Schlagwort: Kolonialreich

I. Abschnitt, II. Abschnitt, III. Abschnitt, IV. Abschnitt, V. Abschnitt, VI. Abschnitt, VII. Abschnitt, VIII. Abschnitt, IX. Abschnitt, X. Abschnitt.

Wir kommen nunmehr zum zweiten Abschnitt der deutschen Kolonialbestrebungen, die das Eintreten Deutschlands in die Reihe der Kolonialmächte zur Folge hatten und sich in zwei Hauptteile, in die Erwerbungs- und Entwickelungsgeschichte unseres überseeischen Besitzes, zerlegen lassen.

Aus unscheinbaren, wenig versprechenden Anfängen ist unser Kolonialreich hervorgegangen. Im April des Jahres 1883 kaufte der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz an der Südwestküste Afrikas die Bucht von Angra Pequena samt ihrer öden, unwirtlichen Umgebung und allen Hoheitsansprüchen für 200 Gewehre und 2000 Mark von dem unabhängigen Häuptlinge jenes Gebietes. Von dieser Erwerbung, die später den Namen Lüderitzland erhielt, hatte er vorher dem Kaiserlichen Auswärtigen Amte zu Berlin Mitteilung gemacht und um Reichsschutz gebeten. Der Kanzler wollte sich erst über etwaige Anrechte Englands vergewissern, erhielt jedoch aus London keine Antwort, und auf eine zweite Anfrage wurde ihm eröffnet, dass England zwar nur die Walfischbai und einige Guano-Inselchen als Eigentum besitze, dass es aber nichtsdestoweniger die ganze Küste zwischen dem Kapland und den portugiesischen Kolonien als ihm gehörig und jedes Vorgehen einer fremden Macht als einen Eingriff in seine Rechte betrachte. Mit andern Worten, kraft eines lediglich den Briten zustehenden „Bcsitznaturrechts“ sollte schon die Nähe englischen Gebietes die Besitzergreifung herrenlosen Nachbarlandes durch ein anderes Volk verbieten. Diese späterhin noch mehrmals wiederholte Zumutung wurde entschieden zurückgewiesen, und als das immer bestimmtere Gerücht auftauchte, dass die Kapkolonie Lüderitzland besetzen wollte, da sandte Fürst Bismarck am 24. April 1884 das denkwürdige Telegramm an den deutschen Konsul in Kapstadt: „Nach Mitteilung des Herrn Lüderitz zweifeln die Kolonialbehörden (des Kaplandes), ob seine Erwerbungen nördlich vom Oranjestrom auf deutschen Schutz Anspruch haben. Sie wollen amtlich erklären, dass er und seine Niederlassungen unter dem Schutze des Reiches stehen.“ Diese Depesche darf als Ausgangspunkt und der Tag, an dem sie abgeschickt ward, als der Geburtstag der neuen deutschen Kolonialpolitik gelten. Damit hatte sich eine weltgeschichtliche Thatsache vollzogen. Unser Vaterland hatte die kolonialen Überlieferungen Kurbrandenburgs wieder aufgenommen und den ersten Schritt zur Weltpolitik gethan; und man erzählt sich, dass der alte Kaiser Wilhelm I. aus diesem Anlass gesagt haben soll, nun erst könne er wieder dem Standbilde des Grossen Kurfürsten offen ins Auge schauen.

Deutschlands Kolonien

Nicht lange nach der Zeit, als sich durch die Entdeckung des westlichen und östlichen Indien eine neue Welt, das bereits im Mittelalter und selbst früher erträumte Dorado, vor der erstaunten alten Welt aultat, erwachte in dem kleinen uns stammverwandten Volke der Niederländer ein so reger kaufmännischer Unternehmungsgeist, wie er in der Kultur- und Handelsgeschichte des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ganz einzig dasteht. Und wenn sich ein Volk in Europa in jener Zeit des goldenen Segens der beiden Indien hat teilhaftig zu machen gewusst, dann sind es die Holländer, welche denn auch als „steinreiche Mynheers“ damals geradezu sprichwörtlich wurden. Wie ehedem von dem spanischen, so konnte man auch von dem niederländischen Kolonialreiche sagen, dass die Sonne niemals in ihm untergehe. Während in den spanischen und auch in den portugiesischen Besitzungen Kreuz und Schwert regierten, Hessen die schlauen Holländer den Eingeborenen in ihren Kolonien in Niederländisch – Indien in religiöser und politischer Beziehung so viele Freiheit, wie nur möglich und suchten sie, so weit es eben anging, durch gute Worte zu bereden, möglichst viele wertvolle Kolonialprodukte für sie zu sammeln oder selbst in eigenen Pflanzungen heranzuziehen. Als sie auf diese Weise später der steigenden Nachfrage auf dem Weltmärkte nicht mehr zu genügen vermochten, gingen sie dazu über, die Eingeborenen einfach zu „pressen“, um für sie ein grösseres bestimmtes Quantum von den stark begehrten Kolonialwaren zu produzieren und zwar entweder gegen eine lächerlich geringe Bezahlung oder gar, nach vorhergegangenen Fehden, ohne irgend welche Vergütung.

Kolonie und Heimat

Diesen Augenblick der Spannung verwertete Bismarck, um für Deutschland überseeische Besitzungen zu gewinnen. Er erteilte den Erwerbungen von Lüderitz an der Mündung des Oranjeflusses den Schutz des Reiches und bestätigte die Schutzverträge, die Karl Peters, Jühlke und Graf Pfeil mit Hilfe Kurt Töppens in Ostafrika abschlossen; er entsandte Nachtigal, um die Rechte deutscher Kaufleute in Kamerun zu wahren. Ferner wurden Besitztitel in Togo und Neuguinea gesichert. Die Feinde von 1870, die Franzosen, machten so gutwie keine Einwendungen. War doch ihnen gegenüber Bismarck mehr als freundlich gewesen. Ja, der Kanzler hatte sie ausdrücklich auf den Weg afrikanischer Kolonisation hingewiesen, hatte Ferry des deutschen Wohlwollens für französischen Gebietszuwachs mehrfach versichert. So löste Ferry Tunis aus dem Verbände des türkischen Reiches los, griff in Tonking und Madagaskar ein und förderte den Grafen Brazza, der nördlich vom Kongo ein Kolonialreich aufbaute. Die Erschließung Afrikas war am lebhaftesten am Kongo, wo König Leopold von Belgien einen Riesenstaat errichtete und für seine Privatbörse ausbeutete. Wie gesagt, die Franzosen stemmten sich den deutschen Plänen nicht entgegen. Wohl aber die Engländer. Diese waren höchst unangenehm überrascht; sie waren wütend darüber, daß auf einmal ein frischer Mitbewerber, an den sie nie gedacht, auf dem überseeischem Felde erschien. Die Engländer suchten denn auch dem Fürsten Bismarck alle möglichen Prügel zwischen die Beine zu werfen. Da sie jedoch in der geschilderten Zwangslage waren, und zu den bisherigen Feinden unmöglich sich noch Deutschland auf den Hals laden konnten, so gaben sie mit saurer Miene nach. In einem einzigen Jahre vergrößerte so Bismarck das Deutsche Reich um reichlich das Vierfache. In der Folge wurden die einzelnen Kolonien noch weiter ausgedehnt, freilich auch einige in ihrem Besitzstand wieder verkürzt. Da man noch mitten in der Aufteilung Afrikas drin war, so bestanden uferlose Möglichkeiten. Karl Peters träumte von einem deutschen Transkontinentalreich, von einer Ländermasse, die sich von Abessinien bis zur Delagoabucht und sowohl von der Mündung des Sambesi, als auch von Sansibar und Witu aus, sich durch Afrika hindurch nach dem unteren Kunene und dem Götterberge von Kamerun, also vom indischen bis zum atlantischen Ozean, ziehen würde. Diesen hochstrebenden Wünschen war keine Erfüllung beschieden. Wir haben zwar hübsche Stücke Landes über See ergattert, allein Franzosen und Engländer und selbst die Belgier sind uns doch in dem Rennen weit vorausgekommen.

Es haben die europäischen Mächte im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte an Land erworben:

Deutschland also, der angeblich erste und mächtigste Kulturstaat, steht trotz seiner militärischen Macht in dieser Zusammenstellung an vierter und in der Kopfzahl der Kolonien sogar an letzter Stelle.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren

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