Abbildungen Weltgeschichte

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Die Todesfahrt der Schlachtkreuzer. Admiral Scheer entzieht die Flotte der Umklammerung. Torpedobootsangriffe. Loslösung vom Feind.


In den bisherigen Gefechtsabschnitten waren wir glückhaft von Triumph zu Triumph geschritten. Wir hatten die Seeschlacht in ihrer ganzen wilden Schönheit kennen gelernt. Nun sollten uns auch ihre Schrecken nicht erspart bleiben!

Während der Gefechtspause hatte ich mich, ohne mein umgeschnalltes Kopftelephon abzulegen, auf der Kommandobrücke aufgehalten. „Wo steht der Feind?“ rief ich, als ich wieder an meinem Sehrohr stand. „Backbord querab mehrere kleine Kreuzer!“ wurde mir gemeldet. Um die schwere Artillerie für wichtigere Ziele aufzusparen, befahl ich Kapitänleutnant Haußer, die kleinen Kreuzer mit den 15 cm-Geschützen unter Feuer zu nehmen. Er eröffnete das Feuer auf 70 Hundert. Ich suchte mittlerweile den Horizont ab. Da sich keine anderen Schilfe zeigten, eröffnete ich mit der schweren Artillerie ebenfalls das Feuer auf einen der mir als kleinen Kreuzer gemeldeten Schiffe. Die feindlichen Schiffe standen wieder mal an der Grenze der Sichtigkeit. Jetzt feuerten sie lebhaft, und da beobachtete ich, daß das Schiff, das ich aufs Korn genommen hatte, Vollsalven aus vier Doppeltürmen feuerte! Die Umrisse unseres Gegners wurden einen Augenblick klarer, und ich erkannte einwandfrei, daß uns große Schiffe gegenüberstanden! Großkampfschiffe der allergrößten Sorte mit 38 cm-Geschützen! Wo man hinsah, blitzte es jetzt auf.

Der Flottenchef hatte mittlerweile die Gefahr erkannt, die unserer Flotte drohte. Die Spitze unserer Flotte war halbkreisförmig von der feindlichen Flotte umgeben. Wir befanden uns tatsächlich im absoluten „Wurstkessel“! Zur Befreiung aus dieser taktisch ungünstigsten Stellung gab es nur ein Mittel: Herumwerfen der Linie, also Kehrtmachen der ganzen Flotte auf Gegenkurs. Erst mal raus aus der gefährlichen Umklammerung! Aber dieses Manöver mußte unbemerkt und ungestört ausgeführt werden. Die Schlachtkreuzer und die Torpedoboote mußten die Bewegung der Flotte decken! Der Flottenchef gab um etwa 9 Uhr 12 Minuten an die Flotte das Signal für die Kehrtwendung auf Gegenkurs und fast gleichzeitig an die Schlachtkreuzer und Torpedoboote den historischen Funkspruch: „Ran an den Feind!“ Der Signalgast las um 9 Uhr 13 Minuten in unserem Kommandostand den Funkspruch vor, und zwar fügte er die Erklärung hinzu, die im Signalbuch hinter dem Signal stand: „Den Feind rammen! Die befohlenen Schiffe sich rücksichtslos einsetzen!“ Ohne mit der Wimper zu zucken, befahl der Kommandant: „Äußerste Kraft voraus! Kurs Süd-Ost!“ Wir steuerten, gefolgt von „Seydlitz“, „Moltke“ und „von der Tann“ zuerst auf Süd-Ost-, dann von 9 Uhr 15 Minuten ab auf Süd-Kurs direkt auf die Spitze der feindlichen Linie zu. Und nun ging besonders auf „Derfflinger“ als Spitzenschiff ein Höllenfeuer los. Mehrere Schiffe schossen gleichzeitig auf uns. Ich wählte mir ein Ziel und schoß ebenfalls so schnell wie möglich. Erst betrugen die Entfernungen, die mein getreuer Listenführer in der Zentrale buchte, 120 Hundert, dann sanken sie bis auf 80 Hundert. Und immer noch ging es mit äußerster Kraft hinein in den Hexenkessel, in dem wir dem Gegner ein prächtiges Ziel boten, während unsere Gegner noch immer recht schlecht zu erkennen waren. Korvettenkapitän Scheibe schildert in seiner Beschreibung der Seeschlacht diese,, Attacke“ folgendermaßen: „Die Schlachtkreuzer, die während der Umschiffung des Admirals Hipper vorübergehend vom Kommandanten des ,Derffiinger‘ geführt wurden, werfen sich jetzt mit rücksichtslosem Einsatz, höchste Fahrt laufend, zum Heranbringen der Torpedoboote auf die feindliche Linie. Ein dichter Geschoßhagel überschüttet sie auf ihrem ganzen Wege vorwärts.“

Salve auf Salve schlug in unserer unmittelbaren Nähe ein, und Treffer auf Treffer traf unser Schiff. Es waren aufregendste Minuten. Mit Oberleutnant v. Stosch hatte ich keine Verbindung mehr, die Telephon- und Sprachrohrleitungen zum Vormars waren durchschossen. So war ich beim Schießen nur auf meine eigenen Beobachtungen der Aufschläge angewiesen. Noch hatte ich bisher mit allen vier schweren Türmen geschossen, da ereignete sich um 9 Uhr 13 Minuten eine schwere Katastrophe. Ein 38 cm-Geschoß durchschlug den Turmpanzer von Turm „Cäsar“ und explodierte im Innern des Turmes. Dem tapferen Turmkommandeur, Oberleutnant zur See v. Boltenstern, wurden beide Beine abgerissen, und mit ihm wurden fast sämtliche Geschütz-Bedienungsmannschaften getötet. Durch Sprengstücke wurde im Turm eine Haupt- und eine Nebenkartusche entzündet. Der Feuerstrahl der entzündeten Kartuschen schlug in die Umladekammer, wo er zwei Haupt- und zwei Nebenkartuschen auf jeder Seite entzündete, und von da in die Kartuschkammer, wo ebenfalls zwei Hauptkartuschen und zwei Nebenkartuschen verbrannten. Die Kartuschen brannten mit großen Stichflammen ab, die haushoch aus dem Turm in die Höhe schlugen, — aber sie brannten nur, sie explodierten nicht, wie es die Kartuschen bei unserem Gegner getan hatten! Das war die Rettung für unser Schiff! Aber trotzdem war die Wirkung des Abbrennens der Kartuschen katastrophal! Die ungeheuren Stichflammen töteten alles, was in ihren Bereich kam. Von den 78 Mann der Turmbesatzung gelang es nur fünf Mann, sich durch das für das Auswerfen von Kartuschhülsen vorgesehene Loch zu retten, zum Teil schwer verwundet. Die übrigen 73 Mann starben gleichzeitig, mitten in fieberhafter Kampfestätigkeit, den Heldentod, in treuster Pflichterfüllung die Befehle ihres Turmkommandeurs ausführend.

Wenige Augenblicke nach dieser Katastrophe erfolgte eine zweite. Ein 38 cm-Geschoß schlug auf die Turmdecke des Turmes „Dora“, durchschlug die Turmdecke und explodierte auch hier im Innern des Turmes. Und wieder geschah das Entsetzliche: bis auf einen einzigen Mann, der bei der Explosion durch den Luftdruck durch ein Einsteigeloch aus dem Turm geschleudert wurde, fand die gesamte Turmmannschaft einschließlich aller Munitionskammerleute in Stärke von 80 Mann den gleichzeitigen Tod. Unter Führung des tapferen Turmführers, des Stückmeisters Arndt, hatte die Besatzung des Turmes „Dora“ bis zur letzten Sekunde heldenmütig gekämpft. Auch hier hatte die Stichflamme bis in die tiefgelegene Kartuschkammer hinunter alle Vorkartuschen entzündet, die sich nicht mehr in dem schützenden Packgefäß befanden, sowie einige Hauptkartuschen. Nun schlugen aus beiden achteren Türmen haushohe Flammen gen Himmel mit gelben Rauchmassen vermischt, zwei schauerliche Grabfackeln.

Um 9 Uhr 15 Minuten bekam ich Meldung aus der Artilleriezentrale: „Gäsgefahr in der Artilleriezentrale der schweren Artillerie. Zentrale muß verlassen werden!“ Ich erschrak etwas. Das mußte ja bös aussehen im Schiff, wenn die giftigen Gase schon in die Artilleriezentrale, die so vorzüglich abgeschlossen war, eindrangen! Ich befahl: „Schaltung vorderer Stand!“ und stellte gleich darauf fest, daß die Artillerieapparate tatsächlich vorm Verlassen der Zentrale noch auf den vorderen Stand geschaltet waren. Ich konnte nunmehr die Artillerie so leiten, daß ich meine Befehle durch einen Sprachschlauch einem Befehlsübermittler, der unter dem durchlöcherten Blech saß, auf dem ich stand, zurief. Dieser gab die Befehle durch seine Artillerietelephone und -telegraphen unmittelbar an die Geschütztürme weiter. Dadurch erhöhte sich zwar der Stimmenlärm im Artilleriestand, aber es bestand doch immerhin eine Möglichkeit, die Artillerie zu leiten. Es prasselte jetzt Treffer auf Treffer ins Schiff! Der Feind war ausgezeichnet eingeschossen. Mir krampfte das Herz zusammen, wenn ich an die Ereignisse dachte, die sich jetzt im Innern des Schiffes abspielen mußten! Uns im gepanzerten Stand war’s ja bisher immer noch sehr gut gegangen. ……. Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen. Plötzlich war es uns wie Weltenuntergang. Ein ungeheures Rauschen, eine gewaltige Detonation, und dann ward es Nacht um uns, wir spürten einen ungeheuren Schlag, der ganze Kommandoturm wurde wie von Riesenfäusten gepackt, in die Höhe geworfen und federte dann zitternd wieder in seine alte Stellung zurück. Ein schweres Geschoß hatte den Artilleriestand getroffen, etwa 50 cm von mir entfernt. Das Geschoß detonierte, konnte aber den dicken Panzer nicht durchschlagen, weil es in ungünstigem Winkel aufgeschlagen war. Doch hatte es gewaltige Stücke aus dem Panzer herausgebrochen. Giftig grün-gelbe Gase schlugen durch die Sehschlitze in unseren Stand. Ich rufe; „Gasmasken runter!“ und sofort zieht sich jeder seine Gasmaske über das Gesicht. Ich leite das Feuer mit aufgesetzter Gasmaske weiter, wenn es mir auch schwer wird mich verständlich zu machen. Doch verziehen sich die Gase bald, vorsichtig nehmen wir die Masken wieder ab. Wir vergewissern uns, daß die artilleristischen Apparate in Ordnung sind. Nichts ist zerstört! Selbst die Feinmechanismen der Richtungsweiseranlage sind merkwürdigerweise dank ihrer federnden Anbringung noch in Ordnung. Einige Sprengstücke waren durch Sehschlitze in den vorderen Kommandostand geflogen und hatten dort einige Leute, unter anderen den Navigationsoffizier, verwundet. Durch den ungeheuren Stoß war die schwere Panzertür des Kommandostandes aufgesprungen und stand sperrangelweit offen. Vergeblich versuchten zwei Mann sie wieder zuzukurbeln, es war ganz unmöglich, so fest klemmte sie. Da kam eine unerwartete Hilfe. Wieder hörten wir ein ungeheuerliches Sausen und Krachen, und mit dem Donner eines einschlagenden Blitzes explodiert eine 38 cm-Granate unter der Kommandobrücke. Ganze Decksplatten fliegen durch die Luft, ein ungeheurer Luftdruck wirft alles, was nicht niet- und nagelfest ist, über Bord. So verschwindet z. B. das Kartenhaus mit allen Karten und Apparaten und — last but not least — mit meinem schönen Mantel, den ich ins Kartenhaus hatte hängen lassen, für immer von der Bildfläche. Und etwas Erstaunliches geschieht dabei: durch den ungeheuren Stoß des krepierenden 38 cm-Geschosses wird die Panzertür des Artilleriestandes wieder zugeworfen! Ein höflicher Mann, der Engländer! Hatte er uns die Tür geöffnet, so hatte er sie uns nun auch wieder zugemacht. Ob das ganz beabsichtigt war? Auf jeden Fall waren wir sehr froh darüber.

Ich suchte mit meinem Sehrohr wieder nach dem Gegner. Immerzu schlugen die Salven bei uns ein, wir aber konnten fast nichts vom Feinde, der uns im großen Halbkreise umgab, sehen. Das einzige, was gut zu sehen war, waren die riesigen, rotgoldenen Flammen des Mündungsfeuers. Von den Schiffsrümpfen sah man nur selten etwas. Ich ließ die Entfernung von den Mündungsfeuern messen. Das war die einzige Möglichkeit, die Entfernung vom Feinde festzustellen.. Und ohne große Hoffnung darauf, dem Gegner viel Abbruch zu tun, ließ ich von den beiden vorderen Türmen Salve auf Salve feuern. Ich fühlte, wie unser Schießen die Nerven unserer Besatzung beruhigte. Hätten wir jetzt nicht geschossen, der ganzen Besatzung des Schiffes hätte sich in diesen Momenten eine große Hoffnungslosigkeit bemächtigt, denn jedermann merkte: nur noch wenige Minuten so weiter, dann sind wir verloren. Solange wir aber noch schossen, konnte es noch nicht ganz schlecht mit uns stehen. Auch die Mittelartillerie schoß, aber von den sechs Geschützen der Seite waren nur noch zwei brauchbar. Das Rohr des vierten Geschützes war infolge eines Rohrkrepierers auseinander geborsten, und das dritte Geschütz war völlig zerschossen. Die beiden noch intakten 15 cm-Geschütze schossen aber lebhaft mit.

Leider versagte jetzt im Turm „Bertha“ die Richtungsweiseranlage. Nun hatte ich bloß noch einen einzigen Turm, den ich mittels meines Sehrohres auf den Gegner richten konnte! Dem Turm „Bertha“ wurde aus der Artilleriezentrale nach dem Kontrollapparat dauernd die Richtung meines Sehrohres zugerufen, das war ein gewisser Anhalt für den Turmkommandeur, genügte aber natürlich nicht bei dem in dauernder Bewegung befindlichen Schiffe. Und mit dem Turmfernrohr war der Feind vom Turmkommandeur auf die Dauer nicht festzustellen. Man sah ja eigentlich nur die feurigen, leckenden Augen, die das uns gegenüberstehende Ungeheuer gelegentlich öffnete — nämlich wenn es eine Salve schoß. Ich schoß jetzt immer auf ein Schiff, das abwechselnd Doppelschüsse aus je zwei Türmen feuerte. Wie zwei feurige, breite Augen sah dann das Mündungsfeuer aus. Und plötzlich schoß mir durch den Kopf, wo ich so etwas bereits einmal gesehen hatte: Sascha Schneiders Bild „Das Gefühl der Abhängigkeit“ hatte in. mir ähnliche Gefühle erweckt, wie ich sie jetzt empfand. Es stellt ein schwarzes Ungeheuer mit verschwommenen Umrissen dar, schläfrig seine feurigen Augen ab und zu auf einen gefesselten Menschen richtend, bereit zur tödlichen Umarmung. Nicht viel anders kam mir unser Zustand jetzt vor. Doch der Kampf mit dem Ungeheuer mußte ausgekämpft werden! Der Turm „Anna“ unter der Führung des braven Stückmeisters Weber — den Turmkommandeur hatte ich als Ersatz für den abkommandierten vierten Artillerieoffizier in den hinteren Stand geschickt — schoß unentwegt weiter, und ebenfalls die wackere „Schülzburg“, letztere allerdings häufig auf ein anderes als das befohlene Ziel. Ohne Richtungsweiser war es eben unmöglich, beide Türme stets auf dasselbe Mündungsfeuer des Gegners schießen zu lassen.

Um 9 Uhr 18 Minuten empfingen wir den funkentelegraphischen Befehl vom Flottenchef: „Auf die feindliche Spitze manövrieren!“ Das hieß, wir sollten nicht mehr in den Gegner hineinlaufen, sondern wir sollten ein laufendes Gefecht mit den feindlichen Spitzenschiffen führen. Wir drehten daraufhin auf West-zu-Süd ab. Unglücklicherweise stand nunmehr der Gegner so weit achterlich, daß ich ihn im vorderen Stand nicht mehr sehen konnte. Nun hätte die Leitung auf den achteren Stand übergehen müssen. Aber die dafür notwendige Schaltung konnte nur in der Zentrale ausgeführt werden. Die aber war ja zur Zeit nicht verwendungsfähig. So bestand denn tatsächlich augenblicklich keine Möglichkeit, die beiden vorderen Türme, denn um die allein handelte es sich ja nur noch, zu leiten! Ich befahl: „Türme selbständig!“ Und eine Zeitlang feuerten nun die beiden Türme unter Leitung ihrer Turmkommandeure selbständig. Ich beobachtete, daß Turm „Bertha“ das hart achteraus stehende Ziel schnell erfaßte und lebhaft feuerte. Auch Turm „Anna“ griff bald ins Feuer ein. Eine Zeitlang stand der Gegner genau hinter uns, so daß ihn die vorderen Türme nicht mehr bekommen konnten, da ihr Bestreichungswinkel nur bis 220° reichte. Da konnten wir uns überhaupt nicht mehr wehren! Beim Abdrehen feuerte der Torpedooffizier auf 80 hm einen Torpedo. Gleichzeitig griffen unsere Torpedoboote, die bisher hinter uns gestanden hatten, an. Mehrere Flottillen brachen gleichzeitig zum Angriff vor. Ein dichter Qualm legte sich zwischen uns und die feindlichen „Ungeheuer“. Ein wildes Schlachtengetümmel bot sich wieder einmal unseren Augen. Schwer war es, Feind und Freund auseinanderzuhalten. Immer neue Torpedoboote stießen in den Qualm hinein, verschwanden darin, kamen für kurze Augenblicke wieder zum Vorschein. Andere Boote kamen bereits wieder zurück, sie hatten ihre Torpedos bereits geschossen. Die Flottillen sammelten sich bei uns nach dem Angriff und griffen dann noch ein zweites Mal an. Der Feind entschwand jetzt unseren Blicken und die feindlichen Aufschläge hörten auf. Wir atmeten erleichtert aufl Das feindliche Feuer donnerte und grollte zwar nach wie vor, aber wir waren für den Gegner keine Zielscheibe mehr. Da um 9 Uhr 15 Minuten mein Listenführer die Artilleriezentrale mit hatte räumen müssen, ist leider von dieser Zeit ab für diesen Gefechtsabschnitt keine Liste geführt worden.

Aus der Artilleriezentrale ist um 9 Uhr 23 Minuten gemeldet worden: „Artilleriezentrale ist wieder besetzt. Ich erfuhr später, daß die Gasverseuchung dadurch entstanden war, daß dicke gelbe Gasschwaden aus den Sprachrohren vom Turm „Cäsar“ in die Zentrale getreten waren. Im Eifer des Gefechtes hatte sie niemand gleich bemerkt. Plötzlich war die ganze Zentrale damit angefüllt! Alles reißt die Gasmasken herunter. Der Befehlsübermittlungs-Offizier, Leutnant zur See Hoch, kommandiert noch „Artillerieapparate auf vorderen Stand schalten!“ und dann läßt er die Zentrale räumen. Gleich darauf begibt sich der tapfere Mechaniker Schöning, mit sorgfältig angelegter Gasmaske, wieder in die Zentrale. Er tastet sich durch die giftigen Gasmassen, die den Raum vollständig erfüllen, zu den Sprachrohren und schließt sie mit Holzpfropfen. Mittlerweile wird die elektrische Ventilation angestellt, und nach wenigen Minuten wird es lichter in der Zentrale, die Gase werden abgesaugt, und die Befehlsübermittler begeben sich wieder auf ihre Stationen.

Eine Gefechtspause war dringend erforderlich! Um 9 Uhr 37 Minuten konnte, da kein feindliches Schiff mehr in Sicht war, Gefechtspause befohlen werden. Alle Geschützmannschaften mußten an Deck zum Feuerlöschen. Der vordere Kommandostand war ganz in Flammen und Rauch gehüllt, die 15 cm-Geschützmannschaften wurden zum Löschen befohlen. Der Geschützkampf ruhte, aber im Schiff wurde ein hartnäckiger Kampf gegen Wasser und Feuer geführt. Obwohl aus dem Schiff nach Möglichkeit alles Brennbare entfernt worden war, so fand das Feuer doch immer Nahrung, besonders im Linoleum, den Holzdecks, Kleidungsstücken und in der Ölfarbe. Gegen 10 Uhr waren wir der feindlichen Elemente in der Hauptsache Herr geworden, nur an einzelnen Stellen noch schwelte der Brand. Die Türme „Cäsar“ und „Dora“ qualmten noch etwas, dicke gelbe Gase strömten noch gelegentlich heraus, aber auch dies hörte allmählich auf, nachdem die Munitionskammern geflutet waren. Nie hätte jemand von uns geglaubt, daß ein Schiff so viele schwere Treffer aushalten könne! Etwa zwanzig 38 cm-Treffer stellten wir nach der Schlacht fest, und etwa ebensoviel schwere Treffer von geringerem Kaliber. Die Widerstandsfähigkeit unserer Schiffe in Verbindung mit ihrer gewaltigen Waffenwirkung hat den Erbauern unserer Flotte, besonders dem genialen Großadmiral v. Tirpitz, ein glänzendes Zeugnis ausgestellt.

„Lützow“ war nicht mehr zu sehen. Um 9 Uhr 20 Minuten war im hinteren Stand aufgeschrieben worden: „Ziel verdeckt durch dicken Qualm von ,Lützow‘.“ Dann war das brennende Schiff in der immer mehr zunehmenden Unsichtigkeit verschwunden.

Aber unsere Kampfgenossen „Seydlitz“, „Moltke“ und „von der Tann“ waren noch bei uns. Auch sie waren bös zugerichtet! Vor allem der „Seydlitz“ hatte man übel mitgespielt. Auch hier schlugen haushohe Flammen aus einem Geschützturm. Auf allen Schiffen brannte es. Der Bug der „Seydlitz“ lag tief im Wasser. Admiral Hipper hatte, als er mit seinem Torpedoboot längsseit der „Seydlitz“ lag, erfahren, daß sie keine F-T-Einrichtung mehr besäße, und daß bereits mehrere tausend Tonnen Wasser im Schiff seien. Da wollte er auf die „Moltke“ übersteigen, die von Kapitän zur See v. Karpf, dem früheren Kommandanten der „Hohenzollern“, geführt wurde. Aber als er übersteigen wollte, bekam das Schiff gerade ein solches Höllenfeuer, daß der Kommandant mit der Fahrt nicht heruntergehen konnte. Auch auf „Derfflinger“ wurde von Admiral Hipper angefragt, welche Gefechtsstörungen wir hätten. Als gemeldet wurde: „Es feuern nur noch zwei 30,5 cm und zwei 15 cm der Backbordseite. 3400 Tonnen Wasser im Schiff, alle Signalmittel bis auf F-T-Empfang zerstört“, hat er darauf verzichtet, zu uns überzusteigen. Er stieg auf „Moltke“, sobald die Gefechtslage es gestattete. Doch hat während des ganzen vierten Gefechtsabschnittes der Kommandant des „Derfflinger“ die Schlachtkreuzer geführt. Der Name des Kapitäns zur See Hartog ist mit der Todesfahrt der Schlachtkreuzer vorm Skagerrak für alle Zeiten unlöslich verbunden.

Auf allen unseren Schlachtkreuzern waren eine große Menge tapferer Männer dahingerafft worden. Hunderte hatten den Heldentod in diesem stolzen Angriffe erlitten. Aber unsere Aufgabe, gemeinsam mit den Torpedobootsflottillen das Rückzugsmanöver der Flotte zu decken, war glänzend erfüllt worden. Admiral Scheer konnte die Flotte völlig unverletzt der drohenden Umklammerung entziehen.

Aus Skizze II geht der Weg hervor, den die Flotte zurückgelegt hat. Hieraus kann man ersehen, daß die Flotte bis 7 Uhr 48 Minuten in Staffelformation nordwestlichen Kurs und dann bis 8 Uhr 35 Minuten in Kiellinie nordöstlichen Kurs gesteuert hat. Um 8 Uhr 35 Minuten hat die Flotte bereits einmal auf westlichen Kurs gewendet, wendete dann aber, um die brennende, dauernd unter. schwerstem Feuer liegende „Wiesbaden“ nicht im Stich zu lassen, wieder auf östlichen Kurs zurück und beendete dann um 9 Uhr 17 Minuten die um 9 Uhr 12 Minuten befohlene Kehrtwendung auf westlichen Kurs und entzog sich damit unter dem Schutze der Schlachtkreuzer und Torpedobootsflottillen der halbkreisförmigen Umklammerung. In den Kampf eingegriffen haben die vordersten Schiffe, die Schiffe des dritten Geschwaders, als sie nach 7 Uhr 48 Minuten mit den Schiffen der „Queen Elizabeth “-Klasse ins Gefecht kamen. Und dann wieder, als sie auf den um 8 Uhr 35 Minuten und um 9 Uhr 17 Minuten endenden Vorstößen auf östlichem Kurs in den Feuerbereich der halbkreisförmig vor ihnen stehenden englischen Flotte kamen. Das in der Mitte der Linie stehende erste Geschwader Ist während der Tagschlacht überhaupt nicht zum Feuern gekommen, es hat dafür die Hauptlast des Nachtkampfes zu tragen gehabt. Das zweite Geschwader war infolge seiner geringeren Geschwindigkeit um mehrere Seemeilen zurückgeblieben.Durch Zufall ist es in der letzten Gefechtsphase noch ins Gefecht gekommen, wovon ich später noch zu erzählen haben werde. Infolge der taktisch richtigen Aufstellung und Führung unserer Flotte sind in den Hauptkämpfen die englischen Schiffe stets nur auf unsere modernsten und kampfkräftigsten Schiffe gestoßen. Nur so konnte es geschehen, daß wir während der eigentlichen Schlacht kein Schlachtschiff restlos verloren — die schwerhavarierte „Lützow“ ist am Tage nach der Schlacht von der gesamten Besatzung verlassen und dann von uns selbst torpediert worden —, während die Engländer drei ihrer besten Schiffe einbüßten. Diese Tatsache ist ein glänzender Beweis für die vollendete taktische Geschicklichkeit des Admirals Scheer und seines genialen Chefs des Stabes, des Konteradmirals v. Trotha.

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.
An Bord des „Derfflinger“ während des Vormarsches nach dem Skagerrak.
Der erste Gefechtsabsehnitt der Skagerrak-Schlacht (5 Uhr 48 Minuten bis 6 Uhr 55 Minuten).
Der zweite Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (6 Uhr 55 Minuten bis 7 Uhr 5 Minuten).
Der dritte Gefechtsabschnitt der Skagerrak-Schlacht (7 Uhr 50 Minuten bis 9 Uhr 5 Minuten).

Die zwei weissen Völker

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)

Am 22. Mai 1914 brachten die „Times“ folgende Nachricht: Besuch der Ostsee durch die Erste Flotte.

Die Admiralität teilt mit, daß vier Geschwader von Linienschiffen und Kreuzern im nächsten Monat in der Ostsee kreuzen sollen. Alle wichtigen Häfen sollen dabei besucht werden, einschließlich Kiel, Kronstadt, Kopenhagen, Christiania und Stockholm. Diese Besuche haben eine ähnliche Bedeutung, wie diejenigen, die britische Geschwader kürzlich österreichischen, italienischen und französischen Häfen gemacht haben, den jetzt ein österreichisches Geschwader Malta macht, den ein russisches Geschwader im vergangenen Sommer Portland gemacht hat und den ein französisches Geschwader im nächsten Monat demselben Hafen machen wird. Sie sind zwischen den betreffenden Regierungen vereinbart, und da sie weder politische noch internationale Bedeutung haben, so darf man hoffen, daß sie nicht anders ausgenützt werden, als zu dem üblichen Austausch von Gastfreundschaft, die bei solchen Besuchen zu erwarten ist. Diese Fahrten werden den Offizieren und Mannschaften sehr willkommen sein, da sie eine Erholung von der Einförmigkeit des täglichen Dienstes in den heimischen Gewässern bedeuten und zur Kenntnis von fremden Häfen beitragen. Das letztemal, daß britische Seestreitkräfte in der Ostsee waren, war im Herbst 1912, als das Zweite Kreuzergeschwader Christiania, Kopenhagen, Stockholm, Reval und Libau besuchte.

Folgende Bewegungen von Sr. Majestät Schiffen der Ersten Flotte kündigt der Sekretär der Admiralität an:

DerVizeadmiral des Zweiten Linienschiffs-Geschwaders wird an Bord seines Flaggschiffes „King George V.“ mit „Ajax“ „Audacious“ und „Centurion“ und der Kommodore des Ersten Kleinen Kreuzergeschwaders wird an Bord der „Southampton“ mit „Birmingham“ und „Nottingham“ Kiel vom 23.—30. Juni besuchen.

Die Nachricht von diesem beabsichtigten englischen Flottenbesuche in Kiel erregte in Deutschland und überhaupt in der ganzen Welt allergrößtes Aufsehen. Die einen wollten darin einen bedeutenden Schritt zur Entspannung der politischen Lage sehen, die andern sahen darin nur eine letzte Spionage vor dem unvermeidlichen Zusammenstoß. Die deutschen Zeitungen beschäftigten sich bald lebhaft mit dem zu erwartenden englischen Flottenbesuch, und die Marine traf allerlei Vorbereitungen zum Empfang der Schiffe in Kiel. Unter anderem befahl Seine Majestät der Kaiser, daß den beiden englischen Seebefehlshabern zwei deutsche Seeoffiziere zum persönlichen Dienst zugeteilt werden sollten. Noch im Mai erfuhr ich, daß ich zum Dienst bei einem der englischen Admirale vorgeschlagen sei, und Anfang Juni stand im Flottenbefehl, daß ich zum persönlichen Dienst bei Vizeadmiral Sir George Warrender und Kapitänleutnant Kehrhahn zum persönlichen Dienst bei Kommodore Goodenough, dem Führer der kleinen Kreuzer, kommandiert seien. Bei meinen Kommandos im Auslande, vor allem in Ostasien, sowie bei längerem Aufenthalt in England hatte ich stets gute Beziehungen zu Engländern, besonders zu gleichaltrigen englischen Seeoffizieren unterhalten. Ich hatte im Verkehr mit Engländern viele schöne Stunden verlebt, und so freute ich mich auch jetzt, als ich meine Kommandierung erfuhr, auf den zu erwartenden geselligen Verkehr mit den englischen Offizieren. Außerdem versprach ich mir mancherlei Anregungen für meinen Beruf.

Am Dienstag, den 23. Juni, bestieg ich in Kiel zusammen mit dem englischen Marineattache in Berlin, captain Henderson, sowie dem für das Einlotsen des englischen Flaggschiffes bestimmten Navigationsoffizier in aller Frühe eine Motorbarkasse, mit der wir dem englischen Geschwader bis zum Bülker Feuerschiff, das etwa zehn Seemeilen von Kiel entfernt liegt, entgegenfuhren. Es war ein regnerischer, diesiger Tag, nur eine leichte Brise wehte. Beim Bülker Feuerschiff trafen wir mit den sechs Motorbarkassen der Navigationsoffiziere zusammen, die die übrigen Schiffe einlotsen sollten. Unsere kleine Flottille war gerade versammelt, als wir im Norden zwei, starke Rauchwolken ausmachten. In zwei Kolonnen steuerten die englischen Schiffe auf uns zu. Wir erkannten bald in der linken Kolonne die in Kiellinie fahrenden vier Linienschiffe, in der rechten mehr zurückstehenden Kolonne die drei kleinen Kreuzer. Von unserem niedrigen Standort aus gesehen, boten die englischen Linienschiffe einen imposanten Anblick. Die schwarz-graue Farbe wirkte auf dem nebelgrauen Hintergründe fast wie schwarz. Dräuend schoben sich die Schiffskolosse heran, die größten Kriegsschiffe der Welt. Es waren die angekündigten Dreadnoughts „King George V.“, „Ajax“, „Audacious“ und „Centurion“ sowie die drei kleinen Kreuzer „Southampton“, „Birmingham“ und „Nottingham“. Auf dem Flaggschiffe, auf dem im Vortopp die englische Vizeadmiralsflagge wehte, ging ein Signal hoch, als man unser Winken bemerkte. Die Schiffe stoppten, die Maschinen schlugen zurück, und als die mächtigen Schiffe zum Stehen gekommen waren, legten unsere sieben Motorbarkassen fast gleichzeitig an den sieben englischen Schiffen an. Wir gingen längsseit vom Steuerbord-Seefallreep des „King George V.“, und kletterten, dort an Bord. Der erste Offizier des Schiffes, commander Goldie, empfing uns und geleitete uns zum Admiral, der mit den Offizieren seines Stabes auf der hochgelegenen Admiralsbrücke stand. Captain Henderson stellte uns dem Admiral vor. Ich bewillkommte ihn im Namen des Chefs der Hochseeflotte und des Chefs der Marinestation der Ostsee und meldete ihm, daß ich für die Dauer der Anwesenheit des englischen Geschwaders in Kiel zum persönlichen Dienst bei ihm befohlen sei. Der Admiral dankte sehr liebenswürdig und erfreut und machte mich sogleich mit den Offizieren seines Stabes bekannt. Dies waren der flag-captain (Kommandant des Flaggschiffes) und gleichzeitig Chef des Stabes captain Baird, der flag-commander (Admiralstabsoffizier) The Honourable Arthur Stopford und der flag-lieutenant (Flaggleutnant) Buxton. Vizeadmiral Sir George Warrender war eine gute Erscheinung mit aristokratischem Gesicht, guten blauen Augen, bartlos. Er mochte wohl etwa 55 Jahre alt sein, war leicht ergraut, aber in seinem Wesen von jugendlicher Elastizität und liebenswürdiger Fröhlichkeit. In meinem dienstlichen Bericht, den ich gleich nach dem Besuch des englischen Geschwaders eingereicht habe, habe ich über die Persönlichkeiten des Admirals und der Offiziere seines Stabes folgendes berichtet:

Vizeadmiral Sir George Warrender, Bart.

Vizeadmiral Sir George Warrender, Bart., ist ein vornehmer Weltmann von echt englischem Typ mit sicherem und bestimmten Auftreten. Die Offiziere seines Stabes und seiner Schiffe schätzen seine Eigenschaften hoch ein, und auch sonst soll er in seinem Geschwader infolge seiner Charaktereigenschaften und seiner persönlichen Fürsorge für die Mannschaften sehr beliebt sein.

Schon beim Einlaufen und auch später fiel mir bei ihm — wie auch bei fast allen übrigen englischen Offizieren — das kurze, geschäftsmäßige Erledigen aller dienstlichen Vorkommnisse auf. Kurze Befehle und kurze Antworten, wofür die englische Sprache ja besonders geeignet ist. Im Dienst kein außerdienstliches Wort. So machte die Handhabung des Dienstes trotz des Fehlens der meisten unserer militärischen Formalitäten in Anrede, Sprache und Haltung einen sehr militärischen und sachgemäßen Eindruck. Warrender ist schwerhörig, die Offiziere seines Stabes sind aber so auf ihn eingespielt, daß er sie auch bei leisem Sprechen versteht. Im Verkehr mit den übrigen Offizieren und mit Fremden hatte er Schwierigkeiten, besonders während lebhaften allgemeinen Tischgesprächs.

War ich mit dem Admiral allein oder nur noch mit Mitgliedern seines Stabes zusammen, so erkundigte er sich eingehend nach den deutschen Marineverhältnissen, und zwar bemühte er sich besonders die Lebens- und Dienstverhältnisse und den Geist unserer Offiziere und Mannschaften kennen zu lernen. Außerdem bekundete er lebhaftes Interesse für unsere Funkentelegraphie und für Motore, besonders für unsere U-Bootsmotore. Das Vergleichen ihrer eigenen Marine mit der unsrigen war ihm und seinen Offizieren zur zweiten Natur geworden. Sir George Warrender bewies sich mehrmals als ausgezeichneter Redner. Er versteht etwas deutsch, machte aber beim Sprechen keinen Gebrauch davon. Ich mußte ihm auf seine Bitte täglich die eingegangenen deutschen Briefe und die Zeitungsartikel, die sein Geschwader betrafen, übersetzen.

