Schlagwort: Kriemhild

Die Zugehörigkeit der Zwerge zu den Elben geht aus dem Namen Alberich hervor, der als Zwergkönig erscheint. Wie die Lichtelben im Freien wohnen und sich des Sonnen- und Mondenscheins freuen, so ist die Wohnung der Zwerge in den Tiefen der dunkeln Berge gelegen, sie sterben, wenn die Sonne sie bestrahlt. Von ihren aufgehenden Strahlen werden sie zu Stein verwandelt: es sind die zur Nachtzeit an den Berggipfeln haftenden, mit Sonnenaufgang schwindenden und dann die Felsenspitzen erscheinen lassenden Wolken- und Nebelgebilde.

Die Sage erzählt, daß die kleinen Bergzwerge die Felsen bewohnten und in der Zwergenhöhle still ihr Wesen trieben. Als sie einst eine Hochzeit feiern wollten und nach ihrer Kirche auszogen, verwandelte sie ein gewaltiger Geisterbanner in Stein oder vielmehr, da sie unvertilgbare Geister waren, bannte er sie hinein. Noch jetzt sieht man sie in verschiedenen Gestalten auf den Bergspitzen stehen, und in der Mitte zeigt man das Bild eines Zwerges, der während der Flucht der Übrigen zu lange im Gemache verweilte und in Stein verwandelt wurde, als er aus dem Fenster nach Hilfe umherblickte (D. S. Nr. 32). Sie sind besonders des Nachts tätig, die Sonne geht ihnen um Mitternacht auf. Das Zwergreich im mhd. Gedichte von Herzog Ernst und Laurin liegt im Berge und wird von einem sonnenhellen Karfunkel erleuchtet. Auf Rügen wohnen die Zwerge in den neun Bergen unter der Erde, die durchsichtig von Anfang bis Ende sind und eigentlich rings mit Glas bewachsen. Jeder Zwerg wohnt wieder in einem gläsernen Häuschen, und erleuchtet wird die ganze Wohnung durch einen an der Decke hängenden großen Kristall. Die Zwerge im Märchen Sneewittchen gehen am Tage in die Berge, hacken nach Erz und graben, nachts aber lassen sie ihre Arbeit liegen und kommen in ihr Häuschen, wo das gedeckte Tischlein mit Stühlchen, Tellerchen, Löffeichen, Messerchen, Gäbelcben und Becherchen steht (K. H. M. Nr. 53). Ihre unterirdischen Höhlen sind voll kostbarer Edelsteine, Gold und Silber; wunderbares Licht strahlt von der Wölbung der Decke und aus den Seitenwänden. Die Höhle des Zwergkönigs Gibich hat Wände von blitzendem Stufenerz, die Decke ist von einem Stück Schwertspat, weiß wie der Schnee. Mit güldenen Borten, mit Gold und Gestein sind die Rosen in Laurins Garten behängen; sie geben süßen Duft und lichten Schein. Vor des Berges Felsgestein steht eine grüne Linde, und bunte helle Blumen stehen in Blüte von jeder Farbe und Art. Lieblich durcheinander klingt der Vöglein Sang, und mancherlei Getier treibt da friedlich sein Spiel (100 ff., 900 ff.). Berühmt in der Sage ist außer dem Rosengarten in Tirol der zu Worms. Ein seidener Faden umgibt ihn, wie auch die Gerichtsstätte mit Schnüren umzogen ist. Aber überreich an allen Kostbarkeiten der Welt ist das Innere des Berges selbst. Golden waren die Bänke, von Edelstein gaben sie hellen Glanz. Mancherlei Spiel trieben die Zwerge. Auf der einen Seite sangen sie, auf der anderen sprangen sie, andere versuchten sich in Kraftübungen; sie schleuderten den Speer und warfen den Stein. Auch mancher kunstfertige Mann ließ sich hören, Geiger, Harfner und Pfeifer. Zwei wonnigliche Zwerge traten auf, zwei kurze Fiedler; ihr Gewand war reich und schwer. Sie trugen Fiedeln in der Hand, die mehr wert waren als ein Land: sie waren rotgolden, vom Edelstein hatten sie hellen Schein, die Saiten gaben süßen Ton. Dann traten zwei Sänger auf, die waren geschickt im Vortragen von Gedichten; mit ritterlichen Geschichten ergötzten sie ihre Gäste (1010 ff.).

Weil die Zwerge in den Bergen und unter der Erde wohnen, heißen sie in Norddeutschland Unterirdische, in Oldenburg Erdleute, in Thüringen Bergmännlein und Erdmännchen, in Süddeutschland Erdschmiedlein; wegen ihrer friedlichen, stillen Tätigkeit heißen sie das stille Volk (D. S. Nr. 30, 31). Reich an Zwergsagen sind die Alpenländer, Norddeutschland und England.

Aus der Erde dampft der Nebel empor, Nebel lagert über Höhlen und Bergen, daher werden die Zwerge zu Nebelwesen. An nebligen Abenden steigen die Zwerge aus dem Boden hervor, um Hochzeit zu feiern oder beerdigen unter großem Wehklagen eine Leiche. Ein Zwergkönig, der ungastliche Aufnahme gefunden hat, wächst zu riesiger Größe an und schwebt in Nebel aufgelöst am Absturze des Schneeberges hinan zum Zwergenstein. Der aus dem Erdloch aufsteigende Nebelrauch rührt vom Herdfeuer der Zwerge her; wenn sie kochen und backen, steigt aus dem Loche der Berge der Dampf hervor: dann glaubt man, es will regnen (D. S. Nr. 298, 34). Im tirolischen Hochgebirge hausen die Eismännlein, die Fernerzwergl, vom weißen Nebelmantel umwallt, und herrschen über die Eis- und Schneewelt; im Schnee sieht man ihre Füße abgedrückt. Zwerghaft und greis vom Ansehen entlehnen sie die graugrüne oder geibgrüne Farbe ihres Gewandes vom Baummoose des Bergwaldes und von der grünen Gletschernacht, den schattenden Wetterhut von den Nebelhauben ihres Hochgebirges. Gern sitzen sie auf den Fels Vorsprüngen und schauen ernsten Antlitzes auf die sie umgebende unendliche Welt emporstarrender Eisnadeln und Eispyramiden, lassen sich von Nebelgestalten umtanzen, formen Wolken zu festen Ballen, verdichten sie, zerreißen sie, zerblasen sie zu Flocken, weben sie zu Schleiern und Nebeldecken, schicken sie als Höhrauch über alle Fernen hin, brauen Wetter, schleudern Hagel, senden Lawinen in die Gründe nieder, den Hut tief im Gesicht und Wölkchen aus ihren Pfeiflein in die Luft entsendend.

Der Mantel, Hut und die Fähigkeit, sich unsichtbar uz machen, weist gleichfalls auf den Nebel hin (S. 99).

Durch seine Tarnkappe verbirgt sich Laurin vor Dietrich und bringt ihm zahllose Wunden bei. Laurins Vetter, Walberan, versteht es, durch Zauberkraft seine sämtlichen Mannen unsichtbar zu machen. So rücken sie gegen Bern vor, und keiner kann etwas von dem kleinen Volke sehen. Aber Eünhild, Laurins Gefangene, gibt jedem der Helden einen Ring, so daß sie ihre Feinde sofort erkennen können (1555), und die Ringe, die Laurin Dietrich und seinen Gesellen gegeben hat, nehmen den hüllenden Schleier von Walberans unsichtbarer Schar. Auch der Ring, den Ortnit von seiner Mutter hat, gibt ihm die Kraft, Alberich zu sehen. Dieser Ring vergleicht sich dem Flug (Schwan)-ring, der Verwandlung in Vogelgestalt oder Flugkraft verleiht (s. u. Schwanjungfrauen). Noch eiu anderer Ring oder Gürtel verleiht Laurin die Kraft von zwölf Männern (191 ff., 535 ff., 1174 ff.). Alberich hat wohl durch den Ring, nicht durch die Tarnkappe, die Kraft von zwanzig oder zwölf Männern (Biterolf 7838). Der Schevfenberger empfängt von einem Zwerge einen Gürtel, der die Stärke von zwanzig Männern gibt, und einen Ring: solange er den habe, zerrinne sein Gut nimmermehr (D. S. Nr. 29). Im Eckenliede gibt der Zwerg Baidung, Alberichs, des früheren Herrschers, Sohn, Dietrich einen wunderbaren Stein, der seinen Besitzer gegen Hunger und Durst schützt und die Kraft hat, seinem Träger die Würmer eines Schlangenturmes vom Leibe zu halten.

Die Größe der Zwerge wird verschieden angegeben.

Bald erreichen sie das Wachstum eines vierjährigen Kindes, bald erscheinen sie weit kleiner, nach Spannen oder Daumen gemessen. Laurin ist drei Spannen lang, die Erdgeister, die bei Hermann von Rosenberg Hochzeit feiern, sind kaum zwei Spannen lang (D. S. Nr. 42), andere droi-viertel Elle hoch (D. S. Nr. 37). Ihrer neun können in einem Backofen dreschen. Die Zwerge sind meistens alt (S. 114), haben einen eisgrauen Bart, der bis aufs Knie reicht und eiu verrunzeltes Gesicht; Zwergkönig Gibich ist rauh von Haaren wie ein Bär. Ein Höcker oder ein dicker Kopf entstellt oft die kleine Gestalt, .fahl und grau, schwarz und eisgrau ist ihre Farbe (K. H. M. Nr. 92, 165). Sie haben Gänsefüße, und dann trippeln sie leise wie Vögel daher und tragen lange Mäntel, sie zu bedecken (D. S. Nr. 149), oder Geißfüße, dann trappeln sie ziemlich laut. Das Laufen der Zwerge über eine Brücke gleicht dem einer Schafherde (D. S. Nr. 152).

Alberich und Laurin reiten auf Rossen, die so groß sind wie eine Geis, der Zwergkönig Antilois (in Ulrichs Alexander) auf einem Rosse von Rehes Größe, an dessen Zaume Schellen erklingen: er zürnt auf Alexander, der ihm seinen Blumengarten verdorben hat, wie Dietrich den Laurins. Ein Wichtelmännchen reitet geradezu auf einem Reh. Die Kleidung der Zwerge gleicht oft der der Bergleute, sie tragen eine weiße Hauptkappe am Hemd, ein Leder hinten und haben Laterne, Schlägel und Hammer (D. S. Nr. 37): darum heißen sie auch lederne Männle in Schwaben.

