Schlagwort: Kolonialmächte

I. Abschnitt, II. Abschnitt, III. Abschnitt, IV. Abschnitt, V. Abschnitt, VI. Abschnitt, VII. Abschnitt, VIII. Abschnitt, IX. Abschnitt, X. Abschnitt.

Wir kommen nunmehr zum zweiten Abschnitt der deutschen Kolonialbestrebungen, die das Eintreten Deutschlands in die Reihe der Kolonialmächte zur Folge hatten und sich in zwei Hauptteile, in die Erwerbungs- und Entwickelungsgeschichte unseres überseeischen Besitzes, zerlegen lassen.

Aus unscheinbaren, wenig versprechenden Anfängen ist unser Kolonialreich hervorgegangen. Im April des Jahres 1883 kaufte der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz an der Südwestküste Afrikas die Bucht von Angra Pequena samt ihrer öden, unwirtlichen Umgebung und allen Hoheitsansprüchen für 200 Gewehre und 2000 Mark von dem unabhängigen Häuptlinge jenes Gebietes. Von dieser Erwerbung, die später den Namen Lüderitzland erhielt, hatte er vorher dem Kaiserlichen Auswärtigen Amte zu Berlin Mitteilung gemacht und um Reichsschutz gebeten. Der Kanzler wollte sich erst über etwaige Anrechte Englands vergewissern, erhielt jedoch aus London keine Antwort, und auf eine zweite Anfrage wurde ihm eröffnet, dass England zwar nur die Walfischbai und einige Guano-Inselchen als Eigentum besitze, dass es aber nichtsdestoweniger die ganze Küste zwischen dem Kapland und den portugiesischen Kolonien als ihm gehörig und jedes Vorgehen einer fremden Macht als einen Eingriff in seine Rechte betrachte. Mit andern Worten, kraft eines lediglich den Briten zustehenden „Bcsitznaturrechts“ sollte schon die Nähe englischen Gebietes die Besitzergreifung herrenlosen Nachbarlandes durch ein anderes Volk verbieten. Diese späterhin noch mehrmals wiederholte Zumutung wurde entschieden zurückgewiesen, und als das immer bestimmtere Gerücht auftauchte, dass die Kapkolonie Lüderitzland besetzen wollte, da sandte Fürst Bismarck am 24. April 1884 das denkwürdige Telegramm an den deutschen Konsul in Kapstadt: „Nach Mitteilung des Herrn Lüderitz zweifeln die Kolonialbehörden (des Kaplandes), ob seine Erwerbungen nördlich vom Oranjestrom auf deutschen Schutz Anspruch haben. Sie wollen amtlich erklären, dass er und seine Niederlassungen unter dem Schutze des Reiches stehen.“ Diese Depesche darf als Ausgangspunkt und der Tag, an dem sie abgeschickt ward, als der Geburtstag der neuen deutschen Kolonialpolitik gelten. Damit hatte sich eine weltgeschichtliche Thatsache vollzogen. Unser Vaterland hatte die kolonialen Überlieferungen Kurbrandenburgs wieder aufgenommen und den ersten Schritt zur Weltpolitik gethan; und man erzählt sich, dass der alte Kaiser Wilhelm I. aus diesem Anlass gesagt haben soll, nun erst könne er wieder dem Standbilde des Grossen Kurfürsten offen ins Auge schauen.

Deutschlands Kolonien


In Zentralafrika, am Kiwusee, streiten sich gegenwärtig die beteiligten Kolonialmächte, Deutschland, Belgien und England um die Grenze ihres Besitzes, und alle drei haben in dem fraglichen Gebiet eine für afrikanische Begriffe bedeutende Truppenmacht zusammengezogen, um im Notfall Uebergriffen entgegentreten zu können. Nun ist man zwar an amtlicher Stelle überaus zugeknöpft, und über die Vorgänge, die sich da hinten abspielen, ist zurzeit nichts genaues zu erfahren. Lieber den Sinn der ganzen Aktion ist uns jedoch von zuständigster Seite soviel erzählt worden, dass wir uns immerhin ein Bild von der Sachlage machen können, um so leichter als die von der Expedition des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg aufgenommene Karte eine gute Uebersicht über jene strittigen Grenzgebiete ermöglicht.

