Schlagwort: Lebensfrage


Wie lautet die Lebensfrage der Kunst? Oder besser: Wie lautet die Antwort auf die Lebensfrage der Kunst? Sie lautet genau so, wie die Lebensfrage beim Einzelmenschen lautet: Erfülle dein Schicksal! Und das gilt für den Künstler so gut wie für den Kunstfreund. Was heißt das?

Es heißt zunächst: Erfülle dein Schicksal. Fliehe nicht vor deinen Lebensbedingungen, auch nicht vor den Mängeln deiner Lage, sondern lebe sie entschlossen durch. Da erfüllt seit Jahrzehnten eine tolle Vielheit von Kunstmeinungen mit Lärm unser Ohr. Warum auch nicht? Es steht uns ja alles offen, was die menschliche Kunst je und je geleistet hat. Jahrhundert um Jahrhundert erschließt sich unserem Blick; so können wir mit Hilfe historischen Materials jede beliebige Kunstmeinung stützen und beweisen. Aber kommt es darauf an? Haben alle die tausend Kunstmöglichkeiten, die die Menschheit schon durchlebt hat, für uns irgend einen Wert?

Nein; denn auf das Erfassen der konkreten Augenblickslage kommt es an. Es kommt geradezu darauf an, über die Vielheit der Möglichkeiten hinaus zur Einmaligkeit des jetzt und hier gebotenen Handelns zu gelangen. „Jetzt“ und „Hier“ — das sind die beiden großen Zauber-und Schlüsselworte der Geschichte; auch der Kunstgeschichte. Kunstschaffen ist jedesmal Tat, nicht Meinung oder Betrachtung; Tat aus den Erfordernissen des Augenblicks, Tat, die den bloß Betrachtenden fast immer verletzt, die der Tradition fast immer wehetut und selbst die Logik kränkt — und die gerade dadurch beweist, daß sie eine Notwendigkeit und die richtige Entsprechung zur gegenwärtigen Weltstunde ist. Es gibtnichts Demütigenderes für unser stolzes Verstandesurteil, als die Tatsache, daß fast jede neue Kunstwahrheit in ihren Anfängen einem Unsinn täuschend ähnlich sah. Es war immer leicht, sie mit guten Gründen zu widerlegen; aber immer ist das Neue, wenn es in der Zeit wahrhaft verankert war, mit diesen Gründen und allen Widerlegungen fertig geworden.

Und ist das nicht ein Glück? Gibt es etwas Herrlicheres für den wirklich lebendigen Menschen, als wenn in den großen geschichtlichen Wendungen sein Voraussehen oder gar seine Verstandesansprüche nicht erfüllt werden? Wenn eine andere Kraft, das Leben selbst, ihm entgegentritt und aus einer fremden, ungeheuren Phantasie das gänzlich Unerwartete zutage bringt?

Das Widersinnige ist der eigentlich wertvolle, der kostbarste Bestandteil der Geschichte. Denn in diesem Bestandteil wirft sich unsrer Vernunft jenes Fremde entgegen, das die Welt erst wirklich zur Welt macht. Gerade das Kunstgeschehen zeigt uns diesen fremden Bestandteil sehr oft. Und keine kleine Eitelkeit sollte uns hindern, das geheime Entzücken einzugestehen, das wir empfinden, wenn es nicht nach unserem Kopf gegangen ist, wenn das Leben aus eigener Macht eine neue Wendung genommen hat, die uns selber neuen Boden, neue Kraft und Geistesfreude schenkt.

Lebensfrage der Kunst ist es, aus den echten Notwendigkeiten des Augenblicks die dunkle, rettende Tat zu tun. Aber für den Einzelmenschen ist es eine Lebensfrage, sich stets soviel Schwung und Vertrauen zu bewahren, daß er den Wendungen des Kunstgeschehens mit Frische folgen kann………… o. l.

Verzeichnis der Abbildungen:
Lothar Bechstein-Zwei Akte
Paul Plontke-Mutter und Kind
Richard Klein-Das Leben

Kunstartikel

Die Orientkrise und ihre Folgen fur Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich

Für Deutschland ist unter Kaiser Wilhelm II. eine neue Zeit angebrochen. So viele Fehler im einzelnen begangen wurden, so war doch der Grundgedanke, der sich durchgerungen hat, der richtige. Wie man von der Eduardschen Politik sagen muß, daß sie technisch oft glänzend, in der Gesamtrichtung aber verfehlt und durch einen nervösen und hämischen Zug entstellt war, so kann man über die Politik, die Deutschland in dieser Zeit befolgt hat, urteilen: sie war in der Technik zuweilen mangelhaft, litt an Sprüngen und Widersprüchen, aber in der Gesamttendenz war sie richtig.

Das deutsche Leben hat in den letzten dreißig oder vierzig Jahren zur Großartigkeit in der praktischen Betätigung gedrängt, und diesem Zuge suchte die Politik sich anzupassen. Es ist selbstverständlich, daß sie sich dadurch auch mit neuen Lasten beschwerte und den streng geschlossenen Charakter, den ihr Bismarck nach den großen Siegen verliehen hatte, verlor. Der Österreicher ist seit jeher an komplizierte Situationen im Innern und nach außen hin gewöhnt; England ist stets bereit, mit seinen geworbenen Matrosen und Soldaten in aller Welt Krieg zu führen. Deutschland ist jetzt in die Phase getreten, in der es, mit seiner allgemeinen Wehrpflicht, seinem allgemeinen Stimmrecht, von heute auf morgen vor die Notwendigkeit gestellt sein kann, für Interessen, deren ganze Wichtigkeit nicht auf den ersten Blick jedem im Volke einleuchtet, seine volle Kraft einsetzen zu müssen. Wenn man sich bewußt ist, daß Feldzüge nicht von den Geschützen, sondern von den Menschen, ihrer zähen Ausdauer, Opferbereitschaft und Todesverachtung entschieden werden, so wird man sich darüber klar, welche Durchdringung eines Volkes mit Staatsgefühl, aber auch welche Erweckung des politischen Sinnes erforderlich ist, wenn solche Wege mit Unerschrockenheit und Selbstvertrauen betreten werden sollen. Diese Erweckung wird vielleicht am meisten dadurch gefördert, daß Deutschlands Hauptrivale das politisch vorgeschrittenste Land, England, ist. Jeder lernt, ob er will oder nicht, von seinem Gegner.

Selbst auf die innere Politik muß die Rivalität abfärben. Damit soll nicht gesagt sein, daß Deutschland Aussicht habe, zu einer, übrigens auch in England nicht mehr vollkräftigen Parlamentsherrschaft zu gelangen. Die Macht des Parlamentarismus ist überdies nur eines der Mittel zur Annäherung an das Ideal: die Führung der Demokratie durch die Aristokratie des Geistes, der Kraft und des guten Willens. Jede Nation muß zu diesem Ziel auf dem Wege finden, der für ihre Eigenart und ihre Verhältnisse der passendste ist; aber das Ziel selbst wird durch die Entwicklung Englands am deutlichsten vor Augen geführt. In der auswärtigen Politik hat Deutschland von England den weiten Blick und die sichere Schnelligkeit der Bewegung zu lernen. Diese Vorzüge können durch die Mißgriffe, die England in den letzten zehn Jahren begangen hat, nicht verdunkelt werden, besonders da es im Begriffe scheint, sich von ihnen wenigstens teilweise loszulösen.

Die Orientkrise und ihre Folgen fur Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich