Schlagwort: Kunstbörse

VON PROFESSOR DR. WILLI ERNST BREDT.

Wenn auch möglichst kurz und allgemein gefaßt, möchten doch folgende Warnungen und Ratschläge nicht aufgefaßt werden als Schreibtischerzeugnisse von nur papiernem Wert. Denn Erfahrungen sehr ernster, ja tragischer Natur aus letzter Zeit machen Warnungen notwendig. Wurden doch auf so manch alten wertlosen Besitz, der jetzt ein Retter in der Not werden sollte, zu viele trügerische Hoffnungen gesetzt. Wurde doch andrerseits in dieser ernsten Zeit wohl schon manche außerordentlich wertvolle Bleistiftzeichnung oder Porzellanfigur, für einen Betrag hergegeben, der auf dem Markte der Sachverständigen in wenigen Tagen sich verzehnfachte. Dem einstigen Besitzer kam zu spät Einsicht und Reue.

1. Glaube nicht, daß etwas recht altes, wertvoller als neues sein müsse.

2. Bedenke, daß auch der Kunstmarkt, so wenig wie irgend ein anderer, nicht unveränderliche Werte kennt.

3. Bedenke, daß Kunstwerke, ganz wie andere Gegenstände, umso höher bezahlt werden, je besser ihre Beschaffenheit.

4. Bedenke — beim Lesen unerhörter Preise für ähnliche Werke, wie Du sie noch besitzt —

daß auf dem Kunstmarkt die Preisunterschiede zwischen vorzüglichem Zustand und schlechter Erhaltung ganz außerordentlich große sind. Gut und schlecht, selten und häufig, Erstdruck und Spätdruck stehen oft im Wertverhältnis wie 100 : 1, ja wie 1000 :11!

5. Auch auf der Kunstbörse läuft nur der Kundige der Kurse keine Gefahr. Sachkenntnis allein hilft nicht viel.

6. Wer ohne Nachteil Kunstwerke veräußern, deren Wert nur kennen lernen will, frage bei einem staatlichen oder städtischen Museum an. Museen sind als neutrale Stätten der Kenntnis und des Marktes zu solcher Auskunft befähigt und berufen.

7. Erwarte aber nicht von den Museen zahlenmäßige Taxierung. Das ist nicht ihre Sache. Die zuverlässige Auskunft über Wert oder Unwert, der Nachweis von Preisen, die in letzter Zeit ähnliche oder gleiche Werke erzielt, die Anweisung des besten Weges und Ortes zum Verkauf behütet sicher vor Schaden.

8. Das nächstgelegene Museum allgemeiner oder spezieller Art ist bei Auskünften entfernteren vorzuziehen. Denn bei Kunstwerken genügt Beschreibung fast nie, sehr oft genügt nicht einmal eine Abbildung zur sicheren Beurteilung.

9. Bei gleichem Angebot von Museum oder Privatmann gieb dem Museum den Vorzug, weil dieses größere Sicherheiten bietet gegen Wechselfälle des Handels und vor Verfall.

10. Bedenke, daß in Kunsthandel und Museum wohl der persönliche Affektionswert

untergeht, daß aber die heimischen Museen allein die Kunstwerke schützen vor einer Abwanderung ins Ausland — also Dich und uns alle vor einem kulturellen Verlust. . . e. w. kr. ä

Nur der ernste Mensch kann wahrhaft heiter sein. — Der höchste Stil kommt der Natur am nächsten………………. Marees.

Es gibt keine Wertgrade des Schönen, nur , verschiedene Arten. Nicht der Geschmack, sondern die besonderen Arten des Geschmacks entscheiden im Bereich der Schönen. Die wahre Schönheit geht durch die Augen zu der Seele… Delacroix.



Verzeichnis der Abbildungen:
Fritz Boehle-Bogenschützen
Fritz Boehle-Gerbermühle mit Schiff
Fritz Boehle-Kriegsführsorge
Fritz Boehle-Letzte Zeichnung
Fritz Boehle-Schweinemarkt in Kirchhain
Fritz Boehle-St. Georg
Fritz Boehle-Weidende Pferde

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle

Kunstartikel

VIERTER TEIL
___________________________
EUROPAS WESTEN UND DIE SPÄTRENAISSANCE

DREIUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Im ernsten Rom — Verjagte Götter — Herbstabend in San Silvestro — Isabellas Frühstück — Bolognas politische Salons — Paduas Buchläden — Das glänzende Mailand — Humanismus im Kriegszelt — Die Reisen des spanischen Königs — Leere Blätter im Buch der Geschichte — Die Villa — Zarte Resignation — Arkadien — Ein Patriarch — Architektonische Gärten — Moos aus Wachs — Die Novelle als Gesellschaftsspiel — Am Gardasee — Venedigs Lachen — Der Spiegel — Himmelsgabe, die Schönheit der Frauen — Vom Rat der Zehn — Aus Aretinos Briefen — Kunstbörse — Kinderfeste — Triumph des Lebens.

Stiller und ernster ist Rom geworden, das Rom der geschändeten Kirchen und Bibliotheken. Von seiner Reise erzählt Joachim du Bellay:

La paix et le bon temps ne regnent plus ici, La musique et le bal sont contraints de s’y taire*). Rom hat seine fröhliche Weltlichkeit abgestreift, seine Narren sind zerstoben, die großen Curtisanen geflohen, seine lustigen Künstler haben ihm den Rücken gekehrt nach der Verwüstung des Sacco.

Sie befinden sich sehr wohl in Venedig, Sansovino und Sebastiano del Piombo mögen nicht zurückkehren, Titian läßt sich nicht nach Rom locken, obwohl ihm die einträgliche Stelle des Piombatore angeboten wird, der die Siegel auf die päpstlichen Schriftstücke drückt, Aretino dreht der ewigen Stadt frech eine Nase, Bembo denkt ihrer wehklagend, bleibt aber lieber im Venezianischen in seiner reizenden Villegiatur, in Padua, dem Gelehrtenwinkel oder in Venedig selbst.

Einsam ragend bleibt Michelangelo allein Rom, den Päpsten und seinem römischen Wirken treu. Er hat die merkwürdigsten Päpste überlebt und ihnen allen irgend gedient, im Herzen den schmerzlichen Widerstreit zwischen der Überzeugung des gläubigen Katholiken und der Trauer um die Mißstände, die schon Savonarola gezüchtigt hatte und die nunmehr die Kirche furchtbar erschütterten.

*) Frieden und gute Zeit herrschen hier nicht mehr, Musik und Tanz sind zum Schweigen verurteilt.

Ihm war nicht vergönnt, früh zu sterben, wie dem Götterliebling Rafael. Seiner Titanenkraft mutet das Schicksal zu, die Last des ganzen Jahrhunderts zu tragen, das Cinquecento zu leben und zu überleben. Er überlebt die große Zeit von Florenz und die große Zeit von Rom, er überlebt die Einheit der Kirche und die schönen Heidengötter. Für die Jünger heiterer Mythologie, die außerhalb der Kapelle bauten und malten, war er zu Beginn seines Werkes zu christlich fromm. Als er, halb geblendet von dem ewigen Blick nach oben, endlich heraustrat, war er für die veränderte Zeitströmung zu heidnisch geworden. Er mußte sich gefallen lassen, daß ihn ein Aretin nicht fromm genug fand — so merkwürdigen Umschwung haben die Ansichten über Frömmigkeit erlitten.

Nicht ohne Groll diente Buonarotti einst einem Julius, einem Leo, wie mußte er sich zurücksehnen, als ihm ein neuer Papst die Zumutung stellte, seine beredten Nacktheiten in anständigem Schweigen zu verhüllen. Die rechte Antwort gelang ihm, es sei zu klein, ein Gemälde verbessern zu wollen, der Papst möge doch lieber die Welt verbessern.

Doch jedesmal, wenn die Welt ernstlicher Besserung bedarf, sind die berufenen Verbesserer zunächst darauf erpicht, sich lächerlich zu machen, indem sie einen Hosenmaler ernennen, um die Nacktheiten eines Michelangelo zu bekleiden. Auch scheint ihnen das wichtigste, Nymphen und Amoretten zu verjagen. Eiligst ergreifen die Olympier die Flucht, indes ein Loyola bald den Fuß nach Rom setzt. Die neubeseelten Götter gingen der zarten Seele verlustig. Entzaubert waren sie nichts als Stein und Bronze, nichts als Museumsstücke und die Juno Ludovisi mußte auf Goethe warten, um wieder einen im Sinn der Renaissance Andächtigen zu haben. Die von Mythologie und Verliebtheit vollen Dichtungen werden fromm purgiert und gedeutet, selbst Petrarca entgeht solchem Schicksal nicht.