Sir George Warrender gilt als guter Tennisspieler und als sehr guter Golfspieler. Von Sr. Majestät dem Kaiser und Sr. K. H. dem Prinzen Heinrich sprach er stets mit größter Hochachtung. Er war über die Aufnahme, die er und seine Frau bei Sr. Majestät dem Kaiser und Sr. K. H. dem Prinzen Heinrich gefunden hatte, sehr beglückt. Auch sonst bemühte er sich, gegen alle deutschen Offiziere möglichst zuvorkommend zu sein. Gegen mich bewies sich Sir George Warrender stets sehr liebenswürdig und fürsorgend. Er betonte des öfteren, wie dankbar er es empfände, daß ihm und dem Kommodore Goodenough deutsche Seeoffiziere attachiert worden seien. Tatsächlich nahm er mich auch ganz wie einen persönlichen Adjutanten in Anspruch.

Zusammenfassend möchte ich über Sir George Warrender folgendes Urteil abgeben: er ist eine vornehme Persönlichkeit, hat seine Offiziere und Mannschaften gut in der Hand, ist ein klarer Kopf voll Interesse und Verständnis für seinen Beruf und die politischen Verhältnisse und von fast jugendlicher Elastizität.

Flag-captain Baird.

Ist Chef des Stabes und Kommandant des Flaggschiffes in einer Person. Von früh bis spät auf den Beinen. Er regelte in erster Linie alle Offiziers- und Mannschafts-Angelegenheiten, die das ganze Geschwader betrafen (Festlichkeiten, Urlaub, Sportsachen usw.). Er macht äußerlich einen verbrauchten Eindruck, ist aber ein kluger, energischer Offizier.

Flag-commander The Honourable Arthur Stopford.

Ist als Admiralstabsoffizier Geschwader-Artillerieoffizier. Kluger Kopf, ehrliche, freimütige Natur, mit besonderen Sympathien für deutsche Häuslichkeit und Lebensweise.

Secretary Hewlett.

Besitzt eine große Vertrauensstellung. Er rangiert vor dem flag-commander. Seine Tätigkeit entspricht völlig der unserer Geschwadersekretäre.

Gegen 9 Uhr morgens liefen wir am 23. Juni in den Kieler Hafen ein. Es machte mir Spaß, diese so oft befahrene Strecke einmal auf der Admiralsbrücke eines englischen Flaggschiffes zurücklegen zu können. Vor der Förde kamen wir in eine tüchtige Regenböe, doch klarte das Wetter an der über Labö gehenden Wetterscheide auf, und wir sahen den schönen Kieler Hafen in strahlendem Sonnenschein. Zahlreiche Yachten und Marineboote umkreisten uns, die Ufer waren dichtbesät mit Neugierigen, die herbeigeeilt waren, um die Einfahrt der berühmten englischen Dreadnoughts anzusehen. Von Labö an begleitete uns die weiße Motorbarkasse des Prinzen Heinrich, der uns mit seinen Damen begrüßte. Der Admiral und Prinz Heinrich begrüßten sich durch lebhaftes Mützenschwen-ken. In guter Ordnung und mit seemännischem Geschick machten alle Schiffe fast gleichzeitig an den ihnen bestimmten Bojen fest. Bald darauf versammelten wir uns zum Frühstück in der Admiralsmesse. Der Admiral verfügte über ein sehr großes Speisezimmer, das von Bordwand zu Bordwand reichte und mit Mahagoni getäfelt war. Ferner über einen Salon, der sehr elegant mit hellen Möbeln eingerichtet war und mit seinen vielen Kissen und hellen Tapeten wie ein Damensalon aussah. Diese beiden Räume waren für den allgemeinen Gebrauch durch die Mitglieder der Admiralsmesse bestimmt, doch hielten sich diese in ihrer freien Zeit meistens in ihren geräumigen Kammern oder in der Offiziersmesse auf. Der Admiral hatte für seinen persönlichen Gebrauch noch ein geräumiges Arbeitszimmer, ein großes Schlafzimmer, Bad und Toilette.

Wir frühstückten ausgiebig, und der Admiral besprach dabei mit mir die Einteilung für den Tag. Vorgesehen war: 11 Uhr Besuchsaustausch auf S. M. S. „Friedrich der Große“. Danach Meldung beim Prinzen Heinrich. Abends: Essen beim Prinzen Heinrich. Der Admiral fragte mich, wo ich immer zu erreichen sei. Ich bat ihn darauf, auf dem „King George V.“ wohnen zu dürfen, was ihm sehr lieb war. Er stellte mir vorläufig die für den Botschafter bestimmten Staatsräume zur Verfügung, und so zog denn mein Bursche, Matrose Hänel, mit all meinen Sachen darin ein. Es war eine kleine abgeschlossene Wohnung für sich, Wohnzimmer, bildhübsch eingerichtet, Schlafzimmer, Bad und Toilette. Leider dauerte das Vergnügen nicht lange, noch am selben Abend kam der englische Botschafter an Bord, und ich bezog eine Kammer in einem unteren Deck, die zwar geräumig, aber recht ungemütlich und heiß war. Ich habe während der ganzen Kieler Woche an Bord des „King George V.“ gewohnt, auch an Bord geschlafen. Durch das ständige Zusammensein mit Admiral Warrender und seinen Offizieren und Gästen hatte ich Gelegenheit, sie gut kennen zu lernen und mir ein Urteil über den Geist zu bilden, der unter ihnen herrschte. Außer, dem englischen Botschafter wohnten noch dessen Sohn und ein Neffe des Admirals, ein junger Lord Erskine, als Gäste des Admirals an Bord. Zur festgesetzten Zeit fuhren wir mit dem Admiralsboot, der „bärge“, einem sehr geräumigen und schön mit Mahagoniholz getäfelten Dampfboot, auf das Flottenflaggschiff „Friedrich der Große“, wo sämtliche in Kiel anwesenden Admirale und Kommandanten der Flotte zum Besuchsaustausch versammelt waren. Admiral v. Ingenohl und Admiral Warrender stellten gegenseitig die Offiziere vor. Die deutschen Offiziere verhielten sich kühl und reserviert, die Engländer nicht viel anders, so daß man trotz den korrekten Formen die politische Spannung bemerken zu können glaubte. Bei späteren Festlichkeiten habe ich ähnliches nicht bemerkt, besonders nicht bei dem Verkehr der jüngeren Offiziere untereinander, die sehr schnell gut Freund miteinander wurden. Bei allen Bällen und Bordfesten und bei den sportlichen Veranstaltungen sah man die jungen englischen Offiziere stets in bestem Einvernehmen mit den deutschen Offizieren und in eifrigsten Flirt mit den deutschen Damen. Auch wurden viele englische Offiziere von unseren verheirateten Seeoffizieren eingeladen und verbrachten so manche Stunde in deutscher Häuslichkeit. Viele Offiziere und Mannschaften machten davon Gebrauch, daß ihnen freie Eisenbahnfahrt bewilligt worden war; täglich fuhren Hunderte nach Berlin und Hamburg. Infolgedessen fehlte in Kiel immer ein guter Teil der Offiziere und Mannschaften.

Von „Friedrich dem Großen“ fuhren wir zum Königlichen Schloß. Wir wurden vom Prinzen Heinrich, der Prinzessin, den jüngeren Prinzen und dem Hofstaate empfangen. Die Königlichen Hoheiten unterhielten sich sehr eingehend mit den englischen Offizieren. Beide hatten ja bis zum Kriege eine besondere Vorliebe für alles Engländertum, sprachen sie doch sogar untereinander fast nur englisch. Ich unterhielt mich lange mit dem jugendlichen Prinzen Siegismund, und später auch mit der Prinzessin Heinrich, die lebhaftes Interesse für meine Tätigkeit auf dem „King George V.“ bekundete. Alle Engländer waren von der Liebenswürdigkeit und dem vornehmen Wesen des Prinzen Heinrich sehr entzückt.

Vom Königlichen Schloß ging’s wieder an Bord des „King George V.“, wo sich mittlerweile die beiden Marineattaches als Gäste zum Lunch eingefunden hatten, Korvettenkapitän Erich v. Müller, der aus London hierher gekommen war, und cap-tain Wilfred Henderson. Korvettenkapitän v. Müller nahm mich gleich beiseite und sagte zu mir:

„Hüten Sie sich vor den Engländern! England ist bereit zum Losschlagen, wir stehen unmittelbar vorm Kriege und der Zweck dieses Flottenbesuches ist nur Spionierei. Sie wollen ein klares Bild von der Bereitschaft unserer Flotte haben. Erzählen Sie ihnen besonders nichts von unseren U-Booten!“

Diese Mitteilung deckte sich vollkommen mit meiner eigenen Anschauung, ich war aber doch verblüfft, sie so unverblümt ausgesprochen zu hören. Ich habe mich für die Dauer des englischen Besuches streng an seinen Rat gehalten. Die Zukunft hat Korvettenkapitän v. Müller völlig recht gegeben. Wieviel besser als sein Chef, der Botschafter Fürst Lichnowsky, hat er die drohende Gefahr bereits vor dem Morde von Serajewo erkannt!

Nur wenige Minuten waren wir wieder an Bord, da machte Prinz Heinrich dort seinen Gegenbesuch, und ihm folgten bald der Flottenchef und der Stationschef.

Nachmittags begleiteten der Flaggleutnant Buxton und ich den Admiral zu Besuchen. Zuerst gingen wir in den Yachtklub, wo Warrender ein geradezu rührendes Wiedersehen mit seinem Freunde Konteradmiral Sarnow feierte, mit dem er vor langen Jahren in Ostasien Freundschaft geschlossen hatte. Eine ganze Stunde lang saßen wir bei einem Glase Sekt mit den alten Herren zusammen, die sich nicht genug tun konnten, die Erinnerungen an gemeinsam verlebte Zeiten wieder aufzufrischen. Wir tranken darauf beim Chef der Marinestation der Ostsee, Admiral v. Coerper, Tee und gingen dann mit diesem und Frau v. Coerper zu den Tenniswettspielen um den Kaiserpreis auf den Plätzen vor der Marineakademie.

Als wir wieder an Bord kamen, war mittlerweile der englische Botschafter, Sir Edward Goschen, eingetroffen und hatte die feudalen Staatsräume bezogen, in denen ich es nur zu einem Mittagsschläfchen gebracht hatte. Ich habe den englischen Botschafter während der nächsten Woche als einen besonders liebenswürdigen und geistvollen Menschen kennen gelernt, der uns Deutschen stets mit großer Herzlichkeit gegenübertrat. Er stammt aus der alten Leipziger Buchhändlerfamilie der Göschen, ist also der Abstammung nach mehr ein Deutscher als ein Engländer. Nach kurzem Zusammensein mit dem Botschafter zogen wir uns alle für das Essen beim Prinzen Heinrich um. Großer Messeanzug, also Messejacke mit weißer Weste und goldenen Streifen an den Beinkleidern, war der vorgeschriebene Anzug. Kurz vor 8 Uhr fuhren wir alle in der gemütlichen „bärge“, in der wir die nächste Woche noch so manches Mal gefahren sind, zum Königlichen Schloß. Das Essen verlief sehr nett. Wir aßen im Weißen Saal an acht kleinen Tischen. Geladen waren außer den höheren englischen Offizieren die in Kiel anwesenden Admirale’mit ihren Damen und einige Mitglieder der Holsteinischen Ritterschaft. Zu dem lukullischen Mahle spielte eine vorzügliche Musikkapelle abwechselnd Stücke von englischen und deutschen Komponisten.

Bald nach 10 Uhr bestiegen wir wieder die „bärge“ und fuhren auf den „King George V.“ zurück. Mit Stopford und Buxton ging ich dort noch in die Offiziersmesse, wo ich einige Offiziere des Schiffes kennen lernte. Bei einigen Whisky und Soda blieben wir noch lange vergnügt zusammen. Auf den englischen Schiffen verfügen die Offiziere fast stets über zwei größere Räume für den gemeinschaftlichen Gebrauch: die eigentliche Offiziersmesse, die fast nur als Speiseraum benutzt wird, und den smoking-room, der mit Klubsesseln und Ledersofas ausgestattet ist und in dem geraucht, gelesen und gespielt wird. Die Möbel sind Eigentum der Offiziere. Beide Räume waren auf dem „King George V.“ besonders geschmackvoll eingerichtet.

Für den 24. Juni war folgendes Programm festgesetzt: 10 Uhr Besuch beim Staatssekretär des Reichsmarineamtes.

1:30 Uhr nachmittags: Ankunft Sr. Majestät mit S. M. Y. „Hohenzollern“. Meldung der englischen Flaggoffiziere und Kommandanten auf der „Hohenzollern“ (gleich nach dem Festmachen).

7:30 Uhr abends: Essen beim englischen Konsul.

Kapitänleutnant Kehrhahn, Buxton und ich begleiteten Admiral Warrender und Kommodore Goodenough zum Staatssekretär des Reichsmarineamtes, der seine Flagge auf S. M. S. „Friedrich Karl“ gesetzt hatte. Großadmiral v. Tirpitz empfing uns am Fallreep und führte uns in seine Kajüte. Er nahm dort mit den beiden englischen Flaggoffizieren an einem kleinen Tisch Platz, wir jüngeren Offiziere mit seinem Adjutanten an einem anderen Tische. Es wurde nur englisch gesprochen, das der Großadmiral gut sprach. Warrender und Goodenough brachten ihm Grüße von seinen vielen Freunden und Bekannten in der englischen Marine. Tirpitz sprach dann über die Entwicklung unserer Flotte. Es wurde Sekt gereicht. Wir blieben etwa eine halbe Stunde, fuhren dann wieder auf den „King George V.“, wo man in lebhaften Vorbereitungen für den Empfang der „Hohenzollern“ war. Die Mannschaft hatte während des ganzen Aufenthaltes in Kiel nur Reinigungsdienst. Die Schiffe sahen infolgedessen auch tipp-topp aus. Jetzt wurden noch alle durch die Überfahrt entstandenen Schäden am Farbenanstrich ausgebessert, die Decks gescheuert, die Reeling für die Paradieraufstellung der Besatzung durch kleine Kreidestriche in gleichmäßigen Abständen markiert. Zur festgesetzten Zeit passierte die „Hohenzollern“ die Holtenauer Schleuse. Mit dieser Fahrt wurde der Kaiser-Wilhelm-Kanal dem öffentlichen Verkehr übergeben; der Verbreiterungsbau war somit beendet. Für das Passieren von Großkampfschiffen waren allerdings noch einige Baggerungsarbeiten nötig, die aber mit Hochdruck gefördert wurden, Am 30, Juli 1914 hat die „Kaiserin“ als

erstes Großkampfschiff den Kanal passieren können, — der Kanal wurde somit gerade bei Beginn des Krieges fertig. Infolgedessen konnte Admiral v. Ingenohl, als wir Ende Juli 1914 aus den norwegischen Häfen kamen, die Großkampfschiffe noch auf ihre Heimathäfen Kiel und Wilhelmshaven verteilen. Als dann der Befehl zum Aufmarsch der Flotte in der Nordsee kam, fuhren die Kieler Großkampfschiffe zum ersten Male durch den Kanal, allerdings mit vorher geleerten Kohlenbunkern. Dadurch, daß der Krieg ungefähr am Tage der Fertigstellung des Kanals ausgebrochen ist, wurde eine Kriegsprophezeiung erfüllt, die ich im Jahre 1911 getan hatte. Da ich die Überzeugung hatte, daß das wahnsinnige Wettrüsten aller großen Völker bestimmt einmal zum Kriege führen müßte, so wie in früheren Zeiten jede geschaffene Flotte auch zum Kampf eingesetzt worden ist, so prophezeite ich 1911 in Hamburg einigen dortigen Kaufleuten, daß wir Krieg haben würden, sobald wir eine aus zwei Großkampfschiff-Geschwadern bestehende Hochseeflotte mit den dazu gehörigen Schlachtkreuzern, kleinen Kreuzern und Torpedobooten, sowie eine größere Anzahl U-Boote fertig hätten und sobald unsere geplanten Küstenbefestigungen, besonders auf Helgoland, und der Kaiser-Wilhelm-Kanal fertig wären. Am 1. August 1914 waren mit dem Fertigwerden des Kanals alle diese Voraussetzungen erfüllt, der Tanz konnte nach meiner Prophezeiung beginnen — und er begann! Einer der Hamburger Kaufleute hat mich später auf die verblüffende Richtigkeit meiner Prophezeiung angesprochen. Damals hätte ich allerdings gemeint, daß die Vorbedingungen wohl nicht vor Frühjahr 1915 erfüllt sein würden.

Als am 24. Juni die „Hohenzollern“ die Holtenauer Schleuse passierte, feuerten alle Schiffe den Kaisersalut. Mehrere Flugzeuge und ein Zeppelin-Luftschiff umkreisten die „Hohenzollern“. Leider stürzte ein Flugzeug ab, und der Offizier, Kapitänleutnant Schroeter, verunglückte tötlich.

In rascher Fahrt passierte uns die „Hohenzollern“. Der Kaiser grüßte von der Brücke der „Hohenzollern“ zu uns herüber, wo er Admiral Warrender stehen sah. Auf den Achterdecks der englischen Schiffe waren die rotröckigen Seesoldaten aufgestellt. Die Matrosen paradierten an der Reeling, jedes Schiff brachte drei Hurras aus, wobei die Matrosen bei jedem Hurra die Mützen schwenkten. Die Seesoldaten-Spielleute schlugen den Präsentiermarsch. Es war ein prächtiges, mir unvergeßlich gebliebenes Bild.

Nach dem Festmachen der „Hohenzollern“ sollte sofort die Meldung der englischen Offiziere auf der „Hohenzollern“ erfolgen. Wir warfen uns für diesen Zweck schnell in Galauniform und waren zur Abfahrt bereit, als der Admiral wieder an Deck erschien. Den englischen Kommandanten war das Programm mitgeteilt. Aber noch war keiner der Kommandanten in Sicht. Wir sahen überall die Rudergigs der Kommandanten an den Fallreeps liegen, aber kein Boot setzte sich in Bewegung. Ärgerlich ließ der Admiral das Signal heißen „Sämtliche Kommandanten an Bord des Flaggschiffes kommen“. Es dauerte eine ganze Weile, bis das Signal auf allen Schiffen verstanden war. Dann setzten sich überall die hübschen aber langsamen Rudergigs in Bewegung. Es ergab sich später, daß die Kommandanten geglaubt hatten, nicht eher an Bord kommen zu sollen, als bis dafür ein Signal geheißt war. Der Admiral war sehr ungnädig, und ich muß gestehen, daß auch mir dieser Mangel an Initiative seitens der Kommandanten nicht ganz verständlich war. Ihre schnellen Schiffsboote hatten sie nicht benutzt, weil es eine Vorschrift gibt, daß die englischen Kommandanten für dienstliche Fahrten nur die Rudergigs benutzen sollen. Nun brachte uns die „bärge“ in rascher Fahrt zur „Hohenzollern“, wo man über die etwa halbstündige Verspätung bereits in einiger Aufregung war. Der Kaiser stand auf dem oberen Promenadendeck und nahm hier die Meldung entgegen. Er war lebhaft und voller Humor wie gewöhnlich, und es war keiner der englischen Offiziere, der nicht ein vergnügtes Gesicht machte, so lange sich der Kaiser mit ihm unterhielt. Alle Offiziere äußerten sich auf der Rückfahrt sehr beglückt.

Nach dem Lunch fuhr der Admiral mit Buxton und mir zum Bahnhof, wo wir seine Frau abholten. Lady Maud Warrender war eine sehr große, schöne Frau von vielleicht 40 Jahren, die typische englische Dame der Gesellschaft. Wie ich aus englischen Zeitschriften ersehen hatte, spielte sie in der Londoner Gesellschaft eine große Rolle; sie war bekannt als vorzüglich geschulte Sängerin. Sie wohnte an Bord des Dampfers der Hamburg-Amerika-Linie „Viktoria Luise“, den Ballin regelmäßig zur Kieler Woche nach Kiel schickte und auf dem sich allabendlich die in Kiel anwesende Gesellschaft ein Rendezvous gab.

Am Nachmittag stattete die Prinzessin Heinrich mit ihren Söhnen dem „King George V.“ einen Besuch ab. Ich war in jeder freien Minute mit dem Aufsetzen einer Liste für die Einladungen zu einem großen Bordfeste an Bord des »King George V.“ beschäftigt, wobei mich der Flaggleutnant der Hochseeflotte und der Adjutant des Stationschefs unterstützten. Außerdem mußte ich den englischen wachthabenden Offizieren, dem Geschwadersekretär, dem ersten Offizier des „King George V.“ und vielen anderen dauernd Auskünfte erteilen. Häufig wurde ich auch ans Telephon geholt, das an Bord des Flaggschiffes gelegt worden war, und mußte deutschen Offizieren und Behörden Auskünfte geben. Es wurden fabelhaft anstrengende Tage für mich, wozu auch die fortgesetzten guten Essen mit vorzüglichsten Weinen und das viele Cocktail- und Whisky-Soda-Getrinke zu allen Tag- und Nachtzeiten nicht unerheblich beitrugen.

Am 24. Juni abends versammelten wir uns im Hotel Seebadeanstalt, wohin der englische Konsul Sartori und Frau eingeladen hatten. Bei dieser Gelegenheit lernte ich den Kommodore Goodenough und die Kommandanten näher kennen. Einen besonderen Eindruck machte auf mich Goodenough, der Führer der kleinen Kreuzer, der sich im Kriege später hervorragend betätigt hat. Besonders ist nach der Schlacht vor dem Skagerrak von Admiral Jellicoe seine Tätigkeit in der Schlacht hervorgehoben worden. Er hat damals als Führer der leichten Aufklärungsschiffe Fühlung an unserem Gros genommen und soll Jellicoe gut über unsere Bewegungen auf dem laufenden gehalten haben. An diesem Abend zeigte er sich als humorvoller Gesellschafter. Als geistreichen Unterhalter lernte ich ferner den captain Dampier, Kommandant der „Audacious“, kennen. Ich lernte unter anderem einen amüsanten Trinkspruch von ihm, er lautete:

I drink to myself and another,

And may that one other be she (he),

Who drinks to herseif (himself) and another,

And may that one other be me!

Die meisten Kommandanten machten einen überanstrengten Eindruck. Dazu mag viel beigetragen haben, daß die auf der Ersten Flotte eingeschifften Offiziere ein ganz anderes Leben führen, als wir an Bord der Schiffe unserer Hochseeflotte. Die Kommandos an Bord der Ersten Flotte dauern im allgemeinen zwei Jahre. Während dieser Zeit sind die Schiffe fast dauernd unterwegs oder liegen in immer wechselnden Häfen. Ein Wohnen an Land ist den Offizieren nur in den seltensten Fällen einmal gestattet. Unsere Schiffe dagegen kehrten nach ihren Übungsfahrten immer wieder in ihren sogenannten Hauptliegehafen zurück, und dann wohnten wir Offiziere an Land bei unseren Familien, und es blieben in der dienstfreien Zeit immer nur ein älterer Offizier und zwei jüngere Offiziere als Wachoffiziere an Bord. Dadurch hatten wir immer wieder Gelegenheit, uns von dem aufreibenden Leben an Bord zu erholen. Die Folge von dem unsteten Leben der englischen Seeoffiziere,bei denen außerdem zwei- bis dreijährige Auslandskommandos noch viel häufiger sind, als bei uns, ist, daß die Verheirateten meistens gar kein eigenes Heim haben, sondern ihre Familie immer an den Ort kommen lassen, wo sie sich gerade mal eine etwas längere Zeit mit ihrem Schiffe aufhalten. Ihre Familien leben dann in den in England so zahlreichen Boarding-Häusern, oder aber sie wohnen irgendwo mitten in England, wo die Männer sie dann gelegentlich besuchen. Mit Rücksicht auf dieses ständige An-Bord-Leben sind die Wohnräume der Offiziere an Bord viel geräumiger und wohnlicher eingerichtet, als bei uns. Meistens haben die Kammern einen Kamin, da es an Bord der englischen Schiffe keine Dampfheizung gibt. In keiner Kammer fehlt der große lederne Klubsessel. Im übrigen sind die Mahagonimöbel der Kammern nach genau demselben Muster angefertigt, wie sie bereits zu Nelsons Zeiten an Bord waren. Nach zweijährigem Kommando an Bord der Ersten Flotte wird die ganze Besatzung des Schiffes abgelöst — nur einzelne besonders wichtige Persönlichkeiten bleiben länger an Bord — und dann bleibt die ganze Besatzung ein halbes Jahr an Land und erhält während dieser Zeit reichlichen Heimatsurlaub.

Am 25. Juni begannen die Regatten der Yachten, denen am 23. Juni die Kriegsschiffsboots-Regatta vorausgegangen war. Auf der Förde spielte sich das übliche sportliche Treiben ab, dessen Anblick jedes Seemannes Herz erfreute. Der Start lag allerdings zu weit vom „King George V.“ entfernt, als daß wir die Einzelheiten des Startes von Bord aus verfolgen konnten. Es hatten sehr viele Yachten gemeldet, besonders auch viele ausländische. Der „King Georg V.“ hatte an einer Boje in unmittelbarer Nähe der Bellevue-Brücke festgemacht, südlich von ihm lagen das Flottenflaggschiff „Friedrich der Große“ und die „Hohen-zollern“, nördlich von ihm die englischen Schiffe und östlich die „Viktoria Luise“, zwischen zwei Bojen fest vertäut. Um 9 Uhr vormittags starteten die 8- und 5 m-Klasse, um 10 Uhr die 19- und 12 m-Klasse, um 11 Uhr die 15 m-Klasse und um 12 Uhr die Sonderklasse. So war fast den ganzen Tag die Förde mit Segeln bedeckt. Für den 25. Juni war ein reichhaltiges Programm vorgesehen: Mittags Frühstück beim Flottenchef. Nachmittags gleichzeitig drei Veranstaltungen: Sportfest der Stadt Kiel, Bordfest auf dem Flaggschiff des zweiten Geschwaders „Preußen“ und Gartenfest beim Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Ahlmann. Und schließlich abends: Einladung zur Kaiserlichen Tafel an Bord der „Hohenzollern“.

Frühmorgens kam ein Brief vom Kabinettschef Admiral v. Müller, in dem dieser für 12 Uhr mittags den Besuch des Kaisers auf dem „King George V.“ ankündigte. Zur festgesetzten Zeit stand die gesamte Besatzung des Schiffes in Paradestellung an Oberdeck angetreten. Der Kaiser kam in englischer Großadmiralsuniform an Bord, sehr frisch und gesund aussehend, anscheinend in bester Laune. Er war von Admiral v. Müller und seinem Flügeladjutanten Korvettenkapitän Freiherr v. Paleske begleitet. Auf dem Achterdeck waren sämtliche englische Kommandanten und die Offiziere des „King George V.“ angetreten, Kapitänleutnant Kehrhahn und ich standen am linken Flügel. Der Kaiser ließ sich alle Offiziere durch Admiral Warrender vorstellen. Als der Admiral auch uns vorstellen wollte, sagte der Kaiser: „I know my officers“ und gab uns dann mit den Worten „Können Sie sich denn einigermaßen mit den Leuten verständigen?“ die Hand. Der Kaiser schritt nicht, wie sonst bei solchen Besuchen üblich, die Front der angetretenen Besatzung ab, sondern begab sich sofort mit Admiral Warrender in die Admiralskajüte, wo er sich über eine halbe Stunde mit ihm unterhalten hat. Vorm Von-Bord-Gehen schrieb er sich noch in das an Deck ausgelegte Buch des „King George V.“ ein, in das sich bereits zahlreiche hohe Persönlichkeiten eingetragen hatten. Er unterhielt sich noch eine Zeitlang mit dem jungen Lord Erskine, der zur Feier des Tages seine Highlander-Paradeuniform angezogen hatte, und verabschiedete sich dann sehr herzlich von Admiral Warrender und den englischen Kommandanten.

Das Frühstück beim Flottenchef Admiral v. Ingenohl verlief sehr nett. Es wurde an entzückend mit Blumen dekorierten kleinen Tischchen in der Admiralskajüte gegessen. Von einem ausgesuchten kleinen Streichorchester wurden nur Stücke von deutschen Komponisten gespielt. Ich saß mit unserem ersten Flaggleutnant und, wie gewöhnlich, mit Stop-ford und Buxton zusammen. Ingenohl und Warnender hielten beide sehr gute Reden auf die englische bzw. deutsche Flotte. Warrender sprach sogar zweimal und widmete seine zweite Rede ganz der guten Kameradschaft, die immer zwischen unseren Marinen bestanden habe. Er führte all seine Freunde in der deutschen Marine auf, denen er im Laufe seiner Dienstzeit besonders nahegetreten sei, und erzählte im besonderen von seiner Freundschaft mit Konteradmiral Sarnow.

Nachmittags hatten wir die schwierige Aufgabe, bei drei gleichzeitigen festlichen Veranstaltungen zu erscheinen. Mit Hilfe von schnellen Autos und der guten „bärge“ lösten wir diese Aufgabe leicht. Zuerst ging’s in mehreren Autos, die ich an die Bellevue-Brücke bestellt hatte, zum Sportfest, das die Stadt Kiel zu Ehren der englischen Mannschaften auf dem städtischen Sport- und Spielplatz gab. Die Damen sahen den Kämpfen von der Tribüne aus zu, während sich der Admiral mit uns zu den Kämpfern begab. Warrender hatte eine famose Art mit seinen Leuten umzugehen. Er unterhielt sich auch mit den einfachen Matrosen kameradschaftlich über die Wettkämpfe und ließ sich von ihnen über die Ergebnisse berichten. Die Kämpfe bestanden in Fußball-Wettspielen, Preisschießen, Staffettenlaufen, Tauziehen und ähnlichem. Es war verblüffend, wie unsere Leute in beinahe allen Kämpfen den Sieg davontrugen. Wir kamen gerade zum Tauziehen. Viermal hintereinander wiederholte sich dasselbe Bild: In unwiderstehlichem, raschen Anlaufe zogen unsere Matrosen mit den englischen Mannschaften davon. Auch nicht einen einzigen Teilsieg konnten die Engländer im Tauziehen erringen. Und ähnlich erging es ihnen bei den anderen Spielen, nur im Fußballspiel waren die Kräfte gleich. Mich wunderte der Sieg der deutschen Seeleute nicht besonders. Die englischen Matrosen waren meist kleine Kerls. Es waren viele sehr junge dabei — der „King George V.“ hatte allein 70 Matrosen unter 17 Jahren — und unverhältnismäßig viel alte. Die hochgewachsenen germanischen Typen sah man viel seltener als bei unseren Leuten. Ich fand sogar, daß ein großer Teil stark jüdisch aussah, was mich in Erstaunen setzte, da mir bekannt war, daß die Juden eine grundsätzliche Abneigung gegen den Seemannsberuf haben. Es mochte wohl der starke romanische Einschlag sein, der sich bei den Engländern bemerkbar machte.

Vom Sportplatz aus ging’s im Auto zu der herrlichen Besitzung des Dr. Ahlmann. Leider fing es gerade an zu regnen, so daß das Fest nicht in dem am Düsternbrooker Gehölz gelegenen Park, sondern in den schönen Räumen des großen Hauses stattfinden mußte. Es wurde Tee getrunken, getanzt, geflirtet. Wir blieben nicht lange und fuhren dann mit Auto und „bärge“ zur „Preußen“. Mir war bezüglich der Benutzung von Autos seitens des Stationskommandos plein pouvoir eingeräumt worden, und auch nur so war es möglich, daß allen an den Admiral herantretenden Anforderungen entsprochen werden konnte. Auf der „Preußen“ waren Prinz und Prinzessin Heinrich anwesend, im übrigen bot sich das gewohnte Bild eines Bordfestes. Die Decks waren hübsch dekoriert, es wurde fleißig getanzt. Zum Wahrnehmen der englischen Gäste waren vom Flottenchef immer je zwei deutsche auf ein englisches Schiff verteilt worden, die deutschen Schiffe waren angewiesen worden, die englischen Offiziere zu Frühstücken und Bordfesten einzuladen. Infolgedessen sah man bei allen Veranstaltungen an Bord während der Kieler Woche zahlreiche englische Offiziere, so auch auf der „Preußen“. Ich war dauernd damit beschäftigt den Admiral mit der Kieler Gesellschaft bekanntzumachen. Ich kannte so viele Menschen, die ich vorstellte, daß er mich ganz erstaunt fragte: „Kennen Sie denn alle Menschen?“

Zu 8 Uhr abends waren wir zur Abendtafel auf der „Hohenzollern“ befohlen. Es ist das letzte feierliche Essen gewesen, das auf der schönen kaiserlichen Yacht gegeben worden ist! Zum letzten Male hat sich an diesem Tage die „Hohenzollern“ im vollen Glanze ihrer prunkvollen Ausstattung gezeigt. Wir versammelten uns auf dem Promenadendeck, wo uns der Kaiser begrüßte. Er trug, wie auch wir Gäste, den schlichten Messeanzug. Die Tafel war im großen Saale gedeckt, mit wundervoller Orchideendekoration. Es saßen Deutsche und Engländer in bunter Reihe nebeneinander. Ich gebe die Tischordnung dieser letzten großen kaiserlichen Abendtafel an Bord der „Hohenzollern“ nebenstehend wieder. In der Tischordnung bedeuten die Buchstaben „K. Gr.“ vor den Titeln „Königlich Großbritannischer“.

Es wurden keine Reden gehalten. Es herrschte eine lebhafte Unterhaltung, wie es ja überhaupt auf der kaiserlichen Yacht stets möglichst zwanglos zuging. Ich hatte das Vergnügen, neben dem in der ganzen Marine und besonders auch von der Kaiserlichen Familie geschätzten Kommandanten der „Hohenzollern“, Kapitän zur See v. Karpf, zu sitzen, der für seinen prächtigen Humor bekannt ist. Wir ließen uns das vorzügliche Essen und die ausgesuchtesten Weine trefflich schmecken. Von einem Rheinwein versicherte Kapitän v. Karpf, daß es der beste Tropfen sei, der im kaiserlichen Keller in Berlin lagere. Ich beobachtete, daß der Kaiser mit Admiral Warrender nicht recht zu Gange kam. Unglücklicherweise saß Warrender auch gerade mit seinem fast ganz tauben Ohre neben dem Kaiser, so daß dieser sich fast auschließlich mit dem englischen Botschafter unterhielt. Nach Tisch wurden auf dem Promenadendeck Kaffee und Zigarren gereicht und zwanglos geplaudert. Der Kaiser zog fast jeden seiner englischen Gäste ins Gespräch; man merkte es ihm an, wie er sich bemühte, seinen Gästen gegenüber nur liebenswürdiger Gastgeber zu sein.

Ich unterhielt mich sehr interessant mit den englischen Kommandanten Dampier und Sir Arthur Henniker-Hughan über die politische Lage und über die Aussichten Deutschlands in der Welt. Beide vertraten den Standpunkt, daß England Deutschland nicht von der Welt absperren wolle; wenn es trotzdem zum Kriege käme, so müßte er von Deutschland ausgehen, nicht von England. Ziemlich spät fuhren wir auf den „King George V.“ zurück, wo wir noch eine Zeitlang im smoking-room der Offiziersmesse zusammensaßen. Ich freundete mich bei solchen Gelegenheiten mit dem Artillerieoffizier des „King George V.a, commander Brownrigg, an. Er erzählte mir viele interessante artilleristische Details, zeigte mir in seiner Kammer Schießlisten und Ergebnisse von Prüfungsschießen und Zeugnisse über erworbene Schießpreise. Wir fanden uns in unserer Liebhaberei für das Schießen mit Schiffsgeschützen. In der englischen Marine hat man es verstanden, die Artillerieoffizier-Laufbahn zur angesehensten und erstrebenswertesten für alle Seeoffiziere zu machen. In der deutschen Marine war nicht die Hauptwaffe, die Artillerie, sondern eine Nebenwaffe, die Torpedowaffe, das Ziel der Sehnsucht aller tüchtigen Offiziere geworden. Ich habe das immer sehr bedauert und für einen großen Fehler gehalten. Diese Bevorzugung der , Torpedowaffe hatte ihre Berechtigung, als unsere Marine noch so schwach war, daß ein Kampf um die Seeherrschaft, die sich nur durch die Artillerie kampfkräftiger Schiffe erkämpfen läßt, von vornherein aussichtslos erschien. Churchill hat während des Krieges — nach der Skagerrak-Schlacht — sehr richtig gesagt:

„Die erste Seemacht verläßt sich auf das Geschütz; die zweite muß ihre Hoffnungen auf den Torpedo setzen“.