Es ist wohl möglich, daß manche Sagen von Zwergen und Riesen mit wirklichen eingeborenen oder feindlichen Stämmen in Zusammenhang stehen. Die Tatsache, daß die Riesen (Hünen) historische Namen wie Hunnen tragen, ist sehr bedeutsam, auch wenn ein gerrn. Wort hunaz (stark, kräftig vgl. xity/og) sich frühzeitig mit dem Namen des wilden Reitervolkes vermischt haben sollte. Die Volkssage hat die Erinnerung an die Riesen als ein uraltes, längst vergangenes Geschlecht bewahrt: vor tausend und mehr Jahren war das Land rings um den Harz von Riesen bewohnt (D. S. Nr. 318, 324); im Elsaß auf der Burg Niedeck waren die Ritter vor Zeiten große Riesen (D. S. Nr. 17). Die Riesen erscheinen als Heiden aus dem Steinzeitalter, die sich scheu vor den erobernden Menscheu zurückzieheu und ihren Ackerbau und die Klänge ihrer Kirchenglocken verwünschen. Die Furcht des rohen Eingeborenen vor dem zivilisierten Eindringlinge wird vortrefflich in der Sage von der Riesentochter geschildert, die den Bauern mit Ochsen und Pflug als Spielzeug in ihrer Schürze nach Hause trägt; aber die Mutter befiehlt ihr, die Sachen wieder hinzutragen; „denn“, sagte sie, „es ist ein Volk, das den Hunnen viel Schaden tun kann“ (D. S. 17, 319, 324).

In den Zwergsagen der Kelten und Germanen lebt die Erinnerung fort an ein kleines Geschlecht, die sogenannten Pfahlbauern, das ältere Rechte hatte als die Eindringenden, aber arm, dürftig, des Brotbackens unkundig, in Sümpfe und Höhlen scheu zurückwich und feige und hinterlistig nur des Nachts sich aus dem Verstecke hervorwagte. In einer Reihe von Sagen sucht der Schwache den Mächtigen zu überwinden, der Kleine den Großen, und da er ihm an Körperkraft unterlegen ist, so greift er zu List und Betrug. Auch das Motiv der Raubehe — am klarsten in der Laurinsage erhalten — enthält verblaßte Erinnerungen an Kämpfe, die von Stämmen kleineren Körperschlages gegen solche von größerem dereinst zur Urzeit in Europa geführt wurden. Alle Zwerge der Heldensage sind Wesen von Fleich und Blut, ganz wie die Menschen; ihre körperliche Existenz wird nirgends in Frage gestellt, und keinem Dichter fällt es ein, in ihneu auch nur im geringsten eigentlich geisterhafte Wesen zu sehen. Die Kobolde, Nixen, Unterirdischen gehören zweifellos zu den Geistern und Naturdämonen, aber die in den Bergen wohnenden ZwTerge des mittleren und südlichen Deutschland besitzen ein weit mehr körperhaftes Wesen und nähern sich so den Zwergen der Heldensage. Ihre Urbilder stammen nicht aus der Luft, noch aus den Wolken, noch aus dem Wasser, sondern von der Erde selbst; es ist für die Ethnologen heute eine feststehende Tatsache, daß in Mitteleuropa in vorgeschichtlicher Zeit Zwerge gewohnt haben. Nur durch die Zurückführung der Zwerge auf jene vorgeschichtliche Bevölkerung erklären sich ihre Beziehungen zum „Menschengeschlecht“, d. h. zu den später ein wandernden und sie bedrängenden größeren Rassen, die vielleicht schon Arier waren. Wer von diesen Zwergen nicht getötet wurde oder sich in die Schlupfwinkel schwer zugänglicher Gebirge retten konnte, wurde unterjocht und dienstbar gemacht, und sie wurden mit der Zeit willige, fleißige, treu ergebene Diener, die gerade durch ihr kleines, aber flinkes Wesen zur Bebauung des Ackers wie zu Handwerksarbeiten geeignet waren, besonders aber als kunstfertige Schmiede scheue Bewunderung erregten; es steht fest, daß die Arier zur Zeit ihrer Einwanderung in Europa in der Steinzeit lebten und keine Kenntnis der Metalle und der Schmiedekunst besaßen (s. u. Feuergott). Der stete Kampf aber mit den um ihr Land und ihre Freiheit ringenden Zwergen, die zuletzt auch aus ihren tiefen Wäldern und verschwiegenen Bergen vertrieben wurden, rief, zumal bei der hinterlistigen Kriegsführung mit all ihren Greueln, zu denen auch der oft erwähnte Frauenraub gehört, Abscheu gemischt mit Furcht hervor. In der Sage und Poesie lebt die seltsame Erscheinung des fremdartigen Zwergvolkes weiter, seine eigenartigen, dem Germanen so ganz widersprechenden Gewohnheiten, Sitten und Handlungsweisen, zumal im Kampfe, die Heimtücke und Rachsucht, aber auch die sklavische Unterwürfigkeit und hündische Treue. So versteht man die Klage der Zwerge über den Verlust des Landes, dessen Herren sie einst waren, über das Vordringen einer ihnen fremden Kultur und Religion, das sie zur Auswanderung zwinge, über die Schlechtigkeit des Menschengeschlechtes, das dafür noch werde zu büßen haben und schon durch Verkürzung des Lebens büße. Nur die Ethnologie erklärt also die wesentlichsten Züge in dem sagenhaften Bilde der Zwerge: ihre Herkunft, ihre Gestalt, ihre Wohnungsart, ihr Verhältnis zu den „Menschen“, ihre Beschäftigung und die ihnen zugeschriebenen übernatürlichen Gaben. Aber mit diesen Gestalten der Gegenwart und Wirklichkeit verschmolzen die Seelen- und Naturgeister, die die Arier mitbrachten; erst so entstand in Süddeutschland das typische Zwergbild, das uns die Sage überliefert, und es erhielt neue Farbe und frisches Leben, als sie die mißgestalteten Hunnen und Avaren kennen lernten. Attila wird ganz wie ein Zwerg geschildert, und das Nibelungenlied spricht von „wilden Zwergen“, die mit den Hunnen verbunden waren. So ist die deutsche Zwergsage nicht aus einer, sondern aus zwei Quellen geflossen: in der Sage des norddeutschen Tieflandes überwiegt die geisterhafte Natur der Zwerge, in den Berggegenden die natürliche, menschliche.

Noch eine andere, hierher gehörende Sagengruppe läßt sich vielleicht aus denselben ethnologischen Verhältnissen erklären. Gegen die stärkeren Eindringlinge suchte sich die Urbevölkerung durch Anlegen von Hecken und Verhauen zu verteidigen. Aber erbarmungslos zertrat deren Fuß der Blumen bunte Pracht und raubte mit roher Gewalt die schönen Töchter des Landes, wenn ihnen nicht die List ihrer Hüter zuvorkam und ihnen Spott und Schaden bereitete. So dringt im Märchen vom Dornröschen der Prinz durch die Hecke und gewinnt die Braut (K. H. M. Nr. 50; die „natursymbolische“ Deutung s. u. Mythen und Märchen); und aus denselben Schiftzhecken gegen feindliche Überfälle können die durch die ritterliche Dichtung des Mittelalters bekannten Rosengärten stammen, der bei Worms, wo Gibich König ist, und der bei Meran, wo Laurin herrscht: ihre bisherige Deutung als alte Elfen- und Totenreiche hat nie recht befriedigt.

Pytheas von Massilia hat seltsame Kunde erfahren von den Eieressern, den Öonen, von denen noch Caesar hörte von den Pferdefüßlern, den Hippopoden, von den Ganzohren, Panotiern, deren große Ohren den ganzen Körper bedecken und eine andere Bekleidung überflüssig machen. Es ist möglich, daß dieser Bericht eine märchenhafte Entstellung einer Mantel- und Kapuzentracht ist, wie sie Seeanwohnern zum Schutze gegen Regen und Wind nötig sein mochte. Aber bei den Pferdefüßlern ist man versucht, au die ganze oder halbe Roßgestalt des Nixes zu denken (S. 104). Gegen Plattfüßler und Langohren muß Herzog Ernst kämpfen: ihre Ohren reichen bis über die Knöchel herab und sind so breit, daß sie sich ganz darein hüllen können; sie bedürfeu keiner Rüstung, da die Ohrenhaut hieb-und stichfest ist (4824 ff). Vielleicht hat Pytheas Kunde von den deutschen Zwergsagen erhalten. Wenn selbst ein so verständiger Beurteiler wie Tacitus mythische Namen für wirkliche Volksstämme ansieht und sogar deren geographische Lage angibt, um wieviel verzeihlicher wäre ein solcher Irrtum bei dem Entdecker unserer Ahnen! Da noch heute Sage und Märchen vom Nix in Roßgestalt und vom Zwerg Langohr erzählen, könnten wir beide über 2400 Jahre zurück verfolgen und hätten in diesem Berichte des Pytheas die älteste direkte Erwähnung unserer Mythologie.

In der Schweiz glaubt man, das Echo rühre von den Zwergen her. Als Dietrich mit Ecke streitet, geben Berg und Tal Stimme und Antwort von sich, d. h. die in ihnen hausenden Zwerge. Große Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen scharren sie in ihren Höhlen zusammen und bewachen sie sorgfältig (D. S. Nr. 30, 36, 160; K. H. M. Nr. 53).

