Schlagwort: La Maniera Magnifica

Was muß dieser Mensch gedacht, gesehen und empfunden haben, welche Meere von Wonnen müssen ihn berauscht, welche Erscheinungen überirdischer Art ihm geleuchtet haben, wenn das, was wir in seihen Bildern sehen, nur ein schwacher Reflex seines Innern war! Darüber hat er oft geklagt, und es stimmte ihn traurig wie alles Irdische, dessen Gebrechlichkeit er erkannte. Er, der das Unaussprechliche mit Posaunen ertönen ließ, der die Dämmerung über den tiefsten Dingen unserer Seele lichtete, der alle Natur, alle Geistesgeschichte durchdrang, für den es, scheint es, keine Grenzen gab, sagte einmal seufzend zu Maxime Du Camp, er sei doch nur ein Ixion1. Er sehe wohl das Schöne, betrachte es, gestalte es in seinem Hirn zu sichtbarer Vollkommenheit, und wenn er es auf die Leinwand bringen wolle, entgleite es ihm und lasse ihm nur eine Wolke. Ist vielleicht diese Differenz, die, wenn wir sie in den Werken anderer bemerken, tödlich werden kann, die bei ihm wie ein unfaßbares Gnadengeschenk wirkt, ist sie etwa die mystische Kraft, die seine Bilder mit Fruchtkeimen schwängert und jedem Strich seiner Hand das Göttliche gibt? Ist sie es, was uns sagen läßt, er war mehr als Maler, mehr als Künstler, war ein Universum? Danken wir es etwa jenem Unendlichen, neben dem ihm sein Werk schwach und vergänglich erschien, daß die Geschichte seiner Entwicklung über sein irdisches Dasein hinausgeht?

Weit über seinen Tod hinaus wirken die Kräfte, die er einen Augenblick bannte. Kein Meister Frankreichs hat so großen Einfluß gehabt. Alle bedeutenden Künstler Frankreichs, die nach ihm kamen, Courbet und Manet, und mehr als alle anderen die beiden Maler, die wie Leuchten in die Zukunft weisen, Renoir und Cezanne, hat er befruchtet. Bei uns gab er Marees in einem entscheidenden Moment die Richtung. Auf seiner Koloristik beruht eine ganze Schule. Seine «Hygiene» ist den Neo-Impressionisten zur Doktrin geworden.

Doch kann man ebensogut sagen: Kein Meister hat so geringen Einfluß gehabt. Wie Michelangelo, Rembrandt und Rubens turmhoch über den nahen und fernen Nachfolgern stehen, wie uns das, was andere in ihrem Geiste brachten oder zu bringen versuchten, so groß es, am Zeitgenössischen gemessen, sein mag, winzig erscheint: so gering dünkt uns das Ergebnis der Schule Delacroix neben dem Löwengriff des einzigen. Sein Einfluß war nicht so verderblich wie der seiner erhabenen Vorbilder. Er gab den Epigonen keine leichte Ware. Die Schwachen schreckten vor ihm zurück. Aber so hoch wir unsere großen Zeitgenossen stellen mögen, die wenigen, die von ihm zu nehmen wußten: der Geist, der ihnen in aller Herrlichkeit vorschwebte, entglitt ihnen und ließ ihnen nur eine Wolke.

1 Souvenirs litteraires. Les uns et les autres. Ateliers de peintres. (Revue des deux Mondes, 15. Juli 1882, wiederholt in den 1883 bei Hachette, Paris, erschienenen « Souvenirs ».)