Dadurch, daß wir tatsächlich unsere Hoffnung im Kriege fast nur auf den Torpedo gesetzt haben, haben wir bis zu einem gewissen Grade auf die Kampfart einer ersten Seemacht verzichtet. Erst in der Skagerrak-Schlacht, also fast zwei Jahre nach Kriegsausbruch, hat der Flottenchef Admiral Scheer den Artilleriekampf auf hoher See gewagt, nachdem vorher seine Vorgänger, die Admirale v. Ingenohl und v. Pohl, keine der sich öfters bietenden Möglichkeiten zur Hochseeschlacht ausgenützt hatten. Commander Brownrigg erzählte mir von Schießübungen, die er auf 150 hm*) Entfernung erfolgreich durchgeführt hatte. Diese Entfernung kam mir übermäßig groß vor. Tatsächlich ist im Kriege fast nur auf noch größere Entfernungen gekämpft worden!

Für Freitag, den 26. Juni, war Admiral Warrender vom Kaiser zum Segeln auf dem „Meteor“ eingeladen. Die großen Yachten starteten um 10 y4 Uhr zur Seewettfahrt. Da ich ihn hierbei nicht zu begleiten hatte, konnte ich mich den Vorbereitungen für das große Bordfest widmen, das nachmittags auf dem „King George V.“ stattfinden sollte. Nachmittags veranstaltete außerdem der Kaiserliche Yachtklub eine Segelregatta für die englischen Kriegsschiffsboote. Für den Abend war vom Offizierskorps der Ostseestation zu einem Ball in der Marineakademie eingeladen worden.

Admiral Warrender kam erst nachmittags vom Segeln zurück. Wir hatten unterdessen einen sehr vergnügten Lunch gehabt, bei dem Sir Eward Goschen präsidierte und zu dem einige junge Damen geladen waren. Der Admiral war sehr entzückt von der Regatta, bei der Konteradmiral Begas den „Meteor“ zum Siege gesteuert hatte.

Der „at home“, wie die Engländer ihre Bordfeste bezeichnen, auf dem „King George V.“ wurde ein Massenfest ersten Ranges. Ganz Kiel war da, und alle Einladungen durch meine Hand gegangen: natürlich schnappten einige ein, daß sie nicht auch geladen waren. Lady Warrender machte sehr geschickt die Honneurs, wobei sie von einigen deutschen Damen, besonders von Lady Warrenders Freundin, Frau v. Meister, der Frau des Regierungspräsidenten in Wiesbaden, unterstützt wurde. Die riesigen Decks des „King George V.“ fanden der großen Tanzflächen wegen den ungeteilten Beifall der deutschen tanzenden Damen.

*) In der Marine rechneten wir für die Waffenverwendung stets in Hektometern (1 hm = 100 m=0,l km), für die Navigation in Seemeilen (1 sm = 1852 m).

Borchert aus Berlin hatte vorzügliche Büfetts geliefert, deren Herrlichkeiten berechtigten Anklang fanden. Ich machte die Bekanntschaft des alten Lord Brassey, der mit seiner Yacht „Sunbeam“ in Kiel war, auf die er mich einlud. Er hat über eine Weltumsegelung mit dieser Yacht ein bekanntes Buch geschrieben. Ich lernte auch seine Töchter, Lady Helen und Lady Marek kennen. Die Yacht ist ziemlich alt, doch sehr behaglich und groß. Tags darauf passierte dem Lord eine merkwürdige Geschichte. Er war in einem kleinen Boot seiner Yacht in den für alle Zivilpersonen gesperrten U-Bootshafen der Kaiserlichen Werft gefahren, wo mehrere unserer neuesten U-Boote lagen, dort von einem Werftschutzmann festgenommen und stundenlang in einer Wachstube eingesperrt worden. Erst nachdem er sich durch einen ihm bekannten deutschen Offizier hatte legitimieren können, wurde er auf Befehl des Oberwerftdirektors freigelassen. In Kiel war man allgemein entrüstet über die große Taktlosigkeit des Lords, auch der Kaiser hat sich ziemlich scharf darüber ausgesprochen.

Daß die Engländer den lebhaften Wunsch hatten, die modernen Schiffe und Fahrzeuge unserer Flotte kennen zu lernen, erkannte ich schon am Tage nach der Ankunft der englischen Schiffe in Kiel. Admiral Warrender schickte mich an diesem Tage zu unserem Flottenchef, Admiral v. Ingenohl, und ich mußte diesem melden, daß Admiral Warrender die englischen Schiffe zur Besichtigung durch die deutschen Marineoffiziere zur Verfügung stelle. Admiral Warrender betonte dabei ausdrücklich, daß den deutschen Offizieren alles gezeigt werden würde, was sie aus Berufsinteresse zu sehen wünschten. Admiral v. Ingenohl verhielt sich dem gegenüber völlig ablehnend und trug mir auf, Admiral Warrender zu bestellen, daß er bedaure von dieser liebenswürdigen Aufforderung keinen Gebrauch machen zu können, da er nicht Gleiches mit Gleichem vergelten könnte, weil wir nach unseren Vorschriften viele Teile unserer Schiffe niemanden zeigen dürften. Ich meldete dies Admiral Warrender und dieser schickte mich Tags darauf wieder zu Admiral v. Inge-nohl und ließ bestellen, daß solche Vorschriften selbstverständlich auch bei ihnen beständen, daß z. B. die Kommandotürme, die Torpedoräume und die Funkentelegraphie nicht gezeigt werden dürften. Alles übrige stände zur Verfügung und er erwarte keinesfalls, daß seinen Offizieren etwas gezeigt würde, was gegen unsere Vorschriften verstoße. Hierauf gab Admiral v. Ingenohl erst am 26. Juni in einem Schreiben an mich Antwort, in dem er schrieb, daß ich Admiral Warrender melden sollte, daß

„er für die Bereitwilligkeit, den deutschen Offizieren die englischen Schiffe zu zeigen, danken ließe und bäte, daß auch die englischen Offiziere die deutschen Kriegsschiffe besichtigten“.

Gleichzeitig erhielten die deutschen Schiffskommandos von Admiral v. Ingenohl den Befehl, daß den englischen Offizieren der Besuch der deutschen Schiffe gestattet sei, daß aber die für Besichtigungen durch Fremde erlassenen Bestimmungen innezuhalten seien. Da diese Bestimmungen besagten, daß unsere modernsten Schiffe, die Schiffe des dritten Geschwaders und die Schlachtkreuzer sowie die modernsten Torpedobootszerstörer und alle U-Boote überhaupt nicht von Fremden betreten werden dürften, so blieben für die Engländer nur die alten Linienschiffe der „Deutschland“-Klasse zur Besichtigung übrig, — und da konnten sie uns wahrhaftig nicht viel absehen. Die Engländer selber hatten ihre Schiffe, die ja tatsächlich die allermodernsten der englischen Marine waren, dadurch für den Besuch durch die deutschen Offiziere vorbereitet, daß sie alle wichtigen Apparate, so besonders alle artilleristischen Feuerleitungsapparate sowie die Visiereinrichtungen, entweder entfernt oder mit Holzbekleidungen versehen hatten. Mir selber zeigte man allerdings öfters, ohne daß ich darum gebeten hatte, die Einrichtungen des „King George V.“ sehr genau. Commander Brownrigg führte mich bis in die entlegensten Ecken seiner Geschütztürme und Munitionskammern.

Nur den berühmten Percy Scoftschen „firing director“ umhüllten alle Offiziere mit dem Schleier des Geheimnisses. Es war dies ein Apparat, mittels dessen Hilfe man alle Geschütze vom Kommandoturm oder vom Vormars aus richten und abfeuern konnte, eine Erfindung des englischen Admirals Percy Scott. Natürlich fragten die englischen Offiziere, die mich führten, meist auch nach unseren entsprechenden Einrichtungen, aber sie hatten damit nicht viel Glück bei mir.

Der von den Offizieren der Ostseestation unseren englischen Gästen in den prächtigen Räumen der Marineakademie am 26. Juni gegebene Ball war ein glänzendes Fest. Beim Blumenwalzer gab es Blumen in so verschwenderischer Fülle, wie ich es selten erlebt, es war das reine Blumenfest. Bis spät in den Morgen hinein wurde getanzt.

Für Sonnabend, den 27. Juni waren wir mittags zu einem Frühstück der Stadt Kiel und nachmittags zu einem Gartenfest beim Chef der Marinestation der Ostsee geladen. Für den Abend hatte das Ehepaar Warrender zu einem Essen an Bord eingeladen.

Um 1 Uhr mittags fanden wir uns in den schönen Räumen des neuen Kieler Rathauses zu dem von der Stadt Kiel zu Ehren der englischen Offiziere gegebenen Frühstück ein. Oberbürgermeister Lindemann hielt eine Rede auf die Engländer, dann Warrender eine ausgezeichnete Rede auf die Stadt Kiel und dabei auf alles, was ihm sonst aufgefallen war. Er schilderte, wie die deutschen Offiziere das Geschwader mit ihren Motorbarkassen empfangen hätten und wie die Offiziere auf hoher See an Bord gekommen seien. Auch meiner Person und meiner Tätigkeit gedachte er mit anerkennenden Worten. Nachdem Großadmiral v. Köster als Ehrenbürger der Stadt Kiel auf die englische Marine gesprochen hatte, sprach Warrender ein zweites Mal in glänzender Form. Das Frühstück dauerte dank der vielen Reden und Essenpausen so lange, daß wir gerade noch Zeit hatten mit Auto und „bärge“ an Bord zu eilen, um uns für das Gartenfest umzuziehen.

Das historische Gartenfest beim Stationschef, zu dem jedesmal der Kaiser erwartet wird, zu dem er aber fast nie kommt, verlief bei strahlendem Wetter sehr nett. An Fürstlichkeiten waren nur Prinz Heinrich mit seiner Familie und die Prinzessin Marie von Holstein-Glücksburg anwesend. Prinz Adalbert fehlte in diesem Jahre zum ersten Male in der Kieler Woche. Auch die Kaiserin, der Kronprinz und die übrigen preußischen Prinzen waren diesmal gegen alle sonstige Gewohnheit nicht nach Kiel gekommen. Es wurde mir von unterrichteter Seite versichert, daß die Kaiserin und die Prinzen wegen des englischen Besuches nicht gekommen seien. Ich fand diese’Zurückhaltung gegenüber einer Nation, deren Regierung die unsrige so häufig brüskiert hatte, sehr richtig, wie denn überhaupt die kühle Reserviertheit aller maßgebenden deutschen Persönlichkeiten ihren Eindruck auf die Engländer nicht verfehlt hat. — Das Gartenfest beim Stationschef bot in diesem Jahre ein besonders buntes Bild. Man stand herum, redete mit diesem und jenem, trank eine Tasse Tee, und die Jugend tanzte im großen Saale des Hauses des Stationschefs. Außerdem wurde .von Herren und Damen der Kieler Gesellschaft ein vorher eingeübter Lancier auf dem Rasen im Garten getanzt, bei dem auch ich beteiligt war. Auf dem Rasen hinter dem Haus war ein großer roter Teppich gelegt, auf dem einige Korbmöbel standen für die höchsten Herrschaften.

