Schlagwort: Kidrontal


Um Ostern wandelt die Christenheit der ganzen Welt im Geiste mit ihrem Erlöser den Schmerzensweg in Jerusalem. Der Palmsonntag erinnert uns an den Einzug Jesu in Jerusalem; der Gründonnerstag zeigt uns Jesus, wie er vor seinem Tode mit seinen Jüngern das letzte Mahl verzehrt und ihnen—als Beispiel seiner demütigen Gesinnung — die Füsse wäscht; der Charfreitag stellt uns unter das Kreuz auf Golgatha, und der Ostersonntag führt uns mit den Frauen an das leere Grab. Alljährlich bewegt sich um Ostern eine kaum zählbare Menge von Pilgern nach Jerusalem; ihnen genügt es nicht, im Geiste ihrem Erlöser nachzufolgen, sie wollen mit ihren eigenen Füssen den Weg wandeln, auf dem seine Füsse gestanden haben, und wollen mit ihren Lippen den Boden küssen, den seine Schritte berührt haben.

Wer die Stadt Jerusalem gut übersehen will, muss in das Kidrontal, das die Stadt im Osten wie ein tiefer, steiler Graben umzieht, hinabgehen und dann den Westabhang des Oelberges -hinanschreiten, dessen Gipfel durchschnittlich 50 m höher als Jerusalem liegen.

Die Bautätigkeit der letzten Jahrzehnt hat dem Stadtbilde Jerusalems eine grössere Mannigfaltigkeit verliehen. Während früher über die niedrigen, mit flachen Kuppeln überdeckten Häuser nur die schlanke Minarette der muslimischen Moscheen un einige grössere Kuppeln, emporragten, erblickt das Auge jetzt schon eine Anzahl vo ansehnlichen Kirchen, die nach abendländischer Weise ihren stattlichen Turm nebe sich haben.

Die berühmteste dieser Kirchen, die Kirche des Heiligen Grabes, wie wir Abendländer sagen, oder die Auferstehungskirche, wie sie das christliche Morgenland zu nennen pflegt liegt in dem westlichen Stadtteil, der vo dem Haram esch Scherîf durch ein jetzt verschüttetes Tal getrennt wird, das Jerusalen von Norden nach Süden durchzieht. Der altersgraue Bau liegt in der Mitte eines ausgedehnten Häuserviertels und ist nur an einer Seite, im Süden, durch enge Gasse hindurch für das grosse Publikum zugänglich. Vor dem Portal dehnt sich ein nicht grosser Vorhof aus, der in der Festzeit von regem Verkehr belebt wird. Da sitzen zahlreiche Verkäufer, die orientalische Tücher und Zierate, Sachen aus Olivenholz und Elfenbein, wie sie besonders in Bethlehem angefertigt werden, Rosenkränze und Wachlichter (oder auch Palmenzweige am Palmsonntage) den Pilgern und Fremden anbieten.

Deutsch-Amerikaner


Das berühmte griechische Kloster Mar Saba liegt in einer Schlucht des Kidronthales, welche Wadi En Nar, zu deutsch das Feuerthal,. heisst,- etwa drei Stunden von Jerusalem und fünf Stunden vom Westufer des Todten Meeres. Die Umgebung ist die schauerlichste Felsenwüste, die man sich verstellen mag. Auf dem Wege trifft man da, wo auf der Thalsohle noch etwas Gras und Kraut wächst, zahlreiche Spuren von Beduinenlagern. Eigenthümlich wirkt es auf das Gemiith, in dieser menschenleeren schweigenden Einöde plötzlich Glockengeläut zu vernehmen, und sehr überrascht findet sich der Reisende, wenn er plötzlich, um eine Felsenecke biegend, den Ort, von dem die Töne erklingen, vor sich sieht. Zn beiden. Seiten, der Schlucht, .an deren Rand die wohlgebaute Strasse hinaufführt, erheben sich schroffe, gegen vierhundert Fuß hohe Wände braunen Gesteins, vom Regen zerwühlt, vielfach gespalten und voll zahlreicher grosser und kleiner Höhlen. Links von der Strasse öffnet sich eine tiefe dunkle Schlucht. Nirgends ist ein Baum zu erblicken. Vor uns aber hängt mit seinen hohen Mauern, seinen Thürmen und Terrassen ein seltsames Felsennest, das mehr einer Ritterburg ais einer Wohnung friedlicher Mönche gleicht.