Mit frommen Grüßen statt mit valete werden die Briefe gezeichnet, Dichtungen travestiert oder mit der Entschuldigung versehen, wenn aus alter Gewohnheit etwas Mythologisches unterschlüpft, es sei nicht bös gemeint, nur eine poetische Lizenz. Niemand versteht mehr Dante, und Michelangelo muß sich ereifern im Kreis seiner jungen Freunde, die ihn liebreich aber doch etwas mitleidig ein altes Väterchen nennen. Vittoria Colonna ist nicht mehr die schöne Marchesa, deren Preis in Neapel die Verehrer besangen, streng und strenger kleidet sie ihre Witwenhaube, ihre Geselligkeit wird ausschließlich geistigen Betrachtungen gewidmet. Dennoch ist in ihrem Herzen wie in jenem ihres großen Freundes jugendliches Feuer nicht erloschen, ihre Liebe, die Liebe zur Schönheit ist, kann nicht altern noch welken. Je weiter sie fürbaß schreiten in den Abend des Lebens hinein, desto milder sind sie umleuchtet und Michelangelos Herbigkeit wird mystisch versüßt.

Wenn die Freundin in Rom weilt, tritt er aus seiner Einsamkeit und nimmt teil an den Zusammenkünften, zu denen sie sich sonntäglich begibt in den Garten des Klosters San Silvestro in Capite — Zusammenkünfte, ähnlich himmlischen Fragen gewidmet wie jene der vornehmen Damen auf dem Aventin aus erster Christenzeit. Zuweilen sind Betrachtungen über die Kunst eingeflochten und es ist einem jüngeren portugiesischen Künstler, Franzisco de Hollanda, vergönnt, daran teilzunehmen. Er zeichnet (im Jahre 1538) seine Erinnerungen auf.

Es ist Herbst, es ist Abend, aber ein Herbst und ein Abend in Rom, noch schwül von kaum vergangener Sonnenglut, so daß man dankbar ist für den kühl hauchenden Klosterhof von San Silvestro, für die Kühle der Efeumauer hinter der Steinbank. Man blickt über Ruinen, aber es sind schöne Ruinen, die Ruinen Roms. In den Herzen der gelassen Sprechenden, wenn man so recht Einblick hätte, welche Ruinenwelt! Allein, es sind schöne Ruinen, denn Vittoria und Michelangelo waren immer bestrebt, Schönes im Herzen zu errichten. Darum können sie so gelassen sein an ihrem Feierabend und sogar heiter einander das Wort geben mit der Anmut der Zeit, die entschwand. Trotz der Frömmigkeit, in die sie versinkt, bleibt in Vittorias Wesen die Tradition der großen Dame lebendig, sie weiß mit leiser Schelmerei zu scherzen, wie man in Urbino getan, und das Gespräch nach Wunsch zu lenken. Sie hat dem Portugiesen versprochen, da er so aufmerksam theologischen Erörterungen gelauscht, ihn zum Lohn ein Gespräch des größten Meisters über Malerei vernehmen zu lassen und versteht Michelangelo unmerklich in solches Gespräch zu führen.

Die zarte Seligkeit des Zusammenseins mit verstehenden Seelen hat endlich am späten Abend des Lebens den so lang Einsamen und Ungeselligen gewonnen und endlich genießt er, sich in kleinem Kreis von dankbar Zuhörenden mitzuteilen. Vittoria gibt das Beispiel sinnigen Heiterseins und Hollanda berichtet nicht ohne Ergriffenheit, daß auch der gewaltige Meister leise lachte — in San Silvestros Klostergarten. Ein fernes Echo des Lachens, das in Urbino getönt. — Elisabetta von Urbino ist tot’, ihre Schwägerin, die verwitwete Isabclla d’Este, versammelt noch um die Mitte des 16. Jahrhunderts Schöngeister um sich und gibt Beispiel genußreicher Villeggiatura in Diporto und La Cavriana, ihren entzückenden Lustsitzen. Diporto heißt etwa Monplaisir, denn man hat das Wort diportarsi erfunden für den Inbegriff frohen Zusammenseins auf dem Lande, dem nunmehr die Spätrenaissance zustrebt. Bandello bedient sich des Wortes oft, wenn er die amenissimi giardini beschreibt, wo geplaudert und fabuliert wird.

Nach einem Frühstück bei Isabella erzählt Bandello die rührende Geschichte der Pia di Tolomei und entlockt ihr und ihren damigelle Tränen. Die Fräulein sind aber nicht nur empfindsam, sie sind gefährlich kokett, denn als sich Isabella mit ihnen nach Bologna begab, bei Gelegenheit der Versöhnung zwischen Papst und Kaiser [der ihren Sohn Federigo zum Herzog ernannte und ihm das Marquisat Montferat verlieh für seine Parteinahme im Streit] — mußte Isabella bald aufbrechen, weil die schönen Damen ihres Gefolges zu große Eroberungen machten. Ihretwegen entstand unter den Cavalieren eine Art Duellepidemie und die Verhandlungen traten in den Hintergrund.

Ein ernster politischer Salon hatte sich in Bologna gebildet unter Herrschaft der Dichterin Veronica Gam-bara, Gräfin von Correggio. Einer ihrer Brüder war in kaiserlichen und einer in französischen Diensten, sie war also wohl geeignet und wünschte vermittelnd einzutreten. A Bologna la casa di Veronica Gambara era un Academia ove ogni giorni si riducevano a dis-corre di nuove questioni con lei il Bembo, il Capello, il Molza, il Mauro e quanto piü famosi di tutta YEuropa seguivano quelle corte. In Bologna war das Haus der Veronica Gambara ein Sammelpunkt, wo sich täglich, um die neuesten Fragen mit ihr zu besprechen Bembo, Capello, Molza, Mauro und viele Berühmtheiten von ganz Europa trafen, die den Hof begleiteten. Unter anderen Fragen, die bei der schöngeistigen Dame besprochen wurden, trat Romolo Aurasco hervor mit der Idee, lateinisch als Weltsprache für das soeben erbaute Weltreich anzuempfehlen, andererseits trat Bembo ein zugunsten eines Konzils, das die Gesetze der lingua toscana bestimmen sollte. Von politischen Fragen zog er sich als Literaturpapst gern zurück und pflegte am liebsten seinen gewählten Humanismus in seiner Villa oder in Padua, wo sein studio mit mancher aus Rom geretteter Antike geschmückt, einen Wallfahrtsort für Gebildete aller Nationen bot*).

*) Era la casa del Bembo come un pubblicho e mondissimo tsmpio,  consecrato a Minerva. (Varchi.) Und ein anderer Pilger dieses Tempels, Amomo, berichtet: tutti i segnalati gentiluomini anda-vano per visiiarlo, e per corre il frutto delle parole, die della sua saggia bocca quasi oerle cadevanco.

Unter dem Schutz San Marcos, der sich von Sankt Peter gar nichts sagen ließ, entfaltete sich in Padua reichstes und freiestes geistiges Leben, Labung für alle geistig Durstenden Europas und eine originelle Gelehrtengeselligkeit. Sie spielte in den Buchläden, ähnlich wie in Venedig bei Aldus, später bei Paul Manu-tius, oder im Freien auf breiten Bänken vor der Farmacia San Angelo oder anderen Apotheken — die Apotheker waren auch Zuckerbäcker —, wo Professoren und Studenten zwanglos Unterhaltung zusammenpflegten. (Fuori delle farmacie stavano delle panche su cui sedevano i gravi professori e si tratte-nevano con dotte e piacevole conversazioni).

Auf diesen Bänken nahm der junge Tasso Platz als Student und der junge Galileo, der hübsch zur Laute zu singen verstand. Auch öffneten sich den Studenten die studii, Museen und Bibliotheken gastfreier Gelehrter und Amateurs, zuerst jenes Bembos, später das Haus des großen Plauderkünstlers und Liebhabers der Wissenschaften Pinelli, zu dessen Gästen Giusto Lipsio zählte, Tommaso Seggati, Fra Paolo Sarpi, Perrot, den man un angelo nei costumi, un demonio nelle mathematiche nennt und es werden ausgesucht feine Symposien gefeiert.

Perrot verfaßte einen kühn satirischen Katechismus gegen die spanische Übermacht. Dies alles erlaubte die Schutzherrschaft Venedigs. Kecke Kontroversen und Satiren wurden gepflegt in den Akademien, die einander an Geist und Witz zu überbieten trachteten, etwa die academia degli Infiammati, degli Eterei, dei Rinascenti, degli Stabili, dei Ricoverati. Nachbarlich gesellige Beziehungen bestanden zwischen der vornehmen Gesellschaft Paduas und Veronas, Vicenzas und Mailands, spielten auch nach Genua hinüber, klangen aus in Lautenspiel am Gardasee und Comersee, wo Paolo Giovio eine märchenhafte Villa besaß.

