es nur ein sehr kleiner Teil sein wird, denn wirklich aus« gefüllt kann sie nur durch ein Riesenunternehmen werden, das eine ganze Bibliothek umfaßt und ein Heer von Spezialisten in Dienst stellt. Freilich diese Spezialkenner gibt es noch gar nicht. Und die Wenigen, die es gibt, haben keinen Sinn für die inneren Zusammenhänge aller Kulturcrscheinungen. —

In einer darstellenden Geschichte der geschlechtlichen Moral sammelt sich, wie gesagt, alles: das Edelste und das Gemeinste. Aber jede derartige Sittengeschichte wird darum doch viel mehr eine Unsittengeschichte sein, wenn man so sagen will. Das liegt in der Natur der Sache, weil das jeweils Moralische vorwiegend im Unterlassen besteht, also im Nichtdarstellbaren; das jeweils Un« sittliche dagegen stets im „Tun“, im Darstellbaren. Oder um ein Paradoxon zu gebrauchen: in der Geschichte der geschlechtlichen Moral ist das Negative häufig das einzig Positive. Eine Sitten« geschichte, die es unternimmt, die sämtlichen Probleme in ihrer Tatsächlichkeit, unbeirrt von angst, liehen und kleinlichen Bedenklichkeiten, zu schildern und in ihrem Wesen erschöpfend zu be« gründen, ist also keine Unterhaltungslektüre für schulpflichtige Kinder — solche Eigenschaften sind aber auch niemals der Ruhm eines ernsten Werkes.

Was sich von dem reichen Dokumentenmaterial, das mir zur Verfügung steht, trotzdem nicht für eine allgemeine Verbreitung eignet, oder die Darstellung ungebührlich beschweren würde, aber als wissenschaftliches Dokument wichtig ist, werde ich später in einem Sonderband vereinigen, der Gelehrten und Sammlern die nötigen Ergänzungen bietet.

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Schließlich möchte ich hier noch folgendes bemerken:

Mein Name ist in der Literatur mit der Geschichte der Karikatur verknüpft. Manche Leser werden infolgedessen wähnen, daß ich mich mit dem vorliegenden Werke nun auf ein anderes Gebiet begäbe. Diese Ansicht wäre durchaus irrig. So wenig ich meine Arbeiten auf dem Gebiete der Geschichte der Karikatur für abgeschlossen erachte, so wenig leiste ich mir mit diesem Werke eine Extratour. Meine gesamte wissenschaftliche Tätigkeit war immer der Kulturgeschichte zu« gekehrt; ich wollte mit meinen Studien in den historischen Entwicklungsgang der Gesellschaft ein« dringen. Auf diesem Weg ist mir die Karikatur begegnet. Als ich fand, daß ich durch sie Ein« blicke und Klarheit über Dinge und Personen erlangte, die mir nirgends sonstwo in derselben Prägnanz offenbar wurden, da erwachte in mir die Lust, die Karikaturen aus den verschwiegenen Mappen herauszuholcn, in denen viele jahrhundertelang unerkannt in ihrem Werte und darum auch unbeachtet geschlummert hatten. Mit den wachsenden Resultaten der mir immer reicher zu« flutenden Materialmenge und der immer fester sich gründenden Überzeugung, daß man es in der Karikatur mit einem wichtigen Hilfsmittel der Geschichtsrekonstruktion zu tun hat, erwuchs mir der Ehrgeiz, die Geschichte dieser eigenartigen Dokumente des Zeitgeistes zu schreiben.

Weil ich der Karikatur als Kulturhistoriker gegenübergetreten bin und in ihr vor allem die Wahrheitsquelle der Vergangenheit und Gegenwart für Sitten, Zustände, Ereignisse und Personen suchte, so habe ich die künstlerische Seite der Frage mit Absicht immer erst in zweiter Linie bc. handelt. Nicht daß ich diese Seite ihrer Bedeutung auch nur einen Tag verkannt hätte. Ja gerade deshalb, weil mir auch diese Bedeutung ungemein wichtig erschien, erblickte ich darin stets eine Spezialaufgabe für einen Ästhetiker. Und ich bin kein Ästhetiker.

Ich trete also, wie gesagt, nicht aus der Reihe, wenn ich jetzt eine Sittengeschichte heraus« gebe; ich werde meiner großen Liebe, der Karikatur, damit gar nicht untreu, so wenig wie ich meinen kulturgeschichtlichen Interessen damals untreu wurde, als ich es unternahm, die Geschichte der Karikatur zu schreiben: meine Werke über die Karikatur und die vorliegende Arbeit bewegen sich alle in denselben Gedankengängen.

Berlin-Zehlendorf, Frühjahr 1909
Eduard Fuchs

Text aus dem Buch: Illustierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Renaissance, Author Eduard Fuchs.

Illustrierte Sittengeschichte