Wir gelangen vor die Pforte und legen in den Kasten, der an einem Strick über die Mauer herabgelassen wird, den Empfehlungsbrief vom griechischen Patriarchen, ohne welchen von den Insassen des Klosters kein Einlass gewährt wird. Frauen sind von hier wie von den Klöstern des Athos ganz ausgeschlossen, ebenso Beduinen. Mit jenen könnten unerlaubte Neigungen, mit diesen die Lust, das Kloster seiner Schätze zu berauben, sich einschleichen. Wir dagegen werden wohl aufgenommen und in gut eingerichteter Herberge nach der Weise griechischer Klöster, d. h. mit Fastenspeisen bewirthet. Auch zeigt uns ein Cicerone in Kaftan und Mütze des Kaloyers, der fliessend italienisch und französisch spricht, alle Merkwürdigkeiten des Ortes, soweit sie gewöhnlichen Sterblichen zu sehen erlaubt sind.

Wir besuchen, Trepp ab, Trepp auf geführt, die Hauptkirche des Klosters, die Höhle, in welcher der Gründer dieser Eremitengemeinde lange Jahre mit einem Löwen gelebt , das Grab dieses Heiligen und ähnliche erbauliche Gegenstände. Auf der untersten von den Terrassen, welche das Kloster und seine Nebengebäude tragen, haben die Mönche einen Gemüsegarten angelegt, in welchem etliche Granatbäume stehen. Ein Stück davon klettern einige Weinreben am Felsen empor, und wieder ein Stück davon erhebt sich eine Palme. Alles Andere ist Stein und abermals Stein. Die Kirche, hart am Abgrund gelegen und durch gewaltige Strebepfeiler vor dem Hinabrutschen in die Tiefe geschützt, ist halbdunkel und mit vielen nach der Schablone gemalten Heiligenbildern und mancherlei Gerätli von edlem.Metall geschmückt. In einer Nische am Eingang sehen wir einen mächtigen Haufen brauner Menschenschädel, nach Angabe unseres Führers nicht weniger als vierzehntausencl, und sämmtlich von Mönchen dieser Gemeinde herrührend, welche als Märtyrer ihres Glaubens gestorben sind. Die umliegende Wüste war in den frühesten Jahrhunderten des Christenthums ein eben so beliebter Zufluchtsort für weltmüde Seelen, als die Einöde von Theben in Oberägypten, und oft stieg die Zahl der hier in den Klüften und Grotten des Feuerthaies und seiner Nebenschluchton angesiedelten Anachoreten auf viele Tausende. Ein Verband zwischen diesen Einsiedlern fand bis zu Ende des fünften Jahrhunderts nicht statt, auch gab es kein Kloster. Da begab sich zu Anfang des sechsten Jahrhunderts der heilige Saba hierher, ein unerschrockener Eiferer gegen die Ketzereien, die damals in der morgenländischen Kirche aufgekommen. Er schloss eine Anzahl der Eremiten zu einer Klostergemeinde zusammen, machte das Feuerthal zum Sitz der kirchlichen Rechtgläubigkeit, die damals vorzüglich im Festhalten an der doppelten Katar Christi bestand, und erwarb sich dadurch den Ehrennamen „Stern der Wüste“ und, was ebenfalls nicht ohne Werth, die Gunst des orthodoxen Kaisers Justinian, der ihm das Kloster bauen und mit Festungswerken gegen die Räuber schützen half. Diese Werke vermochten indes starken Heeresmassen nicht Trotz zu bieten, und so wurde das Kloster in den folgenden beiden Jahrhunderten wiederholt mit Mord und Zerstörung heimgesucht. 614 drangen die Perser, die unter Chosroes Palästina erobert, auch in diese abgelegene Wüstenschlucht und hieben säinmtliche Mönche nieder, und 814, als unter den zwieträchtigen Söhnen des Chalifen Harun Er Raschids der Fanatismus der Sarazenen eine Verfolgung über die Christen des heiligen Landes verhängte, wiederholte sich jenes blutige Schauspiel in Mar Saba. Die Schädel aber hinter dem Gitter jener Kische sind Reliquien aus der Zeit jener Heimsuchungen des Klosters.

So wenigstens behauptet unser Kaloyer, der freilich von Zeit und Vergänglichkeit keine recht klaren Begriffe zu haben scheint. So meint er in seiner ehrlichen Einfalt, dass die Palme, die sich neben der Kirche erhebt, vom heiligen Saba selbst gepflanzt worden sei, also vor mehr als dreizehn Jahrhunderten, während sie dem nüchternen Auge allerhöchstens fünfzig Jahre alt zu sein scheint. So erzählt er uns ferner, jedenfalls in gutem Glauben, dass die Halle mit der steinernen Bank, die vor der Kirche liegt, die Stelle sei, wo Mar Saba — man denke, im sechsten Säculum nach Christus — seinen Kaffee getrunken. Und wie er an die Echtheit aller dieser heiligen Stätten glaubt, so glauben auch die zahlreichen griechischen und russischen Pilger an sie. Mit Rührung lassen sie sich zu den Schädeln führen, um sie zu küssen, mit der Geberde innerster Erbauung besuchen sie die etwas tiefer als die Kirche gelegene kleine achteckige Capelle, unter deren Kuppel einst der Leichnam Mar Saba’s gelegen, andachtsvoll betreten sie die Felscnkammer nicht fern von der Pilgerherberge, in welcher der heilige und rechtgläubige Mann sich mit seinem Löwen (der Löwe als Begleiter ist wohl aus dem Namen Saba, arabisch Löwe, entstanden) aufgehalten haben soll.

Neben dieser Felsenkammer wird noch eine andere merkwürdige Höhle im Bereiche des Klosters gezeigt. Dieselbe sah einst ein noch grösseres Kirchenlicht des christlichen Morgenlandes in sich leuchten, welchem die Mönche und Pilger allerdings — schon wegen des mangelnden Löwen — den Vorzug nicht zugestehen werden, welches aber selbst vom Abendland als bedeutend angesehen wird. Die betreffende Grotte wurde nämlich von dem berühmten Kirchenvater Johannes Damascenus bewohnt, der sich, nachdem er unter dem Namen Al Mansur Hofrath des Chalifen gewesen, in dieses einsame Kloster zurückzog und im Jahre 754 hier starb, nachdem er — vielleicht in jener Höhle — seine berühmte und bei der höheren griechischen Geistlichkeit noch heute in hohem Ansehen stehende und viel benützte Schrift: „Quelle des „Wissens“ verfasst hatte. Das Buch zerfiel in drei Abschnitte: Philosophisches, über Ketzereien und Auseinandersetzung des rechten Glaubens, war eine gelehrte Zusammenstellung aus Sentenzen älterer Väter und schloss, indem es die Ergebnisse der bis dahin durchgekämpften Glaubensstreitigkeiten zog, diese Streitigkeiten für die morgenländische Kirche auf ein volles Jahrtausend ab.