Wie Prinzessinnen als Bräute zu jener Zeit öfters ziemlich gleichgültig harrten, welchem ihrer Freier das Waffenglück ihre Hand erteilte und nur von Fest zu Fest lebten, so scheint das vielumstrittene Mailand seinem Schicksal gegenüber recht gleichgültig. Eis galt für die reichste Stadt Italiens und hatte von seinen großartigen Herzogen her üppige Lebensgewohnheiten beibehalten. Milano e oggidi la piii opulente e abbondante cittä d’Italia e quella ove piii s’attarda che la tavola sia grassa e ben fornita. (Mailand ist heute die reichste und üppigste Stadt Italiens und jene, wo man sich am ernstesten bemüht, daß der Tisch alle denkbare Fülle aufweise). Die Stadt beherbergt eine große Zahl äußerst reicher Edelleute, die sich, wenn sie im Reich Neapel lebten, hoher Titel rühmen würden, allein die Mailänder halten mehr auf Sein als auf Schein. Glänzend ist der Reit- und Fahrsport ausgebildet und dient zum eleganten Liebesspiel. Man sieht den ganzen Tag die jungen Edelleute paradieren auf herrlich gezäumten Maultieren oder auf kostbaren türkischen und arabischen Pferden, bald auf feurigem, bald auf mildem zierlichem Roß, schmuckvoll angetan und gleich Bienen die Blumen umschzoärmend. Blumen sind die geschmückten Damen, die langsam in vergoldeten Wagen fahren vierspännig und so zur Schau gerichtet, als gälte es kaiserlichem Triumph.

Es gibt schöngeistige Salons in Mailand und zwar wetteifern an eleganter Geselligkeit bürgerliche Kreise mit bekannten adeligen Familien, zum Beispiel, der Advokat Benedetto Tonso und ein Signor Attellani, dessen Gastfreundschaft Bandello rühmt.

Attellani lädt zu einer cena luculliana mit Liebhabervorstellung, die Prinzessin Bianca d’Este und Signora Camilla Scarampa, die der Dichter als neue Sappho preist, gehören zu seinen Gästen. Sich schöngeistig zu unterhalten ist so sehr Herzensbedürfnis und Mode in Bandellos großem Kreis, daß Herrn und Damen stets dazu bereit sind in eleganten Bädern wie in ihrem zur Geselligkeit feingestimmten Palazzo, ja selbst im Zelt, in Kriegszeit findet der reiselustige Prälat die gewohnten geistreich pointierten Gespräche, zierlich aufgetragenes Mahl und Vortrag von Versen.

Zusammen mit Bernardo Tasso genießt er solche Gastlichkeit bei Claudio Rangone (col mangiare mischiando soavi e dolci ragionamenti) und ebenso in der Nähe von Vicenza bei Rinuccio Farnese. Dort aß man zu Abend so schön angerichtet und mit so gewählten Speisen, als befände man sich nicht bei einer Armee im Felde. Nach Tisch griff Farnese zu Petrarcas göttlichen Reimen. Es entspinnt sich ein entsprechendes Plaudern und man erhebt sich hoch über die Rauheit des Kriegslebens. So nahmen sich die Italiener vor, wie immer die Würfel im politischen Spiel fallen mochten, mit ihrer feinen und mächtigen Geistigkeit dem Gegner überlegen zu bleiben.

Nach 56 Kriegsjahren zwischen Spanien und Frankreich entschied sich das Schicksal des allzuschönen Kampfpreises Italien. Umsonst stritt Paul IV. Caraffa, der letzte kriegerisch tätige Papst. Dem allgemeinen Gravitieren zum Absolutismus folgend, verlangte das Konzil von Trient, indes bei einigen Kardinalen harmlos getanzt wurde, auch für den heiligen Stuhl den Absolutismus. Im kirchlichen Sinn drang manche dahinzielende Forderung durch, im alten weltlichen Sinn ging die Herrschaft verloren, obwohl Paul das Feldgeschrei Julius II. fuori i barbaril als letzter Patriot ertönen ließ und sich mit letzter Kraft gegen Spaniens Übermacht sträubte. Er unterlag. Nach dem Frieden von Cambrai (1559) empfingen die Lombardei, Neapel, Sizilien und Sardinien spanische Vizekönige. Die Medici befestigten ihre Herrschaft in Florenz und begannen ein patriarchalisch barockes Regiment, das eine freundliche Nachblüte in Kunst und Wissenschaft klug beschirmte. Befangen von angenehmer Zerstreuung kränkte man sich in Mailand nicht übermäßig als der langjährige Freier um Mailands Schönheit, der Franzose sich zurückziehen mußte und Spanien in Philipps finsterer Person triumphierte. Neugierig empfing man den neuen Weltmonarchen auf seiner Antrittsreise, und er hatte sogar anfangs einen gewissen Erfolg.

Pathos und Komik eines so heterogenen Weltreichs — Philipp mußte sich gegen seine eigene Natur bemühen, dem Geschmack in der Geselligkeit der verschiedensten Völker gerecht zu werden. In Mailand bemüßigt er sich zu tanzen und zu reiten — die graziöse spanische fantasia — in Deutschland und den Niederlanden mitzutrinken, was ihm, dem Nüchternen so unendlich zuwidergeht, daß er von da ab für Deutsche und Niederländer Widerwillen hegt. In England muß er nicht nur manch biderbe Gepflogenheit mitmachen, er muß sich von der nicht mehr jungen, unschönen Königin Maria lieben lassen, die leidenschaftlich für ihn entbrannt, ihm zu Gefallen die blutige Maria wird —. Inzwischen weiß man in Italien klug dem Taumel der im Namen der Religion verübten Greuel zu entgehen, die Inquisition bleibt unbeliebt und ergattert nur einige, allerdings berühmte Opfer, wie einen Giordano Bruno, einen Tomaso Campanella. Florenz hatte mit Savona-rola seine leidenschaftlich mystische Zeit überwunden und, lange im Grund gelegen, gingen wertvolle Körner aus seiner Frührenaissance auf. Eine Geselligkeit von feinem Reiz entstand, vorzüglich in musikalischen Salons, zart wurde den Damen gehuldigt, Montaigne wunderte sich, daß bei Tafel die Großherzogin den Vorrang hatte.

Staunend betrachtete er die soziale Harmonie, die Italiens Spätrenaissance als schöner Trost gegönnt war für seine politische Ohnmacht. Nicht mehr tönte das wüste Kampfgeschrei des popolo minuto gegen den popolo grasso, allgemeiner Wohlstand herrschte in weiser Abstufung, von einem Stand zum anderen Wohlwollen und Höflichkeit. Dem tanzenden Volk sind die Gärten Boboli und die Säle des Palazzo Pitti geöffnet, die nobili mischen sich zwanglos in die Lustbarkeit.

Ebenso in den eleganten Bädern, wo ländliche Bevölkerung und vornehme Badegäste einander die Tänze absehen und die beste Tänzerin zierlichen Preis erhält. Bildung ist selbst der Frau aus dem Volk nicht unvertraut, eine Bäuerin aus Lucca wird als imDrovisa-trice gefeiert und kommt bei festlichem Mahl neben den Philosophen Montaigne zu sitzen. Allen Ernstes hat sich die italienische Welt, von ihren Dichtern im Reigenschritt geführt, nach Arkadien begeben. Spätere Historiker waren damit unzufrieden. Wie Hegel behauptete, daß Zeiten des Glücks leere Blätter der Geschichte seien, wurden sie nur gefesselt von den Blättern des Weltbuchs, die von kriegerischem Ruhm berichten, und übersahen, daß sie auf Kosten des kleinen Mannes ihre roten Majuskeln schrieben. Als leere Blätter galten die Seiten der italienischen Geschichte, sobald Kriegslärm auf den Fluren verstummte und es ließ den Historiker gleichgültig, daß gerade, als Italien kein politisches Übergewicht mehr beanspruchen durfte, unter politisch ungünstigen und äußerlich wenig schmeichelhaften Verhältnissen ein Glück im Winkel blühte, das einzigartig genannt werden kann, denn es entstand aus einer nie dagewesenen Harmonie zwischen Vornehm und Gering.

Man ist zusammen vergnügt, obwohl anmutig Distanz gewahrt wird. Die Kriegerkaste büßt an Wichtigkeit ein. Wenn sich die jungen Edelleute nicht damit begnügen, Sportzielen zuzustreben, wie etwa in Florenz, wo das Volk eifrig für die bei ihm besonders beliebten Familien auf Wettrennen und ähnlichem Partei nimmt, sind sie darauf angewiesen, fremden Kriegsdienst zu suchen. Zu diesem Zweck entwindet sich Graf Col-laltino von Treviso den Armen seiner Schäferin Ana-silla — Gaspara Stampa — trotz der reizenden Sonette, die ihn fesseln möchten, und pflegt Kriegsspiel unter Heinrich III. von Frankreich. Die meisten großen Herrn suchen und finden jedoch Befriedigung in vornehmem Dilettantismus, ein Marc Antonio Barbaro wird Schüler Alessandro Vittorias und schmückt, teilweise mit eigener Hand, die majestätische Villa in Maser, die Palladio baut und Veronese mit Fresken ziert.

