Die Entmachtung der »Barone«

Für die Balten ist sie heute die »glorreiche Zeit« – jene kurze Periode der Eigenstaatlichkeit zwischen den beiden Weltkriegen, als Estland, Lettland und Litauen zwischen Demokratie und Diktatur schwankten, die Gesellschaftsstrukturen modernisierten und eine nicht erschütterungsfreie, aber insgesamt stabile Wirtschaft entwickelten.

Die Zeit der »Barone«, der deutschen Dominanz in Estland und Lettland, war mit dem Beginn dieser Periode beendet. Lebten 1881 noch 180 000 Deutsche in Kur-, Liv- und Estland, sollten es 30 Jahre später nur noch 162 000 sein. Anfang der 20er Jahre standen 970000 Esten (88 Prozent) lediglich 18 000 Deutsche (1,7 Prozent) gegenüber und 1.4 Millionen Letten (75 Prozent) 70 000 Deutsche (3,6 Prozent). In beiden Staaten bildeten die Russen mit jeweils mindestens 8 Prozent die größte Minderheit.

In Estland waren bei Kriegsende 58 Prozent der Landwirtschaftsfläche Großgrundbesitz – und das hieß in der Regel deutscher Besitz – zwei Drittel der Landbevölkerung waren demgegenüber besitzlos. In Lettland kamen die Gutsherren auf 48 Prozent. Per Gesetz vom 10. Oktober 1919 wurden zunächst in Estland über 96 Prozent des Großgrundbesitzes enteignet. 1926 folgte ein Entschädigungsgesetz, nach dem aber allenfalls drei Prozent des tatsächlichen Wertes erstattet wurden.

Die vormaligen Besitzer konnten sich später ein Restgut von maximal 50 Hektar zuweisen lassen. Der Landhunger der Bevölkerung, eine wichtige Motivation für die Beteiligung am Freiheitskrieg, war damit gestillt.

Ein Agrargesetz in Lettland vom 16 September 1920 führte zur Enteignung von rund 1300 Gütern und insgesamt 3,7 Millionen Hektar. Die Enteignetcn durften Restgüter mit maximal 50 Hektar behalten. Entschädigung gab es indes nicht. Georg von Rauch: »Wahrscheinlich auch wohl aus diesem Grund hat man die lettische Agrarreform die radikalste von allen osteuropäischen Agrarreformen – mit Ausnahme der sowjetischen genannt.«

Siehe auch:
Ukrainer
Donkosaken
Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Litauen-Lettland-Estland
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
Nordkaukasier
Aserbeidschaner
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Ostfinnen
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Goten-Waräger-Deutsche
Das Balten-Gebet
Baltikum-Die ersten Freikorps
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Das Baltikum zwischen Bolschewisten und Zaristen
Der Erste Weltkrieg im Baltikum
Deutsche Truppen im Baltikum-Abwehrkämpfe gegen die Roten
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
Sowjetunion-Technisierung
Sowjetunion-Landwirtschaft
Sowjetunion-Das Land
Sowjetunion-Schlußwort
Sowjetunion-Russen
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Baltikum

Rot gegen Weiß

Jetzt stießen deutsche Truppen von Riga aus nach Estland vor. Am 25. Februar 1918 fiel Reval, einen Tag nach der von Deutschland erst am 19. November anerkannten – Proklamation der Unabhängigkeit der Republik Estland unter Ministerpräsident Konstantin Päts. Bald darauf stand das gesamte Territorium der drei baltischen Republiken unter deutscher Kontrolle. Am 3. März wurde der für das revolutionäre Rußland äußerst harte Frieden von Brest-Litowsk unterzeichnet. In Punkt 2 des Artikels 4 heißt es dort: Estland und Lettland seien restlos von russischen Truppen und der Roten Armee zu räumen, an deren Stelle deutsche Polizeikräfte treten sollten, bis die innere Sicherheit und Ordnung von eigenen nationalen Institutionen gewährleistet werden könne.

Doch das Kriegsgeschehen wendete sich erneut. In der Nacht vom 10. auf den 11. November 1918 mußten die deutschen Unterhändler nach dem militärischen Zusammenbruch im Westen und dem Ausbruch der Revolution in Deutschland den Waffenstillstand unterzeichnen. Im Baltikum wurden gleichzeitig Soldatenräte in den deutschen Truppen aktiv, die die Offiziere vertrieben und die Demobilisierung anordneten.

Am 18. Februar proklamierte der Lettische Volksrat, der aus dem Demokratischen Block hervorgegangen war, den freien Staat Lettland. Karlis Ulmanis, Führer der Bauernpartei, wurde Premierminister. Doch bis zur Realisierung der Unabhängigkeit sollte es noch ein schwerer, blutiger Weg sein: Am 13. November annullierte die Sowjetregierung den Frieden von Brest-Litowsk und damit auch den Verzicht auf die baltischen Länder. Die Rote Armee, übrigens unter dem Oberkommando des lettischen Oberst Jukums S. Vacietis, folgte den abzichcndcn deutschen Verbänden auf dem Fuß. Georg von Rauch schreibt dazu in seiner »Geschichte der baltischen Staaten«: »Die Eroberung des Baltikums stellte einen festen Programmpunkt der wcltrevolutionären Planungen der Moskauer bolschewistischen Führung dar.