Ausser dieser Höhle zeigen die Mönche von Mar Saba auch in einem schönen alten Sarkophag das Grabmal des gelehrten Heiligen. Eine kostbarere Reliquie würden sie besitzen, wenn es dem Kloster geglückt wäre, auch die Bibliothek des berühmten Kirchenvaters zu retten, oder auch nur ein einziges Buch derselben, etwa seine Handschrift von dem grossen Werk des Irenaus gegen die Häresie. Indcss davon weiss und hält man in griechischen Klöstern seit Jahrhunderten schon sehr wenig. Die Wissenschaft ist von hier gewichen wie das Leben aus der Kirche. Die Fasten werden streng gehalten, die Liturgie bis auf das kleinste Pünctchcn nach der Regel abgesungen, das Ceremoniel vor den Heiligen und am Altar auf das Gewissenhafteste beobachtet. Was übrig bleibt von Zeit und Gedanken, wird weltlichen Dingen, der geschickten Ausnutzung der Pilger und ähnlichen Unternehmungen gewidmet. Für Studien hat man weder Müsse, noch irgendwelche Neigung, auch würden dieselben unmöglich sein, da es diesen Mönchen, die theils aus Griechenland, theils aus Russland hierhergezogen sind, an aller und jeder wissenschaftlichen Bildung mangelt.

Unter diesen Umständen und nach dem vermuthlich unvermeidlichen, weil von fast allen Reisenden erwähnten, Zank mit den Mönchen über die Bezahlung des Genossenen und das Bakschisch für das Gezeigte, bedauern wir nicht, von dem Kloster, das anfangs so stattlich und zugleich so friedlich vor uns aufstieg, sobald schon Abschied nehmen zu müssen. Einst ein Stern in der W iiste, ist Mar Saba zwar noch immer ein Stern für den müden Pilger, der durch die Wüste am Todten Meer hcraufkommt, aber nur ein solcher Stern, wie er auf Wirthshaus-schilder gemalt wird. Der Stern der Wissenschaft ist hier schon seit tausend Jahren erloschen.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan

Bilder aus dem Orient


Wieder nimmt uns die Legende an die Hand, diesmal, um uns zum Stephansthor hinaus zu führen. Hart vor demselben treffen wir die Stelle, wo der christliche Märtyrer, der dem Thor den Namen gab, von den Juden gesteinigt wurde. Nicht weit davon ist der Stein, von dem Maria der Hinrichtung zuschaute, ein paar Schritt weiter herauf der kleine Teich, in dem sie zu baden pflegte, auf dem Loden, des Thales endlich die Grottenkirche, in welcher sie von den Aposteln begraben wurde, um nach drei Tagen ins Paradies entrückt zu werden.

In die Grabkirche der Maria führen 48 breite Marmorstufen hinab. Der Eingang zu dieser Treppt ist ein schöner Spitzbogen. Auf der Mitte derselben zeigt man uns in zwei Nischen oder Seitencapellchen die Gräber der Eltern Marias und das des Joseph. Von der letzten Stufe tritt man in einen viereckigen Kaum, der nach Osten über die Breite der Treppe hinausgeht und hier einen Altar hat, an dem ein Sarkophag, bedeckt mit einer weissen, schwarzgeäderten Marmorplatte, als das Grab der allerseligsten Gottesmutter, der Verehrung der Gläubigen ausgestellt ist. Eine Menge von Hängelampen, Leuchtern, Strausseneiern und ähnlichem Schmuck und Zierrath bezeugen, wie gross diese Verehrung zu allen Zeiten gewesen ist.

Nicht fern von hier ist die unterirdische Höhle, in welcher Jesus in der Nacht seiner Gefangennehmung Blut schwitzte, jetzt eine kleine Capelle mit drei Altären, an welchen die Franciskaner des Salvatorklosters fleissig Messe lesen. Einige Schritte südlich von hier umschliesst eine Mauer einen viereckigen Garten mit acht alten Oelbäumen und wohlgepflegten Beeten von Rosen, Rosmarin und anderen Blumen. Ein Mönch öffnet uns die kleine Pforte, und wir stehen auf dem Boden von Gethsemane. Die Olivenbäume haben zwar gewiss nicht, wie der gute Frater uns sagt, das Leiden des Herrn gesehen, sie mögen drei bis vierhundert Jahre zählen. Die Mauer wurde erst vor einigen Jahren aufgeführt, und die Anlagen des Gartens sind ebenso neuen Datums. Dennoch ist nicht zu zweifeln, dass Gethsemane in dieser Gegend des Kidronthales sich befand, und da es gleichgiltig ist, ob ein paar Schritt weiter nach rechts oder links, so nehmen wir gern den Strauss und das Olivenzweiglein an, die uns von dem freundlichen Führer zum Andenken an diesen Besuch übergeben werden. Vor der Gartenthüre deutet die Legende auf einen Felsblock als denjenigen, an Avelchem Jesus die Jünger zurückliess, als er sich zum Gebet in die Grotte begab. Ein Stückchen höher den Oelberg hinauf liegt die Höhle, in der er sie bei seiner Zurückkunft eingeschlafen fand. Wieder eine kleine Strecke von hier küssen die Pilger den flechtenbekleideten Stein, wo Judas ihn mit einem Kuss verrieth.