Dankbare Ehrfurcht ist nötig den unschätzbaren Gaben gegenüber, mit denen die italienische Renaissance verschwenderisch Europa beglückt hat, wiewohl sich nicht leugnen läßt, daß der politische Sturz nicht nur von außen kam und manche Verfallserscheinung zu beobachten ist. Im Cinquecento war Italien den übrigen Ländern unendlich überlegen, es strotzte, es barst von Genie, Talent, glänzender Begabung jeder Art. Eine gewisse Uberhebung begleitete diese Vollreife. Und wie zu ironischer Strafe für den Überschwang nationalen Selbstgefühls wird es Italiens Verhängnis, auf allen Gebieten sich selbst zu parodieren.

Hinter dem großen Künstler, den Lionardo einst so wundervoll nipote di dio genannt, steht sein Affe, der behende Virtuose. Schon ist er bereit, Michelangelos Titanenringen in Akrobatenkunststücke zu verkehren, und Raffaels stille Andacht in süßlich widerliche Ekstase. Hinter dem genialen Staatsmann lauert der kleinlich gemeine Ränkeschmied, dem edlen Humanisten, dem majestätischen Priester des Schönen, sieht grinsend der feile Literat über die Schulter. Soeben hat Vasari die Gotik als überladen und unaufrichtig im Material gegeißelt, die Ruhe und Harmonie der Form, die Gerechtigkeit dem Materiale gegenüber gerühmt, die Italiens Renaissancebauten, auf die Antike gestützt, offenbaren, und schon schleicht sich neue Überladung ein, schlimmer als jene des gotischen Verfalls; alles Material ist durcheinandergejagt, ein Verschröpfen, Ver-zopfen, Verschnörkeln bringt gequälte Unruhe. Hinter dem religiösen Reformator steht der geistige Aben-teuerer, der mit allem Spott treibt oder alles ausnützt zu seinem Vorteil.

Statt vollendeter cortegiani bevölkern laut manch erhobener Klage Intriganten niedriger Art die fürstlichen Höfe. Der edle platonische Liebhaber, den die Dame zu Taten des Geistes oder Schwertes angefeuert, verkehrt sich langsam in die parodistische Figur des Czc/s-beo, eines Nichtstuers, zwischen Hausfreund, Lakai und Narren gelegen. Seine Narretei wird so anerkannt, daß ihn Verliebtheit offiziell entschuldigt, er könne keine Briefe schreiben oder Geschäfte erledigen. Lächerlich lispelnd erträgt er die Launen der launischen Modedame. Also traurig scheint sich alles Köstliche zu verwandeln, und italienische wie fremde Schriftsteller sehen nur Niedergang. Trotz mancher Verkehrtheit und Abgeschmacktheit spendete aber Italien in der Zeit, die seiner klassischen Blüte folgte, noch unendlich Wertvolles. Eine überraschende Lösung sozialer Fragen,

Schmelz eines Schäferglücks, das seine Bevölkerung in vollen Zügen genoß, und dem es jene anmutige Bildung verdankt, die bis zur Gegenwart einfache Italiener auszeichnet, zeitigte die Spätrenaissance in fühlbarem Gegensatz zu einstigen verbissenen Kämpfen von Stadt zu Stadt, von Straße zu Straße, von Kastell zu Kastell. Statt drohender Festen erheben sich überall Villen, heiter und gastlich, die villa suburbana — der Landsitz vor der Stadt, dessen Garten der vornehme Besitzer demjenigen gerne öffnet, der die Wonne des Spazierenfahrens, Gehens undSpazierenstehens genießen mag — die ersten öffentlichen Anlagen — und die Villa auf dem Lande, das Villenreich, ähnlich dem Klosterreich des Mittelalters mit einer ihm ergebenen Bevölkerung von Bauern und Handwerkern bis zum Künstler hinauf, zur Einheit und Einigkeit erzogen durch den väterlich waltenden Besitzer.

Ein Beispiel gastlicher Villa suburbana gab Papst Julius III. mit seiner villa di Papa Giulio vor der Porta del Popolo in Rom, deren Reste noch bestehen. Erhalten ist die Hausordnung dieses Gartens, in launischem Latein den Besuchern ein gesittet dankbares Benehmen anempfehlend mit dem Rat am Ende, nach genossenem Spaziergang in der nächsten Kirche für das Gedeihen des schönen Gartens zu beten sowie für den Besitzer, der ihn zur Freude unbekannter wie bekannter Freunde öffnet und seiner Pflege bedacht ist. Michelangelo, der sich in seiner Jugend um Festungswerke bemühte, hat als Greis Zeichnungen für die friedliche Gastlichkeit dieser Villa geliefert.

Vor ihrem endgültigen Versinken schenkt also die großmütige Renaissance noch ein Kostbares und Einzigartiges an Lebenskunst. Sie schafft, der Antike und namentlich dem Plinius nachempfunden, die italienische Villa, den mächtig stilvollen Lustsitz des vornehmen Mannes mit dem Begriff des villeggiare als Quintessenz erlesener Geselligkeit.

Der italienischen Renaissancevilla verglichen, ist, was die Neuzeit Villa zu nennen sich gewöhnt hat, zum Häusergesindel gehörig, ein unmotiviertes Bauwerk unmotivierter Menschen, eine laute Impertinenz der Natur gegenüber. Eine solche Villa kann, wie Ruskin sagt, durch ihre Gemeinheit eine Dynastie von edlen Bergen stürzen. Die majestätisch herrschende Villa der Renaissance krönt, erhöht und adelt die Landschaft, spielt mit den Motiven der Natur ein erhaben promethei-sches Spiel. Im Augenblick, da Italien, von Fremdherrschaft überrannt, manch nationalen Traum zurückstellen mußte, besiegte dank der Kunst noch einmal der Geist den Stoff und trotz allem schuf sich Heimliebe eine schöne Heimat.

Mit schlauem Bedacht schafft sie eine Reihe kleiner Paradiese, denen jene Fremden nicht viel anhaben können, ja deren Überlegenheit an Geschmack und Glück sie staunend angaffen und nachzumachen suchen. Noch immer kräuselt der vornehme Italiener ein wenig verächtlich mit sprezzatura, unnachahmlich eleganter Überlegenheit die Lippen. Er hat entdeckt, daß Heimfähigkeit zu wahrer Adelsfähigkeit gehört, daß ein finster derbes Hausen oder leichtsinniges Hinundher-ziehen sich mit wahrem Adel nimmermehr verträgt;

ein Besitz, der weithin durch seine Schönheit und seinen Reichtum beglückend strahlt, wirkt veredelnd, drückt dem Adel Vollendung aut und sollte dessen eigentliche Berechtigung und Notwendigkeit darstellen. Denn nur der Vornehme kann die Vornehmheit der Villa erschaffen und erhalten.

Ein villeggiare, ein festlich frohes Dasein in ihrer Herrlichkeit wäre nicht denkbar, wenn rundumher Unzufriedenheit oder Elend herrschte. Die Villa gebietet einem frohfleißigen Völkchen in weitestem Umkreis, mählich geht der Gartenbau in Landbau über, den arkadische Zufriedenheit erfüllt, der Hirtenstab ist mit Bändern des Frohsinns umwunden, das Jahr üppig gekränzt mit Festen, die Herrschaft, Dienerschaft und Bauernschaft in heller Fröhlichkeit vereinigt zu Tänzen und Spielen, das Feuerwerk erfreut allesamt und auch das Feuerwerk von Witz und Geist, das fortwährend abgebrannt wird. Reimt die Herrschaft, so reimt auch die Dienerschaft, so rufen die Burschen und ihre ländlichen Schönen sich scherzend Ritornelle zu, mancher Improvisator, manche Improvisatrice kommt aus ihren Reihen hervor. Freude an ihrer schönen Sprache wird den Italienern aller Stände ebenso natürlich wie Freude an der Musik, wie Freude an jenem edlen Wetteifer der Kunst mit der Natur in Bau und Gartenbildung. Der Triumph der weithin herrschenden Villa wird als eine Genugtuung des Menschentums beglückend empfunden vom Höchsten bis zum Bescheidensten, der sich als zugehörig betrachtet.

Sieg der Freude und der Schönheit löst in der Glanzzeit italienischer Villen praktisch mit Lächeln die soziale Frage, mit lässiger Anmut sieht man ab von jeder nüchternen Theorie und begnügt sich damit, glücklich möglichst viel Glückliche zu machen.

Zu der spielend erhaschten Lösung mancher Gegensätze in Italiens kleinen Paradiesen gehört freilich einige Opferwilligkeit und starkes Stilgefühl des großen Herren und der großen Dame. Sie dürfen nie aus der Rolle fallen, nicht etwa, wenn sie Landaufenthalt nehmen, villegiatura, der Einsamkeit frönen oder verbauern. Castiglione hatte ausdrücklich davor gewarnt.