Schon am 16. November hatte der sowjetische Kriegskommissar Trotzki in Voronez den Vormarsch der Roten Armee nach Westen proklamiert; über Kiew sollte der Anschluß an die österreichische und über Pleskau und Wilna an die deutsche Revolution hergestellt werden. Ein lettisches kommunistisches Manifest vom 17. Dezember sprach die Erwartung aus, die kommunistische Revolution werde in kurzer Zeit auch Deutschland und das übrige Europa erfassen, wonach alle Länder zu einem »allgemeinen Bund der sowjetischen Republiken« zusammengefaßt werden müßten.« Estnische und lettische Einheiten, verstärkt durch viele Freiwillige, darunter in großer Zahl Schüler, leisteten gemeinsam mit Restkontingenten der deutschen Armee, die sich der Demobilisierung widersetzten, erbittert Widerstand. Bis zum Jahresende gelangte Estland dennoch in die Hand der Bolschewisten, die umgehend die »Estnische Arbeiterkommune« als Sowjetrepublik ausriefen.

Doch innerhalb weniger Wochen befreite die estnische Armee das Land wieder.

In Livland drangen vor allem die lettischen Schützenregimenter innerhalb der Roten Armee vor. Eine Räteregierung unter Peteris Stucka (ein Schwager des Dichters Janis Rainis), reklamierte die Sowjetmacht und wurde am 22. Dezember per Dekret von Lenin anerkannt. Am 6. Januar 1919 stand die Rote Armee auch in Wilna und den größten Teilen Nord- und Ostlitauens. Die Kommunisten etablierten eine provisorische Revolutions-Regierung und erklärten Litauen zur Sowjet -Republik. Bolschewistischer Terror verfolgte in diesem Winter 1918/19 alle Besitzenden und Bürgerlichen, ob lettischer, estnischer, litauischer oder deutscher Nationalität.

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Baltikum

Für die baltischen Staaten wurde das Ringen der benachbarten Großmächte, insbesondere zwischen Deutschen und Russen, zur Geburtsstunde ihrer modernen Staatlichkeit. Zugleich hinterließ dieser Krieg für lange Zeit Narben,weil durch den Frontverlauf insbesondere der lettische Raum zu einem zentralen Schlachtfeld wurde. Und als der Weltkrieg längst beendet war, floß infolge des russischen Bürgerkrieges und der Freikorpskätnpfe an der Ostsee weiterhin Blut.

Zwischen März und September 1915 geriet Litauen unter deutsche Besatzung, im Mai das Kurland. Dort wurde der Vormarsch des kaiserlichen Heeres gestoppt. Zwei Jahre lang verlief die Front auf halbem Wege zwischen Mitau und Riga und entlang der Düna. Deutsche Soldaten stießen auf weitgehend entvölkerte Landstriche: Die russische Angstpropaganda hatte Erfolg gehabt und große Teile der litauischen Bevölkerung zur Flucht veranlaßt.

Auch unter den Letten hatte eine Massenflucht eingesetzt; mehr als ein Drittel von ihnen wurden entwurzelt. Die Einwohnerzahl Kurlands sank von 800 000 schlagartig auf 230 000, als mit den von den Russen demontierten Industrieanlagen auch die Arbeiter und ihre Familien ins Innere des Reiches zogen. Die durchweg deutschfreundliche jüdische Bevölkerung gab wenig auf derartige Phantasien. Doch der russische Oberbefehlshaber, Großfürst Nikolai, hatte sie unter dem Vorwurf »hochverräterischer Handlungen« zwangsweise deportieren lassen. Am 3. September 1917 nahmen deutsche Truppen Riga ein, im Oktober mit Hilfe der Flotte auch die estnischen Inseln Oesel, Moon (Muhu) und Dagö (Hiiumaa).

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2. Reich Baltikum

Reformation – das Ende des Katholizismus – der Livländische Staatenbund

Ganz anders verlief die Entwicklung in Kurland, Livland und Estland, den späteren Staaten Lettland und Estland. Livland,seit 1225 Mark des Reiches unter Bischof Albert von Riga (sein zweiter Nachfolger erhielt den Titel eines Erzbischofs), sollte zur Keimzelle einer über Jahrhunderte von Deutschen maßgeblich geprägten Region werden, deren ständige Bedrohung durch verschiedene angrenzende Mächte einen Hinweis auf ihre von allen Seiten früh erkannte strategische Bedeutung gibt.