Kuodlieb hat einem Zwerge vor der Höhle eine Falle gelegt; der ist hineingeraten, und die Hände sind ihm festgeschnürt; schreiend springt er hin und her, um fortzukommen, bis er endlich ermüdet und atemlos niedersinkt und wehmütig seinen Besieger um Schonung bittet: ,Schenke mir Armen das Leben, ich melde dir etwas, das dir sicherlich angenehm ist. Wenn du mich nicht tötest und mir die Hände frei machst, zeige ich dir einen Schatz, den zwei Könige haben, Immunch und sein Sohn Hartunch; diese wirst du im Kampfe besiegen und töten. Dann bleibt nur des Königs Tochter, die schöne Heriburg übrig als Herrscherin über das ganze Reich. Es Ist dir beschieden, sie zu gewinnen, aber nur mit großem Blutvergießen, wenn du nicht meinem Ratschlage folgst, den ich dir geben werde, wenn du mich befreit hast“. Auch im N. L. (468) wird Alberich gefesselt, und auch er bittet wie der Zwerg im Ruodlieb um Schonung (467). Wie Ruodlieb ein Schwert erhält (S. 114), so geben Schilbung (der Zitternde, Bebende, an. skjalfa) und Nibelung Siegfried zum Lohne für die Teilung des Nibelungenhortes König Niblungs Schwert (93). Alberich hütet den Schatz wie der Zwerg, den Ruodlieb fangt. Es ist soviel des Gesteines und Goldes, daß hundert Leiterwagen ihn nicht forttragen können, und hätte man die ganze Welt damit erkauft, er wäre dennoch nicht vermindert, denn der Wunsch lag darunter, ein golden Rütelein (1063/4). Auch nach dem Seyfriedsliede hüten Niblings Söhne, Eugels Brüder, ihres Vaters Schatz. Siegfried ladet ihn auf sein Roß und versenkt ihn heimlich im Rheine. Auf dem ersten Abenteuer, das jung Dietrich besteht, sieht er beim Verfolgen einer Hirschkuh einen Zwerg laufen; ehe er noch seine Höhle erreichen konnte, packt ihn Dietrich und schwingt ihn zu sich in den Sattel. Es ist Alberich, der berüchtigte Dieb und der listigste aller Zwerge. Als Lösegeld verspricht er Nagelring, das beste aller Schwerter, und als Dietrich mißtrauisch schwankt, schwört ihm Alberich einen heiligen Eid (Thi-dreks. 16). Einen goldenen Ring und ein Schwert erhält der Graf von Hoia von einem Zwerge, weil er ihm seinen Saal einräumt, in dem die Zwerge Hochzeit halten (D. S. Nr. 35, vgl. Nr. 303). Hochberühmt sind die Zwerge als Waffenschmiede. Alberich ist nicht nur der Dieb, sondern auch der Fertiger des Schwertes, das Ruodlieb zufällt. Er gibt dem Ortnit Schwert, Panzer und Helm, er schmiedet mit drei andern Zwergen zusammen das Schwert Eckesahs und Nagelring (Thidreks. 16). Alberich oder Euglin verschafft Siegfried das Schwert Balmung, sogenannt, weil es aus der Höhle (balma) stammt, oder „Sohn des Glanzes“ (got. balms-Glanz). Wade bringt seinen Sohn Wieland zu dem berühmten Schmiede Mime in Niedersachsen, damit er dort schmieden lerne. Auch Siegfried befindet sich dort und tut den Schmiedgesolien manches Böse, schlägt und prügelt sie. Das Schwert, das Wittich, Wielands Sohn, führt, ist dem Meister zu Ehren Mimung genannt. Nach drei Jahren bringt Wade seinen Sohn zu zwei Zwergen im Berge Ballofa (Balve in Westfalen) und zahlt ihnen dafür, daß sie ihn zwölf Monate lang in die Lehre nähmen, eine Mark Goldes. Aber nach Ablauf des Jahres wünschen sie Wieland zu behalten und geben das Gold zurück: wenn jedoch Wade nach Jahresfrist nicht am bestimmten Tage zurückkäme, sei ihnen Wielands Leben verfallen. Wade läßt sein Schwert im buschigen Moore zurück, damit sein Sohn im Falle der Not sich seines Lebens wehren könne. Als er dann noch vor dem abgemachten Tage wiederkehrt, findet er den Berg verschlossen und legt sich schlafen. Infolge starken Regens und eines Erdbebens löst sich oben von dem Berge eine Klippe, stürzt mit einem Strome von Wasser, Bäumen, Steinen, Schutt und Erde auf Wade herab und tötet ihn. Um don Zwergen zu entgehen, reißt Wieland das Schwert heraus, erschlägt sie, nimmt all’ ihr Schmiedezeug und all’ das Gold und Silber, bepackt sein Roß mit dem Schatze und verläßt Westfalen (Thidreks. 57 ff.). Im Arthusromane des Strickers „Daniel“ besitzt der Zwerg Juran ein wunderbares Schwert, dem keine RQstung widerstehen kann. Seine Waffe, die sogar einmal mit der sagengemäfien Bezeichnung ,sahs‘ benannt wird, schneidet Stein wie Holz: er haut in einen Fels ein solches Loch, daß man da durchreiten kann; wenn sich ein Mann auch in zwölf Halsberge kleidet, so ist er doch nicht dagegen geschützt. Er läßt sich mit Daniel in einen Zweikampf ein, dessen Preis in der Liebe einer Frau bestehen soll, darf aber sein Zauberschwert dabei nicht benutzen. Ein Kreis wird für den Kampf beschrieben, das Schwert wird weit außerhalb desselben niedergelegt, und bald zerbricht dem Zwerge sein Schwert. Daniel setzt dem kleinen Herrn fürchterlich zu, kann ihm aber weder Helm noch Halsberg verschneiden. Da springt Juran nach dem beiseite gelegten Schwerte, Daniel aber überholt ihn mit seinen »langen Beinen und faßt es zuerst. Vergeblich sncht der Zwerg es ihm zn entreißen, mit seiner eigenen Waffe wird ihm der Kopf abgehanen. Wie Daniels versagt auch Dietleibs Schwert vor Laurins in Drachenblut gehärtetem Panzer (185, 1373). Der drollige Wettlauf zwischen Daniel und Juran erinnert an den Alberichs und Siegfrieds, die wie die wilden Leuen an den Berg rennen, bis Siegfried seinem Gegner die Tarnkappe abgewinnt (N. L. 97, 98).

Die Zwerge sind nicht nur geschickt und klug, sondern auch heilkundig.

Kriemhild ist auf dem Drachenstein durch die dem Ungeheuer entströmende Glut ohnmächtig geworden, auch Siegfried ist die Farbe entwichen und kohlschwarz sein Mund. Da gibt Kugel Kriemhild eine Wurzel in den Mund, und sogleich ist sie genesen. Ein anderer Zwerg heilt Helfrichs Wunden, die er von Dietrich empfangen hat, mit einer Wurzel (Eckenl.). Baidung, Alberichs Sohn, gibt dem Berner eine Wnrzel, die den Zauber aufhebt, durch den Dietrichs Gegner, ein wilder Mann, unverwundbar ist. Er erzählt ihm, daß der wilde Mann den hohlen Berg in Besitz nehmen wolle, darinnen tausend Zwerge wohnten, und daß er jeden Zwerg tote, der vor den Berg käme. Sneewittchen wird durch die Zwerge vor Krauk-heit und Tod gerettet (K. H. M. Nr. 53).

Die Gestalt des Zwergkönigs, der dem kleinen Volke vorsteht, braucht nicht erst aus der Zeit der Völkerwanderung zu stammen, sondern kann sehr wohl auf Erinnerungen an die vor den eimvandernden Deutschen ansässige Zwergbevölkerung beruhen, die natürlich gleichfalls ein Oberhaupt gehabt haben muß.

Der jungfräulichen Königin Virginal, die im Tiroler Hochgebirge thront, dienen viele edle Jungfrauen und Zwerge; sie benutzt den Zwerg Bibung als eiligen, zuverlässigen Boten. Dietrichs Gesellen Wolfhart zeigt ein Zwerg einen hohlen Berg, wo viele Zwerge hausen, die alle der Virginal untertänig sind. Der Zwerg, den Dietrich vor dem wilden Manne rettet, nennt sich Baidung, Alberichs Sohn. Vor seinem Kampfe mit Vasolt kehrt Dietrich bei einem Zwergkönig Albrian ein und übernachtet in dessen Burg. Dem Alberich gehorchen im Ortuit viele Berge und Täler, im N. L. ist er ein Dienstraann der Könige Schilbung und Nibelung. Im Ruodlieb begegnen als Zwergkönige Immunch und Hartung, in Ulrichs Alexander Antiloi8, in dem Artusromane des Pleiers Gare), Albewin, im Tandarois desselben Verfassers eine Zwergkönigin Albiun, im Seyfriedsliede Eugel und seine beiden Brüder, die Söhne Königs Nibling. Laurin ist König in Tirol, nach seiner Besiegung durch Dietrich schickt der Zwerg Sintram Botschaft zu König Alberich, und dieser sendet sie weiter in andrer Zwerge Land, fernhin über das Meer zu einem großen Herrn, der gewaltig über alle Zwerge war, die jenseits des Meeres in den Bergen hausen. Walberan heißt dieser Zwergkönig und ist Laurins Oheim. Mit einem gewaltigen unsichtbaren Heere fährt er von Asien nach Italien und bekriegt Dietrich; wenn nicht Laurin und Hildebrand vermittelt hätten, wäre es dem Berner Übel ergangen. Sinneis ist Laurins Bruder, sein Land und Berg liegt bei dem Lebenneer, aber er genießt wenig Freuden; denn wilde Würmer verzehren ihm sein Heer, und in seiner Not bittet er Laurin um Hilfe (Wartburgkrieg; S. 112). Dem Zwergkönig Goldemar entreißt Dietrich eine geraubte Jungfrau. Auf Schloß Hardenberg an der Ruhr hält sich König Goldemar als Hausgeist auf, spielt wunderschön Harfe, ist des Brettspieles kundig und teilt mit dem Grafen das Bett. Sein dreijähriger Aufenthalt auf dem Schlosse gilt eigentlich der schönen Schwester des Grafen, der den Zwergkönig Schwager nennt. Die Volkssage nennt ihn vielleicht König Volmar; als ein neugieriger Küchenjunge ihm einmal Erbsen und Asche streute, damit er beim Fallen seine Gestalt in der Asche abdrückte, fand man den Küchenjungen am andern Morgen am Bratspieße stecken. Der Zwergenherzog Eggerich rettet durch seine List Dietrich aus der Wurmhöhle, in die ihn Sigenot geworfen hat. Daß die Zwergkönige nach schönen Mädchen trachten und sie in den Berg entführen, ist durchaus mythisch; umgekehrt locken die Nibelungen, Kriemkild, Hagen und Günther, dessen räuberischer und doch feiger Charakter nur im Mythus seine Erklärung findet, Siegfried in ihr Nebel- und Totenreich. Reich ist auch die Volkssage an Zwergkönigen. Die Gemsen und Steinböcke gehören einem mächtigen Zwerge, der nicht duldet, daß seine Herde von den Menschen gelichtet wird. Als trotz seines Versprechens ein Gemsjäger auf einen stolzen Leitbock anlegen will, reißt ihn der Zwerg am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund sinkt (D. S. Nr. 300, 301). Gibick (der Freigebige, Gütige) ist König der Zwerge im Harz, gebietet über Regen und herrscht in einem unterirdischen Reiche, das nicht minder glänzend ausgestattet ist als das Laurins; Gibiclieustein bei Halle und llübichenstein im Harz sind nach ihm benannt. Zwischen Walkenried und Neuhof hatten einst die Zwerge zwei Königreiche (D. S. Nr. 152). Der Zwerg, der dem Scherfenberger erscheint, hat eine goldene Krone auf dem Häuptlein, und seine Geberden sind die eines Königs; er teilt ihm mit, daß ein gewaltiger König sein Genosse sei um eid großes Land: darum führten sie Krieg, und sein Nebenbuhler wolle es ihm mit List abgewinnen (D. S. Nr. 29). Tn einem roten scharlachfarbenen Mantel wird der König der Bergmilnnlein einem Manne sichtbar, der die Kunst verstand, Geister zu beschwören (D. S. Nr. 38). Ein alter Mann, des Namens Heiling (Nebelsohn?), herrscht als Fürst über die kleinen Zwerglein in Deutschböhmen (D. S. Nr. 151, 328). Eine Reihe deutscher Sagen erzählt von dem Tode des Zwergkönigs, der den Genossen durch eine Botschaft mitgeteilt wird und sie zum Aufbrucho ruft: König Knoblauch ist tot! König Pingel ist tot! die alte Mutter Pumpe ist tot! Fehmöhme ist tot! (S. 78).