Die arkadisch heitere Bevölkerung will und braucht die Majestät, den Pomp, die unaufhörliche glänzende Geselligkeit der Herrschaft wie ein Märchen, auf das sie ein Recht hat. Jedes Vernachlässigen herrschaftlichen Auftretens ist gleichbedeutend mit Pflichtverletzung. Landleben heißt nicht Zurückgezogenheit, nicht ein eigenes Hantieren im ländlichen Geschäft, sondern geistiges Beherrschen, Anordnen, Regieren, Dichten der arkadisch geschaffenen, großzügigen Landschaft und das Genießen der Grotten und Hecken und Wasserkünste und Götterhaine mit würdigen Freunden.

Kein wilder Sport, ein peripathetisches Wandeln leise Philosophierender unter Platanen und Steineidien, gemessene Seufzer und Sonette, Tanz unter dem Laubengang, zu dem der Dudelsack nicht verschmäht wird, ein sinniges Überschauen gesegneter Gefilde, wo glückliche Menschen wohnen und mit Heiterkeit grüßen und segnen — das sind die Wonnen der Villegiatura. Indes der unglückliche Mönch Campanella im Kerker ein pedantisch geregeltes Utopien träumte, den Sonnenstaat, der im Leben, wie alle utopischen Gebilde, eine Art Zuchthaus darstellen würde, hat ein anderer Neapolitaner, Sannazaro, ein wirklich vorhandenes kleines Paradies besungen, seine Villa Mergellina. Er starb aus Gram, als die Villa der Kriegsfurie zum Opfer fiel. Ihr Wüten hatte wieder einmal den kostbaren Tropfen einer Quintessenz langsam gewonnener Lebensweisheit verschüttet.

Denn Villen wie die arkadische Mergellina des Pastoralendichters waren nicht unfruchtbarer Selbstsucht geweiht, sondern gastfreundlich mitteilsam, in weitestem Kreis segenspendend. Was Theoretiker aus rechnenden Fingern zu saugen gewillt sind, erreichten sie längst praktisch: ein irdisches Paradies, ein Tal des Glücks. Freilich mit Dreingabe gewisser Eitelkeiten, Strebereien, patriotischer Aufgeblasenheit. Schon Pandolfini, der Panegyriker der Villa aus dem Quatrocento betonte*), daß im Villenreich der Parteihader und gewissenlose Ehrgeiz vergessen wird, man beschäftigt sich mit patriotischen Wirklichkeiten, mit Erzeugung von Öl, Wein und feiner Wolle, statt mit patriotischem Schall und Rauch unsittlicher Eroberungsgelüste. Nella villa nulla puö dispiacere tutto vi si ragiona con dilettoy du tutti siamo volentieri uditi e compiaciuti. (In der Villa kann nichts Peinliches auftreten, man unterhält sich über alles mit Genuß, von allen sind wir gern liebreich gehört und aufgenommen.) Begeistert ruft  der Moralist: ln der Villa ist Glückseligkeit: Vita beata starsi alla villal felicitä non conosciutal Pandolfinis ländliche Gastfreundschaft wird von Leo Battista Alberti und anderen Freunden als sprichwörtlich glückselig bezeichnet. Freilich hatte der Florentiner Biedermann, Zeitgenosse eines Cosimo, noch recht bescheidenen Landsitz, der Turm des Hauses diente als Taubenschlag, sowie um die Landschaft bei Sonnenuntergang zu bewundern und die einfache Loggia zum Hängen und Trocknen der Früchte wie zu frugal lieblicher Mahlzeit.

*) Im Trattato del Govtrno della famiglia.

Die später gegründeten Villen sind reiche Prunkbauten, die Nutzbauten und Nutzgärten beginnen erst im Umkreis der weitläufigen Anlagen, die zu Lust und Zier gereichen. Allein auch diese Nutzgärten und Bauten sind von entzückender Anmut und alles zusammen bildet ein eigenartiges Reich, harmonisch in jedem Ausmaß, stilvoll in jeder Äußerung, in Freundschaft mit freundlichster Natur und freundlichen Menschen. Durch seine Beschränkung wie durch seinen Luxus gewinnt das Villenreich genau, was Goethe als erreichbar bezeichnet: das Glück für möglich viele. Glück für alle ist ein religiöses Ideal, das im Herzen leben und Gott anheimgestellt werden muß. Denn alle sind ja gar nicht glücksfähig, noch würdig. Zum Glück müssen wir erzogen und behutsam gewöhnt werden, sonst halten wir es gar nicht aus. Eine derartige Erziehung und Gewöhnung fand in jenen Villen statt durch eine Geselligkeit, die stets den Reigen erneuerte und keine Hand los ließ, bis der Rhythmus alles mit seiner Liebe hielt und bewegte.

Hier wurde Arbeit zum Spiel und Spiel zur Arbeit, Tugend zu Genuß und Genuß zur Tugend in lieblicher Wechselwirkung und aus Arbeit und Spiel, Genuß und Tugend blühten ungezwungen die Künste. Wie alles patriarchalisch Vornehme mit erlesener Lebensart Verbundene wurde das Wesen dieses Arkadiens durchaus mißverstanden oder gar nicht erblickt und gewertet. Italienische Patrioten waren ihm eher gram, da es eine gewisse Resignation der Fremdherrschaft gegenüber ausdrückte, sie verkannten den geistreichen Trotz gegen dieselbe, der vielfach darin liegen mochte. Freilich hatten die Villenreiche nichts politisch kampfbereites, was konventionell zur Nationalehre notwendig scheint, allein barbarisch streitbare Reiche hat es genug gegeben im Laufe der Geschichte und sie sind äußerst monoton in ihrer Geste.

Einzigartig ist die vollendete Beglückung, die platonischsozial auf friedlichem Weg in den italienischen Villen erlebt wurde. Sie bildeten im aufgeregten Meer der Zeit gleichsam einen Archipel von Inseln der Seligen, blumenduftend und voll unschuldig holder Spiele. Hier versuchte keiner das Glück nach dem Rezept eines Magisters utopisch zwangsweise einzulöffeln, sondern denjenigen, die sich als glücksfähig und würdig erwiesen, war es auf der Kunstprunkschüssel geboten als Aufbau von Früchten, nach denen der Weise mit Anstand und Mäßigkeit langte. Besonders deutlich erhellt die soziale Beglückungskunst der Villa aus den treuherzigen Aufzeichnungen des Alvise Cornaro, eines Venezianer Edelmanns, der ein Patriarchenalter erreichte und seinen Zeitgenossen

mäßige Lebensgewohnheiten und frohe Tätigkeit empfahl, um ein ebenso glückliches Alter zu genießen. Fast hundertjährig erfreute er sich an der von ihm gegründeten Villa inmitten einer Schar von Enkeln, gefeiert und gesegnet von seiner ländlichen Bevölkerung; die durch Entwässerung, welche Cornaro vorgenommen, und durch seine mannigfache Mühe in Garten- und Landbau ein überaus fruchtbares und gesundheitszuträgliches Ländchen bewohnte. Cornaro schildert, wie er selbst noch Musik treibt und sich an den Schalmeien und Flöten seines Arkadien belustigt. Staunenswert ist, daß jene patriarchalischen Villenreiche, jene zartesten sozialen Gebilde, die eigentlich auf nichts beruhten als auf Geschmack, Takt, Liebenswürdigkeit, den Gesetzen ästhetischen Gleichgewichts — sich durchaus nicht als kurzlebig erwiesen. Trotz der größten Fährlichkeiten erhielten sie sich in Glanz und großem Stil etwa ein Jahrhundert lang, in abnehmender Linie ein Inselchen nach dem andern unterspült und in das wilde Meer von politischer Bosheit, Gemeinheit und Torheit versinkend — noch bis knapp an die Neuzeit. Unwahrscheinlich lang fristeten sich Spuren ihres Märchenglücks im schönen Verhältnis gegenseitiger Schätzung, freundlichen Verkehrs und gern geteilten festlichen Vergnügens zwischen den Signori und ihren Untergebenen bis tief in das sozial verhängnisvolle 19. Jahrhundert. Ja, es erhielten sich einige vornehme Gärten, in denen Renaissanceschöngeister gewandelt, poetisch verwildert, die Quellen langsam weinend statt perlend zu lachen und die Moose und Flechten wie plumpe Sittenrichter eifrig bemüht die einst triumphierende Nacktheit der Göttergesellschaft zu kleiden und verkleiden.

Als Nachhall der großmütigen Gastfreundschaft der Vorfahren gestatteten neuzeitiche Besitzer tagweise den Fremden Eintritt. Die Villa Doria in Rom hielt noch lange eine alte Tradition aufrecht, wonach keine häßlichen, gewöhnlichen Gefährte die Villa verunzieren durften, sie öffnete sich nur dem herrschaftlichen Wagen und einem festlich anständig gekleideten Publikum — letzter leiser Nachhall des Schicklichkeitsgefühls gegenüber dem Schönen und vornehm Vollendeten fürstlicher Anlage, die mit entsprechender Verehrung und Zeremonie betreten und befahren werden sollte. In den Tagen großen Stils war dies Schicklichkeitsgefühl von Kind und Jugend auf allen Schichten als selbstverständlich eingeprägt, daß ein Bedürfnis nach Zierlichkeit in Manier und Gewand und naiver Kunstübung in allen ländlichen Kreisen Platz griff, die mit vornehmen Villen in Berührung kamen, und die pasto-ralen Träume der Dichter in Erfüllung traten.