Unsere Kunst steht und fällt mit Delacroix. Wie von der Musik gelten könnte, sie sei verloren, sobald ihr jede lebendige Verbindung mit Bach und Mozart abhanden komme, so kann man, und vielleicht mit noch größerem Recht, das Schicksal der Kunst von dem Grade ihrer Beziehung zu Delacroix abhängig machen. Natürlich meine ich nicht die besonderen Formen Delacroix, noch weniger seine Motive, sondern den Geist und die Gesittung des Meisters, seine Ansprüche, seinen Ausgleich zwischen Persönlichkeit und der Übereinkunft, zwischen dem Romantiker und dem Klassiker. Die Welt hat eine Personifikation seines Verhältnisses zur Kunst nicht zum zweitenmal erlebt. Er war der große Erbauer in einer stürzenden Zeit, der einzige Allumfasser, den die Kunst unserer Zeit einem Goethe zur Seite zu stellen hat. Schon die nächsten Nachfolger haben den Umfang jenes Verhältnisses reduziert. Sie konnten nicht anders, waren nicht mehr naiv genug, die Zeit mit anderen Dingen, als denen, die sie vor Augen hatten, zu überwinden, aber überwanden sie, haben Großes geschaffen, und in ihren Bildern, die neben denen Delacroix wie Fragmente erscheinen, spricht immer noch vernehmlich sein Idealismus, seine Einsicht, seine Umsicht. Was wurde aus seiner Disziplin? Ich meine nicht die seines Lebens, sondern die seiner Kunst. Vielleicht kann man die eine nicht von der andern trennen, und daran mag es liegen, daß heute kein Künstler mehr auch nur einen Begriff von den Ansprüchen besitzt, die Delacroix an die gemalte Fläche stellte. Schon der Schritt von ihm zu den Impressionisten, die auftraten als er starb, deren Führer noch bei ihm war und nachher von «eisigen Doktrinen» sprach, bedeutet für die Disziplin Delacroix’ den Verlust einer Welthälfte. Die Impressionisten vereinfachten Delacroix so wie der Gärtner einen Baum vereinfacht, dessen Äste er bis zum Stamme köpft. Renoir besann sich, als er dem Greisenalter nahe war. Unter den Nachfolgern des Impressionismus hat die Reduktion der Disziplin Delacroix reißende Fortschritte gemacht, und heute sind nur noch Reste übrig, die der eine oder andere, fern vom Strom der Menge, zaghaft bewahrt. Das Gefühl von der Notwendigkeit, die Verbindung mit den Werten zu erhalten, die Delacroix noch einmal zu sammeln vermochte, ist so gut wie verschwunden.

Es ist kaum übertrieben, zu sagen: unsere Kultur steht und fällt mit Delacroix. Nicht mit seiner Malerei; vielleicht lernt eine Zeit, ohne große Maler zu leben. Das Gewicht der künstlerischen Tätigkeit, so groß es sein mag, und es umfaßt das bedeutendste Oeuvre seit Rubens und Rembrandt, kann man von Delacroix abziehen, ohne die Bedeutung der Persönlichkeit zu vernichten. Das Vorbildliche des Menschen ist unvergänglich, muß uns unvergänglich sein, wollen wir den Grad von Kultur, mit dem sein Dasein seine ganze Epoche auszeichnet, behalten. Vorbildlich für jeden, sei er Künstler oder nicht, ist sein Weltbild, die Art, wie er sich mit der Welt abfand, wie er sie verstand, welche Pflichten er daraus für sein Dasein gewann, wie er lebte. Er widerstand den Illusionen des Romantikers, jener dem Enthusiasten naheliegenden Vermengung des Scheins mit dem Sein, und seine Skepsis war Weisheit. Er sah das Leben, erkannte es, und nie krümmte die Erfahrung die stolze Linie seines Idealismus. Umgeben von den hervorragendsten Geistern seiner Zeit, engverbunden mit einem gesellschaftlichen Getriebe, das uns heute wie ein nie endender Festtag erscheint, erkannte er das Gebrechliche aller gesellschaftlichen Realitäten und wandte sich an die höheren des Geistes. Seine Klugheit ließ ihn Menschen und Dinge, die seiner Sache dienen konnten, brauchen. Er lächelte, wenn es gelang, und lächelte, wenn sein bescheidener Anspruch unerfüllt blieb. Seine Skepsis war milde. Man hat das Gefühl, es hätte ihm von Menschen nichts Böses zugefügt werden können, weil er sein Inneres unverletzbar hielt. Er war der gesellige Einsame. Eine zur Schau getragene Zurückgezogenheit wäre ihm formlos erschienen.

1 Er stellte sich fünfmal vergeblich zur Wahl, das erstemal 1837, zweimal im Jahre 1838, dann wieder erst 1849, dann 1856. Man zog ihm die Langlois, Couder, Schnetz und Cogniet vor. Erst seine Kandidatur im Januar 1857, sechs Jahre vor seinem Tode, hatte Erfolg.

