Soll aber die Behandlung wirklich erfolgreich sein, so müssen gewisse Voraussetzungen unbedingt beachtet werden:

1. Am besten ist es, wenn in einer jungen Ehe die Frau nach zweijähriger Unfruchtbarkeit den Rat des Arztes sucht. Die Frühbehandlung ist gerade im Kriege bei beschränkter Empfängnismöglichkeit von großer Bedeutung. Wenn Eheleute erst im fortgeschrittenen Alter, d.h. jenseits des 35. Lebensjahres, nach langdauerndern kinderloser Ehe kommen, zeigt sich oft, daß das Eheleben schon seelisch stark gelitten hat; die Schwierigkeiten sind dann ganz besonders groß.

2. Um eine Unfruchtbarkeit von seiten des Mannes von vornherein auszuschalten, ist in jedem Fall die Untersuchung des männlichen Samens erforderlich. Diese kann in jedem Lazarett vorgenommen werden.

3. Wenn irgend möglich, ist nach Vereinbarung mit dem Kompaniechef der Urlaub so zu regeln, daß er gerade in die für eine Befruchtung günstige Zeit fällt (vom zehnten Tag nach dem ersten Tag der letzten Monatsblutung bis zur nächsten Regel).

4. In der Zwischenzeit, also auch schon vor dem Urlaub des Mannes, muß die Frau ihren Hausarzt oder gleich die Beratungsstelle aufsuchen, damit alle Vorbereitungen schon getroffen werden können, Es hat keinen Sinn, erst dann zu kommen, wenn der Urlaub schon abgelaufen und ohne den gewünschten Erfolg geblieben ist.

Es ist schon deshalb wesentlich, vorher zu erscheinen, weil am Anfang jeder Behandlung eine Röntgenuntersuchung steht, die erfahrungsgemäß ihrerseits oft schon einen überraschenden Erfolg bringt, wenn die Ehegatten bal nachher zusammen sind.

5. Schließlich muß die Frau sich darüber im klaren sein, daß die Behandlung unter Umständen lange dauert, und dann große Geduld erfordert. Die Beratungsstelle wird alles tun, um die Verbindung im Briefwechsel aufrechtzuerhalten. Das Geheimnis zum Erfolg liegt nämlich in jedem Fall in der Planmäßigkeit der Behandlung.

Da nun tatsächlich jede unfruchtbare Frau zunächst die Aussicht hat, bei genügend langer und in Geduld ausharrender Behandlung ihren Wunsch erfüllt zu sehen, entbehrt es jeder moralischen Grundlage, wenn man sich unter dem Vorwand der Kinderlosigkeit ohne weiteres von seiner Frau trennt, bevor nicht alle Möglichkeiten der Hilfe ärztlicher Kunst erschöpft sind.

Ernsthaftigkeit, Freiwilligkeit und der heiße Wunsch, sein Eheglück in einer gesunden, reichen Kinderzahl erfüllt zu sehen – eine innere Einstellung, der kein Opfer zuviel wird -, trägt entscheidend bei zum Erfolg der ärztlichen Heilmaßnahmen.

Oberarzt d. R. Dr. Hans Sievers,
Assistent der Universitäts-Frauenklinik, Greifswald

Siehe auch:
vom Kinde
Im Muttertum liegt die höchste Ehre der Frau
Ehre ist das gemeinsame Ideal von Frau und Mann
Arbeitsmaiden und Kinder im 3. Reich
Arbeitsmaiden im 3. Reich
In bäuerlicher Gesittung lebt die germanische Ehrauffassung weiter
Germanengut im Zunftbrauch
Zucht ist angewandtes Wissen von der Vererbung
Der Wald als Lebensgemeinschaft
Der Wegweiser

Leitgedanken

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Das römische Reich fühlte sich noch nicht gesättigt. Es hatte noch Hunger nach Land, und immer mehr Land. Trotz der Mahnung des alten Augustus, sich mit dem Erworbenen zu begnügen, und trotz der im gleichen Sinne tätigen Praxis des Tiberius († 37) erweiterten die Feldherrn der folgenden Kaiser neuerdings die Grenzen des Reiches. Sie durchschritten den Hoch-Atlas. Sie führten die Eroberung Britanniens durch. Sie drangen in Südalgerien und Transkaukasien vor. Zugleich hielt man es für notwendig, an den verschiedensten Plätzen Flottenstationen anzulegen. Am Ärmelkanal und in seiner Nachbarschaft wurden gleich mehrere Stationen gegründet. Andere wurden in Spanien errichtet. Am wichtigsten war eine Anlage in Südarabien, die von Adana. Die Stadt, die am Eingang des Roten Meeres liegt, das heutige Aden, wurde um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts von den Römern als Flottenstützpunkt ausgebaut. Der Verkehr mit Südasien belebte sich. Eine Gesandtschaft, unter Rachias, reiste von Ceylon nach Rom. Sie erzählte dem Kaiser Claudius († 56), der sich für entlegene Forschungen interessierte und der sogar ein Buch über das Etruskische verfaßte, daß einige Ceyloner bis China gelangt seien. Wir haben oben gesehen, wie ärgerlich bei dem abendländischen Handel mit China die hemmende Zwischenstellung der Parther empfunden wurde. Man verfiel jetzt auf Mittel, um diese Stellung zu umgehen und diese Zwischenstellung der Parther auszuschalten. Die Umgehung konnte auf zweierlei Wegen ausgeführt werden: zu Lande im Norden und zur See im Süden. Tatsächlich haben denn auch die Kaufleute des Westens beide Wege benutzt. Der Geograph Marinos von Tyrus, also ein Semit, und nicht minder Plinius, gibt uns darüber genauen Aufschluß. Aus den Karten des großen Geographen Marinos (um 90 n.Chr.), dessen Aufzeichnungen später Ptolemäus benutzte, erkennen wir mitStaunen, wie groß schon damals der Kreis der bekannten Welt war. Er erstreckte sich von Irland und Südschweden bis nach Senegambien und derSophala, von dem Atlantischen Ozean bis Formosa und Java. Von unserer ganzen Halbkugel waren nur Südafrika und Westafrika und Asien nördlich vom Hoangho den Alten nicht bekannt, wenn auch die Vorstellungen über die Grenzen der entfernteren Striche oft reichlich verschwommen waren, dergestalt, daß man zum Beispiel einen Landzusammenhang zwischen Südafrika und Java annahm.

In Afrika hatte man von den himmelhohen, mit ewigem Schnee bedeckten Vulkanen und von den großen Seen der Mitte schon deutliche Kunde erhalten. Selbst über Tibet und die Tartarei wußte man einigermaßen Bescheid. Die Grenzen des Wissens nach Osten waren die „Insel des Jabadios“, d. i. das Eiland (indisch Diwa oder Diu) Java, ferner die Maniolä-Inseln, d. i. Manilla und „das Eiland der Satyre“, ein Name, der auf Formosa geht. Der Satyr trägt nämlich einen Bocksschwanz, und die wilden Formosaner hatten bis in die Neuzeit die seltsame Sitte, sich zu ihrer Galaausstattung Zierschwänze hinten anzubinden. Münzfunde haben die weite Ausdehnung des antiken Handels bestätigt. Man hat Römermünzen in den nordchinesischen Provinzen Schensi und Schansi, und in den Ruinen von Zimbabwe, südlich vom Sambesi, ausgegraben; nicht minder im Kongogebiet. Byzantinische Münzen sind sogar in der fernen Tundra, bei den Jakuten aufgetaucht.

Die Festsetzung in Aden fiel zeitlich mit einer wichtigen Entdeckung zusammen. Hippalos bemerkte, daß die Winde im Indischen Ozean eine Zeit lang von West nach Ost, und dann wieder monatelang ohne Unterbrechung von Ost nach West wehten. Er entdeckte das Gesetz der Monsune. Für die Seefahrt war das von großem Belang. Ein Schiff konnte nun sicher sein, wenn es den indischen Ozean durchkreuzen wollte, zu einer bestimmten Jahreszeit günstigen Wind zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten die Anwohner des Indischen Ozeans schon längst die Gewohnheit des Monsuns beobachtet, und der griechische Ankömmling hatte die Sache von den Uferleuten gehört. Genug, der griechische Reisende teilte jetzt die Beobachtung der Kulturwelt mit, und der Handel nach Südasien erhielt dadurch einen mächtigen Anstoß.

Der Verkehr mit Ostasien wollte aber, trotzdem neue Handelswege entdeckt waren, auf keinen befriedigenden Fuß kommen. Der Grund hierfür war sehr einfach. Die betriebsamen, aber äußerst genügsamen Chinesen wollten nur verkaufen und schönes Silber einnehmen, allein sie waren nicht dazu zu bringen, auch ihrerseits Waren von dem Abendlande einzutauschen und dafür Geld auszugeben. So kam es, daß die Westwelt mit Seide und chinesischem Eisen überschwemmt, aber von Silber ganz entblößt wurde. Der Verlust an Silber, den das römische Reich während eines Jahrhunderts durch den Seidenhandel erlitt, belief sich auf zwei Milliarden Mark. Die damaligen Volkswirte wurden die Gefahr wohl gewahr, sahen jedoch kein Mittel, um sie gründlich zu beseitigen.

Einstweilen aberwuchsallenthalben im Römerreicheder Wohlstand der Bewohner. Kriege wurden in der Hauptsache nur noch an den entlegenen Grenzen geführt. Das öffentliche Leben wurde von keinen großen Fragen berührt. Es beschränkte sich auf Lokalpolitik. Für den Schutz des Eigentums sorgte hinreichend das Kaisertum. So hatten die Untertanen nichts anderes zu tun, als dem Erwerb nachzugehen. Abwechslung brachten nur friedliche Feste und religiöse Mysterien. Bereichert euch! Vergnügt euch! so der Wahlspruch des Kaisertums. Dafür wurde nichts anderes verlangt als regelmäßige Steuerentrichtung und Loyalität gegen den Kaiser. Nicht einmal Waffendienst wurde gefordert, denn das Heer bestand jetzt fast ausschließlich aus Söldnern. Auf jede Art leistete die Regierung der Erwerbs- und Vergnügungssucht Vorschub. Die Massen sollten angenehm beschäftigt sein, damit sie sich nur nicht um Politik kümmerten. In Rom waren glänzende Feste, namentlich Zirkusspiele, an der Tagesordnung; aber auch die anderen Städte Italiens und der Provinzen folgten bald diesem Beispiel. Ob dieser oder jener Gladiator in der Arena siegen werde, ob Quintus besser singe und schauspielere als Publius, ob die Prinzessin Messalina ihrem Gatten treu sei oder nicht, das war dem Pöbel viel wichtiger, als eine Schlappe in einer afrikanischen Kolonie, als ein Erfolg über Armenier und Parther.

Durch die geistreichen Ausfälle der Satiriker und die trockenen inschriftlichen Zeugnisse, weiter durch den scharfen Tadel der Kirchenväter sind wir über das gesellschaftliche, wirtschaftliche und religiöse Leben der Kaiserzeit besser unterrichtet, als über irgendeine Epoche vor der Renaissance. Allerdings wird man bei den redseligen Schilderungen zwischen dem Treiben der Großstadt und den Sitten auf dem Lande, die uns weniger bekannt sind, scheiden müssen. In der Großstadt ist man nie Herr seiner Zeit. Ein lärmendes, inhaltloses Leben ist nicht selten. Es entwickelt sich das Talent zum beschäftigten Müßiggang. An unsere Kaffeehausgenies erinnert die schola poetarum. Bei den Gastmählern ließen sich professionelle Rezitatoren und Anekdotenerzähler bewundern. Die Kinderlosigkeit nimmt zu. Ebenso die Zahl der Ehescheidungen. Seneka spottet, manche Frauen zählten ihre Jahre nicht nach der Konsularepoche, sondern nach ihren verschiedenen Männern. Das oberste Gesetz der Gesellschaft war die Sucht nach Vergnügen und die Lust an Theater und rauschender Musik. Aus dem häufigen Theaterbesuch der Frauen gingen vielfach Verhältnisse mit Schauspielern, Sängern, Gladiatoren und Zirkuskünstlern hervor. Naturgemäß war, um alle Vergnügungen auszukosten, ein großes Vermögen notwendig. Die Kaiser selbst gingen mit dem Beispiel der Üppigkeit und der Verschwendung voran. Der Bauluxus hatte allerdings schon in der Zeit Cäsars begonnen. Aber jetzt erst, seit Caligula, wurde dieser Luxus..übertrieben und geriet mitunter in das Gebiet geschmackloser Übertreibung. Das Kolossale und das gesucht Seltsame wurde Trumpf. So brachte man an den Decken der Speisesäle bewegliche Felder an. Ganze Seen wurden zugeschüttet, um der Bauwut zu fröhnen oder auch umgekehrt auf dem festen Lande Seen ausgegraben. Keine Familie, die etwas auf sich hielt, die nicht ein prächtiges Landhaus, womöglich in Bajä, oder besser noch, mehrere Villen an verschiedenen Stellen besessen hätte. Die Freude des Zeitalters an der äußeren Form, an der Schönheit der Erscheinung zeigte sich besonders auch in dem Bau großer Bäder. Wenn es früher Sitte gewesen war, sich nur alle acht Tage zu baden, so wurde es jetzt zur täglichen Gewohnheit. Manche badeten gar zweimal des Tags, wobei zu bedenken ist, daß ein Bad immer so zwei bis drei Stunden in Anspruch nahm. Den Kirchenvätern erschien solches Beginnen als törichter Zeitvertreib, womöglich als sündhaft; im Lichte unserer Sonnenbäder muß man jedoch den gesundheitlichen Wert selbst langausgedehnter Kleiderlosigkeit anerkennen. Es fehlte nicht an den vielfachsten Marotten beim Bauen. Die gewöhnlichste war das „arme Zimmer“ entsprechend der Bauernstube in Berliner Villen. Nicht minder war der Kleiderluxus groß. Besonders war Seide sehr gesucht. Stöhnend berechnet der alte Plinius, daß in keinem Jahre weniger als für zwölf Millionen Mark Seidenstoffe ins Römerreich kamen; dabei wurden höchstwahrscheinlich für die Versteuerung die Stoffe zu niedrig angegeben; auch hatte das Geld damals einen weit höheren Wert. Im ganzen, so berechnete Plinius, verlor Rom alljährlich beinah 22 Millionen Mark an China. Denkt man sich diesen Verlust durch drei bis vier Jahrhunderte fortgesetzt, so kommt man auf sechs bis acht Milliarden und man begreift, da die Chinesen durchaus nichts vom Abendland kaufen wollten, daß dieser passive Handel der Wirtschaft des Westens eine unheilbare Wunde schlug.

Der Stil der Baukunst war seit Trajan beständig gesunken. Der Bogen des Septimius Severus weist schon eine schlimme Vergröberung der Formen auf. Auf der anderen Seite griff eine unkräftige Geziertheit um sich. Die gleichen Erscheinungen im Schrifttum. Die Schulbildung nahm schon im zweiten Jahrhundert ab. Die Sprache der Inschriften läßt seit 200 eine zunehmende Barbarei erraten. Auf der anderen Seite aber erfreute sich das Gekünstelte und Uberkühne, das schon mit Petronius begonnen, wachsender Beliebtheit. Der Stil der Biographen der späteren Kaiser bedeutet einen jähen Absturz.

Im Kunstgewerbe und überhaupt im Handwerk ist das auffälligste Merkmal die steigende Arbeitsteilung. Bei den Silberschmieden hatte jedes Gefäß bis zur Vollendung durch viele Hände zu gehen. Es gab eigene Geschäfte für Grabdenkmäler. Der eine gab zu einem Unternehmen das Kapital, der andre übernahm die technische Leitung. Es gab Innungen der Handwerker und Händler, die man heutigen Gewerkschaften vergleichen kann. Der Kleinhandel war sehr differenziert. Man hatte verschiedene Geschäfte für die verschiedenen Arten von Mänteln und von leichten Sommerkleidern, hatte eigene Handlungen in Drogen, Farben, Salzen, Toilettegegenständen.

Von absonderlichen Sitten wäre zu vermerken, daß gelegentlichTiere, z. B. im Jahre 35 ein beim Volk beliebter Rabe, unter großen Feierlichkeiten begraben wurden. In der Gegenwart kommt es ja auch wohl vor, daß extravagante alte Fräulein Lieblingsvögel und -katzen, und daß alte Junggesellen Hunde und Affen prunkvoll begraben lassen.

Divus Cäsar war der amtliche Titel schon zur Zeit des Augustus. In der Folge wurden Standbilder der Kaiser aufgestellt, denen man zu opfern hatte. Bei Christenprozessen wurde dies gern als Probe genommen. Wer opferte, wurde freigelassen; wer sich des weigerte, mußte in die Arena oder in die Verbannung. Das umständliche Zeremoniell, das mit unsrem Begriff von Byzantinismus eng verknüpft ist, war wohl in den ersten Jahrhunderten noch nicht sehr entwickelt; wohl möglich, daß es unter der severischen Dynastie schon recht bemerkbar war. Seine richtige Entfaltung nahm es jedoch allem Anschein nach erst seit Konstantin. Der Orient, namentlich Persien, ist hier anerkanntermaßen von beträchtlichem Einfluß gewesen. Eins war aber schon lange vor Konstantin gangund gäbe: Geheimdienst und Spionage. Hadrian richtete eine weitverzweigte Geheimpolizei ein, wie sie der Gegenwart aus der Herrschaft Abdul Hamids bekannt ist.

Vor dem Kaiser erblaßte der Glanz des Adels. Bis auf Hadrian spielten einzelne Generäle und Statthalter, die dem Hochadel entstammten, noch eine gewisse selbständige Rolle. Danach aber galten auch die erfolgreichsten Feldherrn und Gouverneure, zumal sie immer häufiger aus niederem Stande in die Höhe gekommen waren, nur noch als Beamte, die gänzlich vom Willen des Kaisers abhingen. Ein Moderatorund ein Praefectus equitum schwang sich entweder selbst zum Cäsar auf, oder aber er blieb neben dem Kaiser eine Null wie die anderen. Die Politik des Kaisertums war ausschließlich auf die Hebung der unteren Stände gerichtet. Sie suchte auch die Kluft, die bisher immer noch zwischen Römern und Nichtrömern bestanden hatte, auszugleichen. Caracalla (211—217) verlieh sämtlichen Freien im Imperium das Bürgerrecht. Damit war das Privileg Italiens und einiger Städte draußen aufgehoben. Ohnehin gravitierte das Imperium bereits nach Osten.

Die großstädtische Gesellschaft war ein günstiges Tummelfeld für alle möglichen Arten von Scharlatanen. Ärzte, die mit ihren großen Allüren ihre Patienten entzückten, wußten ihnen gewandt das Geld aus der Tasche zu ziehen. Ein besonderer Humbug, den solche Scharlatane trieben, war das Befragen der Sterne. Sie bestimmten die Mahlzeiten nach dem Stande der Planeten. Sie erklärten, daß die Krankheit nur gefährlich werde, wenn der Mond im Stier, Löwen oder Wassermann stehe, aber ungefährlich sei, wenn der Mond durch den Widder oder Krebs gehe. Überhaupt war Astrologie weit verbreitet. Unter Alexander Severus wurden sogar Lehrstühle für sie errichtet. Griechische und orientalische, besonders ägyptische Astrologen gingen in den Palästen aus und ein. Firmicus Maternus schrieb 350 ein vielgelesenes Buch über Astrologie, die für eine aristokratische Wissenschaft galt. Ein Augustinus hatte als Jüngling große Neigungzu ihr. Tischklopfen, Prophezeihen aus den verschiedensten Zeichen, Nachtwandeln und Traumdeutungen waren im Schwang. Bereits teilte man in Stufen ein: die kleineren Zeichendeuter oder -deuterinnen prophezeiten aus den Gesichtszügen, aus der Hand, aus Würfeln, aus Käse und Feuer, die größeren aus der Gruppierung der Gestirne. Aber es gab auch schon Winkelastrologen, die, an der Hand von leichtzubeschaffenden Tabellen, für ein Billiges die Geburtskonjunktur zurückberechneten.

Der erwähnte Firmicus sagt: Nur der Kaiser hängt nicht von den Gestirnen ab. Er ist der Herr der ganzen Welt, die er durch das Urteil des höchsten Gottes lenkt. Er selbst gehört zum Kreise der Götter, welche die Urgottheit zur Vollbringung und Erhaltung aller Dinge eingesetzt hat. Diese Äußerung gibt einen trefflichen Vorschmack von dem Byzantinismus, der mit und seit Justinian sich noch herrlicher entfalten sollte.

Naumanns Zweiheit „Demokratie und Kaisertum“ ist beiden imperialistischen Zeiten gemeinsam, der Gegenwart und Spätrom. Gemeinsam auch das Großgewerbe, Aufstände des Pöbels, Militarismus und Bureaukratie. Die Sklaverei wird, wie schon einmal in einer imperialistischen Epoche, in der Zeit Hammurabis, so wieder seit Cicero und Seneka, milde und wird von den ersten Christen überhaupt nicht anerkannt; in der Gegenwart wird die Leibeigenschaft aufgehoben und in Brasilien und Afrika die Sklaverei abgeschafft. Der Gedanke der Humanität hatte schon in der damaligen Zeitenwende weite Kreise ergriffen; es wurde geradezu Sitte, im Testament möglichst viele Sklaven freizulassen, die Freigelassenen jedoch brachten es nicht selten zu Ansehen und großen Reichtümern. Unter Claudius und später unter Kommodus suchten Freigelassene sich sogar der Staatsverwaltung zu bemächtigen. Heutige Dienstboten, die gewiß nicht bescheiden sind, stellen noch nicht entfernt die Ansprüche, wie sie damalige Angehörige des dienenden Standes sich häufig anmaßten.

Bezeichnend ist weiter für die spätere Kaiserzeit das Emporkommen einer vielverzweigten Beamtenschaft.

Willst du dich selber verstehen,

So sieh, wie die andern es treiben!

Die Geschichte Roms liegt offen vor uns. Sie hat keine Geheimnisse mehr vor unseren Augen. Die Elemente der Gegenwart sind indessen noch keineswegs so klar und deutlich, und wohin unsere Zeit schreitet, ist ganz in Dunkel gehüllt. So mag genauere Betrachtung des römischen Imperialismus und seiner Kultur uns Fingerzeige für unseren eigenen geben.

Apulejus war der Zola des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts. Sein „goldener Esel“ leistet Erkleckliches an Hautgout und Naturalismus. Das Schauspiel und die Welt der Großstadt spielt in seinen Romanen eine große Rolle. Dann hat er aber noch eine Besonderheit, die man zwar nicht bei Zola, aber bei den Spiritisten von heute trifft. Ein förmliches System der Geister macht sich bei ihm breit. Schlosser, der Historiker, sagt: Apulejus hat

„dadurch den groben Naturalismus gefördert, der aus allen solchen Theorien von übersinnlich erklärten, sinnlichen Erscheinungen hervorgehen muß, weil dabei das Geistige als etwas einer Gasart Ähnliches, folglich als etwas Körperliches, aufgefaßt wird. Die platonischen Ideen mißbrauchend, setzt er dem Aberglauben eine Art von Zauberkunst entgegen, welche auf einer geheimnisvollen Erkenntnis der Natur beruhe, mit mystischen Weihen und Symbolen zusammen hänge, und die Fähigkeit gewähre, künftige Ereignisse vorauszusehen und Wunder zu tun.“

Ähnlich haben in der Neuzeit die llluminaten, die frommen Frauen, von Krüdener und die Blavatzky, theosophische Systeme ersonnen, der Telepathie das Wort geredet, und die Zukunftzuerkennengelehrt.Dem Mißbrauch der philosophischen, platonischen Philosophie entspricht dabei heute eine übertreibende und grundsätzlich verkehrte Auslegung des Buddhismus. Das Gesundbeten, spiritistische und hypnotische Experimente, haben bei Hofe und in Privathäusern, ja sogar an Universitäten, Triumphe gefeiert.

Derselbe Schlosser meint:

„Der alte Volksglaube war den Fortschritten der Bildung erlegen. Da jedoch das Staatswesen zu innig mit der Staatsreligion verbunden war, so mußte man den seelenlos gewordenen Kultus der Vorfahren beibehalten, und dem abgestorbenen Glauben durch Gewalt und äußeren Schein zur Hilfe kommen. Die Feste und Feierlichkeiten, die Opfer und Mysterien, die Priesterwürde und die heilige Sage, kurz, der ganze Nationalkultus verlor seinen Sinn und seine Bedeutung. Dazu kann man von Rußland bis England, und bis zum spanischen Amerika, so manche Gegenstücke heute aufweisen.“

Ohne Zweifel war die spätere Kaiserzeit ein Zeitalter der decadence. Das bedeutet nicht, daß sie für das Menschengeschlecht wertlos war. Man schilt immer auf die decadence. Sie ist jedoch eine notwendige Folge der Kultur. Alle Kultur zermürbt. Alle Städte sind mehr oder weniger angreifend und machen nervös. Aber schließlich ist es das Schicksal des Brotes und des Weines, gegessen und getrunken zu werden; nur so kann es und er wirken und stärken. Ebenso muß die Gesundheit der Völker von der Kultur verzehrt werden, wenn anders die Kraft und Gesundheit Nutzen tragen soll. Decadence ist öfters nur ein anderes Wort für die Vollendung der Kultur.

Freilich ist sie auch die Abnahme der Lebenskraft und zuletzt das Aufhören starker Interessen.

Die Politik verschwand, außer bei wenigen Familien der Hauptstadt, fast ganz aus dem Denken der Zeit, und beschränkte sich bald nur noch auf Angriffe und Intrigen gegen mißliebige Verwaltungsbeamte. Wo sollte auch Politik herkommen in einem Reiche, dessen Verfassung für Jahrhunderte hinaus geregelt war, das so ziemlich alle Religionen duldete, das kein Parlament besaß, für das auswärtige Fragen kaum bestanden, da eben, außer den fernen Parthern überhaupt keine auswärtige Macht vorhanden war, mit der man in Reibungen kommen konnte? In keinem Falle konnten sich über Hauptprobleme der äußeren oder inneren Politik Parteien bilden, denn die ganze innere Politik hieß: Gehorsam gegen den Kaiser, und die ganze äußere Politik: Niederwerfung der Feinde. Dachte einer anders, so war es in beiden Fällen Hochverrat. Kein Wunder, wenn durch den Mangel an Streitfragen und Parteiungen das Leben verarmte, wenn die Kunst, großer Anregungen bar, versandete und verflachte. Da aber das Leben einen Inhalt haben muß, so wandten sich die Menschen, die auf der Erde nicht viel mehr zu tun hatten, als ihren Bauch zu füllen, der Erde ab und dem Himmel zu. Die Neigung zu dem Übernatürlichen wuchs. Ein empfänglicher Boden für das Aufsprossen neuer Religionen war vorbereitet.

Das einzige Ereignis, was ab und zu die Gemüter in Bewegung setzte, war die Thronbesteigung eines neuen Kaisers. Diegeschah selten ohne große Erschütterungen. Gerade der erste Usurpator des Thrones, bloß Augustus war eines natürlichen Todes verblichen. Der staatsmännische, kühle, menschenverachtende, und zuletzt menschenscheue Tiberius, der genial-verrückte Hanswurst Caligula, der wohlmeinende aber schwache, von Weibern und Günstlingen gegängelte Claudius, der lasterhafte und maßlos eitle Nero, alle wurden sie auf gewaltsame Weise aus dem Wege geräumt. Nach dem Sturze Neros, 68 nach Christi, brach ein Bürgerkrieg aus, und ein Prätendent folgte in raschem Wechsel auf den anderen. Der tüchtige Otho wurde durch den Schlemmer Vitellius verdrängt, an dessen Büste die ungeheueren, kräftige Eßlust verratenden Kinnbacken sofort in die Augen fallen. Aber auch die Herrlichkeit des Vitellius dauerte nicht ein Jahr. Von Syrien, wo er einen Aufstand der Juden zu dämpfen hatte, marschierte Flavius Vespasianus mit einem mächtigen und wohlgeübten Heere nach Italien, und ließ sich zum Kaiser ausrufen. Seinen Sohn Titus ließ er vor Jerusalem zurück; nach langer hartnäckiger Belagerung, die Tür Angreifer wie Angegriffene gleich anstrengend war, ist die Stadt im Jahre 70 erobert und zerstört worden. Der Schlag soll den Juden eine halbe Million Seelen gekostet haben. In christlichen Kreisen wurde der Fall der Stadt als eine Strafe für die Verstocktheit der Juden, die das Evangelium nicht annehmen wollten, angesehen. Viele glaubten gar, er bedeute den Anfang vom Ende der Welt.

Die Verwaltung des Vespasian war nach allen Seiten hin wohltätig und fruchtbringend. Er starb an einer Krankheit. Ihm folgte sein Sohn Titus, der 79 bis 81 regierte. Von der Nachwelt wurde Titus mit unverdientem Lobe bedacht. Er scheint an seinen Ausschweifungen gestorben zu sein. Er hatte eine Leidenschaft für Knaben. Stadtkundig war seine Verbindung mit der schönen Jüdin Berenice, einer Prinzessin aus dem Hause des Herodes. Wiederum folgte der Sohn. Es war Domitian. Uber ihn wissen wir zwar nur aus den Berichten seiner Feinde, aber es muß wirklich ein hervorragend unangenehmer Mensch gewesen sein. Namentlich war der Argwohn bei ihm so krankhaft ausgeprägt, wie in unserer Zeit bei Abdul Hamid, und artete schier in Verfolgungswahn aus. Der Wüterich wurde 96 ermordet. So hatte die Dynastie des Vespasianus, nach seinem Vornamen „die Flavier“ benannt, nicht ganz ein Menschenalter bestanden. Trotzdem prägte sich die Erinnerung an sie so stark der Menschheit ein, daß noch ein Jahrtausend später gelegentlich bei den Arabern alle Römer als „Söhne der Gelben“, das ist der Flavier, bezeichnet werden.

Neben dem jüdischen Kriege und den nie ganz abreißenden Feldzügen gegen die Parther waren Kämpfe in Britannien und am Niederrhein die bedeutendsten Unternehmungen der Zeit. Bei den germanischen Batavern, den Vorfahren der Holländer, erhob sich ein in den Waffen, wie in Staatskunst gleich tüchtiger Mann, dessen römischer Name Claudius Civilis lautete. Er benutzte die Unruhen, die nach dem Tode Neros entstanden, um sein Volk unabhängig zu machen. Dabei half ihm die Seherin Veleda. In dem ewig Weiblichen sahen ja die alten Germanen etwas Heiliges, und trauten ihm prophetische Gabe zu. Es war die unbewußte Intuition der Frau, die solchen Glauben erzeugte. Ein Jahr lang machte Civilis den römischen Legionen das Leben sauer. Von Xanten am Unterrhein bis zum Meere tobte der Kampf. Das Ende war ungefähr so,wie nach demUnabhängigkeits-kampfe des Transvaals, so wie bei den Buren, den Urenkeln der Bataver, nach Majuba. Was das Schwert errungen, verdarb wieder die Diplomatie. Die Selbständigkeit wurde zugestanden, aber die Oberhoheit Roms blieb, und die Bataver verpflichteten sich, wenn Not, den Römern Hilfstruppen zu stellen.

In Britannien war ebenfalls ein Weib die grimmigste Gegnerin der Römer. Die Königin Boadicea entflammte ihr Volk zu leidenschaftlichem Widerstande. Boadicea (oder Budika) war die

Königin der Ikener. Ihr Gemahl Prasatus hatte den römischen Kaiser zum Miterben seiner beiden Töchter gemacht, um sein Haus und sein Reich zu schützen. Statt dessen aber wurde sein Reich mitsamt seiner Familie der Habsucht und dem Übermute preisgegeben. Boadicea sah ihre Töchter entehrt, sich selbst mit Schlägen mißhandelt, die Vornehmsten ihres Volkes wurden ihrer Güter beraubt und wie Sklaven gehalten. Dazu übte der römische Prokurator, Dekanius Catus, im Namen des Kaisers die drückendste Habsucht. Endlich brachte Boadicea einen allgemeinen Aufstand zum Ausbruche. Mit den Ikenern erhoben sich die Trinobanten und andere Nachbarvölker. Während der Legat (General) Suetonius Tranquillus auf einem Zuge nach der Insel Mona(Anglesy) abwesend war, wurde die Veteranenkolonie Camulodunum erobert, und der Legat der neunten Legion, Cerialis, in die Flucht geschlagen. Suetonius — derselbe Mann, der eine Expedition nach dem Hochatlas geleitet hatte — eilte hierauf herbei und drang bis Londinium vor. Allein er war zu schwach, um diese Stadt zu halten, und gab sie den Feinden preis. Londinium, und bald darauf Verulanien wurden von den Britannen eingenommen, und alle Römer und römischen Bundesgenossen — angeblich gegen 76000 — grausam ermordet. Als Suetonius gegen 10000 Mann beisammen hatte, beschloß er eine Schlacht. Boadicea stellte ihm ein ungeheures Heer, das ein späterer Schriftsteller auf 230000 Menschen schätzt, entgegen. Allein die Kriegskunst siegte über die Masse; von den Römern sollen 400, von den Britten angeblich 80000 Mann gefallen sein. Boadicea wollte das Unglück nicht überleben und starb durch Gift. Die Romanisierung Britanniens biszu dem Forth of Firth in Schottland ging nun unaufhaltsam ihren Gang. England ward eine Provinz wie Gallien, eine Provinz mit großen und blühenden Städten, römischen Einrichtungen, und einer starken, Latein sprechenden Bevölkerung inmitten einer zahlreichen, Keltisch redenden Unterschicht. In Wales und in Nordschottland behaupteten sich noch unabhängige Kasstämme, die vermutlich jetzt durch zurückflutende, flüchtende Keltenstämme keltisiertzu werden begannen. Auch in Gallien regte sich noch einmal die einheimische Rasse und machte, ziemlich gleichzeitig mit dem Aufstande des Civilis, unter Julius Vindex einen letzten Versuch, das fremde Joch abzuwerfen. Der Versuch mißlang. Seitdem ging das Keltische in Gallien merklich zurück, um im dritten Jahrhundert ganz zu verschwinden. Auch in die Welt der Basken, die damals wohl noch von dem Ebro bis zur Garonne saßen, wurde Bresche gelegt. Tolosa, das heutige Toulouse, ward ein glänzender Mittelpunkt für die Ausstrahlung römischer Kultur.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum

Männer; Völker und Zeiten