Die Spätrenaissance genoß die von der älteren Generation angelegten Gärten und Bauten, vollendete und schuf neu, mit der neuen Empfindsamkeit, die bewußt Stimmung schaffen will und auf elegische Wirkung als ästhetisches Reizmittel sieht. Sie ging deshalb gern ein Bündnis ein mit römischen Altertümern und Ruinen. Das Einladende der Architektur sollte Zufälligkeit, zuweilen Grillenhaftigkeit erlauben, jedenfalls blieb die Formenwelt der Pflanzen der architektonischen Formenwelt untertan, denn le cose die si murano, debbono essere guida e superiori a quelle, che si piantano.

Der Antike nachempfunden, baut man mit Vorliebe Grotten und ziert sie mit Muscheln, Korallen, Marmorfragmenten und wo unter dem tropfenden Rinnsal die Grotte nicht schnell genug vermoost, bestellt der ungeduldige Besitzer von seinen Künstlern Moos aus grünem Wadis. Bezeichnend für die Spätrenaissance baut Sanmichele die Villa Soranza bei Pesaro, Alessi den Paradiso bei Genua, es entstehen die Villa Castello, Pratolino, la Rotonda bei Vicenza, Venedigs gefeierte Gärten, der Benacus spiegelt die herrlichsten Anlagen, Francesco Priulis Villa in Noale ist von klaren Gewässern umleuchtet; in seiner Gallerie, Apollon geweiht, versammelt er die gelehrten Mitglieder der Academia Pellegrina aus Venedig zu feinsten Genüssen der Tafel und des Geistes. Der Palast setzt sich fort im Lustgarten der Villa und dessen Zierlichkeit mündet in Obsthain, Gemüsepracht, in Olivenwald und Anger, würdig trautester Schäferei. Steineichen wölben sich wie ein Dom voll Kühle über den Häuptern der Damen, die sich unbeschadet der zarten Gesichtsfarbe, die durchaus nicht bäuerlich braun und verwittert sein durfte, plaudernd anmutig darunter ergehen auch an heißestem Sommertag. Und die schöngeschwungenen Marmorbänke kennen manches flüsternde Paar, das Bembos Asolani zitiert oder Petrarcas Sonette. Die zierlichen Steingötter lächeln ob manchen platonischen Kusses, der allzulang und süß die Lippen der Schwärmenden zum Schweigen bringt.

Auf die Wonne des Schlenderns, Rühens und Plauderns, des lässigen Violazupfens in geschützter Kühle ist alles gestimmt und berechnet, besonders jene Säle zu ebener Erde mit Marmorboden und Grotten, wo leise, leise Tropfen auf Tropfen über Muschelschmuck perlt. Säle über Säle, grüne Mauern über grüne Mauern trennen vom profanum vulgus, man genießt den heute so spurlos verklungenen Luxus, unendlich viel Platz, unendlich viel Zeit zu haben den langen, langen Sommer lang. Mit einer Geste vornehmer Verschwendung tun sich weite Terrassen auf, flach ansteigende Prunktreppen, in endloser Perspektive eine Flucht geräumiger Gelasse ohne Gedränge von Menschen und Gerät, nur Wände, Decken, Türen und Fenster in reichem Schmuck, hie und da ein bedeutender Marmor, der Kunstaltar eines figürlich behandelten Prunktisches und Kamins. Jeder Einzelne und jedes Einzelne kommt zu voller Geltung in also vollendetem Raum, stehend, wandelnd oder anmutig in einem Sessel ruhend, in einem jener Sessel, die schöne Bilder geben, wenn man sich darin niedergelassen.

In solchen Saal oder in den wohlgeflegten immergrünen Hainen gedieh das Reimspiel, geriet die Novelle. Uber tausend lyrische Dichter hat Tiraboschi zur Renaissancezeit gezählt. Ebensogut hätte er die Nachtigallen jener Zaubergärten zählen können oder vielmehr die Zikaden, deren süß monotoner Singsang den italienischen Sommer erfüllt. Die unzähligen Liebesreime, die von allen Lippen fließen, wollen nicht mehr sagen und bedeuten als jener Zikadengesang. Es handelt sich nicht um besondere Ansichten und Leidenschaften oder Behauptungen, es handelt sich bei diesem Reimen, das endlos mit Petrarcas Worten spielt, nur um Sommerglück und das ist eintönig und zart wehmütig wie jedes schöne Glück. Wie Signori und signore, reimen ihre famigliari, ihre Pagen und dienenden Frauen, ja selbst ihre Stallburschen und Pastetenbäcker. Hirte und Hirtin der glücklichen Villa sind auf dem Dudelsack nicht minder eifrig wie ihre Herrschaft auf Laute oder Geige und genießen den Schatten ihrer Reben und Oliven wie die Herrschaft ihre Rosenlauben und Ilexhaine.

Nicht umsonst ist Arkadien Mode, man braucht in Italien kaum zu stilisieren, Schäfer ui.d Schäferinnen, Nymphen und wohl auch übermütige Faune sind am Platz. Pastoralen und Sonette wollen gar keine erschütternden Kunstformen sein, sie sind dem Leben abgelauschte zarte Stimmungen einer frohen Sommergeselligkeit, Gastgeschenke, Huldigungen für Hausherrn und Hausfrau, verlängerte Komplimente, gestreute Rosen, hingewehte Grüße. So von ungefähr im Rahmen des Gesellschaftsspiels gedeiht eine Kunstgattung, die als Rosenwildling für das edelste Pfropfreis zu dienen bestimmt war, die Renaissancenovelle Italiens, der Shakespeare die Motive seiner herrlichsten Dichtungen entlehnt. Sie ist meist von der Liebe und für Liebende erdacht. Die vollroten Lippen der eleganten Kavaliere, ihre schönen dunklen Augen, wie wissen sie Schmachtendes und Glühendes auszudrücken, sie sind ja meist, wie Bandello meint, fieramente innamorati. Von Liebes-wünschen zittert die Luft. Nicht umsonst haben sich die Damen so wunderbar geschmückt, etwa eineViolante Borromeo, eine Camilla Gonzaga, eine Cecilia Gallerana, Contessa Bergamino, eine Ippolita Visconti. Bandello gibt ihnen gern den Titel ero’ina, was wohl soviel als Liebesherrin bedeutet, denn die Dämonen, die dem Planeten Venus dienen heißen heroes.

Zartgepflegte Schultern entsteigen bedeutender Spitze, vielsagender Brokat nimmt das goldene Spiel der Haare wieder auf. Schlanke Finger mit Ringen, die gleich Zauberringen gefaßt sind, schließen sich um den Elfenbeinstil des Fächers, der rund aus Straußenfedern gearbeitet, in der Mitte ein Spiegelchen hält, den Schönen erlaubt, ihre Schöne schnell mit liebkosendem Blick zu streifen. Welch äußerstes Auskosten gesättigter Freude, wenn die Paare mit Petrarcas Versen im Munde dahinwandeln am Ufer des Gardasees in Fregosos herrlichem Garten, wenn sie die Pifferari kommen lassen und zu ihren ländlichen Weisen einen angeblich ländlichen, in Wirklichkeit höchst stilisierten Tanz unter den duftenden Laubgängen ausführen. Die Damen versinken zu tiefen Komplimenten in die tiefen Falten des Kleides, die Herren lassen ihre Kunst sehen bei graziösem Pirouet-tieren, vielleicht sogar in keckem Luftsprung, wie große Tanzmeister bei den Figuren der Galliarde raten oder gebieten.

Erfrischungen werden aufgetragen, vornehm, lautlos und behende, was Bandello besonders preist, wie auch die Kunst von Fregosos wackerem Koch. Lebhaft lobend umringen ihn die Gäste, als er das Mahl besonders poetisch rüstet mit einem Aufwand von Fischen, die höchste Augenweide bieten. Zum Nachtisch gehörte es sich, wie zu Boccaccios Zeiten, und in bewußter Anlehnung an den verehrten Dichter, zu fabulieren. Eine spannende Geschichte er

zählen ist ein Gastgeschenk, das geschätzt wird. Dieselbe zierlich aufsetzen ist Bandellos Fall. Seine Widmung, die jede einzelne Novelle an Freund oder Freundin begleitet, ist Dank für Gastfreundschaft, nichts anderes als der Niederschlag graziöser Erzählungskunst, wie sie in gebildetem Kreis vorzüglich zu Ehren vornehmer Herrinnen gepflegt wurde, novellare hieß erzählen, wie Lautenschlagen und Sonettedrechseln gehörte es zur Bildung. Erfindungsgabe wurde nicht beansprucht, sondern nur anmutig eingekleideter Bericht, der für wahr gelten konnte — so hatten einst die Sänger langatmiger Rittergedichte kühn behauptet, wie sie sagten und sangen, hätten sich die Dinge wirklich zugetragen. Langatmige Epen waren zwar noch beliebt, doch machten ihnen schon kurzgefaßte Geschichtchen den Rang streitig, die oft einen leise prickelnden Beigeschmack von Skandal hatten, wenn sie in näherem Umkreis spielten. Weitläufige Autoren wie Bandello waren fortwährend auf Reisen und sammelten bei dieser Gelegenheit aller-wärts fleißig Geschichten, um goldklare, süße Novellen daraus zu destillieren für Loggia oder Lustgarten eines Sommersitzes.