Er sah in der würdigen sozialen Repräsentation seiner Persönlichkeit eine Notwendigkeit. Die Biographen haben für die Hartnäckigkeit, mit der er darauf bestand, in die Akademie zu gelangen, Entschuldigungen gesucht1. Uns dünkt der Eitle bescheiden, und wir erkennen in der vermeintlichen Schwäche sein Gefühl für Pflichten. « II y a plus de fatuite que de veritable estime de soi-meme a rester dans sa tente »; schrieb er darüber anDutilleux1. Doch blieb sein Inneres auch denen unnahbar, die ihm mehr als Tischgenossen bei der wechselnden Mahlzeit waren. Was er den anderen unmerkbar vorenthielt, gab er seinen Gedanken hin. Er war der Meister göttlicher Fiktionen. Leuchtender noch als seine Bilder, baute er seine Einsamkeit aus. Nicht die Minister, nicht die Herzoge und Prinzen, die seinen Verstand schätzten, nicht die schönen und geistvollen Frauen, die sein Anstand ergötzte, noch die Tuilerien, noch die leuchtenden Säle der vornehmen Welt, wo es still wurde, wenn er sprach, noch die Akademie, die, solange er ihr Mitglied war, zu einer Pairskammer wurde, noch das Rathaus, wo er nicht verschmähte, als pflichttreuer Bürgerrat zu wirken, vernahmen sein Inneres; sondern sein Atelier, wo er sann und träumte, wenn kein Besucher ihn störte, die stille Wohnung der Rue Furstenberg mit der langen Treppe, die ohne Biegung hinaufführt, die man mit ähnlichen Empfindungen betritt wie Goethes Haus in Weimar2. Da schwelgte er, nicht ohne Anstand — er war einer der Menschen, die man nie überrascht hätte —, aber hingegeben, mit einer Leidenschaft, die sicher war, sich nicht umsonst zu verschenken, der das Ziel, an das sie sich richtete, alle Last hinwegnahm. Da trieb er seine geheime Maniera magnifica. Die Wände dehnten sich, das Dunkel wurde leuchtend; es war, als ließe sein brennender Blick vielfältige Gestalten zu feurigen Umrissen werden, leuchtender, als er je sie gemalt. Musik ertönte, erhabene und liebliche Weisen. In langem Zuge schritten hohe mit Lorbeer geschmückte Gestalten und grüßten ihn.

1 Lettres S. 274. Daß es ihm übrigens nicht lediglich auf den Titel ankam, beweist der Brief an Perignon, in dem er sich bitter beklagt, nicht zum Professor an der ficole des Beaux-Arts ernannt worden zu sein.

2 Da man schon lange dort einen Straßendurchbruch machen will, habe ich das Haus nebst dem im Garten gelegenen Atelier photographieren lassen. (Siehe die Abbildungen im Anhang.) Hier ist Delacroix am 13. August 1863 gestorben. Er bezog die Wohnung Ende Dezember 1857. Von 1845—57 wohnte er Rue Notre Dame de Lorette Nr. 54. Das Atelier in diesem Hause ist in einem Holzschnitt abgebildet, der in der «Illustration)) vom 25. September 1S52 erschienen ist und den Robaut in seinem Katalog (S. LI Nr. 29) verkleinert wiedergegeben hat. Von 1829—45 wohnte er Quai Voltaire Nr. 15; vorher hatte er sein Atelier Rue St. Dominique-St. Germain Nr. 36, und eines seiner ersten Ateliers, das er nach Piron gegen 1820 bezog, lag in der Rue de Varenne (damals Rue de la Planche).

Neben ihm saß über einer Handarbeit seine treue Pflegerin, die alte Jenny, eine Bäuerin aus der Nähe von Brest, ein kleines verhutzeltes Geschöpf, das den Freunden des Meisters zum Cerberus wurde, und hörte zu, wenn er zu ihr, zu sich, zu den Gestalten von seiner Welt erzählte.

Text aus dem Buch: Eugène Delacroix; Beiträge zu einer Analyse, Author Meier-Graefe, Julius.

Kapitel:
Eugène Delacroix – Der Romantiker
Eugène Delacroix – Die Lehre der Jugend
Eugène Delacroix – Analyse und Synthese
Eugène Delacroix – Rubens und Raffael
Eugène Delacroix – Die Farbenlehre
Eugène Delacroix – Dekoration
Eugène Delacroix – Der Graphiker
Eugène Delacroix und Rembrandt

Siehe auch:
Delacroix und Daumier

Eugène Delacroix