Zum Verständnis des Nachfolgenden müssen wir mit wenigen Worten auf frühere Zeiten zurückgreifen. Anfang der achtziger Jahre wurde unter dem Protektorat des Königs Leopold von Belgien der Kongostaat gegründet und 1885 trat auf Anregung Bismarcks die „Berliner Konferenz“ zusammen, an der sich alle namhaften Mächte beteiligten. Das Ergebnis dieser Konferenz war die „Kongoakte“. In Art. 1 dieser internationalen Vereinbarung ist bestimmt: Der Handel aller Nationen soll vollständige Freiheit geniessen in allen Gebieten, welche das Becken des Kongo und seiner Nebenflüsse bilden.“

Und in dem weiteren Inhalt der Kongoakte sind die in Frage kommenden Gebiete so genau bezeichnet, alle Einzelheiten über die Handelsfreiheit so genau präzisiert, dass irgend ein Zweifel ausgeschlossen ist. Zunächst hatten diese Bestimmungen im wesentlichen nur theoretische Bedeutung, denn alle hier in Frage kommenden Gebiete waren noch sn wenig erschlossen und erforscht, dass eine Uebertretung der Kongoakte kaum fühlbar wurde. Seit einer Reihe von Jahren aber ist in England eine Agitation in Gang, die Stimmung zu machen sucht gegen die Politik des Kongostaats. Aber auch der Kongostaat war nicht rnüssig und setzte dieser englischen Agitation eine nicht minder rührige belgische entgegen. Keinem im politischen Leben stehenden sind wohl die blauen Hefte der Zeitschrift „La vérité sur le Congo“ unbekannt, mit denen jahraus jahrein Deutschland als Hauptinteressen an der Kongoakte überschwemmt, und bei uns die öffentliche Meinung beeinflusst wurde. Die englische Agitation hatte allerdings die Sache am falschen Ende angefasst, an der humanitären Seite. Es wurde von Bedrückungen und Ausbeutungen der Eingeborenen erzählt und die zivilisierte Welt gegen die angeblichen unmenschlichen Greuel der Belgier am Kongo mobil zu machen versucht. Nun war man aber bei uns zu sehr durch die ewigen mehr oder minder erdichteten und aufgebauschten „Kolonialskandale“ zu sehr abgestumpft, als dass man auf das englische Geschrei viel gegeben hätte. Es steckte auch zuviel offenbarer Pharisäismus hinter der englischen Agitation, als dass man diese hätte allzu ernst nehmen können, denn in den englischen Kolonien selbst gab es genug Greuel zu beseitigen.

Aber in Wirklichkeit waren die englischen Vorwürfe keineswegs unberechtigt. Die Bevölkerung am Kongo wurde wirklich unerhört ausgebeutet. Und gerade mit Hilfe der Kongoakte könnte dieser Ausbeutung ein Ziel gesetzt werden. Die Kongoakte, die Handelsfreiheit im Kongobecken vorschreibt und irgendwelche Monopole verbietet, ist jahraus jahrein von den Belgiern in schamloser Weise ignoriert worden. Das ganze Land wurde als Staatseigentum erklärt und der Handel mit den einzigen bisher handelsfähigen Produkten, Elfenbein, Kautschuk, Kopal in der Hand des Staates monopolisiert. Und durch Besteuerung wurden dann die Eingeborenen gezwungen, da sie andre Erwerbsmöglichkeiten nicht besassen, diese Produkte für den Staat zu sammeln. Mit der Zeit wurde die zuerst reiche Ausbeute immer geringer und in dem Masse steigerte sich die Sammelarbeit der Eingeborenen für den Staat zu absoluter dauernder Zwangsarbeit. Natürlich gab es infolgedessen Unruhen unter den Eingeborenen und als weitere Folge davon da und dort wirkliche Greuel. Das sind Dinge, die unzweifelhaft feststehen.

Für die Grenznachbarn des Kongostaates, insbesondere die Engländer und uns, sind diese Verhältnisse erst in neuerer Zeit fühlbar geworden. Zuerst für die Engländer, als ihre grosse Bahn nach Zentralafrika, die Ugandabahn, fertig geworden war. Diese Bahn ist im wesentlichen auf den Handel mit dem Seengebiet und den angrenzenden Teilen des Kongobeckens angewiesen, die wegen ihrer Abgelegenheit einen noch ganz unberührten Reichtum an wertvollen Ausfuhrprodukten aufweisen. Zudem bildet die Ugandabahn im Augenblick den einzigen und kürzesten Weg nach der Küste.

Der Handel mit dem Gebiet des Kongostaats wurde aber bisher entgegen den Bestimmungen der Kongoakte, also widerrechtlich aufs rücksichtsloseste unterbunden und existierte notgedrungen nur als Schmuggelhandel. Dieser erzwungene Schmuggelhandel blühte auch nach deutschem Gebiet hinüber, namentlich über den Tanganjikasee nach Tabora.

In den letzten Jahren ist er aber immer geringer geworden, dank der scharfen Ueberwachung der Grenze durch die Belgier. Tatsache ist jedenfalls, dass der deutsche und englische Handel in Zentralafrika durch die widerrechtliche Schliessung der Grenzen seitens der Belgier im Laufe der Jahre ungeheuren Schaden erlitten hat.

Im verflossenen Jahr ist der unabhängige Kongostaat in eine belgische Kolonie umgewandelt worden. Es ist eigentlich wunderbar, dass die interessierten Mächte diese Gelegenheit nicht bentuzt haben, um der Kongoakte endlich Geltung zu verschaffen. Zumal wir, die wir soeben begonnen halten, eine grosse Ueberlandbahn nach der Grenze des Kongostaats, die ostafrikanische Zentralbahn nach Tabora und nach dem Tanganjika, zu bauen. Die Rentabilität der ostafrikanischen Zentral bahn und etwaiger andrer Ueberlandbahnen nach dem Victoriasee und Ruanda stellt und fällt mit der Handelsfreiheit im Kongogebiet.

Es mag ja sein, dass die Engländer warteten, ob wir, die Einberufer der Kongokonferenz von 1885 und moralischen Urheber der Kongoakte, ihnen in Zentralafrika nicht die Kastanien aus dem Feuer holen würden. Da wir uns nicht rührten, ist den Engländern die Geduld gerissen und sie haben jetzt kurzer Hand ein grosses Gebiet zwischen Uganda und Ruanda besetzt, das die Belgier als ihr Eigentum betrachten. Da wir uns in derselben Lage wie die Engländer befinden und ausserdem die Grenze zwischen deutschem und englischem Gebiet dank der Verschleppungspolitik der Belgier immer noch nicht festgelegt ist, obwohl es wegen unsrer fortschreitenden Erschliessungstätigkeit höchste Zeit wäre, so haben wir alle Ursache, mit den Engländern zusammenzugehen. Dies geschieht anscheinend auch, denn wir haben eine ansehnliche Truppenmacht am Kiwusee zusammengezogen, mehrere Kompagnien, was in Afrika schon etwas bedeuten will.

Die englisch-deutsche Demonstration ist den Belgiern denn auch ordentlich in die Glieder gefahren. Der belgische Kolonialminister hat Hals über Kopf in der belgischen Kammer ein „Reformprogramm“ eingebracht, das nichts weniger und nichts mehr ist als ein glattes Zugeständnis, dass der Kongostaat die an der Kongoakte beteiligten Mächte seit Jahren in unverschämtester Weise au der Nase herumgeführt hat. Dieses Reformprogramm plant als erstes die Einführung voller Handelsfreiheit in der Kongokolonie. womit zugegeben ist, dass die nach der Kongoakte vorgeschriebene Handelsfreiheit bisher nicht existierte, und dass das offiziöse Organ des Kongostaats, „La vérité sur le Congo“ („Die Wahrheit über den Kongo“) — geschwindelt hat.

Angesichts dieser Zugeständnisse werden wir gut tun, das famose „Reformprogramm“ nicht allzu ernst zu nehmen, sondern mit aller Energie dafür zu sorgen, dass

1. die Kongoakte durchgeführt wird,

2. die in dem „Reformprogramm“ von der Handelsfreiheit ausgenommenen noch nicht näher bezeichnten 600 000 Hektar sich nicht eines Tages ausgerechnet an unserer Grenze finden,

3 dass deutsche konsularische Vertretungen im Kongogebiet die Durchführung der Reform dauernd kontrollieren. Kurz und gut, dass die Belgier das schöne „Reformprogramm“ in der Praxis nicht genau so umgehen, wie sie es bisher mit der Kongoakte getan haben.

Auf die Grenzverhältnisse werden wir an der Hand der erwähnten Karte der Expedition des Herzogs von Mecklenburg in der nächsten Nummer näher eingehen. Inzwischen können wir nur der Hoffnung Ausdruck geben, dass es unsern amtlichen Organen bei der Auseinandersetzung mit den Belgiern nicht an einer grossen Portion Rücksichtslosigkeit und an dem nötigen nationalen Egoismus fehlen möge. Die Engländer können uns darin als Vorbilder dienen. Namentlich dürfen wir uns nicht wieder mit dem „Reformprogramm“ Sand in die Augen streuen lassen, wie bisher jahrelang durch die Kongoakte und „Die Wahrheit über den Kongostaat“. Man ist bei uns, wie aus der Presse in den letzten Wochen hervorging, schon wieder sehr gerührt über die Bereitwilligkeit des belgischen Kolonialministers. Warten wir ab, was dabei herauskommt! Ein altes afrikanisches Sprichwort sagt sehr wahr:

„In Afrika kommt es immer anders, als man denkt!“

Kolonie und Heimat

Während die Kontinentalstaaten von revolutionären Zuckungen zerwühlt wurden, schritt England auf dem Wege zur Weltherrschaft weiter. Auch England blieb von den Zuckungen nicht ganz verschont. Es erlebte heftige Stürme im Hause der Gemeinen, und erlebte eine Arbeiterrevolte, die Chartistenbewegung (1840). Allein der politische Sinn, der aus Erfahrungen von Jahrhunderten schöpfte, hat es in England stets verstanden, derartige Bewegungen, meist durch Konzessionen und Kompromisse, unschädlich zu machen. Ein jeglicher Uberschuß an Tatendurst kann sich seit vier Jahrhunderten bei den Engländern nach außen hin austoben. So kommt es, daß England mehr als irgendein anderer Staat der Erde von gefährlichen inneren Umwälzungen verschont geblieben ist. Die Briten hatten zwei große Aufgaben der äußeren Politik zu lösen: die Regelung der türkischen Verhältnisse, und die Gewinnung der Buren.

In der Türkei hatte sich ein Dualismus ausgebildet. Der Süden stand gegen den Norden, das Arabertum gegen das Türkentum. An der Peripherie zeigten sich autonome Neigungen: in Mesopotamien, wo Jussuf Pascha allmächtig waltete, in Albanien, wo Ali Tepelenli unumschränkt herrschte(1822auf einer Insel des Sees von Janina getötet),ferner in Kurdistan und Arabien, endlich inÄgypten. Der Khedive von Ägypten, dessen (möglicherweise albanische) Vorfahren aus der Gegend westlich von Saloniki auswanderten, Mehemed Ali, errang in Ägypten, Nubien, Arabien, Syrien und Mesopotamien eine äußerst starke Stellung. Die Türken aber, durch zwei Kriege mit den Russen (1812 und 1826/27), ferner durch den Aufstand der Griechen geschwächt, der durch die Einmischung der Großmächte und die Niederlage des Kapudan Pascha (Admiral, wörtlich Kapitän) bei Navarino 1827 entschieden wurde, waren in der übelsten Verfassung. Die Reformen von Mahmud dem Zweiten, der sich der Janitscharen durch ein Blutbad entledigte, und der westlichen Geist in Heer und Verwaltung einführen wollte, hatten zunächst nur das Ergebnis gehabt, daß die Auflösung und Verwirrung im Osmanischen Reiche noch größer wurde. Im Jahre 1833 zog der Khedive gegen die Türken, in deren Lager sich Moltke befand, durchzog Kleinasien, und erreichte fast den Bosporus. In seltsamer Eintracht rafften sich da aber die Mächte, die noch kurz zuvor bei Navarino die Kraft der Türkei gebrochen hatten, zum Schutze derselben Türkei auf und zwangen durch Gewalt den Khedive zur Umkehr. Die Russen legten Truppen an den Bosporus, die Engländer schickten Admiral Napier nach Syrien. Die ängstliche Sorgfalt für das Wohlergehen des Sultans — jetzt war Abdul Medjid am Ruder — war lediglich eine Frucht der Eifersucht. Keine Macht gönnte der anderen den Besitz von Konstantinopel. Die Engländer hatten weiters ein großes Interesse daran, sich nicht den Weg nach Indien über die Länder des östlichen Mittelmeeres versperren zu lassen; sie wünschten daher nicht, daß ein zu starker.Mann sich in dem strategisch wichtigsten Lande der Erde, in Ägypten, festsetzte.

Die andere Aufgabe der Briten lag in Südafrika. Teils durch Rassenhaß, teils durch die gewaltsame Beraubung ihrer Selbständigkeit erbittert, wurden die Buren neuerdings durch die Aufhebung der Sklaverei gereizt. Die Engländer wollten überall die Sklaverei abschaffen. Die erste Anregung dazu gab die philanthropische Agitation des Bischofs Wilberforce; bei der Durchführung spielte wohl die Hoffnung mit, die spanischen und portugiesischen Nebenbuhler zu ruinieren. Denn ohne Sklavenarbeit konnten die Pflanzungen in den tropischen Kolonien nicht mit dem Nutzen betrieben werden wie bisher. Daher richtete sich die Maßregel auch gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, in deren südlichen Gebieten die Sklaven die Hauptträger der Wirtschaft waren. Die Engländer selbst hatten damals noch wenig mit tropischen Pflanzungen zu tun; höchstens in Westindien und Mauritius. Im übrigen dachten die Engländer durch ein schmiegsames Verwaltungssystem die Vorteile der Sklaven Wirtschaft zu retten, ohne deren Gehässigkeit auf sich zu laden. Sie führten einfach eine hohe Steuer für Farbige ein; um diese zu bezahlen, mußten die Eingeborenen monatelang arbeiten. So hatten die weißen Herren doch die Arbeit umsonst, und brauchten die freien Arbeiter noch nicht einmal zu ernähren. In Kanada, am Kap und in Australien glaubte man vollends der farbigen Hilfe ganz entraten zu können. So war die Aufhebung der Sklaverei ein Schachzug gegen die anderen Kolonialmächte. Der Schlag traf auch die Buren hart. In ihrer wirtschaftlichen Gebarung und ganzen Lebensführung waren und sind die Buren noch heute auf schwarze Hilfskräfte angewiesen. Nun wurden ihnen mit einem Male die Xosa, Fingo, Tembu, Griqua und Basuto entzogen, die für sie gefrondet hatten. Zwar wurden viele Millionen von England ausgezahlt, um die Leibeigenschaft abzulösen, aber von den großen Summen gelangte nur ein Viertel bis ein Fünftel in die Hände der Buren. Den wirtschaftlichen Ruin vor Augen entschlossen sich die Buren 1835 zu dem großen Treck über den Oranjefluß. Sie trafen es schlecht, denn die Zulu waren, durch ihren Ober Induna Tschakka militärisch organisiert, mit ihren Impi (Regimentern) auf dem Kriegspfad, und überschwemmten „das ganze nichtbritische Südafrika. Gegen eine hundertfache Übermacht wehrten sich die Buren am Vechtkopp (16. Dezember 1836), dann fielen sie in Natal ein. Dort wurden sie bei Weenen (vom Weinen, das sich erhob) von den Zulu überrascht, aber schlugen sie bei Colenso. Natal ist immer für die Buren das blühende Land der Sehnsucht gewesen, ungefähr das, was Italien für die Deutschen ist. Hierauf säuberten die Buren das Gebiet jenseits des Vaalflusses von den Matabele, einem Stamme der Zulu. In den neu gewonnenen Gebieten gründeten sie drei unabhängige Staatswesen: den Oranjefreistaat, die Transvaalrepublik und die Niederlassung in Natal. Jetzt stellten die Engländer, denen der Treck durchaus unerwünscht war, eine überraschende Lehre auf. Wie es in der römischen Kirche heißt: einmal ein Priester, immer ein Priester, so behaupteten die Kapbehörden: einmal ein Engländer, immer ein Engländer. Nirgends also auf dem ganzen Erdenrund sollte man sich der Habsucht der Briten entziehen können! Die Engländer machten Ernst, zogen Truppen zusammen und unterwarfen Natal und den Oranjefreistaat. Lediglich weil das Oranjegebiet mehr zu kosten als einzubringen drohte, gaben es später die Engländer an die Buren zurück.