Wie die gefangene Mährte die Frau des Hauses wird oder als Magd und Haushälterin Dienste leistet, bis sie den Weg durchs Schlüsselloch wieder frei findet und entflieht, so stellt sich um Mitternacht ein Schwarm Zwerge ein und macht sich eifrig an die unvollendet gebliebene Arbeit. Kommt mau aber plötzlich mit Licht oder streut Asche, um ihre Spur zu entdecken, so ziehen sie ab und kehren nimmer wieder. Sie verschwinden auch mit herzzerreißendem Weinen und Wehklagen, wenn man ihnen statt der alten abgetragenen Kleider neue hinlegt. In norddeutschen Sagen pflegen die Zwerge beim Abzug zu klagen: Ausgelohnt! Selten nur singen sie tanzend und hüpfend:

Sind wir nicht Knaben glatt und fein,

Was sollen wir länger Schuster sein?

(K. H. M. Nr. 39).

Nicht weil er ausgelohnt wird, sondern weil er sich entdeckt weiß, zieht der Zwerg und Hausgeist ab: in den Alpsagen kehrt dasselbe Motiv unzählige Male wieder (vgl. D. S. Nr. 76).

In der Volkssage haben die Zwerge ein vollkommenes Familienleben und geordneten Hausstand. Sie haben Frauen und Kinder, aber sie müssen auch sterben.

Bei der Geburt ihrer Kinder bedürfen sie menschlicher Hilfe (D. S. Nr. 41, 68), bitten die Menschen zu Gevattern; sie feiern Hochzeiten, besuchen auch menschliche Hochzeiten (D. S. 39), verleihen und leihen Kessel, Töpfe, Teller und Schüsseln (D. S. 33, 36, 154, 302), auch Brot (34), backen Brot und Kuchen (298) und trinken Bier (43). Aber das stille Volk wird durch die Errichtung der Hämmer und Pochwerke vertrieben; wenn die Hämmer abgingen, wollten sie wiederkommen (36). Auch das Schwören und Fluchen der Menschen, sowie deren Treulosigkeit beunruhigt sie und verjagt sie aus den geliebten Sitzen (34). Noch mehr als das Pochen der Hämmer und Mühlen, das Getöse der Trommeln, das Knallen der Peitschen und das laute Schreien ist ihnen das Glockengeläut verhaßt. Bei dem Abzüge müssen sie oft Geld erlegen (D. S. Nr. 153), unsichtbar wie Walberans Schar überschreiten sie die Brücke (152), lassen sich vom Fährmann gegen gute Belohnung übersetzen und lassen sieb nie wieder sehen, oft haben sie auch Wohlstand und Gedeihen der Gegend mitgenommen.

Aber neben den erwähnten Mitteln, die Zwerge abzuwehren, kennt die Volkssage auch eine Elben pflege.

In Idria stellten ihnen die Bergleute täglich ein Tüpflein mit Speise an einen besonderen Ort. Auch kauften sie jährlich zu gewissen Zeiten ein rotes Röcklein, der Länge nach einem Knaben gerecht, und machten ihnen ein Geschenk damit. Unterließen sie es, so wurden die Kleinen zornig und ungnädig (D. S. Nr. 38). Will man den Bergmännlein Fragen vorlegen, so muß man ihnen ein neues Tischlein hinsetzen, ein weißes * Tuch daraufdecken und Schüsseln mit Milch und Honig, sowie Teilerchen und Messerchen vorlegen (D. S. Nr. 38). Eine Beichtfrage bei Burchard von Worms lautet; „Hast du kleine kindliche Bogen und Kinderstiefelchen gemacht und sie in deine Kammer oder Scheune gelegt, damit die Zwerge, Kobolde oder Schrate mit ihnen spielen, dafür Hab und Gut von andern dorthin tragen und du dadurch reicher werdest?* Der wohlbekannte Brauch, den Wichtelmännchen Spielzeug hinzulegen (z. B. Kugeln zum Hollen oder auch kleine Schuhe) oder Milch und Essen vorzusetzen, war also im 10. Jhd. ebenso lebendig wie noch heute und muß in das höchste Altertum zurückreichen (vgl. K. II. M. Nr. 39). Der Mönch von St. Gallen erzählt im Leben Karls des Großen von einem Schrat, der das Haus eines Schmiedes besuchte und sich nachts mit Hammer und Amboß erlustigte (130).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte

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Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

Deutsche Mythologie

Name und Begriff der Elbe und Wichte geht in urger-manische Zeit zurück. Ahd. mhd. alp (Plural Elbe oder Elber, vgl. Elberfeld), schwed. elf, dän. elv (ellerkonge = elverkonge Elfenkönig, irrtümlich bei Herder und Goethe Erlkönig) ist der listige, geschickte Truggeist oder der Lichtgeist (skr. rbhu, germ. albh = glänzend, strahlend). Die hochdeutsche Form Elb ist durch das englische Elf verdrängt. Albruna ist die mit der Zauberkraft der Elbe begabte (Germ. 8), Albing ist der von den Elben stammende, Alfred der ihres Rates teilhaftige, Alberich (romanisch Auberic, Auberi, Oberon) der Elfenkönig; außerdem begegnen ahd. Alptrüd, Alpagödis (Pipius Frau), langob. Albisinda, Alphari; Albwin, Alboin ist der Elfenfreund. Sinnig erläutert Gustav Freytag im Ingo den Namen Albwin: Sie sagten, daß ein Hausgeistim Balkendache seines Hofes wohne seit der Väterzeit und in der Nacht die Kinder des Geschlechtes wiege, und daß diese darum nicht zu dem Himmel wüchsen, wie die andern Menschen; denn zierlich und klein waren alle seines Blutes, doch artig von Geberden und guter Worte mächtig.

Wicht (ahd. und mhd. der und das wiht, got. und an. fern, vaihts, vaettr) gehört zu wegen, bewegen uud bedeutet „kleines Ding“, „Ding“ überhaupt: die Wichte der germ. Mythologie sind nichts wie „Dinger“, winzige Elbe.

Im Heliand sind die wihtt unholde, böse Geister. Als der Heiland in der Wüste nichts genoß, fühlten die finstern, gewaltigen Geister nicht Mut ihm zu nahen (1030, 1055). Böser Geister Tücke bat die Tochter des kananäiseben Weibes mit Krankheit geschlagen (2990). Leidige Geister verleiten den Menschen zur Begierde nach fremdem Gute (2503). Zornige, wilde, arge Geister, leidige Unholde reden nach der Anklage der Juden aus dem Erlöser (3931). In Sodomaburg haben die Menge der Feinde, der bösen Wichte, die Leute zu Wehtaten verleitet (as. Genesis 257). Wie der as. Dichter an Stelle der überlieferten Kuppelei das seinen Sachsen verständlichere Verbrechen des Mordes setzt, so stellt er als die Verführer zu diesen Freveln die elbischen Geister hin, die im Dunkel der Nacht Unheil säen und Böses stiften.

Ahd. wihtelin sind „penates“, mhd. wichtir „sirenae“, wichtelin oder elbe „lemures“ (Gespenster) oder „nächtliche Dämonen“. Die Wichtelmänner, Wichtelmännchen und Wichtelweibchen der Sagen und Märchen gleichen völlig den Zwergen, in Schwaben werden sie genauer bezeichnet als Erd wich tele, in Niederdeutsehland als Erdwichter; auch die Zwerge heißen Unterirdische, in Westfalen Trudenmännchen, ln Luft, Sonnen- und Mondenschein und im wallenden Nebel wirken und wohnen die Elbe im engem Sinne, die Lichtelfen. Besondere Arten der elfischen Geister sind die Erdelfen: die Zwerge, die Hauselfen: die Kobolde, die Wasserelfen: die Nixe, die Wald- und Flurelfen: die Holz- und Moosfräulein, die wilden Leute, die Feldgeister.

Die Elbe sind licht und schön; „glänzend wie ein Elb“ ist ein beliebtes Beiwort im Ags. Der gefangene Zwerg im Ruodlieb (Fragm. 18) will dem Helden sein Weib als Geisel geben. Er ruft sie aus der Höhle heraus, und sie erscheint sogleich: sie war klein, aber sehr schön, goldgeschmückt und reich gekleidet. Die Schönheit der Zwergkönigin Heriburg, die Ruodlieb sich gewinnen soll, wird ausdrücklich hervorgehoben. Heinrich von Morungen singt in seinem Liebeszauber (Anfang des 13. Jhds.):

Von der Elbin wird bezaubert mancher Mann,

So ist mir’s durch Liebesmacht geschehn

Von der Besten, die je einer lieb gewann.