Ein vielgewundener Pfad führt auf den Mittelgipfel des Oelberges, der sich etwa fünfhundert Fuss über die Sohle des Kidronthales und ungefähr halb so hoch über die niedrigsten Theile von Jerusalem erhebt. Die Aussicht nach Westen hin ist schon in einem früheren Abschnitte beschrieben. Die nach Süden und Osten ist nicht weniger schön und bedeutungsvoll. Sahen wir dort die Stadt mit ihren Heiligthümern, die Kuppel und den verfallenen Glockenthurm des heiligen Grabes, den Moscheengarten auf Moriah, den Tempelberg, den Davidsthurm und dahinter die Berggipfel von Judäa und Samaria, so erscheinen hier über den grauen Wüstenhügeln des Vordergrundes die schroffen Felsenkämme des Moabiterlandes, des Morgens rosenroth, überhaucht mit lichtblauen Schatten, am Tage in das einfache Graublau aller Ferne gekleidet. In der tiefen weiten Senkung unter ihnen aber zieht sich durch gelbes Wüstenland der dunkelgrüne Streif eines Flusswaldes hin, glänzt weiter südlich der blaue Spiegel eines grossen Landsees. Der höchste jener Berge im Südosten ist der, von welchem Moses zum ersten und letzten Male das gelobte Land überschaute. Der dunkelgrüne Waldstreif beschattet mit seinen Wipfeln die heilige Flutli des Jordan. Der blaue Landsee ist das Todte Meer.

Den Gipfel des Oelberges bedeckt ein ärmliches Dorf von etwa zwanzig Hütten, in dem sich das Minaret einer Moschee und daneben eine kleine achteckige Capelle befinden, die sehr schmucklos ist und nur durch die Thüre Licht erhält, aber eine sehr hochverehrte Reliquie einschliesst. Sie bedeckt nach alter Tradition die Stelle, von welcher der auferstandene Christus gen Himmel fuhr, und wer daran zweifelt, dein zeigt man nicht weit von der Thüre der Capelle einen gelblichen Kalkstein mit einer Vertiefung, welche wie der Abdruck eines rechten nach Mittag hingerichteten Menschenfüsses aussieht. Es ist, so erklärt die Legende, die Spur des Herrn, der von diesem Stein sich erhob, um fortan zur Rechten des Vaters zu sitzen.

Vom Mittelgipfel des Oelberges steigen wir nach dem eine Viertelstunde von hier auf dem südöstlichen Abhange des Berges gelegenen Bethanien hinab, welches jetzt nach dem von Johannes berichteten Wunder Einsarijeh, Lazarushausen heisst. Das Dorf selbst ist hässlich, halb Ruine, halb Kothhaufen. Dagegen ist die Umgebung mit ihren Getreidefeldern, ihren Oliven-, Feigen- und Mandelbäumen ein recht anmuthiges Bildchen. Die Einwohner sind Mohammedaner. Die christlichen Kirchen und Klöster, mit denen das Mittelalter den Ort schmückte, liegen in Trümmern, doch weiss die Legende, unsere Führerin, in dem Schutt noch manche Reliquien alter Zeit zu finden und zu deuten.