Betrachtung oft ernster Art wird an jede Novelle geknüpft, man stimmt überein in der Ansicht, daß Liebe ein mystisches Erziehungsmittel sei und daß ihre Wirkung Niedriges adle, Wildes zähme und daß die Tugend platonischer Strenge den Frauen am höchsten angerechnet werde, wiewohl man gern den Schalk spielt und alles nicht Platonische deutlich mit genießender Schelmerei vorträgt.

Durchaus verurteilt wird gesprächsweise die in mancher Novelle auftretende Grausamkeit der Sippe, die unliebsame Ehen und Liebschaften mit dem Tode bestraft. Oft war die Ursache nicht nur gekränkter Adelsstolz, sondern Gier nach Gütern. Dies schien der Fall in der traurigen Geschichte der verwitweten Herzogin von Amalfi, einer Prinzessin von Aragon, deren Brüder sie grausam verfolgten, als sie ihren schönen Hofmarschall heiratete und mit seinem Mord endete diese Liebesheirat. Eine Zeitlang war der verfolgte junge Gatte gastfreundlich in Mailand aufgenommen, und mitleidige Zuhörerschaft sammelte sich um ihn, wenn er geschickt mit Lautenbegleitung die Geschichte seines Liebesleids in improvisierten Versen vortrug.

Im Kreis des Arztes und Dichters Fracastoro wurde zuerst die Geschichte von Romeo und Julia erzählt. Ein andermal war man mehr schelmisch als sentimental aufgelegt und verulkte den etwas feierlich gewordenen Bembo. Ein Maler, für seine Schnurren bekannt, kostümiert und schminkt sich, um einen alten ländlichen Onkel Bembos zu spielen, der höchst lächerlich in eine subtil gelehrte Konversation hineinplatzt und den hinwegzukomplimentieren durchaus nicht gelingen will. Unter Künstlern tobt sich die beffa, der Renaissanceübermut noch einmal aus mit einer Art elementarer Kraft. In Venedig ist die Künstlerwelt die eigentlich herrschende und sie wagt sogar dem Rat der Zehn mit Witzen zu begegnen. Anerkannt ist ihre Selbständigkeit, und die schönste Stadt der Welt ist während ihrer schönsten Zeit der Künstler unbestrittenes Reich.

Venedig kann nicht anders als lachen, wie seine zarten Wellen nicht anders als hüpfen können. Es ist das Lachen selbst. Ehe er die Venezianer im Lachen stört, scheint der Tod zu halten, an ihrer Schwelle stützt er sich wie zur Rast auf die Sense und hat mehr Geduld wie anderswo. Die Venezianer beweisen, wie hygienisch ihr freudvolles Dasein ist, indem sie sehr alt werden. Sie leben ebenso gern als lang, fast hundertjährig freut sich Tizian noch der schönen Welt, wie ein Alvise Cornaro.

Man wünscht keine Veränderung des Zustands, nur eine Verlängerung in himmlischen Sphären, denn Venedigs Schlaraffenland ist nicht so grob und schwerfällig, wie jenes von Roms Hochrenaissance. Es verklärt und hebt sich zu viel zarterem, ja fast zu einem himmlischen Märchen, wie der Anblick Venedigs ein himmlisches Jerusalem auf die Erde zaubert. Sind seine Wasserstraßen im Abendschein nicht gepflastert mit Perlen wie jene des himmlischen Jerusalem, seine Paläste wie dessen fromm geträumte Bauten leuchtend gleich Beryll und Amethyst, Opal und Karfunkel? Sind es nicht Engelchöre, die da singen und spielen, Engelsangesichter, milchweiß mit goldblonden Locken, die da grüßen? Täuschend wird der Himmel auf Erden gemalt. Vielhundertjährige Tradition allgemeiner Wohlhabenheit und Zufriedenheit ermöglicht diesen in der Geschichte Europas vollkommensten und erhabensten Glückrausch. Seine Grundbedingung war, daß lange Wohlfahrt den Venezianer nicht übermütig hochfahrend, sondern gutmütig gemacht hat, ihn mit lässiger Grazie begabte, die selig zu spielen wußte, wie es nur in seligen Gefilden holder Brauch. Armut, Sorge, Unzufriedenheit, Mißgunst waren fast unbekannt. Friedsam, tüchtig und froh, wie der Landarbeiter auf dem Festland, schaffte der Handwerker in Venedigs Industrie. Gondolier und Schiffsarbeiter sind auf ihre Art ebenso vergnügt wie der Nobile, schmuckvoll ist ihr Haus, poetisch ihr Dasein von Fest zu Fest. Der liebenswürdige Taumel, den Venedig im 18. Jahrhundert erlebte, war nur Nachklang einer gewaltigen Symphonie des Sinnenzaubers in Venedigs Cinquecento. War es Heidentum, das also beglückte, so war es ein naiv frommes Heidentum, nicht unheimlich teuflisch raunt die Lust dir zu, sie ist aufrichtig und stolz, wie Venus, die Göttin voll Feierlichkeit und Majestät.

Sie spiegelt sich unendlich in allen Farben und Formen, wie Venedig selbst, schöne bunte Negerknaben knien vor ihr mit Körben von Granatäpfeln, mit Gefäßen vollÄWeihrauch, — Vinegia, wie die Mundart Venedig liebreizend nennt, die schöne Stadt schafft, wertet und bevorzugt den Glasspiegel, der Spiegel gehört zu ihrer Schönheit und eigentümlichen Lebensphilosophie.

Wie sichern Venedig alles schillernd spiegelt und darum aus der Wirklichkeit erlöst wird in den Traum, soll auch der Festsaal und das traute Gelaß des Palastes erlöst sein aus der Wirklichkeit und in lauter Märchen münden. Daher Spiegel und abermals Spiegel an der Wand von Purpurdamast und Sammet, Spiegel in wunderherrlichen Rahmen, vielgestaltig allüberall, Spiegel, die jeder Schönen künden, sie sei die Schönste, Spiegel, die Verräter spielen und Gelegenheitsmacher. Das ist Venedigs Emblem und die Devise, die alles in den Traum erlöst. Wirklichkeit ist spiegelbesessen, bezaubert, so wahr und so unwahr wie Spiegelgefecht und das Spiegelgemach der großen Curtisane nimmt alle Märdien zu Hilfe, um dich zu wiegen, sie ist Dichterin, Scheherazade, Priesterin, und was sie an Geschenken empfängt, ist gleichsam poetische Opfergabe am Altar der cythe-räischen Venus.

Ihre lieben Töchter nennt die Republik nostre bene-merite cortegiane, denn sie hätten sich um Venedig verdient gemacht und ruft sie zurück, als Moralisten sie vertrieben, denn wie die zarteste unter ihnen, Ve-ronica Franco singt:

Data e dal ciel la feminin bellezza Perch’ella sia felicitate in terra Di qualunque uom conosce gentilezza.

Ein Himmelsgeschenk ist die Schönheit der Frauen, jeden zur Seligkeit zu berufen, der Edelsinn besitzt Veronicas Salon ist ein feiner Musetfhof, zierlich empfiehlt sie ihren jungen Freunden, dem platonischen Ideal und den buone lettere treu zu sein.

Flüsternd nur wird der Regierung Venedigs gedacht, man nennt den Rat der Zehn, der keinen Störenfried und Hetzer duldet, respektvoll, zuversichtlich und ein wenig bang quei in alto. Der Doge ist nur maitre de plqisir für Dekoration und glänzende Empfänge von Fürstlichkeiten, wie bei jenem denkwürdigen Heinrichs III., wo Venedigs Galatafel alles und jedes aus Zuckerwerk bot, und der traumhaft großartigen Feier der Schlacht von Lepanto. Während der Türkenkriege wurde es Brauch, politische und Handelsnachrichten an bestimmten Plätzen mündlich, dann schriftlich zu bringen; man kaufte die Nachricht um ein Geldstückchen, das gazzetta hieß. Daher bekam die Zeitung ursprünglich den Namen gazzetta (gazette).

Der Rat der Zehn ist der Absolutismus Venedigs, denn am Anfang des 16. Jahrhunderts hat sich alles einem solchen als dem sichersten politischen Zustand einmütig untergeordnet. Doch nimmt er Venedigs Lokalfarbe an. Die Zehn sind gewiegte, klug vorsichtige Männer, das Geheimnis, in dem sie sich verhüllen — möglicherweise nicht ohne Augurenlächeln — ist eine überhöhende Fopperei. Damit drohen sie erfolgreich, wie man übermütigen Kindern mit dem schwarzen Mann droht.

Öffentliche Exekutionen, die Sensationslust und Blutgier der Menge reizen und außerdem Kritik und Gegenschlag herausfordern, sind mehr und mehr verpönt. Man spart viel Blut und Unruhe mit dem stilvollen Geheimnis. Im Vergleich zu dem übrigen Europa mit seinen Scheiterhaufen, Blutbädern und Körben voll geköpfter Häupter ist Venedigs Geheimjustiz äußerst mild. Auf der Seufzerbrücke seufzt es manchmal ein wenig — nächtlicherweile — die Welle teilt und schließt sich wieder — man geht über zu Tagesordnung, zu Tageslachen. Wunderbar, so selbstsicher ist Venedigs Regierung, daß sie den Vater der Presse, Aretino, nicht scheut, ihn, vor dessen Zunge ein Kaiser und manche Könige und Fürsten zittern und dessen Nachsicht sie mit manchem Tribut an goldenen Ketten und Gewändern erkaufen. Für Venedig ist er ein gehorsamer Sohn, nie hat er ein Wort der Kritik, nur Worte der Rührung und poetischen Ekstase, wenn er vom

Fenster oder Altan des Palazzo Bollani auf den Canal grande blickt und die große Verschwendung an Silber und Gold, Rubinen und Demant bewundert, die das Abendrot auf die schwelgende Stadt ergießt. Sang und Klang und Bechern ist unablässig in seinen Sälen, der Gastherr preist unermüdlich, mit aufrichtiger Liebe und Geschäftssinn zugleich der kosmopolitischen Gästeschar Venedigs Schätze: Seht diese Pfirsiche, Speroni, der Dichter hat sie mir soeben gespendet. Wäre nicht ein solcher Pfirsich eher als ein schnöder Apfel würdig, als Schönheitspreis von Paris einer Göttin geboten zu werden? Und ist nicht unsere Freundin Zafferina hier seiner wert?… Soeben malt mein Freund Tizian, der Meister aller Meister von Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit, an einem Venusbild, das ihren Reizen abgelauscht ist. Solch ein Werk solltet Ihr euch bestellen. Ist es zu teuer, so nehmt doch ein kleines Andenken an das allerherrlichste Venedig mit, vielwerte fremde Herren, Prälaten und Potentaten. Etwa diese Medaille von Leone Leoni — eine ähnliche vollendet er soeben für seine Heiligkeit, für Cäsar eine andere. Ich trenne ein Stück Traube für Euch ab, sie ist zu groß, nicht wahr, kaum trügen sie die Männer aus Canaan, wies in der Bibel steht. Ihr bewundert die Schere, die mir dazu dient? Seht, ein Triumphzug ist darauf golden eingelassen. Ähnliche herrliche Arbeit zeigt jener Degenknauf. Ja. gewiß, Ihr könnt ihn erwerben. Doch mein gelehrter Freund hier wird das neueste Werk, das bei Manutius erschienen ist, vorziehen, mit Einband nach einer Idee von mir versehen in Purpur und Gold… Dank für Zutrunk, Ihr da drüben ! Was sagt ihr zu dem Pokal aus Murano? Giovanni d Udine hat die Nymphen darauf nach meiner Angabe gezeichnet. Ist er nicht göttlich? Und göttlich dieses Kartenspiel mit sonderlichen Figuren, ein hoch zu preisendes Geschenk, das ich soeben erhalten. Doch ich liebe Euch so sehr, daß ich willens bin, es Euch abzutreten, wenn Ihr mir die Zeichnung Michelangelos verschaffen wollt, nach der ich schon lange fahnde. Der Mann läßt gar nicht mit sich reden… Wer jene zwei lieblichen Nymphen sind? — Meine Töchterlein, „die mir Gott und die Natur geschenkt“. Sie heißen Adria und Austria, da ich hoffe, daß für eine unsere teure Republik, für die andere unser teuerer Cäsar [der Kaiser] die Mitgift auf-bringt in Anerkennung meiner unvergleichlichen Verdienste:*).

Aretinos göttlich unverschämtes Selbstlob und unermüdliches Lob der Künstler, die sich ihm anvertraut, war die wirksamste Reklame, wie seine Geselligkeit zwanglos die großartigste Kunstbörse der Zeit darstellt. Er vertrat nicht nur die Interessen seiner Gevattern com-pari, Sansovino und Titian, die mit ihm das Triumvirat herrschender Kunst gebildet, sondern auch jene einer Reihe hervorragender Kleinkünstler und Kunstgewerbler. Sie boten ihm Geschenke zum Lohn für die Publizität, die er ihren Erzeugnissen gab. Mit entsprechender kunstkritischer Ekstase verschenkte er diese Geschenke an Gönner und Gönnerinnen in der großen Welt und erwartete dafür entsprechende Gegengeschenke von der gewöhnlichen goldenen Ehrenkette, ja selbst von einem Geschenk, aus Wildpret und Früchten bestehend, an  bis zur Höhe einer Mitgift für seine natürlichen Tochter Adria und Austria.

*) Aus verschiedenen Briefstellen Aretinos zusammengestellt.

In diesem Kreis würde man magere asketische Fratzen nicht als Kunst ansprechen. Der Venezianer nennt Kunst seliges Genießen, da seliges Genießen als Kunst gilt.

Er schlendert mit Freunden und Fremden in der mer-ceria, am Rialto, wo ein Giorgione, Pordenone, ein Lorenzo Lotto, Rocco, Marconi, Bonifacio, Bordone Bassano, Tintoretto ihre Meisterwerke ausstellen. Ein Palma malt, den Honig seltenster Pfirsiche noch auf den Lippen, den Pfirsichpflaum seiner Violante, die triumphierend, hocherhobenen Armes ihre Prunkschüssel voll herrlichster Früchte bietet, sonnensüß wie sie selbst im Kreis festlich Versammelter.

Der freudige Stolz der Renaissancegeselligkeit, die sich traut, himmlische Gäste einzuladen, daß sie sich freuen mögen an dem von ihnen gestifteten Glück, spricht sich endgültig aus im seligen Pomp der Hochzeit von Kana — wie sie Veronese malte — an der Jesus teilnimmt und wohlwollend lächelt ob der Scherze, die man treibt an der Prunktafel Venezianer Nobili und Künstler.

So wurde bei Tizian, so wurde bei Sansovino, so wurde bei den reichen Patriziern gefestet, im Aug die Herrlichkeit der Lagune, im Ohr die Süßigkeit der Liebes-weisen, die aus allen Gondeln klangen. Kinderlieb, wie je ein Italiener, soll Aretino reizende Kinderfeste gegeben und sich innig gefreut haben am Schmausen und Plaudern der allerliebsten Bambini, Vorbildern für Pinsel und Meißel all seiner großen Freunde, deren kraft- und glückstrotzende putti noch heute lächeln in Farbe und Stein, mit Tänzen und Spielen, die nie ausgetanzt und nie ausgespielt. Das Volkstümliche des Totentanzes im Norden beweist, wie di« gotische Todesmode nördlich der Alpen noch herrschte, indes der Süden diese Mode als veraltet von sich geworfen.

Italiens Renaissance hat viele trionfi gefeiert und all diese Trionfi bedeuten im Grund nichts anderes als den großen Triumph des Lebens, das trotz allem Recht behält.

Ihre heroische Lebenslust offenbart sich symbolisch im putto, dem nackten Kind, halb Liebesgott, halb Engelchen, halb verwöhnter Liebling, der mit seinen artigen und unartigen Spielen den Renaissancetriumph umspielt, umtanzt, umkränzt, seine lebenstrotzenden Gliederchen fest allem irdisch Schönen und Reichen verbunden, eine rührende und kecke Bejahung des Lebens und schnippische Erwiderung auf die Drohungen des Knochenmanns, eine lachende Versicherung:

Das Leben ist Mode!

Am lachendsten, am verwegensten und längsten versicherte es Venedig. Von der Melodie des irdischen Lebens gedenkt man sacht in die Melodie des himmlischen überzugehen, ja Venedigs irdische Lust ist so mächtig, als gehöre sie dazu, die Seligkeiten höchster Himmel vollends zu vollenden. (Calmo.) Certo la melodia del vivere e un bei che: ella e si fatta che aggiunge quasi al piacere, che si gusta in celi ce-larum.–

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWÖLFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHZEHNTER ABSCHNITT
Abschnitt 18 wurde beim Numerieren versehentlich übersprungen. (Original Bucheintragung S. XIII)
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWANZIGSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – EINUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEIUNDZWANZIGSTER ABSCHNITT

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt