Schlagwort: Kleinplastiken

»Überall sollen wir es mit dem Pinselstriche eines Malers oder mit dem Worte eines Dichters nicht so genau und kleinlich nehmen; vielmehr sollen wir ein Kunstwerk, das mit kühnem und freiem Geiste gemacht worden, auch womöglich mit ebensolchem Geiste wieder anschauen und genießen.«

Goethe.

»Hat unser Auge gelernt, jedes Gebilde prüfend zu betrachten, überall schaden zu können, das Schöne vom Unschönen zu unterscheiden, so eröffnet sich ihm eine unermeßliche Welt der reinsten und erhebendsten Genüsse, die das Leben verschönern und über vieles Ungemach des alltäglichen Daseins hinweghelfen und den geistigen Gesichtskreis außerordentlich erweitern.«

Schönauer.

»Ein ganz niederträchtiges Wort, das wir den Franzosen zu danken haben, und das wir so bald wie möglich wieder los zu werden suchen sollten. Wie kann man sagen, Mozart habe seinen »Don Juan« komponiert! Komposition — als ob es ein Stück Kuchen oder Biskuit wäre, das man aus Eiern, Mehl und Zucker zusammenrührt! Eine geistige Schöpfung ist es das Einzelne wie das Ganze aus einem Geiste und Guß und von dem Hauche eines Lebens durchdrungen, wobei der Produzierende keineswegs versuchte und stückelte und nach Willkür verfuhr, sondern wobei der dämonische Geist seines Genies ihn in der Gewalt hatte, sodaß er ausführen mußte, was jener gebot.«

Goethe.

AUSSTELLUNG VON ZEICHNUNGEN UND PLASTIKEN NEUZEITLICHER BILDHAUER IN DER KUNSTHALLE ZU MANNHEIM.

I. PLASTIKEN.

Man hat bislang nur selten Gelegenheit gehabt, die Tendenzen der gegenwärtigen Plastik an einer geschlossenen Reihe charakteristischer Beispiele zu erfassen. Nur als Appendix der großen Ausstellungen oder zu ihrer dekorativen Bereicherung haben Werke der modernen Bildhauerkunst einen Platz finden können, der sie den Blicken eiliger Besucher kaum nahe brachte. Eine Veranstaltung der Mannheimer Kunsthalle gibt in diesem ausstellungsreichen Jahre Gelegenheit, die Aufmerksamkeit ernster Kunstfreunde einmal rein den plastischen Schöpfungen zuzuwenden und deren Sinn und Wesen, wenn auch an kleinen, so doch bezeichnenden Beispielen zu erfassen. Dabei gewinnt diese isolierende Veranstaltung an Interesse durch die Vereinigung von Kleinplastiken mit Zeichnungen der gleichen Künstler. Ihre Gegenüberstellung ermöglicht Einblicke in den Werdegang plastischen Schaffens, den einige Gipsstudien noch weiter verdeutlichen, und enthüllt dergestalt etwas vom Schaffensprozeß und dem Inhalt dieser plastischen Künstler.

Wenn die in diesen Heften zusammengeführten Proben der Ausstellung — Zeichnungen und Plastiken — nicht in unmittelbarer Verbundenheit erscheinen, so ist diese, die Idee der Ausstellung leider verdeckende äußere Not rein technischen Umständen entsprungen. Der besondere Reiz der Veranstaltung beruhte indes auf dieser Entente. Linie und Form — hätte eine schlagkräftige Abbreviatur des Ausstellungstitels lauten müssen. Es sollte gezeigt werden, wie die Linie der Zeichnung in ihrem Duktus die plastische Form antizipiert, wie selbst in den flüchtigsten Linienzügen eine auf die Fläche projizierte und abstrahierte plastische Form eingeschlossen und umhüllt ist.

Aus der Gemeinsamkeit der linearen Abstraktion plastischer Form und deren körperlich-runden Erfüllung konnte sich ein Eindruck von intensiver Geschlossenheit und intimem Reiz ergeben. Die Stiltendenzen der zeitgenössischen Plastik bewegen sich gewissermaßen in drei Richtungen. Die eine sucht die rein in der „Form“ ausgedrückte Schönheit der plastischenErscheinung, in ihrem geschlossenen substantiellen Sein: eine durch die klassische Schönheit bestimmte imitativ-naturalistische Form, wie sie in dem Schaffen Hildebrands ihren theoretischen und sichtbaren, ihren logischen und künstlerischen Ausdruck gefunden hat.

So verschiedene Naturen wie Klimsch, Kraus, Behn, Engelmann, — selbst Kolbe begegnen sich auf diesem Wege. Die andere Richtung geht auf die plastische Formulierung eines Bewegungseindruckes aus, zunächst bestimmt durch die körperliche Bewegtheit, aber schon (und am tiefsten) hineinbezogen eine seelische Bewegtheit und Erregtheit durch Rodins große Kunst. Hier tritt die impressionistische Tendenz klar zu Tage, durchaus analog den Strömungen der zeitgenössischen Malerei.

Bourdelle und Desbois, sowie viele andere aus Rodins Gefolgschaft (auch in Deutschland) wären hier an erster Stelle zu nennen.

Kunstartikel