Die dritte Aufgabe Großbritanniens war in Südasien zu lösen. Noch war bei weitem nicht ganz Indien unterworfen, und schon strebten die Angelsachsen über die Grenzen Indiens hinaus. Sie mischten sich 1837 in Persien ein und besetzten Buschir, den Haupthafen am Persischen Golf. Sie führten 1838—1840 Krieg mit Afghanistan. Zum Teil war diese fast krankhafte Ausdehnungssucht durch die Sorge vor russischem Vordringen veranlaßt. Durch zwei große Kriege, den einen um die Jahrhundertwende, den anderen 1827—1828, beendet durch den Frieden von Turkmantschai (zwischen Rescht und Teheran), hatten die Russen große Stücke von Persien losgerissen. Allmählich nisteten sich die Russen in den mittelasiatischen Gebieten Südsibiriens ein, und im Jahre 1839 stellte Perowski eine Riesenkarawane zusammen, um Khiwa zu überrumpeln. Die Eroberung scheiterte völlig, mehr durch Sandstürme als durch Angriffe der Turkmenen; aber ebenso mißglückte der gleichzeitige Zug der Engländer, die in Afghanistan bis auf den letzten Mann aufgerieben wurden.

Den Mißerfolg machten die Engländer weiter im Osten wett, nämlich in China, Sie machten sich ans Werk, um das bisher fast hermetisch verschlossene Ostasien dem Weltverkehr und der europäischen Bildung zu eröffnen. Im Grunde war das nicht sehr schlau von den Europäern, denn aus den gelehrigen Schülern erweckten sie sich Feinde; sie lieferten Armstrongs und Krupps den Ostasiaten, um damit Weiße niederzuschießen; sie brachten ihnen eine Kenntnis von Fabriken bei, die sie dann zum Nachteil des Westens verwerteten. Der Antrieb zu der Erschließung Chinas war gerade wiebei der Aufhebung der Sklaverei, doppelter Art, sittlich und wirtschaftlich. Die Missionare, die schon einige Jahrzehnte am Platze waren, hofften, China und Korea, wie auch die Liu Kiu für das Christentum zu gewinnen, die Kaufleute trachteten nach einer Erweiterung ihrer Kundenzahl und ihres Absatzmarktes. Für die Staatskunst Großbritanniens kam lediglich der materielle Punkt in Betracht. Es war ungefähr das Gegenteil von christlicher Menschenliebe, das die Engländer zur Einmischung in Kanton veranlaßte. Die Chinesen wollten sich nicht mehr vom Opium vergiften lassen, das von Indien kam; für die Engländer aber war der Ertrag des Opiums und der Opiumsteuer, die in manchem Jahre auf sechshundert Millionen Mark stieg-, zu wichtig, als daß sie auf sie hätten verzichten mögen. So brach denn der Opiumkrieg 1839 aus. Mit leichter Mühe vernichtete eine englische Flotte die schlechten chinesischen Schiffe und bombardierte Kanton. China wurde gezwungen, mehrere seiner Häfen für den regelmäßigen Handel mit Kaufleuten der Westmächte zu eröffnen.

Während die erdumspannende Politik der Engländer — auch in Amerika waren sie nicht müßig und kamen über die Oregongrenze beinahe mit der Union in Streit— eifrig damit beschäftigt war, die Weltkarte rot zu färben, waren die Franzosen in Algerien und Westafrika an der Arbeit. Vorläufig berührten sich die Einflußkreise nur wenig, außer in Syrien, wohin 1840 ein französisches Heer abging. Da zugleich sich die beiden Westmächte durch die gemeinsame liberale Strömung verbunden fühlten, so entstand zwischen ihnen die Entente Cordiale, die allerdings erst ein Jahrzehnt später Früchte tragen sollte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus

Männer; Völker und Zeiten