Beim Gartenfest erhielt Admiral Warrender für sich und seine Frau eine Einladung zur Abendtafel auf die „Hohenzollern“. Die für die „dinner-party“ auf dem „King George V.“ eingeladenen Gäste wurden daher wieder ausgeladen bis auf einige jüngere Damen, mit denen wir dann abends sehr vergnügt tafelten. Sir Edward Goschen präsidierte wieder und unterhielt sich sehr gut mit den deutschen Damen, die ihn in seiner Tätigkeit als Gastgeber unterstützten. Nach dem Essen auf dem „King George V.“ tanzten wir etwas an Deck, ließen uns dann aber auf die „Viktoria Luise“ der Hamburg-Amerika-Linie übersetzen und tanzten dort weiter. Noch mehr als anderswo trat hier der internationale Charakter der Kieler Woche zutage. Alle Sprachen wurden gesprochen. Da es zum Tanzen infolge Überfüllung reichlich eng war, trommelten Stopford, Buxton und ich ein paar nette Menschen zusammen, zogen wieder auf den »King George V.“ und tanzten dort weiter. Unter anderen kamen die beiden jugendlichen Enkelinnen des Fürsten Bismarck mit uns. Erst ziemlich spät fuhren die letzten Gäste von Bord. So endete der letzte Tag vor dem ereignisschweren Tag von Serajewo für uns in fröhlichstem Zusammensein mit unseren englischen Gästen.

Für Sonntag, den 28. Juni war wieder ein reichhaltiges Programm vorgesehen. Mittags waren der Admiral und Lady Warrender zum Frühstück bei Großadmiral v. Tirpitz eingeladen. Nachmittags sollte großer Empfang im Königlichen Schloß sein und abends Essen beim Stationschef mit nachfolgendem Ball.

Zum Großadmiral v. Tirpitz war ich nicht mit geladen, ich aß infolgedessen mittags mal wieder in aller Gemütsruhe zu Hause. Als ich nach Tisch- wieder auf dem „King George V.“ ankam, wurde ich ans Telephon gerufen und erhielt hier den vom Kaiser erteilten Befehl;

„Flagge halbstocks, Toppsflaggen halbstocks, österreichische Flagge im Großmast, anläßlich der Ermordung des österreichischen Thronfolgers.“

Admiral Warrender und Sir Goschen kamen gleich darauf vom „Friedrich Karl“ zurück. Beide sehr ernst, der Botschafter tief erschüttert. Ich meldete ihnen den erhaltenen Telephonspruch. Ich stand noch eine Weile mit ihnen an Deck zusammen. Sir Edward Goschen hatte Tränen im Auge, so daß ich ihn fragte, ob er dem Morde eine ganz besondere Bedeutung beimäße. Er sagte darauf nur, daß er dem Thronfolger sehr nahegestanden und ihn wie einen Freund geliebt habe. Goschen sagte dann zu Warrender, sie wollten zusammen ein Telegramm an Sir Edward Grey aufsetzen. Ich zog mich infolgedessen zurück. Als Warrender wieder an Deck kam, war er noch ernster geworden. Er sprach mit mir ausführlich über die Folgen, die der Mord haben könne. Er sprach als seine feste Überzeugung unumwunden die Befürchtung aus, daß dieser Mord den Krieg zwischen Serbien und Österreich zur Folge haben würde, daß dann Rußland mit hineingezogen werden würde und daß dann auch Deutschland und Frankreich nicht unbeteiligt bleiben könnten. Von England sprach er nicht, aber er sagte schließlich doch noch, daß dieser Mord wohl den allgemeinen Weltkrieg entfesseln würde. Ich habe über dieses Gespräch in meinem am 4. Juli 1914 eingereichten dienstlichen Bericht berichtet. Noch während wir uns an Deck unterhielten, kam Prinz Heinrich an Bord, um die Nachricht von der Ermordung zu überbringen und sich mit Sir Edward Goschen und dem Admiral darüber zu unterhalten. Er berichtete bereits Einzelheiten über den Mord.

Das Bild der Kieler Woche änderte sich jetzt mit einem Schlage von Grund auf. Der Empfang im Schloß und der Ball beim Stationschef wurden abgesagt. Die „Viktoria Luise“ erhielt von Hamburg Anweisung, am folgenden Tage nach Hamburg zurückzukehren. Die Regatten nahmen ihren Fortgang, aber die Tanzfestlichkeiten unterblieben. Es begann die gewitterschwüle Atmosphäre, die die Welt bis zum Kriegsausbruch erfüllt hat. Nachmittags wurde mitgeteilt, daß der Kaiser am anderen Morgen abreisen würde.

Am Montag, den 29. Juni fuhren wir schon in aller Frühe mit der „bärge“ zum Bahnhof, Warrender und Goodenough mit ihren Stäben, sowie Kapitänleutnant Kehrhahn und ich. Die befohlenen Admirale und Generale versammelten sich an der Anlegebrücke. Kurz vor der Ankunft des Kaisers kam Ihre Majestät die Kaiserin an, die im Auto von Grünholz herbeigeeilt war und nun den Kaiser nach Wien begleiten wollte. Sie war ganz in Schwarz und sah verweint aus.

Das Boot des Kaisers legte an, der Kaiser stieg mit seinem Gefolge aus. Der Kaiser sah todernst aus. Er nahm verschiedene Meldungen entgegen, so auch Warrenders und Good-enoughs Abmeldungen. Er unterhielt sich mehrere Minuten mit beiden. Dann sprach er lange mit Sir Edward Goschen, ferner mit Mr. Armours, dem Amerikaner, Fürst Münster, Admiral v. Ingenohl und anderen. Wir folgten alle bis zum Zuge und grüßten beim Abfahren. Es herrschte eine ernste Stille, auch bei dem zahlreichen Publikum, das sich trotz der frühen Stunde eingefunden hatte.

Am Vormittag nahm der Admiral an der feierlichen Beisetzung des mit seinem Flugzeuge abgestürzten Kapitänleutnants Schroeter teil. Mittags fand eine offizielle Tafel an Bord des „King George V.“ statt, zu der in der Hauptsache die deutschen Admirale mit ihren Frauen geladen waren. Wegen Platzmangels hatte aber nur eine beschränkte Zahl geladen werden können. Unter den erschienenen Gästen befanden sich Großadmiral v.Tirpitz, die Admirale v. Ingenohl, v. Coerper und v. Pohl. Es gab ein sehr einfaches Essen, das sich nur durch einige gute Weine von dem täglichen Lunch unterschied. Nach dem Essen erbot sich Admiral Warrender den deutschen Admiralen den „King George V.“ zu zeigen. Admiral v. Ingenohl nahm merkwürdigerweise an, während Großadmiral v.Tirpitz und die übrigen Admirale ablehnten. Admiral Warrender führte nun Admiral v. Ingenohl und seine Offiziere, denen ich mich anschloß, in einen 34,5 cm-Geschützturm und es wurden uns dort von commander Goldie sämtliche maschinellen Einrichtungen des Turmes im Betrieb vorgeführt.

Nachmittags begleitete ich allein den Admiral im Auto zum Werfterholungshaus, wo ein Mannschaftsfest stattfand, das die Engländer unseren Mannschaften als Ewiderung für die gegebenen Mannschaftsfeste gaben. Beim Betreten des Saales wurde Admiral Warrender mit donnerähnlichem Fußgetrampel empfangen, eine spontane Huldigung, die auf mich einen tiefen Eindruck machte. Warrender schwang sich sodann

mit jugendlicher Elastizität auf einen Tisch und hielt eine begeisternde Rede auf die Freundschaft der beiden Völker, die in drei Hurras auf die deutsche Marine endete. Konteradmiral Mauwe antwortete, ebenfalls auf dem Tische stehend. Als er seine Rede beendet hatte und drei Hurras auf die englische Marine ausgebracht wurden, gab Warrender ihm die Hand und zeigte sich so den deutschen und englischen Mannschaften Hand in Hand mit dem deutschen Admiral in etwas theatralischer Pose. Ein wüstes Beifallsgetrampel, das immer wieder von neuem begann, war die Antwort.

In diesen Tagen unterhielt sich Warrender öfters mit mir darüber, wie sich wohl ein Seekrieg zwischen England und Deutschland gestalten würde. Besonders interessierte mich dabei, daß er sagte, daß man in England erst durch mehrere Artikel deutscher Seeoffiziere auf die Bedeutung der Bucht von Scapa Flow aufmerksam geworden sei und daß man daraufhin darangegangen sei Scapa Flow als Stützpunkt für die sogenannte weite Blokade der deutschen Bucht auszubauen. Er sagte wörtlich:

„Scapa Flow ist eine deutsche Erfindung.“

Er und die Offiziere seines Stabes spöttelten öfters über den bekannten U-Bootsbrief des Admirals Percy Scott, in dem dieser ausgesprochen hatte, daß die U-Boote das Ende von Englands Seeherrschaft bedeuteten. Admiral Warrender meinte aber doch auch, daß die U-Boote in Zukunft die strategischen Verhältnisse von Grund auf ändern würden und daß wegen der U-Boote in Zukunft nur die weite Blokade — in den norwegischen Gewässern — möglich sein würde.

Am Abend des 29. Juni fand das Herrenessen des Kaiserlichen Yachtklubs statt. Vorher war Preisverteilung, die Prinz Heinrich in Vertretung des Kaisers vornahm. Eine große Zahl Yachtbesitzer und Seeoffiziere hatte sich dazu im Yachtklub versammelt. Ich vergesse nie den prüfenden Blick, mit dem Warrender jeden einzelnen der aufgerufenen jungen Offiziere musterte, um sich einen Eindruck von ihnen zu verschaffen. Besonders interessierte er sich für die Offiziere der U-Bootswaffe, die er und seine Offiziere stets möglichst zahlreich kennen zu lernen versuchten.

Bei dem Essen im Klub sah man allerlei interessante Leute, Generalfeldmarschall v. d. Goltz, Krupp von Bohlen und Haibach, die Marineattaches der fremden Staaten u. a. Zum letzten Male schlief ich in dieser Nacht auf dem „King George V.“

Für Dienstag, den 30. Juni war die Abfahrt des englischen Geschwaders angesetzt. Ich bedauerte, daß die für mich hochinteressante Zeit zu Ende war. Den mir stets freundschaftlich gegenübergetretenen Offizieren des Stabes, Stopford und Buxton, schenkte ich auf ihre Bitten mein Bild, wofür sie sich mit den ihrigen revanchierten. Ich stiftete außerdem jedem eine kleine Kiste mit gutem Rheinwein. Dafür haben sie mir beide zusammen ein sehr schönes silbernes Tintenfaß geschenkt, das sie am 30. Juli 1914 von England abgeschickt haben und das mir Ende August 1914 durch Vermittlung des deutschen Admiralstabes zugestellt wurde!

Admiral Warnender gab mir zum Abschied eine wundervolle Nadel, einen großen Rubin mit Brillanten. Ich habe sie nur kurze Zeit besessen, im August 1914 habe ich sie dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. Außerdem schenkte er mir sein Bild.

Ich blieb so lange an Bord, bis von der Boje losgeworfen wurde. Dann verabschiedete ich mich. Alle waren sehr herzlich zu mir. Ich schied mit dankbaren Gefühlen. Die väterliche, fürsorgende Gastfreundschaft des englischen Admirals werde ich nicht vergessen, trotz allem Schlechten, was das englische Volk seitdem unserem Volke angetan hat, wodurch es jedem anständig denkenden deutschen Ehrenmanne zur Zeit unmöglich gemacht worden ist, mit einem Engländer freundschaftlich zu verkehren. Durch die Forderung der Auslieferung unseres Kaisers ist eine unüberbrückbare Kluft zwischen uns und den Engländern entstanden.

Ich bestieg mein Boot und sah die Schiffe in rascher Fahrt den Hafen verlassen. Auf den deutschen Schiffen wehte das Signal: „Glückliche Reise“.

Beim Auslaufen aus dem Hafen machte Warrender als Abschiedsgruß seines Geschwaders an die deutsche Flotte den Funkspruch:

„Friends in past and friends for ever!“

(„Freunde in der Vergangenheit und Freunde für immer!“)

Text und Bild aus dem Buch: Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!) Verfasser: Hase, Georg Oskar Immanuel von.

Siehe auch:

Die zwei weissen Völker! (The two white Nations!)
Die Kieler Woche 1914
Erste Begegnungen mit englischen Seestreitkräften.
Die artilleristischen Grundlagen des Kampfes auf hoher See.
Der historische Wert persönlicher Darstellungen von Seegefechten.

Die zwei weissen Völker