So wie die Expansion von Livland aus ins südlich gelegene Litauen scheiterte, mißlang den Ordensrittern auch jene nach Nordosten. Der Versuch eines weiteren Vorstoßes über Estland hinaus ins russische Territorium endete mit der Niederlage des Deutschen Ordens gegen Alexander Newskis Heere am 5. April 1242 auf dem Eis des Peipus-Sees. Dieses Datum zementierte auf Jahrhunderte die Trennung zwischen dem sich fortentwickelnden Europa und dem beharrenden Rußland, zwischen Abendland und Orthodoxie, bis schließlich Peter der Große die tiefe Kluft überwand.

Die einheimischen Völker blieben zunächst ein Unruhefaklor. Liven (ein finno-ugrischer Stamm, der im Laufe der Jahrhunderte von den Letten assimiliert werden sollte; heute leben noch 140 Angehörige dieses Volkes in Lettland), Selen (ein lettischer Stamm) und Lettgaller konnten zwar mit der Zeit unterworfen werden. Doch insbesondere die Kuren und die Semgaller widersetzten sich bis zum Ende des 13. Jahrhunderts der Missionierung.

Noch erfolgreicher war der Abwehrkampf der kriegerischen Esten.

Mehrfach rebellierten sie gegen die Ordensherrschaft. Ihr Feldzug 1343-1345 stellte gar die Vormacht des Ordens grundsätzlich in Frage.

In einer zeitgenössischen Chronik ist zu lesen: »Sie fingen an totzuschlagen, Jungefrauen und Frauen, Knechte und Mägde, edel und unedel, jung und alt, alles, was von Deutschen da war, das mußte sterben… Da dies geschehen war zogen die Könige mit den Esten fort und belagerten Reval mit 10 000 Mann. Kurz darauf schlugen sie auch in der Wiek alle Deutschen tot die sie fanden, gleich in Harrien geschehen war, zogen aus und belagerten Hapsal und brachten in der Wiek 1800Menschen, jung und alt, um. In dieser Not entfloh, wer fliehen konnte.« Zehn Tage später jedoch wurde das Estenheer vor Reval durch einen Überraschungsangriff vernichtend geschlagen.

Die unterworfenen Menschen und Stämme in Livland blieben persönlich frei, behielten das Eigentum an Grund und Boden sowie das Erbrecht und hatten den neuen Herren lediglich »den Zehnten« zu zahlten. In wirtschaftlicher Hinsicht ging es ihnen besser als ihren Standesgenossen in Rußland oder Polen. Zum »Gesinde« eines sogenannten »Hakenbauers« gehörten in der Regel zwei bis vier Pferde- oder Ochsengespanne und zwei bis drei Knechte oder Mägde. Erst am Ende des 16. Jahrhunderts, nach dem Niedergang der Ordensherrschaft, wurden sie in den Status der Leibeigenschaft gezwungen.

Segensreich war die Anwesenheit der Eroberer in ethnischer Hinsicht. Einerseits stellten die Deutschen wohl zu keiner Zeit wesentlich mehr als 5 Prozent der Bevölkerung (zur Mitte des 16. Jahrhunderts lebten im lettischen Gebiet rund 400 000 und im estnischen rund 260 000 Menschen) und konnten daher niemals die ansässigen Völker überfremden. Andererseits boten sie aber zugleich Schutz vor den Russen und einer Russifizierung, die außerhalb Livlands siedelnde finno-ugrische Stämme auslöschte.

Zunächst drohte Gefahr ohnehin von einer anderen Seite: Der Orden als die stärkste Schutzmacht des Raumes und Klammer zwischen Livland und dem Heiligen Römischen Reich, war in eine tiefe Krise geraten seit dem Übertritt der benachbarten Litauer 1386 zum Christentum – jetzt gab es weit und breit keine Heiden mehr und damit auch keine Existenzberechtigung für den Ritterbund. Die Christianisierung der Litauer unter Jogaila hatte dem Orden zugleich mit der neuen polnisch-litauischen Union einen übermächtigen Gegner beschert. Der zweite Thomer Frieden (1466) kündigte das Ende der Ordensmacht von Westpreußen bis zum Baltikum an -und damit auch das Ende des Katholizismus.

Bis zu Plettenbergs Tod (1535) blieb – im Gegensatz zu den Städten – das Land weitgehend katholisch, dann setzte sich auch dort die Reformation durch. Esten und Letten profitierten von dieser Entwicklung kulturell: Die Reformation brachte ihnen die Anfänge der Schriftsprache. Als älteste estnische Druckschrift gilt ein im Auftrag des Rates von Reval verfaßter und 1535 gedruckter zweisprachiger estnisch-niederdeutscher Katechismus.

In einem anderen, sehr entscheidenden Bereich hatte sich demgegen über die Situation der Letten und Esten verschlechtert. Während die Ritterschaft insbesondere seit dem 15. Jahrhundert verstärkt politischen Einfluß gewonnen hatte und ihre Angehörigen als Vasallen mit Gütern in immer größerem Umfang belehnt wurden, sanken die Rechte der Bauern.

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