Die Nixen sitzen gern an der Sonne und kämmen ihr langes Haar; sie sind sehr schön, haben langes, goldenes (auch grünliches) Haar und lange, grünliche Schleppkleider, deren Saum aber immer naß ist. Auf grüner Heide neben einem kühlen Brunnen und unter einer Linde, in deren Zweigen die Vögel in lautem Wettstreite singen, schläft Alberich. Er ist nicht größer als ein Kind von vier Jahren und doch schon fünfhundert Jahre alt. Er trägt an seinem Leibe ein wunderschön Gewand, das mit Gold und Edelsteinen geziert ist. Als Ortnit ihn in Kindes Weise auf-heben will, schlägt der Kleine nach ihm mit seinen Fäusten, und obwohl er die Stärke von zwölf Männern hat, bezwingt er ihn nur mit Mühe (Ortnit 90 ff.). Im Nibelungenliede (462 ff.) ist Alberich ein kühner, wilder starker Zwerg mit einem greisen Barte; seine Hand schwingt eine schwere Geißel von Gold und zersplittert Siegfrieds Schild. Prachtvoll ist die Charakteristik, die die Deutschen Sagen von Kobold Hinzelmann geben (Nr. 75). Das »stille Volk“ wohnt in Felsen, Brunnen, Quellen, Schluchten und Höhlen und hat die Stuben und Gemächer voll Gold und Edelstein. Dieses Bergvolk ist von Fleisch und Blut wie andere Menschen, zeugt Kinder und stirbt; allein es hat die Gabe, sich unsichtbar zu machen (durch die Tarnkappe; S. 99 f.) und durch Fels und Mauer eben so leicht zu gehen, wie wir durch die Luft (D. S. Nr. BO).

Wenn im Mondenscheine die Nixe am Wasser sitzt, den Nebelschleier vor dem Gesichte, dann schlieft der Zwerg aus den Felsklüften und bläst auf der Silberschwegel über Tal und Hügel sein Klagelied, das erst verstummt, wenn der Mond versinkt und die Sterne erblassen; wehmutbleich lehnt dann unten die Nixe, und von ihren schweren Tränen ist der Wasen weich. Mit einer wundervollen Musik ziehen die Zwerge um Stolberg scharenweise über die Stadt weg in der Luft. Die Nixen lieben Tanz, Gesang und Musik und singen schön, hinreißend erschallt ihr Geigenspiel. In Laurins Berg, in Frau Venus Berg rauscht fröhliche, verführerische Musik, Tänze werden darin getreten. Der unwiderstehliche Hang der Elbe zur Musik muß uralt sein; das bezeugt der Name Albleich „elbische Leich, Elbenweise4*‘ und mhd. albleich im Sinne der seelenberückenden, süßesten Melodie, die ein Geiger hervorbringen konnte. „Seiten spil und des wihtels schal“ heißt es im mhd. ganz gleichbedeutend. Oberons (Alberichs) Horn zwingt die Füße, sich wirbelnd im Tanze zu drehen. Durch den Albleich bezauberte ursprünglich der vielbesungene Frauenräuber seine Opfer, der als Ulinger, Blaubart in weitverbreiteten Balladen auftritt; in den Niederlanden heißt er Halewyn „Elfenfreund“ und in England Elfknight „Elfenritter“. Der Tanz der Berggeister auf den Matten zeigt ein gesegnetes Jahr an (D. S. Nr. 298).

Nachts im Mondenscheine sieht man die Elbe auf den Wiesen ihre Reigen führen und erkennt morgens ihre Spuren im Tau. Sie sind bald dadurch sichtbar, daß das Gras niedergedrückt ist, bald dadurch, daß es üppiger wachst. In Thüringen tritt die Elbin im Nebelkleide auf. Zur herbstlichen Zeit, wenn die Haselnüsse reif sind, tanzt um die Büsche eine Jungfer, weiß und wie ein Rauch verschwindend, wenn man sich nähert. Die Saligen Fräulein, die in Eisgrotten und Feniern wohnen, breiten weißes Linnen aus und tanzen „umschleiert mit goldenem Duft“. Aber ein Spielmann verwandelt durch den Klang seiner goldenen Zaubergeige die Tänzerinnen in Stein: Sonnenlicht und Wind lassen an Stelle des unruhigen Nebels plötzlich den leblosen Stein zum Vorscheine kommen. Ein Jüngling sieht den Tanz der Elfen im Mondschein, und seine Augen sind wie festgebannt an den verführerischen Kreis. Sie singen so schön, daß die ganze Natur lauscht, die Tiere des Waldes, die Vögel auf den Bäumen und die Fische im Wasser. Sie bieten ihm Schätze aller Art an, wenn er der Ihre werden wolle, aber er flieht, oder erhält, sich weigernd, einen Stoß aufs Herz, der ihn binnen drei Tagen in den Sarg wirft.

Die Elbe verführen und entführen Männer und Frauen und Kinder. Säugende Frauen ziehen die Zwerge in ihre Höhle, um ihre schwachen Abkömmlinge zu stärken. Hebammen werden in die Berge oder in das Wasserreich geholt, um den Elbinnen beizustehen (D. S. Nr. 65, 66, 68, 69). Sie rauben, die Säuglinge der Menschen und legen dafür einen Wechselbalg in die Wiege (S. 75).

Die Zeit, die der Mensch im Elfenreiche zubringt, erscheint ihm sehr kurz, hat aber in Wahrheit viele Jahre gedauert (D. S. Nr. 151); nach seiner Rückkehr siecht er meistens bald dahin. Frau Venus, hinter der ein deutsches Elfenweib steckt, lockt Tannhäuser in den Berg. Die Burgunderkönige in der Nibelungensage sind an die Stelle eines mythischen Nibelungengeschlechtes getreten: den Dämonen verfällt nach dem Beowulf Siegmund (gemeint ist Siegfried), und die ahd. Glossen „nebulo scrato“, „nebulonis scinlaecean“ beweisen, daß die Nibelungen mythischen Ursprungs sind, „zauberhafte Wesen, Unholde, Gespenster“. — Griemhild (die Verlarvte, die Verhüllte) und Hagen (das Gespenst) sind rein mythische, dämonische Wesen; sie gehören zur Gruppe der nordischen Huldern (der Verhüllten, Unsichtbaren), und der Vergessenheitstrank, den die dämonisch schöne Jungfrau dem Helden reicht, und durch den er Hort, Geliebte und Leben an die Nibelungen, die „Nebelkinder“ oder die „Verstorbenen“ (? vexvs) verliert, drückt sein Verfallen an die dämonischen, dunklen Todesmächte aus. Das ist mit Sicherheit neben Siegfrieds Drachen kampf altes mythisches Hauptmotiv der Nibelungensage.

Ein Zwerg erscheint Dietrich am Abend seines Lebens und führt ihn fort; niemand weiß, ob er noch lebe oder tot sei und wohin er gekommen (Anh. z. Heldb.). Nach anderer Überlieferung (Wartburgkrieg) fordert Zwergkönig Laurin den Berner auf, sich in das Reich seines Bruders Sinneis nach dem fernen Osten zu begeben, da könnte er noch tausend Jahre leben; um die Leute zu täuschen, soll Dietrich einen feuerigen Berg herrichten lassen und durch denselben eine gute Straße in Sinneis Land. So verschwindet der Held, und die Menschen glauben, er sei in einen Vulkan gefahren. Wer nicht willig den Lockungen der Elbe folgt, den trifft ihr Schlag, und der ist verloren.

Alberich bezwingt Ortnits, ein anderer Hägens und Merovechs Mutter (vgl. was D. S. Nr. 75 dem Kobold Hinzelmann erzählt wird). KUnhild, die Schwester Dietleibs von Steier, war zum Tanz unter der grünen Linde gegangen. Da kam Zwergkönig Laurin herzugeritten, aber niemand sah ihn, niemand rief ihm ein Wort zu. Laurin setzte ihr seine Tarnkappe auf, hob sie auf sein Pferd und verschwand mit ihr in einem Berge. Aber ihr Bruder und Dietrich von Bern befreiten sie. Als Künhild von Laurin Abschied nahm, begann er bitterlich zu schreien, und die Stunde seiner Geburt zu verfluchen: er hätte sich die holde Jungfrau zum Trost erwählt, nun seien die Tage seiner Freude gezählt; alle seine Schatze wollt er gern vermissen, könnte er die Maid jemals genießen! Ähnlich ist die Entführung der Liebgart durch den Zwerg Billunc und ihre Befreiung durch ihren Gatten Wolfdietrich (Wolfd. B. 795 ff.). Dietrich von Bern findet im Walde einen Berg, der von Zwergen bewohnt ist. Unter ihnen bemerkt er ein schönes junges Mädchen, das schnell von den Zwergen versteckt wird, als sie den fremden Mann gewahren. Goldemar, der König des kleinen Volkes, hat sie geraubt und will sie zum Weibe haben, doch sie weigert sich standhaft. Ihrer Mutter ist vor Gram das Herz gebrochen. Dietrich gewinnt sie nach hartem Streite dem Zwerge ab und nimmt sie selbst zur Gemahlin. — Der grimme Zwerg Juran wirbt um die Königin vom Trüben Berge (in Strickers Daniel), und die Königin Virginal hat aus diesem Grunde den Zwerg Elegant verbannt, der sich rachsüchtig zu ihren Feinden begibt.

Wie die Elbe des Rates und Beistandes der Menschen bedürfen, so erweisen sie ihnen wieder Dienste durch Schmieden, Weben und Backen.

Oft teilen sie den Menschen von ihrem neugebackenen Brote oder Kuchen mit, immer aber belohnen sie durch geschenkte Kleinode, die dem Hause und, den Nachkommen Glück bringen. Ein kleines Männlein bittet den Grafen von Hoia, ihm den Saal und die Küche für die folgende Nacht zu leihen und den Dienern zu befehlen, sich schlafen zu legen, und reicht ihm neben Danksagung ein Schwert und einen goldenen Ring: solange die Stücke wohl verwahrt würden, würde es einig und wohl in der Grafschaft stehen (D. S. Nr. 35, 70, 31). Alberich beschenkt seinen Sohn mit einer strahlenden Rüstung, begleitet ihn unsichtbar auf der Seefahrt, hilft ihm im Kampfe, bringt die Werbung Ortnits bei Liebgart an und führt sie aus der Burg. Alberich im Nibelungenliede bewacht treu das Land seines Herrn während Siegfrieds Abwesenheit und muß seine Treue fast mit dem Leben büßen. Der Zwerg Eugel führt Siegfried auf den Drachenstein, belehrt ihn über seine Abkunft, teilt ihm mit, daß Kriemhild vom Drachen gefangen gehalten werde, und schützt ihn durch seine Tarnkappe vor Kuperan.

Als Schicksalsgeister treten Elbe in englischer Dichtung auf:

Als Artus zur Welt kam, empfingen ihn Elbe. Sie sangen über ihn mit starkem Zauber. Sie gaben ihm Gewalt, der beste aller Ritter zu sein; sie gaben ihm ein Zweites: ein mächtiger König zu werden; sie gaben ihm das Dritte: ein langes Leben zu führen; sie gaben dem Königskinde gar treffliche Tugenden, so daß er freigebig war vor allen anderen lebenden Männern. Dies gaben ihm die Elbe, und so gedieh das Kind. Als später König Artus sich zum Kampfe rüstet, fertigt ihm ein elbischer Schmied mit seiner köstlichen Kunst eine Brünne an; er hieß Wygar, der kluge Werkmann (Layamons Brut).

So wird auch die Beschwörung eines Wichtleins verständlich, die im 16. Jhd. aufgezeichnet ist: „Ich bitte dich, lieber Herr Jesus Christ, daß du mir wolltest senden das allerbeste Wichtelein, das zwischen Himmel und Erde mag sein. Ich lade dich, Wichtelein, daß du zu mir kommest in dieser Stund in der Gestalt eines Menschen, eines vernünftigen und mutigen Jünglings, und tuest alles, das ich von dir begehre.

. . . Ich gebiete dir, Wichtelein, daß du wieder hinfahrest in deiner Majestät, von wo du gekommen bist, bis ich dich wieder lade, und daß du keiner Kreatur schadest, die Gott geschaffen hat. Im Namen . . .“

Dennoch wird den Elben wiederholt der Vorwurf der Untreue gemacht.

Als Laarin Dietrich und seine Gesellen auffordert, sich die Herrlichkeiten seines Reiches anzusehen, ruft Wittich aus: Ihn soll der Teufel holen, daß er uns mit Lügen betrügen will(Laurin 873)! Wenn den andern sein Rat gefiele, könnte der Kleine sie niemals hintergehen; denn er wäre voll Hinterlist, und ihm sei nimmer zu trauen (940 ff.). Ruodlieb sagt zu dem überlisteten Zwerge: „Du hast den Tod nicht zu fürchten, und ich würde dich sogleich lösen, wenn ich dir trauen könnte; wenn du mich nicht hintergehst, sollst du ohne Schaden davonkommen. Aber du wirst mir nachher nichts sagen, wenn du frei bist“. Da wies der gefangene Zwerg allen Vorwurf der Hinterlist mit folgender Rede zurück: .Fern sei, daß zwischen uns irgend Betrug herrsche; sonst würden wir Zwerge nicht so langlebig und gesund sein. Unter euch Menschen spricht niemand aus redlichem Herzen. Deshalb kommt ihr auch nicht zu hohen Jahren; die Dauer des Lebens richtet sich nach der Größe der Treue. Wir sprechen nicht anders, wie wir denken, und wir essen nicht allerlei krankheitzeugende Speisen; deshalb können wir länger in Gesundheit leben als ihr. Mißtraue mir nicht, ich werde es dahin bringen, daß du mir Vertrauen schenkest Wenn du mir nicht traust, so will ich dir mein Weib als Geisel geben.“ Vielleicht derselbe Zwerg ist es, den die niederdeutsche Überlieferung Alfrikr (Alberich) nennt (Thidreks. 98). Sein Vater hatte Ruodliebs Schwert gestohlen und im Berge verwahrt Aber der Sohn entwendet es ihm wieder und gibt es Ruodlieb. Wegen der Untreue der Menschen vielmehr müssen die Zwerge sie meiden. Im Haslitale gesellten sich die Zwerge hilfreich oder doch zuschauend den arbeitenden Menschen. Da setzten sie sich denn wohl vergnügt auf den langen, dicken Ast eines Ahorns ins schattige Laub. Boshafte Leute aber sägten bei Nacht den Ast durch, daß er bloß noch schwach am Stamme hielt, und als die arglosen Geschöpfe sich am Morgen darauf niederließen, krachte der Ast vollends entzwei, die Zwerge stürzten auf den Grund, wurden ausgelacht, erzürnten sich heftig und schrieen: 0 wie ist der Himmel so hoch und die Untreue so groß! heut hierher und nimmermehr! Sie hielten Wort und ließen sich zu Lande niemals wieder sehen (D. S. Nr. 147, 148).

Aber so sehr sich die Elbe gegen den Vorwurf der Hinterlist sträuben, etwas Wahres ist doch daran. Die Elbe sind nicht nur licht und schön, dienstfertig und treu, sondern auch häßlich, diebisch, boshaft und untreu. Ihre Lust am Spotten und Necken ist allerdings harmlos und wird von der Sage humorvoll wiedergegeben.

Bei der Brautfahrt Ortnits läßt Alberich alle Waffen der Feinde vor ihren Augen verschwinden, hebt die Götzenschreine auf, zerschmettert sie an der Mauer und wirft sie in den Graben. Hinzelmann sperrt eine Magd eine ganze Nacht in einen Keller ein, weil sie ihn vor einigen Tagen gescholten und geschmäht hatte. Überhaupt neckt er gern, bringt die Knechte in Streit, wenn sie abends beim Tranke sitzen und sieht ihnen dann mit Lust zu; bückte sich einer, so gab er ihm rückwärts eine gute Ohrfeige, seinen Nachbar aber zwickte er ins Bein. Doch wußte er es immer so einzurichten, daß niemand am Leben oder an der Gesundheit Schaden litt (D. S. Nr. 75). Die Wichtlein oder Bergmännlein schweifen in den Gruben und Schachten umher und scheinen gar gewaltig zu arbeiten, aber in Wahrheit tun sie nichts. Bald ists, als durchgrdben sie einen Gang oder eine Ader, bald, als faßten sie das Gegrabene in Eimer, als arbeiteten sie an der Rolle und wollten etwas hinaufziehen, aber sie necken nur die Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen sie; wenn man hinkommt, ist niemand da, oder sie werfen mit kleinen Steinen (D. S. Nr. 37).

Sie stehlen nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst und begnügen sich nicht nur mit Feldfrüchten, Brot und Erbsen (D. S. Nr. 152, 153, 155; S. 99). Elbegast, „aller Diebe Meister“ holt den Kaiser Karl in Ingelheim zum nächtlichen Stehlen ab und stiebitzt die Eier aus den Nestern, ohne daß die brütenden Vögel es merken.

So berückend schön ihr Wuchs und Antlitz ist, so verderblich ist ihr Blick: von der elbe wirt entsen vil manic man, singt der Morunger (S. 109). Wie der bloße Blick der Elbe bezaubernde Kraft hat (mhd. entsehen), so bringt ihr Anhauch Tod und Krankheit, Lähmung, Beulen und Geschwüre. Blaserie ist der Name eines Hausgeistes. Wem der Elb ins Auge speit, der muß erblinden. Lh’alter Glaube war es, daß von den Elben gefährliche Pfeile aus der Luft herabgeschossen würden (ags. ylfagescot). Wie der Alp bringen auch die Elbe Fieber. „Wider Elbe“ ist ein Segen des 15. Jhd. gerichtet: der Kranke soll vollständig nackt sein; schmeckt sein Schweiß salzig, „so sint es dy elbe“, ein anderes Zeichen ist, daß ihm seine Augen zwinckern und seine Adern zittern. Also soll man beschwören: „Im Namen … beschwöre ich euch, Alp und Elbynnen, mit allen euern Nachkommen, ihr seid weiß oder rot, braun, schwarz, gelb, oder wie ihr auch seid, daß ihr alle müßt sein tot am dritten Tage, das gebietet euch Gott und der liebe Herr St. Hiob. Weiter gebiete ich euch, daß ihr sollt übergehen auf eine Weide (S. 70), die sollt ihr schütteln und reiten, solange ^wie der Mensch uach euch verlangt (d. h. immer); dann dürft ihr wiederkommen, wenn ihr das Kreuz des Herrn in euern Händen bringt (d. h. niemals, denn das können die Geister nicht) . . . Entweicht also, ihr Elbe und Elbynnen, mit allen euern Nachkommen! Amen!“ Ein ags. Beschwörungslied gegen Hexenschuß und Rheumatismus zeigt die Elbe als streithafte Walküren, die sausende, selbstgeschmiedete Speere auf die Menschen senden; mit dem Schilde schützte sich der Mann gegen ihre gellenden Gere, Zaubersalbe und Zauberspruch wird die Eisen wieder heraustreiben (s. u. Walküren). „Fliegende Elbe“ heißen Krankheiten ‚an Händen und Füßen, die hartnäckig und schwer zu heilen sind, ags. aelf- oder lystädl „Elfen-“ oder „Luftkrankheit“. Struppige, nestartige Gewächse heißen Alpruten, die daraus fallenden Tropfen ziehen dem darunter Vorübergehenden Alpdrücken oder schlimmen Kopf zu, die verwirrten Haare der Menschen und Pferde nennt man Alpzopf, Wichtelzopf, engl, elflock. Auch den Geist verwirren die Elbe. Elbeutrötsch bezeichnet einen, dem die Elbe es angetan haben, aber auch den Elb oder Kobold selbst. Wem es gelingt, der Haft der Elbe zu entkommen, stirbt bald, oder er kehrt blödsinnig und wahnsinnig, „elbisch“ zurück. Elbisches äs, elbisches getwäs (S. 59), elbisches ungehiure sind daher alte Schimpfnamen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt

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Deutsche Mythologie

Wir nennen noch heute die lichtweißen oder rötlichgelben Federhaufwolken des Morgen- und Abendhimmels Schäfchen oder Lämmergewölk; „der Herrgott hütet seine Schafe“, „der Schäfer treibt seine Schafe aus“. Für Wolken, die sich nicht bewegen, sagt man, „die Küh’sleh’n still“, ganz dunkle Wolken heißen Ochsen oder Bullkater: der in dunkler Wolkennacht aufzuckende Blitz erinnert an das im Dunkeln leuchtende Auge eines Katers, und bull kommt von bullern oder bollern her und bezeichnet das bollernde Rollen des Donners. Wir sind uns dabei wohl bewußt, daß wir nur eine poetische Metapher gebrauchen. Der Naturmensch aber ist von der Wirklichkeit dieses Naturbildes überzeugt wie noch heute gläubige Kiudergemüter, er schreibt diesen Wesen übernatürliche Eigenschaften zu und verknüpft mit ihnen abergläubische Vorstellungen: das Bild wird zum Mythus. Ein uud dasselbe Bild wird zum Ausdrucke verschiedener Naturerscheinungen verwandt. Der Eber ist ein erdaufwühleudes Tier; auch der Wind, namentlich der grollende Wirbelwind, wühlt plötzlich Staub und Erde auf ; folglich war der Eber (so schloß man) das den Wind verursachende Tier, das im Winde dahinfuhr. Oder man verglich den blendend weißen Blitz mit einem Zahne, dem Hauer eines grunzenden Ebers, oder der Eber ist das mythische Bild der Sonnengottheit, bei der Verhüllung der Sonne in dunkeln Wolken. Der schnelle Lauf des Wirbelwindes ließ an ein Pferd denken, das Heulen und Bellen des Windes an einen Hund, der sich an zugiger Stelle, wie dem offenen Herde, aschezehrend niederläßt; seine springende Bewegung und sein meckernder Laut an eine Ziege.

Die wotterleuchtende, feuerschnaubende, wassergießende Wolke ist ein Drache; das Erscheinen des Drachen kündet in den Alpen schweres Gewitter an. Wie die Wetterwolke Schwüle, Sturm, Hagel und fruchtbaren Regen bringt, so schadet oder nützt der Drache Menschen, Vieh und Feld; er vergiftet die Luft und das Wasser, bringt Seuchen, Feuersbrunst und Wolkenbruch und verwüstet hagelnd die Flur (D. S. Nr. 220). Als Wasserdrache bildet sich der Wolkendämon fort zum Geiste des Gießbaches, der aus dem Wolkenbruch entsteht. Das Alpenvolk in der Schweiz hat noch viele Sagen bewahrt von Drachen und Würmern, die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals verheerend in die Täler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer Waldstrom von den Bergen stürzt, Bäume und Felsen mit sich reißt, pflegt es in einem tiefsinnigen Sprüchworte zu sagen: „es ist ein Drache ausgefahren“ (I). S. Nr. 216—219). Als Feuerdrache tritt der Dämon in Blitzmythen auf und verschmilzt mit dem schätzeschleppenden Kobold; er kleidet sich in das Feuerkleid der Sternschnuppen und in den bescheidenen Kittel des Herd rauches. Aber neben der bloßen Feuergestalt und bloßen Wassergestalt hat sich auch das Ursprüngliche forterhalten, die Wolken- und Nebelgestalt. Der aus seinem Gewässer auf-taucheude Drache ist der daraus aufsteigende Nebel. In einem See des Zezninatales hauste ein Drache, der mit Gebrüll aus dem Wasser tauchte: warf man Steine hinein, so bildete sich ein dichter Nebel, aus dem sich danu starke Regenschauer entluden. Einen Pestdrachen kennt eine Sage in Unterfranken. In einem See hielt sich ein Lindwurm auf, der Menschen und Tiere vergiftete. Da aber der See abgelassen und der Graben ausgetrocknet wurde, so konnte sich das Tier nicht mehr aufhalten, und seit dieser Zeit war Ruhe: die schädliche Wirksamkeit des Lindwurms ist die vergiftende Ausdünstung des Sumpfes. Auch mit Fieber kann der Drache des Bergstroms den Menschen schlagen. Als im Juli 1566 die Reuß hochging, stieg eine Schlange aus dem Strome und verschlang die am Ufer weidenden Rinder. Mit Mühe rettete sich ein Mann vor ihr, mußte sich aber zu Bette legen und war von nun an mit Fieber geplagt. — Aufgabe der Helden ist es, das Land von der Plage des Lindwurms zu befreien.

In Ortnits Reich treiben zwei wilde Lindwürmer ihr Wesen und fressen Menschen und Vieh. Da macht sich der König selbst zu dem kühnen Wagnis auf. Wenn er nicht wiederkomme, sagte er beim Abschiede zu seiner Gemahlin, so solle sie nur den als den Sieger begrüßen, der die Köpfe der Ungeheuer mit den Jungen brächte. Aus dem Märchen „Die zwei Brüder“ ist dieser Zug bekannt (K. M. H. Nr. 60). Unter einem grünen Baume legt sich Ortnit nach scharfem Ritte durch das Gebirge zur Ruhe nieder. Da bricht der Wurm durch das Dickicht, die Bäume drückt er nieder; er reißt seinen Rachen auf noch weiter als eine große Tür und verschlingt den Ritter bis an die beiden Sporen. Dann trägt er ihn zu seinen Jungen in eine Höhle des Berges; die konnten ihn nicht erreichen und sogen ihn durch den Panzer (567—575). Als Wolfdietrich Ortnits Tod und die Bedrängung seiner Witwe erfährt, reitet er die Etsch entlang zu Berge auf steilen Wegen; ein junges Weib, dem der Lindwurm den Gatten ermordet, woist ihm die Straße. An derselben Stelle, wo Ortnit das Leben verloren hat, legt sich auch Wolfdietrich nieder. Aber sein treues Roß treibt mit seinen Hufschlägen den wilden Wurm in den Tann zurück. Am harten Rückgrat des Tieres zersplittert Wolfdietrichs Schwert, und der Drache wirft ihn seinen Jungen zum Fräße vor. Da sie aber den gerüsteten Mann nirgends anzubeißen vermögen, zerren sie ihn hin und her, bis ihm Atem und Besinnung vergeht. Der Held findet in der Höhle Ortnits’Schwert und Rüstung, erlegt die kleinen Unholde und nach hartem Stiauß auch den alten Drachen, schneidet den erschlagenen Lindwürmern die Zungen aus, legt Ortnits Rüstung an, entlarvt durch Vor* zeigen der Wurrazungen einen Grafen, der sich als Retter des Landes ausgibt, und erhält von Ortnits Witwe Hand und Krone. Ein Drache aber ist entronnen, und ihn tötet später Dietrich von Bern. — Die Virginalepen, deren Dichter die siedenden und donnernden Waldbäche der Alpen kennt, sind reich an Drachenkämpfen. Dietrich und Hildebrand werden im Walde von Drachen angefallen. Hildebrand schlägt auf ein Geniste voll wilder Würmer in einem hohlen Berge los, da kommt der alte Drache seinen Kindern zu Hilfe. Aus seinem Munde ertönt die erbärmlich wimmernde Stimme eines Menschen, der um Hilf*, ruft. Auf Hildebrands Angriff läßt der Drache den Mann fallen und greift Hildebrand an, wird aber von ihm getötet. Der wunde Ritter erzählt, daß ihn der Wurm im Walde schlafend gefunden und bis an die Arme verschluckt habe; sein Roß hat die Drachenbrut aufgezehrt. Inzwischen hat auch Dietrich mit einem gewaltigen Drachen gerungen, sein Schwert ist ihm zerbrochen, da stößt er dem Tiere den Schild in den Rachen, der von Hildebrand befreite Ritter reicht ihm eine neue Waffe, und so wird die Jungfrau befreit, die dem Ungetüm ausgeliefert werden soll.

Dietrichs und seiner Gesellen Drachenkämpfe, deren Zahl fast unübersehbar ist, bewegen sich im wilden Lande Tirol, im finstern Walde, darin man den hellen Tag nicht spürt, wo nur enge Pfade durch tiefe Tobel, Täler und Klingen führen, zu hochragenden Burgfesten, deren Grundfels in den Lüften zu hängen scheint; wo der Verirrte ein verlorener Mann ist, der einsam Reitende sich selbst den Tod gibt. Dort, wo ein Bach vom hohen Fels herbricht, da sprengt der grimmige Drache, Schaum vor dem Rachen, fort und fort auf den Gegner los und sucht ihn zu verschlingen; wieder bei „eines Brunnen Flusse“ vor dem Gebirge, das sich hogh in die Lüfte zieht, schießen große Würmer her und trachten, die Helden zu verbrennen; bei der Herankunft eines solchen, der Roß und Mann zu verschlingen droht, wird ein Schall gehört, recht wie ein Donnerschlag, davon das ganze Gebirge ertost. Leicht erkennbar sind diese Ungetüme gleichbedeutend mit den siedenden, donnernden Wasserstürzen selbst.

Das Seyfriedslied weiß, daß Siegfried in seiner Jugend einen Dracben unter einer Linde erschlagen hat und unzählige Lindwürmer, Kröten und Ottern, die in einem wilden Tale hausten. Er trug die Bäume zusammen, die er überall ausriß- warf sie auf die Würmer und verbrannte sie. Das Horn der Drachen begann zu erweichen und floß dahor wie ein Bächlein. Hiermit bestrich er seinen Leib, sodaß er ganz hörnern wurde (N. L. 101), nur zwischen den Schultern nicht, und an dieser Stelle erlitt er später seinen Tod. Zu derselben Zeit herrschte in Worms König Gybich. Als dessen Tochter Kriemhild eines Mittags in einem Fenster stand, kam ein wilder Drache geflogen in den Lüften und raubte die schöne Maid. Die Burg ward erleuchtet, wie wenn sie in Flammen stünde. Das Ungeheuer schwang sich mit der Jungfrau zu dem Gewölk empor und entführte sie in das Gebirge; wenn der Drache atmete, so erzitterte der Stein unter ihm. Eines Tages verirrte sich Siegfried auf den Drachenfels und unternahm mutig den Kampf mit dem wilden Wurme. Der riß ihm mit seineu Krallen den Schild ab und sprühte unaufhörlich Feuer gegen ihn, sodaß der Stein heiß wie glühendes Eisen wurde; große Flammen fuhren aus seinem Halse, blau und rot. Endlich besiegte ihn Siegfried, führte Kriemhild an König Gybichs Hof und vermählte sich mit ihr.

Es ließe sich eine vollständige mythische Tierwelt zusammenstellen, doch es genügt, auf die wichtigsten tierischen Wesen hinzu weisen. Sichere Beispiele einer Verbildlichung der Sonne in Tiergestalt sind das Sounenroß, der Bonnenwidder, der Sonnenhirsch, der goldborstige Eber. Wie der Wind, der Nebel und die Wolke als Pferd aufgefaßt werden, so ist das Roß auch die Personifikation der Wogen fließender Gewässer. Ein schwarzes Pferd oder auch ein Grauschimmel steigt aus einem See in Mecklenburg empor. Ein Bauer spannt es vor die Egge, da stürzt sich das Pferd mit der Egge ins Wasser. Auch aus den Alpenseen kommt der Dämon in Roßgestalt. Neben der Wolke als Kuh werden auch Wasserwellen als Rinder vorgestellt. Die merovingische Stammsage erzählt, daß ein wildes Tier des Neptun, dem Minotaurus ähnlich, die Königin, als sie zum Baden ans Meer ging, aus den Wellen auftauchend überfiel und mit ihr den Meroveus zeugte (D. S. Nr. 419); der Name des stiergestaltigen Vaters der Merovech lautet Chlodio, Chlöjo und bedeutet den .brüllenden“ Stier (ahd. hlöjan). Dieselbe Sagenform, gleichfalls vermischt mit dem Motive vom buhlenden Alp. hat sich an die Langobardenkönigin Theodelinde angescblossen (D. S. Nr. 401; S. 78). In dem Artusromane des Pleiers Garei (13. Jhd.) gibt der Zwergkönig Albewin dem Helden den Rat, das Haupt des erlegten Meerungeheuers in die Wellen zu werfen. Als es auf den Grund gesunken ist, beginnt das Meer zu wüten und zu wallen, und bis zum jüngsten Tage brausen die Wogen an der Stätte, da das Haupt liegt. Noch heute leben ähnliche Sagen in dieser Gegend (Salzburger See). Bei Kufstein am Inn liegt der Tier- oder Schreckensee, in den ein Franziskaner den entsetzlichen Schreckenstier bannte. In einem See im Windachertale ward von Mönchen ein anderes Stierungeheuer hinabgestUrzt, dessen Brüllen aus der Tiefe noch heute Männer von Brixen und Kitzbühel vernehmen.

Der Nebel wird als Wolf aufgefaßt; der Schäfer siebt zu Lichtmeß lieber den Wolf in den Stall kommen als die liebe Sonne; oder als Fuchs; im Niederdeutschen heißt der auf dem Lande liegende Nebel Fuchsbad, und am Rhein darf man nicht eher die Trauben pflücken, als bis der Fuchs sie geleckt hat. Der Nebelwolf zeigt sich an der schroffen Gebirgskante, am wilden Bergsee, springend, ringend, sich sonnend, zieht auch wohl im Kampfe mit der Sonne fieberschauernd durch die Luft oder lagert schnaubend auf dem winterlichen Felde und dringt pustend in den Schafstall ein. Der Nebelfuchs dagegen kauert im tiefen Walde versteckt, schleicht im breiten Dampfe von Bach und Wiese verborgen oder rüstet sich ein Bad, das die ganze Ebeue bedeckt, oder nur das Ufergelände des abgelegenen Waldweihers überflutet. Das Roß des Schimmelreiters, das Sturm und schlecht Wetter ankündigt, ein schneeweißer, rotgetupfter Schimmel mit gelbem Gebiß, ist gleichfalls ein Nebelbild.

Bei einigen Vorstellungen läßt sich uugefähr ihr Alter bestimmen. Die Hauskatze ist z. B. um die Zeit der Völkerwanderung zu uns gekommen, dei Haushahn ist um 500 v. Chr. in Deutschland eingeführt; der Name des Drachen kommt vom lat. draco her, und auch seine Flügelgestalt stammt aus der Fremde, aber er hat die heimischen Bezeichnungen Wurm, Lindwurm nur zum Teil zurückgedrängt. Die Nebelsagen sind Spätlinge der Mythenbildung, während.die Sonnenmythen aus der Urheimat mitgebracht sein können, aber beim Einrücken der Deutschen in ihre heutigen Wohnsitze noch verstanden wurden. Solange der Germane in der uralisch-karpathischen Niederung saß, konnte er keine Nebelsagen erzählen, die auf den Hörnern des Hochgebirges spielen, weil er sie nicht erlebt hatte. Erst als unsere Ahnen ins Bergland einrückend die mannigfachen Gestalten des Nebels kennen lernten, können die Nebelmythen entstanden sein. Aber Sagenzüge aus der idg. Urzeit sind vielfach in sie übergegangen, als dieser Nachschößling der Mythenbildung hervorbrach.

Obwohl bereits die idg. Hauptgötter in menschlicher Gestalt aufgefaßt wurden, ragt doch noch in germanischer Zeit das Tierreich in zahlreichen Resten und Spuren in die Götterwelt hinein. Die Schlange z. B. ist das Symbol der chthoni-schen Mächte, und wenn die Langobarden eine goldene Schlange als göttliches Bild verehren, so kann sie nur ein Zeichen des Gottes sein, dem sie Sieg und Namen verdankten, des Herrn der Unterwelt, der Nacht und des Todes, Wodans. Die Götter können sich wieder in Tiere verwandeln, oder die Tiere erscheinen als im Besitze der Götter befindlich und ihnen dienend. —

Wie für die Weltanschauung der Naturvölker die Grenze zwischen Menschen und Tier verschwimmt, so haben auch die personifizierten Naturmächte noch nicht menschliches Ebenmaß, sondern bleiben hinter ihm zurück, wie die elfischen Geister, oder überragen es weit, wie die Riesen. Die Elbe verkörpern mehr die geheimnisvollen, in der Stille wirkenden Kräfte der Natur, und da Strom und Wald, Ebene und Gebirge von freundlichen oder feindlichen Geistern beseelt sind, sind sie eug mit dem Seelenglauben verknüpft. Die Riesen sind die Vertreter der ungezügelten Naturgewalten, der Elemente, die das Gebild von Menschenhand hassen; sie sind vom Seelenglauben völlig losgelöst. Und wie Riesenkämpfe mit Drachenkämpfen wechseln, so sind auch die Elbe und Riesen nicht immer streng auseinander gehalten: sie sind nur dem Maße, nicht der Art nach verschieden.

Der Riese Sigenot haust mit vielen Zwergen in einem hohlen Berge. Dem König Nibelung dienen zwölf Riesen, dem Laurin fünf, dem Goldemar sehr viele, Walberan zahllose. Dem Riesen Kuperan sind tausend Zwerge untertan und müssen ihm ihr eigenes Land zinsen. Zwerge wachsen zu Riesen an, und Riesen schrumpfen zu Zwergen zusammen. Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war so groß wie ein Daumen und ward gar nicht größer und wuchs in etlichen Jahren nicht ein Haarbreit. Er war von so winziger Gestalt, daß ihn der Vater in die Tasche stecken konnte. Ein Riese aber nahm ihn mit sieb, ließ ihn an seiner Brust saugen, und der Däumling wuchs und ward groß und stark nach Art der Riesen (K. H. M. Nr. 90). Der sanfte wohltätige Wind rührt von einem Zwerge her, der tobende Sturm ist ein Riese.

Bei Sturm und Regen kam ein wandernder Zwerg durch ein Dörflein am Thunersee, ging von Hütte zu Hütte und pochte regentriefend an die Türen der Leute, aber niemand erbarmte sich und wollte ihm öffnen, ja sie höhnten ihn noch dazu. Am Rande des Dorfes wohnten zwei fromme Arme, Mann und Frau, da schlich das Zwerglein müd und matt an seinem Stabe einher, klopfte dreimal bescheidentlich ans Fensterchen, der alte Hirte tat ihm sogleich auf und bot gern und willig dem Gaste das Wenige dar, was sein Haus vermochte. Die alte Frau trug Brot auf, Milch und Käs, ein paar Tropfen Milch schlürfte das Zwerglein und aß Brosamen von Brot und Käse. „Ich bin’s eben nicht gewohnt“, sprach es, „so derbe Kost zu speisen, aber ich dank euch von Herzen und Gott lohn’s; nun ich geruht „habe, will ich meinen Fuß weiter setzen.“ „Ei bewahre“, rief die Frau, „in der Nacht in das Wetter hinaus, nehmt doch mit einem Bettlein vorlieb“. Aber das Zwerglein schüttelte und lächelte: „droben auf der Fluh hab ich allerhand zu schaffen und darf nicht länger aus-bleiben, morgen sollt ihr mein schon gedenken.“ Damit nahm’s Abschied und die Alten legten sich zur Ruhe. Der anbrechende Tag aber weckte sie mit Unwetter und Sturm. Blitze fuhren am roten Himmel, und Ströme Wassers ergossen sich. Da riß oben am Joch der Fluh ein gewaltiger Fels los und rollte zum Dorf hinunter, mitsamt Bäumen, Steinen und Erde. Menschen und Vieh, alles, was Atem hatte im Dorfe, wurde begraben, schon war die Woge gedrungen bis an die Hütte der beiden Alten; zitternd und bebend traten sie vor ihre Türe hinaus. Da sahen sie mitten im Strom ein großes Felsenstück nahen, oben darauf hüpfte lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem mächtigen Fichtenstamm, und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der Hütte ab, daß sie unverletzt stand und die Hausleute außer Gefahr waren. Aber das Zwerglein schwoll immer größer und höher, ward zu einem ungeheueren Riesen und zerfloß in Luft, während jene auf gebogenen Knien beteten und Gott für ihre Errettung dankten (D. 8. Nr. 45).

Der regengebietende Zwergkönig Gibich vermag seine kleine Gestalt hoch zu recken. Ein Schäfer in Schleswig sah einen Mann vor sich aus der Erde aufsteigen, der immer größer und höher wurde, bis er endlich als ein ungeheurer Riese dastand; dann ward er kleiner und-kleiner und verschwand wieder in der Erde. Die Waldgeister sind von riesiger Gestalt oder ein zwerghaftes Völkchen, das zu ungeheurer Größe anwächst.

Alle dieso Wesen zusammen nennen wir Dämonen oder Naturgeister in Menschengestalt. Die Volksdichtung hat sie zu ihren Lieblingen erwählt, das Märchen schildert sie mit innigem Behagen, und seit Wielands Übersetzung von Shakespeares Sommernachtstraum (1764) und Herders Volksliedern (1774) sind sie auch wieder in die deutsche Dichtung eiuge-zogen. Sie sind von der Naturerscheinung getrennt, aus der sie entsprossen sind, die Lust des Volkes am Fabulieren wird nicht müde, diese Gestalten auszuschmücken und ihr Verhältnis zum Menschengeschlechte dichterisch darzustellen, und mit dem Seelen- und Mahrenglauben bildet der Dämonenglaube den eigentlichen Volksglauben, die niedere Mythologie.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung

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