Auf einer Anhöhe im Südwesten des Dörfchens kommen wir zur Ruine eines grossen Gebäudes, dessen Mauern mit ihren mächtigen, fugengeränderten Quadern auf ein hohes Alterthum zurück weisen. Die gelehrte Forschung meint darin das Gebäude zu sehen, welches im zwölften Jahrhundert von der fränkischen Königin Melesendis für das Kloster angekauft wurde, das sie hier gründete. Wer es erbaut, ist unbekannt. Die Ueberlieferung der Mönche erblickt in ihm das Schloss, in welchem Lazarus, der Freund Jesu, mit seinen Schwestern Martha und Maria gewohnt habe.

Eine andere Ruine soll das Haus Simons des Aussätzigen sein. Ferner zeigt man uns im Osten des Ortes einen Stein, an welchen schon die Zeit der Kreuzfahrer die Begegnung des Heilandes mit Martha, die im elften Capitel des Johannesevangeliums berichtet wird, verlegen zu dürfen meinte.

Von grösserem Interesse ist das sogenannte Grab des Lazarus, welches ohne Zweifel eine Bejrräbnissstätte des Alterthums ist. Dasselbe befindet sich im Nordwesten des Dorfes und gehört einem Feliah, der gegen Bakschisch, mit einem AVachsstock versehen, den Pilgern als Führer in dem unterirdischen Raume dient. Ein viereckiges Loch lässt uns auf eine schmale Treppe hinabblicken. Das Licht voran, steigen wir auf fünfundzwanzig steinernen Stufen in ein Felsengewölbe hinab, wo ein kleiner Maueransatz in einem Winkel als Altar dient, und aus dem wir über zwei sehr hohe Stufen nicht ohne Beschwerde in einen tiefer gelegenen, etwa sieben Fuss langen und ebenso breiten Raum gelangen. Hier war nach der Ueberlieferung die Stätte, wo Lazarus lag, als Jesu Stimme ihm das erweckende

„Lazarus, komme heraus!“

zurief.

Nicht blos die Christen, sondern auch die Moslemin halten die Stelle heilig, und zwar schon seit Jahrhunderten. Eine zu Ende des zwölften Jahrhunderts zur Moschee umgewandelte kleine Kirche enthielt früher das Lazarusgrab als unterirdische Capelle. Diese Moschee grenzt noch heute unmittelbar an die Grabhöhle, und war einst auch den Christen geöffnet. Als die mohammedanischen Besitzer derselben aber immer mehr Schwierigkeiten machten, den Andersgläubigen den Zutritt in ihre Moschee und durch diese in das Grab zu gestatten, wurde der jetzige Zugang angelegt. Wenn also die Gruft überhaupt echt wäre, so könnte wenigstens Jesus nicht hier im Osten gestanden haben, als er das Auferstehungswunder vollbrachte.

Indess sind alle solche Fragen ziemlich müssig. Es ist genug an den unzweifelhaft echten Alterthümern Jerusalems und seiner Umgebung. Das Bewusstsein, hier allenthalben auf einem Boden zu stehen, auf dem der Herr gewandelt, wird auch den, welcher nicht an alle einzelnen Reliquien glaubt, in gerührte Stimmung versetzen und erhabene Erinnerungen wecken. Im Uebrigen aber ist der Geist nicht an Holz und Stein gebunden, und der Himmel überall Himmel und überall gleich fern für den Gottlosen, gleich nah für den Frommen und Gerechten. Das heilige Land ist eine ungeheure Kirche, Jerusalem sein Chor, das heilige Grab sein Hochaltar. Aber ein edles Gemüth kann auch ausser der Kirche und fern vom Altar sich erbauen, sich heiligen und bei Gott sein.

Es ist das eben keine neue Wahrheit. Indess wird sie von Wallfahrern aller Glaubensgenossenschaften so häufig ausser Acht gelassen, dass, sie zu erwähnen, auch hier nicht unangemessen schien.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem

Bilder aus dem Orient